Die Sache mit dem Winter

Obschon er nun schon sechs ist, befindet sich das Prinzchen noch voll im magischen Alter, was ich eigentlich gar nicht so schlecht finde. Der Junge hat noch mehr als genug Zeit, sich mit der harten Realität des Lebens auseinanderzusetzen. In letzter Zeit fange ich trotzdem an, mir Sorgen zu machen. Immer öfter schleichen sich die fantastischen Elemente nämlich auch in Zeichnungen ein, auf denen er ganz und gar realistische Dinge darstellt. Da kann es zum Beispiel sein, dass er auf einem Bild einen ganz gewöhnlichen Samichlaus von nebenan zeichnet, daneben ein Christkind, wie man es fast jeden Tag beim Einkauf oder im Büro antrifft und dann lässt er vom Himmel weisse Flocken fallen. Schnee sei das, sagt er und manchmal versteigt er sich in seiner Fantasie sogar so weit, einen Schneemann zu zeichnen. Neulich habe ich ihn dabei erwischt, wie er etwas, was wie Eiszapfen aussieht, aufs Papier brachte, dazu sang er irgend ein fantastisches Lied von Schlitten, Schneebällen und dergleichen. Als ich seine Zeichnung lobte, fragte er mich, wann es denn eigentlich schneien werde, er möchte so gerne mal einen Schneemann bauen.

In diesem Moment dämmerte mir, dass mein Jüngster die Sache mit der Kälte und dem Schnee wirklich glaubt. Er scheint fest davon überzeugt zu sein, dass das, was er zeichnet und singt, demnächst eintreffen wird. Das macht mir echt Sorgen. Ob ich ihm erklären soll, dass die Erwachsenen das ganze Wintertzeugs nur erfunden haben, um kleinen Kindern eine Freude zu machen? Ob ich ihm gestehen muss, dass man nicht so genau wissen kann, ob es in alten Zeiten wirklich Schnee gegeben hat, oder ob da nur die Fantasie mit dem Geschichtenerzähler durchgegangen ist?

Ob es überhaupt etwas bringen wird, ihm die Sache auszureden? Immerhin gibt es zahlreiche Erwachsene, die noch immer an Winter und Kälte glauben. Am Montag habe ich doch tatsächlich eine Erwachsene getroffen, die behauptet hat, es saukalt draussen. Eine Stunde später ist mir ein Schmetterling begegnet.

Was mich nicht weiter erstaunt hat. Immerhin haben wir Ende November und somit Hochsaison für Schmetterlinge. 

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Mein lieber Herr Hamchiti

Seit bald drei Jahren begleite ich Sie nun schon durch Ihr nicht immer einfaches Leben. Bei mir fragen die Leute nach, wenn Sie mal wieder nicht zum vereinbarten Arzttermin erschienen sind, ich bin die Erste, die es erfährt, wenn Ihre Frau die Ratenzahlungen für irgend ein unverzichtbares Haushaltgerät nicht rechtzeitig überwiesen hat, ich weiss auch Bescheid, wenn die Ärztekasse wieder mal vergeblich auf Ihre Einzahlung gewartet hat. Seitdem Sie vor fast drei Jahren so lieb waren, mir Ihre Telefonnummer zu überlassen, hatte ich auch schon das eine oder andere Mal Gelegenheit, Ihre Freunde und Verwandten aus dem Kosovo ein wenig kennen zu lernen. Wirklich nette Leute, mal abgesehen von der schwerhörigen Alten, die mir nicht glauben wollte, dass ich nicht weiss, wo Sie gerade stecken. Ihre Oma? Zu gerne möchte ich wissen, was Sie ausgefressen haben, um die Frau derart auf die Palme zu treiben.

Es war nicht immer einfach, mit Ihnen unterwegs zu sein, das gebe ich zu. Einem Menschen beizustehen, der überall, wo er durchgeht, einen Haufen unzufriedene Menschen hinter sich lässt, geht an die Substanz, das können Sie mir glauben. Manchmal empfand ich Wut, manchmal schämte ich mich für Sie, manchmal hatte ich auch Mitleid, denn wie ich inzwischen herausgefunden habe, trägt Ihre Frau nicht wenig zu Ihrer angespannten finanziellen Lage bei und es muss schwer sein, einer solchen Frau begreiflich zu machen, dass der neue Wischmopp nun einfach nicht drinliegt diesen Monat.

