Abreisegedanken

Wenn eine begrenzte Anzahl Menschen mit einer begrenzten Anzahl Socken in einem räumlich ziemlich stark begrenzten Haus für eine begrenzte Zeit lebt, müsste es dann nicht fast ausgeschlossen sein, dass am Ende dieser Zeit zehn verzweifelte Einzelsocken auf Partnersuche sind?

Wenn drei dieser Menschen eine begrenzte Anzahl Legosteine mitnehmen und mit diesen Legosteinen nur in einem einzigen Raum des räumlich ziemlich stark begrenzten Hauses spielen, wie kommt es dann, dass man beim Aufräumen in fast jedem Winkel des Hauses Legosteine findet? 

Wenn der ganze Krempel, den diese Menschen mitgeschleppt haben, kurz nach der Ankunft bereits im ganzen Haus verteilt war, dann müsste dieser Krempel vor der Abreise doch eigentlich ebenso schnell wieder zurück in die Koffer und Taschen wandern.

Wenn diese Menschen gewöhnlich für eine viel begrenztere Zeit verreisen,  dürften sie doch eigentlich nach acht Wochen nicht sagen: „In einer Woche fahren wir schon wieder nach Hause.“

 

Wenn Mama Venditti nicht unter die Leute kommt…

…dann geht das anfänglich ganz gut. Gar nicht so schlimm, mal etwas weniger Zeit zu verquatschen, denkt sie. Und überhaupt: Alleine ist man in dieser Familie ja nie, da gibt’s immer jemanden, der Lust auf ein Gespräch hat, manchmal auch spät abends, wenn Mama Vendittis Bedarf an sozialer Interaktion längst gedeckt wäre. Nach einer Weile aber fängt sie an, ihre Freunde zu vermissen und sie ist dankbar für die Erfindung von Social Media, wohl wissend, dass die kurzen Kommentare einen tiefschürfenden Meinungsaustausch nie und nimmer ersetzen können. 

Spätestens jetzt wäre es Zeit für ein paar Stunden mit Freunden, doch während einer Auszeit gestalten sich solche Dinge bekanntlich etwas schwierig, also fängt sie an, mit jedem zu quatschen, der naiv genug ist, sich auf ein Gespräch einzulassen. Mit der deutschen Touristin, die bei der Schafparade zufällig an der gleichen Strassenecke steht, wird erörtert, warum es so viele Menschen in die Provence zieht. Mit dem Auswanderer, der auf dem Markt edle Kaffeekannen verkauft, unterhält man sich über Waldorf-Schulen in Frankreich. Mit dem Iren, der seit Menschengedenken mit handgefertigten Holzschwertern und Ritterkostümen handelt, redet man erst mal über Homeschooling, dann von Flüchtlingspolitik, schliesslich stünde man kurz davor, die Welt zu retten, würde nicht Mama Vendittis Familie deutliche Anzeichen von Ungeduld erkennen lassen. Sogar mit der blasierten Verkäuferin im Delikatessengeschäft tauscht sie sich eifrig über Vorlieben beim Kochen aus und stünde nicht demnächst das Ende der Auszeit bevor, sie würde wohl anfangen, die Bäume zu belästigen…
Seid also vorgewarnt, liebe Freunde, wenn Mama Venditti wieder zu Hause ist, hat sie ganz schrecklich viel Nachholbedarf.

  

Von Schafen und Touristen

Hier im Städtchen (oder zumindest in der Region) hat es

  • ein kleines Gebirge, „les Alpilles“ genannt,
  • viel Sonne und Wärme
  • eine beträchtliche Anzahl Feiertage, die irgendwie totgeschlagen werden wollen
  • eine überwältigende Anzahl Touristen aus dem In- und Ausland
  • eine beträchtliche, wenn auch nicht überwältigende Anzahl Schafe
  • ziemlich viele Marktfahrer mit ansprechendem Warenangebot
  • ziemlich viele fahrende Antiquitätenhändler
  • eine Strassenputzmaschine

Diese Schafe, so will es die Natur, verbringen die sonnigen, warmen Tage gerne auf den Weiden oben auf dem kleinen Gebirge, also müssen die Schafe irgendwie dorthin kommen. Früher begleiteten die Hirten die Schafe zu Fuss, heute aber, wo alles irgendwie rentieren muss, packt man die Tiere lieber auf ein motorisiertes Fahrzeug. Geht schneller und ist weniger schweisstreibend. 

Für die Schafe und die Hirten wäre also gesorgt, aber was stellt man bloss mit all den Touristen an, die auch irgendwie bei Laune gehalten werden wollen? Erst recht an diesen Feiertagen, an denen sie noch zahlreicher kommen als sonst und nicht so recht wissen, was sie anfangen sollen, wo doch fast alle Geschäfte geschlossen sind?

