Endlich darf ich…

„Hanni und Nanni“, das war eine der verbotenen Sehnsüchte meiner Kindheit, so verboten wie Schnapspralinen, Fernsehen und Barbie. Nun ja, eigentlich noch verbotener. Bei den Schnapspralinen war nur das Gesetz dagegen, das Fernsehverbot wurde alle vier Jahre, wenn Fussball WM war und mein Vater einen Fernseher mietete, umgangen und das Barbie-Verbot – das strengste der drei – war ein mütterliches Verbot. Also wirklich ziemlich streng, aber eben, nicht so streng wie das „Hanni und Nanni“-Verbot. Dieses war nämlich nicht nur ein schwesterliches Verbot, sondern ein grossschwesterliches und damit drohte jeder kleinen Schwester, die auch nur zum Scherz einen „Hanni und Nanni“-Band zur Hand genommen hätte, die Höchststrafe: grosschwesterliche Verachtung, Hohn und Spott. Schlimmer geht’s nicht, wenn man zehn Jahre alt und darum bemüht ist, so zu werden wie die grossen Schwestern. Dass diese „Hanni und Nanni“ nur deshalb doof finden konnten, weil sie es selbst einmal mit Begeisterung gelesen hatten und nun über den Leidenschaften ihrer Kindheit zu stehen glaubten, daran dachte ich natürlich nie und deswegen verbat ich es mir, den einzigen Band, der in unserem Bücherregal stand, auch nur anzurühren. Gewollt hätte ich ja schon, aber eben, wenn sie mich erwischt hätten…

Jetzt endlich darf ich, denn jetzt will Luise und mag die dicken Schmöker, die sie beim Ausmisten der Schulbibliothek entdeckt hat, noch nicht alle selber lesen. Also darf ich vorlesen. Oder muss. Denn bereits nach den ersten paar Seiten war mir klar, dass sich bei „Hanni und Nanni“, wie bei so vielen Dingen in diesem Leben, das Sehnen nicht gelohnt hat. Okay, mag sein, dass mein hartes Urteil etwas verfrüht kommt, immerhin haben wir noch 5 3/4 Sammelbände vor uns. Aber nach dem ersten „O Mami, lass uns doch mit Mary und Fränzi in die Ringmeer-Schule gehen“ und den ersten zwei „Streichen“ – Hanni, die sich als Nanni ausgibt, um trotz Verbot in die Stadt zu gehen und die Sache mit dem Aufsatz, der erst nach der Schlafenszeit abgegeben wird – dämmerte mir, dass das Vorlesen ein ziemlicher Kampf werden könnte. Ein Kampf gegen den Schlaf.

Was ich denn erwartet hätte, fragt ihr? Nun, bestimmt keine grosse Literatur. Und schon gar kein spritziges Kinderbuch wie „Karlsson vom Dach“.  Ich hatte nur erwartet, was man von verbotenen Früchten eben so erwartet: Nervenkitzel, Spannung, den einen oder anderen bissigen Seitenhieb zwischen den Zeilen, Spass eben.  Hier aber stehen die zwei Möchtegern-Missetäterinnen bereits reuig vor der Oberlehrerin, bevor überhaupt ein Anflug von Spannung aufgekommen ist und vor weiteren 2000 Seiten in dieser Manier graut mir. Deshalb eine Frage an all jene Leserinnen, die in ihrer Kindheit keinem „Hanni und Nanni“-Verbot unterworfen waren: Wird das noch besser oder habe ich jetzt ein gutes Mittel gegen Schlaflosigkeit im Haus? 

Nun ja, vollkommen schlecht reden muss ich die Sache ja nicht. Immerhin habe ich so endlich wieder mal die Gelegenheit, mich mit meiner stets grösser werdenden Luise zum Vorlesen aufs Bett zu kuscheln. Und wenn dann noch die Jungs dazu kommen, umso schöner...

