Was mache ich bloss falsch?

Es ist mal wieder soweit: Der Käfer, der alle unsere Kinder mal kurz gestreift hat, so dass sie ein paar Stunden lang ein wenig kränklich waren, hat mich niedergestreckt. Das ist immer so, wenn mal wieder alles ein bisschen viel wird. Und viel war es in den letzten Wochen eindeutig. Zu viel, wie mein Brummschädel, meine Gliederschmerzen und meine zittrigen Beine sagen wollen. Was nicht weiter schlimm ist, denn Au Pair sei Dank kann ich endlich wieder einmal krank machen, wenn ich krank bin und muss nicht durchbeissen bis zum  Wochenende, wenn ich eigentlich schon längst wieder gesund wäre, mich aber dann aus Trotz doch noch einen Tag ins Bett lege. Nein, diesmal ist das Kranksein schon fast Genuss: Schlafen, soviel wie nötig, auf dem Sofa liegen und schreiben, wenn ein Text da ist, dem Gequassel der Kinder lauschen und mich daran freuen, dass ich krank sein darf.

Eines aber gab mir heute früh schon zu denken: Da sorgten „Meiner“ und das Au Pair dafür, dass die Kinder satt und sauber aus dem Haus gehen konnten und ich lag im Halbschlaf im Bett und wartete auf das übliche Geschrei. Aber das Geschrei kam nicht. Alles blieb so still, dass ich hin und wieder sogar ganz in den Schlaf abdriftete. Es war beinahe schon unheimlich: Kein Tobsuchtanfall von Luise, weil die Lieblingshose noch nicht gewaschen ist, kein Herumbrüllen von „Meinem“, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat mal wieder keinen Wank tat, kein Gejammer von Karlsson, weil er seine Hausaufgaben nicht finden konnte. Der Zoowärter und das Prinzchen noch in seligem Schlummer, weil sie für einmal vor dem üblichen Radau verschont blieben.

So langsam begann ich, mir Sorgen zu machen. Ich meine, irgend etwas kann doch nicht stimmen, wenn die selben Kinder, die mich Morgen für Morgen fast in den Wahnsinn treiben, auf einmal so friedlich und folgsam sind. Und wie wir Mütter eben so sind, fing ich an, mir selber Vorwürfe zu machen. „Du bist eben einfach zu ungeduldig mit den Kindern, darum habt ihr jeden Morgen Krach“, meldete sich eine Stimme zu Wort. „Und du bist in deiner Morgenmuffeligkeit eben einfach so unausstehlich, dass man dich kaum ertragen kann“, meinte eine andere Stimme. Eine dritte warf mit vor, ich müsste mir eben jeden Morgen etwas Spezielles einfallen lassen, dann würden die Kinder auch fröhlicher in den Tag starten. So lag ich da, lauschte den Stimmen und wartete darauf, bis endlich das grosse Chaos vor der Schlafzimmertüre ausbrechen würde, doch das Einzige, was ich hörte, waren die Schritte der Kinder, als sie sich kurz vor acht Uhr fröhlich auf den Weg machten. Was meinem Selbstbewusstsein einen weiteren Stoss versetzte. Warum sind die immer so störrisch, wenn ich Dienst habe und kaum bin ich mal krank, sind sie lammfromm und tun, was Papa und Au Pair von ihnen erwarten?

Die Sache setzte mir derart zu, dass ich nicht mehr weiter schlafen konnte. Also kämpfte ich mich aus dem Bett, um mal aufs WC zu gehen. Und da sah ich auch gleich, weshalb unsere entzückenden Kinder heute so brav aus dem Haus gegangen waren: Draussen fiel der erste Schnee.

Zehn Jahre Mama Venditti

Bevor ich morgen auf zehn Jahre Karlsson zurückblicken werde, befasse ich mich heute mit der Mama, die ja auch morgen vor zehn Jahren das Licht der Welt erblickt hat. Ich befasse mich mit einer Mama, die damals sehr viele Dinge wusste, die sie heute nicht mehr weiss. Diese Mama wusste zum Beispiel, dass ihr kleiner, süsser Karlsson nie und nimmer im Elternbett schlafen würde. Kinder haben im Elternbett nichts verloren, darin waren „Ihrer“ und Mama Venditti sich einig. Der kleine Karlsson teilte übrigens die Meinung seiner Eltern und zeigte keinerlei Interesse an allzu viel elterlicher Nähe. Aber Karlsson bekam dann ja auch noch Geschwister, die das Dogma so sehr in Frage stellten, bis schliesslich weder Mama Venditti noch „Ihrer“ sich erinnern konnten, was denn so schlimm sein sollte daran, wenn hin und wieder mal ein kleines Menschlein ins Elternbett gekrochen kommt. Inzwischen sieht übrigens auch Karlsson die Dinge nicht mehr ganz so eng und so verbringt er die Nacht vor seinem zehnten Geburtstag im Elternbett, weil er sonst vor lauter Vorfreude nicht schlafen kann.

