Arbeitsferien

Mit viel Gemotze und Gelächter, einigen kleinen Schrunden, heftigem Muskelkater, einigem Improvisationstalent, Schaufeln, Putzeimern, einer Spielzeugschubkarre und anderen äusserst geeigneten Werkzeugen haben wir in den vergangenen Tagen Bäume geschnitten, das Schaukelgerüst abgerissen, den morschen Holzschopf zertrümmert, einen Gartenteich gegraben, eine Volière (halbwegs) zusammengebaut, Gartenbeete geräumt, ein Hochbeet aufgebaut, gejätet, Löcher zugeschüttet, Kompost umgeschichtet und die Wachtelkäfige verschoben. Noch gilt es zu schaufeln, zu pflanzen, zu schrauben und die Nyphensittiche im Büro einzufangen, um sie zu ihrem neuen Glück zu zwingen. Einige Dinge kann ich jedoch bereits jetzt voraussagen:

Wir werden sehr viele Worte brauchen, um Karlsson und Luise zur Arbeit motivieren zu können.
Der FeuerwehrRitterRömerPirat wird weiterhin viel Lob einheimsen, weil er wie ein Vergifteter arbeitet.
Der Zoowärter wird noch eine Weile brauchen, um zu erkennen, wann wir spielen und wann wir arbeiten.
Das Prinzchen wird trotz seiner Begeisterung fürs Schaufeln nie ein Bauarbeiter, weil die Männer auf dem Bau fluchen und er nicht.
Am Ende der Woche werde ich meine Flip Flops entsorgen müssen, weil ihnen die Gartenarbeit nicht so gut bekommt.
„Meiner“ wird mich davon abhalten wollen, ein weiteres Blumenbeet anzulegen.
Die Sache den Enten wird noch für einige Diskussionen sorgen.
Nächstes Jahr pflanze ich Schwarzwurzeln.
Die Erinnerungen, die jedes Familienmitglied an diese Ferien behält, werden sehr unterschiedlich sein. Trotzdem wage ich zu behaupten, dass es uns allen mehr Spass macht, als wir erwartet hätten.

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Mama Venditti schwingt den Pickel,…

…schichtet den Kompost um, ohne dabei die Nase zu rümpfen.

…sitzt stundenlang mit Schwiegermama am Tisch und quatscht mit ihr über Gott und die Welt.

…wünscht sich, sie könnte im Garten Enten halten.

…freut sich schon fast darauf, dass in einem Jahr der „bald vierzig“-Zustand ein Ende hat.

…hat zwei Handtaschen und beide davon sind ganz.

…trinkt Tee und Kaffee ohne Zucker und zwar nur deshalb, weil es ihr mit Zucker nicht mehr schmeckt und nicht aus Gründen der Vernunft.

…liest Bücher einfach nicht mehr zu Ende, wenn sie ihr nicht gefallen.

…singt manchmal laut, wenn sie alleine ist, auch im Treppenhaus oder im Garten.

…schert sich an gewissen Tagen einen Dreck darum, ob sie sich daneben benimmt.

…freut sich schon fast ein wenig darüber, dass Karlsson wohl bald den Stimmbruch bekommt.

…achtet peinlich genau darauf, dass in den Vorratsschränken Ordnung herrscht.

…verzichtet ungeniert darauf, „Ihrem“ zum Geburtstagsfrühstück ofenfrische Brioches zu servieren, wenn die Zeit zum Backen nicht reicht. Ja, sie glaubt allen Ernstes, dass ein gemütliches Frühstück mit trockenen Croissants vom Bäcker mehr Wert ist, als perfekte Brioches mit Gehetze.

Kenne ich diese Frau?

