Hast du das denn verdient?

Der letzte Schwimmkurs von Karlsson und Luise neigt sich dem Ende zu und wie immer, wenn ich sehe, wie sehr sich die Kinder bemüht haben – und wenn unser Budget die Kosten für drei Schwimmkurse verdaut hat – werde ich gegen Ende der intensiven Zeit weich und gestatte einen Besuch am Kiosk vor dem Nachhausegehen. Eigentlich sind mir ja diese Süssigkeiten nach dem Schwimmen zutiefst suspekt, aber wenigstens einmal während eines Kurses muss man eine Ausnahme machen. Finde ich. Die Mutter, die mit ihrer Kinderschar hinter uns am Kiosk ansteht, scheint dies ein wenig anders zu sehen. Auf die schüchterne Frage ihrer grössten Tochter, ob sie vielleicht auch eine kleine Süssigkeit haben dürfe, meint die Mutter zwar völlig vorwurfslos, aber dennoch mit bitterem Ernst in der Stimme: „Hast du das denn verdient?“

Als wir uns mit unserem süssen Grosseinkauf – die Kleinen, die zu Hause geblieben sind, sollen auch etwas bekommen – auf den Heimweg machen, sind Karlsson und Luise entsetzt: „Mama, hast du gehört, was die Frau gesagt hat? Findest du das nicht furchtbar, dass das Kind sich die Süssigkeiten verdienen muss?“ Doch, ich finde es furchtbar. Was für ein trauriges Dasein, wenn man sich auch noch die kleinste Freude im Leben zuerst verdienen muss, bevor man sie geniessen darf.

Zauberwort

Zuweilen kommt es mir vor, als sei eine halbe Ewigkeit vergangen, seitdem ich unzählige Stunden durch den Wald geirrt bin auf der Suche nach mir selber. Dabei sind kaum mehr als achtzehn Monate vergangen seither. In den Jahren, in denen ich ein Kind nach dem anderen bekommen hatte, war ich mir irgendwie abhanden gekommen und weil man nach der Geburt der Kinder nicht mehr die Gleiche ist wie vorher, dauerte es zumindest bei mir eine ganze Weile, bis ich wusste, wonach ich überhaupt suchen musste. „Meiner“ half mir zwar bei der Suche, wo immer er konnte, aber am Ende ging es doch nicht ohne die Einsamkeit, die Stille. Und so ergriff ich jede nur erdenkliche Gelegenheit, um durch den Wald zu streifen und nachzudenken. Und zu heulen. Und dem Himmel mein Elend zu klagen. Denn auch wenn ich eine glückliche Ehefrau und Mutter war, ein glückliches Ich war ich nicht.

Ich weiss nicht, wie oft ich so unterwegs war. Ich weiss auch nicht, wie oft ich meinen Frust über die konstante Überforderung, eine gute Hausfrau und Mutter zu sein, aber auch meine Trauer über die konstante Unterforderung, dass ich meine Fähigkeiten nicht einsetzen konnte, zum Himmel schrie. Und zum Glück weiss ich nicht, ob andere Spaziergänger mich jeweils gehört haben. Dass der Himmel mich gehört hat, das weiss ich, sofern man hier überhaupt von Wissen reden kann. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass sich nach der Zeit des Umherirrens eine Türe nach der anderen öffnete. Es war wie im Märchen: Eben noch hatte ich mich gefühlt, als stünde ich vor dem absoluten Nichts und plötzlich waren meine Hände voll mit Gutem. Mit Dingen, die ich nie zu träumen gewagt hätte und die doch genau dem entsprachen, wovon ich stets geträumt hatte. Ich war erfüllt und zufrieden wie noch selten zuvor in meinem Leben, mein Bedürfnis, in den Wald und in die Stille zu flüchten verschwand fast gänzlich und ich wollte nichts anderes mehr, als vorantreiben, was mir da so unvermittelt in den Schoss gefallen war.

Wäre das Leben ein Märchen, dann wäre die Geschichte hier zu Ende. Aber das Leben ist kein Märchen, zumindest keines, in dem man nach Bestehen der Prüfungen glücklich und sorglos in Saus und Braus lebt. Dann schon eher eines jener Märchen, in denen das Gute in falsche Hände gerät – das Pfännchen, das Brei kocht in die Hände einer reichen Frau, die ohnehin genug zu Essen hat, zum Beispiel –  dann geht das Zauberwort vergessen und schliesslich nimmt das Gute so lange kein Ende mehr, bis es nicht mehr gut, sondern einfach nur zu viel und zu belastend ist.

Nun, ich möchte nicht so weit gehen, zu behaupten, das Gute in meinem Leben sei in die falschen Hände geraten, denn das eine oder andere erscheint mir, als wäre es genau auf mich zugeschnitten worden. Was mir aber inzwischen klar geworden ist: Ich habe das Zauberwort vergessen, mit dem ich das Ganze in erträgliche Schranken weisen kann. Ich weiss, dass es dieses Wort geben muss, aber zurzeit ist mir nicht ganz klar, welches es denn ist. Stop? Oder eher Nein? Oder vielleicht auch Mach du doch mal ? Lautet es Das kann ich nicht, oder vielleicht eher Das muss ich nicht? Müsste es heissen Nicht mit mir oder genügt ein kurzes und knappes Morgen dann wieder? Oder geht es am Ende nur noch mit Schluss jetzt. Es reicht. Ich schmeiss den Bettel hin?

