Nur ein bisschen Langeweile, bitte

Wäre es nicht wunderbar, wenn man sich mal wieder langweilen dürfte? Nicht allzu lange natürlich, nur einen Tag oder zwei, vielleicht auch drei. Nein, nicht diese Tage, an denen man im faul im Liegestuhl liegt und sich von der Sonne bescheinen lässt, sondern Tage, an denen alles nur langweilige Routine ist. Tage, an denen man abends getrost sagen kann, dass man erledigt hat, was man sich vorgenommen hat. Alles schön nach Plan, vielleicht sogar auf die Viertelstunde genau. 

Kein Backofen, der mitten im Einmachen von Tomaten seinen Geist aufgibt. Keine unangemeldeten Besucher, die den Schreibfluss unterbrechen. Keine Computerpannen, keine „Mist, ich muss doch heute noch unbedingt…“-Momente, keine Milchpfützen auf dem Fussboden, kein spontanes Einspringen für jemanden, der in der Tinte sitzt, keine hektische Suche nach verschwundenen linken Kindersandalen und Schulheften mit Eselsohren. Einfach nur öder, geregelter Alltag, über den man jammern würde, wenn man ihn täglich auf die gleiche graue Weise durchstehen müsste. 

Es käme mir nicht im Traum in den Sinn, mir ein solches Leben zu wünschen. Zu farblos, zu vorhersehbar, zu langweilig eben. Aber hin und wieder ein solcher Tag, der einem erlaubt, durchzuatmen und zu erledigen, was man andauernd vor sich her schiebt, weil immer irgend etwas die Pläne über den Haufen wirft, das wäre schon nett. 

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Schon wieder fremdbestimmt

Als unsere Kinder klein waren, war mein Leben fast rund um die Uhr fremdbestimmt. Ich nahm mir am Morgen fest vor, ein entspannendes Bad zu nehmen, wenn die Kleinen Mittagsschlaf hielten und stattdessen kroch ich nach dem Mittagessen auf dem Fussboden herum und wischte Erbrochenes auf. Ich ging früh zu Bett, um endlich mal wieder zu schlafen, doch just als mir die Augen zufielen, drang aus dem eben noch stillen Kinderzimmer vielstimmiges Geschrei, das bis morgens um drei anhielt. Anstatt den dringend nötigen Wohnungsputz vorzunehmen, sass ich gelangweilt am Planschbecken und passte auf, dass keiner ertrinkt, zum Mittagessen gab es Milchreis anstelle von scharf gewürztem Curry und in den Ferien fuhren wir mit der Familienkutsche ins Kinderhotel, anstatt mit dem Nachtzug nach irgendwo.

Zugegeben, es war nicht immer einfach und auch wenn ich heute oft mit verklärtem Blick auf jene Tage zurückschaue, so erinnere ich mich doch noch an viele Momente der Überforderung und des Frusts. Dennoch war es okay so, wie es war. Ich stellte meine eigenen Interessen ja nicht für irgendwen in den Hintergrund, sondern für die Kinder, die ich über alles liebe. Die Kinder, für die wir uns ganz bewusst entschieden haben und die das Beste sind, was das Leben und hat schenken können. Ja, ich war fremdbestimmt – und „Meiner“ auch – aber das gehört sich so in der Phase, in der die Kinder zu klein sind, um für sich selber zu schauen. 

Heute ist das anders. Unsere Kinder werfen zwar immer noch hie und da meine Pläne über den Haufen und überschreiten meine Grenzen, aber im Grossen und Ganzen haben sie begriffen, dass ich eine eigenständige Person bin, die auch ab und zu ihre Freiheit braucht. Darum wage ich allmählich wieder, an einen – bis zu einem gewissen Grad – geregelten und planbaren Tagesablauf zu glauben. Ich stehe morgens nicht mehr mit dem Bewusstsein auf, dass alles, was ich mir für den Tag vorgenommen habe, ohnehin liegen bleiben wird. Wenn ich genug geschlafen habe, bin ich voller Tatendrang, weil es so viele Dinge gibt, die ich machen darf oder will. Zwar sorgen die Menschen und Tiere in unserem Haus noch immer für viel Unvorhergesehenes, aber im Vergleich zu früher ist das ein Klacks und das verleiht mir neue Energie.