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Werden

Zuerst stand da die Erkenntnis, dass Gemüsebau in Töpfen nichts ist für Menschen, die nach der ganzen Arbeit gerne etwas ernten möchten. Von da war es nicht weit bis zur Idee, anstelle der Töpfe ein Hochbeet ins Gewächshaus zu stellen. Wo wir schon dabei waren, endlich einen Teil der  hässlichen rechteckigen Steine aus dem Boden zu lösen, um Platz zu schaffen für einen Gartenteich, konnte man ja gleich mit dem Gedanken spielen, das Hochbeet aus diesen Steinen zu bauen. Und weil die Kinder für einmal ganz ohne Gemotze Steine schleppten, stand da plötzlich eine saubere Hochbeet-Umrandung im Gewächshaus. Ein Blick ins Internet rief mir in Erinnerung, dass man als unterste Schicht kein Häckselmaterial benötigt, sondern Zweige, Gartenabfälle und Laub. Zweige, Gartenabfälle und Laub türmen sich gerade vor unserem Gartenzaun, also mussten sie nur noch den Weg ins Gewächshaus finden. Kompost für die nächste Schicht haben wir mehr als genug, dazu noch einen Rest Wachtelmist. Zum Schluss noch 240 Liter frische Erde drüber und plötzlich hatten wir, ohne es geplant zu haben, ein neues Hochbeet. Und das zum Spottpreis von 13 Franken.

Ich liebe es, wenn etwas Neues entsteht, ohne dass man Neues dafür kaufen muss.

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Motivationsgeschwätz

„Bloss kein Theater jetzt! Die paar Stunden Gartenarbeit werden euch kaum schaden. Ja, ich weiss, ihr habt Ferien, aber wir haben euch immerhin ausschlafen lassen. Und am Samstag machen wir einen Ausflug. Nein, ihr braucht keine Belohnung für euren Einsatz, wir sind eine Familie und da hilft man einander eben. Es macht doch Spass, hier an der frischen Luft zu sein. Die Bewegung wird euch gut tun. Jetzt motzt doch nicht die ganze Zeit. Was glaubt ihr denn, wie es war, als ich in eurem Alter war? Die ganzen Herbstferien Holz spalten, von Morgen früh bis abends, keine Freizeit und mein Vater war schlecht gelaunt. Die ganze Familie, auch diejenigen, die nicht mehr zu Hause wohnten. Warum wir Holz spalten mussten? Na, wie denkt ihr, haben wir den ganzen Winter das Haus geheizt? Mit Holz natürlich. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie kalt es frühmorgens im Haus war. An die Arbeit jetzt, wir machen das ja auch für eure Haustiere und für das Gemüse, das ihr nächsten Sommer wieder essen werdet. Schluss jetzt mit Trödeln, wir haben noch einen ganzen Berg Arbeit vor uns und ohne eure Hilfe schaffen wir das nicht bis Ende der Ferien…“

Je mehr Teenager-Mama ich werde, umso unsympathischer werde ich mir selbst mit meinem Motivationsgeschwätz…

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Gemischtwarenladen

Als ich mich zu Beginn der Gartensaison auf die Suche nach meinem ersten Paar Gummistiefel machte, musste ich ziemlich lange suchen, ehe ich fündig wurde. Gut, das lag nicht nur am Angebot, sondern auch an meinem Anspruch, dass Gummistiefel schön sein sollten. Am Ende liess ich mich trotz horrender Portokosten dazu verführen, einen Direktimport aus dem Gummistiefel-Paradies – besser bekannt unter dem Namen „Grossbritannien“ – zu tätigen. Neulich nun stellte ich fest, dass ich auch einfacher zu schönen Stiefeln hätte kommen können: Ich hätte bloss in die nächste Buchhandlung gehen müssen.

Ja, richtig gelesen. In der Buchhandlung verkaufen sie Gummistiefel. Und Rucksäcke. Und Tee. Und Regenschirme. Und Windlichter. Und Gartenwerkzeug. Und Mobiles. Und Kuscheltiere. Und Backformen. Und Blumentöpfe. Und Spardosen. Und Spielsachen. Und Schürzen. Und Halsketten. Alles bekommt man dort, sogar Bücher. 

Vielleicht bin ich altmodisch, aber diese Entwicklung nervt mich gewaltig. Wenn ich in eine Buchhandlung gehe, steht für mich das Buch im Zentrum und nicht das wunderschöne Paar Gummistiefel, das alle Blicke auf sich zieht. Ich möchte durch fesselnde Literatur in Versuchung geführt werden und nicht durch bunten Schnickschnack, der – ich geb’s ja zu – äusserst schön anzusehen ist. Ich möchte Bücher aus dem Regal ziehen, ohne die elegante Etagère, die davor steht, zu Fall zu bringen. Wenn ich ein Kind dabei habe, möchte ich, dass es wegen der bunten Auswahl an Kinderbüchern in Verzückung gerät und nicht wegen der coolen Lego-Packung.

