Ich hab‘ jetzt wieder Zeit…

… den Menüplan nicht nur zu erstellen, sondern auch tatsächlich zu kochen, was ich geplant habe, anstatt jeden Tag um fünf vor zwölf entnervt zu rufen: „Dann gibt’s halt schon wieder Pasta Pomodoro!“ Und wenn ich für das geplante Menü neunzig Minuten am Herd stehe, obschon im Rezept dreissig Minuten angegeben waren, dann kann ich mit Hundeblick und leisem Vorwurf in der Stimme klagen: „Für euch habe ich mich so lange abgerackert und jetzt wollt ihr nur Brot essen…Na ja, immerhin ist das Brot auch selbst gebacken.“

… die Zeitung und insbesondere die Diskussionen um das richtige Familienmodell genau durchzulesen. Weil ich die Vor- und Nachteile der verschiedenen Varianten aus dem eigenen Leben kenne, fühle ich mich dazu berechtigt, mich über jede einzelne einseitige Aussage von frisch gebackenen SVP-Müttern zur ausserfamiliären, innerfamiliären und überfamiliären Kinderbetreuung aufzuregen. Eigentlich müsste ich in die Familienpolitik einsteigen, aber dann müsste ich mich mit frisch gebackenen SVP-Müttern, die trotz ihrer Liebe zum Kind am politischen Mandat festhalten, herumschlagen und das wäre noch anstrengender, als mich mit dem Prinzchen darüber zu streiten, ob eine Hausfrau, die sich ein – ärztlich verordnetes -Mittagsschläfchen gönnt, als faul zu bezeichnen sei.

… den Vorratsschrank zu überwachen und darum weiss ich jetzt mit absoluter Sicherheit, wer der Schokoladendieb ist, bzw. wer die Schokoladendiebe sind. Der schlimmste Langfinger ist „Ich war’s ganz bestimmt nicht, Mama, ich schwör’s dir“, der zweitschlimmste ist „Ich esse ganz bestimmt nie etwas zwischen den Mahlzeiten, ich kann mir auch nicht erklären, warum die Hose schon wieder zu eng ist“ und der drittschlimmste ist „Ich mag gar keine Schokolade, also war ich es ganz bestimmt nicht“. Interessanterweise ist „Meiner“, den ich für den Schlimmsten gehalten hatte, kaum je beim Stehlen zu erwischen. Der kauft sich die Schokolade unterwegs uns lässt das leere Papier dann im Auto liegen.

… mich nicht nur darüber aufzuregen, dass die Französischlehrerin die Noten jedes einzelnen Schülers der Klasse vorliest, sondern auch in Erwägung zu ziehen, mit ihr das Gespräch zu suchen und zwar nicht, weil Luise zu den Schlechtesten gehört, sondern weil sie es so unglaublich unfair findet, dass die mit den meisten Fehlern vor allen blossgestellt werden. Ich würde mit meinem Gespräch also meinen kleinen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit auf der Welt leisten, wenn ich die Lehrerin darauf aufmerksam machte, dass ihr Verhalten pädagogisch ziemlich fragwürdig ist.

… Arzttermine, Besuche, Karlssons Prüfungsdaten und schulfreie Nachmittage in mehrere Kalender einzutragen. Ja, ich kann mir inzwischen sogar einen Reminder schicken lassen, wann ich mit Kochen anfangen muss, damit die Zeit für das ausgewählte Rezept reicht. Blöd ist nur, dass meine Mutter jetzt den gleichen Reminder auf ihrem Gerät bekommt. Sie war einigermassen erstaunt, als sie um halb elf die Nachricht bekam, in einer halben Stunde müsse sie Maisbällchen mit Curry zubereiten. Aber ich habe ja Zeit, noch ein wenig am System zu feilen.

… neue Luftschlösser entstehen zu lassen, aber wenn ich dann spüre, wie ermüdend schon das Wenige ist, das ich im Moment leiste, dann denke ich, dass es noch eine ganze Weile dauern wird, ehe ich wieder mit etwas anderem als Luft bauen baue.

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Umgewöhnung

Morgens um Viertel nach sieben. „Meiner“ schwirrt wie eine wütende Wespe durch die Wohnung, will noch alles halbwegs erledigt haben, bevor er zur Arbeit geht: Wäsche, Geschirr, Abfall, Speisereste, Altpapier. Zwischendurch noch kurz Kakao kochen und Brötchen schmieren. Aber sich selber mal einen Moment lang hinsetzen, etwas essen und trinken? Kommt nicht in Frage, keine Zeit.

