Putzfimmel

Nein, nicht ich, Gott bewahre! Auch nicht die Putzfrau. Die hat mich heute ausnahmsweise mit schmutzigen Fussböden sitzen lassen, weil die Kinderzimmer mal eine gründliche Putzaktion nötig hatten. Nein, den FeuerwehrRitterRömerPiraten hat’s erwischt. Zuerst kam der verstopfte Ablauf dran, dann die Balkontür, die Küchenfenster, schliesslich auch noch die Fenster im Erker und dann, als ich gerade anfangen wollte, stolz zu sein auf meinen fleissigen Kindergärtner, kam der Riemenboden dran: Mit sehr viel Fensterputzmittel und noch mehr Haushaltpapier. Okay, dann eben kein mütterlicher Stolz.

Dumm nur, dass die missratene Fussboden-Putzaktion dem Eifer des FeuerwehrRitterRömerPiraten keinen Abbruch tat: Heute Abend, kaum war ich im Begriffe, nach einem ermüdenden Montag endlich zusammenzubrechen, kam das obere Bad an die Reihe. Ich weiss nicht so genau, was der Junge da gemacht hat, aber der erbärmliche Gestank und der ziemlich nasse Fussboden lassen mich Schlimmes ahnen. Eigentlich hätte ich ja gerne lauthals schimpfen wollen, aber da mir Luise versicherte, dass das Bad gerade noch viel schlimmer ausgesehen hätte und dass der FeuerwehrRitterRömerPirat die schlimmsten Spuren bereits beseitigt hätte, beschloss ich, es für einmal bei einen sehr tiefen Seufzer bleiben zu lassen.

Ich hoffe dann mal, dass unser Dritter seinen Putzfimmel über Nacht auskuriert. Man munkelt ja, zu viel Reinlichkeit sei ungesund für mütterliche Nerven.

Hallo Alltag!

Morgen hat er mich wieder, der ganz normale Alltag. Und wie soll ich jetzt formulieren, dass ich gar nicht so unglücklich bin über das Ende der Herbstferien, ohne dabei wie eine jener Mütter zu klingen, die kein gutes Haar lassen an den Schulferien? Ich bin nämlich der Meinung, dass Schulferien durchaus ihre Vorteile haben: Wir müssen erst zu einer halbwegs menschlichen Zeit aus den Federn, das Mittagessen kann auch mal erst um halb eins auf dem Tisch stehen, weil keiner nachmittags Schule hat, die Kinder können sich in ihren endlosen Rollenspielen, die sich teilweise über mehrere Tage hinziehen, verlieren, wir können die Tage ganz nach Lust und Laune gestalten. Alles ganz toll und dennoch freue ich mich darauf, dass ab morgen die Vormittage wieder ruhiger, die Tage insgesamt wieder strukturierter sind. Und vor allem freue ich mich wie verrückt auf meine Bürotage.

Drei Wochen Herbstferien, eine davon als Vollzeitfrusthausfrau, haben mir einmal mehr vor Augen geführt, dass ich einfach eine bessere Mama bin, wenn ich alle zwei bis drei Tage die Bürotüre hinter mir schliessen und mich in meine Kopfarbeit vertiefen kann. Einmal mehr habe ich erkennen müssen, dass das eigentliche Problem nicht die Kinder sind, die sich in den Ferien einfach viel mehr in den Haaren liegen, weil sie halt auch viel öfter Gelegenheit haben dazu, da sie sich mehr in die Quere kommen. Klar, das ist nervtötend, aber noch viel nervtötender bin ich, wenn ich drei Wochen lang durchs Haus tigere, im Kopf tausend Ideen, tausend Dinge, die ich erledigen sollte und möchte und keine Arbeitstage, an denen ich die Ideen zu Papier bringen, die Pendenzen abtragen könnte. Oh ja, die Kinder können mühsam sein, wenn sie zu wenig frische Luft und zu viel Freizeit haben. Aber noch viel mühsamer bin ich, wenn ich zuwenig Bürozeit und zu viel Hausarbeit habe. Arme Kinder, die mich drei lange Wochen so haben ertragen müssen.