Mama Venditti wusste vor zehn Jahren aber auch noch andere Dinge, zum Beispiel, dass das Muttersein sie so sehr erfüllen würde, dass sie ihrem Beruf keine Träne nachweinen würde, obschon sie diesen innig geliebt hatte. Nun, es dauerte nicht allzu lange, bis Mama Venditti zu einer ziemlich unausgeglichenen, launischen Frau wurde, die sich nicht immer so an ihrem Dasein zu Hause erfreuen konnte, wie sie dies erwartet hätte. Leider aber dauerte es ziemlich lange, bis Mama Venditti begriff, woran es lag, dass sie so unausgeglichen und launisch war und deswegen machte sie sich a) den Alltag mit bitteren Selbstvorwürfen zur Qual und b) ihren lieben kleinen Kindern  das Leben mit einer Mama, die nicht wusste, wo das Problem lag, ziemlich schwer. Inzwischen hat Mama Venditti endlich herausgefunden, dass ihre Leidenschaft für ihre Kinder mehr zum Tragen kommt, wenn sie auch anderen Leidenschaften in ihrem Leben Raum gibt. Was nicht heissen soll, dass es die Kinder nun leichter haben mit dieser Mama, denn nun kommt es hin und wieder vor, dass diese diese anderen Leidenschaften mehr Raum einnehmen, als es Mama und Kindern genehm ist.

Dann war da noch die Sache mit dem Temperament. Mama Venditti hatte von ihrer Schwester und anderen Frauen immer wieder gehört, dass sie durch die Kinder viel ausgeglichener und ruhiger geworden seien. Mama Venditti, die schon als Kind mit ihrem hitzigen Temperament aufgefallen war, glaubte natürlich, dass bei ihr genau das Gleiche geschehen würde. Kaum würde sie ihr erstes Kind im Arm halten, würde sie die Ruhe selbst sein. Das glaubte sie ziemlich genau drei Wochen lang, dann flog erstmals mitten in der Nacht eine Schoppenflasche an die Wand, weil Mama Venditti das Weinen ihres entzückenden Kindes nicht mehr ertragen mochte. In den ersten Jahren fragte sich Mama Venditti noch, was bloss mit ihr falsch sei, dass sie einfach nicht ruhiger werden konnte, doch irgendwann begriff sie, dass die Kinder sie nicht zu einem vollkommen veränderten Menschen machen würden und dass sie lernen musste, ihr Temperament in solche Bahnen zu lenken, dass die Kinder nicht darunter leiden müssen. Inzwischen haben sich die Kinder daran gewöhnt, dass Mama Venditti hin und wieder in der Wut einen Teller auf den Fussboden schmeisst, sie wissen aber auch, dass diese Mama danach selber zum Besen greifen wird, um die Scherben aufzuwischen und dass diese Mama sich später auch für ihren Zornausbruch entschuldigen wird. Und vor allem wissen sie, dass diese Mama sehr viel Verständnis hat dafür, wenn ihnen auch mal eine Sicherung durchbrennt.

Ja, diese Mama Venditti wusste sehr viel, damals, vor zehn Jahren. Sie wusste, dass man auch sehr kleine Kinder mit einer gewissen Strenge erziehen muss, dass man einem Kind auf gar keinen Fall vor dem ersten Geburtstag Schokolade geben darf, dass Kinder am glücklichsten aufwachsen, wenn zwischen ihnen und ihren Geschwistern der perfekte Altersabstand liegt, dass man ein grosses Auto braucht, wenn man viele Kinder haben will und dergleichen mehr. Inzwischen ist viel passiert: Mama Venditti hat lernen müssen, dass rechthaberische Strenge nie zum erwünschten Ziel führt. Sie hat erleben dürfen, wie der FeuerwehrRitterRömerPirat im zarten Alter von sieben Monaten ein ganzes Stück Schokoladentorte verzehrt hat, ohne ernsthaften Schaden zu nehmen. Sie hat erfahren, dass es den „perfekten“ Altersabstand nicht gibt und dass es Paare auf dieser Welt gibt, denen die Kinder einfach so in den Schoss fallen, wann es den kleinen Menschlein und ihrem Schöpfer gerade passt. Und inzwischen weiss sie gar, dass eine grosse Familie auch ganz gut mit einem kleinen Auto auskommen kann.