Neulich am Esstisch

Mama: „Prinzchen, nimm sofort deine Füsse vom Tisch!“

Prinzchen: „Nei, dörf Füess uf de Tisch.“

Mama: „Nein, Prinzchen. Du darfst deine Füsse nicht auf den Tisch legen. Nimm sie sofort runter, wir sind am Essen.“

Prinzchen: „Nei, dörf Füess uf de Tisch.“

Mama: „Aber wir anderen legen unsere Füsse auch nicht auf den Tisch.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Aber der Papa und du, ihr macht das manchmal auch!“

Mama: „Aber ganz bestimmt nicht auf den Esstisch. Auf den Salontisch ja, aber dort dürft ihr auch. Also, Prinzchen, jetzt nimmst du sofort deine Füsse vom Tisch.“

Prinzchen: „Nei, dörf Füess uf de Tisch.“

Zoowärter: „Aber Prinzchen, ein Dinosaurier legt doch seine Füsse nicht auf den Tisch!“

Prinzchen, leicht verwirrt: „Hät gar kei Tisch gää bi Dinosaurier.“ (Frei übersetzt: Die Dinos hatten noch gar keine Tische, du Blödmann!)

Zoowärter: „Ja, aber wenn sie Tische gehabt hätten, dann hätten sie ihre Füsse nicht draufgelegt, weil das ganz gruuusig ist.“

Das Prinzchen denkt nach, nimmt seine Füsse vom Tisch und murmelt vor sich hin: „Hät gar kei Tisch gää bi Dinosaurier…“

Ich ghöre es Glöggli…

Zoowärter und Prinzchen können nicht einschlafen. Oder wollen vielleicht auch nicht. Zeit, den Feierabend mit dem guten alten Schlaflied einzuläuten. „Ich ghöre es Glöggli, das lüütet so nett. De Tag isch vergange…“ singe ich, da unterbricht mich das Prinzchen. Wohin denn der Tag gegangen sei, will er wissen. Tja, was soll ich da antworten? Wo ich doch selber nicht weiss, wohin sich die vierundzwanzig Stunden, in denen so viele Dinge hätten Platz finden sollen, schon wieder aus dem Staub gemacht haben. Eben lagen sie noch vor mir, vielversprechend und unverbraucht, und schon sind sie wieder weg, aufgebraucht, verlebt und bereits nahezu vergessen. Die Zeit reichte für weniger, als geplant, Vieles blieb liegen, muss verschoben werden auf die nächsten vierundzwanzig Stunden, die man doch eigentlich mit anderen Dingen hätte füllen wollen. Anderes kam ganz unerwartet hinzu, nicht alles davon willkommen – der Familienkrach beim Mittagessen zum Beispiel, der hätte mir gestohlen bleiben können. Aber auch einige Lichtblicke, die sich nicht planen lassen: Gelächter mit Karlsson und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, ein gemütlicher Schwatz mit „Meinem“, ein gelungenes Gemüsecurry und dann eben „Ich ghöre es Glöggli“ mit unseren beiden Jüngsten.

Und dann diese Prinzchen-Frage: Wohin ist er gegangen der Tag? Ich weiss es nicht, mein Prinzchen. Er ist weg und kommt nicht wieder. Was zwar einerseits schade ist, andererseits aber auch ganz gut, denn ich fürchte, wenn ich ihn wieder zurückholen könnte, ich würde bloss versuchen, all das, was liegengeblieben ist, auch noch reinzustopfen. Aber das sage ich dem Prinzchen nicht. Ich lasse ihn lieber mit der Antwort des Zoowärters ins Bett gehen: „Der Tag ist dorthin gegangen, wo es noch hell ist. Weisst du, dort hinten am Himmel, wo man das Licht sieht.“

Ach, und jetzt hätte ich doch beinahe übersehen, dass ich soeben meinem 1000. Blogpost verfasst habe. Ziemlich viel, wenn man bedenkt, dass ich eigentlich davon ausgegangen war, dass ich die Sache spätestens nach drei Wochen wieder aufgeben würde…

