Also das geht zu weit, mein Sohn!

Einmal im Jahr, wenn die Ikea zum spätsommerlichen Flusskrebse-Essen einlädt, gibt’s auch bei Vendittis Flusskrebse. Das gehört für Kinder, welche die „Kinder aus Bullerbü“ fast auswendig kennen einfach dazu. Abgesehen von Karlsson und „Meinem“ mag zwar eigentlich niemand Flusskrebse, aber dennoch macht die ganze Familie begeistert mit beim Sezieren der armen Tierchen. Die ganze Familie? Nein! Eine unbeugsame Vegetarierin hört nicht auf, dem Frevel Widerstand zu leisten. Auch wenn es genau diese unbeugsame Vegetarierin ist, die alljährlich die armen tiefgekühlten Krebse einkauft, aber das ist ein anderes Thema.

Tags darauf ist der Spuk mit den Flusskrebsen wieder vorbei und wäre da nicht diese Schüssel mit den Überresten, es würde sich keiner mehr an die Sache erinnern. Ausser Karlsson natürlich, der die Überreste stolz dem Nachbarjungen präsentiert: „Schau mal, was wir gestern zum Abendessen bekommen haben!“, brüstet er sich und fährt dann fort: „Aber Mama war natürlich zu feige dazu, die Dinger zu essen.“ Dann denkt er eine Weile lang nach und schliesslich meint er: „Eigentlich müsste es ja ‚Feigetarier‘ heissen, weil die einfach zu feige sind, Fleisch zu essen.“

Vielleicht schicke ich den Jungen demnächst mal zu einer Besichtigungstour in den Schlachthof. Mal sehen, ob wir danach nicht einen „Feigetarier“ mehr in der Familie haben….

Here we go again

Es ist nicht alleine die Blogstatistik, die mich darauf aufmerksam macht, dass die Leute wieder im Land sind und dass der Alltag auch wieder aus den Ferien zurückgekommen ist. Es gibt da noch ein paar weitere untrügliche Zeichen:

– Die Mails, die ich vor den Ferien geschrieben hatte, werden nun eines nach dem anderen endlich beantwortet. Oder man könnte es auch anders ausdrücken: Die Mailbox quillt wieder über.

– Die überquellende Mailbox führt dazu, dass auch der Terminkalender sich im Halbstundentakt mit neuen Terminen füllt.

– Nach Feierabend, also wenn die Kinder im Bett sind, wird nicht mehr faul auf dem Sofa herumgefläzt, sondern gearbeitet.

– Das Telefon klingelt wieder.

– Wenn das Telefon klingelt, ist nicht jemand aus dem Freundeskreis dran, der fragt, ob wir abends Lust zum Grillieren haben, sondern jemand, der wissen will, ob der Businessplan schon fertig ist oder ob die Traktandenliste für die Sitzung schon steht.

– Wenn Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat sich auf eine Distanz von einem halben Meter nähern, dann sprühen nicht mehr die Funken, weil sie sich so sehr freuen, dass sie endlich mal wieder Zeit zum Spielen haben. Nein, es fliegen die Fetzen, weil sie das Spielen inzwischen so satt haben, dass sie die Tage bis zum Schulbeginn zählen.

– Ich muss nicht mehr aufpassen, dass ich nicht zu viele Kalorien zu mir nehme, ich muss aufpassen, dass ich genug zu mir nehme, weil die Zeit zum Essen von Tag zu Tag knapper wird.

– Der Schädel brummt wieder, weil die Tage zwar noch immer spät enden, aber bereits wieder früh beginnen.

– Wenn etwas schief geht, gerät wieder der ganze minutiös geplante Tagesablauf aus den Fugen.

– Das Prinzchen muss seinen Bedarf an Schlafliedern massiv zurückschrauben. Wer hat denn schon mitten im Alltag Zeit, stundenlang neben ihm zu liegen und sich heiser zu singen?

– Der Koffeinkonsum steigt rapide an.

– Mama Venditti brüllt wieder herum.

– Mama Venditti entschuldigt sich wieder bei ihren Kindern.

– Das Handy ist wieder in Betrieb.

– Das Zeiterfassungssystem ebenfalls.

– In der Handtasche hat es wieder Stifte und Notizpapier, dafür aber keine Windeln und Schmusetücher mehr.

– Ich schmiede wieder Ferienpläne.

Wurde auch langsam Zeit….

