Nähe

Je mehr Kinder man hat, umso schwieriger wird es wohl, im Alltag jedem gerecht zu werden. Wie schnell geschieht es doch, dass man das Anliegen des einen Kindes überhört, weil das andere so laut schreit. Wie oft sieht sich eines in eine Rolle hineingedrängt, weil die anderen es so haben wollen.

Wie oft werde ich im Alltag laut und merke nicht, wie sehr dies dem Zoowärter zu schaffen macht? Da unsere anderen Kinder ganz gut mit meinem Temperament klarzukommen scheinen, fällt mir kaum auf, dass der Zoowärter sich jeweils schnell zurückzieht, wenn ich mich im Ton verfehle. Jetzt aber, wo Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat nicht da sind, kann mir unser Zweitjüngster ganz offen sagen, wie sehr er darunter leidet, wenn man ihn anraunzt. Weil ich Zeit habe, ihm zuzuhören. Weil er nicht nach einem halben Satz schon wieder unterbrochen wird, sondern den Raum hat, auszureden. Wo Mama und Papa schon zuhören, kann man ihnen doch gleich noch erzählen, dass ihn mal einer im Kindergarten ausgelacht hat und dass ihn das traurig gemacht hat. Und dann noch ein paar andere Dinge, die ihn beschäftigen. Träume, Wünsche, Ängste, Lausbubenstreiche, die er sich mit dem Prinzchen ausgedacht hat…

Es sprudelt richtiggehend aus dem Jungen heraus und wir können nicht anders, als unsere Kleinfamilienzeit zu geniessen. Auch wenn die Grossen nicht nur uns Eltern, sondern auch den zwei Jüngsten allmählich fehlen. Woran ich das erkenne? Der Zoowärter sagt beim Einkauf nicht mehr alle zwei Sekunden „Mama, kaufst du mir das?“, sondern „Mama, das könnten wir doch dem FeuerwehrRitterRömerPiraten schenken.“ Und wenn ich nein sage, weint er fast so laut, als hätte er nichts bekommen.

Halt, nicht so schnell!

Jetzt sind sie also weg, die drei Grossen. Tagsüber fällt mir das kaum auf, denn auch an gewöhnlichen Tagen kommt es immer öfter vor, dass die grösseren Kinder ihre eigenen Wege gehen. Abends aber, wenn der Zoowärter und das Prinzchen schlafen und keiner mehr aus dem Bett kommt, weil er die Hausaufgaben vergessen hat, wenn oben niemand mehr Geige oder Querflöte übt, wenn wir uns vollkommen ungestört einen Film reinziehen können, dann löst die ungewohnte Stille gemischte Gefühle aus bei mir.

Einerseits ist es ganz nett, ausnahmsweise mal in ganz normaler Lautstärke reden zu können, weil man nicht eine ganze Kinderschar zu übertönen hat. Endlich kann auch der Zoowärter einmal zu Wort kommen, was er ungemein schätzt. Glaubt mir, das Kind produziert wahre Monstersätze, wenn es mal nicht andauernd von seinen grossen Geschwistern unterbrochen wird. Wir Eltern haben nicht nur die Ohren frei, sondern auch die Hände und so kommt es, dass der Zoowärter seit heute Nachmittag fast ohne Hilfe Fahrrad fährt. Das Prinzchen bekommt derweilen auf seine Fragen ganz ernsthafte Antworten anstelle der absurden Wahrheitsverdrehungen, welche Karlsson seinem leichtgläubigen kleinen Bruder so gerne auftischt.

Dies ist die eine Seite, die andere ist die leise Melancholie, die mich beschleicht, wenn ich daran denke, wie leer unser Haus in diesen Tagen ist. Es kommen Erinnerungen hoch an einen Sommer vor vielen Jahren, als ich eine ganze Woche lang Einzelkind war, weil alle grossen Geschwister in Ferienlagern oder mit Freunden unterwegs waren. Nun gut, ganz soweit sind wir noch nicht, aber wenn ich bedenke, dass der Zoowärter übernächstes Jahr auch schon mit ins Lager fahren kann, dann kann ich mir schon sehr lebhaft vorstellen, wie „Meiner“ und ich ganz alleine mit dem Prinzchen die Sommertage totschlagen werden. So, wie meine Eltern damals mit mir.