Neue Energie, aber auch eine gewisse Überempfindlichkeit gegenüber jenen, die mir andauernd mit kleinen Störungen die Freiheit rauben, die ich nach Jahren der berechtigten Fremdbestimmung nun wieder geniessen möchte. Solange es liebe Freunde oder Verwandte sind, macht mir das nichts aus, denn für sie hatte ich in den vergangenen Jahren ja auch nicht gerade viel Zeit. Auf alle anderen aber reagiere ich derzeit ziemlich allergisch. Auf die fremden Kinder, die ohne zu klingeln und ohne um Erlaubnis zu fragen plötzlich bei mir in der Küche stehen und sich nicht abwimmeln lassen. Auf die Anrufer, die mir mit unsinnigem Werbegeschwätz Zeit stehlen. Auf Leute, die mir irgend eine ehrenwerte Aufgabe aufschwatzen wollen, weil ich jetzt ja wieder mehr Zeit habe. Auf Telefontechniker, die anstatt ihrer Arbeit nachzugehen, mit mir über unsere Katzen quatschen wollen. Auf inhaltlosen Smalltalk beim Einkauf, weil gewisse Leute sich nicht mit einer kurzen Begrüssung und einem Nachfragen nach der Befindlichkeit zufrieden geben können. Auf Anrufer, die eigentlich „Meinen“ sprechen möchten, aber nicht daran denken, dass Lehrer am Vormittag gewöhnlich nicht zu Hause zu erreichen sind. 

Klar, das alles sind Kleinigkeiten, aber wenn mehrere von diesen Kleinigkeiten an einem Tag zusammenkommen, bin ich am Ende ebenso fremdbestimmt wie früher, als die Kinder noch keinen Augenblick ohne meine Anwesenheit zurechtkamen. Der einzige Unterschied ist, dass ich jene, die heute meine Zeit stehlen, nicht über alles liebe und deshalb alles für sie tun würde. Und darum werde ich einen Weg finden müssen, sie in die Schranken zu weisen. 

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Ehefrauentest

Man kennt sie ja, die „Persönlichkeitstests“, die auf Facebook ihre Runden machen. „Welche Blume bist du?“, „Welche Farbe passt zu dir?“, „Welche Märchenfigur ist dir ähnlich?“ und solchen Kram. Manchmal, wenn ich die Sekunden zwischen „Mama, hilfst du mir mal bei diesen Rechnungen?“ und „Guten Tag, Frau Venditti. Ist „Ihrer“ vielleicht zu Hause?“ überbrücken muss, klicke ich mich durch einen dieser dämlichen Tests, weil ich dämliche Tests und noch dämlichere Resultate schon immer gemocht habe. Heute landete ich bei „Bist du eine gute Ehefrau?“ Im Folgenden die sieben Fragen und die Antworten, die man hätte geben müssen, um zur Ehefrau des Jahrhunderts gekürt zu werden:

1 Frage: „Wie gern gehst du Hausarbeit nach?“

Hausarbeit ist das Grösste in meinem Leben. „Meiner“ hat nämlich gar keine Frau gesucht, sondern eine Haushälterin. Ich habe als Erste auf das Inserat geantwortet und weil ich seine Unterwäsche stets so schön gebügelt habe, hat er sich meiner erbarmt und mich geheiratet.

2. Frage: „Wie sieht es denn mit Kindern aus?“

Natürlich hat er auch noch meine Fruchtbarkeit testen lassen, ehe er mir einen Heiratsantrag gemacht hat. Hätte ich ihm keine Söhne geboren, hätte er mich verstossen. 

3. Frage: „Was ist für dich die Erfüllung deines Lebens?“ (Als Antwort stehen zur Auswahl: Kind, Job oder perfekte Work-Life-Balance.)

Seitdem er mich geheiratet hat, bin ich wunschlos glücklich. 

4. Frage: „Nach einem anstrengendem (sic!) Arbeitstag kommst du nach Hause, keiner hat bislang gekocht. Jeder hat Hunger. Was tust du?“

In meiner Familie kommt diese Situation nie vor, denn mein Lebenssinn besteht darin, die Meinen stets mit reichlich gesunder Kost zu versorgen. 

5. Frage: „Du bist im Edeka einkaufen. Wie gehst du dabei vor?“

Als ich „Meinem“ mal erzählte, wie ich einkaufe, hatte er danach tagelang Zweifel, ob er mich wirklich heiraten will. Nachdem ich ihm versprochen habe, mein Einkaufsverhalten zu ändern, hat er mir dann doch eine Chance gegeben. 

6. Frage: „Wähle:

  • Grosses, freistehendes Einfamilienhaus in ruhiger Wohnsiedlung
  • Schickes Loft mitten in der Stadt
  • Schnuckeliges Reihenhaus am Stadtrand“

Wo auch immer er zu leben wünscht, werde ich ihm ein wohliges Heim bereiten, in dem er sich von dem harten Männerleben da draussen erholen kann. 

7. Frage: „Dein Mann bittet dich, ihn bei einem wichtigen Geschäftsdinner zu begleiten. Eigentlich hast du aber keine Lust und müsstest viel dringendere Dinge erledigen. Was tust du?“

Sein Wunsch ist mir Befehl, aber ich muss ihn erst um Geld bitten, damit ich mir etwas Passendes zum Anziehen kaufen kann. Schliesslich will ich ihm keine Schande machen. Am Abend selber werde ich nicht von seiner Seite weichen und pausenlos bewundernd zu ihm aufblicken. 