Wie gesagt, mein lieber Herr Hamchiti, Sie fallen mir zwar auf die Nerven, aber inzwischen sind Sie mir so vertraut, dass Sie irgendwie zu meinem Leben gehören. So etwas wie heute früh müssen Sie mir trotzdem nie mehr bieten. Wissen Sie eigentlich, wie ich mich fühle, wenn fünf Minuten nachdem meine Lieben das Haus verlassen haben, die Kantonspolizei anruft? Wissen Sie eigentlich, wie ähnlich die Namen „Herr Hamchiti“ und „Herr Venditti“ bei schlechtem Empfang klingen? Und wissen Sie eigentlich, wie lange es dauert, bis ich mein Herz wieder aus der Hose gefischt habe, nachdem ich vor meinem inneren Auge schon mindestens eines meiner zahlreichen Familienmitglieder als Opfer eines Unfalls gesehen habe?

Mein lieber Herr Hamchiti, es ist mir eigentlich egal, wie wenig Sie Ihr Leben im Griff haben, aber wenn die Polizei ruft, dann halten Sie beim nächsten Mal gefälligst Ihren Termin ein. Und seien Sie bitte pünktlich, denn sonst rufen die wieder mich an. Auch wenn ich den netten Polizisten darum gebeten habe, diese Nummer umgehend zu löschen.

So langsam fange ich nämlich an zu begreifen, dass Sie weiterhin fröhlich diese Nummer angeben, wenn Sie nach einem Festnetzanschluss gefragt werden. Auch wenn diese Nummer schon längst nicht mehr Ihnen gehört, sondern mir. 

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Ist die Katze aus dem Haus…

…dann schauen sie Rosamunde Pilcher am Fernsehen,…
…lassen sich Pizza ins Haus liefern,…
…verpassen die Krippenspielprobe,…
…schmeissen am Sonntag Abfall in die Mulde,…
…essen Pommes Frites zum Mittagessen,…
…vergessen, WC-Papier zu kaufen…
und schieben eine ziemlich ruhige Kugel.

Aber was soll’s? Das Haus steht noch, sie scheinen alle gesund und glücklich zu sein und sie haben sogar die Wäsche weggeräumt. Es geht also auch ohne mich. Ein paar Tage lang.

Länger lieber nicht. Ich würde sie zu sehr vermissen. (Und sie mich hoffentlich auch.)

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Notiz an „Meinen“

Morgen fahre ich für vier Tage weg und lasse „Meinen“ mit den Kindern alleine. Was grundsätzlich kein Problem ist, denn er hat das im Griff. Zwei oder drei Dinge muss ich ihm aber trotzdem aufschreiben, damit sie nicht vergessen gehen:

  • Der Zoowärter hat morgen Nachmittag Schule, auch wenn der Stundenplan etwas anderes behauptet. Aber der behauptet das nur, weil ich ihn im Sommer falsch abgeschrieben habe und danach zu faul war, ihn noch einmal neu zu schreiben und zu laminieren. 
  • Wenn du mit dem Prinzchen und dem Zoowärter in den Schwimmkurs gehst, vergiss nicht, dem Schwimmlehrer zu sagen, dass deine chaotische Frau es letzte und vorletzte Woche mal wieder verschlampt hat, die Kinder in den Kurs zu bringen. Sag ihnen, dass es deiner Frau furchtbar leid tut, aber dass sie unglaublich froh ist, dass du derjenige bist, der sich erklären muss, weil sie es allmählich Leid ist, überall mit hochrotem Kopf und tausend Entschuldigungen aufzukreuzen. 
  • Nein, am Sonntag dürft ihr nicht liegen bleiben. Krippenspielprobe! Keine Versäumnisse erlaubt! (Ich hingegen werde sonntags so lange liegen bleiben, bis das Bett mich rauswirft.)
  • Der Laptop kommt mit mir. Netflix nur auf dem iPad. 
  • Bitte, bitte, bitte, bitte streich Karlssons Zimmer nicht an diesem Wochenende! Du weisst, wie es kommt, wenn fünf Kinder und ein paar Farbroller sich miteinander vergnügen. 
  • Finger weg von der Wäsche! Es sei denn, ihr wollt sie wegräumen. 
  • Versucht, ohne mich Spass zu haben. (Als ob das möglich wäre…)