Einiges aber hat die Mama Venditti, die vor zehn Jahren geboren wurde, nicht gewusst: Wie sehr diese Kinder, die ihr in den Schoss fielen, ihr Leben bereichern würden. Wie sehr sie diese Kinder ans Ende ihrer Kräfte treiben würden. Und vor allem, wie sehr  sie diese Kinder lieben würde. Jedes Einzelne mit seiner ureigenen Art.

Ausgesungen

Ich bin ja so niedergeschlagen! Woche für Woche, Monat für Monat habe ich das Prinzchen in den Schlaf gesungen, habe mir das Hirn zermartert, welches Lied noch ins Repertoire passen würde, damit ich nicht Mittag für Mittag, Abend für Abend das Gleiche singen muss. Habe den grossen Kindern oftmals die Gutenachtgeschichte abgekürzt oder gar gestrichen, damit das Prinzchen auch ganz bestimmt sein ausgiebiges Ständchen gesungen bekommt. Alles habe ich gegeben, wirklich alles und doch war es nie genug. Zwar durfte ich mehrmals diesen köstlichen Anblick geniessen, wie dem Kerlchen die Augenlider immer schwerer wurden und er schliesslich ganz einschlief, aber viel häufiger musste ich mich damit abfinden, dass meine Gesangskünste einfach nicht ausreichen, um meinen Jüngsten zufrieden zu stellen.

Eines Abends, nachdem ich mich beinahe heiser gesungen hatte, kam ich auf die glorreiche Idee, dem Prinzchen das iPad neben das Bettchen zu legen, damit er sich von der Musik, die ich heruntergeladen hatte, in den Schlaf wiegen lassen könne. Und siehe da, der Lausebengel fiel alsbald in seligen Schlummer. Also lag am nächsten Abend wieder das iPad bereit, um mich nach vier oder fünf Liedern abzulösen und auch am übernächsten Abend ging es so weiter. Schön, endlich waren meine Stimmbänder wieder etwas entlastet und die Grossen bekamen wieder etwas längere Geschichten erzählt.

Seit gestern aber haben sie Überhand genommen, die Geister, die ich rief. Da will ich, wie jeden Mittag und jeden Abend, zum ersten Lied anstimmen, doch was sagt das Prinzchen da? „Nei Mami! Nöd genge! Mugig lose!“, was soviel bedeuten soll wie „Nein, Mama, verschone mich mit deinem Gesang, ich will jetzt lieber wieder diese himmlische Musik hören, die du mir gestern abgespielt hast.“ Man sieht, von einem Tag auf den anderen bin ich überflüssig geworden und nun frage ich mich natürlich: Was hat er denn, was ich nicht habe, dieser Johann Sebastian Bach, der seit einigen Tagen unser Prinzchen ins Land der Träume begleitet?

Nieder mit Käpt’n Sharky!

Zuerst habe ich gedacht, ich sei die Einzige, die etwas an ihm auszusetzen hätte. Immerhin ist der kleine Pirat mit der Schmusedecke omnipräsent und damit er dies sein kann, muss er ja zuerst einmal zu einem Renner werden und das wird ein Kinderzimmerheld gewöhnlich nicht ohne die Hilfe von Müttern, Vätern, Grosseltern und Paten, die bereits sind, das Portemonnaie zu zücken, wenn der Nachwuchs einen Wunsch äussert. Käpt’n Sharky also hat es bis ganz nach oben geschafft und ich gestehe euch an dieser Stelle, dass ich beinahe auch auf ihn reingefallen wäre. Immerhin sind die Bilder, die ihn umgeben so wunderbar bunt und ansprechend, wie man sie selten sieht bei Kinderzimmerhelden, die vorwiegend für Jungs gemacht sind. „Endlich mal einer, der etwas Farbe in die trübe, marineblauarmeegrünschlammbraunedinosaurierbaustellenlaserschwert Welt der Jungs bringt“, staunte ich, als ich vor einigen Jahren dem kleinen Piraten zum ersten Mal begegnete. Weil aber der kleine Pirat so gut vermarktet wird, dass wir uns seine Accessoires nur selten leisten können, blieb es lange bei einer flüchtigen Bekanntschaft.