Ich schätze mal, wenn unsere Kinder hier an meiner Stelle schreiben würden, würde es hier jetzt heissen: „Gott sei Dank sind Mamas Ferien morgen zu Ende. Die Frau war mit ihrem ständigen Gemotze ganz schön nervig. Gut, dass sie sich mal endlich wieder in ihr Büro verkriechen kann und wir unsere Ruhe haben vor ihr.“

Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen: Ganz gleich wie vorher wird der Alltag nicht sein. „Meiner“ und ich haben uns nämlich jede Woche bis Ende Jahr einen Abend ganz für uns in den Kalender eingetragen. Ob wir diesen Abend jeweils in der Sauna verbringen, uns zu Hause einen Film reinziehen, die Ruhe geniessen oder jeder für sich irgend etwas werkelt und dabei die eine oder andere tiefsinnige Bemerkung fallen lässt, ist eigentlich egal. Hauptsache, wir nehmen unsere Zeit zu zweit ebenso wichtig wie all die Sitzungen, Besprechungen und Projekte, die für volle Terminkalender sorgen.

Flashback

Es war einer jener Tage, wie ich sie früher fast täglich durchstehen musste: Nicht mehr krank, aber auch noch nicht gesund, zu spät aus dem Bett gekrochen, Karlsson fast zu spät zum Speckstein-Kurs geschickt, das Prinzchen pitschnass, weil die Windel nicht dichtgehalten hat, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat im Dauerstreit, Luise grantig, weil die Nacht, die sie bei ihrer grossen Freundin verbracht hatte, zu kurz war, an der Hautür der Postbote mit einem eingeschriebenen Brief, auf dem Küchentisch eine halbfertige Einkaufsliste, gähnende Leere im Kühlschrank und im Magen, dazwischen immer wieder das Telefon und obendrein ein schmutziger Küchenfussboden. Etwas später dann endlich mit dem Prinzchen und Luise in der Migros, um wenigstens der Leere im Kühlschrank Abhilfe zu schaffen, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat derweilen bei meiner Mutter untergebracht, wo sie sich wohl weiter die Köpfe einschlugen. Im Laden dann der erste richtig grosse Trotzanfall des Prinzchens. Ein nervtötendes Geschrei, zuerst, weil er keine Banane bekam, danach weil das Brötchen noch bezahlt werden musste und schliesslich, weil er keinen Bagger haben durfte. Nichts Neues eigentlich für eine fünffache Mutter, aber deswegen nicht weniger anstrengend, da die anderen Kunden mit bösen Blicken und gehässigen Bemerkungen nicht eben sparsam umgingen. Wir Mütter kennen das ja….

Zu Hause dann das Vergnügen, die Einkäufe zu verstauen, das Prinzchen ins Bett zu stecken, wieder einen Anruf entgegenzunehmen, die ewigen Streithähne auseinander zu halten, Karlssons Speckstein-Schmuckstück zu bewundern, Mittagessen zu kochen, den Geschirrspüler einzuräumen und das alles sofort, weil eine Stunde später eine Kindergruppe bei „Meinem“ einen Malkurs hatte. „Du meine Güte“, fuhr er mir plötzlich durch den Kopf, „so war mein Leben früher immer. Damals, als ich noch keinen Bürojob hatte, den ich von zu Hause aus erledigen kann. Damals, als noch kein Au-Pair da war, die mir hilft, das Chaos in den Griff zu kriegen. Wie habe ich das bloss alles geschafft, dazu noch mit all den Schwangerschaften?“

Kaum habe ich den Gedanken fertig gedacht, ertappe ich den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten dabei, wie sie sich vor dem Mittagessen wie die Heuschrecken über die eben gekauften Getreideriegel hermachen und dann stehe ich plötzlich wieder vor dieser altbekannten Frage: Soll ich gleich jetzt losheulen, oder soll ich vorher lieber noch eine Runde herumschreien, bis ich heiser bin und dann erst heulend ins Schlafzimmer rennen? Und dann wird mir bewusst, dass ich es damals eben nicht geschafft habe, dass Tage wie heute damals zwar die Regel waren, dass Herumschreien und Türen knallen damals aber schon fast so alltäglich waren wie Kinder umarmen und Geschichten erzählen.

Damals habe ich mir fast täglich vorgeworfen, was für eine Versagermama ich doch sei. Heute weiss ich zum Glück, dass es unter gewissen Umständen mit meinem Temperament gar nicht möglich ist, die Ruhe zu bewahren. Und seitdem ich dies weiss, schreie ich deutlich weniger, knalle ich die Tür nur noch, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Vor allem aber weiss ich, dass diese elende letzte Schulferienwoche mit „Meinem“ bereits wieder an der Arbeit, dem Au-Pair in den Ferien und den Kindern im Widerstand schon zur Hälfte um ist und ich deshalb hoffentlich nicht mehr allzu oft die Fassung verlieren muss.