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Schwimmen im Mainstream

Gestern Vormittag sass ich am Esstisch und sortierte Disney-Sammelbildchen. Nach einer Weile gesellte sich eine frühere Version meiner selbst – deutlich jünger und noch kinderlos – zu mir. „Was um Himmels Willen tust du da?“, fragte sie mich. „Na ja, ich sortiere gerade diese Sammelbildchen, die sie bei Coop haben. Der Zoowärter hat sein Buch jetzt dann gleich voll und die Doppelten bekommt…“

„Das kann ich wohl sehen“, unterbrach mich mein Gast, „aber wie kommst ausgerechnet du dazu, so etwas zu machen? Was ist aus ‚Ich bin Migros und Coop kann mir gestohlen bleiben‘ geworden? Wo ist deine klare Absage an Disney und anderen Kommerz geblieben? Wo ist die Frau, die lauthals verkündet hat, Kinder müssten nicht immer jeden Mist mitmachen? Was ist mit deiner klaren Linie, die du mal hattest?“

„Jetzt mal langsam“, fiel ich meinem früheren Ich ins Wort. „Ich bin und bleibe treue Migros-Kundin…“

„Genau. Darum hast du auch einen Stapel mit Coop-Sammelbildchen vor dir“, meinte mein Gast spöttisch. 

„Willst du mich wohl ausreden lassen? Die Bildchen bekomme ich von ganz vielen lieben Menschen geschenkt, die dem Disney-verrückten Zoowärter eine Freude bereiten wollen.“

„So, wir haben jetzt also auch einen Disney-verrückten Sohn. Wir sind jetzt also auch Mainstream.“

„Nur weil mein Sohn Disney-Bildchen sammeln darf, heisst das noch lange nicht, dass wir Mainstream sind. Immerhin haben ‚Meiner‘ und ich mehr Kinder als der Schweizer Durchschnitt, wir fahren einen klapprigen Fünfplätzer, nächsten Frühling verreisen wir für zwei Monate mit der Familie…“

„Hach, wie ist das doch jämmerlich“, unterbrach mich mein früheres Ich. „Da sitzt du umringt von Schneewittchen, Winnie the Pooh und den Sieben Zwergen und glaubst, mir weis machen zu können, du würdest gegen den Strom schwimmen.“

„Gegen den Strom schwimmen ist gar nicht so einfach, wenn man Kinder hat“, gab ich trotzig zurück. „Wir verbieten Lego Star Wars, Spider Man und Kriegsspielzeug, da können wir nicht auch noch zu Donald, Goofy & Co. nein sagen.“

Mein früheres Ich sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Könnt ihr nicht? Früher hättest du gekonnt.“

„Früher hatte ich keine Kinder.“

„Früher hättest du gewusst, wie man das nennt, was du tust. Kompromiss nennt man das. Ein Wort, das du früher zu Recht verabscheut hast.“

„Früher musste ich nicht in samtweiche, bettelnde Kinderaugen blicken, wenn ich einen Entscheid zu fällen hatte.“

„Früher hätten dir samtweiche, bettelnde Kinderaugen nichts anhaben können. Du wusstest, dass Prinzipien einzuhalten sind.

„Wenn ich früher von samtweichen, bettelnden Kinderaugen angeschaut wurde, waren das nicht die Augen meiner eigenen Kinder. Du hast ja keine Ahnung, was Muttersein mit dir anstellt.“

„Wenn ich mir dich so ansehe, kann ich mir ziemlich genau vorstellen, was Muttersein mit einem anstellt. Man wird eine Fahne im Wind, ein prinzipienloses Wesen, das sich spielend leicht um den Finger wickeln lässt. Man macht gedankenlos jeden erdenklichen Kommerz-Scheiss mit und…“. Mein Gast zögerte einen Augenblick, fuhr dann aber fort: „…man wird doof. Weisst du eigentlich, welchen jämmerlichen Anblick du mit deinen Sammelbildchen abgibst?“

„Okay, in diesem einen Punkt muss ich dir leider Recht geben. Glaub mir, ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich meine kostbare Zeit je mit solchen Dingen verschwenden würde. Und dass ich sogar einen Sammelaufruf auf Facebook gepostet habe…“

„Was ist Facebook? Noch nie gehört.“

„Ach, das ist so eine Sache, die sie irgendwann erfunden haben. Eine Art Kommunikationsmittel. Nicht der Rede wert…“

„Spar dir deine Erklärungen. Wird wohl auch so eine Mainstream-Sache sein, bei der du angeblich gegen den Strom schwimmst“, sagte mein früheres Ich und ging aus dem Zimmer, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen. 

