Verunsichert

Wenn ich sehe, wie oft die Leute bei beautifulvenditti landen, weil sie sich eine Antwort auf die Frage „Braucht mein Kind ein eigenes Zimmer?“ erhoffen, dann stimmt mich das nachdenklich. Irgendwo, in den unendlichen Weiten des Internets erhofft man sich eine Antwort auf die Frage, die man eigentlich nur beantworten kann, wenn man den Charakter der eigenen Kinder, den Grundriss der Wohnung und das monatliche Budget anschaut. Warum, so frage ich mich jeweils, sind wir Eltern so verunsichert, dass wir unserer eigenen Urteilskraft und unserer grossen Liebe, die wir für unsere Kinder empfinden, nicht mehr trauen? Warum glauben wir, dass ein anderer uns besser sagen kann, wo es lang geht? Klar, es gibt Eltern, die sollten dringend auf die Ratschläge anderer hören, aber das sind ja meistens nicht diejenigen, die durchs Netz surfen, um herauszufinden, was für ihr Kind das Beste sei. Allen anderen Eltern, „Meiner“ und ich eingeschlossen, wünsche ich, dass sie wieder lernen, ihrem eigenen Urteil mehr zu trauen.

Wenn mir eine befreundete Mutter, die mit Kleinkindern arbeitet, erzählt, wie schockiert die Eltern jeweils sind, wenn sie hören, dass die Kinder bei ihr unter Aufsicht mit Küchenmesser und Scheren hantieren dürfen, dann stimmt mich das nachdenklich. Warum, so frage ich mich, haben wir Eltern so grosse Mühe, zu begreifen, dass es viel gefährlicher ist, wenn Kinder nicht lernen, mit Gefahren umzugehen und ihnen dann schutzlos ausgeliefert sind? Warum trauen wir, die wir in unserer Kindheit meist kaum beaufsichtigt waren, unseren Kindern nicht zu, dass sie fähig sind, den Umgang mit gefährlichen Gegenständen zu lernen? Auch hier muss man leider wieder sagen: Gewisse Eltern täten besser daran, hinzuschauen und aufzupassen, was ihr Nachwuchs macht, aber auch hier tun es meistens gerade die nicht, die sollten.

Wenn ich am Samstagnachmittag mit Karlsson und Luise mit dem Fahrrad ins Dorf fahre und eine Frau, die uns im Auto überholt, brüllt mich an, Luises Fahrrad sei zu gross, dann stimmt mich das nachdenklich. Warum, so frage ich mich, sieht die Frau nicht, dass ich keine Zeit habe für ihre Tipps, weil ich aufpassen muss, dass meine Kinder heil durch den Verkehr kommen? Und warum traut sie mir nicht zu, dass ich mit den Kind beim Fahrradhändler war, um abzuchecken, wie gross das Velo für Luise sein muss? Die Medien sind so voll von Geschichten über verantwortungslose Eltern, dass jeder, der eine Mama mit Kind(ern) sieht glaubt, er müsse für Ordnung sorgen, weil ja ohnehin keiner für die Kinder schaue. Dass die Eltern sich Gedanken machen, dass sie das Beste für ihre Kinder wollen, glaubt schon gar keiner mehr und darum mischt man sich ein, wo man eigentlich besser schweigen sollte. Und schaut weg, wo dringend mal einer sagen sollte, dass es jetzt reicht.

Man sollte meinen, dass mich nach bald zehn Jahren Muttersein diese Spannungen kalt lassen, dass ich mich an sie gewöhnt habe. Aber dem ist nicht so: Sie beschäftigen mich je länger je mehr. Aber zumindest lasse ich mich nicht mehr so leicht verunsichern wie auch schon.

Die lieben mich wirklich!

Zwar kann ich mir noch immer nicht erklären, weshalb, aber sie tun es wirklich. Sie lieben  mich trotz all meiner Fehler, trotz meiner Ungeduld, trotz meiner launischen Art, an der sie immer mal wieder zu leiden haben. Sie sind bereit, über all meine Mängel hinweg zu sehen und mich trotz meiner selbst zu lieben. Ist das nicht toll?