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Vielseitigkeit

An Tagen wie heute merke ich, dass ich eben doch vielseitiger bin, als mir bewusst ist. Ich kann nämlich:

  • Gute Miene zum bösen Spiel machen, wenn mir der Techniker mitteilt, er könne unsere Telefonleitung nicht reparieren, da müsse der Hauselektriker her. Sogar die bissige Bemerkung, auf eine solche Nachricht hätte ich nicht vier Tage warten müssen, kann ich mir verkneifen. 
  • Meinen ganzen Frust über einen vergeudeten Arbeitsmorgen – der nette Herr Techniker hat mich fast zwei Stunden vom Internet abgehängt – an hausgemachtem Kartoffelbrei auslassen.
  • Meinen Ekel überwinden und Kalbsschnitzel panieren. Ohne Handschuhe.
  • Den Hauselektriker anrufen und die Dame am Empfang ganz nett bitten, doch bald jemanden zu schicken, weil ich schon furchtbar lange ohne Telefon sei. Was daran so besonders ist? Nun, zuweilen gerate ich in Versuchung, meinen Frust an Unschuldigen auszulassen.
  • „Meinem“ technische Probleme aus dem Weg räumen, damit er heute Abend einen einwandfreien Vortrag halten kann. Okay, ob der Vortrag wirklich einwandfrei war, werde ich erst wissen, wenn er wieder zu Hause ist. 
  • Den Zoowärter ganz furchtbar ungerecht behandeln und ihn nie zu Wort kommen lassen. Dies zumindest seine Sicht der Dinge.
  • Mich dezidiert dafür einsetzen, dass der Zoowärter nicht immer unterbricht, wenn Karlsson mir von einer Begebenheit in der Schule erzählen will. Dies meine Sicht der Dinge.
  • Ungerührt dabei zusehen, wie der Elektriker den ganzen Wandschrank ausräumt, weil er nach langem Suchen herausgefunden hat, dass die kaputte Telefonleitung sich dort befindet.
  • Nicht in Tränen ausbrechen, wenn mir der Elektriker mitteilt, er habe soeben eine Telefonleitung entsorgt, die schätzungsweise aus den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts stammt.
  • Meinen Kaffee lauwarm geniessen, weil ich gefühlte hundertmal davon abgehalten worden bin, als er noch heiss war.
  • Mir durchaus bewusst sein, wie dumm es ist, sich über das andauernde Klingeln des Telefons aufzuregen, wo ich doch unbedingt wollte, dass die Leitung so schnell als möglich wieder repariert wird. (War irgendwie ruhiger, als das Ding eine Woche lang stumm blieb.)
  • Karlsson beinahe ungerührt sagen, ich wüsste beim besten Willen nicht, wie ich ihn heute ins Nachbardorf chauffieren solle, wo ich doch das Haus voller Kinder hätte.
  • Den ganzen Tag mit einer Scherbe im Fuss rumlaufen und so rund, als würde es mir überhaupt nichts ausmachen, dass ich keine Zeit habe, mich darum zu kümmern.
  • Beinahe platzen vor Freude, weil sich sechs Schulkameraden dafür stark machen, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat mitspielen darf und damit bewirken, dass derjenige, der unseren Sohn ausschliessen wollte, sich freiwillig entschuldigt.
  • Der Katze ein übrig gebliebenes Kalbsschnitzel servieren, weil das Futter ausgegangen ist und sie so fürchterlich klagt.
  • Einem hinreissenden kleinen Mädchen sagen, sie dürfe heute leider nicht in unserem Garten spielen, weil ich vor lauter Kindern nicht mehr wüsste, wo mir der Kopf steht.
  • Einen kleinen Taugenichts, der im Vorbeigehen dem Prinzchen „Arschloch!“ zugerufen hat, so zusammenstauchen, dass alle seine Freunde finden, ich hätte voll und ganz recht und er solle sich beim nächsten Mal gefälligst anständig aufführen. 
  • Eine Dreijährige einen ganzen Nachmittag lang mehr oder weniger geduldig davon abhalten, sich aus meinem Blickfeld zu begeben und irgendwelche Dummheiten anzustellen.
  • Mit einem riesigen, geliehenen Auto durch die Gegend kutschieren und sogar dann ruhig bleiben, als einer meinen Vortritt missachtet und beinahe das riesige, geliehene Auto zu Schrott macht.
  • Einhändig bloggen, weil gerade eine kleine Katze auf meinem Arm schnurrt.
  • Trotz vieler weiterer Kleinigkeiten, die meinen Tag zu einem Dauerlauf im Hamsterrad gemacht haben, abends noch immer wissen, wie ich heisse, wo ich wohne und wie alt ich bin. (Hundertdreissig, wenn ich mich nicht irre.)