So geht das nicht

Weisst du, mein Prinzchen, ich kann durchaus verstehen, dass du als beinahe Dreijähriger gewisse Allmachtsfantasien entwickelst. Wer es schafft, den grossen Bruder zum Heulen zu bringen, wer den Papa so lange bestürmt, bis er ja sagt zum Eis, auch wenn noch fast das ganze Mittagessen auf dem Teller liegt, wer den Zoowärter so lange bezirzen kann, bis er seinen Keks freiwillig teilt, der sollte es doch eigentlich auch fertigbringen, die Mama vom Fleck zu bewegen, denkst du. Nun liegst du ja nicht ganz falsch in deiner Annahme, mein Sohn, bloss setzt du den Hebel am falschen Ort an. Mama bewegt sich nicht vom Fleck, wenn man an ihr herumzerrt, dabei laut heulend eine unverständliche Forderung von sich gibt und in einem Akt von Verzweiflung versucht, die Frau, die dich im Bauch getragen hat, gegen das Schienbein zu treten. Okay, wenn du lange genug schreist, kann es schon mal sein, dass ich aus lauter Sehnsucht nach Ruhe nachgebe, aber dein Versuch, mich auch physikalisch von meinem Standpunkt wegzubewegen, ist zum Vornherein zum Scheitern verurteilt. Zumindest, solange ich noch ein Mehrfaches von dir wiege. Und ich hoffe doch sehr, dass du dich dereinst, wenn du schwerer sein wirst als ich, nicht mehr schreiend auf dem Fussboden windest, weil ich mich weigere, die Milch in den Abfluss zu kippen, bloss weil es dir nicht passt, dass ich zuerst die Milch, dann den Kakao eingefüllt habe. Nein, mein Prinzchen, auch wenn du kleiner Kerl dir eine beachtliche Machtposition in unserer Familie erkämpft hast, was die körperliche Kraft anbelangt, bist du den meisten noch unterlegen und darum ist es wirklich eine Energieverschwendung, an mir herumzuzerren.

Und eigentlich wüsstest du sehr genau, welche Waffen du einsetzen musst, wenn du willst, dass dir die Mama aus der Hand frisst. Hast du denn schon wieder vergessen, wie ich dahingeschmolzen bin wie Butter an der Sonne, als du neulich ganz beiläufig bemerktest „De Mami gseht so herzig uus“, was frei ins Hochdeutsche übersetzt bedeuten soll, dass ich zum Anbeissen aussehe? Weisst du nicht mehr, wie sich meine Laune schlagartig gebessert hat, nachdem du letzthin an einem sehr grauen Morgen meine geschmackvolle Garderobe gelobt hast? „Du häs sooo schöni Kleider!“, hast du mir gesagt und schon war ich ein bisschen weniger frustriert über die magere Auswahl, die mir mein Kleiderschrank momentan bietet.

Glaub mir, mein Prinzchen, in jenen Momenten hättest du fast alles von mir haben können. Nun gut, ich hätte die Milch auch dann nicht in den Abfluss gekippt, aber ich hätte zumindest so getan als ob. Mama manipuliert man mit zuckersüssem Augenaufschlag und netten Komplimenten, nicht mit Zerren, Treten und Brüllen. Merk dir das und übe weiterhin fleissig, es könnte dir in Teenagerjahren, wenn du eine zusätzliche Stunde Ausgang herausschlagen willst, ganz hilfreich sein.

Und hier noch, wie gewünscht, die Bilder unseres Familienzuwachses, etwas verwackelt, aber ich wusste nicht, wie lange sie stillhalten:

   

Leone

Henrietta

Trifft (in hohem Mass teilweise nicht) zu

Jetzt muss ich doch noch einmal auf dieses unsägliche Laufbahnreglement zurückkommen, denn die Sache will mir einfach nicht aus dem Kopf. Mit diesem Laufbahnreglement will die Schule ja nicht nur die Leistungen der Schüler bewerten, man möchte auch das „Arbeits-, Lern und Sozialverhalten“ möglichst umfassend beurteilen. Da stellt sich die Lehrkraft unter dem Punkt „Gestaltet Arbeiten sorgfältig und zuverlässig“ zum Beispiel die Frage, ob sich das Kind um eine „exakte und ansprechende Darstellung bemüht“. Unter dem Punkt „Begegnet den Lehrpersonen respektvoll“ wird analysiert, ob das Kind mit Kritik umgehen kann, ob es anständig ist und „sich zu benehmen weiss“. Es gibt einen ganzen Katalog an weiteren Kriterien, welche bewertet werden sollen.