Dass sie mich lieben, haben sie mir heute mal wieder ganz deutlich gezeigt. Mit Briefchen, in denen „Mama, ich lib dich so ser“ steht. Oder „Mama, ic ha dichsoger“ oder „Schön, dass es dich gibt. Gibst du auf deine Gesundheit acht?“. Es ist zwar noch nicht Muttertag, aber sie haben mich dennoch überschüttet mit Liebesbriefen und Küssen -sogar das Prinzchen hat mich geküsst! – und sie haben mich gefeiert, als wäre ich ihre grösste Heldin. Und sie haben mir ein Velo geschenkt. Eines aus zweiter Hand zwar, aber das ist mir völlig egal. Hauptsache, ich kann endlich wieder auf zwei Rädern ins Dorf fahren, wenn es eilt. Hauptsache, ich muss nicht mehr zu Hause bleiben, wenn die ganze Familie einen Zweirad-Ausflug in den Park unternimmt.

Wenn dann noch meine Fans vollzählig hinter mir her rennen, während ich meine ersten Runden auf dem neuen Velo drehe und bewundernd rufen „Du kannst es, Mama! Du kannst es ja wirklich!“, dann fühle ich mich einfach grossartig. Und ich bin froh, dass wir das Abenteuer Familie gewagt haben…

Kinderwagen Nummer 6

Wer braucht denn heute noch einen Kinderwagen, der länger als drei Jahre hält? Dies scheinen sich die Kinderwagenhersteller zu sagen. Und sie haben ja recht: Entweder, man hört nach Kind eins auf mit dem Abenteuer Familie, weil das alles doch etwas anstrengender ist, als man sich vorgestellt hätte, oder man kauft für Kind zwei und drei wieder einen neuen Wagen, weil inzwischen wieder so tolle neue Gefährte in den wunderbarsten Farben auf den Markt gekommen sind. Und so hält der moderne Kinderwagen maximal so lange, bis Kindchen knapp auf den eigenen Füsschen stehen kann. Und deshalb wird im Hause Venditti in den nächsten Tagen Kinderwagen Nummer 6 (oder Buggy Nummer 3) geliefert.

Beim Kinderwagen Nummer 1 hatte ich ja noch gedacht, das Ding halte ewig und so verbrachten „Meiner“ und ich viele Stunden im Babycenter, um den perfekten Wagen auszusuchen. Als dann auch noch Schwiegermama anmeldete, dass sie das Ding bezahlen würde, wurden es noch ein paar Stunden mehr, denn ich musste mit aller Kraft verhindern, dass Schwiegermama bestimmte, in welchem Gefährt unser erstes Kind die Welt entdecken würde. Schliesslich entschieden wir uns für ein sündhaft teures italienisches Modell, das zugleich Babykarosse, Buggy und Kindersitz war. Schwiegermama zahlte bereitwillig die 1000 Franken und wir glaubten, das Thema Kinderwagen ein für alle mal abhaken zu können.

Do schon bald wurde der kleine Karlsson grösser und wir mussten feststellen, dass das sündhaft teure Ding leider trotz aller Versprechen nicht als Buggy taugte, worauf Kinderwagen Nummer 2 (oder Buggy Nummer 1) bei uns Einzug hielt. Das müsste jetzt aber wirklich reichen, dachten wir und es reichte auch. Bis sich der FeuerwehrRitterRömerPirat dazu entschied, sich in meinem Bauch einzunisten, kaum war Luise ausgezogen. Also musste ein Doppelkinderwagen her, sonst hätte Mama in Zukunft nicht mehr das Haus verlassen können. „Jetzt sind wir aber für den Rest unseres Lebens mit Kinderwagen versorgt“, sagten „Meiner“ und ich, als wir voller Stolz (Doppel)kinderwagen Nummer 3 abholten. Und tatsächlich: Zwei Jahre lang lief wirklich alles gut. Bis wir eines Sommers nach Malta reisten, wo die Strassen so holperig waren, dass Kinderwagen Nummer 2 oder Buggy Nummer 1 den Geist aufgab und in einer Maltesischen Abfallmulde landete (wo er Tags darauf wieder herausgeholt wurde und wohl noch heute über die Strassen von Valletta holpert).