„Wir haben Schafe, Berge, Feiertage und Touristen“, muss ein findiger Mensch vor ein paar Jahren mal in einer Runde zur Förderung des Stadtlebens messerscharf analysiert haben. „Tun wir doch einfach so, als würden wir unsere Schafe noch immer zu Fuss auf die Berge treiben, lassen wir die Viecher zwei Runden um die Stadt rennen und wenn wir das Ganze am Pfingstmontag machen, kommen die Touristen in Scharen, darauf könnt ihr Gift nehmen.“ „Pfingstmontag? Bist du dir sicher? Da sind doch alle Läden zu. Nur wegen der paar Schafe kommt doch keiner“, gab ein ewiggestriger Zauderer zu bedenken. „Na, dann holen wir eben ein paar Marktfahrer. Das zieht immer bei den Touristen“, schlug ein anderer vor. „Aber nur mit Schafen und einer Handvoll Marktfahrer lässt sich kein Programm machen. Die Viecher sind im Nu zweimal um die Stadt herum und was fängst du dann mit all den Touristen an, die eigens deswegen in die Stadt gekommen sind?“, stänkerte der Zauderer weiter. „Dann holen wir eben noch ein paar Antiquitätenhändler. Die Kerle müssen ihren Ramsch doch auch loswerden und Touristen stehen auf das Zeugs“, schlug der Erste vor und die anderen in der Runde nickten zustimmend. „Aber die Viecher machen ganz schön Dreck“, wehrte sich der Zauderer ein letztes Mal. „Dann jagen wir eben am Schluss noch schnell die Putzmaschine durch die Strassen. Hat ja ohnehin ein Heidengeld gekostet, das Ding, da muss man es auch amortisieren“, sagte einer und damit war die Sache beschlossen.

Und so kam es, dass heute früh – wie jedes Jahr am Pfingstmontag – eine überwältigende Anzahl Touristen aus dem In- und Ausland ins Städtchen strömte, um einer beträchtlichen aber nicht überwältigenden Anzahl von Schafen dabei zuzusehen, wie sie so tun mussten, als würden sie noch immer zu Fuss auf ihre warmen, sonnenbeschienenen Weiden oben in den Bergen getrieben. Nach einer halben Stunde waren die Schafe wieder weg und bald darauf, als die Putzmaschine ihre Runden gedreht hatte, auch der Dreck, den sie hinterlassen hatten und die Touristen hatten eine Ausrede, den Rest des Pfingstmontags bei Marktfahrern und Antiquitätenhändlern totzuschlagen.

(Die Schafe waren übrigens äusserst reizvoll.) 

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Wenn Vendittis ans Meer fahren…

Also, bei Karlsson braucht das immer so ein bisschen Überzeugungsarbeit. „Du kannst ja ein Buch mitnehmen. Und es ist nicht so ein überlaufener Touristenstrand, eher so ein Naturding…“ Luise hingegen kommt immer gerne mit. Immer, ausser heute, denn heute ist sie nicht so im Strumpf. Aber, na ja, wenn’s unbedingt heute sein muss… „Meiner“ findet, vor der Abfahrt müsste zuerst noch etwas Ordnung gemacht werden, was dem FeuerwehrRitterRömerPiraten Zeit verschafft, über das Ziel unseres Ausfluges nachzudenken. „Muss es denn unbedingt das Meer sein?“, fragt ausgerechnet er, der sich beim letzten Mal nur noch mit grosser Mühe aus dem Wasser hatte locken lassen. „Dort ist es mir irgendwie zu salzig. Und es hat Blutegel…“ „Hat es nicht. Blutegel leben im Süsswasser“, sage ich, also packt der FeuerwehrRitterRömerPirat sein Schwimmbrett und will losfahren. So schnell geht das aber nicht, denn der Zoowärter findet seine Badehose nicht, Prinzchen muss überlegen, ob er seinen Malkasten mitnehmen soll und wenn ja, wie viel Papier er für die Stunden am Meer benötigt, Luise findet das richtige Bikini nicht, Karlsson sucht nach der Lektüre, die ich eigentlich schon für die Heimreise verstaut habe, „Meiner“ brabbelt noch immer irgend etwas von „zuerst aufräumen“, keiner packt Badetücher ein und ich finde – völlig irrational natürlich -, wo ohnehin noch keiner zur Abfahrt bereit sei, könnten wir ja noch kurz die Wäsche versorgen. 