Es sind keine schlechten Erinnerungen, die ich an jene Sommertage habe, aber ein gewisses Unbehagen überkommt mich dennoch, wenn ich daran zurückdenke. Weil ich mich noch sehr genau daran erinnere, wie alt meine Eltern in meinen Augen damals waren. Und weil ich das Gefühl habe, zwischen jenen Sommertagen und dem Tag, an dem ich mein Elternhaus verliess, liege nicht viel mehr als ein Augenblick.

Die Sache mit dem Loslassen geht mir einfach viel zu schnell…

Auf zur zweiten Runde

Das Prinzchen ist noch nie mit einer Seilbahn auf einen Berg gefahren, der Zoowärter schon, aber er kann sich nicht mehr daran erinnern. Familienhotels, Restaurantbesuche, spontane Ausflüge ins Wellness-Bad, das alles kennen sie nicht, denn mit fünf Kindern gehen solche Dinge ganz schön ins Geld. Die Schlösser und Burgen in der Region kennen sie nur vom Hörensagen, im Zirkus waren sie noch nie und ein Zoobesuch ist noch ein Attraktion, weil sie so selten dort waren. Sie wissen nur ansatzweise, woher die kleinen Kinder kommen, weil sie keine Erklärung brauchten, weshalb Mamas Bauch plötzlich so rund ist. Die grossen Fragen des Lebens bekommen sie oft von den grossen Geschwistern beantwortet und das klingt dann so: „Ja, wisst ihr denn nicht, dass euch der Storch gebracht hat? Mama und Papa mögen euch zwar etwas anderes erzählt haben, aber das stimmt nicht. Wir waren dabei, es war alles ganz anders…“

Keine Frage, unsere zwei Jüngsten wachsen anders auf als unsere drei älteren Kinder. Für gewisse Dinge sind wir Eltern zu bequem geworden, einiges erklären wir nicht mehr, weil wir unbewusst denken, was die Grossen wissen, wüssten auch die Kleinen, anderes haben wir schon so oft getan, dass uns gar nicht mehr auffällt, dass die beiden Jüngsten noch nie dabei waren und manchmal wissen wir schlicht nicht, woher wir das Geld nehmen sollten, wollten wir allen Kindern das bieten, was wir uns noch leisten konnten, als unsere Familie noch kleiner war.

Wir machen das nicht bewusst so, es geschieht wohl einfach, wenn man mehrere Kinder hat. Dennoch haben wir uns fest vorgenommen, dass wir in diesem Sommer, wenn die drei Grossen im Ferienlager sind, einige der Lücken schliessen wollen. Wir müssen dem Zoowärter und dem Prinzchen nur noch einbleuen, dass sie ihren grossen Geschwistern nichts davon erzählen. Bekommen die drei nämlich Wind von der Sache, dann wird der Protest gross sein. „Mit uns habt ihr sowas nie gemacht. Wir mussten immer nur aufräumen!“, werden sie jammern. Denn natürlich haben sie schon längst vergessen, was wir alles mit ihnen unternommen haben. Sie waren ja noch so klein damals…

 

Gegensätzlich

„Prinzchen, welches ist dein Lieblingstier?“

„Babytiere mit Fell, erwachsene Tiere mit Fell, Babytiere ohne Fell, erwachsene Tiere ohne Fell. Babyameisen auch. Und grosse Ameisen.“

Sein grösser Bruder hingegen kennt diese allumfassende Tierliebe nicht. „Mama, ich kann nicht mehr im Garten spielen, ich habe ein Tier gesehen.“

„So schlimm wird es wohl nicht sein. Wie sieht es denn aus, das Tier?“

„Es ist ganz klein und schwarz. Ich geh nicht mehr in den Garten…“

„Wie klein denn? Etwa wie eine Spinne?“

„Nein, kleiner. Aber ich kann trotzdem nicht mehr weiter draussen spielen.“

„Komm, wir schauen mal, was es ist.“

Mit einem ziemlich verängstigten Zoowärter im Schlepptau gehe ich in den Garten.