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Ich sollte empört sein, aber…

Ich weiss, ich sollte empört sein, sollte ihm sagen, dass das so nicht geht. Ich sollte mit der Schule an einem Strick ziehen und ihm klar machen, dass mich sein Verhalten enttäuscht. Ich sollte ihm ins Gewissen reden, weil es nicht okay ist, der Musiklehrerin so lange gekonnt auf den Nerven herumzutanzen, bis sie ihn versetzt und schliesslich keinen anderen Ausweg mehr sieht, als ihn zum Arrest zu verdonnern, weil er mit seinen Kapriolen einfach weitermacht. Ich sollte ihm wirklich deutlich machen, dass ich so etwas nicht tolerieren kann. Vielleicht sollte auch ich noch eine Sanktion verhängen, damit er die Sache wirklich ernst nimmt. Wehret den Anfängen und so…

Natürlich wünschte sich die Schule, ich würde Karlsson so richtig die Leviten lesen, denn die Schule ist angewiesen auf Eltern, die sie ernst nehmen. Es ist ja nicht so, dass ich die Schule grundsätzlich nicht ernst nehmen würde, aber in diesem Fall werde ich es trotzdem nicht hinkriegen, die empörte Mama zu geben, die ihren Sprössling in die Schranken weist. 

Warum nicht? Weil Schwatzen und Kapriolen im Schulunterricht auf meiner Skala der Jugendsünden noch nicht zu den Vergehen gehören, die auch noch von elterlicher Seite sanktioniert werden müssen. Ja, Karlsson hat sich daneben benommen und die Lehrerin darf ihm durchaus in die Schranken weisen – obschon die Sache mit dem Arrest in meinen Augen etwas übertrieben ist. Was macht sie, wenn einer mal wirklich Mist baut? 

Meiner Meinung nach hätte ich aber nicht mal unbedingt ins Bild gesetzt werden müssen über diese Angelegenheit, denn ich sehe darin noch kein alarmierendes Verhalten, mit dem die Schule nicht alleine fertig werden könnte. Ich meine mich sogar zu erinnern, dass solche Episoden in einem gewissen Alter vollkommen normal sind und vermutlich ist nicht mal Karlssons Musiklehrerin ganz ohne sie durch ihre Schulzeit gekommen. 

Auf die Standpauke, als ich von Karlssons Arrest erfahren habe, habe ich deshalb verzichtet. Erstens, weil mein Sohn sehr wohl weiss, dass er sich daneben benommen hat und zweitens, weil er sofort durchschaut hätte, dass meine Empörung nur gespielt ist. Stattdessen habe ich ihm dargelegt, welche Vergehen auf meiner Skala der Jugendsünden mich zu sofortigen harten Sanktionen bewegen könnten.

Nur damit er nicht vergisst, dass ich nicht jeden Mist mit einem „Na ja, deine Strafe hast du ja bereits bekommen“ durchwinke. 

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Sie sind alle so irr und ich bin ihr Chef

Schuld an allem ist dieser Asthmaanfall. Keiner von diesen gewöhnlichen, die mit ein paar Hüben aus dem Inhalator abgewendet sind, sondern ein richtig heftiger. Einer, der dich tagelang ins Bett zwingt, der dich dazu veranlasst, mit schwacher Stimme bei der medizinischen Hotline ein Rezept für Notfallmedikamente zu erbetteln und der deine medizinisch ausgebildete Schwester zur Drohung verleitet, sie würde dich auf die Notfallstation bringen, wenn du nicht brav dein Kortison schlucken würdest. Ein Asthmaanfall, der dafür sorgt, dass du in deinem eigenen Familienleben nicht mehr der (meistens nicht wirklich) ruhende Pol bist, sondern lediglich ein Statist, der zwar hin und wieder mit heiserer Stimme einen kurzatmigen Befehl bellen darf, ansonsten aber nur dabei zuschauen kann, was diese Irren, die du deine Liebsten nennst, den ganzen Tag so treiben.