Nach einer gefühlten Ewigkeit stehen alle Taschen bereit, die Wohnung ist halbwegs aufgeräumt und hätte einer dran gedacht, Badetücher einzupacken, könnten wir jetzt losfahren, aber weil hier keiner denkt, muss „Meiner“ nochmal zurück, als wir alle schon im Auto sind oder zumindest neben dem Auto stehen. Endlich fahren wir dann doch los und fünf Minuten lang ist alles bestens. Dann aber fange ich Streit an mit der GPS-Tante, die irgend einen verwinkelten Weg rausgesucht hat, anstatt uns mit klaren Anweisungen zum Ziel zu lotsen. Sie und ich zanken uns den ganzen Weg über, denn inzwischen scheine ich mich hier deutlich besser auszukennen als sie. Schliesslich gelange wir doch ans Meer, wir parkieren, steigen aus, lassen uns im Sand nieder und jetzt ist alles gut.

Alles gut? Nicht mit uns. Ich muss dringend aufs WC, einer findet, der Sand sei zu nass, der andere motzt, an diesem Naturstrand habe es aber etwas gar wenig Natur, der Dritte beklagt sich über den kalten Wind. Und überhaupt: Etwas anständiges zum Essen haben wir auch nicht dabei. Damit ich mich nicht über das Gejammer aufregen muss, stecke ich die Nase in ein Buch, was von einigen Familienmitgliedern als Aufforderung verstanden wird, mit mir eine angeregte Unterhaltung anzufangen. Also lege ich das Buch wieder beiseite und lausche stattdessen einem erbitterten Streit um den einzigen Liegestuhl, den wir mitgebracht haben. Die wenigen, die den Mut aufgebracht haben, sich in die Wellen zu stürzen, sind wieder zurück und verlangen nach ihren Kleidern, Luise verschwindet im Auto, weil es ihr hier viel zu kalt ist, sie sich wirklich nicht wohl fühlt und wir alle immer nur nerven. Nach vierzig Minuten das erste „Müssen wir noch lange hier bleiben?“, nach neunzig Minuten brechen wir die Übung entnervt ab und fahren – diesmal ohne die unsäglichen Anweisungen der GPS-Tante – in die nächst gelegene Stadt, um uns mit Eis und Milk-Shake von unserem Strandausflug zu erholen.

Noch irgendwelche Fragen, warum wir demnächst keine Strandferien planen?

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Schubladisiert

Wir reden uns ja gerne ein, wir seien so furchtbar weltoffen, „Meiner“ und ich. Vorurteile? Klischees? Nicht mit uns! Jeder Mensch ist schliesslich ein Unikat, nicht wahr? 

Tja, und dann verbringen wir eine gewisse Zeit im Ausland, machen die eine oder andere Erfahrung, mal positiv, mal negativ und schon fangen wir an, die Schubladen zu füllen. Die französischen Frauen in der einen Schublade, die Männer in der anderen, die Kinder in der dritten. Dann eine Schublade für Menschen, die aus dem Balkan nach Frankreich eingewandert sind, eine für Einwanderer aus Nordafrika, eine für Touristen aus der Schweiz… Endlos geht das so, eine Schublade nach der anderen und wenn alles schön eingeordnet ist, fangen wir an zu vergleichen. Mit den Schubladen, die wir in Schweden angefüllt haben, den Schubladen aus Italien, den Schubladen aus früheren Lebensphasen…. Oh nein, wir verurteilen nicht, wir vergleichen doch nur. 

Doch dann kommt einer daher, vielleicht ein französischer Mann, der sich eher so verhält wie ein Mann, der in der Schublade für Männer aus Schweden steckt. Oder eine französische Frau, die viel besser in eine italienische Schublade passen würde. Oder ein Tourist aus der Schweiz, der sich so verhält, wie wir es eigentlich von einem Einheimischen erwarten würden…

Wie auch immer, auf alle Fälle äusserst peinlich für uns, wenn wir zweifelsfrei vor Augen geführt bekommen, dass wir, die angeblich so Weltoffenen, Vorurteilsfreien, wild drauflos schubladisiert haben. 

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Windig

Die Kinder rasen wie irre durch Haus und Garten, prügeln sich und geraten sich wegen jeder Kleinigkeit in die Haare.

„Meiner“ ärgert sich bei Kleinigkeiten grün und blau.

Karlsson und Luise klagen über Kopfschmerzen, sind reizbar und lustlos.

Mir fällt die ganze Familie auf die Nerven; so oft ich kann, ziehe ich mich ins Zimmer zurück und grummle vor mich hin. 

Alle sind reizbar, sogar der Hund der Nachbarn, der andauernd wie irr durch den Garten rennt und bellt.

Die grosse Familienkrise? Nein, nur der Mistral. 