„Wo ist denn nun das Tier?“

„Dort drüben, auf dem Gartentisch.“

Auf den ersten Blick erkenne ich nichts, dann, bei näherem Hinsehen sehe ich endlich, was den Zoowärter so beunruhigt hat: Eine Marienkäferlarve.

Nun ja, die sind bekanntlich ziemlich gefrässig, aber ich bezweifle dennoch, dass eine einzelne Larve mit dem Zoowärter fertig wird.

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Noch ein paar Alltagsfreuden

Vielleicht werde ich ja allmählich sentimental, aber ich habe schon wieder ein paar Freuden im oft so anstrengenden Alltag entdeckt:

1. Am Morgen mit den Kindern zur Mühle fahren, Mehl in allen möglichen Varianten kaufen, auf dem Heimweg Dinkelherzen mit Schokoladenüberzug auf der Zunge zergehen lassen und mich an den Kommentaren der Kinder freuen: „Die sind ja wirklich besser als Maltesers!“ oder „Mama, findest du nicht auch, dass die einen leichten Anis-Geschmack haben?“ oder – meine persönlicher Favorit – „Mama, willst du noch eins?“

2. Miterleben, wie sich der am Morgen gekaufte Hartweizendunst mit nur wenig Wasser vermischt in frische Pasta verwandelt. Das Surren der Teigwarenmaschine im Ohr, die warmen, geschmeidigen Spaghetti in der Hand, der Anblick eines Lebensmittels, das so viel schöner und unregelmässiger ist, als die Industrieware. 

3. Die frische Pasta im Teller. So unbeschreiblich gut, dass auch die Katze nicht widerstehen kann, ja, nicht einmal das Prinzchen.

4. Vier Kinder, die vergnügt im Auto sitzen und einander sagen, wie froh sie doch sind, Geschwister zu haben, denn ein Leben ganz ohne Brüder und Schwester, das kann man sich doch einfach nicht vorstellen. Ich meine sogar aus dem Mund des FeuerwehrRitterRömerPiraten den Satz „Ich hab‘ euch gern“ gehört zu haben, aber vielleicht bilde ich mir das bloss ein. 

5. Karlsson, der am Mittag verschwitzt und glücklich vom Training mit den Pontonieren nach Hause kommt und es kaum erwarten kann, am Dienstag wieder auf den Fluss zu gehen. Jawohl, die Rede ist hier von Karlsson „Ich hasse jede Art von sportlicher Betätigung“ Venditti!

6. Ein sehr müder Zoowärter, der nach einem Wutanfall fast in meinem Arm einschläft. Gibt es ein schöneres Gefühl? Nun ja, ohne vorangehenden Wutanfall wäre es noch etwas schöner gewesen…

7. Macadamianüsse.

8. Ein Prinzchen, das vor lauter Freude quietscht, weil ich mal wieder etwas zu schnell war in der Kurve.

9. Luises erstes Wachtelei, noch ganz warm, leicht klebrig und offenbar so gut, dass sie es gegessen hat, obsch0n sie gar keine Eier mag.