Aus dem Alltag mit kleinen Menschen

Ein paar kleine Episoden, die zwar keinen eigenen Post Wert sind, die ich aber dennoch ganz amüsant finde:

Dass kleine Menschen sich vor der Dunkelheit fürchten, ist mir nicht neu. Dass sie hin und wieder abends noch einmal aus dem Bett gekrochen kommen, weil sie Angst haben, es hocke ein Räuber unter ihrem Bett oder eine Hexe auf der Lampe, überrascht mich nicht. Aber warum um Himmels Willen kommt der Zoowärter abends um halb elf ins Wohnzimmer geschlichen, weil er Angst hat, Carla Bruni habe sich in seinem Schrank versteckt? Gut, wenn ich mit Sarkozy verheiratet wäre, würde ich mich in diesen Tagen auch verstecken, aber doch nicht in Vendittis Kleiderschrank.

Luise geht heute mit einer Gruppe von Kindern die Schule für Blindenhunde anschauen. Eines der Kinder, ein Junge aus ihrer Klasse, kommt sie heute Morgen abholen. Das Chaos bei Vendittis scheint ihn leicht zu überfordern, aber endlich sieht er etwas, was ihn an zu Hause erinnert: Das Bügeleisen und einen Berg Wäsche daneben. „Du bist genau wie meine Mama“, sagt er zu mir. „Die muss in der Nacht auch immer die Wäsche bügeln. Meine Mama bügelt immer.“ Leider muss ich dem Jungen klar machen, dass ich eben nicht bin wie seine Mama, denn das Bügeleisen liegt nur deshalb zufällig neben dem Wäscheberg, weil Karlsson seine Seidentücher, die er gemalt hat, bügeln will und weil „Meiner“ gestern Abend mit dem Wäschefalten nicht fertig geworden ist. Wenn bei uns überhaupt einer bügelt, dann ist es Karlsson und um die Wäsche kümmert sich, wer gerade Zeit hat, also eigentlich niemand.

Karlsson hat fürchterliches Mitleid mit mir, weil ich krank bin. Inzwischen hat sich zwar Gott sei Dank herausgestellt, dass es keine Magen-Darm-Seuche ist, dass es wohl reiner Zufall war, dass Karlssons Bauch gerade dann schmerzte, als mir übel wurde und vor allem, dass der Käfer exklusiv für mich bestimmt war und alle anderen nichts davon abkriegen. Was bedeutet, dass eine schlappe, kranke Mama sich um fünf kerngesunde, quietschfidele Kinder kümmern sollte. Zum Glück kommt Karlsson auf die Idee, dass eigentlich er das Mittagessen kochen könnte. Der Junge verzieht sich mit einem Berg von Kochbüchern, währenddem ich versuche, die anderen halbwegs ruhig zu halten. Schön, dass mein Sohn Spaghetti kochen wird. Oder vielleicht Blumenkohl mit Reis. Oder Ofenkartoffeln.

„Mama, haben wir Lab?“, will Karlsson plötzlich wissen. „Wozu um Himmels Willen brauchst du denn Lab?“, frage ich. „Ich habe da ein tolles Käsekuchen-Rezept im Astrid Lindgren-Kochbuch gefunden und das wäre doch ein perfektes Mittagessen. Schau mal, wir haben alle Zutaten da, ausser dem Lab.Wo bekomme ich Lab….“ Nun, mein lieber Karlsson, ich finde es wirklich toll, dass du Käsekuchen backen willst und ich traue dir das auch zu, aber zum Mittagessen wären Spaghetti vielleicht besser. Oder vielleicht Blumenkohl mit Reis. Oder Ofenkartoffeln.

Es gab dann übrigens etwas ganz anderes, denn Karlsson musste mit seinen Brüdern Robin Hood schauen und hatte leider keine Zeit mehr, sich ums Kochen zu kümmern. Irgend einer muss ja aufpassen, dass die Kleinen beim Filme schauen keinen Mist bauen, nicht wahr?