Zwölf lange Jahre hat „Meiner“ Tag für Tag um sechs Uhr früh das Haus verlassen, hat sich über Mittag mit Resten vom Vortag verköstigt und ist irgendwann, etwa zwölf Stunden nachdem er seine schlafende Familie verlassen hatte, nach Hause gekommen, wo ihn eine Ehefrau am Rande des Nervenzusammenbruchs erwartete. Nichts Besonderes, ich weiss. Die meisten Paare, bei denen der eine berufstätig ist, die andere sich zu Hause abrackert, erleben Tag für Tag das gleiche Lied: Zu Hause schmeisst einer alleine den Laden, auswärts verdient einer alleine das Geld für die Brötchen und beide wünschen sich, sie könnten sich hin und wieder ein Stück vom Kuchen des anderen abschneiden. „Meinem“ und mir hat diese Situation so langsam zugesetzt, denn warum soll ein Primarlehrer lange Arbeitswege auf sich nehmen, wo doch in jedem Kaff eine Schule steht?

Seit heute ist Schluss mit dem langen Arbeitsweg. „Meiner“ muss nicht mehr im Morgengrauen aus dem Haus gehen, er kann, wenn er will, über Mittag nach Hause kommen und wenn er nach Schulschluss noch eine oder zwei Stunden Arbeitszeit anhängt, ist der dennoch früher zu Hause als bis anhin. Auch nicht Besonderes, ich weiss. Aber für mich ein entscheidender Zugewinn an Lebensqualität: Am Morgen sind zwei da, die Kakao und Toast zubereiten, zwei, die dafür sorgen, dass alle rechtzeitig aus dem Haus kommen. Ich kann über Mittag kurz klönen, wie mühsam der Vormittag wieder war. Ich muss beim Mittagessen nur noch jede zweite Kinderfrage beantworten, weil „Meiner“ die andere übernimmt und habe so mehr Zeit, mir zu überlegen, was ich denn überhaupt antworten will. Und manchmal, wenn es der Alltag ganz besonders gut mit uns meint, liegen vielleicht gar fünf Minuten Entspannung drin, eine Tasse Kaffee oder ein kurzer Schwatz auf dem Balkon, bevor es zurück an die Arbeit geht.

Schon verrückt, wie wenig es braucht, um die langen Tage zu Hause erträglicher zu machen: Man teile den Tag in zwei Hälften und schon ist die Mama entspannter. Verrückt ist aber auch, dass „Meiner“ und ich so lange gebraucht haben, um zu erkennen, wie wenig es gebraucht hätte, um viel Frust zu vermeiden.

Anrufprotokoll, oder so ähnlich

Zuweilen kommt es vor, dass Mama Venditti und Projektleiterin Venditti gleichzeitig im Einsatz sind. Zum Beispiel heute Morgen, als alle fünf Kinder beim Frühstück sassen und das Telefon klingelte. Hier ein kleiner Gesprächsausschnitt:

Anrufer: „Wie gut stehen denn die Chancen, dass der Ständerat die Anstossfinanzierung für Kinderkrippen verlängert?“

Projektleiterin Venditti: „Nun, in Bern haben sie mir gesagt…“

Mama Venditti: „Ja, Zoowärter, du bekommst gleich deinen Kakao….“

PV: „… dass der Ständerat solchen Anliegen eher offener gegenübersteht als der Nationalrat. Aber du weisst ja, wie das in der Politik so sein kann.“

Karlsson: „Mama, ich will auch einen Kakao haben!“

MV: „Kommt gleich, Karlsson. Ich bin noch am Telefon.“

Anrufer: „Und was machen wir, wenn der Ständerat nein sagt?“

MV: „Mist, die Milch ist sauer! Komisch, die ist doch noch gar nicht abgelaufen…. Zoowärter, gib mir deine Tasse zurück. Ich mach‘ dir einen neuen Kakao.“

PV: „Tschuldigung, diese Kinder….. Ääääähm, wo waren wir? Ach ja, beim Ständerat. Nun, wenn der Ständerat nein sagt, dann brauchen wir eben…. äääähm, Moment schnell…“

MV: „Könnt ihr mal bitte ein wenig leiser sein! Ich bin am Telefon!“

PV: „Da bin ich wieder. Also, wenn der Ständerat nein sagt, dann brauchen wir eben eine Defizitgarantie…“

MV: „Jetzt hört ihr sofort auf zu streiten! Das ist ja nicht zum Aushalten.“

PV: „Sorry, was hast du gefragt?“

Anrufer: „Und wenn das Geschäft bachab geht?