Nun möchte ich natürlich nicht, dass meine Leserschaft glaubt, bei uns sei plötzlich über Nacht die Idylle eingekehrt. Im Gegenteil, auch heute habe ich herumgebrüllt, auch heute hatten wir ein paar ziemlich heftige vorpubertäre Ausbrüche – oder waren die vielleicht schon pubertär? -, auch heute habe ich den Tag nicht ohne Mittagsschlaf und einigen tiefen Seufzern überstanden und zudem habe ich heute nach elfeinhalb Jahren Mutterschaft Bekanntschaft mit der Kinderkrankheit Ringelröteln geschlossen und dies gleich in dreifacher Ausführung. Bei weitem nicht perfekt also, aber immerhin so schön, dass ich mich das eine oder andere Mal dabei ertappt habe, wie ich lauthals gelacht habe. 

 

 

Brisante Fragen

Es kommt nicht so sehr aufs Thema an, das Muster ist stets gleich: Das Prinzchen sagt etwas so, wie ein Dreijähriger die Dinge eben sagt, der Zoowärter, der ja so viel älter und  weiser ist, korrigiert den kleinen Bruder, der kleine Bruder nimmt die Korrektur nicht an, der grosse Bruder wird wütend, insistiert, wird noch wütender, weil der Kleine noch immer nicht klein beigibt, irgendwann fliegen die Fäuste und dann werde ich als Schiedsrichterin auf den Plan gerufen. Hier einige Beispiele:

Prinzchen: „Der liebe Gott ist herzig.“

Zoowärter: „Nein, der liebe Gott ist nicht herzig, der ist manchmal böse.“

Prinzchen: „Nein, er ist herzig.“

Zoowärter: „Ist er nicht.“

Prinzchen: „Ist er doch.“

Zoowärter: „Nein, ist er nicht, du blöde Kuh!“

Und schon artet die theologische Diskussion in einen handfesten Glaubenskrieg aus. Was ja in der Geschichte der Christenheit nicht zum ersten Mal vorkommt.

Man kann das Spiel aber auch mit weniger brisanten Themen spielen. Heisst es Megaphon oder Megalophon? Schmecken Erbsen gut oder nicht? Darf ein Kind, das noch nicht im Kindergarten ist, aus einem Glas trinken, oder ist der Becher Pflicht? Ist es im Frühling wärmer oder im Herbst? Ist Bob der Baumeister cool oder blöd?

Und das brisanteste Thema überhaupt: Auf welche Seite müssen die Henkel der Tasse schauen? Wer jetzt glaubt, dies sei ein klassischer Konflikt zwischen Links- und Rechtshänder, der irrt. Die zwei sind nämlich beide links.  Zumindest in einer Sache sind sie sich einig.

Ich will ja nicht sagen dass…, aber…

In letzter Zeit sah ich mich öfters mal dem leisen Vorwurf ausgesetzt, man müsse bei der Familienplanung doch auch etwas Vernunft walten lassen und könne nicht einfach so gedankenlos Kinder auf die Welt stellen. Ich verstehe zwar, was die Leute damit sagen möchten und bis zu einem gewissen Grad stimme ich ihnen auch zu, aber es erstaunt mich doch sehr, dass ich dies jetzt, wo unsere Familienplanung abgeschlossen ist, vermehrt zu hören bekomme. Damals, als die Kinder eins nach dem anderen angepurzelt kamen, hätte ich das noch besser verstanden.

Wie gesagt, ich stimme diesen kritischen Aussagen bis zu einem gewissen Grad zu, denn es kann ja wohl nicht sinnvoll sein, weit über seine eigenen Kräfte hinaus ein Kind nach dem anderen in die Welt zu stellen. Und irgendwo sollte man ja auch noch die Zeit finden, sich jedem einzelnen dieser wunderbaren Geschöpfe anzunehmen. Dennoch überkommen mich immer grössere Zweifel an unserer festen Überzeugung, dass wir alleine wissen,  wie die richtigen Antworten zu den Fragen wann?, wie viele? und in welchem Abstand? lauten. Versteht mich bitte nicht falsch, ich bin nicht plötzlich ins Lager der Fundamentalisten gewechselt, die Verhütung verteufeln und die Frauen zu Gebärmaschinen degradieren wollen. Ich will auch keinen verurteilen, der die Familienplanung besser im Griff hat als „Meiner“ und ich es hatten, aber wenn ich mir unsere Bande manchmal anschaue, dann frage ich mich doch, was wohl gewesen wäre, wenn wir nicht einen gewissen Freiraum fürs Ungeplante gelassen hätten.