In diesem Haus kann es dir zum Beispiel passieren, dass du morgens um zwanzig nach fünf von Edith Piaf, die im Wohnzimmer ein äusserst melancholisches Konzert gibt, geweckt wirst. Gut, so etwas passiert dir nur, wenn du am Vorabend entschieden hast, auf dem Sofa zu schlafen, weil du „Deinem“ mit deinem andauernden Gebell nicht den Schlaf rauben willst. Netflix reinziehen kannst du dir ja auch nicht, wenn er neben dir schlafen sollte und Netflix brauchst du, weil das Kortison der Meinung ist, Schlaf sei eine vollkommen überbewertete Sache, die nur für Kinder und Memmen erschaffen worden ist. (Was zu Netflix noch zu sagen wäre: Dass ich nach den letzen Überbleibseln von „House of Cards“, zwei äusserst deprimierenden Independent-Filmen und einer mittelmässigen Literaturverfilmung inzwischen bei „Gossip Girl“ gelandet bin, sagt rein gar nichts über meinen Filmgeschmack aus, dafür aber sehr viel über die Auswirkungen von mangelhafter Sauerstoffzufuhr.)

Nun aber zurück zu Edith Piaf, die dich zu vollkommen unchristlicher Stunde aus dem doch noch gefundenen Schlaf reisst. Eingeladen hat sie dein fleissiger Ältester, der zu eben dieser unchristlichen Stunde die Zeit gekommen sieht, am Wohnzimmertisch an seinem Vortrag zu arbeiten und sich von Edith Mut zusingen zu lassen. Und Mut braucht er, denn er schreibt seinen Vortragstext gerade von Hand auf sehr viele Seiten Papier. Nicht etwa, weil er dich im Morgengrauen vor der Bitte um das Passwort für deinen Laptop hat verschonen wollen, sondern weil „man sich die Dinge viel besser merken kann, wenn man sie von Hand geschrieben hat“. Ich sag’s doch, dieses „Kind“ ist eindeutig im falschen Jahrhundert zur Welt gekommen…

Noch so eine Episode aus diesem Irrenhaus: Das Prinzchen bringt Guetzli aus dem Kindergarten nach Hause. Selber gebacken und nahezu rabenschwarz. Nein, nicht Oreo-Schwarz, sondern „Wir waren etwas zu lange im Ofen, vielleicht sieben oder acht Minuten“-Schwarz. Augenblicke später vernimmst du heftige Kampfgeräusche aus dem Prinzchenzimmer, bald darauf sind drei am heulen. Was ist geschehen? Das Prinzchen hat nicht auf Anhieb erkannt, dass die Tatsache, dass ihm der FeuerwehrRitterRömerPirat neulich einen Franken und ein Disney-Figürchen geschenkt hat, ihn automatisch dazu verpflichtet, ungefragt ein paar angebrannte Guetzli abzutreten. Es fliegen Fäuste und Gegenstände, der Zoowärter als eigentlich unbeteiligter Dritter wird irgendwie auch noch in die Sache hereingezogen, lautes Geheul und keiner ist Schuld. Höchste Zeit für die Statistin, mal wieder ein wenig zu bellen. Momente später ist alles wieder friedlich, der FeuerwehrRitterRömerPirat kommt mit einem rabenschwarzen Guetzli aus dem Prinzchenzimmer. „Es ist angebrannt“, sagt er. „Mir egal, nach dem Theater, das du veranstaltet hast, um eines zu bekommen, wird das Ding gegessen“, antwortet die Statistin vollkommen ungerührt. 