Aber wie bewertet man denn? Ähnlich wie in einer Marktforschungs-Umfrage, wie mir scheint. Die Lehrkraft kann nämlich ankreuzen: „Trifft in hohem Mass zu“, „Trifft zu“, „Trifft teilweise zu“ und „Trifft nicht zu“. Soweit so einfach. Was mich an der Sache aber beunruhigt ist, dass die Spalte „Trifft zu“ gelb unterlegt ist, denn, so hat es die Schulleitung erklärt, man wünscht sich, dass sich alle Kinder in möglichst allen Punkten in dieser Spalte befinden. Nun kann ich ja ein gewisses Verständnis dafür aufbringen, dass man nicht gerade erfreut ist darüber, wenn ein Schüler in allen Bereichen ein „Trifft nicht zu“ erreicht. Ist ja nicht gerade angenehm, einen Querschläger in der Klasse zu haben, der weder mit Mitschülern noch Lehrern klarkommt und der jeden Tag die Hausaufgaben vergisst.

Was aber ist so schlimm daran, wenn man mal sagen muss, dass eine Sache nur teilweise zutrifft? Ich meine, würde man mein Arbeits- und Sozialverhalten genauer unter die Lupe nehmen, man würde wohl öfters mal ein „Trifft teilweise zu“ ankreuzen. Hätte man zum Beispiel gestern beurteilen müssen, ob ich mich „durch Erwartungen / Anforderungen unter Druck setzen lasse“, man wäre ganz klar zum Schluss gekommen, dass dies sehr wohl zutrifft. Vor allem, wenn ich nachts um eins noch immer verbissen und den Tränen nahe an dieser Broschüre arbeite, die doch endlich in Druck gehen sollte. Würde man an einem ganz gewöhnlichen Tag untersuchen, ob ich anständig bin und mich zu benehmen weiss, man könnte bestätigen, dass dies durchaus zutrifft. Aber glaubt mir, das Urteil würde ganz anders ausfallen, wenn man mich zufällig an einem Hausfrauenfrusttag kombiniert mit quengeligen Kindern und PMS erlebte. An solchen Tagen ist ein „Trifft teilweise zu“ eine Glanzleistung, die nicht zu verachten ist. Unter Erwachsenen akzeptiert man, dass es im Leben gute und schlechte Tage gibt und solange einer nicht komplett ausfällig wird, drückt man schon mal ein Auge zu, auch wenn der Tonfall etwas gehässiger als gewöhnlich war. Warum aber erwartet man von den Kindern eine Ausgeglichenheit, die wir selber nicht hinkriegen? Haben die Kinder kein Recht auf „Trifft teilweise zu“-Tage? Oder gar auf „Trifft nicht zu“-Tage?

Ja, dann wäre da natürlich noch die Spalte „Trifft in hohem Mass zu“. Auch die ist offenbar unerwünscht. Zumindest verstehe ich das so, denn wäre sie erwünscht, wäre sie bestimmt auch gelb eingefärbt. Wenn ich ganz nett und gnädig gestimmt bin, erkläre ich mir dies damit, dass man Kinder und Eltern nicht zu sehr unter Druck setzen will. Vermutlich will man uns sagen, dass gut schon ausreichend ist und dass es nicht nötig ist, sich abzukämpfen, um es auf Stufe „sehr gut“ zu bringen. Wenn ich weniger gnädig gestimmt bin – und das kann durchaus vorkommen, wenn man mir beim Schulbesuch sagt, der FeuerwehrRitterRömerPirat hätte zwar eine geniale Zeichnung gemacht, hätte dafür aber viel zu viel Zeit gebraucht -, dann sehe ich darin eine andere Aussage: „Du darfst gut sein, ja, du musst sogar. Aber bitte sei nicht zu gut, denn damit bringst du unser Programm durcheinander und das ist anstrengend.“

Wenn ich meine Kinder so anschaue, an all die unzähligen Hochs und Tiefs unseres Zusammenlebens denke, mir überlege, mit welchen Stärken sie brillieren und mit welchen Schwächen sie an ihre Grenzen stossen, dann wird mir klar, dass sie keine „Trifft zu“-Kinder sind. Das Spektrum reicht von „Trifft in hohem Masse zu“ bis zu „trifft überhaupt nicht zu“ und zwar bei jedem Kind, an jedem Tag. Natürlich, so, wie ich sie kenne, werden sie sich ernsthaft darum bemühen, ins „Trifft zu“-Schema zu passen, sie nehmen die Schule ja ernst und das ist soweit okay. In meiner Erfahrung ist es aber so, dass sie vor lauter Anstrengung, in der Schule in die gelbe Spalte zu passen, zu Hause so ausgelaugt sind, dass sie in den Bereichen „Kann sich mühelos entspannen und fröhlich sein“ nur noch ein „Trifft teilweise zu“ erreichen würden. Und an ganz anstrengenden Schultagen müsste ich beim Bereich „Geniesst das Zusammenleben mit Eltern und Geschwistern und trägt zu einem friedlichen, hilfsbereiten Familienklima bei“ ein „Trifft nicht zu“ eintragen.