Wie hätte ich zum Beispiel eine der traurigsten Zeiten meines bisherigen Lebens überstanden, wäre da nicht das strahlende Lächeln des FeuerwehrRitterRömerPiraten gewesen, der nach rein rationalen Kriterien in viel zu kurzem Abstand zu Luise das Licht der Welt erblickt hatte? Wie hätte Luise, die fast zwei Jahre lang die Nacht zum Tag machte, je schlafen gelernt, wenn „Meiner“ und ich nicht den aberwitzigen Entschluss gefasst hätten, doch noch ein viertes Kind zu zeugen? Ich weiss auch nicht, wie wir auf diese Idee gekommen sind, aber der Zoowärter konnte bewirken, was weder Schlaftees, ein neues Bett, liebevolles Kuscheln, medizinische Untersuchungen noch schlaue Bücher bewirkt hatten: Von dem Tag an, als er zu unserer Familie stiess, schlief Luise wie ein Murmeltier und die Zeiten, in denen sie ihren Brüdern mitten in der Nacht Schokolade verfütterte und die Küche unter Wasser setzte, hatten schlagartig ein Ende. Welche Entscheide hätte ich getroffen, wenn nicht das Prinzchen in unser Leben geschneit gekommen wäre und mich und „Meinen“ damit zu einer ausgedehnten Denk- und Verschnaufpause gezwungen hätte? Damals konnte ich mir schlicht nicht vorstellen, woher wir die Kraft für ein weiteres Kind nehmen sollten und heute erkenne ich, dass wir genau in jener Zeit den Mut gefunden haben, Wege einzuschlagen, die wir wohl übersehen hätten, hätte nicht dieses kleine, kraftstrotzende Menschlein unsere Pläne auf den Kopf gestellt. 

Mit all dem will ich keineswegs sagen, dass man sich nun munter drauflos vermehren soll, ohne Rücksicht auf Gesundheit, Finanzen und Platzverhältnisse. Aber manchmal, wenn ich höre oder lese, wie jemand darlegt, weshalb ein Kind nur unter genau diesen Umständen, zu genau jenem Zeitpunkt und mit genau diesem Abstand zum Geschwisterkind richtig sein kann, dann frage ich mich insgeheim: „Woher willst du das denn so genau wissen?“ Und wenn ich lese, dass der Wahn nach dem „perfekten“ Kind mit dem „richtigen“ Geschlecht, den „besten“ Genen und der „schönsten“ Augenfarbe immer groteskere Züge annimmt, dann ertappe ich mich zuweilen gar bei dem ganz und gar altmodischen Gedanken, dass man die Kinder doch einfach nehmen soll, wie sie kommen. Ich hätte mir ja auch nie vorstellen können, dass ich als Mutter von vier Söhnen und einer einzigen Tochter glücklich sein könnte…

 

Und sie lieben sich doch…

Oh ja, sie wissen, wie man sich streitet, unsere fünf. Ein schräger Blick, ein falsches Wort und schon fliegen die Fäuste, oder es fliessen die Tränen, je nach Temperament und Tagesform. Ziemlich nervenaufreibend das Ganze, vor allem, weil sich das Spiel Tag für Tag in unterschiedlicher Besetzung und in variierender Heftigkeit wiederholt. Doch dann gibt es diese Tage, die so ganz anders sind. Tage, an denen die fünf zusammenhalten wie Pech und Schwefel.