Eigentlich ist es ja furchtbar peinlich, dass ich mich nicht mehr an das Zauberwort erinnern kann, wo ich mir doch beim letzten Mal, als ich an diesem Punkt war, fest vorgenommen hatte, es nie wieder zu vergessen. Aber so ist es nun mal mit mir: Ich lerne langsam und vergesse schnell, zumindest wenn es darum geht, die Lektionen des Lebens zu lernen. Und so kommt es, dass meine Sehnsucht nach ein paar einsamen Stunden im Wald wieder wächst. Ob ich dort das Zauberwort finden würde?

Auch nur ein Mensch

Wir Christen zerbrechen uns ja gerne den Kopf darüber, was Gnade sei. Ob Menschen, die anders glauben als wir, sich auch so sehr mit diesem Thema auseinandersetzen, weiss ich nicht. Ich weiss aber, dass ich schon unzählige Predigten zu diesem Thema gehört habe und dass mir der Begriff dennoch immer ein wenig schleierhaft geblieben ist. Gestern Abend brachte ein einziger Satz zustande, was endlose Predigten bis jetzt bei mir nicht geschafft hatten: Ich erlebte, wie es sich anfühlt, wenn jemand gnädig ist.

Wie ihr wohl mitgekriegt habt, entsprach ich gestern noch weniger der perfekten Mutter, als ich es gewöhnlich tue. Ja, ich weiss, die perfekte Mutter gibt es nicht. Aber machen wir uns doch nichts vor: Wir versuchen dennoch insgeheim, die Erste zu sein, die es schafft. Ich schaffe es nicht. An gewöhnlichen Tagen nicht und gestern erst recht nicht. Abends, bevor die Kinder zu Bett gingen, rief ich sie deshalb noch einmal zusammen und gestand ihnen unter Tränen, wie Leid es mir tue, dass ich so eine böse, ungeduldige, schlecht gelaunte, brüllende, ungerechte Versagermama gewesen sei. Gut, ich kroch nicht mehr im Staube, wie ich es früher getan hätte, aber ich habe dennoch ganz offen und ehrlich darüber geredet, wie gerne ich dem Tag eine andere Wendung gegeben hätte, wie ich es aber einfach nicht geschafft hätte, das Steuer herumzureissen um uns alle wieder auf einen friedlicheren, liebevolleren Weg zu bringen. Anders als sonst hielt ich dabei den Kindern nicht vor, wie viel sie selber dazu beigetragen hatten, dass der Tag so schrecklich geworden war. Denn was nützt eine Entschuldigung, die zugleich dem anderen Schuld auflädt?

Für einmal hörten mir die Kinder brav zu. Nun gut, das Prinzchen hätte wohl nicht zugehört, sondern alles nachgeplappert, aber weil er schon schlief, schwieg er ausnahmsweise auch. Als ich mit meiner Rede am Ende war, schauten mich die vier Knöpfe treuherzig an und murmelten etwas von „wir haben ja auch ziemlich blöd getan“. Und dann sagte Luise diesen entscheidenden Satz, der alles besser machte: „Weisst du Mama“, sagte sie ernst „du bist auch nur ein Mensch.“ Ein banaler Satz? Nicht in diesem Moment, denn mit diesen wenigen, sonst oft so leeren Worten hatte Luise mir klar gemacht, dass sie damit leben kann, dass ich nicht perfekt bin, ja, mehr noch, dass sie gar nicht erwartet, dass ich alles richtig mache. Mit dieser einen klaren Aussage hatte Luise all mein Herumbrüllen, all meine Ungeduld und meine Unzufriedenheit in einen Abfallsack gestopft und den Sack zugebunden. Und durch ihr zustimmendes Nicken bestätigten mir Karlsson, der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter, dass sie das ganz genau gleich sahen wie ihre Schwester.

Ach ja, ganz durchschaut habe ich das grosse theologische Geheimnis dennoch nicht. Denn anstatt den Abfallsack, den mir meine Kinder so gnädig geschnürt hatten, im Müll zu entsorgen, nahm ich all den Mist später noch einmal hervor, schaute mir voller Abscheu jedes meiner Versagen noch einmal an und als „Meiner“ nach drei sehr langen Elterngesrprächen nach Hause kam, musste er sich den ganzen Müll auch noch einmal anschauen. Aber immerhin habe ich es danach fertig gebracht, zu mir selber zu sagen „Was soll’s? Du bist eben wirklich nur ein Mensch und morgen ist ein neuer Tag, an dem du es zwar nicht perfekt, aber immerhin besser machen kannst.“

Was übrigens auch keine grosse Kunst war, denn um heute eine bessere Mama als gestern zu sein, brauchte es nun wirklich nicht viel…

Nicht mein (Feier)tag

Bevor ich loslege, muss ich Eines klarstellen: Ich habe nichts gegen Katholiken. Zwar habe ich mit Papst, Marien- und Heiligenverehrung meine liebe Mühe, aber seitdem ich zu meinem Freundeskreis viele nette Katholiken zähle – etwas, was ich mir zu meinen strenggläubigen Zeiten nicht hätte vorstellen können -, habe ich begriffen, dass man Menschen auch über die Konfessionsgrenzen hinaus gern haben kann. Meine Liebe zu den katholischen Mitmenschen erstreckt sich aber nicht auf ihre Feiertage. Die werden mir je länger je mehr zur Qual.