Neulich aber brachte der FeuerwehrRitterRömerPirat, der jetzt im Kindergarten auch in die Bibliothek geht,  ein Käpt’n Sharky Buch mit nach Hause. Cool, dachte ich, endlich lerne ich den mal näher kennen. Das wird bestimmt lustig. Und dann wurde ich enttäuscht, wie ich noch selten in einem Kinderbuch enttäuscht worden bin. Die Bilder zwar schön bunt und ansprechend, die Handlung aber so zerstückelt und zufällig, dass man von der einen Seite zur nächsten schon beinahe den Faden verliert. Das Ganze erzählt in der Art eines Schüleraufsatzes, der vom Lehrer zwar von Orthographiefehlern befreit, vom Schüler aber weder in Satzbau noch Aufbau der Geschichte überarbeitet wurde. Jedes Mal, wenn eines der Kinder mit dem Buch vor mir stand und mich bat, ihm daraus zu erzählen, suchte ich ganz dringend nach Ausreden, die mir diese Tortur ersparten. „Soll ich dir nicht lieber aus der Wegleitung zur Steuererklärung vorlesen? Das ist viiiiiieeeel spannender. Oder möchtest du vielleicht ein Bild über die letzen Bundesratswahlen malen?“ Leider liessen sich die Kinder von meinen Vorschlägen nicht begeistern und so erzählte ich einmal mehr vom kleinen Piraten und versuchte verzweifelt, mit Ausschmückungen, verstellten Stimmen und dem Aufbau von Spannung dem Text zu geben, was ihm fehlt. Aber ich scheiterte kläglich, denn ich brachte es einfach nicht fertig, die Langeweile aus meiner Stimme zu verbannen.

Anfangs dachte ich ja, ich sei wohl mal wieder überkritisch. „Am Ende bist du gar neidisch, dass Käpt’n Sharky die Buchläden im Sturm erobert hat, während Leone & Belladonna noch kaum einer kennt“, schalt ich mich. Doch eine kleine Umfrage im Kreise meiner Mitmütter ergab, dass ich für einmal nicht alleine dastehe mit meiner Meinung. Wo ich auch nachfragte, die gleiche Reaktion: „Oh nein, Käpt’n Sharky! Verschone mich mit diesem Langweiler! Die Bilder sind ja okay, aber der Rest…“ Beflügelt durch diese Reaktionen wage ich nun heute nach langem Zögern mein Coming-Out: Ich hasse Käpt’n Sharky. Könnte vielleicht mal einer dafür sorgen, dass der arme kleine Kerl einen anständigen Texter kriegt, damit wir Mütter nicht regelmässig einschlafen beim Vorlesen? Wenn am Ende die Mama schläft, die Kinder aber noch wach sind, ist nämlich etwas ganz gewaltig schief gelaufen…

Bitte nicht stören

Nennt mich ruhig altmodisch, aber es gibt da so Zeiten, zu denen ich nicht gestört werden will. Meine Eltern haben mir noch beigebracht, dass man sonntags niemanden anruft, dass man die Leute zu Essenszeiten in Ruhe lässt und dass man sie weder frühmorgens noch feiertags mit Telefongeklingel weckt. Mir scheint, die Zeiten haben sich gewaltig geändert. Kaum ein Mittagessen geht vorbei, ohne dass jemand anruft und heute, wo die Kinder unaufgefordert jeden Anruf entgegennehmen, können wir das Klingeln noch so sehr ignorieren, am Ende rufen die Kinder uns dennoch ans Telefon. Das müssen wir mal im Familienrat thematisieren, sofern wir es endlich auf die Reihe kriegen, einen abzuhalten.

Dass die Leute so unhöflich sind, über Mittag anzurufen, ist an sich schon ärgerlich, wenn ich aber bedenke, weshalb sie zu unseren Essenszeiten zum Telefon greifen, dann werde ich rasend. Da hat doch zum Beispiel tatsächlich einmal eine verzweifelte Mutter „Meinen“ angerufen, weil ihre Tochter nicht essen wollte, was auf den Tisch gekommen war. „Was soll ich bloss tun, Herr Venditti?“, klagte sie. „Meine Tochter will das Fleisch nicht essen.“ Ein anderer Favorit von mir: „Ich weiss, dass ich Sie beim Essen störe und das tut mir ja wirklich Leid, aber…“ und dann kommt irgend eine blöde Geschichte von vergessenen Hausaufgabenheften.