Klar, es ist durchaus praktisch, alles an einem Ort vorzufinden, doch für Praktisches bevorzuge ich das Warenhaus. Oder meine importierten Gummistiefel. In der Buchhandlung aber will ich ganz und gar Unpraktisches: Bücher, die mich inspirieren, zum Nachdenken anregen, zum Träumen verleiten, herausfordern, zum Lachen bringen… 

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Heute investiert

75 Minuten und 110 Blumenzwiebeln in einen bunteren Frühling. 

6,5 Minuten in die botanische Erziehung des Prinzchens und seines besten Freundes. („Zuerst mit dem Ende des Kochlöffels ein Loch in die feuchte Erde graben…Nein, noch etwas tiefer…noch etwas tiefer…Halt! So tief nun auch wieder nicht…jetzt die Blumenzwiebel rein, zudecken und das nächste Loch graben. Nein, nicht hier, hier habe ich schon eine gesetzt….Ihr mögt nicht mehr? Die hier noch, dann seid ihr fertig. Bringt den Kochlöffel wieder nach oben, den brauche ich noch. Nein, das machst du. Ja, ich weiss, du hast Rückenschmerzen von der harten Arbeit, aber glaub mir, das habe ich auch und mein Rücken ist bedeutend älter als deiner….“)

125 Gedanken und drei Gesprächsminuten mit „Meinem“ in eine verbesserte Nutzung des Gewächshauses. 

18 Gedanken in die Optimierung der Melonengrösse. Nicht, dass ich es übertreiben möchte, aber ich habe das Gefühl, dass für eine ausgereifte Tigermelone auch etwas mehr als 5 Zentimeter Durchmesser drinliegen.

39.80 Fr. in ein Verbessertes Raumklima und damit unendlich viel in das Wohlbefinden unserer Gäste, die den Geruch unserer Katzen durchaus noch wahrnehmen, wenn sie die Wohnung betreten.

Eine mit Curry-Blumenkohl belegte Piadina in die Liebesbeziehung zwischen dem Zoowärter und dem genannten Gemüse.

2 Stunden in das Anlegen eines Pfirsich-Wintervorrats. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an unseren Nachbarn, der seinen Pfirsich-Überfluss mit uns teilt. Ja, wir haben auch anständige Nachbarn, nicht nur solche, die immer gleich die Polizei rufen.

2 Kilo zukünftiger Essiggurken in das Glück meines Mannes. Und meiner Kinder, falls „Meiner“ etwas für sie übrig lässt.

Je einmal ausschlafen und einmal Mittagsschlaf in die Bekämpfung meiner Dauermüdigkeit.

30 Minuten in ein glücklicheres Leben unserer Wachteln.

Viel Arbeit, ein bisschen Shopping und noch mehr Abwechslung in die Verhinderung meiner üblichen samstäglichen Misere. 

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Arbeits-Wellness-Haushaltsmorgen

Nein, ich habe es bei Weitem noch nicht im Griff, wie es sich geschickt mit neu gewonnener Freiheit, Heimarbeit und Haushalt jonglieren lässt. Heute ein Versuch, den ich wohl nicht zum letzten Mal unternommen habe:

Vor dem Frühstück ein kurzer Spaziergang zum Kindergarten, ein Abstecher zur Bäckerei und dann ein Blitz-Frühstück mit Karlsson, der erst um neun Schule hat. Danach eine erfrischende Runde ums Haus – Wachtelkäfig abdecken weil Regen droht, Nacktschnecken-Versalzen und Altpapier vor dem Gartentor aufstapeln – und dann ein Gang in den Keller, um die Sauna einzuschalten. Währenddem der Saunaofen sich aufheizt, skizziere ich oben eine kleine Artikelserie, schreibe einleitende Sätze und verlinke, was sich bereits verlinken lässt. Nach vierzig Minuten Arbeit ist die Sauna heiss, ich geniesse die Ruhe und mache mir Gedanken über den Inhalt der einzelnen Artikel. Dies erfordert ein Eintauchen in eine längst vergangene Zeit, als ich heulend mit einem Stillkind auf dem Sofa sass, Staubfusseln anstarrte und dachte, so würde es bis an mein Lebensende bleiben. Nach fünfzehn Minuten ist genug geschwitzt und die einzelnen Texte haben in meinem Kopf Form angenommen. Wieder oben schreibe ich weiter, bis es Zeit wird, das Mittagessen in den Ofen zu schieben. Eine Schrecksekunde lang glaube ich, der Gusseisentopf, der noch von meiner Grossmutter stammt, die ich nie gekannt habe, hätte ein Loch, aber es stellt sich heraus, dass nur das billige Litermass, mit dem ich Wasser eingefüllt habe, eine undichte Stelle hat. Als Bohnen, Kartoffeln und Speck im Ofen sind, gönne ich mir einen weiteren Saunagang, diesmal mit dem „Spiegel“. Nicht, weil ich sonderlich Lust auf Lektüre bei schummrigem Licht und ohne Brille hätte, sondern einfach, weil mir in unserer eigenen Sauna keiner verbieten kann, Zeitschriften zu lesen. Zum Schluss noch eine kurze Dusche und hinaus ins Regenwetter, um das Prinzchen abzuholen – für einmal ganz ohne Kater.

Rückblickend würde ich meinen Jonglierversuch als durchaus gelungen bezeichnen, auch wenn ich mir ein wenig vorkomme wie dieser hier:

Unknown  

Und hier noch der Text, der aus seinem Mund käme, hätte ich das richtige Bild gefunden: „Nun, ich hab‘ die erste Hälfte der ersten Platte fertig. Ich verschnauf‘ ein wenig, dann feg‘ ich die zweite Hälfte der ersten…Ich verschnauf‘ ein wenig, dann kommt die erste Hälfte der zweiten…ich versch…“
Im Detail nachzulesen bei „Asterix und der Arvernerschild“.

Wie ein ruhigeres Leben aussieht

6:50 Uhr: Sofort aus dem Bett, Karlsson findet seine Brille nicht, Luise hat noch Fragen zu den Hausaufgaben und der FeuerwehrRitterRömerPirat muss davon überzeugt werden, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist, seine neue Fechtausrüstung vorzuführen.

7:20 Uhr: Den Zoowärter wachrütteln, ohne das Prinzchen, der neben ihm schläft, aufzuwecken. Blockzeiten sind nämlich, auch wenn sie einmal eingeführt worden sind, nur relativ und darum hat das Prinzchen mittwochs kindergartenfrei. 

7:30 Uhr: „Meiner“ stellt fest, dass er nicht mit Karlssons Velo zur Schule fahren kann, weil das Gefährt zu klapprig ist. Der Bus ist auch schon weg und ich brauche später das Auto. Also doch Prinzchen wecken, anziehen und füttern, damit wir Papa zur Schule fahren können, sobald der Zoowärter auf dem Schulweg ist.

7:47 Uhr: Der Zoowärter findet seine Schuhe nicht, „Meiner“ wird allmählich nervös, weil demnächst der Unterricht beginnt.

8:00 Uhr: Gerade noch rechtzeitig liefere ich „Meinen“ in der Schule ab. Jetzt aber sofort nach Hause, unter die Dusche, Wachteln füttern und dann wieder los. Kater Leone soll heute kastriert werden.

8:45 Uhr: Leone lässt sich erstaunlicherweise ohne Widerstand in die Transportbox setzen, das Prinzchen hingegen muss noch ganz dringend ein paar Krankheiten erfinden, damit er nachher mit mir Spital spielen kann.

9:15 Uhr: Leone ist beim Tierarzt und ich kann mich an die Arbeit machen. Das Prinzchen zieht sich genau so lange in sein Spital zurück, bis ich zum Telefon greife, um einen wichtigen Anruf zu tätigen. Kaum habe ich die gesuchte Dame am Apparat, brüllt das Prinzchen los, weil ich nicht rechtzeitig zu meinem OP-Termin erschienen bin.

10:00 Uhr: Frisch operiert mache ich mich wieder an meine Arbeit. Das Prinzchen schläft nach getaner Arbeit neben mir ein und so bleibe ich ungestört bis zum Mittag.