Ist doch gut, wenn einem das Leben ab und zu die eigene Vielseitigkeit vor Augen führt. Aber muss das alles unbedingt an einem einzigen Tag sein?

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Aber doch nicht schon am vierten Schultag…

Jeden Morgen die gleiche Leier:

„Komm jetzt endlich aus dem Bett, ich kann nicht ewig hier stehen und warten, bis du unter der Decke hervorgekrochen kommst und ich sicher bin, dass du auch wirklich wach bist.“

„An den Tisch! Jetzt! Sofort! Dein Kakao wird kalt.“

„Nicht noch eine Scheibe Toast. Du hast keine Zeit mehr. In zwanzig Minuten beginnt die Schule.“

„Anziehen, habe ich gesagt! Und dann Gesicht waschen, Zähne putzen und aus dem Haus!“

„ANZIEHEN! JETZT! SOFORT!“

„Nein, du hast jetzt keine Zeit, um mit den Katzen zu spielen. Wo ist dein T-Shirt?“

„Ja, ich weiss, dass du keine Lust hast auf Schule, aber es geht nun mal nicht anders. Zieh dich jetzt endlich fertig an.“

„Zähne putzen!“

„Schön, deine Zähne sind geputzt, aber was ist mit dem Gesicht? Du hast da überall noch Confiture.“

„Wie, du findest deine Sandalen nicht? Wo hast du sie denn gestern ausgezogen? Himmel, du kannst doch jetzt nicht das ganze Haus absuchen. In zehn  Minuten beginnt die Schule!“

„Wo ist dein Schulsack? Schnell, Znüni rein und los!“

„Okay, dann lege ich dir halt den Znüni in den Schulsack und du ziehst die Jacke an. Nein, nicht verkehrt herum. Wo sind deine Hausaufgaben? Ich hab dir gestern doch zehnmal gesagt, du sollst sie in den Schulsack legen. Dann such‘ sie, aber rasch, du kommst zu spät.“

„Nun sei nicht so eingeschnappt. Ich sitze dir jetzt schon eine volle Stunde im Nacken, weil du nicht vorwärts machst. Ein Wunder, dass ich nur nicht noch sagen muss, wann du ein- und ausatmen sollst. Los jetzt! Vorsicht auf der Strasse, wenn du so spät dran bist.“

Und dann, kurz bevor die Haustür endlich ins Schloss fällt: „Ich hab‘ dich liiiiiiieeeeeeb! Aber morgen nicht so ein Theater, bitte!“

Nein, diese Leier gilt jetzt nicht mehr dem FeuerwehrRitterRömerPiraten. Ich glaube, der hat sich nach zwei Jahren Kindergarten und drei Jahren Schule endlich damit abgefunden, dass man morgens raus muss und mir scheint gar, er wolle uns jetzt endlich beweisen, dass er es kann, wenn er nur will. Ich fürchte aber, er hat die Seuche an den Zoowärter weitergegeben. Ob es eine Impfung dagegen gibt, damit das Prinzchen den Käfer nicht auch noch aufliest?

(Na ja, ich wüsste schon, wie man dem abhelfen kann, aber damit wären wir bei der Schulpolitik und dazu schweige ich heute lieber.)

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Stundenplankapriolen

Je grösser die Kinder werden, umso mehr fühlt sich der Start eines neuen Schuljahres wie ein Gedächtnisspiel an. Nehmen wir zum Beispiel den Dienstagnachmittag:

Prinzchen: Frei
Zoowärter: Auch frei, aber meist bei einem seiner Freunde zu Besuch. Oder einer seiner Freunde ist bei uns. 
FeuerwehrRitterRömerPirat: Woche A nachmittags Unterricht, Woche B nachmittags frei, in jedem Fall aber Trompetenstunde um 16:05 im Nachbardorf. Und abends natürlich Fechten, aber soweit mag man mittags noch gar nicht denken, denn das Herausfinden, ob jetzt Woche A oder Woche B ist, nimmt das Gehirn voll und ganz in Beschlag.
Luise: Schule, aber erst um 14 Uhr, also viel Gelegenheit, um nach dem Mittagessen zu überlegen, ob sie noch etwas zu erledigen hat.
Karlsson: Ebenfalls Schule, ebenfalls erst um 14 Uhr, dafür fast bis 18 Uhr und die letzten zwei Lektionen im Nachbardorf. Nein, natürlich nicht im gleichen Nachbardorf wie der FeuerwehrRitterRömerPirat, das wäre zu einfach. 
„Meiner“: Unterricht und danach genau so lange Sitzung, dass es mir reicht, nervös zu werden, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat doch endlich ins Fechttraining gefahren werden sollte, aber das Auto noch nicht da ist. 

