Man darf doch wohl träumen…

Es war mal wieder der Klassiker: In einem der unzähligen Online-Adventskalender wurde ein Familieneintritt für den Europa Park verlost. Familieneintritt, das bedeutet zwei Erwachsene und zwei Kinder, oder ein Erwachsener und drei Kinder. Natürlich dauerte es nicht lange, bis jemand kommentierte, das sei aber nicht sehr fair gegenüber grösseren Familien, die wären ja auch mal froh um Gratiseintritte für alle. Ja, und dann kam eben, was kommen muss: „Selber Schuld, wenn man viele Kinder hat“, „Wenn man sie sich nicht leisten kann, soll man eben keine bekommen“, „Hat euch ja niemand befohlen, ihr müsstet mehr als zwei haben“. Die übliche Leier eben.

Im ersten Moment stand ich in Versuchung, den gehässigen Kommentatorinnen – ja, es waren alles Frauen; Mütter, denen es besonders schwer fällt, andere Lebensentwürfe zu akzeptieren – ein Stück weit Recht zu geben. „Einem geschenkten Gaul schaut man nun mal nicht ins Maul. Immerhin hätte man einen Teil der Eintritte gratis“, dachte ich. Und das stimmt ja irgendwie auch, aber die Sache hat eben doch einen Haken, einen ziemlich grossen sogar, nur weiss ich nicht, ob es mir gelingt, diesen Haken so in Worte zu fassen, dass ich auch verstanden werde. Ich versuch’s mal:

In unserer Gesellschaft gilt es als vollkommen legitim, Preisvergünstigungen ausfindig zu machen und sie für sich in Anspruch zu nehmen. Keiner käme auf die Idee, einem anderen einen Vorwurf daraus zu machen, dass er seine Ferien dann bucht, wenn er das Arrangement zum halben Preis haben kann und nicht zwei Wochen später, wenn er den vollen Preis bezahlen müsste. Nicht mal den Leuten, die wahrlich nicht auf Vergünstigungen angewiesen wären, dreht man einen Strick daraus, wenn sie von einem Sonderangebot profitieren. Im Gegenteil, gewöhnlich wird jedem, der es geschafft hat, eine fette Preisreduktion zu bekommen, eine Bewunderung zuteil, die lediglich von einer Spur Neid getrübt ist. Und wenn jemandem aus irgend einem fadenscheinigen Grund die Vergünstigung verwehrt wurde, ist ihm das Mitgefühl seiner Mitmenschen wenigstens ein kleiner Trost.

Nun ist es aber leider so, dass  die Grosszügigkeit der Anbieter sehr bald einmal aufhört. Ein Kind liegt fast immer drin, zwei gewöhnlich auch noch, aber ab dem dritten ist Schluss. Ob es sich nun um Pauschalangebote im Hotel, Familieneintritte, Wettbewerbe oder vergünstigte Seilbahnfahrten handelt, ab dem dritten Kind wird es – abgesehen von einigen wenigen löblichen Ausnahmen – meist teuer. Klar, man könnte nun argumentieren, dass man ja nur für die „überschüssigen“ Kinder Eintritt bezahlen muss. Aber ist es denn fair, dass die kleine Familie von der vollen Vergünstigung profitieren kann, die grössere aber nur von einem Teil? Nein, ist es nicht, schon gar nicht, wenn man bedenkt, dass die grössere Familie, nachdem sie mal die Eingangsschranke passiert hat, auch mehr Geld für Popcorn, Eis, Pommes Frites und anderen Kram liegen lässt.

Manchmal geht es sogar noch weiter: „Ach so, sie wollen zu den zwei Kindern noch ein Stillkind im eigenen Reisebett mitnehmen? Tja, das kostet dann aber 700 Franken zusätzlich pro Woche.“ „Ja, aber das Baby braucht kein Essen, nimmt keinerlei Dienstleistungen in Anspruch und schläft im eigenen Bettzeug…“ „Egal, die 700 Franken müssen Sie trotzdem bezahlen.“ Ist nicht erfunden, haben wir erlebt. Und dann natürlich nicht gebucht, weil uns so das „sagenhaft günstige Familienangebot“ teurer zu stehen gekommen wäre als ein normales Angebot.