Irgendwie schaffte ich es auch ohne Karlssons Hilfe, ein Mittagessen auf den Tisch zu bringen, was das offenbar halb verhungerte Prinzchen besonders freut. Kaum sieht er die Schnitzel, die ich braten will, dreht er fast durch vor lauter Freude: „Chani Fleisch? Chani Fleisch?“, fragt er unablässig und ist zutiefst empört, dass ich das Fleisch zuerst braten will, bevor er es haben darf. Und dann, als das Fleisch endlich gebraten ist, mache ich diesen ganz dummen Fehler, den eigentlich keine Mama, die schon ein Zweijähriges Kind gehabt hat, je machen sollte: Ich zerschneide das Fleisch in mundgerechte Stücke. Worauf das Prinzchen empört aufschreit „Fleisch chabott! Nei, Fleisch chabott!“ und natürlich keinen Bissen von dem „kaputten Fleisch“ anrührt und sich schliesslich ohne Mittagessen im Bauch zum Mittagsschlaf verabschiedet. Himmel, wie blöd bin ich denn? Habe ich tatsächlich schon wieder vergessen, dass Zweijährige es nie und nimmer dulden, dass man ihnen zerschnittenes Essen vorsetzt? Dabei ist es doch gar nicht so lange her, seitdem ich zum letzen Mal einen zweijährigen Perfektionisten zu erziehen hatte….

So ist’s richtig

Ein wenig mulmig war mir ja schon zumute, als mir letzten Donnerstag bewusst wurde, dass wir schon fast eine Woche von zu Hause weg waren, ohne dass sich die Magen-Darm-Seuche zu uns gesellt hatte. Ferien ohne Magen-Darm-Seuche, da stimmt doch etwas nicht, dachte ich mir. Wo die doch zu unseren Ferien gehört wie langes Ausschlafen – also bis halb acht oder so – Familienausflüge und Fertigsalatsauce.

Nun gut, man kann ausnahmsweise auch mal Ferien ohne Magen-Darm-Seuche machen, auch wenn dann natürlich nicht die gleiche Ferienstimmung aufkommt, dachte ich mir. Dafür konnten wir den Zoff mit der Vermieterin umso mehr genießen. Mal ein wenig Abwechslung kann ja nichts schaden.

Dass die Seuche nur deshalb auf sich warten ließ, weil sie sich besser in Szene setzen wollte, daran dachte ich keinen Moment. Bis mir heute Nachmittag, als ich mit allen Kindern zu Fuss im Dorf unterwegs war, plötzlich die Knie weich wurden. Bis sich in meinem Kopf alles drehte und mein Magen rebellierte. Und bis Karlsson bemerkte, er hätte Bauchkrämpfe.

Da dämmerte mir plötzlich, was hier gespielt wird: Die Seuche wartete ab, bis „Meiner“ wieder zur Arbeit musste, das Au-Pair in den Ferien war und die Kinder diese unsägliche dritte Herbstferienwoche, die man im Sommer eigentlich viel besser brauchen könnte, angefangen hatten. Diese Ferienwoche, die selbst Mütter wie mich, die grundsätzlich nichts gegen Schulferien haben, auf die Palme treibt, weil man Ende Oktober nichts anderes tun kann, als einander gegenseitig auf die Nerven zu gehen.

Diesen Moment also hatte die Seuche abgewartet, um zuzuschlagen. Denn Kranksein macht Müttern ja nur dann richtig Spass, wenn keiner da ist, der sich um die Kinder kümmern kann.

McDonaldisierung

Währenddem die McDonaldisierung unserer Gesellschaft ziemlich weit fortgeschritten ist, scheint sie in unserer Familie nicht vom Fleck zu kommen. Ja, ich würde gar soweit gehen und sie im Falle unserer zwei ältesten Kinder für gescheitert zu erklären. Karlsson, der an seinem Geburtstag am liebsten neben hausgemachter Leberpastete und hausgemachten Nudeln an Morchelsauce auch noch hausgemachte Blutwurst, hausgemachte Luxemburgerli und hausgemachte Truffes essen würde, ist ein bekennender Anhänger der Slow-Food-Bewegung. Ausserdem ist er in die Weltgeschichte eingegangen als das einzige Kind, das losgeheult und dann während des ganzen Essens leise geschluchzt hat, als es einmal bei McDonald’s essen musste.