  

Discounter-Lehren

Aldi und Venditti, das passt so gar nicht zusammen, auch wenn unser Haushaltsbudget ganz bestimmt nichts gegen diese Liaison einzuwenden hätte. Aber es passt einfach nicht. Auf der einen Seite steht da eine Familie, die gerne nach Menüplan mit ausgewählten, manchmal auch exklusiven Zutaten kocht, auf der anderen Seite ein Laden, der die Kundschaft um den Finger wickeln will mit unglaublich günstigen Angeboten von Dingen, die nicht auf dem Einkaufszettel stehen. Hier eine Familie, die sich nur zu gerne verführen lässt von adrett in Szene gesetzten Lebensmitteln, da ein Laden, dem die Präsentation der Ware am Allerwertesten vorbeigeht. Hier die Überzeugung, dass irgendwo, vielleicht ganz tief verborgen, ein Haken sein muss, wenn alles so billig ist, da die Maxime, dass billig über allem steht. Hier ein feinschmeckerischer Teenager, der neulich im Internet von der Sache mit der toten Maus in den Brötchen gelesen hat, da ein Laden, der sich durch solche Skandälchen nicht erschüttern lässt.

Ich könnte das noch weiter ausführen, lasse es aber bleiben und bringe die Unverträglichkeit von Aldi und Venditti mit der folgenden Anekdote aus dem Familienarchiv auf den Punkt: Einmal, vor vielen Jahren, als „Meiner“ sich mit zwei oder drei Kindern einen heimlichen Ausflug zu Aldi gönnte, kotzte der damals noch sehr kleine FeuerwehrRitterRömerPirat auf den Fussboden. Als „Meiner“ die Verkäuferin um Hilfe bat, meinte die nur: „Nehmen Sie sich einfach eine Packung Haushaltpapier aus dem Regal und wischen Sie das Zeug auf.“

Jetzt, wo meine geneigte Leserschaft um unser angespanntes Verhältnis zum Discounter im Bilde ist, kann ich endlich davon erzählen, wie wir neulich einen „Bildungsausflug“ zur eben erst wiedereröffneten Aldi-Filiale hier in Saint-Rémy-de-Provence unternahmen. „Heute, unsere lieben Kinderlein, zeigen wir euch einen Discounter“, sprachen wir gestelzt und schickten die Fünf mit dem Auftrag in den Laden, für je zwei Euro etwas zu kaufen, was der ganzen Familie zugute käme. Zoowärter und Prinzchen hatten keinerlei Probleme, den Auftrag zu erfüllen. Schon nach wenigen Augenblicken lagen Brot und zwei Schachteln Corn Flakes im Wagen. Allerdings waren die beiden zutiefst erschüttert, dass es in dem Laden keine Spielsachen gab. Mit grossen Augen lauschten sie meiner Erklärung, hier gebe es sehr wohl Spielsachen, wenn man sich früh genug ins Getümmel stürze, aber wenn man, wie wir, erst gegen Abend komme, seien all die Sonderangebote schon weg. Darum die vielen leeren Körbe. Auch der FeuerwehrRitterRömerPirat erfüllte seinen Auftrag im Nu und blieb mit seinen sechs Coladosen sogar deutlich unter Budget. Luise tat sich schon schwerer – „Ich hatte geglaubt, die hätten hier endlos viel Kosmetik“ -, löste ihre Aufgabe jedoch mit einer Megapackung Ofenfrites bravourös. Karlsson aber tigerte endlos lange durch den Laden, beklagte sich über das knappe Angebot an Delikatem, sprach immer wieder von der toten Maus im Brot und konnte die Aufgabe erst abschliessen, als wir ihm erlaubten, für ein Glas Nutella-Abklatsch das Budget um 15 Cents zu überschreiten. 

Noch lange an diesem Abend diskutierten die sieben Vendittis über Pro und Kontra von Discountern, einzelne fanden, dort wollten sie unbedingt noch einmal hin, die grosse Mehrheit aber hielt daran fest, dass wir, solange wir es uns irgendwie leisten können, lieber anderswo einkaufen. Kein Zweifel, unser „Bildungsausflug“ war ein voller Erfolg, so sehr, dass heute früh der Zoowärter sprach: „Mama, also das Brot von Aldi kaufen wir nie wieder. Wenn man das in den Kühlschrank legt, ist es am nächsten Morgen ganz kalt und hart und überhaupt nicht mehr fein.“

Mein lieber Sohn, auch wenn ich den Billigladen keineswegs in Schutz nehmen will, diese Schuld kannst du Aldi nicht in die Schuhe schieben. (Himmel, Kind, man sollte wirklich meinen, wir hätten dir beigebracht, wo man Brot lagert und wo nicht!)

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