Wagen nun Eltern von mehreren Kindern auf diese und ähnliche Ungerechtigkeiten hinzuweisen, wird dies gleich als Gejammer abgetan. „Selber Schuld!“, „Man muss sich eben nicht vermehren wie die Karnickel“, „Wenn ihr euch die Brut nicht leisten könnt…“ Wie? Hat einer von uns je behauptet, wir könnten uns nichts leisten? Haben wir gejammert? Haben wir um Almosen gebettelt? Nein, wir haben nur darauf hingewiesen, dass wir uns manchmal ungerecht behandelt fühlen, weil wir, obwohl wir Familien sind, von vielen „familienfreundlichen“ Vergünstigungen nicht profitieren können, nicht mal dann, wenn die zusätzlichen Kinder keine zusätzlichen Leistungen beanspruchen.

Okay, vielleicht äussert ab und zu mal eine Mama oder ein Papa von mehreren Kindern den leisen Wunsch, auch einmal das unglaublich tolle Gefühl geniessen zu können, etwas deutlich günstiger oder gar ganz umsonst zu bekommen. Warum soll sie oder er sich dies nicht wünschen dürfen? Alle anderen dürfen es ja auch, ohne dass man ihnen gleich beleidigende Kommentare an den Kopf wirft. 

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Advent, Advent…

Irgendwann, zwischen zwei und drei Uhr nachts verirrt sich eine Gestalt in unser Schlafzimmer und bittet um Asyl im Elternbett. Die Gestalt ist weiblich und inzwischen so gross, dass nicht für alle Platz ist im Bett. Weshalb „Meiner“ seinen Schlafplatz kampflos aufgibt und sich aufs Sofa zurückzieht, ist ein Rätsel, das ich mitten in der Nacht nicht lösen mag, also schlafe ich weiter. Nicht lange jedoch, denn bald verirrt sich eine weitere Gestalt ins Elternschlafzimmer, eine kleine diesmal, dafür in Begleitung eines riesengrossen Bären. Nun sind wir also doch zu dritt im Bett – oder vielleicht zu viert, wenn man davon ausgeht, dass der Bär ein beseeltes Wesen ist – und es wird ziemlich eng. Im Morgengrauen nähert sich eine weitere Gestalt dem Elternbett, eine sehr grosse. Diese Gestalt verlangt jedoch kein Bleiberecht, sie will mir nur mitteilen, dass heute nichts wird mit Schule, weil der Magen rebelliert. „Hurra! Die Käfersaison fängt an!“, jubelt es in mir drin. Der Jubelschrei fühlt sich irgendwie ähnlich an wie Magenschmerzen. 

Ich dämmere noch einmal weg, werde aber Momente später durch lautes Schimpfen geweckt. „Meiner“ und der FeuerwehrRitterRömerPirat sind wegen unerledigter Hausaufgaben aneinandergeraten. Ja, genau, die Hausaufgaben, nach denen ich gestern Abend vier- oder fünfmal gefragt habe und die angeblich nicht existierten. Also erst mal kein Adventsritual, sondern Kopfrechnen vor dem Frühstück, was natürlich nicht ohne Tränen geht, denn der FeuerwehrRitterRömerPirat hatte eigentlich damit gerechnet, sich heute Morgen als erstes mit seinem Adventspäckli beschäftigen zu dürfen. Irgendwann ist die letzte Zahlenmauer notdürftig gebaut, zwischen Tür und Angel zelebrieren wir noch so etwas wie ein Adventsritual. Zoowärter und Prinzchen bekommen sogar noch ihre Geschichte, doch dann ist Schluss mit lustig, denn es stellt sich heraus, dass das Prinzchen nicht heult, weil er heute kein Adventspäckli bekommt, sondern weil ihn das Fieber plagt. Na gut, immerhin muss ich ihn so nicht in den Kindergarten begleiten und kann noch im Pyjama bleiben, bis die gröbste Hausarbeit erledigt ist. Aber das muss jetzt schnell gehen, denn wenn die Käfer erst mal da sind, muss man stets damit rechnen, dass im Laufe des Tages die eine oder andere kreidebleiche Gestalt von der Schule nach Hause geschlichen kommt. Oder, dass es einen selber erwischt. 