Luises Haltung gegenüber dem Fastfood ist zwar nicht ganz so extrem ablehnend, aber auch sie kehrt lieber woanders ein, mit Vorliebe in einem romantischen Tea-Room, wo sie sich an geblümten Tassen, liebevoll dekorierten Tischen und mit Sahne verzierten Törtchen erfreut. Von solchen Erlebnissen schwärmt sie monatelang und die von ihr heiss geliebten Frauentage – ein Tag alleine mit Mama oder mit Mama und Au-Pair, wenn’s sein muss noch mit dem Prinzchen, aber andere Männer werden nicht geduldet – enden meist mit einem Besuch in einem Café oder Tea-Room. Man sieht also, auch hier hat es Ronald McDonald nicht so richtig geschafft, ein Kinderherz zu erobern.

An sich könnten „Meiner“ und ich mit diesem Resultat ganz zufrieden sein, denn genau dieses Ziel wollten wir erreichen, als wir uns vor vielen Jahren schweren Herzens dazu entschlossen hatten, unseren Kindern Besuche im Fast-Food-Tempel Nummer 1 nicht zu verwehren. Wir wollten, dass sie erkennen, dass vor lauter Fett triefendes, geschmackloses Essen nie und nimmer den Genuss bietet, den Essen eigentlich bieten könnte. Wären Karlsson und Luise unsere einzigen Kinder, wir könnten die Sache also ad Acta legen. Bekanntlich haben wird aber noch weitere Kinder und bei denen bleibt noch Einiges zu tun, bevor sie gleich weit sind wie die Grossen. Und so statteten wir Ronald McDonald heute nach dem Gottesdienst mal wieder einen Besuch ab. Gut, ich geb’s ja zu, es waren nicht alleine erzieherische Gründe, die uns dorthin geführt hatten. Ich hatte nämllich ausnahmsweise wirklich keine Lust auf Kochen und noch viel weniger auf das Aufräumen der Küche. Aber wenn ich schon die schlampige Mama hervorkehrte, dann sollte das Ganze wenigstens einem höheren Ziel dienen.

Jetzt, wo wir mit diesem eigenartigen Gefühl von Übersättigung und nagendem Hunger nach richtigem Essen wieder zu Hause angekommen sind, kann ich voller Freude verkünden, dass wir auf bestem Wege sind, auch die drei Jüngeren über kurz oder lang davon zu überzeugen, dass ein Leben ohne Fast Food ganz in Ordnung ist. Kaum waren wir angekommen, wollte der FeuerwehrRitterRömerPirat, der ein Langsamesser ist, besorgt von mir wissen: „Mama, darf man denn hier auch langsam essen?“ Aber natürlich darf man das, mein Sohn. Es ist bloss so, dass kalte Pommes Frites noch schlechter schmecken als heisse Pommes Frites und deswegen empfiehlt es sich, das Zeug so rasch als möglich in sich hinein zu schaufeln. Was der FeuerwehrRitterRömerPirat aber gar nicht kann, weshalb er ziemlich schnell den Spass am Essen verlor und sich viel lieber mit dem Prinzchen um das Herumschieben der Kinderstühle kümmerte.

Schön, der Dritte ist also auf gutem Wege, unser Erziehungsziel zu erreichen. Aber was ist mit dem Zoowärter, der momentan in dem Alter ist, in dem man sich für alles begeistert, was grellbunt und künstlich ist? Nun, der Zoowärter machte sich mit Begeisterung über das Essen her, erlebte dann aber eine herbe Enttäuschung, als er sein Spielzeug auspackte. Was sollte er bloss mit diesem langweiligen violett-braunen Vogel anfangen, wo es doch in der Vitrine dieses tolle, knallgrüne Etwas zu sehen gab? Wer schon mal versucht hat, einem Dreijährigen zu erklären, dass das, was in der Vitrine steht, wohl erst nächste Woche in der Happy-Meal-Schachtel liegen wird und dass die das extra machen, um die Kinder auch nächste Woche wieder anzulocken, der weiss, dass man ebenso gut einem Verdurstenden erklären könnte, er solle keine eisgekühlte Cola trinken, weil das Zeug zu klebrig und überhaupt nicht durstlöschend sei. Mir ist klar, dass es noch ein paar Jährchen dauern wird, bis auch der Zoowärter von McDonald’s die Nase voll hat, aber ich denke, mit dieser ersten niederschmetternden Enttäuschung ist schon mal ein guter Anfang gemacht.