Ich schreibe „würde“ und „müsste“, weil wir bei uns in der Familie davon absehen eine „Verbindliche Regelung zur Beurteilung des Arbeits-, Lern- und Sozialverhaltens“ zu erarbeiten. Ziemlich unprofessoinell, ich weiss, aber deutlich lebensnaher, wenn ihr mich fragt.

Elterngespräche

Elterngespräch 2006
Karlsson ist wirklich ein netter Junge. Er hört sehr interessiert zu, führt seine Aufträge gewissenhaft aus und man spürt auch, dass er viel weiss. Leider zeigt er dies aber viel zu wenig, man muss ihn regelrecht dazu drängen, sein Wissen preiszugeben. Im Kreis meldet er sich nie zu Wort, im Einzelgespräch schafft man es manchmal, ihn zum Reden zu bringen. Mir scheint, dass man sein Selbstvertrauen dringend stärken sollte. Haben Sie auch schon daran gedacht, den Jungen in einen Selbstverteidigungskurs zu schicken? Oder vielleicht  ins Karate? Einfach etwas, was ihn etwas selbstbewusster macht? 

Elterngespräch 2008
Luise ist wirklich ein nettes Mädchen. Sie hört interessiert zu, führt ihre Aufträge gewissenhaft aus und ab und zu wagt sie, zu zeigen, was sie kann. Meistens aber ist sie im Unterricht sehr still und zurückhaltend, beobachtet man sie in der Pause, erkennt man einige Ansätze von ihrem Temperament, welches sie durchaus öfters auch im Unterricht einbringen dürfte. Es wäre schön, wenn sie etwas selbstbewusster auftreten würde. Haben Sie sich schon mal Gedanken gemacht darüber, wie Sie das Selbstbewusstsein Ihrer Tochter stärken könnten?

Elterngespräch 2010
Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist  wirklich ein netter Junge. Er hört interessiert zu und weiss auch sehr viel. Im Kreis meldet er sich jedoch kaum zu Wort, sein Wissen und seinen Schalk erkennt man nur im Einzelgespräch. Wenn ihm etwas nicht passt, kann er ziemlich bockig sein, ansonsten dürfte er durchaus noch etwas selbstbewusster auftreten. Vielleicht können Sie ihn dazu ermutigen, sich etwas mehr einzubringen.

Erste Rückmeldung der Lehrerin 2011
Der Zoowärter ist wirklich ein netter Junge. Ich hätte gar nicht erwartet, dass er sich bereits am ersten Kindergartentag so laut und deutlich zu Wort meldet. Manchmal erweckt er den Anschein, etwas verträumt zu sein, aber wenn er mal aufdreht, erkennt man, dass er sehr genau weiss, was er will. Im Vergleich zu seinem grossen Bruder tritt er deutlich selbstbewusster auf.

Elterngespräch 2013???
Das Prinzchen ist wirklich ein netter Junge. Er bringt sich überall ein und hat auch keine Angst davor, sich im Kreis zu Wort zu melden. Manchmal tritt er aber etwas allzu selbstbewusst auf. Sehen Sie eine Möglichkeit, wie Sie Ihrem Sohn etwas mehr Zurückhaltung beibringen könnten? Vielleicht einen Meditationskurs, bei dem das Kind lernt, etwas zur Ruhe kommen kann…. 