Anfangs lasse ich ihn gewähren, aus lauter Gewohnheit. So lief es in den vergangenen zwei Jahren immer, warum sollte es jetzt also anders sein, wenn er wieder zur Arbeit geht? Plötzlich aber dämmert mir, was da abgeht. „Meiner“ versucht mal wieder, den Hausalt irgendwie über Wasser zu halten, wie wir das eben getan haben, als weder er noch ich richtig Zeit hatten dafür. Die Hausarbeit wurstelten wir irgendwie zwischen Arbeit, Familienzeit, Sitzungen, Arztterminen und Kindergeburtstagsparties durch. Das war zwar alles andere als befriedigend und man sah es sowohl der Wohnung als auch unseren Augenringen bald einmal an, aber anders schafften wir es nicht.

Jetzt aber ginge es anders, nur leider hat es „Meiner“ noch nicht bemerkt. Noch glaubt er, er müsse seinen sich verbessernden Gesundheitszustand aufs Spiel setzen, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Er hat sich so sehr daran gewöhnt, dass der Posten der Hausfrau bei uns über Jahre unterbesetzt war, dass es ihm schwer fällt, sich daran zu gewöhnen, dass er jetzt überbesetzt ist. Denn seien wir doch ehrlich: Mit einem einzigen – äusserst ordnungsliebenden – Kind, das noch den ganzen Tag im Haus ist, sollte selbst ich es hinkriegen, die Dinge einigermassen unter Kontrolle zu halten.

Nun ja, das Prinzchen hat sich zwar bei „Meinem“ beklagt, ich sei faul, aber ich hoffe doch sehr, dass der gute Mann auf eine solche Verleumdung nicht hereinfällt und deswegen wie ein Irrer der Hausarbeit hinterher hetzt.

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Auf ins neue Leben!

Ja, ich bin dankbar, dass keines der Kinder über die Feiertage krank war. Keine fieberglänzenden Augen beim Auspacken der Geschenke, kein Erbrochenes unter dem Tannenbaum, keine Zwiebelwickel für schmerzende Ohren. Einfach nur fröhliche, überdrehte Kinder, die sich des Lebens und des gemütlichen Wohnzimmers freuten und das vierzehn Tage lang. So soll es sein, auch wenn es mir offen gestanden lieber gewesen wäre, die fünf hätten sich hin und wieder mal im Wald ausgetobt anstatt bei mir auf dem Sofa, wo ich mich mit Grippe, Zeitschriften und iPad dauerhaft niedergelassen hatte. 

„Morgen wird es wieder ruhiger und dann spielt es keine Rolle mehr, ob ich nun krank oder gesund bin, dann wird einfach geschrieben“, sagte ich gestern Abend hoffnungsfroh zu „Meinem“. Heute nämlich hätte mein neues Leben beginnen sollen, das war fest so eingeplant. Alle Kinder den ganzen Montag ausser Haus, sogar über Mittag, „Meiner“ zum ersten Mal seit Monaten wieder bei der Arbeit, ich ganz alleine zu Hause. Nur ich, mein neu ersteigertes Occasions-MacBook, die Schreibprojekte, die in den vergangenen Wochen den Weg zu mir gefunden haben und ein Überrest von Grippe. Besser kann ein neuer Lebensabschnitt nicht beginnen…

Aber eben, der Start in den neuen Lebensabschnitt wurde verschoben. Zoowärter hat sich heute krank gemeldet, liegt im Wohnzimmer auf dem Sofa und kann sich nicht entscheiden, ob er sich vor dem kleinen Drachen Kokosnuss fürchten soll oder ob er doch lieber das Hörbuch zu Ende hören will, weil es so spannend ist. Und ich kann mich nicht entscheiden, ob der Zoowärter wirklich krank ist, oder ob er von seinem gestrigen Einsatz als Sternsinger – die Protestantin in mir hat beinahe der Schlag getroffen, als er im Ministrantengewand vor der Haustüre stand – derart ausgelaugt ist, dass nicht mal die Aussicht auf ein Wiedersehen mit seinen Freunden ihn in den Kindergarten locken konnte.