Hätte ich zu jenem Zeitpunkt nicht den Zoowärter in meinem Bauch beherbergt, wir hätten den FeuerwehrRitterRömerPiraten wohl zum Laufen aufgefordert. So aber erhielt unser Dritter ein brandneues grasgrünes Wägelchen (Kinderwagen Nummer 4 oder Buggy Nummer 2), Made in Malta. Aber einen neuen Kinderwagen kauften wir nicht mehr. Den Zoowärter würden wir ausschliesslich im Tragtuch mit uns herumschleppen, solange er noch zu klein war für den Maltesischen Buggy. (Wie kann man bei Kind Nummer 4 noch so naiv sein?) Mein Rücken schmerzte zwar, ich verbrachte Stunden in der Physiotherapie aber ich blieb eisern dabei: Einen neuen Kinderwagen gab’s nicht. Dafür aber durfte ich den Wagen einer Nachbarin zu Boden fahren.

Damit wäre die Geschichte zu Ende. Doch kaum hatten wir uns sämtlicher Kinderwagen bis auf das grasgrüne Maltesische Wägelchen entledigt, beschloss das Prinzchen, dass es auch Teil dieser überaus coolen Familie werden möchte, worauf Mama sich auf die Suche nach Kinderwagen Nummer 5 machte. Noch einmal monatelang schleppen, bis das Kind gross genug für den Buggy war, kam nicht in Frage. Das machte mein Rücken nicht mehr mit und so wurde Kinderwagen Nummer 5 gekauft,  wieder Babykarosse und Buggy in Einem, ganz wie am Anfang, bloss viel viel preiswerter. Schwiegermama offerierte nämlich nicht mehr so grosszügig, alles zu bezahlen, da es nach ihrem Geschmack eindeutig zu viele Enkelkinder waren. Leider war Kinderwagen Nummer 5 nicht nur preiswert, sondern auch billig, weshalb er schon nach achtzehn Monaten bei der Müllabfuhr landete. Gleichzeitig mit Kinderwagen Nummer 4 oder Buggy Nummer 2, der auch nicht mehr fahren will.

Weil aber das Prinzchen noch lange nicht grosse genug ist, um bis zur Migros und zurück zu gehen, nehmen wir demnächst Kinderwagen Nummer 6 oder Buggy Nummer 3 in Empfang. Falls unser Leben nicht noch eine ganz eigenartige Wendung nimmt, wird dieser aber endgültig der Letzte sein. Ich verspreche es…

Kein Spaziergang, aber dennoch ganz nett

Das Leben ist kein Spaziergang, das weiss jeder, der mehr als zwanzig Jahre auf dieser Erde weilt. Aber hin und wieder verfällt auch einer, der mehr als zwanzig Jahre auf dieser Erde weilt, der irrigen Ansicht, dass das Leben hin und wieder, für fünf Minuten vielleicht, ein Spaziergang sein kann und zwar ein wunderbarer. Zum Beispiel dann, wenn man endlich gelernt hat, so „lieb und freundlich“ mit den Kindern zu reden, wie dies Lisa und Inga aus Bullerbü gerne tun würden. Wenn man zudem auch noch mit „Meinem“ ganz zivilisierte Gespräche ohne herumfliegende Blumenkohlköpfe führen kann. Wenn beruflich nach langem Warten endlich Vieles so läuft, wie man dies schon immer gewollt hätte. Wenn man kurz davor steht, einen Lebenstraum zu verwirklichen. Wenn auf dem Konto am Ende des Monats endlich nicht mehr gähnende Leere herrscht und die Rechnungsbeträge nicht mehr grösser als das Einkommen sind. Wenn dann auch noch die Salatköpfe auf dem Balkon so wunderbar gedeihen, ja, dann könnte man glatt meinen, man dürfe jetzt für eine Weile spazieren, anstatt zu klettern, zu hetzen, sich abzukämpfen.