Eine andere telefonische Unzeit ist für mich der Sonntag. Klar, wenn wir mit Freunden verabredet sind und die uns anrufen, weil sie eine Stunde früher kommen, dann stört mich das nicht. Ich habe auch nichts dagegen, wenn man sich spontan zu uns zum Kaffee einlädt. Aber ist es denn so verwerflich, dass weder „Meiner“ noch ich sonntags für Berufliches erreichbar sein will? Und doch kommt es immer mal wieder vor, dass Anrufer nicht bis Montag warten mögen und uns so daran hindern, wenigstens einen Tag lang so zu tun, als hätten wir frei. Reicht es denn nicht, dass wir durch die Verköstigung unserer entzückenden Horde auch sonntags nie ganz von unseren Pflichten entbunden sind?

Anrufe zu Essenszeiten sowie an Sonn- und Feiertagen sind ein Ärgernis, Anrufe am frühen Morgen , sagen wir um sechs Uhr, treiben mich zuerst einmal in Panik und danach, wenn ich weiss, dass es um irgend eine Bagatelle ging, zur Weissglut. Wissen die guten Leute denn nicht, dass ein Anruf, der einen aus dem Schlaf reisst, einen sofort das Schlimmste erahnen lässt? So war das zum Beispiel heute früh um zehn vor sechs, als das Telefon klingelte, ich aber im Halbschlaf nicht schnell genug war, den Hörer zu finden. Wenn der Tag damit anfängt, dass mir das Herz rast vor lauter Angst, dass einem lieben Menschen etwas zugestossen sein könnte, dann bin ich zu nichts zu gebrauchen. Wenn ich dann aber im Laufe der nächsten zwei Stunden feststellen muss, dass die Person keinen weiteren Versuch unternimmt, uns erneut zu erreichen, dann muss ich annehmen, dass es da keinen Notfall gab, sondern nur einen ausgesprochen asozialen Zeitgenossen, der sich nicht bewusst ist, dass auch Vendittis hin und wieder schlafen.

Nein, ich habe nichts gegen Telefone, im Gegenteil. Wenn ich mal in Fahrt bin, dann kann ich stundenlang quasseln. Aber kann man sich denn, bevor man zum Hörer greift, nicht noch ganz kurz daran denken, dass der Mensch am anderen Ende der Leitung auch hin und wieder essen, schlafen oder ausspannen muss? Und ist es denn so schwierig, später noch einmal anzurufen, wenn Mama Venditti beteuert, „Ihrer“ sei jetzt am Essen und möchte nicht gestört werden? Kann man es sich denn nicht verkneifen, darauf zu bestehen, dass er jetzt ans Telefon kommt, weil man ja „nur zwei Minuten etwas mit ihm besprechen will“? Ist das denn zuviel verlangt?

Nun gut, eine Bitte hätte ich noch zum Schluss: Bitte ruft uns samstags nicht vor neun Uhr morgens an. Ich weiss, man geht im Allgemeinen davon aus, dass Eltern samstags spätestens um halb sieben mit tiefen Augenringen am Küchentisch sitzen und sich am Geplärre ihrer Kinder ergötzen. Leider muss ich an dieser Stelle diesem Mythos ein Ende setzen. Es gibt durchaus Kinder, die ihre Eltern samstags etwas länger als gewöhnlich schlafen lassen. Unsere gehören dazu.

Erziehungsberechtigt

Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass Geschwister einander nicht erziehen sollen. Klar, hin und wieder kommt es vor, dass die Grossen mal zehn Minuten auf die Kleinen aufpassen müssen, weil ich Luise schnell zur Ballettstunde fahren muss, oder weil mir die Abfallsäcke ausgegangen sind und es draussen schon zu dunkel ist, um ein Kind in den Laden zu schicken. Aber die Erziehung ist Aufgabe der Eltern, finde ich. Darum haben „Meiner“ und ich neulich auch freundlich abgewinkt, als Karlsson vorschlug, er würde schon „die Kinder“ hüten, damit wir ins Kaffee gehen könnten. Er hatte uns falsch verstanden, als wir erwähnt hatten, wir würden gerne nach dem Essen ungestört einen Kaffee trinken. Wir erklärten Karlsson, dass das wirklich sehr nett wäre von ihm, dass wir ihn aber gerne noch etwas länger Kind sein lassen möchten.

Während man dies Karlsson schon ganz gut weis machen kann, schert sich das Prinzchen einen Dreck darum, wer in diesem Hause die Erziehungsberechtigten sind. Er hat die Macht einfach an so sich gerissen. Und seither zetert er, kaum hat er fertig gegessen, seine grossen Geschwister aber noch nicht: „Chöme sofot, ei, twei, vie, düü!“, womit er sagen will, dass seine Geschwister jetzt gleich kommen sollen, er zähle jetzt noch bis drei und dann sei seine Geduld am Ende. Oder aber er liegt im Bett, bereit für den Mittagsschlaf und dann, wenn er die Grossen streiten hört, brüllt er: „Luise, Karlsson, höre fofot uuff!“ Wenn dann doch die Tränen fliessen, macht er mich darauf aufmerksam dass „Zoowärter büelet“ und dass ich jetzt gefälligst rennen soll, um dem armen Kleinen beizustehen.