PV: „Tut mir leid, kannst du das noch einmal wiederholen? Es ist ein wenig laut hier.“

Anrufer: „Und wenn das Geschäft bachab geht?“

MV: „Ja, Luise, ich komme gleich…“

PV: „Dann müssen wir eben Investoren suchen…“

MV: „Nein, FeuerwehrRitterRömerPirat, du musst dir deinen Strohhalm selber holen….“

PV: „Wann hast du gesagt? Am Sechzehnten um acht?“

Anrufer: „Nein, am Vierundzwanzigsten. Ich sage dir dann noch, wann.“

PV: Okay. Ich schreibe mir das sofort auf…“

MV: „Wo habt ihr jetzt schon wieder meine Stifte versteckt! Ach, da liegen sie ja….“

PV: „So, Termin notiert. Ich schicke dir dann die Unterlagen per Mail. Nächste Woche dann, wenn unser Au-Pair wieder kommt….“

Alles klar?

Das Leben von sieben Menschen unterschiedlichen Alters zu planen, ist gar nicht so einfach. Das Leben von sieben Menschen unterschiedlichen Alters weit im Voraus zu planen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Und so kann es schon mal vorkommen, dass an einem gewöhnlichen Mittwoch in den Sommerferien „Meiner“ um Viertel nach acht bei der Arbeit erscheinen muss, wofür er das Auto braucht, weil das E-Bike zwar bestellt, aber noch nicht abgeholt ist und weil der Zug von Schönenwerd nach Kölliken Umwege macht, die selbst einem umweltbewussten Menschen etwas zu absurd sind. Fünfundvierzig Minuten später sollte ich beim Arzt erscheinen, zu einem Termin, den ich bereits vor sechs Wochen abgemacht hatte, damals, als ich noch frohgemut behauptet hatte: „Ja, der 4. August passt perfekt. Dann haben wir Sommerferien, da bin ich vollkommen flexibel.“

Okay, bevor es richtig kompliziert wird, rekapitulieren wir kurz: Da wäre 1 x arbeiten um 8:15 Uhr und einmal Arzt um 9:00 Uhr. Was auf dem Papier gar nicht so kompliziert aussieht, in der Praxis aber sehr wohl kompliziert ist, denn wer hütet die Kinder, während Mama und Papa weg sind? Und das ist nur der eine Aspekt des Problems. Der andere wäre: Wer bringt Karlsson, Luise und den FeuerwehrRitterRömerPiraten zum Ferienkurs, wenn Mama und Papa weg sind? Nun, natürlich haben Mama und Papa Netzwerke, auf die sie in solchen Fällen zurückgreifen können und so werden die Kinder für eine Stunde bei der Grossmama, die im Haus wohnt, abgeliefert und die Grossmama stellt pünktlich um zehn vor zehn die drei Grossen an die Strasse, wo sie von einer anderen Mama abgeholt werden.

Problem gelöst, und sogleich wieder neue geschaffen. Denn um sich bei der anderen Mama für die guten Dienste zu revanchieren, bietet man ihr an, dass man im Gegenzug am späten Nachmittag deren Kind abholen wird. Was man dabei aber vergessen hat: Die eigenen Kinder müsste man am späten Nachmittag gar nicht abholen, weil die ganze Familie am Abend bei der Kursleiterin eingeladen ist und die Grossen deshalb gar nicht nach Hause kommen müssen.  Aber abgemacht ist abgemacht und deshalb will man das Kind der anderen Mama dennoch abholen. Man kann doch nicht einfach eine Dienstleistung annehmen, ohne eine zurückzugeben, nicht wahr? Man wird also am Nachmittag, nachdem man mit den beiden Jüngsten bei der Schwester zum Kaffeetrinken war, was man schon vor einer Woche abgemacht hatte, als man noch nicht wusste, dass „Meiner“ heute das Auto braucht, noch kurz das Kind abholen gehen.  Weil aber das Auto noch in Kölliken ist, muss „Meiner“ über Mittag nach Hause kommen, sich von mir am Nachmittag zur Arbeit chauffieren lassen, damit ich nachher mit den beiden Kleinen zur Schwester fahren kann und später das Kind der anderen Mama abholen kann und dann, bevor wir uns alle zusammen zu unserer Einladung begeben, „Meinen“ wieder von der Arbeit abholen kann.