Dann noch diese Szene hier, die schon fast rührend ist: Du liegst im Bett und versuchst zu stricken, damit du zumindest ein wenig produktiv bist. Die Katze, die partout nicht begreifen will, dass du es nicht magst, wenn sie sich auf deinen Beinen niederlässt, stellt sich so ungeschickt an, dass du die Zopfstricknadel fallen lässt. Unter Jammern und Stöhnen begibst du dich unters Bett, um die Nadel zu suchen. In dem Moment betritt einer deiner Söhne das Zimmer, er sieht dich am Boden, fragt was los sei und meint dann: „Leg dich wieder hin, Mama. Ich such dir die Nadel. Du bist jetzt viel zu schwach für solche Sachen.“ 

Ach ja, dann war da noch die Sache mit der Katze, die Karlssons Sportschuhe mit dem Katzenklo verwechselt hat, oder Luise, die beweisen wollte, dass sie in der Cello-Hülle schlafen könnte, wenn sie wollte, oder der Moment, als der Zoowärter vollkommen frei von Ironie erzählte, die Lehrerin hätte vergessen, dass sie nicht angeschriebene aber richtig gelöste Blätter der Schüler nicht mehr zerreissen dürfe und habe es deshalb trotzdem getan, aber sie habe sich danach entschuldigt, darum sei es nicht weiter schlimm.

Nachdem du ein paar Tage lang dieses Geschehens von der Seitenlinie aus betrachtet hast, bleibt dir nichts anderes übrig, als in Anlehnung an Römer Strategus aus „Asterix und die Goten“ zu seufzen: „Sie sind alle so irr und ich bin ihr Chef.“ 

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So unterschiedlich kann vierzehn sein

Nächste Woche ist es soweit, Karlsson wird vierzehn. Ich weiss nicht warum, aber dieser Meilenstein geht mir noch näher als andere Meilensteine im Leben unserer Kinder. Vielleicht, weil es mir so vorkommt, als wäre ich selber eben erst vierzehn geworden und ich deshalb tagtäglich daran erinnert werde, wie anders es doch bei mir war. Ein paar Beispiele gefällig?

Karlsson mit vierzehn: Er weiss, was er kann und er weiss auch, was er nicht kann. Weil er weiss, was er kann, gelingt es ihm, sich viel gezielter mit den Dingen zu befassen, die er nicht kann und dadurch bringt er immer wieder Achtungserfolge in den Bereichen zustande, in denen er nicht besonders stark ist.
Ich mit vierzehn: Ich wusste sehr genau, was ich nicht kann – meine Unfähigkeiten waren ausgeprägt und nicht zu kaschieren – und dadurch liess ich mir den Blick verstellen auf die Dinge, die ich gut kann. Bis zu dem Tag, an dem ich mein nicht mal so schlechtes Maturazeugnis in der Hand hielt, war ich felsenfest von meiner eigenen Dummheit überzeugt. Dass nicht jeder in druckreifen Sätzen denkt, dämmerte mir sogar erst sehr viel später, als ich den ersten Buchvertrag im Sack hatte und mich wunderte, warum ausgerechnet ich eine solche Chance bekommen hatte.

Karlsson mit vierzehn: Er steht zu sich selbst, auch wenn das, was ihm gefällt, nicht dem Geschmack der breiten Masse entspricht. Ihm doch egal, dass kaum einer seine Vorliebe für schwermütige französische Chansons teilt. Ihm doch egal, wenn alle sich zur gleichen Massenveranstaltung anmelden. Wenn es ihm nicht entspricht, hat er auch nicht das Gefühl, dabei sein zu müssen. Und doch steht er nicht am Rand. Er steht auch nicht im Zentrum, er gehört einfach dazu, man mag ihn so, wie er ist. 
Ich mit vierzehn: Ein andauernder K(r)ampf, so zu sein, wie „man“ eben sein musste, um akzeptiert zu werden. Und doch immer wieder die schmerzhafte Erkenntnis, dass es nie gelingen würde. 

Karlsson mit vierzehn: Er hat Pläne. Er möchte nach Frankreich, um richtig gut Französisch zu lernen und in die Kultur einzutauchen. Vielleicht will er irgendwann auch nach England oder in die USA, denn Englisch sollte man ja auch beherrschen, auch wenn man die Sprache nicht so toll findet.
Ich mit vierzehn: Ich hatte keinen Plan und wollte nur noch weg, irgendwohin ins Ausland, damit ich Distanz gewinnen konnte zu Erlebnissen, die mich zutiefst verletzt hatten. Mit nicht ganz sechzehn ging ich dann auch tatsächlich und sah mich in der Einsamkeit Nebraskas mit mir selbst konfrontiert.