 

 

 

Ich bin noch nicht soweit

Jetzt wollen sie also tatsächlich, dass das Prinzchen aus dem Elternschlafzimmer auszieht. Alle wollen das, am meisten aber „Meiner“ und Luise. „Meiner“, weil er findet, dass wir unser Zimmer endlich wieder für uns haben sollten, Luise, weil sie seit jenem Tag, an dem sie sich damit abgefunden hat, dass das Prinzchen kein Mädchen ist, sehnsüchtig auf den Tag wartet, an dem der Jüngste in ihr Zimmer umzieht. Karlsson, der FeuerwehrRiterRömerPirat und der Zoowärter sind zwar nicht ganz so versessen auf den Umzug, aber auch sie finden, es wäre langsam Zeit, vor allem, weil sie sich erhoffen, dass er sehr bald einmal verkünden wird, dass er nicht mehr bei Luise schlafen will, sondern bei einem seiner grossen Brüder. Ja, und auch das Prinzchen hat in den vergangenen Wochen hin und wieder angedeutet, dass er abends ganz gerne oben bei seinen grossen Geschwistern sein möchte.

Was soll also ich da noch ausrichten können? Zumal Luise heute Tatsachen geschaffen hat, indem sie das Prinzchen-Bett ganz alleine aus dem Elternschlafzimmer gehievt hat. „Meiner“ hat ihr dann auf der Treppe bereitwillig geholfen. Danach ging alles ganz schnell: Luise wechselte ihrem kleinen Bruder die Windel, brachte ihn zu Bett und sang ihm Schlaflieder, welche durch lautes Geheul des Zoowärters, der möchte, dass das Prinzchen mit ihm das Zimmer teilt, begleitet wurden. Und ich, was sollte ich jetzt tun? Keiner mehr da, der meine Schlaflieder hören will, kein gemütliches Feierabendritual mit meinem Jüngsten, der mir noch ein wenig von den zahlreichen Abenteuern des Tages erzählt. Wie ich da so etwas verloren in der Küche stand und nicht so recht wusste, was ich mit der gewonnenen Zeit anfangen sollte, fühlte ich mich auf einmal ziemlich leer. Bis jetzt war da stets noch ein Kleineres gewesen, wenn ein Kind allmählich weniger Mama und mehr grosse Geschwister wünschte. Jetzt aber folgt niemand, so langsam muss ich mich wohl damit abfinden, dass die Kleinkindertage in unserem Hause gezählt sind und so sehr ich mir zuweilen etwas mehr Ruhe und Ordnung wünschte, es fällt mir dennoch sehr schwer, dass schon bald einmal Schluss sein wird damit. 

Ob das Prinzchen gespürt hat, wie ich mich fühle? Oder ist er am Ende auch noch nicht bereit, auf die schönen Momente am Abend zu verzichten? Ich weiss nicht, welches von beidem der Grund war, Tatsache ist, dass er, kaum war Luise eingeschlafen, zu „Meinem“ und mir aufs Sofa gekrochen kam, wo er sich eine ausgiebige Kuschelrunde gegönnt hat. Danke, mein Prinzchen, dass ich noch ein wenig länger Kleinkind-Mama sein darf.

Sehr verehrte Frau Lindgren

Nie und nimmer würde ich es wagen, Sie in irgend einer Weise zu kritisieren. Zu sehr liebe ich die Geschichten, die Sie erzählen, zu sehr haben Sie meine Kinder in Ihren Bann gezogen. Wie sollte ich Sie da kritisieren können? Eine Frage aber habe ich an Sie: Glauben Sie wirklich im Ernst, dass die Kinder, die sich gegenseitig in der Dunkelheit der Nacht Spukgeschichten erzählen, danach friedlich einschlafen und erst frühmorgens beim ersten Hahnenschrei wieder frisch und fröhlich erwachen? Ist es nicht viel eher so, dass sich die Kinder gegenseitig hochschaukeln mit immer unheimlicheren Geschichten, bis sie am Ende vor Angst zitternd bei Mama und Papa auf dem Sofa sitzen und nicht mehr wagen, zurück ins Bett zu gehen? Wenn Mama und Papa dann vorschlagen, die Kinder sollten sich stattdessen schöne Geschichten erzählen, klagen sie, das hätten sie ja bereits mehrmals versucht, aber am Ende sei doch wieder irgend ein böser Mensch aus der Schublade gekrochen gekommen oder es hätten schreckliche rote Augen in der Dunkelheit geleuchtet und darum müssten sie jetzt alle zusammen bei Mama und Papa im Bett schlafen.