Oh ja, der Advent ist da und wie jedes Jahr schert sich der Alltag einen Dreck darum. 

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Was habe ich mir dabei bloss gedacht?

„Bloss nicht wieder dieser elende Kleinkram“, dachte ich mir, als ich mir überlegte, wie wir das diesmal mit den Adventskalendern machen. Ich meine, 120 Kleinigkeiten, die dann doch nur irgendwo herumliegen, sind doch einfach zuviel. Nach einigem Nachdenken hatte ich einen Geistesblitz: Für jedes Kind ein etwas grösseres Geschenk, aufgeteilt auf 5 Päckli. Da bekommt man zwar nur an jedem fünften Tag etwas, dafür ist es auch etwas Rechtes. Und damit die anderen nicht ganz leer ausgehen, dürfen sie an den Tagen, an denen sie nichts bekommen, in den Topf mit Süssigkeiten greifen. Im letzten Moment kam dann noch ein verbilligter Türchen-Adventskalender dazu, bei dem das Kind, das am längsten nicht mehr dran war mit Auspacken, ein Türchen öffnen darf. Okay, das alles klingt jetzt ein wenig kompliziert, doch in meinen Augen grenzt das System an Perfektion.

In den Augen meiner Kinder jedoch habe ich kläglich versagt. Vor sieben Tagen schon ging der Streit über die Reihenfolge los und auch sonst liess kein Mitglied dieser verwöhnten Bande ein gutes Haar an meinem absolut durchdachten, gerechten und ethisch halbwegs vertretbaren Adventskalender. „Ich hätte lieber einen Adventskalender der drei Fragezeichen“, motzte der FeuerwehrRitterRömerPirat. „Muss ich dann meine Geschenke mit den anderen teilen?“, fragte der Zoowärter den Tränen nahe. Luise entdeckte den Inhalt ihrer Adventspakete lange vor dem ersten Advent und wies mich darauf hin, dass ich da noch ein paar Dinge vergessen hätte, weil sonst nichts aus der Sache werden könne. Das Prinzchen war der Verzweiflung nahe, weil er mein System nicht verstehen konnte und fürchtete, er werde am Ende mit Mädchengeschenken abgespeist. Karlsson war sich sicher, dass er „wie immer“ als letzter drankommen würde mit Auspacken, was das Los dann auch tatsächlich so entschied. Obendrein waren die Grossen äusserst unglücklich über meinen Entscheid, den Kleinen endlich auch einmal „Leone & Belladonna“ vorzulesen. Meine Erklärung, es könne doch nicht sein, dass Zoowärter und Prinzchen Mamas erstes Buch nicht kennen, verstanden sie zwar, doof fanden sie das trotzdem. Der Protest war so gross, dass ich mich vor einem Aufstand zu fürchten begann.

Das Gemotze hörte erst auf, als ich irgendwann mi weinerlicher Stimme sagte, ich hätte mir so grosse Mühe gegeben und es sei vollkommen unfair, dass sie auf meinem Adventskalender herumhacken, ehe sie in den Genuss seiner Überraschungen gekommen seien. Das wirkte. Begeisterung vermochten die Kinder zwar weiterhin nicht zu zeigen, aber immerhin sabotierten sie das erste Adventsritual dieser Saison nicht. Und nachdem sie den Inhalt von Prinzchens erstem Päckli gesehen haben, ahnen sie jetzt auch, dass ich wirklich keinen billigen Mist gekauft habe. Glaube – und hoffe – ich zumindest.

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Advent? Aber doch nicht jetzt schon?

Adventskalender für die Kinder? –  Alles bereit.

Adventskranz? – Seit einer Woche schon fertig. Ich hatte sogar Zeit, mir zu überlegen, ob ich noch etwas anderes machen will, weil Luise das Ding so hässlich findet.

Adventskalender für „Meinen“? – Ich hab’s tatsächlich wieder mal geschafft. 