Ist ja wirklich rührend, wie er sich seiner Geschwister annimmt. Was mich daran aber stört ist, dass „Meiner“ und ich erklären, zetern, gut zureden, schimpfen und ermahnen können, so viel wir wollen und die Kinder tanzen uns weiter auf der Nase rum. Wenn aber das Prinzchen sein Machtwort spricht, sind sie plötzlich alle lammfromm und kuschen. So langsam beginnt mein Selbstbewusstsein darunter zu leiden. Da kommt so ein kleiner süsser Zwerg daher und bringt mit viel Charme und Hundeblick das zustande, was „Meiner“ und ich oft vergeblich zu erreichen suchen. Vielleicht kläre ich mal ab, ob es legal ist, die Erziehungsberechtigung an das Prinzchen abzutreten. Er ist zwar noch sehr minderjährig, aber Autorität hat er momentan eindeutig mehr als „Meiner“ und ich zusammen.

Wenn nicht so, dann eben anders

Irgendwie scheint bei unseren Abenden zu zweit der Wurm drin zu sein. Da haben wir uns doch den ganzen Tag auf unseren Saunabesuch, den wir für heute Abend geplant hatten, und dann, nach dem Abendessen erfahren wir, dass Karlsson und Luise beide ihre Hausaufgaben sträflich vernachlässigt haben. Ausgerechnet heute können sie diese Hausaufgaben nicht ohne unsere Hilfe bewältigen, da sie Diktate zu üben haben. Und wer, außer „Meinem“oder mir kann ihnen den Text diktieren? Das Prinzchen vielleicht?

Nun, dann machen wir uns eben an die Arbeit, versuchen zwischen den Sätzen noch ein wenig Ordnung in die Küche zu bringen und den drei kleinen Jungs eine Gutenachtgeschichte zu erzählen. Irgendwann bemerkt das Au-Pair, dass wir es heute wohl nicht in die Sauna schaffen werden. Was ich so lange nicht wahr haben will, bis Luise zu schreien beginnt, weil das mit dem Diktat nicht so recht klappen will und „Meiner“ und ich uns in den Haaren liegen, weil jeder dem anderen die Schuld an der Misere in die Schuhe schiebt. Wahrlich ein romantischer Abend…

Was nun? Einen Streit vom Zaun reißen, damit es sich wenigstens gelohnt hat, zu Hause zu bleiben? Die Versuchung ist gross, doch dann schaffen wir es zu unserer eigenen Überraschung, uns am Riemen zu reißen und zu beschließen, dass wir die Waschküche aufräumen, um so Platz für die Sauna zu schaffen, die wir neulich geschenkt bekommen haben. Damit wir wenigstens in absehbarer Zukunft nicht mehr durch Diktate und anderen Kram von unseren entspannenden Wellness-Abenden abgehalten werden.

Nun ja, besonders romantisch war das nicht, dafür aber sehr staubig und effizient. Die Waschküche ist jetzt leer und wartet auf einen neuen Anstrich. Und dann, meine lieben Kinder, werden eure Eltern so oft und so lange in die Sauna gehen, wie ihnen beliebt.

Ach ja, man kann sich übrigens beim Aufräumen der Waschküche bestens unterhalten.


Nicht mein (Feier)tag

Bevor ich loslege, muss ich Eines klarstellen: Ich habe nichts gegen Katholiken. Zwar habe ich mit Papst, Marien- und Heiligenverehrung meine liebe Mühe, aber seitdem ich zu meinem Freundeskreis viele nette Katholiken zähle – etwas, was ich mir zu meinen strenggläubigen Zeiten nicht hätte vorstellen können -, habe ich begriffen, dass man Menschen auch über die Konfessionsgrenzen hinaus gern haben kann. Meine Liebe zu den katholischen Mitmenschen erstreckt sich aber nicht auf ihre Feiertage. Die werden mir je länger je mehr zur Qual.