Aber netterweise gönnt einem das Leben solche Momente nicht und so steckt man, kaum hat man sich darüber gefreut, dass für einmal alles bestens läuft, in einem heftigen Streit mit jemandem, der findet, man mache so ziemlich alles falsch im Leben und einem diese Meinung auch schonungslos an den Kopf wirft. Erschüttert und aufgewühlt, wie man danach ist, erschreckt man die lieben unschuldigen Kinderlein mit einem heftigen Wutanfall und am Ende ist man nur noch ein heulendes Wrack. Irgendwann rappelt man sich wieder auf und beschliesst, die Sache beiseite zu schieben, denn bald schon, wenn der Zorn verraucht ist, wird man wieder miteinander reden können. Morgen ist ein neuer Tag, denkt man, und dann wird alles wieder besser. Aber morgen wird nicht besser. Denn als man pünktlich um halb zehn in der Kinderarztpraxis aufkreuzt, erfährt man, dass das Prinzchen eigentlich gestern hätte kommen sollen und dass die Rechnung für den verpassten Termin bereits unterwegs ist. Man könnte im Boden versinken vor lauter Scham, denn man weiss ja, wie beschäftigt sie in der Kinderarztpraxis sind. Etwa ähnlich beschäftigt, wie Mütter von vielen Kindern.

Dennoch darf das Prinzchen ins Untersuchungszimmer und weil das arme Kerlchen spürt, wie erschüttert Mama ob ihres Irrtums ist, beschliesst es, zu zeigen, was es drauf hat: Die Kinderärztin möchte, dass er zwei oder drei Holzwürfel aufeinanderstapelt, das entspreche etwa seinem Alter. Das Prinzchen beginnt zu stapeln, die Kinderärztin lobt, das Prinzchen stapelt weiter, die Kinderärztin staunt, das Prinzchen stapelt weiter und am Ende hat er alle neun Würfel aufgetürmt. Und so verlässt man, innerlich zwar noch immer beschämt wegen der verpassten Termins, die Kinderarztpraxis dennoch mit mehr oder weniger intaktem Ansehen.

Das Leben ist zwar kein Spaziergang. Aber mit einem Prinzchen an der Seite, der Mama den Tag rettet, kann man das alles ein wenig lockerer sehen.

Das perfekte Wochenende

Zutaten für das perfekte Wochenende zu zweit:
– Ein ceylonesisches Mittagessen, spottbillig aber dennoch köstlich
– Ein Spaziergang durch Bern, besonders schön, wenn sich dabei noch ein Paar neue Schuhe  dazugesellen
– Den weltbesten Chai mit Scones (Nein, nicht das klebrige Zeug von Starbucks, sondern der echte Genuss von „Länggass Tee„)
– Eine urgemütliche, warme Jurte, die mit wunderschönen, bunten Möbeln eingerichtet ist
– Ein paar Esel, Schafe, Kamele und Lamas, die einen erstaunt anschauen, wenn man mal den Kopf aus der Jurte streckt
– Regen, der auf das Dach der Jurte prasselt und der einem das Gefühl gibt, man befinde sich am sichersten Ort der Welt
– Ein  Coop-Tankstelle (tut mir Leid, gab gerade keine Migros-Tankstele in der Nähe, aber wäre natürlich besser gewesen 🙂 ) wo man alles findet für ein romantisches Diner in der Jurte
– Ein Ehemann, der sogar daran gedacht hat, Kerzen einzupacken
– Eine gemütliche Autofahrt durchs verregnete und dennoch wunderschöne Emmental. Schadet übrigens nicht, wenn man dabei alte Eros Ramazzotti-Schnulzen hört
– Endlose Stunden in der Sauna. War zwar teuer, aber man entspannt sich ja nicht alle Tage bei Kerzenlicht oder in einer Salzgrotte. Das kleine Bisschen Kopfschmerzen, das die geballte Ladung Entspannung mit sich bringt, nimmt man da gerne in Kauf.