Schreiben werde ich trotzdem. Oder ich werde es zumindest versuchen, sobald sich der Zoowärter entschieden hat, ob er jetzt vielleicht doch lieber „Das kleine Gespenst“ hören will.

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Glucke auf Friedensmission

Okay, ich liebe Königskuchen, aber das ganze Theater darum, wer die Krone bekommt, habe ich tüchtig satt. Noch einmal ein Jahr mit fünf Kuchen à sieben Brötchen mache ich nicht mit; dem Familienfrieden zuliebe alle tagelang mit süssen Weissbrötchen vollstopfen geht einfach nicht. Aber vier enttäuschte Gesichter – vielleicht gar fünf, falls einer von uns Eltern König wird – erträgt mein butterweiches Gluckenherz auch nicht. Weiss ich doch, wie unendlich schmerzhaft es ist, wenn immer ein anderer König wird. Bei mir hatte das gravierende Auswirkungen: Als ich mir im Alter von etwa zwölf Jahren endlich mal die Krone aufsetzen durfte, hielt ich mich für Napoleon – damals mein zu kurz geratenes Vorbild –  und setzte sämtliche Familienmitglieder als Könige meiner eroberten Ländereien ein. Muss mal meine Mutter fragen, ob sie die Liste, die ich damals erstellt habe, aufbewahrt hat.

Eine solche Liste werde ich morgen wieder vorbereiten, denn ich habe entschieden, dass bei uns am Sonntag sieben Könige gekrönt werden. Je nach Farbe der Hochzeitsmandel, die man im Kuchenstück findet, wird man dann eben König des Nordens, Königin des Amazonas oder so. Damit wir den Dreikönigstag für einmal in Frieden und Harmonie feiern können.

Nun ja, vielleicht muss ich mit Lebensmittelfarbe nachhelfen, für den Fall, dass der Zuckerguss der Mandel nicht genügend abfärbt und es plötzlich Streit gibt, wer nun über welches Gebiet herrschen darf. Ach ja, und dann muss ich „Meinen“ noch dazu bringen, sieben Kronen zu basteln, denn wenn ich das machen muss, werde ich diejenige sein, die sonntags mies drauf ist und Streit anfängt.

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Bereicherung

Prinzchen, Luise und „Meiner“ schaffen im Schulzimmer Ordnung, weil „Meiner“ am Montag wieder zur Arbeit geht, Teilzeit vorerst einmal, weil noch nicht klar ist, ob er schon fit genug ist für das volle Pensum. Die Kinder helfen beim Aufräumen und Einrichten. Als „Meiner“ findet, es sei jetzt Zeit, nach Hause zu gehen, meint das Prinzchen begeistert: „Ja, und dann räumen wir das Kinderzimmer auf!“ Was sie dann auch tun, bis „Meiner“ die Nase voll hat vom Aufräumen, worauf das Prinzchen eben ins Badezimmer weiterzieht, wo es nach dem Bad seiner grossen Geschwister so einiges wegzuräumen gibt.

Mal wieder starte ich das Jahr mit einer Magen-Darm-Seuche und mal wieder findet das Prinzchen, dies sei so was von daneben. (Ich übrigens auch, aber mich fragt ja keiner.) Weil es ihn langweilt, dass ich schon wieder im Bett liege, fängt er an, über mich zu springen, hin und zurück mit viel Anlauf, leider aber auch mit harten Landungen auf meinen ohnehin schon schmerzenden Bauch. Einige Male lasse ich ihn gewähren, irgendwann aber reicht es mir. „Prinzchen, du machst das ganz toll, aber könntest du jetzt bitte aufhören?“, flehe ich, aber offenbar kann unser Jüngster mich mit zittriger Stimme nicht ganz ernst nehmen. Er springt weiter. „Prinzchen, hörst du jetzt bitte sofort auf“, sage ich ein wenig lauter und bestimmter. Beleidigt zieht er sich unter seiner Decke zurück. „Gerade eben haben Luise und ich so toll das Badezimmer aufgeräumt und jetzt fängst du an, mit mir zu streiten!“, grummelt er. Nun ja, wenn er das streiten nennt…

Wenig später wäre eigentlich Schlafenszeit, aber das Prinzchen findet, seine Arbeit sei noch nicht getan. „Ich muss noch diese Abfallsäcke wegräumen und das Altpapier und dann sollte man den Vorratsschrank mal wieder aufräumen…“ Eifrig wetzt er durch die Wohnung, murrt über seine Familie, die einfach nicht ordentlich sein kann und lässt sich kaum bremsen. Erst als „Meiner“ verspricht, morgen würden sie dann den Rest der Unordnung im Kinderzimmer beseitigen, kann Prinzchen das Unerledigte sein lassen und sich zur Ruhe begeben.