Samichlaus? – Ist organisiert.

Geschenke für die Lehrer? – Noch nicht, aber immerhin schon eine vage Vorstellung, was es sein soll.

Adventskalender für mich? – Habe einen geschenkt bekommen und bin schon ganz gespannt, was sich darin verbirgt. 

Festliche Dekoration? – Ist auf gutem Wege.

Das obligate schlechte Gewissen? – Ist vorhanden, dieses Jahr sogar besonders ausgeprägt.

Adventsstimmung? – Hä? Wie bitte? Wir haben doch erst September, oder etwa nicht?

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Leseförderung

Manche Mamas standen einst mitten in der Nacht auf, um den neuesten Harry Potter zu erstehen, weil es das einzige Buch war, das ihr lesefaules Kind in den Bann zog.

Manche Mamas lesen ihrem lesefaulen Kind bis ins hohe Teenageralter Bücher vor, damit sie irgendwie doch noch ein wenig Lesestoff in den Kopf bekommen.

Manche Mamas ertragen mit Engelsgeduld über Monate das gleiche Hörbuch, weil ihr lesefaules Kind wenigstens dieses eine mag.

Manche Mamas setzen sich mit ihrem lesefaulen Kind hin, um mit ihm im Wechsel vorzulesen und zuzuhören, damit ihr lesefaules Kind die Klassenlektüre irgendwie schafft. 

Manche Mamas geben die Hoffnung auf, dass ihr lesefaules Kind je zum Buch greifen wird und lassen es deshalb die Klassiker der Kinderliteratur am Fernseher reinziehen. 

Manche Mamas schleppen Woche für Woche stapelweise Kinderliteratur aus der Bibliothek an und bringen das Zeug eine Woche später ungelesen wieder zurück, weil das lesefaule Kind kein Interesse daran zeigte.

Manche Mamas kommen gar nicht auf die Idee, ihr lesefaules Kind zum Lesen zu motivieren, weil sie lesen selber doof finden.

Manche Mamas versuchen ihr lesefaules Kind mit Belohnungen zum Lesen zu motivieren.

Manche Mamas versuchen ihr lesefaules Kind mit Drohen und Bestrafungen zum Lesen zu zwingen. 

Manche Mamas tun selber so, als würden sie gerne lesen, um ihrem lesefaulen Kind ein gutes Vorbild zu sein, denken aber nicht daran, dass eine Modezeitschrift nicht wirklich als Lesestoff zählt. 

Manche Mamas versprechen ihrem lesefaulen Kind, dass es die Verfilmung des Buches sehen darf, sobald es das Buch fertig gelesen hat. 

Diese Mama hier kauft ihrer lesefaulen zehnjährigen Tochter einen Liebesroman für Zwölfjährige, damit diese endlich auch mit einem Buch vor dem Gesicht durchs Leben geht, wie es sich für ein anständiges Venditti-Familienmitglied gehört. Gut, immerhin ist die Heldin der Geschichte Assistenzärztin und nicht Model oder Kosmetikerin…

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Es wird politisch

Karlsson: „Mama, wie hast du bei dieser Vorlage gestimmt?“
Ich: „Ich habe ja gesagt.“
Karlsson: „Du hast ja gesagt? Warum? Das kann ich jetzt überhaupt nicht verstehen.“
Ich: „Nun, ich finde dass man dadurch die Leute motivieren kann, es anders zu machen…Klar, ich sehe auch die Nachteile, aber…“
Karlsson: „Du findest also wirklich, dass Leute, die nicht viel haben, jetzt auch noch das ändern sollen. Deine Freundin, zum Beispiel, wie soll die das machen?“
Ich: „Auf sie hat das keinen Einfluss, sie braucht das ja nicht. Aber andere würden sich vielleicht wirklich nach Alternativen umsehen.“
Karlsson: „Aber wie sollen sie sich die Alternative denn leisten können? Das kostet doch eine Menge Geld…“
Ich: „Ja, aber wenn sie dafür auf das andere verzichten, können sie sich dafür die Alternative leisten.“
Karlsson: „Im ersten Jahr vielleicht, ja. Aber was ist danach?“
Ich: „Danach müssen sie eben das Geld dafür übers Jahr ansparen…“
Karlsson: „Tut mir Leid, Mama, aber das geht einfach nicht auf. Du hast einen völligen Mist gestimmt. Wenn die Vorlage angenommen wird…“
Ich: „Die wird ohnehin nicht angenommen, es sind doch alle dagegen. Da macht mein Ja doch keinen Unterschied…“
Karlsson: „Und wenn doch? Dann bist du mitschuldig daran, dass es schief geht. Das finde ich echt daneben….“