Karlsson mit vierzehn: Ein ziemlich offenes Buch. Er zeigt uns nicht alle Kapitel, aber doch mehr, als ich je erwartet hätte. Auch Seiten übrigens, die ich meinen Eltern um nichts in der Welt gezeigt hätte. 
Ich mit vierzehn: Ein scheinbar offenes Buch für meine Eltern. Dass es da noch einen zweiten, unveröffentlichten Band gab, habe ich zwar schon beiläufig erwähnt, darin lesen lassen habe ich sie aber nie.  

Vierzehn, so stelle ich heute fest, kann sehr unterschiedlich sein und so, wie es bei Karlsson ist, gefällt es mir eindeutig besser. 

Ach ja, Karlsson hat diesen Text übrigens gelesen, ehe ich ihn veröffentlicht habe. Immerhin überragt mich das „Kind“ inzwischen um mehr als einen Kopf, da würde ich es nicht im Traum wagen, über ihn zu schreiben, ohne ihn um Erlaubnis zu bitten. 

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Eine kleine Ausnahme

Fragt mich nicht, warum ich das tue, aber ich tu’s für einmal trotzdem: Ich beantworte ein paar Fragen, die Lego mir vor ein paar Wochen gestellt hat. Vielleicht tue ich es einfach, weil sie in ihrem Blog so nette Dinge über mich geschrieben hat und ich ihr deshalb eine Freude machen will. Das also wollte sie von mir wissen:

1. Was war das peinlichste, dass du je machen musstest?

Hmmmm, ich weiss nicht so recht. Peinlichkeiten verdränge ich immer möglichst schnell. Da war mal etwas mit einem Schuh im obersten Schrankfach. Oder mit einer Windel, die ausgerechnet auf der vollbesetzten Sonnenterrasse eines Bergrestaurants ihren Geist aufgegeben hat. Oder… ach was, ich hab’s tatsächlich verdrängt.

2. Wenn du eine Disney-Prinzessin sein könntest, welche wärst du? Auch die Männer da draussen!

Schneewittchen, vermutlich. Ist die Einzige, die ich auf den ersten Blick erkenne.

3. Wenn du durch die Zeit reisen könntest, in welches Jahr würdest du reisen? Warum?

Fest steht: In die Vergangenheit. Aber wohin genau? Da gibt es so viele historische Ereignisse, die ich gerne miterlebt hätte. Aber ob ich dann auch den richtigen Ort und den richtigen Zeitpunkt treffen würde?

4. Glaubst du, wir sind alleine in diesem Universum?

Na ja, an Ausserirdische glaube ich nicht. An Gott schon. Und dann denke ich, dass es da noch sehr viele Dinge gibt, die unseren menschlichen Verstand übersteigen.

5. Welche Rolle in einem deiner Lieblingsfilmen würdest du gerne mal übernehmen?

Irgend so ein zickiges Biest in einem Kostümschinken.

6. Wenn du dir eine Gabe aussuchen könntest, welche wäre es?

Manchmal wünsche ich mir, ich wäre einer dieser unglaublich netten, geduldigen Menschen, die immer nur freundlich lächeln, wenn man auf ihren Nerven herumtanzt. Aber worüber würde ich dann bloggen?

7. Was war die schlechteste Verfilmung eines Buches, die du jemals gesehen hast?

Momo? Die unendliche Geschichte? Irgend so etwas war es. „Great Expectations“ fand ich auch nicht besonders toll. 

8. Worauf könntest du am ehesten verzichten: deine Augen, deine Ohren oder deine Stimme?

Ich bilde mir ein, die Augen. Aber ich glaube, wenn ich sie nicht hätte, würde ich sie ganz schrecklich vermissen.

9. Wie würde dein Traumhaus aussehen?

Ziemlich gross, ziemlich abgelegen, ziemlich schwedisch. Mit Erker, Schreibstube, Sauna und Garten.

10. Wenn du eine Boy-/Girlgroup gründen müsstest, wie würdest du sie nennen?

Da habe ich jetzt wirklich nicht die leiseste Ahnung.

11. Wie denkst du, wird die Welt in 20, 50, 100 Jahren aussehen?

Die Optimistin in mir hofft noch immer auf bessere Zeiten. Die Pessimistin in mir prophezeit Schlimmes. Und die Mama in mir wünscht sich einfach, dass Kinder und Kindeskinder auch noch eine Zukunft haben.