Die zwei allerwichtigsten Zutaten aber sind

a) Absolut verlässliche Babysitter, die auch bei fünf Venditti-Kindern nicht die Nerven verlieren
b) Ein Ehemann, mit dem man die kostbare Zeit zu zweit nicht zum Streiten, sondern zum Geniessen nützen kann

Stimmen all diese Bedingungen, dann macht es einem auch nichts aus, wenn man, kaum ist man zu Hause angekommen, dafür sorgen muss, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat, der Zoowärter und das Prinzchen wieder heil aus der Vorratskammer kommen, in die sie sich aus lauter Freude, dass die Eltern wieder da sind, eingeschlossen haben.

Noch 100 Minuten…..

… und dann werden „Meiner“ und ich das ganze Chaos für 36 Stunden hinter uns lassen. Keine Kinder – nicht mal das Prinzchen darf mit – nur wir zwei. Wir zwei beim Teetrinken im Länggass-Tee, wir zwei beim Schlendern durch die Gassen Berns (den Regen denken wir uns einfach weg), wir zwei beim Übernachten in der Jurte (Wird doch wohl nicht so kalt werden, wie der Wetterfrosch vorausgesagt hat, oder?), wir zwei beim Diskutieren, ob wir jetzt in Bern oder in Luzern in die Sauna gehen sollen, wir zwei beim kompletten Entspannen, egal ob in Bern, Luzern oder anderswo, wir zwei bei der knallharten Landung in der Realität des turbulenten Alltags.

Und wer schaut derweilen zu den Kindern, fragt ihr euch? Na, wer wohl: Drei der zahlreichen weltbesten Nichten werden während unserer Abwesenheit den Laden schmeissen und ich weiss, sie werden die herkulische Aufgabe wie immer sehr gut meistern. Warum also will ich dennoch den Zeitpunkt des Wegfahrens hinauszögern? Wenn man bedenkt, welches Chaos ich hier zurücklasse und welche Ruhe ich dort hoffentlich finden werde, müsste ich doch jetzt schon ungeduldig im Auto warten, bis „Meiner“ endlich bereit ist zum Losfahren. Aber ist nicht gestern Abend das Prinzchen beinahe an einem Stück Karotte erstickt? Was, wenn er heute wieder eine Karotte erwischt? Okay, wir haben gar keine Karotten mehr im Kühlschrank, aber es könnte ja sein, dass jemand unseren Kindern während unserer Abwesenheit  Karotten schenkt… Und hat nicht Karlsson gestern so sehr an meiner Liebe zu ihm gezweifelt, dass ich ihn heute unmöglich verlassen kann. Und die Kinderzimmer sind auch nicht aufgeräumt und am Ende weiss man nie, ob nicht ausgerechnet in den nächsten 36 Stunden ein Tornado über Schönenwerd hinweg rasen wird. Ist zwar seit Menschengedenken noch nie passiert, aber man kann ja nie wissen, oder?

Nein, kann man tatsächlich nicht und deshalb werde ich jetzt wohl oder übel meine Tasche packen und mich ins Vergnügen stürzen müssen. „Meiner“ wartet nämlich schon ganz ungeduldig im Auto…

Beste Mama des Jahres

Mist! Schon wieder Minuspunkte eingefahren im mit harten Bandagen geführten Kampf um den heiss begehrten Titel „Beste Mama des Jahres“. Eine Mama, die morgens um Viertel vor acht noch selig schlummert, anstatt in der Küche zu stehen und den Nachwuchs, der schon längst geputzt und gestriegelt sein müsste, mit einem vollwertigen Frühstück zu verwöhnen, hat sich ja wohl endgültig disqualifiziert. Wäre nicht meine eigene Mama todesmutig nach oben gekommen, um zaghaft an meine Schlafzimmertür zu klopfen und zu fragen, ob wir nicht vielleicht aufstehen müssten, wir alle lägen noch immer selig in unseren Betten. Mit ihrer heldenhaften Tat, eine bekennende Langschläferin, deren miese Laune am Morgen legendär ist, sanft aus dem Träumen zu reissen, hätte meine Mama eigentlich den Titel „Beste Mama des Jahres“ bereits auf sicher. Aber ich weiss nicht, ob beim Wettbewerb auch Grossmamas zugelassen sind. Es sei denn, um sie für ihr Lebenswerk zu ehren.