Wie das bei den Spielen so ist, erreicht man nach einiger Zeit einen höheren Level. Bei mir sieht Level zwei so aus, zumindest für die kommenden drei Wochen:

Prinzchens bester Freund: Unterricht bis 15 Uhr, danach sollte er zu uns kommen, weil seine Eltern arbeiten und die übliche Kinderbetreuung noch ein paar Monate im Süden weilt. Meistens müssen wir aber erst nach ihm suchen gehen, denn irgendwie macht es auf dem Naturspielplatz einfach mehr Spass.
Zoowärters Freund: Woche A schulfrei, Woche B Unterricht, wenn ich mich recht erinnere, aber offen gestanden habe ich seinen Stundenplan nicht auswendig gelernt, weil wir nur bis Ende August auf ihn aufpassen.
Kleine Schwester von Zoowärters Freund, ebenfalls bis Ende August: Noch nicht schulpflichtig und darum äusserst interessiert daran, dass immer ein kleiner bis mittelgrosser Venditti oder zumindest eine Katze in Reichweite ist. Darf auf gar keinen Fall alleine im Garten sein, weil wir inzwischen einen ganz und gar kleinkinderuntauglichen Gartenteich haben. 

Ein wirklich herausforderndes Spiel, das mein Gedächtnis jung hält. Der Rest von mir sieht nach einem solchen Nachmittag aber ganz schön alt aus.

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Die Sache mit dem Idealismus

Menschen, die ähnlich ticken wie ich – links, christlich und durch und durch idealistisch -, tun eine Sache nie nur um des Geldes Willen, zumindest ein Anflug von einem höheren Sinn muss da einfach sein. „Es geht mir nicht ums Geld“, sagen wir sofort, wenn jemand fragt, ob wir für das, was wir tun, auch bezahlt werden. Weil es uns nicht ums Geld geht, warten wir geduldig, bis der Empfänger unserer Dienstleistung sich bequemt, den im Vornherein vereinbaren Preis – den wir natürlich so tief wie möglich angesetzt haben, weil es uns nicht ums Geld geht – zu bezahlen. Falls wir uns dann doch dazu gezwungen sehen, den anderen daran zu erinnern, dass die gute Tat, die wir geleistet haben, etwas kostet, dann fühlen wir uns richtig schlecht und geldgierig. Am Ende könnte man noch glauben, wir hätten nur den schnöden Mammon im Sinn, dabei verfolgen wir doch ein viel höheres Ziel: Eine bessere Welt.

Menschen wie ich brauchen sehr, sehr lange, um zu erkennen, dass sich das, was auf unseren Tisch kommen soll und auch all der andere Krempel, der zum Leben auf dieser Welt – deren Rettung uns noch immer nicht gelungen ist – gehört, einzig und allein mit Geld bezahlen lässt. Klar mögen wir dieses Geld nicht,  viel lieber wäre es uns, alle Menschen würden sich so sehr lieb haben, dass sie einander alles aus lauter Güte schenken. Leider aber bewegt sich die Menschheit in eine etwas andere Richtung und der Krempel, der zum Leben gehört, verschlingt immer mehr Geld, obschon man nicht mehr bekommt. 

Seitdem ich das endlich begriffen habe, fällt es mir leichter, mit einer Haltung, die sich wie Nachdruck anfühlt (normale Menschen würden es wohl schüchternes Nachhaken nennen), das Geld einzufordern, das uns laut Vertrag zusteht, zumindest solange derjenige, der uns etwas schuldig ist, kein armer Kerl ist, der ganz dringend unserer Hilfe bedarf. Inzwischen bin ich sogar soweit, insgeheim kein Verständnis mehr für „Oh, das habe ich vergessen. Mache es gleich nächste Woche“ mehr aufzubringen. 

Nein, es darf auf keinen Fall nur ums Geld gehen, aber puren Idealismus akzeptieren sie nicht mal im Brockenhaus als Zahlungsmittel.

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Kindergartenkinder

Kindergarten – das war für mich als Kind irgendwie schwierig. So viele fremde Kinder und ich so schüchtern, Lieder, die mir nicht gefielen, langweilige Zeichnungen und alles, was Spass machte, war verboten. 

Als ich ein Teenager war, fand ich Kindergärtner einfach nur nervig und doof. Immer diese Witze, die überhaupt nicht lustig sind, die Reime, die nicht passen, der ewige Lärm.

Als ich achtzehn war, glaubte ich einen Frühling lang, ich müsste Kindergärtnerin werden. Die Aufnahmeprüfung schaffte ich mit Bravour, im Praktikum eroberten die Kinder mein Herz im Sturm, doch als ich am zweiten Ausbildungstag eine Stunde lang wie ein Baum durchs Zimmer gehen musste, schmiss ich die Ausbildung hin. Ein Entscheid, den ich noch keine Sekunde bereut habe.