Nehmen wir zum Beispiel heute, Allerheiligen. Die Kinder haben Schulfrei, „Meiner“ darf sich wie gewohnt in den reformierten Teil des Aargaus zur Arbeit begeben, während meine Putzfrau frei hat, da sie, wie wir, in einem katholischen Gebiet lebt. Was auf dem Papier noch halbwegs in Ordnung ist, sieht in der Realität so aus: Die Wohnung ersäuft wie jeden Montag fast im Dreck, aber die Putzfrau darf wegen der Feiertagsruhe nicht kommen. Das Putzen auf morgen verschieben geht nicht weil a) morgen zu viele Termine anstehen und b) der Dreck uns allen schon an den Füssen klebt. Aber putzen mit fünf mies gelaunten Kindern, die eigentlich erwarten, dass wir heute Sonntagsprogramm durchziehen, ist gar nicht so einfach. Klar, das Au-Pair und ich können uns die Kinderbetreuung und das Putzen teilen, aber dann bleiben immer noch unsere katholischen Nachbarn, die wir nicht mit dem Lärm unseres Staubsaugers belästigen sollten. Wird also schwierig heute, allen gerecht zu werden.

Am allerwenigsten wird so ein Tag natürlich mir, der Hausfrau, gerecht. Denn eigentlich hätte ich gar nichts dagegen, mich heute als Katholikin auszugeben und den Tag mit süssem Nichtstun zu verbringen. Oder dann wenigstens die zweitbeste Variante: Den Tag halbwegs über die Runden bringen und meinen Frust in Cola Light ersäufen. Was aber auch nicht geht, weil ich keine Cola Light mehr im Hause habe, die Läden im Dorf aber wegen der Feiertagsruhe geschlossen sind. Dann eben die drittbeste Variante: Meinen trägen Hintern bewegen, die Ärmel hochkrempeln, mich an die Arbeit machen und den Tag nehmen, wie er kommt. Wenigstens hier steht mir, mal abgesehen vom inneren Schweinehund, keiner im Wege.

Und wo wir schon beim Thema sind: Wenn ihr denn unbedingt den durch die Minarett-Initiative angezettelten Kulturkampf weiterführen wollt, liebe Freidenker, dann kümmert euch doch bitte mal um die katholischen Feiertage, die das fein austarierte Gefüge zwischen Arbeits- und Feiertagen durcheinander bringen. Aber ich nehme mal an, ihr habt nichts gegen ein paar zusätzliche Freitage, egal, ob sie nun religiös begründet sind oder nicht. Das heisst, wenn ihr das Pech habt, in einem katholischen Gebiet zu leben und die Brötchen in einem protestantischen Gebiet zu verdienen, werdet ihr diese Tage ebenso „lieben“ wie ich. Und das ist doch schön. So sehen wir zumindest eine Sache gleich. Die Sache mit den Gipfelkreuzen sehe ich nämlich nicht ganz so eng wie ihr.

Und weiter geht’s…

Noch ist der letzte Krümel der Prinzchen-Geburtstagstorte nicht verschwunden, sein letztes Geschenk hat er vor einer guten Stunde ausgepackt, einige Luftballons leben noch, und schon bin ich mit dem nächsten Geburtstag beschäftigt. In etwas mehr als zwei Wochen ist Karlsson dran und so verbrachte ich gestern, nachdem die Spuren des Geburtstagsfestes beseitigt waren, einen grossen Teil des Abends damit, das perfekte Geschenk für Karlsson zu finden. Ich kann euch versichern, es war nicht einfach. Wer schon mal versucht hat, einem fast Zehnjährigen weis zu machen, dass ein antikes Trichtergrammaphon nicht ganz in der für die Schweizerische Durchschnitts-Grossfamilie erschwinglichen Preisklasse liegt, der kann sich vorstellen, was „Meiner“ und ich alles sagen mussten, bevor unser Ältester endlich einlenkte. Nach langem Erklären unsererseits und noch längerem Schmollen seinerseits konnten wir uns auf einen Plattenspieler einigen. Ja, genau so ein Ding, für das wir uns damals geschämt hatten, weil unsere Eltern uns keinen CD-Player schenken mochten, weil der „nicht ganz in der für die Schweizerische Durchschnitts-Grossfamilie erschwinglichen Preisklasse“ lag. Das Ding scheint heute wieder chic zu sein, zumindest bei Nostalgikern, wie unser Karlsson einer ist.