Nehmen wir zum Beispiel heute, Allerheiligen. Die Kinder haben Schulfrei, „Meiner“ darf sich wie gewohnt in den reformierten Teil des Aargaus zur Arbeit begeben, während meine Putzfrau frei hat, da sie, wie wir, in einem katholischen Gebiet lebt. Was auf dem Papier noch halbwegs in Ordnung ist, sieht in der Realität so aus: Die Wohnung ersäuft wie jeden Montag fast im Dreck, aber die Putzfrau darf wegen der Feiertagsruhe nicht kommen. Das Putzen auf morgen verschieben geht nicht weil a) morgen zu viele Termine anstehen und b) der Dreck uns allen schon an den Füssen klebt. Aber putzen mit fünf mies gelaunten Kindern, die eigentlich erwarten, dass wir heute Sonntagsprogramm durchziehen, ist gar nicht so einfach. Klar, das Au-Pair und ich können uns die Kinderbetreuung und das Putzen teilen, aber dann bleiben immer noch unsere katholischen Nachbarn, die wir nicht mit dem Lärm unseres Staubsaugers belästigen sollten. Wird also schwierig heute, allen gerecht zu werden.

Am allerwenigsten wird so ein Tag natürlich mir, der Hausfrau, gerecht. Denn eigentlich hätte ich gar nichts dagegen, mich heute als Katholikin auszugeben und den Tag mit süssem Nichtstun zu verbringen. Oder dann wenigstens die zweitbeste Variante: Den Tag halbwegs über die Runden bringen und meinen Frust in Cola Light ersäufen. Was aber auch nicht geht, weil ich keine Cola Light mehr im Hause habe, die Läden im Dorf aber wegen der Feiertagsruhe geschlossen sind. Dann eben die drittbeste Variante: Meinen trägen Hintern bewegen, die Ärmel hochkrempeln, mich an die Arbeit machen und den Tag nehmen, wie er kommt. Wenigstens hier steht mir, mal abgesehen vom inneren Schweinehund, keiner im Wege.

Und wo wir schon beim Thema sind: Wenn ihr denn unbedingt den durch die Minarett-Initiative angezettelten Kulturkampf weiterführen wollt, liebe Freidenker, dann kümmert euch doch bitte mal um die katholischen Feiertage, die das fein austarierte Gefüge zwischen Arbeits- und Feiertagen durcheinander bringen. Aber ich nehme mal an, ihr habt nichts gegen ein paar zusätzliche Freitage, egal, ob sie nun religiös begründet sind oder nicht. Das heisst, wenn ihr das Pech habt, in einem katholischen Gebiet zu leben und die Brötchen in einem protestantischen Gebiet zu verdienen, werdet ihr diese Tage ebenso „lieben“ wie ich. Und das ist doch schön. So sehen wir zumindest eine Sache gleich. Die Sache mit den Gipfelkreuzen sehe ich nämlich nicht ganz so eng wie ihr.

Wesentliches

Wenn du einen Freitag lang mit Jonglieren beschäftigt warst, manchmal nicht mehr gewusst hast, wie du es schaffen sollst, alle Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten, wenn du zwischen Wickeltisch, Sitzungszimmer, Kochherd und Computer hin und her gerannt bist und abends um sechs noch schnell Muffins gebacken hast, dann fragst du dich, ob du nun wirklich zu diesem Elternabend gehen sollst. Der sechste Spielgruppen-Elternabend deines Lebens. Kann der denn so wichtig sein, dass du und „Deiner“ die Wohnung im Chaos verlassen, die Arbeit unerledigt liegen lassen, das Au-Pair mit fünf aufgedrehten Vendittis alleine lassen müsst?

Wenn du eine Stunde später im schummrig beleuchteten Raum auf dem winzigen Stuhl sitzt, auf dem es sich gewöhnlich der Zoowärter bequem macht, wenn du in die Welt eintauchst, die bis jetzt jedem deiner Kinder so viel bedeutet hat, wenn du hörst, wie andere Eltern von ihren Kindern schwärmen und du dir selber Gedanken machst, was den Zoowärter denn so unglaublich liebenswert macht, wenn die Spielgruppenleiterin dir ins Bewusstsein ruft, wie die Welt in den Augen deines kleinen Sohnes aussieht, dann weisst du, dass dieser Elternabend das bedeutungsvollste Ereignis dieses langen Tages war. Wenn du die Bilder siehst, auf denen dein kleines Kind voller Stolz mit Freunden diesen riesigen Bambusstecken durch den Garten trägt, wie es mit voller Konzentration einen Klumpen Knete verarbeitet, wie es  eintaucht in diese Kindertraumwelt, dann wird dir einmal mehr bewusst, was für ein Geschenk es ist, Mama dieses Kindes zu sein.