Wie, ihr könnt meinen Erklärungen nicht folgen? Soll ich noch einmal rekapitulieren? Nun, vielleicht lasse ich es bleiben. Ihr müsst den Plan ja nicht im Detail verstehen.  Ich jedenfalls habe mehrere Anläufe gebraucht, bis mir endlich klar wurde, wie wir das alles schaffen, ohne das Telefon zur Hand zu nehmen um alles umzuplanen, was die Sache noch komplizierter gemacht hätte. Irgendwann stand die perfekte Lösung fest und es sah ganz danach aus, dass der Tag zwar etwas kompliziert, aber dennoch ganz gut werden würde.

Und dann kommt das Leben, das fiese Ding, das sich nie an unsere ausgeklügelten Pläne hält und wirft alles über den Haufen, was wir so schön durchdacht haben: Das Kind der anderen Mama muss heute nicht abgeholt werden, weil Luise der anderen Mama gesagt hat, dass sie und ihre Brüder heute bei der Kursleiterin bleiben dürfen. Gut, ein Termin weniger. Das verschafft Luft und der Tag wird einfacher. Also ja, der Tag würde einfacher werden, wenn nicht der Zoowärter plötzlich zu schlottern anfinge und das Fieberthermometer nicht panisch piepsen würde, nachdem die Temperatur fertig gemessen ist. Gut, jetzt wo der Zoowärter krank ist, ist auch klar, dass wir nicht zur Schwester fahren, sondern dass sie zu uns kommen wird, was ja an sich eine weitere Vereinfachung wäre. Denn jetzt muss „Meiner“ das Auto nicht nach Hause bringen, ich muss ihn nicht zur Arbeit zurückfahren und er muss sich am Abend nicht abholen lassen. Also alles perfekt: Ich bleibe den ganzen Tag zu Hause, kümmere mich um das kranke Kind und quatsche mit meiner Schwester. Klingt doch um Welten besser als das Chaos vom letzten Abschnitt, nicht wahr?

Bloss dass mit den die geänderten Plänen neue Fragen und Probleme auftauchen: Mache ich das versprochene Dessert für heute Abend, oder lasse ich es bleiben, weil wir wegen des kranken Zoowärters zu Hause bleiben müssen? Müssen wir zu Hause bleiben, oder ist er abends wieder gesund? Oder geht nur „Meiner“ mit den grossen Kindern? Oder gehe nur ich mit den grossen Kindern, weil ich ja weniger aus dem Haus komme? Schaffe ich es noch, ein wenig Ordnung zu machen, bevor die Schwester kommt? Ordnung, die ich nicht hätte machen müssen, wenn ich zur Schwester gefahren wäre, weil dann keiner gesehen hätte, wie es zurzeit bei uns aussieht. Muss ich überhaupt aufräumen oder kann ich der Schwester unser Chaos zumuten?

Was ich aus dem ganzen Theater lerne?  Das Leben von sieben Menschen unterschiedlichen Alters zu planen, ist gar nicht so einfach. Das Leben von sieben Menschen unterschiedlichen Alters weit im Voraus zu planen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Das Leben von sieben Menschen unterschiedlichen Alters umzuplanen, ist so mühsam, dass man am besten gar nie mit dieser elenden Planerei begonnen hätte, weil ohnehin alles anders kommt.

Ach ja, und dann hätte ich noch eine Frage: Wann bekomme ich denn jetzt endlich dieses Management-Diplom?

Mein Geständnis

Wer mich kennt oder wer regelmässig hier vorbeiliest, der weiss, wie sehr ich Hausarbeit liebe. So sehr, dass ich sie an eine Putzfrau delegiert habe. So sehr, dass ich, wenn die Putzfrau in den Ferien weilt, oder wenn jemand unter der Woche etwas verschüttet, ganz dringend aufs WC muss, bevor man mir den Putzlappen in die Hand drücken kann. So sehr auch, dass ich mich inzwischen damit abgefunden habe, dass fast jeder, der unsere Wohnung betritt, vom dringenden Bedürfnis gepackt wird, ein wenig beim Aufräumen behilflich zu sein, auch wenn mir dies furchtbar peinlich ist. Man sieht also, meine Begeisterung für Hausarbeit kennt keine Grenzen.