Bleibt noch das Prinzchen, das im Moment weder für noch gegen Fast Food ist. Solange er ungehindert herumtoben kann, ist ihm Einerlei, ob das Essen gut oder schlecht, das Spielzeug schön oder hässlich ist. Und da Herumtoben bei McDonald’s bedeutend weniger problematisch ist als im Gourmet-Tempel, fürchte ich, dass des Prinzchens Herz in den nächsten Jahren für Chicken Nuggets, Pommes Frites & Co. schlagen wird.

Ach ja, wo wir gerade beim Thema sind: Hätte vielleicht jemand Zeit und Lust dazu, das kinderfreundliche, preiswerte, zentral gelegene Fast Food-Restaurant mit vollwertbiogesundaberschmackhaft Essen zu erfinden, das den Kindern pädagogisch wertvolle und garantiert nicht in Kinderarbeit hergestellte Spielsachen mit nach Hause gibt, das auch sonntags geöffnet ist und das natürlich seine Angestellten anständig entlöhnt? Die Idee geistert schon lange in meinem Kopf herum, aber ich habe gerade keine Zeit dazu und da wäre es doch nett, wenn sich jemand anders um die Sache kümmern könnte.

Mensch, was tust du da eigentlich?

Eigentlich sollte die Sache schon längst erledigt sein: Der hässliche WC-Rollenhalter, der mir schon längst ein Dorn im Auge gewesen war, hat vor ein paar Wochen endgültig seinen Geist aufgegeben. Gut, endlich sind wir den Kerl los und ich mache mich auf in die nächste grössere Migros, um einen Neuen zu erstehen. Und reibe mir verwundert die Augen. Denn WC-Rollenhalter sind teuer, viel teurer, als ich dies erwartet hätte. Und obendrein sind sie auch noch hässlich. Klar, es gibt auch ein paar billige Exemplare, ebenfalls hässlich. Aber weil ich weiss, dass billig bei der Dauerbelastung in unserem Haushalt nicht lange hält, kommt billig nicht in Frage. Aber teuer und hässlich eben auch nicht. Wenn ich schon viel Geld ausgeben muss, dann soll das Zeug wenigstens schön sein. Das hatte uns schon der Pastor gelehrt, als wir noch Teenager waren. Wenn man schon Geld für Kleider ausgeben müsse, dann könne man sich ja gleich ein schönes Kleid kaufen anstelle eines hässlichen Fetzens, pflegte er zu sagen. Gut, von WC-Rollenhaltern hat der Pastor die etwas gesagt, aber ich weite das Prinzip mal grosszügig auf sämtliche Bereiche des Alltags aus.

Und anstatt die Sache endlich abzuhaken, verwende ich auf einmal beängstigend viel Zeit auf die Suche nach diesem banalen Gegenstand. Ich stöbere durch Haushaltsabteilungen, durchforste das Internet, blättere in Katalogen – und werde nicht fündig. Denn die Suche nach einem praktischen, bezahlbaren Ersatz ist längst zu einer Suche nach dem WC-Rollenhalter geworden, nach dem Schönsten, dem Originellsten, dem Passendsten. Das Ding, das eigentlich einen der niedrigsten Dienste im Haushalt übernimmt, nimmt plötzlich sehr viel Zeit und Energie in Anspruch.

Heute Nachmittag, kaum waren wir aus den Ferien zurückgekehrt, wollte ich die leidige Angelegenheit endlich erledigen und so durchstöberte ich einmal mehr das Internet. Fündig wurde ich nicht, denn der einzige Rollenhalter, der sowohl in Preis als auch in Design meinen Ansprüchen genügt, wird nicht in die Schweiz geliefert. Dafür aber gingen mir in anderer Hinsicht die Augen auf: Wie ich da so surfte und immer anspruchsvoller wurde, erinnerte ich mich plötzlich an den Werbespot, den wir heute, als wir in Bern auf den Zug warteten, gesehen hatten. Ein Suppenteller mit vielen Löffeln drin, dazu die Aufforderung, heute, am Welternährungstag, mit jenen zu teilen, die nicht wissen, wie sie morgen satt werden sollen. Luise hatte den Bildschirm lange studiert und mich dann gefragt, was das zu bedeuten habe. Pflichtbewusste Mama, die ich bin, erklärte ich meiner Tochter des Langen und Breiten, wie ungerecht es doch sei, dass wir zu viel, die anderen zu wenig hätten und wie falsch es doch sei, dass wir im Überfluss ersaufen, während andere ums nackte Überleben kämpfen müssen.