Wenn du, nachdem du mit „Deinem“ noch kurz die Freiheit des kinderfreien Abends genossen hast, zu Hause am Computer sitzt, dann ist es wieder sonnenklar, was du im Alltag so schnell vergisst: Ein Familienzentrum zu gründen ist wichtig. Ein Buch zu schreiben ist wunderbar. Einen Haushalt zu führen ist herausfordernd. Freundschaften zu pflegen ist bereichernd. In der Gemeinde mitzumachen ist erfüllend. Den Kindern und „Deinem“ zu zeigen, dass du sie liebst, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie einmalig sind und sie ernst zu nehmen, das ist alles zugleich: Wichtig, wunderbar, herausfordernd, bereichernd, erfüllend und noch so viel mehr.

Wärest du zu Hause geblieben und hättest den Elternabend sausen lassen, wer hätte dich dann darauf aufmerksam gemacht, worauf es wirklich ankommt im Alltag?

Zeit

Ist ja schon eine tolle Sache, eine Woche Familienferien. Nicht nur, weil das Wetter traumhaft ist und wir zum ersten Mal, seitdem wir Kinder haben, auf eine Art und Weise durch die Gegend streunen, die man schon fast „wandern“ nennen könnte. Nein, das veränderte Umfeld erlaubt uns auch andere Blicke auf unsere Kinder.

Da fällt einem zum Beispiel plötzlich wieder ganz neu auf, wie verloren sich Luise zuweilen zwischen all ihren Brüdern fühlt. Seit einiger Zeit hatte ich ja angefangen zu glauben, dass ich mir nur einbilde, dass Luise eine Schwester fehlt. Vielleicht projiziere ich ja nur meinen Wunsch nach einer zweiten Tochter in sie hinein? Sind wir in unserem gewohnten Umfeld, wo genügend Freundinnen und Cousinen um uns herum sind, dann fällt der Mangel kaum mehr auf. Doch kaum sind wir mal ganz unter uns, kommt die große Einsamkeit, die Sehnsucht nach einer Spielkameradin, die abends nicht nach Hause gehen muss und die ob der neusten Errungenschsft aus der Sylvanian Family ebenso ins Schwärmen gerät wie Luise und ihre Mama

Doch nicht alleine Luises Bedürfnisse treten hier klarer zu Tage, auch die Sehnsucht nach Ruhe, die den Zoowärter immer wieder dazu bringt, lauthals zu schreien, fällt hier mehr auf. Zu Hause, wo die Grossen oft ihr eigenes Programm haben, findet er immer wieder Möglichkeiten, sich zurückzuziehen, aber hier, wo wir alle rund um die Uhr beisammen sind, ist das arme Kind vollkommen überfordert. Und weil wir uns natürlich alle nach Ruhe und Erholung sehnen – warum sonst sollte man sich denn sonst den Stress machen, in die Ferien zu fahren- zerrt das zoowärtersche Wutgeschrei auch mehr an den Nerven und man fragt sich, wie man als Grossfamilie das Ruhebedürfnis eines Dreijährigen stillen kann, ohne alle anderern dazu zu verknurren, den ganzen Tag zu flüstern und zu schleichen.

Ein Familienurlaub bietet aber auch Gelegenheiten, einem einzelnen Kind besonders nahe zu sein. Zum Beispiel heute Nachmittag, als ich alleine mit dem Prinzchen nach Saas Fee fuhr, um eine Fondue-Mischung zu kaufen. Wann habe ich zum letzten Mal eine geschlagene Stunde gebraucht, um vom Parkplatz ins nahe gelegene Ortszentrum und wieder zurück zu gelangen? Weil das Prinzcheneben  jeden „Maa“, jede „Fauu“, jedes „ou, lueg Velooo“, jedes „loss“ genau anschauen wollte. Einfach wunderbar, wiedermal in die Welt eines Zweijährigen einzutauchen!

Aber auch zum Eintauchen in die Gedankenwelt unserer größeren Kinder bleibt mehr Zeit. Zum Beispiel, wenn man mit Karlsson, Luise und dem Au-Pair den Kapellenweg von Saas Fee nach Saas Grund unter die Füsse nimmt und –  angeregt durch die auf dem Weg dargestellten Szenen aus der Kreuzigungsgeschichte –  erfährt, wie die Kinder glauben, wie sie sich Gott vorstellen und wie den Himmel. Sehr spannend, aber auch leicht erschütternd, weil die Kinder mit Gott offenbar nicht ausschliesslich positive Dinge in Verbindung bringen, obschon wir uns doch sehr darum bemühen, dem frommen Druck, mit dem ich gross geworden bin, keinen Raum zu geben.

Ja, und dann hat man auch Zeit, sich anzuhören, wovon, der FeuerwehrRitterRömerPirat träumt, was in seinen Augen das perfekte Weihnachtsgeschenk ist, wie schwierig es für einen Sechsjährigen sein kann, ein Souvenir auszuwählen, weil man nie sicher sein kann, ob man nicht im nächsten Laden  noch etwas Schöneres findet.