Unsere erste echte Diskussion. Bis anhin hat Karlsson immer gefragt und ich habe ihm gesagt, wie der politische Hase meiner Meinung nach laufen sollte. Jetzt aber fängt er an, sich eine eigene Meinung zu bilden, meine Sicht der Dinge in Frage zu stellen, mich herauszufordern. Seit Jahren schon habe ich mich darauf gefreut und jetzt, wo der grosse Moment gekommen ist, stelle ich fest, dass es noch viel mehr Spass macht, als ich mir vorgestellt hatte. Zumindest solange Karlsson trotz unserer unterschiedlichen Meinungen brav auf der linken Seite des politischen Spektrums bleibt…

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Das hat man davon, wenn man zu langsam strickt…

Draussen liegt der erste Schnee und im Schrank liegt die Wolle, aus denen Zoowärters und Prinzchens neue Fäustlinge für den ersten Schnee hätten werden sollen. Die Wolle liegt noch dort, weil auf dem Klavier ein fast fertiger Strickschal für Luise liegt und dieser liegt noch dort, weil im Garten bis vor Kurzem ein Schutthaufen lag, von dessen Beseitigung sich meine Arme erst erholen mussten, ehe sie wieder stricken mochten. So kommt es, dass unsere zwei Jüngsten beim ersten Schnee keine Handschuhe haben, denn die vom letzen Jahr sind hin. Oder sind getrennte Wege gegangen. Oder haben die Motten zu nahe an sich herangelassen. 

„Kein Problem“, sagte ich, „ihr geht schon mal aus dem Haus und ich hole euch im Dorf neue Handschuhe, die ich dann auf dem Heimweg in der Schulgarderobe deponiere.“ Kein Problem? Von wegen! Im ersten Laden hatten sie gar keine Handschuhe, sondern nur samtweiche Winterpyjamas, flauschige Socken und Thermounterwäsche. Im zweiten Laden hatten sie Handschuhe. Fleece-Fäustlinge für Damen, Skihandschuhe für Herren, Fingerhandschuhe für Damen mit irgend so einem Touch-Dings im Zeigefinger, damit man beim Bedienen des Smartphones keine kalten Finger kriegt. Ach ja, Fleece-Fingerhandschuhe hatten die auch noch, für Damen und Herren. Und für Kinder? Nichts, zumindest nichts gegen kalte Hände, dafür kuschelige Hausschuhe mit Norwegermuster. 

Was also tun? Einen dritten Laden mit Handschuhen gibt es nicht in der Gehdistanz, die dringliegt, damit ich rechtzeitig zum Kaffee mit meiner Schwester wieder zu Hause bin. Ich habe also die Wahl, eine Rabenmutter zu sein, die ihren Kindern keine Handschuhe kauft, oder eine doofe Mama, die ihren zwei jüngsten Söhnen dunkelviolette Damen-Fäustlinge in die Jackentasche stopft. Ich entscheide mich für die Rolle der doofen Mama, denn an die gewöhne ich mich allmählich. Gut, die Rolle der Rabenmutter spiele ich in den Augen gewisser Leute ebenfalls bestens, aber davon ist jetzt nicht die Rede. Ich kaufe also zwei paar potthässliche, dunkelviolette Damenfäustlinge, wohl wissend, dass Zoowärter und Prinzchen damit ähnlich lächerlich aussehen werden wie wenn sie versehentlich in Papas Schuhen aus dem Haus gegangen wären. Was soll’s? Irgendwann werden wir darüber lachen. 