Zum Beispiel heute, als für Luise so ziemlich alles schief ging. Es begann am frühen Morgen damit, dass ihr heiss geliebter Wachtel-Hahn namens Waldemar Leopold seine vier Hennen verliess und das Weite suchte. Schuld daran war Karlsson, der das Türchen einen Augenblick zu lange offen gelassen hatte. An normalen Tagen hätte Luise versucht, ihrem grossen Bruder den Hals umzudrehen und er hätte die Schuld an der Flucht weit von sich gewiesen. Aber heute war kein normaler Tag und darum machten sich die zwei sofort auf die Suche nach dem flüchtigen Waldemar Leopold. Nun ist es leider so, dass es auf dieser Welt Erwachsene gibt, die der festen Überzeugung sind, dass freilaufende Kinder immer Böses im Schilde führen. Einem solchen Erwachsenen begegneten unsere Kinder bei der Suche. Luise, für die dieser Erwachsene nur unter dem Titel „der böse Mann“ läuft, suchte entsetzt das Weite, als sie ihn sah, Karlsson aber stellte sich ihm tapfer entgegen und erklärte, dass sie nur einen entlaufenen Wachtel-Hahn suchen würden. Es nützte nichts, der Mann machte die Kinder trotzdem zur Schnecke, was zur Folge hatte, dass nun auch der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter sich in die Suche einschalteten. Soll doch kein Erwachsener glauben, er könne die Jungs daran hindern, ihrer Schwester zu helfen…

Nun, die Suche war leider erfolglos, Waldemar Leopold blieb verschwunden und hätte sich kein Unfall ereignet, so wäre Luise wohl doch noch auf den Gedanken gekommen, Karlsson mit Vorwürfen zu überschütten. Aber es ist  hinlänglich bekannt, dass ein Unglück nicht gerne alleine bleibt und so war es eigentlich nicht erstaunlich, dass die Nachbarin nach dem Abendessen mit einer weinenden Luise, welcher das Blut über die linke Wange strömte, in der Küche stand. Das arme Kind hatte beim Velofahren nicht mehr bremsen können, ausgerechnet heute, wo sie keinen Helm trug. Luises Gehirn war erschüttert, ihre Brüder ebenso. Der FeuerwehrRitterRömerPirat griff sogleich zu Papier und Bleistift, um den Unfall bildlich festzuhalten, danach streichelte er seine weinende Schwester liebevoll und holte ihr ohne Murren alles, was sie von ihm brauchte. Der Zoowärter erinnerte sich indessen an das Bibelwort, dass man mit den Weinenden weinen solle und das Prinzchen berichtete ganz verstört dass „meine Schwester ganz fest blutet“. Am schlimmsten aber erwischte es Karlsson, der es kaum ertragen konnte, dass Luise, die er an gewöhnlichen Tagen so gerne piesackt, heute so viel einstecken musste. Wieder und wieder entschuldigte er sich unter Tränen für seine Unachtsamkeit, wieder und wieder beruhigte ihn Luise, die vor lauter Schmerzen kaum reden konnte. 

Als abends später als gewöhnlich endlich Ruhe eingekehrt war, hätte man eigentlich erwarten können, dass „Meiner“ und ich ziemlich geschafft wären. Waren wir auch, aber nicht ganz so schlimm wie sonst, denn wenn die fünf zusammenhalten ist das Leben eindeutig leichter, als wenn man alle drei Minuten den Schiedsrichter machen muss.

Streitkultur

Der FeuerwehrRitterRömerPirat, der Zoowärter und das Prinzchen sitzen im Eingang und diskutieren über eine Duplo-Blume.