Und doch habe ich heute, als ich mit dem Staubsauger durch die Wohnung düste – die Putzfrau weilt gerade sehr sehr lange in den Ferien, so lange, dass ich den Dreck nicht liegen lassen kann, bis sie wieder zurück kommt -, bemerkt, dass Hausarbeit erträglich sein kann. Also, natürlich nur, wenn die Bedingungen stimmen. Und die Bedingungen wären

a) Alle Kinder sind aus dem Haus, weil man sonst gleich wieder von Vorne anfängt, kaum ist man fertig geworden.
b) Das Chaos ist so schlimm, dass selbst ich mich nicht mehr wohl fühle darin.
c) Das Chaos ist so schlimm, dass der Vorher-Nachher-Effekt so grossartig ist, dass selbst eine wenig ambitionierte Hausfrau, wie ich eine bin, sich am Ende anerkennend auf die Schulter klopft.
d) Das Chaos ist so schlimm, dass selbst der Zoowärter, wenn er nach dem Spielen wieder reinkommt merkt, dass da etwas anders geworden ist, nämlich dass es plötzlich wieder so sauber ist, dass man jeden seiner Fingerabdrücke auf dem Salontisch erkennen kann, wo sie doch vorhin im Gewirr der vielen Fingerabdrücke einfach verschwunden waren.
e) Ich will gerade ein paar Kilos loswerden und mache rein zufällig bei einem Abnehm-Programm mit, bei dem sich Putzen als Fitness abbuchen lässt. Denn es gibt nur eine Sache, die ich
noch mehr liebe als Hausarbeit und diese Sache nennt sich S-P-O-R-T.
f) In meinem Kopf schwirren gerade so viele Gedanken herum, dass ich sie zuerst wieder ordnen muss, bevor ich mich wieder an den Schreibtisch setzen kann.

Sind alle diese Bedingungen erfüllt, dann steht einer fröhlichen Putzaktion eigentlich nichts mehr im Wege und es macht mir nichts aus, für einmal den Job der Putzfrau zu machen. Wer jetzt denkt, er könne „Meinem“ melden, es gebe da durchaus noch Sparpotential in unserem Haushaltsbudget – „Meiner“ führt sich derzeit geradezu bürgerlich auf in seiner Sparwut -, der irrt gewaltig. Denn die Tage, an denen alle oben genannten Bedingungen erfüllt sind, sind äusserst rar. Und wenn nicht alle erfüllt sind, dann rühre ich keinen Putzlappen an.

Ökobilanz

Mit meinem heutigen Einkauf, so lässt mich der Online-Supermarkt meines Vertrauens wissen, hätte ich 1,3 kg CO2 gespart, 1.6 kWh Strom weniger verbraucht, was etwas mehr als einem Waschgang entspreche und ausserdem hätte ich mir ganze zwei Minuten Autofahrt erspart. Leider hätte ich keinem Baum das Leben gerettet, aber das liegt nur daran, dass ich gewöhnlich mit dem Kleinwagen im Dorf einkaufe und nicht mit dem Offroader im grossen Einkaufszentrum auf der grünen Wiese. Mit diesen Angaben will man mir gratulieren zu meinem ach so umweltbewussten Einkaufsverhalten. Bin ich nicht ein netter Zeitgenosse? So besorgt um das Wohlergehen unseres Planeten…

Offen gestanden möchte ich nicht wissen, was unser guter alter Planet zu dem Abfallberg  sagen würde, den mein heutiger Online-Einkauf hinterlassen hat:

Und das sind erst die Transportverpackungen, den eigentlichen Müllberg bekommt man gar nie an einem Haufen zu sehen.

Ich möchte ja nicht behaupten, wenn ich meinen Einkauf im Dorf erledige, würde ich damit keinen Abfall verursachen. Aber so hoch wird der Berg nie, dafür lege ich die Hand ins Feuer. Irgendwie habe ich das ungute Gefühl, dass meine Ökobilanz trotz meines angeblich vorbildlichen Verhaltens heute mal wieder ganz kräftig ins Minus gerutscht ist. Mal schauen, was ich unserem alten Planeten zuliebe tun muss, um diesen Fehler wieder gut zu machen….