Nur eine Sache beschäftigt mich noch, als ich auf dem Heimweg bin: Warum um Himmels Willen kommen meine Söhne überhaupt auf die Idee, Handschuhe tragen zu wollen? Ist doch noch viel zu warm dazu…

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Doofe Mama

Es ist fast jeden Tag das gleich Lied: Luise kommt von der Schule nach Hause, findet mich am Computer sitzend und fasst dies als Aufforderung auf, sich ebenfalls einem mit angebissenem Apfel verzierten Gerät zuzuwenden. Drei Minuten später erinnert sie sich daran, dass ihre beste Freundin etwas von einer App erzählt hat, die sie unbedingt auch haben muss. „Mama, darf ich?“, fragt meine Tochter mit bettelndem Blick und hält mir ihr Gerät vor den Bildschirm, obschon ich ihr schon hundertmal gesagt habe, dass ich das nicht ausstehen kann, wenn ich in meine Arbeit vertieft bin. „Sieh doch, die App kostet nichts“, säuselt sie, weil ich nicht gleich reagiere. Sie weiss genau, dass damit 90 % meiner Argumente, die gegen die App sprechen, vom Tisch sind.

Luise denkt, sie hätte mich im Sack und fängt schon mal mit der Installation an. „Mama, Passwort!“, ruft sie siegessicher. Jetzt endlich hat sie meine volle Aufmerksamkeit. „Passwort? Sicher nicht jetzt schon. Zuerst will ich die Altersbeschränkung sehen.“ „Ach was, die brauchst du doch nicht zu sehen. Meine Freundin darf die App auch haben und die Cousine auch. Du willst doch nicht etwa behaupten, die anderen Mütter würden nicht genau genug hinschauen?“, gibt sich Luise empört. „Natürlich will ich das nicht behaupten. Aber die Altersbeschränkung will ich trotzdem sehen. Du erinnerst dich doch noch an dieses doofe Spiel, auf das wir reingefallen sind“, beharre ich. Luise erinnert sich, darum streckt sie mir widerwillig das Gerät entgegen und diesmal macht es mir nichts aus, dass sie es vor meinen Bildschirm hält. Die Arbeit muss jetzt eben warten, ich bin mit Erziehen beschäftigt.

Während Luise aufgeregt von einem Bein aufs andere hüpft, scrolle ich durch den ganzen Werbekram, bis ich endlich bei der Altersbeschränkung angelangt bin. „Hier steht 17+. Die App kannst du vergessen“, sage ich und fühle mich ziemlich mies, weil meine Tochter schon wieder nicht dazugehören darf, auch nicht bei denen, die wirklich nett und brav sind. „Aber Mama, meine beste Freundin…und meine Cousine…“, protestiert Luise. „Ja, Luise, ich weiss, aber hier steht 17+ und du bist gerade mal 10+“, insistiere ich und finde mich gerade ziemlich unsympathisch. Luise auch. „Immer diese sturen Eltern…“ brummt sie und stapft davon.

Fünf Minuten später streckt sie mir schon wieder das Gerät entgegen. „Schau mal, Mama, diese App ist bestimmt auch ganz cool. Und gratis ist sie auch.“ Wieder Werbekram überfliegen, wieder scrollen, dann die erlösende Botschaft: „Ja, Luise, diese App kannst du runterladen, die ist ab 6 freigegeben.“ Luise zieht sich zurück, fängt an zu spielen. Drei Minuten später ruft sie aus dem Wohnzimmer: „Mama, die App können wir gleich wieder löschen. Die ist ja so was von langweilig…“ Ich seufze tief, denn ich weiss, dass ich in den Augen meiner Tochter so lange die doofe Mama sein werde, bis wir eine coole App gefunden haben, die ab 10 Jahren freigegeben ist und die alle anderen Mädchen auch cool finden. Oder bis Luise den Kampf zwischen „Alle anderen dürfen aber…“ und „Wir sind aber nicht die anderen…“ für sich entschieden hat. 