Bei ihnen, Frau Lindgren steht nie etwas davon, dass die Kinder am Ende in Mamas oder Papas Bett gekrochen sind. Da mag zwar die kleine Lisa hin und wieder etwas kreischen, wenn die grossen Brüder Bindfäden an den Stühlen festmachen, um die Möbel zum Tanzen zu bringen, aber damit hat sich’s mit der Angst. Nun quält mich natürlich die Frage, ob unsere Kinder allesamt kleine Memmen sind, die keine anständigen Spukgeschichten ertragen können. Oder haben die Kinder ihre Angst bloss gespielt, damit sie uns ihre schrecklichen Geschichten erzählen und damit testen können, ob „Meiner“ und ich danach vor lauter Angst nicht mehr schlafen können? Könnte ja sein. Ich höre da nämlich so ein eigenartiges Knacken und Schritte in der oberen Etage…

Johann Sebastian sei Dank

Der gute alte Johann Sebastian ist und bleibt der Beste. Was ich in zwei nervenaufreibenden Stunden nicht hinkriege, schafft er innert Minuten. Nichts half, weder singen, kuscheln noch drohen. Das Prinzchen, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat wollten heute Abend einfach keine Ruhe geben und irgendwann war es auch mit meiner Ruhe vorbei, so dass ich nicht mehr ganz die nette Mama war, die ihre Kinder singend in den Schlaf begleitet. Irgendwann war ich an dem Punkt, an dem ich nur noch lauthals schimpfen konnte, sogar mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, der den ganzen Tag fiebernd auf dem Sofa gelegen hatte und dennoch abends so lieb war, mich bei meinen erfolglosen Versuchen, die zwei Jüngsten zum Schweigen zu bringen, zu unterstützen.

Ich war schon fast den Tränen nahe, weil es mal wieder ganz klar darauf hinauslief, dass ich erst die ganz böse Mama würde spielen müssen, ehe die übermüdeten Kinder endlich schlafen würden. Da hatte ich den rettenden Einfall, es mal wieder mit Johann Sebastian zu versuchen. Und siehe da, der alte Knabe hat unsere Söhne noch immer bestens im Griff. Kaum erklangen die ersten Takte, hörte das Prinzchen auf, mich mit kleinen, fiesen Schubsern zu provozieren, fünf Minuten später lag sein Kopf friedlich auf meinem Schoss und bald schon schlief er tief und fest. Auch der FeuerwehrRitterRömerPirat liess nur noch einen tiefen Seufzer hören, dann liess auch er sich von der Musik in den Schlaf lullen. Der Zoowärter brauchte etwas länger als seine zwei Brüder, was wenig verwunderlich ist, wo er doch heute Abend einer der drei Chipmunks war und meines Wissens sind die nicht wegen ihres phlegmatischen Wesens berühmt geworden. Aber auch der kleine Chipmunk wurde deutlich ruhiger und schon bald einmal verkündete er, er werde sich jetzt in seine Chipmunk-Höhle zurückziehen um tief und fest zu schlafen. 

Es gibt viele gute Gründe, Johann Sebastian zu verehren, in meinen Augen aber ist seine grösste Leistung eindeutig die, dass er es fertig bringt, unsere aufgedrehten Söhne abends zu beruhigen. Nun ja, eigentlich gibt es etwas, wofür ich ihn fast noch ein wenig mehr verehre: Er schafft es, auch mich wieder zu beruhigen, nachdem die aufgedrehten Söhne mich mal wieder zur Weissglut getrieben haben. Und glaubt mir, wenn ich mich mal aufrege, bin ich gar nicht so leicht zu beruhigen und deswegen bitte ich euch, dem guten alten Herrn Bach einen tosenden Applaus zu geben.

Armes Prinzchen

Allmählich nähert sich das Prinzchen seinem dritten Geburtstag und so langsam kommt bei mir das Mitleid auf, das ich immer empfinde für die Dreijährigen. Nun ja, es dauert noch gute drei Monate, bis der grosse Tag da ist, aber als jüngstes Kind ist das Prinzchen immer etwas schneller als die anderen es waren. Und darum zeichnet sich bei ihm jetzt schon ab, was früher oder später kommen muss: Die Schonzeit nähert sich ihrem Ende. 

Es fängt damit an, dass nicht mehr alle „ach, wie süüüüüüüüss“ kreischen, wenn das Prinzchen einem seiner Geschwister eins überbrät. Plötzlich heisst es „Prinzchen, du nervst!“ und der arme Junge ist ganz verdattert. Warum sind sie plötzlich nicht mehr entzückt, wenn er den Grossen zeigt, wer hier der Meister ist? Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass seine Schläge inzwischen ganz schön schmerzhaft sind und das ist nun mal nicht mehr besonders süss.