Wüsste ich nicht, dass der Kleine gar nicht weiss, dass ein neues Jahr angefangen hat, würde ich denken, er hätte einen guten Vorsatz gefasst, der in zwei oder drei Tagen wieder verflogen ist. Weil er aber von Vorsätzen keinen Schimmer hat, ist stark davon auszugehen, dass hier allmählich ein Charakterzug sicht- und erlebbar wird. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob dieser Charakterzug zu den Charakterzügen der übrigen Familienmitglieder passt, aber es ist spannend, mal auf vollkommen neue Weise bereichert zu werden.

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Versprochen ist versprochen

„Wenn ihr heute Abend brav ins Bett geht“, versprach ich unseren drei Jüngsten, „dann gehen wir morgen zusammen schwimmen und vielleicht auch noch ins Museum. Wir sind ja nur zu viert, dann können wir uns mal einen richtig schönen Tag machen. Aber ihr müsst mir versprechen, dass ihr früh Feierabend macht.“ Ob mir die drei überhaupt zuhörten? So wild, wie sie durch die Wohnung tanzten, einander piesackten und meine Aufforderungen, jetzt endlich ihre Butterbrote aufzuessen überhörten, machte ich mich auf einen anstrengenden Abend gefasst – und auf einen gemütlichen Tag morgen, ohne Hallenbad und Museum. Ich hätte ihnen getrost das Blaue vom Himmel herab versprechen können, so aufgedreht wie sie waren, würden sie mich bestimmt bis abends um elf auf Trab halten.

Da sieht man mal wieder, wie schlecht ich mich nach all den Jahren mit Kindern auskenne. Kaum war nämlich das Licht im Kinderzimmer gelöscht, wurden sie ruhig und nachdem das letzte Schlaflied verklungen war, lagen sie lammfromm in ihren Betten. „Na ja, das wird genau zehn Minuten lang gutgehen“, brummte ich, als ich mich in die Küche zurückzog. Tatsächlich kam nach zehn Minuten der Zoowärter raus. Er habe sich wehgetan, klagte er, aber anstatt wie üblich lauthals zu heulen und damit das Prinzchen aus dem Halbschlaf zu wecken, liess er sich mit wenigen Worten beruhigen. Einige Augenblicke später machte sich der FeuerwehrRitterRömerPirat bemerkbar. Er könne nicht schlafen, wenn die Zimmertüre offen stehe, ich sei einfach zu laut da draussen. Also schloss ich eben die Tür, damit er sich nicht mit anhören müsste, wie ich Rechnungsbeträge in den Computer eintippte. Das war es dann mit Tohuwabohu für heute Abend.

Okay, die drei haben also wirklich vor, morgen zu bekommen, was sie sich verdienen mussten. Zum Glück habe ich ihnen keinen Flug ins Weltall versprochen…

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Ein Märchen aus alten Zeiten

„Du hast mich früher jeweils fast in den Wahnsinn getrieben“, erzähle ich einer meiner Nichten an der Familienweihnachtsfeier. „Freitags habe ich jeweils dich und deine grosse Schwester gehütet und du wolltest nie schlafen. Einmal musste ich unbedingt einen Englischvortrag für den nächsten Tag schreiben…“ Ich stelle fest, dass meine Nichte mich leicht ungläubig anschaut, also erkläre ich ihr, dass man damals samstags noch Schule hatte. „Da sass ich also mit dir auf dem Schoss und versuchte, meinen Vortrag zu Papier zu bringen.“ Die verwirrende Tatsache, dass ich meine Notizen tatsächlich von Hand mit der Füllfeder schrieb, weil noch kaum einer Zugang zu einem PC hatte, lasse ich weg, denn was ich als nächstes sagen werde, wird verwirrend genug sein für sie: „Das Dumme war nur, dass ich in der Stadtbibliothek keine Literatur zum vorgesehenen Thema gefunden hatte, also wechselte ich kurzerhand das Thema und verfasste einen Vortrag über die Jüdische Religion. Du heulend auf meinem Schoss, ich heulend am Schreibtisch, das war ein Erlebnis…“ Meine Nichte zögert einen Augenblick und meint dann „Du hattest also noch kein Internet damals… Warum konntest du dann so kurzfristig das Thema wechseln?“