Ja, und dann müsste ich natürlich auch noch ein paar Blogger auswählen, die mir meine 11 Fragen beantworten. Es ist halt einfach so: Ich will mich niemandem aufdrängen, die Blogs, die mir gefallen, sind in meiner Linkliste aufgeführt, darum mache ich es einfach wie letztes Mal, als man mir Fragen gestellt hat. Ich schreibe hier 11 Fragen hin, wer sie beantworten möchte, darf dies gerne tun, wer sie nicht beantworten möchte, lässt es bleiben. Hier also wären sie, meine 11 Fragen, die mich schon seit vielen Jahren beschäftigen und die ich gerne endlich von jemandem beantwortet bekommen möchte:

1.Wozu in aller Welt hat man die Krawatte erfunden und warum trägt man sie noch immer?

2. Sieht mein Grün gleich aus wie dein Grün? (Wir können uns diese Frage auch mit Violett oder Gelb stellen.)

3. Woher nehmen wir die Arroganz, zu glauben, wir würden anders handeln als andere, wenn wir ihr Leben leben müssten?

4. Was geschähe, wenn es von einem Moment auf den anderen kein Internet mehr gäbe?

5. Warum treten Menschen, die über ein Halbwissen verfügen, oft selbstbewusster auf als Menschen, die eine Sache bis ins Detail erforscht haben?

6. Wie schafft man es, mit Scheuklappen durchs Leben zu gehen und alles Unangenehme auszublenden? (Manchmal möchte ich das wirklich können, diese Antwort würde mich also wirklich interessieren.)

7. Haben Vegetarier das Recht, Veganer nicht zu verstehen? 

8. Warum baut man heute, wo man so viele Hilfsmittel zur Verfügung hat, so viel langweiliger als damals, als man noch alles mit banalsten Maschinen und viel Muskelkraft machen musste?

9. Ist es den Leuten, die lauthals über verlogene Journalisten schimpfen, nicht peinlich, wenn Sie zwei oder drei Sätze später sagen: „Diese Information bleibt jetzt aber bitte unter uns, das dürfen Sie auf gar keinen Fall so schreiben.“?

10. Was soll eigentlich so besonders sein an Trüffeln?

11. Warum schreiben die Leute, die sich aus Facebook abmelden, weil sie ihre Beziehungen mehr im realen Leben pflegen wollen, am Ende ihres letzten Facebook-Posts immer: „Am besten erreicht ihr mich unter dieser E-Mail-Adresse“? Müssten die nicht schreiben: „Am besten habe ich jeweils mittwochs und donnerstags Zeit. Schaut doch einfach mal vorbei.“?

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Unerreichbar

„Können Sie mir bitte noch Ihre Handy-Nummer geben?“ – „Ist nicht nötig, ich bin meistens zu Hause und darum auf dem Festnetz gut erreichbar.“ – „Die Praxisassistentin hat mir aber gesagt, sie hätte Sie mehrmals erfolglos zu erreichen versucht.“ – „Ja, manchmal nehme ich mir die Freiheit heraus, ohne Telefon in die Waschküche zu gehen, oder sogar nicht ranzugehen, weil wir gerade am Essen sind.“

„Tut mir Leid, dass ich abends um zehn noch anrufe, aber bei Ihnen war andauernd besetzt.“ – „Ach ja? Ich habe vorhin etwa zehn Minuten telefoniert, aber sonst…“ – „Eine Mail habe ich Ihnen auch geschrieben. Vor zwei Stunden schon, aber Sie haben noch nicht geantwortet. Da musste ich eben einfach anrufen.“

„Wo warst du heute Morgen bloss?“ – „Hmmmm, lass mich überlegen… Ich war ganz kurz in der Stadt, aber sonst immer zu Hause. Warum?“ – „Ich habe zweimal versucht, dich anzurufen, aber du bist nicht rangegangen. Hattest du dein Handy nicht dabei?“ – „Nein, ich war ja nur ganz kurz weg. Was war denn so wichtig?“ – „Ich wollte dich fragen, ob du mit mir einen Kaffee trinken kommst.“

Himmel, man wird doch wohl noch ein paar Momente unerreichbar sein dürfen, ohne dass man gleich ein lückenloses Tätigkeitsprotokoll und ein Entschuldigungsschreiben präsentieren muss. 

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