Wie dem auch sei, ich legte mal wieder eine perfekte Performance für die „Mieseste Mama des Jahres“ an den Tag: Die Kinder mit Joghurt abgespeist – ja, ich weiss, enthält viel zu viel Zucker – , vierhundertdreizehn Mal gesagt „Jetzt beeilt euch doch!“, den FeuerwehrRitterRömerPiraten mit einem Donald Duck-Heft abgespeist, damit er, der immer trödelt, aus dem Weg ist, solange Karlsson und Luise noch nach Socken für die Füsse und Bananen für die grosse Pause suchten, mich selber mit einem Glas Cola light wachgeknüppelt, weil der sanfte Start in den Tag ohnehin versaut war, das Prinzchen in nasser Windel herumwatscheln lassen, solange die Grossen noch nicht aus dem Haus waren, den FeuerwehrRitterRömerPiraten zu spät in den Kindergarten geschickt und dann auch noch den Zoowärter mit einem Bonbon belohnt, weil er trotz allem Chaos so brav aufs WC gegangen ist. Und, wie viele pädagogische Todsünden macht das insgesamt? Sehr viele und wenn man bedenkt, dass ich mir früher jeweils vorgestellt hatte, ich würde meinen Kindern jeden Tag Pfannkuchen oder Waffeln backen zum Frühstück, dann sind es noch ein paar mehr und ich fürchte, ich bin definitiv aus dem Rennen für den Titel „Beste Mama des Jahres“.

Okay, ich habe danach wieder Boden gut gemacht, als ich die Rolle des David übernahm im Kampf gegen Zoowärter-Goliath. Weil der Zoowärter noch nicht begriffen hat, dass in dieser Geschichte der Kleine der wirklich Grosse ist, überlässt er mir stets grosszügig die Heldenrolle und so kam ich in den Genuss eines bewundernden Publikums, als ich da in der Küche mutig meine imaginäre Schleuder über dem Kopf schwang. Das Prinzchen konnte von dem Schauspiel gar nicht genug bekommen und so flogen dem armen Goliath die imaginären Kieselsteine nur so um die Ohren. Wo doch jedes Kind – mit Ausnahme des Prinzchens – weiss, dass David schon beim ersten Mal getroffen hat. Eigentlich sollte ich mit diesem Auftritt meine Minuspunkte wieder kompensiert haben, aber ich fürchte, dass solche Qualitäten nicht gefragt sind, wenn es darum geht, zur „Besten Mama des Jahres“ gewählt zu werden.

Ach ja, ich habe mich übrigens gar nicht bei einem derartigen Wettbewerb angemeldet, aber ich bin mir sicher, dass er irgendwo auf diesem Planeten ausgetragen wird. Wenn nicht hier, dann ganz bestimmt in den USA.

P.S. Habe soeben noch einen draufgegeben: Während ich auf dem Trottoir mit einer anderen Mama, die etwas bei mir abliefert, über die besten Feierabend-Filme quatsche, verrichtet der Zoowärter oben sein grosses Geschäft und weil er vergessen hat, dass das Geschäft gross und nicht klein war, landet die Sache im Lavabo und der Zoowärter brüllt. Grossartig, wie ich meine Kinder im Griff habe, nicht wahr? Und nein, ich sage nicht, was die Freundin abgeliefert hat, sonst meinen alle, die ältere Kinder haben, sie dürften ihre Keller räumen und auch bei mir abliefern. Aber solche Sachen nehme ich nur von Freunden, die verstehen, dass auch eine Grossfamilie nicht unbegrenzten Bedarf hat….

Hach, wie romantisch!