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Meine sehr verehrten Bildungsdirektoren

Zuerst einmal ziehe ich meinen Hut vor Ihnen, weil Sie den gewagten Versuch unternehmen, zumindest für Schüler und Lehrer in der Deutschschweiz einheitliche Grundlagen zu schaffen. Der revolutionäre Gedanke, dass ein Kind nicht noch einmal bei Adam und Eva anfangen muss, wenn es mit seinen Eltern von Zürich nach Bern umzieht, gefällt mir. Wäre wirklich nett, wenn die Kinder am neuen Ort ihre alten Schulbücher weiterhin brauchen könnten und wenn in unserem kleinen Land überall mehr oder weniger dasselbe gelehrt und gelernt würde. Also, Chapeau!

So, nun ist mein Hut vom Kopf und jetzt sage ich Ihnen, was ich wirklich von Ihrem Papier halte. Ja, ich weiss, meine Meinung ist nicht gefragt, ich bin ja bloss eine Mutter und als solche gehöre ich nicht zu den „Adressaten der Konsultation auf sprachregionaler Ebene“, wie Sie Ihre Meinungsumfrage nennen. Die „Elterndachorganisation“ soll für uns alle sprechen, aber da ich nicht weiss, ob diese Dachorganisation sich mit ähnlich widerspenstigen Geschöpfen herumschlagen muss wie ich, spreche ich lieber selber.

Also, kommen wir zu meiner Meinung, die – ich gebe es offen zu – weder wissenschaftlich fundiert noch repräsentativ ist: Ihnen ist die Bodenhaftung abhanden gekommen. Okay, ich habe nicht den ganzen Entwurf gelesen, aber was ich bisher überflogen habe reicht mir für mein Urteil. Ich meine, nur schon die Tatsache, dass es Ihnen gelingt, unsere Kinder mit Kreismodellen – „Personale Kompetenzen, Soziale Kompetenzen, Methodische Kompetenzen“ – darzustellen, finde ich leicht beunruhigend. Und dann diese Sätze: „Die Schülerinnen und Schüler können ihr Persönlichkeitsprofil beschreiben und nutzen.“, „Die Schülerinnen und Schüler können beim Vortragen Texte gestalten und über die ästhetische Wirkung nachdenken.“, „Die Schülerinnen und Schüler können Rolle und Wirkungen von Religionen und Religionsgemeinschaften in gesellschaftlichen Zusammenhängen einschätzen.“ Oder – mein bisheriger Favorit – „Die Schülerinnen und Schüler können den eigenen Alltag gesundheitsförderlich gestalten.“ Seitenweise geht das so, über alle Fächer des Lehrplans hinweg, unterteilt in Teilbereiche von Teilbereichen, ausgeklügelt und ausformuliert bis ins kleinste Detail.

Zugegeben, inhaltlich liegen Sie oft gar nicht so daneben. Es wäre ja wirklich wünschenswert, dass Kinder irgendwann „im Alltag Gestaltungsspielräume für einen nachhaltigen Lebensstil entwickeln“ oder „verschiedene Lebenslagen und Lebenswelten erkunden und respektieren“ können. Aber finden Sie nicht auch, dass Sie von den Kindern Dinge erwarten, die auch uns Erwachsenen nur bedingt gelingen? Denken Sie überhaupt noch daran, dass Sie es hier mit Kindern zu tun haben und nicht mit Computern, die man nur richtig programmieren muss, damit sie sich erwartungsgemäss verhalten? Wissen Sie eigentlich noch, was Kinder sind, diese neugierigen, trotzigen, eigensinnigen, verspielten, wissbegierigen, ängstlichen, energiegeladenen, zornigen, drolligen, fröhlichen… Wesen, die auf dieser Welt sind, um ihren eigenen Weg im Leben zu finden? Oder haben Sie nur noch die Wirtschaftstauglichkeit der zukünftigen Berufstätigen und vielleicht noch die nächste PISA-Studie vor Augen?