Keine zwei Stunden nach dieser Predigt sass ich also da und suchte einmal mehr nach dem perfekten WC-Rollenhalter. Und plötzlich schämte ich mich. „Mensch“, sagte ich zu mir „hast du denn wirklich nichts Besseres zu tun, als dich während Tagen um solchen Sch…kram zu drehen?“

Ach, wie nett

Um eines vorweg klar zu stellen: Ich finde es nicht in Ordnung, wenn eines meiner Kinder mitten auf dem Spielplatz des Ferienhauses pinkelt. Um noch eines klar zu stellen: Ich habe meinen Kindern schon mehrmals verboten, auf irgend welchen öffentlichen Plätzen zu pinkeln. Und um noch etwas klar zu stellen: Von mir haben sie das nicht.

Jetzt, wo diese drei Dinge geklärt sind, kann ich ja erzählen, wie sehr es mich nervt, wenn die Mutter des Ferienhausbesitzers zuerst unsere Kinder zur Schnecke macht und dann „Meinen“ und mich anschnauzt, dass das nicht angehen könne, dass unser Sohn sowas tue. Dass sie noch nie so etwas Unerhörtes erlebt habe und dass unsere Kinder gefälligst alle Spielsachen auf dem Spielplatz wegräumen sollten, obschon sie noch mitten im Spiel waren. Und dann kann man uns ja gleich noch anmotzen, wir hätten unser Auto falsch geparkt.

Wirklich ein netter erster Kontakt mit der Vertretung unseres Vermieters. Dass der kleine Wildpinkler noch keine vier Jahre alt ist, dass seine grossen Geschwister ihn mit aller Überredungskunst davon abhalten wollten, dass sich unsere Kinder bis anhin außer dieser kleinen Episode nichts haben zu Schulden lassen kommen, dass uns bei unserer Ankunft keiner gesagt hat, wo wir unser Auto hinstellen müssten, dass wir eine „familienfreundliche“ Ferienwohnung gemietet haben, dass diese Wohnung die ganze Woche leer stehen würde, hätten wir uns nicht in letzter Minute ihrer erbarmt, all dies hat die gute Frau geflissentlich übersehen.

Ist doch nett, dass unsere Kinder sich bereits am zweiten Ferientag nicht mehr auf den Spielplatz trauen. Und dass ich mir zum ersten Mal in meinem Leben überlege, ob ich diese Woche vielleicht lieber bei Coop einkaufen soll, auch wenn wir die Migros im Hause haben. Denn da die nette Frau in der Migros arbeitet, habe ich ein kleines bisschen Angst, dass ich beim Einkauf etwas falsch machen könnte. Und eine kalte Dusche pro Ferienwoche reicht mir eigentlich vollauf.

Heute lachen wir darüber

Da liegt er nun vor mir, der hellblaue Teller, der „Meinem“ vor fünf Jahren als Unterlage für ein Kunstexperiment gedient hatte. Der aber vom Sturm, diesem Kunstbanausen, in die Dachrinne geweht wurde und seither nicht mehr gesehen ward. Zumindest nicht im Inneren der Wohnung, sondern nur vom Badezimmerfenster aus, gut sichtbar, aber leider unerreichbar. Dank der Hilfe des Dachdeckers fand der Teller heute aber den Weg zurück in sein angestammtes Revier, die Küche. Bloss was war es, was da auf diesem Teller lag?  Ein undefinierbares schimmliges Etwas, das unmöglich das Kunstexperiment von „Meinem“ sein konnte. Lange starrte ich auf den Teller, ohne herauszufinden, was da lag. Ein alter Rock von Luise vielleicht? Oder ein Lappen, der aus dem Fenster geflogen und auf dem Teller gelandet war? Irgendwann dämmerte es mir: Es war eine Windel, die der FeuerwehrRitterRömerPirat vor langer Zeit mal aus dem Fenster geschmissen hatte.