Nun, irgendwann fand ich in den Weiten des Internets einen halbwegs tauglichen Plattenspieler, der a) nicht zu teuer, b) „fabrikneu und originalverpackt“ ist und c) in nostalgischem Design daherkommt. Jetzt muss ich nur noch die Meistbietende bleiben für den Stapel „gebrauchter, aber kaum zerkratzter“ Klassik-Schallplatten und Karlssons Geburtstagsgeschenk ist gekauft. Das heisst, wenn er es schafft, sich den Wunsch nach einer echten Puderperücke aus dem Kopf zu schlagen. Im Moment arbeiten wir noch dran. Von der Barockgeige, die er sich eigentlich auch noch wünschen würde, hat er zum Glück schon länger nichts mehr gesagt, so dass ich annehmen kann, dass wir für einmal ganz günstig wegkommen. Zumindest wenn man die Kosten für die kulinarischen Wünsche ausklammert. Und sollte Karlsson nach seinem Geburtstag noch unerfüllte Wünsche hegen, kann ich ihn ja auf Weihnachten vertrösten.

Wie, habe ich Weihnachten gesagt? Das dauert ja auch nicht mehr lange…. Und noch wissen nicht alle Kinder, was sie sich wünschen. Also kann ich auch noch keine Einkäufe tätigen. Nun gut, für die Füllung des Adventskalenders ist gesorgt, aber wo um Himmels Willen finde ich die Zeit, all die anderen Geschenke zu besorgen? Und dann wollte ich mir ja noch überlegen, ob ich für unsere Kinder eine neue Adventsgeschichte schreiben soll. Ach ja, den Samichlaus müssten wir wohl auch in den nächsten Tagen bestellen, damit wir noch einen bekommen. Und dann hat ja auch der Zoowärter schon bald Geburtstag….

Sieht ganz so aus, als müsste ich mich in den kommenden Wochen nicht vor Langeweile fürchten. Das beruhigt mich. Ich hatte nämlich schon Angst bekommen, die Gründung des Familienzentrums, die Lesung und das Novemberschreiben alleine würden nicht ausreichen, um die letzen weissen Flecken im Terminkalender zum Verschwinden zu bringen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ach, Prinzchen!

Musst du es denn wirklich so eilig haben mit gross werden? Eben noch warst du ein kleines, hilfloses Würmchen, das nichts konnte als schlafen, trinken, die Windel füllen und schreien und jetzt kurvst du schon gekonnt um die Möbel herum, beeindruckst uns mit erstaunlich langen Sätzen und bringst deine grossen Geschwister dazu, dir alles nachzumachen, was du ihnen vormachst. Einfach unglaublich, was so ein kleiner Mensch in nur zwei Jahren lernen kann.

Und das ist es, was mir so zu schaffen machst. Nein, natürlich nicht, dass du so viel gelernt hast. Darüber staune ich Tag für Tag. Aber dass du beim Grosswerden ein so rasantes Tempo an den Tag legen musst, dass du heute schon den zweiten Geburtstag gefeiert hast, wo du in meinen Augen doch immer noch ein Baby sein solltest, das fällt mir nicht so leicht, wie ich es erwartet hätte. Ist nämlich noch gar nicht so lange her, da hatte ich noch geseufzt: „Wenn er erst mal zwei wird, dann ist er aus dem Gröbsten raus.“ Und siehe da, du bist zwar aus dem Gröbsten raus, kannst sagen, wann du Hunger hast, kannst fragen, wo dein Nuggi ist, kannst dir selber „Happy Birthday“ singen und noch viel mehr. Aber seufze ich deswegen weniger? Oh nein, im Gegenteil, ich seufze mehr: „Ach, mein Baby, kannst du denn nicht ein klein wenig langsamer gross werden? Wie schön wäre es doch, wenn ich dich noch stillen dürfte!“

Ja, mein Prinzchen, so sentimental ist sie, deine Mama, aber damit wirst du wohl leben müsste. Das ist das Los der jüngsten Kinder. Aber gebührend gefeiert haben wir natürlich trotz der Sentimentalität. Wir haben dich mit Geschenken und Liebe überhäuft, bis es dir beinahe zu viel wurde. Wir haben dich besungen, bis du uns nur noch schräg angeschaut hast. Wir haben dich mit Kuchen und anderen Süssigkeiten gemästet, bis nichts mehr in dich hineinpasste. Und dein Papa und ich haben eins ums andere Mal zueinander gesagt: „Ist es nicht wunderbar, dass er zu uns gehört?“ Und stell dir vor, deine grossen Geschwister haben uns jedes Mal begeistert zugestimmt. Denk daran, falls sie dir in nicht allzu ferner Zukunft vorwerfen werden, du seist eine kleine Nervensäge. Denn das ist der Nachteil, wenn man zwei wird: Man verliert den Babybonus und wird allmählich zum lästigen kleinen Bruder.

Willst du nicht doch noch ein wenig warten mit Grosswerden? Also ich hätte bestimmt nichts dagegen, wenn du noch etwas länger klein bleibst…