Sollten Sie tatsächlich vergessen haben, was Kinder sind, lade ich Sie gerne dazu ein, sich mal mit unseren fünf Knöpfen und ihren Freunden zu unterhalten. Sie kämen dabei mit Durchschnittsschülern ins Gespräch, mit Migrantenkindern, die eben erst Deutsch gelernt haben, mit sehr begabten Kindern, mit solchen, die um jeden korrekten Satz kämpfen müssen, mit begeisterten Strebern und mit solchen, die nach kurzer Zeit schon den Schulverleider haben. Glauben Sie mir, diese Kinder könnten Ihnen einiges darüber erzählen, wie die Schule aussehen müsste, damit sie auch nur annähernd das wäre, was Sie sich in Ihrem schönen Papier ausmalen.

So, und jetzt ziehe ich meinen Hut wieder an. Damit ich ihn wieder vor Ihnen ziehen kann, wenn Sie einen Weg gefunden haben, den Lehrplan auf die Kinder masszuschneidern und nicht die Kinder auf den Lehrplan.

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Geschwisterallergie

Die Geschwisterallergie kann das ganze Jahr über auftreten, in den Wintermonaten wird sie jedoch besonders häufig beobachtet. Vermutlich liegt dies an der Tatsache, dass es in der kalten Jahreszeit schwieriger ist, einem allergieauslösenden Geschwisterkind aus dem Weg zu gehen. In grösseren Familien soll die Geschwisterallergie gehäuft vorkommen. Leider ist noch zu wenig erforscht, wie es zur meist plötzlich auftretenden allergischen Reaktion auf ein Geschwisterkind kommt, die häufigsten Auslöser eines akuten Allergieschubs hingegen sind allgemein bekannt:

  • Laute Geräusche, manchmal reicht auch schon hörbarer Atem
  • Provokatives Sitzen auf dem falschen Stuhl
  • Schläge, die von neutralen Beobachtern jedoch bloss als zufällige, ungeschickte Bewegungen wahrgenommen werden
  • Worte, die je nach Ohr, von dem sie gehört werden, ganz unterschiedliche Bedeutungen haben
  • Körpergerüche
  • Ungleich verteilter Besitz, wobei auch dies von neutralen Beobachtern gewöhnlich nicht festgestellt werden kann
  • Unterschiedliche Vorstellungen über das Leben im Allgemeinen

Eine allergische Reaktion wird jeweils nur durch das Verhalten des allergieauslösenden Geschwisterkindes hervorgerufen, andere Familienmitglieder können tun und lassen, was sie wollen, ohne dem allergischen Kind im Geringsten zu schaden. Die allergische Reaktion äussert sich in den folgenden Symptomen:

  • Zufällige, ungeschickte Bewegungen, die vom Geschwisterkind und neutralen Beobachtern gewöhnlich als Schläge wahrgenommen werden
  • Sehr laute Geräusche, von Umstehenden gewöhnlich als Brüllen und Beleidigungen verstanden
  • Hektische Aktivität, die zur Folge hat, dass gewisse Gegenstände, die dem allergieauslösenden Geschwisterkind gehören, in die Brüche gehen
  • Angeblich harmlose Handlungen, die man durchaus als gezielte Provokationen verstehen könnte und die vom allergieauslösenden Geschwisterkind auch als solche verstanden werden
  • Selbstmitleid

Gewöhnlich lösen diese Symptome ganz ähnliche Symptome beim allergieauslösenden Geschwisterkind aus, was wiederum die Symptome des allergischen Kindes verstärkt. Für Aussenstehende ist deshalb nicht zu erkennen, welches das allergische und welches das allergieauslösende Kind ist. Leider gibt es bis anhin keine wirkungsvolle Therapie gegen die Geschwisterallergie. Die Versuche, die beiden Geschwisterkinder zu gemeinsamen Arbeitseinsätzen zu verdonnern garantieren ebenso wenig Erfolg wie die strikte räumliche Trennung auf Zeit. Experten raten deshalb dazu, sich mit viel Geduld zu wappnen und abzuwarten, bis die Geschwisterallergie wieder abflaut und sich auf andere Geschwisterkinder verlagert. In den meisten Fällen wächst sich die Krankheit spätestens beim Eintritt ins Erwachsenenalter aus, man hört aber gelegentlich von Familien, in denen die Geschwisterallergie bei Erbfällen wieder aufflackert. 

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