Gärtnern ist pädagogisch äusserst wertvoll. Das weiss heute jeder, der mal einem Kind beim Wühlen in der Erde zugeschaut hat. Im Garten lernen die Kinder, wie aus fast nichts etwas Wunderbares, etwas Essbares, etwas Duftendes, etwas Buntes oder sonst irgend etwas werden kann. Ein wenig Erde, ein wenig Licht, ein wenig Wasser und schon kann man dem Wunder beim Wachsen zuschauen. Und weil das Wasser Gott sei Dank nicht jeden Tag von selber kommt, lernen die lieben Kinderlein auch gleich, dass man schön brav giessen muss, wenn man im Herbst ernten will. Dazu kommen noch die netten Nebeneffekte wie Zeit an der frischen Luft, Bewegung, helfen und was der erstrebenswerten Dinge sonst noch sind. Gärtnern ist für Eltern, die um das Gedeihen ihrer Kinder besorgt sind, praktisch Pflicht. Ausserdem gibt es wohl kaum einen idyllischeren Anblick als eine Mama und ein Papa, die in der Erde wühlen, während eine Schar kleinerer und grösserer Kinderlein mit Giesskännchen, Schäufelchen und Rechen an ihrer Seite werkeln. Hach, wie  herzerwärmend romantisch!

Nun, wie immer kriegen „Meiner“ und ich das mit der Idylle nicht so recht hin. Okay, unsere Kinder sind hübsch genug fürs Werbefoto – wessen Kinder sind das nicht? -, unser Garten lässt sich auch sehen und der strahlende Frühlingshimmel und die blühenden Bäume sorgen für die perfekte Kulisse. Nur das Harken-schwingende Prinzchen will nicht so recht ins Bild des trauten Familienglücks passen. Und der Zoowärter, der sich zum dritten Mal hinter die Salatsetzlinge macht und versucht, sie ratzekahl abzufressen. Wer braucht da noch Schnecken, wenn man einen Zoowärter hat, der dafür sorgt, dass die Salatköpfe putzig klein bleiben? Und wenn der Zoowärter endlich die Salatköpfe in Ruhe lässt, giesst er hingebungsvoll die Erdbeeren, die in ihrem Beet zu ertrinken drohen. Da wären auch noch Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat, die sich einen hitzigen Kampf mit vollen Giesskannen liefern und dafür sorgen, dass der Gang in den Keller, um neues Wasser zu holen, zu einer gefährlichen Rutschpartie wird. Schliesslich kommt noch Karlsson dazu, der zwar mit äusserster Sorgfalt die Pflänzchen pflegt, der aber ausrastet, kaum lässt man ihn wissen, dass die Pflanze, die er bearbeitet, jetzt bestimmt genug Liebe bekommen hat. Dass „Meiner“ und ich uns zwischen diversen pädagogisch nicht besonders ausgefeilten Erziehungspredigten eine hitzige Diskussion liefern, ob Rucola „einfach köstlich“ (ich) oder „abscheulich“ („Meiner“) sei, setzt dem Ganzen das Sahnehäubchen auf.

Eigentlich erstaunlich, dass uns allen das Gärtnern dennoch unglaublich viel Freude macht. Vielleicht liegt’s daran, dass wir gar nicht erst probieren, eine pädagogisch wertvolle Idylle zu schaffen, sondern dass wir auch im Garten ganz uns selber sind, Macken und Streitigkeiten inbegriffen. Wie, ob es mir nichts ausmacht, dass die Nachbarn alles mitbekommen? Nein, es macht mir nichts aus. Zumindest solange nicht, bis ihr Rasenmäher idyllischer lärmt als unsere Kinder sich streiten.

Das hat man nun davon,…

…. wenn man abends, anstatt zu arbeiten, einen seichten Film schaut: Flausen im Kopf, die einem keine Ruhe mehr lassen. Da schaue ich mir diesen Film an, in dem es darum geht, wer mit wem zusammen ist und wer mit wem zusammen sein sollte und wer wem auf welche Weise das Leben schwer macht, damit er mit dem zusammen sein kann, mit dem er zusammen sein möchte. Alles verstanden? Nein? Macht nichts, ich habe auch nichts verstanden. Das Einzige, was mir von dem Film im Kopf geblieben ist, ist der Typ, der in Schichten schläft. Von vier Uhr nachts bis acht Uhr morgens und dann tagsüber eine zweite Schicht, zu welcher Zeit, habe ich vergessen.