Vergleiche ich diese Ferienwoche mit den Herbstferien vor einem Jahr, dann wird mir auch klar, dass da ein Rollenwechsel im Gange ist. Waren  „Meiner“ und ich letztes jahr noch die Animateure, werden wir jetzt immer mehr zu Coaches, die den Kindern die Sicherheit geben, dass wir für sie da sind. Den Rest des Programms meistern sie schon ziemlich selbständig. Ob sie nun unter der Führung von Karlsson das Frühstück zubereiten, sich eine abenteuerliche Verfolgungsjagd ausdenken, oder alle zusammen lauthals singend auf dem Spielplatz herumtollen – was übrigens vielen Einheimischen hier ziemlich sauer aufzustossen scheint – Eines ist immer gleich: „Meiner“ und ich dürfen uns immer öfter zurücklehnen und das Familienleben genießen.

Schön, das zwischen der anstrengenenden Baby- und Kleinkindphase  und den wohl nicht minder anstrengenden Teenagerjahren eine Zeit der Entspannung liegt.

Nachlese

– Zwei sehr grosse, sehr schwere und sehr stinkige Abfallsäcke die Treppe herunter geschleppt
– Ein sehr schmutziges und sehr trauriges Prinzchen getröstet, weil es nicht mitkommen durfte, um einen sehr sauberen und sehr fröhlichen Zoowärter in der Spielgruppe abzuliefern
– Gejubelt, weil der Ständerat die Einsicht hatte, dass Kinderkrippen auch in den kommenden Jahren vom Staat unterstützt werden sollen. Pläne geschmiedet, wie wir so rasch als möglich das Gesuch stellen können, damit unser Familienzentrum auch davon profitiert
– Dem Au-Pair einen Crash-Kurs im Risottokochen erteilt, obschon sie dies wahrscheinlich auch ohne Crash-Kurs geschafft hätte
– Ein sehr schmutziges und sehr trauriges Prinzchen getröstet, weil es nicht mitkommen durfte, um einen nicht mehr ganz so sauberen und sehr müden Zoowärter von der Spielgruppe abzuholen
– Den Auftrag erteilt, dass wir nächste Woche eine neue Heizung bekommen weil uns ja so langweilig ist und wir ganz dringend mal wieder ein wenig Action im Haus haben müssen
– Zur Kenntnis genommen, dass sowohl Karlsson als auch Luise der Meinung sind, dass das Menü bei Nachbars heute ansprechender ist als zu Hause, weshalb sie nicht mit uns essen werden
– Ein Mittagessen lang den FeuerwehrRitterRömerPiraten und den Zoowärter davon abgehalten, einander die Köpfe einzuschlagen, weil sie einfach nicht damit klar kamen, dass wir ausnahmsweise nur zu viert am Tisch waren und deswegen die Auswahl an Streitpartnern arg eingeschränkt war
– 53 Viertklässler mit einem Vortrag zum Thema „Wie entsteht ein Buch?“und einem kurzen Werbespot für „Leone & Belladonna“ beglückt  und darüber gestaunt, wie wissbegierig diese Kinder doch sind
– Nach zwei sehr spannenden, erfrischenden Schulstunden  ein weiteres Mal gestaunt, weil man danach so ausgelaugt ist, als hätte man den Frühlings- und den Herbstputz an einem Stück erledigt
– Mich seeeeehr tief vor „Meinem“ verneigt, weil er es nicht nur schafft, seit zwölf Jahren ein engagierter Lehrer zu sein, sondern danach auch noch fast immer die Nerven hat, sich auf seine eigenen fünf Kinder einzulassen
– Vor einem riesigen Berg unerledigter Arbeit kapituliert, weil an einem unterbrochenen Bürotag einfach nichts mehr zu schaffen ist und weil das Telefon ohnehin alle drei Minuten klingelte
– Ausmalbilder ausgedruckt, weil Computer & Drucker sonst beleidigt gewesen wären, dass man sie an einem Bürotag einfach so links liegen lässt. Und natürlich auch, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat schon so lange darauf gewartet hat
– Mich auf dem Weg zu Luises Ballettstunde im Dorf, in dem ich seit elf Jahren lebe, so heillos verfahren, dass Luise beinahe zu spät gekommen wäre. Und das alles nur, weil ich so sehr in Gedanken vertieft war, dass ich die falsche Abzweigung erwischt habe
– Auf dem Heimweg von der Ballettstunde noch schnell mit Luise Käse in einer runden Schachtel gekauft, weil sie die Schachtel für den Werkunterricht braucht. Den Laden mit drei Käseschachteln verlassen, weil Luise nicht mehr wusste, wie gross sie sein muss. Wer den Münsterkäse essen wird, weiss ich nicht. Aber wir mussten ihn nehmen, weil Luise darauf bestand, dass seine Schachtel die perfekte Grösse hat.
– Den Monsterwocheneinkauf vom Lieferanten in Empfang genommen und mir angehört, wie erschöpft der Chauffeur nach einem langen Arbeitstag ist
– Auf der Treppe beinahe hingefallen, weil „Meiner“ mir mit einem Bier in der Hand entgegengerannt kam, als ich Taschen hochschleppen wollte.  Das Bier war übrigens für den übermüdeten Lieferanten, nicht für mich. Ich trinke kein Bier
– Dem Zoowärter „Is Muerters Stübeli“ gesungen
– Karlsson dazu bewegt, sich wieder einzukriegen, nachdem „Meiner“ so unverschämt gewesen war, ihn darum zu bitten, die Farbstifte im Garten zu holen
– Mich nach den Abendessen noch einmal aufgerafft, um zur Kleinguppe zu fahren
– In der Kleingruppe intensiv über meinen grossen frommen Schaden geredet und danach noch intensiver über unser aller grosse Frustration mit der Volksschule geklönt
– „Meinem“ eine gute Nacht gewünscht
– Eine Nachlese des Tages geschrieben und dabei gedacht „Wen interessiert das denn schon?“
– Den Post aus lauter Gewohnheit dennoch veröffentlicht