Ja, warum eigentlich? Ein Genie war ich nämlich nicht. Zum Teil lag es bestimmt daran, dass ich zufällig gerade die passende Literatur zur Hand hatte. Je länger ich mich aber in die damalige Situation versetze, umso deutlicher erinnere ich mich daran, dass ich zu jener Zeit eine ganze Bibliothek an Wissen abrufbereit im Kopf hatte, so dass ich einen Vortrag einfach so aus dem Ärmel schütteln konnte. Heute ist dieses Wissen nicht mehr ganz so präsent; ich habe ja Google. Leider?

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Fast schon wie früher

Da bin ich also wieder, bestens ausgeruht, mit zahlreichen guten Vorsätzen ausgerüstet – früher ins Bett, weniger Koffein, mehr Grüntee, mehr Gelassenheit, mehr Geduld und weniger Stress – und bereit, wieder meinen Teil zum Familienleben beizutragen. Also morgens um vier mit „Meinem“ das Prinzchenbett von Katzenkot befreien, Weihnachtsmenü aus dem Ärmel schütteln, überdrehte Kinder beruhigen, Baum schmücken, Playmobil zusammenbauen – was halt so dazugehört, wenn man einen Tag vor Heilig Abend nach Hause kommt. Nun ja, das mit dem Katzenkot ist zum ersten Mal passiert, aber das Prinzchen zeigte sich verständnisvoll. Die Katzen hätten eben Angst gehabt, ihr Geschäft in der Katzenkiste im dunklen Wohnzimmer zu verrichten. Im Kinderzimmer war es zwar genauso dunkel, aber lassen wir das wenig festliche Thema für heute.

Bereits jetzt ahne ich, dass der Familienalltag sich meinen Vorsätzen gegenüber wenig sensibel zeigen wird, aber ich kann gut damit leben. Wenn ich bedenke, dass wir vor zwei Monaten noch fürchteten, „Meiner“ werde vielleicht nie wieder ganz sich selber sein, dann bin ich einfach nur dankbar, dass es bei uns schon fast wieder so ist wie früher und dass wir unser übliches turbulentes, möchtegern-feierliches Weihnachtsfest mit hier einem Stimmungseinbruch und dort einem Glanzlicht feiern durften.

Frohe Weihnachten allerseits!

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Schlaflos im Ländli

Schon zum zweiten Mal seit meiner Ankunft im „Ländli“ wälze ich mich schlaflos in meinem Bett, hundemüde und doch unfähig, ein Auge zuzutun. Nichts hilft, nicht mal der Grosseinkauf für Weihnachten, den ich nachts um zwei im Internet tätige, damit „Meiner“ am 22. nicht mit fünf Kindern durch die Migros hetzen muss. Ich gehe in mich, forsche nach dem Grund für meine Schlaflosigkeit.

Ist es das Heimweh? Nein, denn auch wenn ich meine Liebsten vermisse, bin ich doch ziemlich zuversichtlich, dass ich in vier Tagen wieder von ihnen umarmt, bestürmt, ausgequetscht und unterhalten werde. Ich glaube doch nicht an den Weltuntergang…

Ist es der Kummer über Vergangenes, vielleicht gar Groll? Nein, alles erfolgreich verdrängt, aufgeschoben auf den Moment, in dem ich dazu bereit sein werde, das Gute mit mir zu nehmen und das Schlechte hinter mir zu lassen.

Sind es Zukunftsängste? Auch nicht, denn meine Zukunft sieht deutlich rosiger aus als vor einigen Monaten noch.

Dann ist es vielleicht die Vorfreude auf das, was sich am Horizont immer klarer abzeichnet? Sicher nicht, ich weiss ja, dass ich zuerst mal gründlich ausschlafen muss, ehe ich die Dinge richtig anpacken kann.