Und plötzlich war sie wieder da, die Erinnerung an die Zeiten, als der FeuerwehrRitterRömerPirat fast täglich eine Windel aus dem Dachfenster schmiss. Man mochte ihm hundertmal sagen, er dürfe das nicht tun, am nächsten Morgen lag da trotzdem wieder eine Windel im Garten. Oder eben in der Dachrinne. Und das Schlimmste an der Sache war: Man musste noch erleichtert sein, wenn er bloss die Windel rausgeschmissen hatte, hin und wieder kam es nämlich auch vor, dass der feste Inhalt der Windel in der Gegend herumflog. Meistens schafften wir es, diese stinkenden Geschosse wieder aufzuspüren und sachgerecht zu entsorgen, aber einmal übersahen wir eines davon und ausgerechnet, als wir der Italienischen Verwandtschaft voller Stolz unser Zuhause präsentieren wollten, tauchte es wieder auf.

All diese Erinnerungen waren wieder da, als ich diese vergammelte Windel auf dem Teller liegen sah. Und nicht nur die Erinnerungen, auch die Gefühle, die ich damals empfunden hatte, waren wieder da. Wie schämte ich mich doch jeweils, dass unser Dritter mit Windeln und Exkrementen um sich warf. Von anderen Kindern hörte ich nie solche Geschichten. Würde unser Sohn je so vernünftig sein, dass er damit aufhören würde? Und würden wir ihn überhaupt je aus den Windeln bekommen, oder würde ich ihn dereinst kurz bevor er zum Traualtar marschiert, noch einmal wickeln müssen? Waren wir totale Versager, weil unser sonst so schlaues Kind einfach nicht einsehen wollte, dass man nicht ewig in den Windeln bleiben kann und dass Windeln in der Dachrinne nichts zu suchen haben?

Heute können wir zum Glück lachen über jene Zeit, aber damals war die Sache für mich mit ein Grund, weshalb ich mich als Mutter so völlig unfähig fühlte, weshalb ich hin und wieder zum Himmel schrie: „Gott, was hast du meinen Kindern bloss angetan, indem du ihnen eine solche Versagermama zugemutet hast?“

Hätte ich damals gewusst, was ich heute weiss, ich hätte die Sache wohl etwas entspannter ansehen können: Sie kommen alle aus den Windeln. Die einen etwas früher, die anderen später. Und je weniger Druck man macht, umso schneller geht’s.

Ach ja, und so sieht es übrigens aus, das Relikt aus der windelrebellischen Phase des FeuwerwehrRitterRömerPiraten:

Paradox

Es ist ja schon paradox: Da habe ich seit ein paar Tagen die Lizenz zum Jammern im Sack und jetzt mache ich nicht mal Gebrauch davon. Oder hat einer meiner geneigten Leser etwa mitgekriegt, dass wir seit Montag weder Heizung noch heisses Wasser im Haus haben und dass ich diese Woche schon dreimal eiskalt geduscht habe, weil ich nicht stinken wollte? Nein, das habe ich euch allen bis heute verschwiegen, denn offenbar bin ich zutiefst in meinem Innern noch immer ein kleines Kind. Kaum darf ich etwas, habe ich keine Lust mehr dazu. Ist doch bei den Kindern auch so: Sie liegen dir in den Ohren, weil sie „nie“ Schokolade essen dürfen und wenn du sie mal überreden willst, doch ein wenig Schokolade zu essen, um den Durchfall zu stoppen, dann wollen sie nicht. Weil ihnen angeblich schlecht wird von schwarzer Schokolade. Oder sie wollen morgens um sieben auf gar keinen Fall aus dem Bett kommen und schimpfen, sie möchten lieber ausschlafen. Aber wenn du sie flehentlich darum bittest, samstags doch bitte nicht so früh Radau zu machen, dann tanzen sie dir schon morgens um sechs auf der Nase rum. Und so ticke ich eben auch: Da beklage ich mich jahrelang, dass keiner mein Gejammer hören will und jetzt, wo der Postbote mir die Lizenz zum Jammern ausgestellt hat, habe ich keine Lust mehr dazu.

Und weil jammern jetzt, wo ich endlich darf, keinen Spass mehr macht, habe ich heute Morgen eben den Zoowärter, das Prinzchen und das Au-Pair zu Starbucks geschleppt, als die Decke unseres momentan sehr kalten Zuhauses auf meinen Kopf zu fallen drohte. Einen Caramel-Macchiato später sah die Sache schon wieder viel besser aus, auch wenn danach sowohl mein Starbucks-skeptisches Gewissen als auch mein Kalorienkonto unter diesem Exzess ein wenig gelitten haben. Derart gestärkt verkroch ich mich zurück in meinen Eispalast, der, so denn alles läuft wie geplant, am Montag wieder warm und gemütlich sein sollte.