Als meine Neffen und Nichten im Kindergartenalter waren, sorgte ich mich furchtbar um sie. Diese kleinen, zerbrechlichen Wesen, die sich nun plötzlich gegen böse, grosse Schüler behaupten mussten, taten mir so schrecklich leid. Doof fand ich Kindergartenkinder übrigens schon längst nicht mehr, nur etwas nervig zuweilen, wenn sie mich nicht in Ruhe über meinen Büchern brüten liessen. 

Als Karlsson in den Kindergarten kam, war ich unendlich froh, endlich ein Kleinkind weniger im Haus zu haben. Natürlich hing ich auch viele Stunden an der Strippe, um mich mit anderen Müttern über die Sorgen und Nöte unserer Kindergartenkinder auszutauschen und manchmal fürchtete ich, unser schüchterner Sohn könnte eines Tages zum Aussenseiter werden. Dass ich inzwischen jeden noch so missratenen Kindergärtner-Witz zum Brüllen komisch fand, versteht sich von selbst.

Luise im Kindergarten, das war irgendwie wie Ferien. Ein glückliches Kind, umgeben von anderen glücklichen Kindern, alles geblümt und rosarot und verträumt. Eine schöne Zeit. 

Die Kindergartenjahre des FeuerwehrRitterRömerPiraten waren für alle Beteiligten eine Qual, am meisten wohl für ihn selber, obschon niemand so richtig wusste, woran es lag. Ob der Junge überhaupt je ein Kindergärtner war? Für alle Beteiligten war es eine Erleichterung, als die zwei Jahre um waren und das Kind endlich lesen lernen konnte. Seither ist er glücklicher. 

Der Zoowärter war ein Kindergärtner, wie er im Buche steht: Fröhlich, verspielt und überglücklich mit seinen zahlreichen Freunden. Keiner erzählte so viele misslungene Witze wie er, keiner reimte so wackelig und doch hätte er von mir aus ewig im Kindergarten bleiben dürfen, weil er einfach zum Anbeissen war. Er sieht das übrigens ähnlich, noch heute trauert er der unbeschwerten Zeit nach.

Wenn ich morgen zum zehnten und letzten Mal in Folge mit einem Kind in ein Kindergartenjahr starte, werde ich dies schweren Herzens tun. Längst habe ich gelernt, Kindergartenkinder nicht nur zu mögen, sondern fast schon zu vergöttern, weil ihr Humor einfach einzigartig ist, ihre Weltoffenheit wohltuend, ihre Vertrauensseligkeit herzerwärmend. Das Prinzchen wird sein letztes Kindergartenjahr geniessen, des bin ich mir sicher. Ich hingegen werde mir hin und wieder wünschen, ich dürfte noch ein paar Jahre länger mit Kindergartenkindern unterwegs sein. 

Nein, sagt jetzt bitte nicht, ich könnte ja doch noch Kindergärtnerin werden. Ihr glaubt doch nicht etwa, ich würde heute mit mehr Begeisterung wie ein Baum durchs Zimmer gehen? Wo doch jedes Kindergartenkind weiss, dass Bäume nur in missratenen Witzen können…

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Stundenplanwunder

Prinzchens Montag: 8:15 bis 11:40 und 13:30 bis 15:05

Zoowärters Montag: 8:15 bis 11:40 und 13:30 bis 15:40

Montag des FeuerwehrRitterRömerPiraten: 7:45 bis 11:40 und 13:30 bis 16:10

Luises Montag: 7:45 bis 11:40 und 13:30 bis 15:05

Karlssons Montag: 7:20 bis 11:40 und 13:30 bis 16:05

„Meiner“s Montag: 8:00 bis 11:45 und 13:30 bis 15:05

Mein Montag: Was auch immer auf MEINEM Programm steht und wehe, einer wagt es, montags krank zu sein oder sich von seinem Lehrer eine Stundenplanänderung unterjubeln zu lassen!

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Bahngejammer

Liebe Deutsche Bahn

Nachdem ich mich von den Strapazen der Heimreise erholt habe, möchte ich gerne ein wenig von meinen Erfahrungen berichten, die ich mit dir gemacht habe. Da ich dir mitsamt Familie und Gepäck viele Stunden lang voll und ganz ausgeliefert war, ist es meiner Ansicht nach nicht mehr als anständig, wenn ich dir eine Rückmeldung gebe. 