12:15 Uhr: Das Mittagessen steht auf dem Tisch, Prinzchens bester Freund klingelt an der Tür, weil bei ihm niemand zu Hause ist,  also decken wir einen Teller mehr. Luise will über ihre Prüfung reden, Karlsson über seine neuen Lehrer, alle wünschen noch mehr Spiegeleier, es hat aber keine Hühnereier mehr, also haue ich 15 Wachteleier in die Pfanne.

12:30 Uhr: Erneut am Herd, weil die Kinder alles vertilgt haben und für „Meinen“ kein Mittagessen mehr da ist. 

12:45 Uhr: „Meiner“ kommt gerade rechtzeitig nach Hause, damit ich wieder weg kann. Prinzchen und FeuerwehrRitterRömerPirat ins Auto packen, zuerst Kinderzahnarzt, dann Kinderarzt, danach Tierarzt, um Leone abzuholen. 

15:30 Uhr: Sofort an die Arbeit, sonst muss ich wieder eine Spätschicht einlegen.

16:50 Uhr: Ultrakurzeinkauf, damit ich nicht zu spät ins Schwedisch komme. Natürlich steht wieder eine komplizierte Kundin vor mir an der Kasse und dann soll ich auch noch bei einer Umfrage mitmachen. Mache ich aber nicht.

17:25 Uhr: Kurzer Halt vor dem Haus, damit „Meiner“ die Einkäufe ins Haus schleppen kann und ab in den Feierabendverkehr. 

17:57 Uhr: Nach zwanzig Minuten im Stau überlege ich mir, ob ich der Schwedischlehrerin per SMS mitteilen soll, ich würde es heute nicht schaffen. Doch jetzt fahren sie wieder vor mir, also lasse ich das mit der SMS bleiben.

18:10 Uhr: Mit grosser Verspätung doch noch eine Verschnaufpause mit schwedischen Vokabeln,  Ausspracheregeln und einer Übung, in der wir einander auf Schwedisch von unserem Alltag erzählen.

19:10 Uhr: Schnell etwas essen, Anruf entgegennehmen und dann „Meinen“ ablösen, der allmählich die Geduld verliert, weil Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat einander stets von den Hausaufgaben ablenken. 

20:15 Uhr: Die meisten Kinder sind auf ihren Zimmern, Flucht in den Garten, wo die Wachteln auf Futter und die Pflanzen auf Wasser warten. Zum ersten Mal in diesem Jahr gibt es mehr Tomaten zu ernten, als ich mit beiden Händen fassen kann.

21:00 Uhr: Ein letztes „Jetzt ist aber wirklich Feierabend“ zu den Kindern, dann doch noch eine Spätschicht, weil ich mit der Arbeit nicht so weit wie vorgesehen gekommen bin. 

23:00 Uhr: Noch schnell die Nachrichten schauen, weil ich sonst nicht weiss, wie elend es auf dieser Welt zugeht. 

23:30 Uhr: Bloggen, um meinen Lesern zu beweisen, wie viel ruhiger mein Leben geworden ist, seitdem alle Kinder zumindest vormittags aus dem Haus sind. 

Ist doch wahr, so strukturiert wie heute war der Mittwoch früher nie.

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Vielleicht

Vielleicht hätte ich heute über meine Tomaten geschrieben, denen es vollkommen egal ist, dass ich mich nicht an alle Regeln der Gärtnerkunst gehalten habe und die nun reichlich Früchte tragen, auch wenn mein Tomatenbeet derzeit eher einem Urwald gleicht.

Vielleicht hätte ich auch darüber geschrieben, dass die fünf Kinder, die in kurzen Abständen in unser Leben gepurzelt sind, nun auch in kurzen Abständen immer selbständiger werden, so dass ich plötzlich das Gefühl habe, nicht mehr richtig ausgelaugt zu sein.

Vielleicht hätte ich auch über die Seniorinnen gewettert, die heute ohne jeden Grund unsere Kinder zurechtgewiesen haben, oder ich hätte von der Verkäuferin geschwärmt, die ganz begeistert war, weil „die Fünf ja alle ihrer Mama gleichen“.

Vielleicht hätte ich darüber geklagt, wie alt ich mich fühle, weil morgen mein Neffe, den ich doch eben noch zum hundertsten Mal mit Stofftier und Schoppenflasche ins Bett zurückgeschickt habe, Hochzeit feiert. 

