„Soll ich gehen?“, frage ich mich jeweils, wenn es wieder einmal Zeit ist für den Christustag. „Passe ich dorthin? Immer noch? Oder hat sich zu viel in mir verändert?“ In den sechs Jahren seit dem letzten Christustag ist so viel passiert. Mir sind die Augen aufgegangen über einige Dinge, die schief laufen, nicht nur bei den anderen, sondern auch bei „uns“, den Freikirchlern. Früher war das ja noch ganz einfach für mich: Die Katholiken, das sind die ganz Bösen, die Reformierten sind Waschlappen und „wir“ in den Freikirchen haben die Wahrheit ganz alleine für uns gepachtet. Fehler machen die anderen, „wir“ nicht. Die Bibel biegen sich die anderen nach den eigenen Vorstellungen zurecht, „wir“ nicht. Machtmissbrauch kommt bei den anderen vor, bei „uns“ nicht.
Ich bin dankbar, dass mir im Laufe der Jahre die Augen aufgegangen sind. Dass ich erkennen durfte, dass auch „wir“ nicht davor gefeit sind, unseren Glauben – ich müsste wohl eher Religion nennen – dazu zu verwenden, um uns Vorteile zu verschaffen, um anderen das Leben schwer zu machen, um uns über andere hinwegzusetzen. Ich bin froh, dass ich gelernt habe, über Absurditäten zu lachen, anstatt zu glauben, ich müsste mich selbst verbiegen, um irgendwie in das Bild zu passen. Ich bin froh, dass „wir“ aus dem selben Dreck sind wie alle anderen.
Es gab eine Zeit, da verwirrte mich das Ganze: Glaube ich noch, wenn ich es wage, Dinge, mit denen ich aufgewachsen bin, in Frage zu stellen? Entferne ich mich von dem, was mir eigentlich so kostbar ist? Es dauerte eine ganze Weile, bis ich realisierte, dass ich bis anhin nicht geglaubt hatte, sondern dass ich einfach die Regeln einer Religion befolgt hatte. Noch etwas länger dauerte es, bis ich mir eingestehen konnte, dass ich zwar glaube und glauben will, dass ich aber auf keinen Fall religiös sein will, denn Religiosität, so wurde mir klar, steckte mich in ein Korsett, dass mich daran hinderte, zu erfahren, was es heisst, Glauben zu leben. Mit dieser veränderten Einstellung kam auch die Distanzierung von all den Etiketts, die „wir“ uns so gerne anheften: „Wiedergeboren“, zum Beispiel, ein Etikett, dass so oft missbraucht wird, dass es einem mulmig wird, wenn man es hört. „Gläubig“, ein Begriff, der in meinen Ohren inzwischen zu sehr nach „rechtgläubig“ klingt. „Evangelikal“, ein Wort, dass einen nur noch an George W.Bush und Konsorten erinnert.
Wie aber will ich mich nennen, wo der Glaube für mich doch eine zentrale Rolle in meinem Leben spielt? Ich habe es noch nicht herausgefunden, ja, zuweilen bin ich mir nicht sicher, ob ich mich überhaupt irgendwie benennen muss. Im Moment steht bei mir der Begriff „glaubend“ an oberster Stelle, denn das ist es, was ich zu sein versuche: Eine Glaubende, die sich darin vorwärts tastet, die manchmal hinfällt, wieder aufsteht, zuweilen grosse Schritte tut, dann wieder nur ganz vorsichtig abtastet, was da noch kommen könnte. Manchmal ist der Glaube ein letzter Strohhalm, an den ich mich mit aller verbleibenden Kraft klammere, ein andermal ist er fester Boden unter meinen Füssen, auf dem ich Schritte wage, die ich mir nie zugetraut hätte, dann wieder ist er die Hintergrundmusik, die ich nicht speziell wahrnehme, die mir aber das Gefühl gibt, geborgen zu sein. Eines aber ist klar: Seitdem ich angefangen habe, die Religiosität hinter mir zu lassen, ist mein Glaube lebendiger geworden, echter, erlebbarer. Und auch der, um den sich die ganze Sache dreht, ist für mich ein anderer geworden: Nahbarer, persönlicher, freundlicher und damit unverzichtbar für mich.
Und deshalb bin ich heute trotz Erschöpfung mit Karlsson und Luise nach Bern zum Christustag gefahren. Weil ich dazu stehen wollte, dass ich an Christus glaube, auch wenn es Zeiten gab, in denen ich an uns Christen fast verzweifelt wäre. Auch wenn ich mich für so Vieles schäme, was „in seinem Namen“ getan wurde und noch immer getan wird. Auch wenn ich weiss, dass einige „unserer“ Absurditäten tatsächlich sehr absurd sind. Ich bin froh, dass wir heute in Bern waren. Denn einmal mehr habe ich gesehen, dass es so viele Menschen gibt, die aufrichtig versuchen, das zu leben, was sie glauben; dass es neben all der „christlichen“ Verlogenheit auch sehr viel Echtheit gibt. Einmal mehr habe ich gesehen, was möglich wird, wenn Menschen nicht Gebote befolgen und Vorschriften machen, sondern ganz einfach glauben und handeln und sich nicht davor fürchten, sich die Hände schmutzig zu machen. Einmal mehr wurde mir bewusst, dass ich gerne dazugehöre, wenn Menschen sich darauf einlassen, dem Zimmermann aus Nazareth nachzuleben. Auch wenn wir dabei immer mal wieder auf die Nase fallen.

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