Habe ich mich in den vergangenen Tagen zu wenig verausgabt? Immerhin bin ich seit meiner Ankunft hier oben noch nicht ein einziges Mal ans Ende meiner Kräfte gekommen? Nein, das kann es auch nicht sein. Die Müdigkeit der letzten Monate steckt zu tief in meinen Knochen.

Habe ich vielleicht etwas Schlimmes am Fernsehen gesehen? Von wegen, ohne „Meinen“, der mich dazu verführt, zumindest strickend neben ihm zu sitzen, wenn er sich „The Mentalist“ oder „Borgen“ reinzieht, komme ich gar nicht auf die Idee, den Kasten einzuschalten.

Ach so, vielleicht muss ich einfach die gefährliche Bahnfahrt nach Basel und zurück verarbeiten? Auch Fehlanzeige. Entgegen den Befürchtungen meines Tischnachbarn musste ich nicht mal abends um zehn um mein Leben bangen und die einzige Sorge, die mich plagte war, ob ich um halb elf überhaupt noch ins Haus komme.

Nachts um drei dämmert mir endlich, woran es liegt, dass ich den Schlaf nicht finde: Es ist einfach viel zu heiss zum Schlafen, ich vermisse die angenehme Kühle unseres schlecht isolierten Schlafzimmers. Wohl wissend, dass dies ein ziemlich schlechtes Bild abgäbe, wenn zu dieser Stunde einer mit einer Wärmebild-Kamera ums „Ländli“ schliche, reisse ich das Fenster auf und finde endlich die ersehnte Ruhe. Beim Einschlafen wundere ich mich noch, weshalb ich nicht schon früher darauf gekommen bin. Meine Kinder habe ich ja auch immer von unnötiger Kleidung befreit, wenn sie trotz vollem Bäuchlein, sauberer Windel, Schmerzfreiheit und zig Schlafliedern den Schlaf nicht fanden. Anstatt in mich zu gehen, hätte ich für einmal besser etwas an den äusseren Umständen geändert.

Und hier noch einmal in aller Deutlichkeit mein Ratschlag für alle von Schlaflosigkeit geplagten Kleinkind-Eltern: Zieht um Himmels Willen dem armen Kindchen die Socken aus! Bei dieser Wärme kann doch kein Mensch schlafen.

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Atempause

Im ersten Moment dachte ich, es sei eine gute Idee, nach dem ganzen Stress der vergangenen Monate dem Rat der Ärztin zu folgen und eine Auszeit im „Ländli“ zu nehmen. Erstaunlicherweise war es kein Problem, Unterstützung zu finden, so dass „Meiner“ den Laden während meiner Abwesenheit nicht alleine schmeissen muss. Und weil ich Streberin für das Fest bereits alles vorbereitet habe, ist es auch nicht weiter schlimm, dass ich mich ausgerechnet in der Woche vor Weihnachten aus dem Staub gemacht habe.

Je näher aber der Tag der Abreise rückte, ums grösser wurden die Bedenken. Bekommt „Meiner“ wirklich genug Entlastung? Ist es okay, wenn er seine Erholungstage erst nach Weihnachten hat? Werden die Kinder nicht furchtbar traurig sein? Wie werde ich mit mir selber klarkommen, so ganz alleine in meinem Einzelzimmerchen? Die Versuchung war gross, die ganze Sache abzublasen, doch weil ich es meiner Familie schuldig bin, endlich wieder richtig auf die Beine zu kommen, habe ich am Sonntag doch den Zug nach Oberaegeri bestiegen.

Kaum angekommen, wusste ich, dass ich das Richtige getan hatte. Zwar ist auch hier nicht alles perfekt – auf die fremdenfeindlichen Äusserungen meiner Tischnachbarn könnte ich gut und gerne verzichten -, aber nach den Turbulenzen der vergangenen Monate beginne ich endlich wieder klar zu sehen, was in meinem Leben wirklich zählt, wo ich mich einbringen will und wovon ich in Zukunft lieber die Finger lassen will. Und das Beste ist: Es schreibt wieder in meinen Kopf, beim ersten Anblick des Aegerisees begannen die über lange Zeit angestauten Ideen wieder zu fliessen wie zu meinen besten Zeiten.

Jetzt müsste es mir nur noch gelingen, mich zu erholen, aber dazu habe ich ja noch bis Sonntag Zeit.

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