Es fing alles sehr vielversprechend an, an einem heissen Juliabend vor etwas mehr als zwei Wochen. Pünktlich fuhr dein Zug im schweizerischen Baden ein, voller Vorfreude auf die Ferien in Schweden machten meine Familie und ich es uns auf unseren reservierten Sitzplätzen bequem. Bald einmal mussten wir allerdings feststellen, dass es im Zug warm war. Sehr warm. So warm, dass einem der Schweiss in die Augen lief. Die Klimaanlage sei leider ausgefallen, liess man uns Passagiere irgendwann wissen. Im Normalfall würde mich das nicht im Geringsten stören, bin ich doch keine Freundin von Klimaanlagen. An einem heissen Juliabend in einem voll besetzten Nachtzug, in dem man die kommenden zehn Stunden eingepfercht sein wird, wäre ein kühlendes Lüftchen dennoch ganz nett. Na ja, nett war immerhin deine Geste, den schwitzenden Gästen je einen halben Liter gekühltes Wasser zu schenken. Noch netter wäre es gewesen, wenn man ein Fenster hätte öffnen können, so wie man das früher, als Klimaanlagen noch nicht so üblich waren, noch tun konnte. 

Trotz Hitze fielen den meisten Fahrgästen irgendwann die Augen zu und sie wären auch zugeblieben, wäre nicht mitten in der Nacht ein betrunkener Fahrgast zugestiegen, der im Vorraum krakeelte, weil einer deiner Kondukteure – ich glaube, du nennst das lieber Schaffner – laut, deutlich und sehr ausführlich erklärte, in diesem Zug dürfe nur mitfahren, wer reserviert habe. Der Mann hatte nicht reserviert, mitfahren liessest du ihn dennoch und krakeelen durfte er auch so lange und so laut er wollte, obschon die Fahrgäste, die alle brav einen hohen Preis für ihre Reservation bezahlt hatten, nicht mehr schlafen konnten. Ich finde es ja eigentlich okay, dass du den Mann nicht aus dem Zug geschmissen hast. Vielleicht hat er gerade etwas Schweres durchgemacht und war deshalb so besoffen. Soll er doch mitfahren, der arme Kerl. Aber zur Ruhe hätte man ihn schon ermahnen können, nicht wahr?

Wäre alles andere reibungslos abgelaufen, könnte man gnädig über die Hitze und den Lärm hinwegsehen, doch leider war das nicht alles. In Hamburg, wo der Zug nach Kopenhagen wartete, wurde es nämlich erst richtig chaotisch. Der Zug war kurz, bot nur Platz für die Fahrgäste mit Reservation, doch auf dem Perron – du, liebe Deutsche Bahn, nennst das Bahnsteig, wenn ich mich nicht irre – warteten auch solche, die nicht reserviert hatten und zwar sehr viele. Und alle versuchten, sich in den winzigen Zug zu zwängen. Irgendwann dämmerte deinem Personal, dass das nicht gut gehen konnte und so wurde verkündet, wer nicht reserviert habe, müsse den Zug verlassen. Natürlich ging keiner raus, es wollten ja alle irgendwie weiterkommen. Also zwängte sich dein Personal durch den proppenvollen Zug, um die Fahrkarten zu überprüfen. Wer jung und unrasiert und ohne Reservation war, wurde rausgeschickt. Wer älter und gepflegt und mit irgend einer Bahnkarte aber ohne Reservation war, durfte bleiben, auch wenn er damit einem, der für die Reservation bezahlt hatte, den Sitzplatz wegnahm. Nicht ganz fair, finde ich, aber da diejenigen von uns, die auf ihren Sitz verzichten mussten, in einer Ecke kauern konnten, will ich mich nicht weiter über dieser Ungerechtigkeit aufhalten. Immerhin mussten wir die vier Stunden bis Kopenhagen nicht stehen.

Wobei wir gar nicht bis Kopenhagen fahren konnten, denn irgend eine ominöse „Technische Panne“ – mehr wolltest du partout nicht preisgeben – zwang uns alle dazu, mit Sack und Pack zu Fuss auf die Fähre nach Dänemark umzusteigen. Was drüben in Dänemark noch alles schief lief, will ich dir, liebe Deutsche Bahn, nicht ankreiden, obschon du mit der satten Verspätung, die du uns mit dem Chaos in Hamburg beschert hattest, nicht ganz unschuldig warst.