Anschauungsunterricht

Gibt es einen geeigneteren Ort als eine Feriensiedlung,  wenn man den Kindern die Welt und all die verschiedenen Menschen, die sie bevölkern, zeigen möchte? Zumindest dann, wenn Studienreisen zu fremden Kulturen noch nicht möglich sind, weil einer noch in die Windeln macht, ein anderer nicht ohne seinen geliebten Stoffeisbären verreisen will und alle zusammen auch mit Durchfall darniederliegen, wenn sie nicht irgendwo, in einem abgelegenen Winkel dieser Erde unreines Wasser getrunken haben. Wer nicht in die weite Welt hinausziehen mag, muss sich eben in der Nähe einen Ort suchen, an dem sich die Welt trifft. Findet man den richtigen Ort, dann lässt sich ganz bequem vom Balkon aus beobachten, wie unterschiedlich die Menschen sind, die unseren Planeten bevölkern.

Da sieht zum Beispiel Luise eines Tages, dass es Mädchen gibt, die bei grösster Hitze mit langen Hosen und Kopftuch bekleidet neben Mama auf der Parkbank sitzen müssen, während ihre Brüder sich halb nackt auf den Spielgeräten vergnügen dürfen. Später sieht sie eines der Mädchen, wie sie nur mit langen Hosen und T-Shirt ins Wasser gehen darf, was bei Luise zur Frage führt, ob denn das arme Kind nicht ertrinke mit dem vielen nassen Stoff am Leib. Als sie dann auch noch mitbekommt, wie die Mama des Mädchens erst spät abends und noch immer voll verschleiert das Haus verlassen darf, während die Männer der Familie sich den ganzen Tag frei auf dem Gelände bewegen durften, ist der Groschen bei unserer Tochter endgültig gefallen: Das, was Mama und Papa immer predigen, nämlich dass Frauen und Mädchen in vielen Kulturen benachteiligt werden, ist nicht irgend ein Märchen, das sie erzählen, wenn ihr Töchterchen mal wieder nicht einsehen will, dass Schulbesuch ein Privileg und nicht eine Strafe ist. Nein, die Sache ist bitterer Ernst und wenn das Kind jetzt auch noch begreift, dass unter dem Kopftuch ein liebenswerter Mensch steckt, dann hat sich der Ferienaufenthalt mehr als ausbezahlt. Wobei, bis Luise – und auch wir – unsere Vorurteile abgebaut haben, werden wohl noch ein paar Aufenthalte mehr nötig sein.

Ein weiteres Forschungsfeld, das sich hier auftut, sind die Senioren, die sonst ja meistens in einer anderen Welt leben als wir.  Ich meine jetzt nicht die kinderliebenden, sich nach Enkelkindern verzehrenden alten Menschen, die jedes kleine Menschlein am liebsten in die Arme schliessen würden. Nein, ich meine die nach Entspannung lechzenden, gut situierten rüstigen Rentner, die es als ihr erstes Recht ansehen, überall zuerst zu sein. Menschen, die vergessen haben, wie es war, als ihre Kinder noch klein waren, als die Tage noch bis obenhin angefüllt waren mit Haushalten, Erziehen, Arbeiten und Zusammenbrechen. Menschen, die kein Problem damit haben, einer Mutter, die bei grösster Hitze einen Sack Wäsche zur Waschmaschine schleppt, zwei quengelnde Kinder im Schlepptau, den Weg zu versperren und so lange nicht zur Seite zu weichen, bis die Mama einen weiten Umweg gehen muss. Auf all das könnte ich gerne verzichten, aber vermutlich muss es so sein, damit die Kinder lernen, dass nicht jeder, der graue Haare auf dem Kopf trägt, ein netter Mensch ist; dass nicht jeder, der etwas langsamer zu Fuss ist, den ganzen Tag auf den Moment wartet, wo ein kleines Kind vorbeikommt, dem er ein Lächeln und ein Bonbon schenken kann.

Was man hier auch in Natura erlebt und nicht nur am Fernsehen beobachten kann, sind amerikanische Teenager in freier Wildbahn. Man braucht nicht mal einen Feldstecher zur Hand zu nehmen, so nah wagen sie sich zu den Ferienwohnungen der Bekinderten. Es ist ein einmaliges Schauspiel, das sich da beim Eindunkeln bietet, kaum sind die Kleinkinder in ihren Betten verschwunden: Lautes Gekreische, aufdringliches Flirten, verzweifelte Versuche, dazuzugehören und ebenso verzweifelte Versuche, den auszuschliessen, der nicht dazugehören sollte,  ungeniertes sich-in-Szene-Setzen, stilles Schmachten. Auf den ersten Blick nicht anders als bei unseren Teenagern auch, auf den zweiten Blick aber deutlich anders: Kein Alkohol und Tabak, dafür deutlich mehr Gezicke und sexuell aufgeladene Avancen. Nicht ganz jugendfrei, das Spektakel und deshalb zum Glück von unseren Kindern nur am Rande registriert. Für uns Eltern aber ein guter Weiterbildungskurs, der uns auf das vorbereitet, was uns in wenigen Jahren beschäftigen wird.