Wie, ihr findet das mit den Schichten eine blöde Idee? Ich absolut nicht. Das wäre doch was: Nachts, wenn man endlich mal Ruhe hat, ungestört arbeiten und am Tag, wenn alles drunter und drüber geht, die zweite Schicht schlafen. Für mich als bekennende Nachteule ein absoluter Traum. Und deshalb zerbreche ich mir jetzt den Kopf, wie ich das in meinem Leben umsetzen könnte: Die erste Schicht Schlaf von drei Uhr morgens bis sieben Uhr morgens, dann Familienleben und Arbeit bis drei Uhr nachmittags, dann wieder schlafen bis sieben Uhr und dann wieder Familienleben und Arbeit bis drei Uhr. Sollte doch eigentlich möglich sein, oder?

Möglich schon, aber nur auf dem Papier. Denn ich bin mir sicher, dass das Prinzchen, kaum würde ich mich morgens um drei an den Computer setzen, nach Unterhaltung schreien würde. Wenn Mama Spass hat, will das Prinzchen auch Spass haben. Und ich fürchte auch, dass ich mich regelmässig um sieben Uhr verpennen würde, denn ich bin nicht nur eine Nachteule, sondern auch ein Morgenmuffel. Und schliesslich fürchte ich, dass meine lieben Kinderlein mich nie und nimmer nachmittags schlafen lassen würden. Sie brauchen doch jemanden, bei dem sie sich über „böse“ Lehrerinnen beklagen können, jemanden, der ihnen Erdnussbutterbrote streicht und jemanden, der mit ihnen Liedlein singt. Wird wohl also nichts aus meinen neuen Schlafenszeiten. Zumindest nicht in den nächsten 20 Jahren und danach wird mich ohnehin die senile Bettflucht im Morgengrauen aus dem Bett treiben.

Fussball

Nein, ich werde definitiv nie eine Soccer Mum. Ich schaffe das einfach nicht. Auch wenn Luise und Karlsson im Fussballcamp eine ganze Woche lang dem Ball hinterher gerannt sind. Auch wenn Luise gar im letzten Spiel ein Tor geschossen hat und damit ihrem Team zum Sieg verholfen hat. Auch wenn Karlsson, der im Grunde Fussball hasst, mir gestern Abend voller Begeisterung gezeigt hat, wie hart er den Ball dank der richtigen Technik schiessen kann. Ich weiss, ich sollte jubeln vor lauter Begeisterung. Ich sollte mit vor Stolz geschwellter Brust am Fussballplatz stehen und meinen Sprösslingen zujubeln. Ich sollte in ihnen die Hoffnung schüren, dass sie dereinst ganz grosse Stars auf dem Rasen sein werden, ja, dass sie vielleicht eines Tages für die Schweiz den Weltmeistertitel holen werden.

Und was tue ich stattdessen? Ich lächle verkrampft, wenn Luise mir vorschwärmt, wie toll diese Woche doch gewesen sei. Ich murmle etwas von „Wir werden dann sehen…“, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat, der in diesem Jahr noch nicht mitmachen durfte, davon träumt, wie er nächstes Jahr nicht nur ins Fussballcamp gehen wird, sondern auch zum wöchentlichen Fussballtraining. Ich klopfe Karlsson anerkennend auf die Schulter, wenn er mir seine neuesten Balltricks vorführt und sage dann schnell: „Hast du schon gesehen? Ich habe euch ein Geolino-Lexikon gekauft. Möchtest du nicht noch ein wenig darin lesen?“ Und heute – Schande über mich! – habe ich doch tatsächlich den grossen Fototermin zum Ende des Fussabllcamps verpasst. Während alle anderen Eltern stolz die Kamera zückten, um die zukünftigen Fussballstars abzulichten, lag ich zu Hause und hielt einen ausgedehnten Mittagsschlaf. In Vendittis Wohnzimmer wird so bald kein Bild von Karlsson und Luise im Fussballdress hängen.

Nachdem ich meine beiden grossen Kinder vom Fussballplatz abgeholt hatte, war ich nur noch erleichtert, dass ich das Thema abhaken kann. Zumindest bis zum nächsten Fussballcamp. Frohgemut ging ich einkaufen. Und was musste ich entdecken, als ich an der Kasse wartete? Die ersten Panini-Bildchen!

Ich will nicht!!!!!!!!!!!!!!!!!!!