Die ganze Palette

Lange Zeit habe ich mir das Ganze sehr einfach gemacht: Es gab Schwarz und es gab Weiss. Es gab entweder und oder, gut und schlecht, richtig und falsch. Es gab gute Menschen und böse, es gab Rechtgläubige und Ungläubige, Dafür und Dagegen. So war ich das in der Sonntagsschule gelehrt worden und durch diese Brille betrachtete ich bald die ganze Welt. Man war entweder Mutter oder Karrierefrau, entweder Hausfrau oder berufstätig, entweder engagiert oder gleichgültig, entweder angepasst oder abgestürzt. Dazwischen gab es nichts und wenn man sich mal für die eine Seite entschieden hatte, konnte man nicht mehr wechseln, es sei denn, mann zerstörte alles, worauf man sein Leben aufgebaut hatte.

Irgendwann, mit zunehmender Lebenserfahrung und wachsender Desillusionierung stellte ich fest, dass das mit dem Weiss und Schwarz wohl nicht so ganz das Wahre sein konnte. Und wie so viele andere Menschen auch machte ich einen folgenschweren Denkfehler: „Die Mischung aus Weiss und Schwarz ist grau“, sagte ich mir. „Folglich muss ich lernen, die Grautöne des Lebens zu erkennen.“ Und das tat ich dann auch. Ich lernte abzuwägen, die Vor- und Nachteile zu sehen, zu erkennen, ob eine Sache eher hell- oder dunkelgrau war. Das Leben war ein Tasten im Nebel, der mal dichter, mal gelichteter war. Eigentlich hätte ich ja wissen müssen, dass das für mich nicht aufgehen kann, denn wenn ich etwas verabscheue, dann Grau. Während ich Schwarz zwar als hässlich, aber immerhin auch als eigenständig und deshalb mutig empfinde, ist Grau für mich die sichtbare Form eines Lebens, das nicht gelebt wird. Einfach trist und somit keine erhebliche Verbesserung in der Art und Weise, das Leben wahrzunehmen. Ob man die Dinge nun Schwarz-Weiss sieht oder Grau, farblos bleiben sie allemal.

Ich weiss ja nicht, ob das jetzt wissenschaftlich wasserdicht ist, denn den Physikunterricht habe ich mehr oder weniger verschlafen. Aber so langsam wird mir klar, dass das, was zwischen Weiss und Schwarz liegt, nicht einfach Grau sein kann. Da müssen irgendwo auch Farben sein und zwar eine Unmenge davon. Farben, die bewirken, dass nicht alles gleich aussieht, Farben, die dafür sorgen, dass die Dinge unverwechselbar werden, Farben auch, die es in den verschiedensten Abstufungen gibt, mal dunkler, mal heller. Aus dem einzig richtigen Weg, die Dinge zu sehen und zu leben wird eine Vielfalt an Wegen, aus der einzig richtigen Lösung wird eine Auswahl an Lösungen, von denen man die passendste wählen kann.

Das heisst natürlich nicht, dass Weiss und Schwarz keine Rolle mehr spielen, denn ohne ein Gerüst, welches das Ganze zusammenhält zerfällt die Sache in Beliebigkeit. Aber es ist nicht mehr entweder Weiss oder Schwarz, sondern es ist die Farbe, die da ist, je nach Farbton mit etwas mehr Weiss oder etwas mehr Schwarz. Natürlich gibt es in dieser Palette auch Grau. Leider, muss ich sagen. Aber immerhin ist das nicht der einzige Ton, in dem gemalt wird.

Das Leben mit der ganzen Palette ist nicht so simpel, wie das Schwarz-Weiss-Leben. Manchmal gibt es Dinge, die meiner Meinung nach eher grün sein müssten und nicht pink. Oder ich würde einen sanfteren Farbton vorziehen anstelle des grellen Rots, das mir ins Auge sticht. Manchmal harmonieren auch die Farbtöne, die da zusammenkommen, überhaupt nicht oder man muss aufpassen, dass nicht plötzlich eine Farbe das Ganze dominiert. Hin und wieder findet man auch, das Bild des anderen würde viel schöner aussehen, wenn er die gleichen Farben verwenden würde wie man selber. Und manchmal sitzt man stundenlang da und fragt sich, zu welcher Farbe man denn nun am besten greifen sollte und man wünscht sich, man könnte einfach wieder zum altbekannten Grau zurückkehren, ja, vielleicht gar zum Schwarz-Weiss. Doch ich glaube, wer mal angefangen hat, sich mit der Farbpalette auszutoben, wird sich auf lange Sicht nicht mehr mit diesen einzigen drei Möglichkeiten der alten Zeiten zufrieden geben.

Spielverderber oder nicht?