Eine der rührendsten Lektionen dieser Forschungsreise aber hat unser Zoowärter gelernt. Er, der am Anfang der Ferienwoche noch in jedem fremden Kind einen Feind sah, er, der hemmungslos Grössere angriff und Kleinere von der Schaukel zu stossen versuchte, er, der schon einen anderen Dialekt als Provokation verstand, erkannte im Laufe der Tage, dass Fremde, wenn man sie kennen lernt, gar nicht mehr so fremd sind. Und so fragte er mich auf der Heimfahrt plötzlich: „Mama, wie heisst denn schon wieder mein Bruder?“ „Das weisst du doch“, gab ich erstaunt zurück. „Deine Brüder heissen Karlsson, FeuerwehrRitterRömerPirat und Prinzchen.“ „Nein, ich meine nicht die Brüder. Ich meine den Bruder, mit dem ich heute Morgen auf dem Spielplatz gespielt habe.“

Wenn ein Dreijähriger in so kurzer Zeit lernt, dass ein Fremder innert vierzig Minuten – länger haben die zwei nicht miteinander gespielt – zu einem Bruder werden kann, dann darf man wohl sagen: Die Forschungsreise war ein Erfolg. Wir buchen sogleich die nächste.

Einer dieser Tage

Man sollte ja eigentlich meinen, in den Ferien würde auch das Leben einem zur Abwechslung mal eine  Verschnaufpause gönnen, würde einen verschonen mit Alltagskram, würde dafür sorgen, dass von den sieben Ferientagen keiner zu einem dieser Tage wird. Was für einen Tag ich meine? Na eben, einen dieser Tage….

die schon mitten in der Nacht damit beginnen, dass das Prinzchen eine volle Windel hat und die Feuchttücher spurlos verschwunden bleiben, auch wenn man die ganze Ferienwohnung danach absucht.

Einer dieser Tage, die damit weitergehen, dass der Zoowärter noch vor acht Uhr früh einen Tobschutanfall kriegt, weil er nicht mit Karlsson und  Luise zum Spielplatz gehen darf, weil er noch nicht angezogen ist und ausserdem drei Unterhosen übereinander trägt.

Einer dieser Tage, an denen schon vor dem Frühstück drei Trinkgläser in die Brüche gehen.

Einen dieser Tage, an denen der Zoowärter nicht nur einmal oder zweimal, sondern dreimal das Betadine-Bad verschüttet, in dem er seine eitrige Wunde, die er sich am Finger zugezogen hat, baden soll.

Einen dieser Tage, an denen man sich irgendwann dazu entschliesst, Wäsche zu waschen, weil der Tag ohnehin im Eimer zu sein scheint.

Einen dieser Tage, an denen gleich beide Waschmaschinen belegt sind und man sich schliesslich dazu gezwungen sieht, die frisch gewaschene Wäsche von wildfremden Menschen sorgfältig aus der Maschine zu nehmen und fein säuberlich hinzulegen, weil auch nach  langem Warten noch keiner gekommen ist, um die Waschmaschine wieder freizugeben. Und man kann ja nicht ewig warten. Irgendwann, solange das Prinzchen noch schläft, der Zoowärter mit „Meinem“ im Wald ist und Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat ihren „grossen Piratentag“ haben, müsste man doch wenigstens ein klein wenig des verpassten Schlafes nachholen.

Einen dieser Tage, an denen dich, kaum bist du eingeschlafen, die Kinderbetreuung anruft, um dich zu bitten, du mögest doch bitte Karlsson abholen kommen. Dem armen Jungen sei ganz schlecht geworden.

Einen dieser Tage, an denen du einmal mehr nicht weisst, wie du dein enttäuschtes Kind trösten sollst, wie du ihm erklären sollst, dass Viren keine Ferien machen, wie du ihm helfen sollst, möglichst schnell wieder gesund zu werden, damit nicht der ganze Spass ohne ihn stattfindet.