Weil ich ein optimistischer Mensch bin, traute ich dir durchaus zu, dass es auf der Heimfahrt anders sein würde. Und es war anders. Diesmal fuhr dein Zug nämlich bereits mit einer Verspätung ab, was ich dir aber auch nicht vorhalten möchte, weil diese Verspätung ja von den Dänen verursacht war. Die Dänen wollten dann auch partout nicht mit den zahlreichen nervösen Gästen darüber reden, ob man den Anschlusszug in Hamburg noch erwischen werde. Das würden uns die Deutschen sagen, hiess es lapidar. Doch in Deutschland sagte man uns auch nicht mehr als: „Fünfzehn Minuten vor Ankunft in Hamburg wissen wir mehr.“ Dafür versprach die Leuchtschrift über der Tür zum Abteil, alle Infos zu den Anschlusszügen könne man im Faltprospekt nachlesen. Dumm nur, dass der Faltprospekt nicht nur keine Ahnung von der Verspätung hatte, sondern auch für die Strecke Hamburg-Kopenhagen war und nicht für die Strecke Kopenhagen-Hamburg. Das Papier hättest du dir also sparen können. Und die Leuchtschrift auch.

Nun, wenige Minuten vor Ankunft in Hamburg erfuhren wir endlich, wie es weiter gehen würde: Wer in die Schweiz wolle, müsse den Zug nach Wien nehmen und in Göttingen umsteigen. Der Zug nach Wien stehe entweder auf Gleis dreizehn oder vierzehn, bitte rasch umsteigen! Mit Mühe und Not schafften wir es, fünf Kinder und zehn Gepäckstücke rechtzeitig in den Zug nach Wien zu verfrachten. Zur Begrüssung wurden wir von einem deiner Mitarbeiter angefahren: Wir hätten gefälligst hinten im Zug einsteigen sollen. Ich muss gestehen, dass ich ob dieser Unfreundlichkeit ziemlich ungehalten wurde und zwei deiner Kondukteure ankeifte. Darauf bin ich nicht unbedingt stolz, aber Karlsson hat mir gesagt, er finde es ganz in Ordnung, dass ich nicht immer Ruhe bewahre und freundlich lächle und ich gebe sehr viel auf Karlssons Meinung. Ein Teenager lobt seine Mama schliesslich nicht alle Tage.  

Im Laufe der Fahrt teilte man uns mit, man sei sich doch noch nicht sicher, ob wir unseren Zug in Göttingen erwischen würden, oder ob wir vielleicht an einem anderen Ort umsteigen müssten. Man versprach uns aber, man werde alle Fahrgäste, die in die Schweiz wollten, auf dem Laufenden halten. Man hielt dann allerdings nur einige von uns auf dem Laufenden, so dass wir erst nach viel Herumfragen erfuhren, dass wir vermutlich etwa zwanzig nach elf in Göttingen eintreffen würden. Ob es von Göttingen aus tatsächlich Richtung Schweiz gehen würde, wusste keiner von uns mit Sicherheit, denn keiner deiner Mitarbeiter sah sich dazu verpflichtet,  noch einmal zu informieren. Göttingen war richtig, auf welchem Perron unser Zug einfahren würde, konnten uns deine Zugbegleiter aber nicht sagen. Also mussten wir es selber herausfinden, so ganz nebenbei, zwischen Gepäckschleppen und schlaftrunkene Kinder zum Rennen antreiben. 

Ich weiss nicht, wie wir es geschafft haben, aber irgendwann sassen wir doch noch in den Liegesesseln, die wir reserviert hatten. Zum ersten Mal auf dieser Reise trafen wir auf Personal, das uns nicht nur freundlich begrüsste, sondern auch bereitwillig anbot, uns mit dem Gepäck zu helfen. Du darfst mir glauben, liebe Deutsche Bahn, dass ich an diesem Punkt bereit war, dir alles zu verzeihen, was du auf unserer Reise vermasselt hattest. Jetzt, wo alle meine Kinder tief und fest schliefen, wollte ich nur noch dankbar sein, dass wir friedlich schaukelnd unserem Zuhause entgegen rollten. Ich wollte meinen Frieden mit dir schliessen, aber ich konnte nicht, denn im Zug war es so kalt, dass sogar ich, die ich sonst nie friere, beinahe zu schlottern begann und dies trotz wärmender Decke. Während unseren zwei Wochen in Schweden war es dir offenbar gelungen, die Klimaanlage zu reparieren. Dumm nur, dass die jetzt nicht mehr gebraucht wurde, weil es keine heisse Julinacht, sondern eine eher kühle Augustnacht war. 

Man mag sich fragen, weshalb ich dir, liebe Deutsche Bahn, all dies vorhalte, wo man derzeit doch einfach froh und dankbar sein kann, wenn man in einem Teil der Welt lebt, wo man nicht um sein Leben fürchten muss. Sind ja eigentlich alles nur Luxussorgen. Für uns als Grossfamilie war es allerdings auch ein Luxus, mehr als 1600 Franken hinzublättern, um uns von dir in den Norden und wieder zurück fahren zu lassen und darum habe ich beschlossen, dennoch ein wenig über meine Reise mit dir zu jammern. Auch wenn mir sehr wohl bewusst ist, wie privilegiert wir sind, aus freien Stücken und einzig zu unserem Vergnügen reisen zu dürfen. 

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