Wenn ich ehrlich bin, muss ich gestehen, dass mir der 1. August, der Schweizer Nationalfeiertag, herzlich wenig bedeutet. Zwar darf man dies in einer Zeit, in der man sich wieder auf Heimatgefühle besinnt, kaum laut sagen, aber ich kann meine Gefühle auch nicht ändern. Zwar bin ich von Herzen dankbar, dass ich in einem Land zur Welt kam, in dem es den Menschen mehr als gut geht, dass ich nicht die leiseste Ahnung davon habe, wie sich Krieg anfühlt, dass man uns alle paar Monate zur Abstimmungs-Urne ruft, auch wenn ich meistens nicht zu den Abstimmungsgewinnern gehöre. Ich finde es grossartig, dass ich mich nicht verschleiern muss, dass ich als Frau zumindest auf dem Papier gleiche Rechte habe wie ein Mann, auch wenn es mit der Umsetzung zuweilen noch hapert. Ich lebe gerne hier, schätze die Sprachenvielfalt, die verschiedenen Regionen, die unterschiedlichen Mentalitäten. Man sieht also, auch wenn ich nicht gerne in Hurra-Patriotismus mache und auch wenn ich an meiner Heimat durchaus den einen oder anderen Makel ausmachen kann, auf meine Art und Weise liebe ich das Land, in dem ich geboren wurde dennoch. Bloss das mit dem Nationalstolz kriege ich nicht hin, denn was habe ich schon dazu beigetragen, dass ich hier und nicht in Darfur oder in Afghanistan zur Welt gekommen bin? Und weil mir das mit dem Nationalstolz nicht so recht gelingen will, würde ich eigentlich auch nicht zu jenen Menschen gehören, die am 1. August mit Raketen und Knallfröschen um sich schiessen.

Wenn ich denn keine Kinder hätte.

Aber ich habe Kinder, Gott sei Dank, und weil ich weiss, dass Kinder die leuchtenden Sterne am Nachthimmel lieben, gibt’s eben auch bei uns ein Mini-Feuerwerk. Das darf zwar nicht mehr als fünfzig Franken kosten – unser sauer verdientes Geld ist doch nicht zum Verbrennen da – und mein grünes Gewissen muss ich jeweils auch für ein paar Tage in die Ferien schicken, aber das alles kann  ich noch ganz knapp verantworten, ohne das Gefühl zu haben, ich würde Wasser predigen und Wein trinken. Und so zählten unsere Kinder seit Mitte Juli die Tage bis zum ersten August und seit heute Morgen die Stunden bis zum Eindunkeln. Doch dann, eine halbe Stunde vor dem Eindunkeln, zog ein Gewitter auf. Was „Meinen“ natürlich sofort hoffen liess, wir könnten das Zündeln bleiben lassen. Was aber auch die Kinder bangen liess, das Feuerwerk würde ins Wasser fallen, was ganz fürchterlich wäre, denn „morgen ist ja nicht mehr August“, wie Luise zu sagen pflegt, auch wenn wir ihr schon unzählige Male erklärt haben, dass der August mit dem Ersten erst anfängt.

Was also sollten wir tun? Die Kinder heulend ins Bett schicken? Abwarten und damit riskieren, dass wir die Kinder einfach eine Stunde später dennoch heulend ins Bett schicken? Schliesslich hatte Luise die zündende Idee: Wir könnten ja beten, dass der Liebe Gott den Regen abstellt. Was natürlich sogleich eine theologische Diskussion auslöste: „Meinst du wirklich, dass der Liebe Gott das macht, wo doch Feuerwerk die Umwelt zerstört?“, meinte Karlsson nachdenklich, worauf Luise auch vorübergehend an der theologischen Richtigkeit ihres Vorhabens zweifelte. Schliesslich einigten sich die zwei, man könnte es ja versuchen, man werde dann ja anhand des Resultats sehen, ob der Liebe Gott eher Spielverderber und Umweltschützer oder Kinderfreund und Patriot sei. Das haben die Kinder natürlich nicht so gesagt, aber ziemlich genau so gemeint.

Und siehe da: Der Regen hörte fast sofort auf und fing exakt fünf Minuten, nachdem unser letztes Kind in tiefen Schlaf gefallen war, wieder an. Was wohl die Frage nach dem Kinderfreund eindeutig mit Ja, die nach dem Spielverderber eindeutig mit Nein beantworten würde. Es sei denn, dem Lieben Gott wäre die ganze Angelegenheit mit unserem Nationalfeiertag ohnehin nicht so wichtig, weil er nämlich weitaus dringendere Fälle zu behandeln hat, woraus man den Schluss ziehen könnte, dass das mit dem Regen reiner Zufall war. Was uns zu einer Frage führt, die seit Jahrtausenden kontrovers diskutiert wird und ich masse mir nicht an, zu behaupten, Vendittis hätten heute, am 1. August 2010, eines der grössten theologischen Rätsel gelöst.

Wie dem auch sei, dankbar waren unsere Kinder heute Abend allemal. Und sei es nur, weil das Feuerwerk so wunderschön war.