Vielleicht hätte ich auch ganz aufgeregt davon berichtet, dass heute die zwei Bücher, an denen ich in den vergangenen Monaten gearbeitet habe, in Druck gehen.

Aber über all dies mag ich nicht berichten, denn ich ärgere mich so masslos über die peinlichen Versuche, die Fremdenfeindlichkeit in der Schweiz herunterzuspielen und ich weiss genau, dass ich darüber schreiben müsste, wie widerlich und beschämend ich das alles finde, aber mir fehlen dazu momentan einfach die Worte. 

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Zu Hause?

Natürlich fällt es mir jedes Mal schwer, wenn die Ferien zu Ende gehen, doch wenn die Koffer gepackt sind und wir im Zug sitzen, freue ich mich dann doch darauf, wieder zu Hause zu sein. Vielleicht ist es bloss eine Joghurtsorte, die ich im Ausland vermisst habe, vielleicht ist es auch ein unbequemes Bett, das mir die Rückkehr nach Hause erleichtert. Irgend eine Kleinigkeit finde ich immer, auf die ich mich freuen kann.

Fast immer. Diesmal halfen nämlich weder die Vorfreude auf Katzen, Wachteln und Garten noch die Aussicht auf eine endlich wieder stabile Internetverbindung. „Soll doch mein Leben nach Schweden kommen, ich habe nicht die geringste Lust, jetzt schon zu ihm zurückzukehren“, grollte ich, als sich der Zug Richtung Süden in Bewegung setzte.  Natürlich liegt dies zum Teil daran, dass ich seit Jahren nicht mehr so entspannt war wie in diesen viereinhalb Wochen, doch die Wurzeln meines Widerwillens, nach Hause zurückzukehren, liegen tiefer: Ich liege im Clinch mit meinem Herkunftsland.

Ausgeprägter Patriotismus war noch nie mein Ding, zurzeit aber muss ich darum ringen, überhaupt noch Gutes zu sehen. Denke ich an die Schweiz, dann kommen mir die Menschen in unserem Quartier in den Sinn, die wegen jeder Bagatelle die Polizei rufen – nicht nur wegen der Fensterscheibe, die der FeuerwehrRitterRömerPirat zertrümmert hat, sondern auch wegen Auswärtigen, die einfach so ihr Auto auf öffentlichen Parkplätzen abstellen, wenn sie im Quartier zur Arbeit gehen. Ich denke an das Totschläger-Argument „Das könnte unserer Wirtschaft schaden“, mit dem alles, was irgendwie anders wäre, als man es bisher gemacht hat, im Keim erstickt wird. Ich denke an das hohle Geschwätz von unserer „hohen Lebensqualität“, einer Lebensqualität, welche die Menschen scharenweise in den Wahnsinn treibt, wie auch immer dieser Wahnsinn aussehen mag. Ich denke an das vergiftete Klima, in dem jeder das Gefühl hat, der andere könnte ihm etwas von seinem Überfluss nehmen. Ich denke an das übersteigerte Selbstbewusstsein, mit dem wir uns einreden, bei uns sei fast alles besser als andernorts.

Ja, ich weiss, ich müsste daran denken, dass wir nicht nur mehr als genug zu Essen haben, sondern auch sehr gute Qualität und viel Abwechslung. Ich müsste daran denken, dass wir  nahezu unbegrenzte Möglichkeiten haben. Ich müsste daran denken, dass bei uns vieles sehr gut funktioniert und ich denke ja auch viel daran, doch irgendwie reicht mir das nicht mehr, um mich darüber zu freuen, wieder in dem Land zu sein, das meine Heimat ist. Vor allem, weil ich wieder einmal mit eigenen Augen gesehen habe, dass im verrufenen europäischen Ausland nicht alles so schlecht ist, wie man uns gerne glauben macht. 

Nun, wir sind wieder hier und ich werde Wege finden müssen, wieder gerne hier zu leben. Und bis ich diesen Weg gefunden habe, freue ich mich, dass es hierzulande an den Bahnhöfen Gepäckwagen gibt und dass mein Gemüse bei dem hier herrschenden Klima ganz prächtig gedeiht. 

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