Zoowäter: „Diese Blume gehört mir, die habe ich einmal zu Weihnachten bekommen.“

Prinzchen: „Nein, diese Blume gehört mir. Sie gehört zu meinem Duplo-Haus. Ich habe sie zum Geburtstag bekommen.“

Zoowärter: „Nein, ich habe sie bekommen. Sie gehört zu meinen Duplos!“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Nein, Zoowärter, diese Blume gehört dem Prinzchen. Deine Blume ist nicht pink.“

Zoowärter: „Diese Blume ist nicht pink, sie ist rosarot.“

Prinzchen: „Ja, sie ist rosarot.“

FeuwerwhrRitterRömerPirat: „Nein, sie ist pink.“

Zoowärter und Prinzchen: „Nein, rosarot, nicht pink!“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Pink! Pink! Pink! Pink!…“

Zoowärter und Prinzchen: „Nein, sie ist rosarot und sie gehört mir!“

Prinzchen: „Nein, mir!“

Zoowärter: „Nein, mir!“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Sie ist pink und gehört dem Prinzchen.“

Zoowärter: „Sie ist rosarot und gehört mir!“

Prinzchen: „Sie ist nicht pink und gehört mir!“

Vermutlich wären sie noch immer am Diskutieren, hätte nicht der Älteste der drei irgendwann die Fäuste sprechen lassen. Wem die Blume gehört und ob sie nun pink oder rosarot ist, bleibt weiterhin unentschieden, aber dass der FeuerwehrRitterRömerPirat die schlagendsten Argumente hat, daran zweifelt jetzt keiner mehr.

Wochenendpläne

Dieses Wochenende hauen wir mal wieder so richtig auf den Putz. Wir lassen es krachen, wie es nur Grossfamilien krachen lassen können. Zum Aufwärmen hatten wir heute Abend schon einmal eine fliegende Übergabe, als ich zu spät von der Arbeit nach Hause kam und „Meiner“ gleich wieder weg musste, danach eine sich übergebende Luise – farblich perfekt abgestimmt auf das frisch bezogene Elternbett -, ein Prinzchen mit Durchfall und einen streitlustigen Karlsson, der sich nach fünf Tagen Kranksein endlich wieder ins Familienleben einbringt. Nach dieser Einstimmung kommt auch bei mir allmählich Partystimmung auf, mein Magen grummelt bereits verheissungsvoll.

Ob wir uns heute Abend überhaupt schlafen legen, oder ob wir die ganze Nacht durchfeiern, ist noch offen. Klar ist, dass es bereits in den frühen Morgenstunden weitergehen wird. „Meiner“ wird von dem ganzen Spass zwar wenig mitbekommen, da er den ganzen Tag unterwegs ist, dafür aber werde ich umso mehr davon abbekommen. Zuerst einmal ein Auftritt mit der Musikgrundschule für den FeurwehrRitterRömerPiraten, danach der heldenhafte Versuch, ihm ebenso viel Zeit beim Ausprobieren der verschiedenen Musikinstrumente zu schenken wie damals seinen beiden grossen Geschwistern. Ob die anderen einander währenddessen auf dem Spielplatz die Köpfe einschlagen, oder ob sie zu Hause über der Kloschüssel hängen werden, haben wir noch nicht entschieden, aber es wird ganz bestimmt lustig. Vor allem, weil ich um halb zwölf noch einen netten kleinen Termin habe. 

Wie wir den Rest des Wochenendes verbringen, ist noch nicht ganz klar, aber ich denke mal, dass wir uns einfach von einem Vergnügen zum nächsten treiben lassen. Um die Gäste, die wir am Sonntag eingeladen haben oder den Menschenstrom gegen Atom, der ebenfalls im Kalender eingetragen ist, werden wir uns nicht kümmern müssen, denn im Rausche der Schwindelanfälle und der Aufwisch-Orgien werden wir alles andere um uns herum vergessen. Sicher werden wir auch die eine oder andere Auseinandersetzung geniessen, denn gesundheitlich leicht angeschlagen streitet es sich am schönsten. 

Was immer die kommenden zwei Tage noch bringen werden, am Montag werden wir mit dunklen Augenringen zur Arbeit erscheinen und verkünden: „Dieses Wochenende war echt der Hammer! Mir brummt noch heute der Schädel…“ Ich bin mir bloss nicht so sicher, ob die anderen uns beneiden werden…