Ich glaube…

„Soll ich gehen?“, frage ich mich jeweils, wenn es wieder einmal Zeit ist für den Christustag. „Passe ich dorthin? Immer noch? Oder hat sich zu viel in mir verändert?“ In den sechs Jahren seit dem letzten Christustag ist so viel passiert. Mir sind die Augen aufgegangen über einige Dinge, die schief laufen, nicht nur bei den anderen, sondern auch bei „uns“, den Freikirchlern. Früher war das ja noch ganz einfach für mich: Die Katholiken, das sind die ganz Bösen, die Reformierten sind Waschlappen und „wir“ in den Freikirchen haben die Wahrheit ganz alleine für uns gepachtet. Fehler machen die anderen, „wir“ nicht. Die Bibel biegen sich die anderen nach den eigenen Vorstellungen zurecht, „wir“ nicht. Machtmissbrauch kommt bei den anderen vor, bei „uns“ nicht.

Ich bin dankbar, dass mir im Laufe der Jahre die Augen aufgegangen sind. Dass ich erkennen durfte, dass auch „wir“ nicht davor gefeit sind, unseren Glauben – ich müsste wohl eher Religion nennen – dazu zu verwenden, um uns Vorteile zu verschaffen, um anderen das Leben schwer zu machen, um uns über andere hinwegzusetzen. Ich bin froh, dass ich gelernt habe, über Absurditäten zu lachen, anstatt zu glauben, ich müsste mich selbst verbiegen, um irgendwie in das Bild zu passen. Ich bin froh, dass „wir“ aus dem selben Dreck sind wie alle anderen.

Es gab eine Zeit, da verwirrte mich das Ganze: Glaube ich noch, wenn ich es wage, Dinge, mit denen ich aufgewachsen bin, in Frage zu stellen? Entferne ich mich von dem, was mir eigentlich so kostbar ist? Es dauerte eine ganze Weile, bis ich realisierte, dass ich bis anhin nicht geglaubt hatte, sondern dass ich einfach die Regeln einer Religion befolgt hatte. Noch etwas länger dauerte es, bis ich mir eingestehen konnte, dass ich zwar glaube und glauben will, dass ich aber auf keinen Fall religiös sein will, denn Religiosität, so wurde mir klar, steckte mich in ein Korsett, dass mich daran hinderte, zu erfahren, was es heisst, Glauben zu leben. Mit dieser veränderten Einstellung kam auch die Distanzierung von all den Etiketts, die „wir“ uns so gerne anheften: „Wiedergeboren“, zum Beispiel, ein Etikett, dass so oft missbraucht wird, dass es einem mulmig wird, wenn man es hört. „Gläubig“, ein Begriff, der in meinen Ohren inzwischen zu sehr nach „rechtgläubig“ klingt. „Evangelikal“, ein Wort, dass einen nur noch an George W.Bush und Konsorten erinnert.

Wie aber will ich mich nennen, wo der Glaube für mich doch eine zentrale Rolle in meinem Leben spielt? Ich habe es noch nicht herausgefunden, ja, zuweilen bin ich mir nicht sicher, ob ich mich überhaupt irgendwie benennen muss. Im Moment steht bei mir der Begriff „glaubend“ an oberster Stelle, denn das ist es, was ich zu sein versuche: Eine Glaubende, die sich darin vorwärts tastet, die manchmal hinfällt, wieder aufsteht, zuweilen grosse Schritte tut, dann wieder nur ganz vorsichtig abtastet, was da noch kommen könnte. Manchmal ist der Glaube ein letzter Strohhalm, an den ich mich mit aller verbleibenden Kraft klammere, ein andermal ist er fester Boden unter meinen Füssen, auf dem ich Schritte wage, die ich mir nie zugetraut hätte, dann wieder ist er die Hintergrundmusik, die ich nicht speziell wahrnehme, die mir aber das Gefühl gibt, geborgen zu sein. Eines aber ist klar: Seitdem ich angefangen habe, die Religiosität hinter mir zu lassen, ist mein Glaube lebendiger geworden, echter, erlebbarer. Und auch der, um den sich die ganze Sache dreht, ist für mich ein anderer geworden: Nahbarer, persönlicher, freundlicher und damit unverzichtbar für mich.

Und deshalb bin ich heute trotz Erschöpfung mit Karlsson und Luise nach Bern zum Christustag gefahren. Weil ich dazu stehen wollte, dass ich an Christus glaube, auch wenn es Zeiten gab, in denen ich an uns Christen fast verzweifelt wäre. Auch wenn ich mich für so Vieles schäme, was „in seinem Namen“ getan wurde und noch immer getan wird. Auch wenn ich weiss, dass einige „unserer“ Absurditäten tatsächlich sehr absurd sind. Ich bin froh, dass wir heute in Bern waren. Denn einmal mehr habe ich gesehen, dass es so viele Menschen gibt, die aufrichtig versuchen, das zu leben, was sie glauben; dass es neben all der „christlichen“ Verlogenheit auch sehr viel Echtheit gibt. Einmal mehr habe ich gesehen, was möglich wird, wenn Menschen nicht Gebote befolgen und Vorschriften machen, sondern ganz einfach glauben und handeln und sich nicht davor fürchten, sich die Hände schmutzig zu machen. Einmal mehr wurde mir bewusst, dass ich gerne dazugehöre, wenn Menschen sich darauf einlassen, dem Zimmermann aus Nazareth nachzuleben. Auch wenn wir dabei immer mal wieder auf die Nase fallen.