Einen dieser Tage, an denen der Zoowärter findet, er müsse jetzt endlich herausfinden, ob man auch aufwärts pinkeln kann und danach auf der Sauerei, die er angerichtet hat, ausruscht.

Einen dieser Tage, an denen du das Leben anflehst, es möge doch bitte berücksichtigen, dass man in den Ferien sei und deshalb keine Lust habe, sich mit Alltagskram herumzuschlagen.

Einen dieser Tage, die man am besten so schnell als möglich wieder vergisst.

Reisefertig?

Ferienvorbereitungen im Hause Venditti:

1. Schichtschlafen
„Meiner“ von 8 bis 9 Uhr morgens, ich von 9 bis 10 Uhr morgens, dann ein kurzer Auftritt beim Kindergartenabschlussfest, ein Blitz-Mittagessen und wieder zwei Stunden schlafen. Wie? Ob wir in den Süden verreisen und deswegen für die lange Autofahrt vorschlafen müssen? Aber nicht doch! Wir finden es einfach nur schön, uns für einmal den Luxus ausgedehnter Nickerchen zu leisten. Ist doch egal, dass wir eigentlich anderes zu tun hätten….

2. Fünf Kilo Sauerkirschen einmachen
Nein, wir haben keinen Sauerkirschenbaum. Aber wenn die Nachbarin einem so grosszügig wunderbar reife Sauerkirschen in Hülle und Fülle anbietet, kann man doch unmöglich nein sagen, auch wenn man eigentlich Koffer packen sollte. Und wenn man da noch dieses wunderbare Rezept für Sauerkirschen-Schokoladen-Chili-Confiture zum Ausprobieren hat, dann müssen andere Dinge eben warten.

3. Kirschenentseiner kaufen
Was kann ich denn dafür, dass das uralte Modell, das wir uns bis letzen Sommer mit meiner Mutter geteilt haben, den Geist aufgegeben hat?

4. Lesen
Jedes Buch, das ich schon zu Hause fertig gelesen habe, nimmt weniger Platz im Koffer weg. Also schnell alles lesen, dann müssen wir nicht so viel einpacken. Ausserdem habe ich dann eine Ausrede, mir am Ferienort neue Bücher zu kaufen, denn was sind denn schon Ferien ohne Bücher?

5. Gäste bekochen
Wenn man für ganze sieben Tage verreist, dann
muss man doch einfach vorher Gäste einladen. Die erkennen einen ja sonst nicht mehr, wenn man nach so langer Abwesenheit wieder zurückkommt.

6. Nachrichten schauen
Wenn Moritz Leuenberger findet, er müsse ausgerechnet heute seinen Rücktritt erklären, wo es nach seinen 15 Jahren im Bundesrat nun wirklich nicht auf die eine Woche mehr angekommen wäre, dann können wir das nicht ignorieren. Ich weiss auch nicht, weshalb der gute alte Moritz seine Rücktrittsankündigung nicht besser mit unseren Ferienplänen abgestimmt hat.

7. Mit dem Zoowärter im Garten Fussball spielen
Wenn der Zoowärter sich entscheidet, dass er jetzt gleich Schweiz gegen Brasilien spielen will – ich bin die Schweiz, er ist Brasilien – dann muss das unverzüglich getan werden und dann spielt es überhaupt gar keine Rolle, dass beide Mannschaften schon längst ausgeschieden sind und dass die WM ohnehin fast vorbei ist. Dann zählt nur, wer wie viele Tore schiesst. Oder genauer gesagt: Dann zählen nur die Tore, die Brasilien schiesst, auch wenn die Schweiz viel öfter getroffen hat.

8. Fliegen töten
Und zwar möglichst viele. Ich will doch nicht in einer Woche in eine mit Maden verseuchte Wohnung zurückkehren…..

9. Luxemburgerli essen, welche die Gäste mitgebracht haben
Die Dinger müssen weg und zwar schnell. In einer Woche sind sie nicht mehr gut und für die Reise taugen sie auch nicht.

10. Kofferpackenzugbillettlösenpicknickpackenreiseunterlagensuchenfahrplanausdrucken
benzintankenstrassenkartestudierengrünabfalleerenkühlschränkeleerenundausschalten
wäscheaufhängengartenbewässernpoolabdeckenwohunungaufräumen

Aber morgen ist ja auch noch ein Tag, nicht wahr?