Ein weiteres Anzeichen, dass es für unseren Jüngsten langsam ernst gilt: Der Satz „Ach lass ihn doch. Er ist noch so klein und versteht noch gar nicht, dass er kein Eis haben darf, wenn er bereits Gummibärchen genascht hat“ fällt deutlich seltener. So langsam entwickelt unser Prinzchen ein Gefühl für den Tagesablauf und von einem Kind, das schon ziemlich gewieft mit den Begriffen „heute“ und „morgen“ jongliert, erwartet man automatisch, dass es damit leben kann, dass es erst morgen wieder etwas Süsses gibt. Natürlich weiss ich, dass der Junge trotz seiner grossen Worte noch keinen Zeitbegriff hat, aber wer sagt denn, dass Mütter sich immer schön brav an das halten, was sie wissen? Oh ja, es fällt mir durchaus schwer, bei dem herzigen Bengel konsequent zu bleiben, wo er doch im Vergleich zu seinen Geschwistern tatsächlich noch sehr klein ist, aber irgendwann muss er wohl lernen, dass er hier nicht im Schlaraffenland lebt. 

Ja, und da wäre natürlich noch die Sache mit dem Chaos. So langsam ist es einfach nicht mehr süss, wenn das Prinzchen wie ein Wirbelsturm durch die Wohnung fegt. Er braucht gerade mal so lange, wie Mama auf dem WC sitzt, um den Küchenschrank leer zu räumen, eine halbe Tüte Mehl zu verschütten und den Brotteig mit bunten Zuckerstreuseln zu verzieren. Ja, ich weiss, ihr denkt jetzt, ich würde wohl den halben Vormittag im Badezimmer verbringen und glaubt mir, die Versuchung ist gross, eben dies zu tun, um das Durcheinander, das unser Jüngster innert Kürze anrichtet, nicht sehen zu müssen. Aber weil ich inzwischen die unzähmbare Neugierde unseres Jüngsten und deren desaströse Folgen für Mobiliar, Bastelarbeiten und Lebensmittelvorräte kenne, wage ich kaum mehr, die Tür zum Badezimmer zu schliessen, aus Angst, ich würde ausgerechnet in dem Moment weg sein, in dem er beschliesst, das iPad aus dem Fenster zu werfen oder Karlssons Zeugnis etwas bunter zu gestalten. Und sagt jetzt nicht, wir müssten die Dinge eben prinzchensicher verstauen. In den vergangenen Monaten mussten wir durch diverse schmerzhafte Erfahrungen lernen, dass es so etwas wie Prinzchensicherheit nicht gibt, das Kind kommt überall hin, wenn er es sich nur fest genug in den Kopf setzt. Und weil man ein solches Kind nicht bremst, indem man ihm sanft ins Ohr säuselt „Mein lieber kleiner Schatz, willst du das nicht lieber bleiben lassen? Mama ist ganz traurig, wenn du jetzt diesen Blumentopf vom Balkon schmeisst“, kommt es hin und wieder vor, dass wir ziemlich laut und ernst werden müssen, ehe er von seinem Tun ablässt.

Wenn ich lese, was ich bis jetzt geschrieben habe, frage ich mich, weshalb ich diesen Text mit „armes Prinzchen“ überschrieben habe. Sind nicht wir anderen die Armen? Immerhin versuchen wir den lieben langen Tag mit mässigem Erfolg zu verhindern, dass der kleine Lausebengel unser Leben noch vollends auf den Kopf stellt. Aber ich bleibe dabei, dass nicht wir die Armen sind, sondern er. Denn währenddem wir wissen, dass sich das alles wieder legen wird, wenn der Verstand des Prinzchens anfängt, mit seinem Können Schritt zu halten, hat er keine Ahnung, weshalb es immer öfters „Prinzchen neeeeeiiiiiiiin! Jetzt hörst du sofort auf damit!“ heisst und nicht mehr „Ach schau mal wie süss! Jetzt hat er schon wieder den ganzen Sirup ausgekippt, weil er versucht hat, sich selber einzuschenken.“