Neueste Erkenntnisse

Wie immer, wenn man reist, kehrt man mit vielen neuen Erkenntnissen nach Hause. Die wichtigsten davon möchte ich meinen überaus geschätzten Leserinnen und Lesern nicht vorenthalten. Hier also sind sie, die Wichtigste zuerst:

Auszeiten sind die grossartigste Erfindung der Menschheit. Und alle Mütter, die behaupten, man solle lieber keine Auszeit nehmen, weil danach die Realität umso schlimmer sei, liegen falsch. Komplett falsch. Und ob man’s glaubt oder nicht: Ein Grossteil der Mütter kämpft sich noch immer nach dem Motto „Augen zu und durch“ durchs Leben, woran sie allerdings längst nicht immer selber Schuld sind.

Computer-Solitaire ist ein doofes Spiel. Aber leider ein doofes Spiel, das süchtig macht, wenn man gerade eine Schreibblockade zu überwinden versucht.

Saunabaden hilft gegen fast jedes kleine Leiden. Einzig gegen Halsschmerzen kommt man damit nicht an. Man verschlimmert sie bloss damit.

Wenn man drei Nächte hintereinander durchgeschlafen hat, ist man ein anderer Mensch. Und zwar ein so anderer, dass man sich selber nicht mehr wieder erkennt, weil man beinahe platzt vor lauter Fröhlichkeit.

Es ist tatsächlich wahr, dass man während einer Zugfahrt im Internet surfen kann. Man sollte es nicht für möglich halten. Und falls das bereits jeder, mit Ausnahme von mir, ausprobiert hat, dann bedenkt bitte, dass ich weit weit hinter dem Mond lebe, wo man von solch neumodischen Dingen nur vom Hörensagen weiss.

Wenn man einen ganzen Tag lang einen Laptop in einer Plastiktüte mit sich herumschleppt, schmerzen am Abend die Handgelenke. Wenn man dazu auch noch zwei Kilos Bitterorangen schleppt, schmerzen die Handgelenke noch mehr.

Tamilen sind Menschen, die ganz eindeutig nicht aus der Schweiz stammen, aber sie können ausgezeichnet kochen. Diese erstaunliche Erkenntnis stammt allerdings nicht von mir, sondern von zwei älteren Damen, die heute mit mir im selben Zug unterwegs waren und die ihr neu erworbenes Wissen unbedingt mit der Welt teilen wollten.

Männer sind durchaus fähig, einen Haushalt zu schmeissen und für fünf Kinder zu sorgen, auch wenn zahlreiche Ländli-Gäste dies zu bezweifeln wagten. Und zwar so gut, dass man nicht gleich wieder rückwärts das Haus verlässt, wenn man über die Schwelle tritt. Man darf sich nur nicht so sehr darüber aufregen, dass der ganze Kühlschrank gefüllt ist mit Migros-Budget-Produkten.

Papa ist der perfekte Hausmann, aber er kann keine Omeletten backen. Auch diese Erkenntnis stammt nicht von mir, sondern von Luise.

Töchter können noch so laut heulen, dass man wegfährt, wenn man wieder nach Hause kommt,  freuen sie sich dennoch mehr über ihren ersten losen Zahn als über die Rückkehr von Mama.

Und zum Schluss noch ein Bild von meinem hinreissenden Badeanzug, der aufgrund seiner Mängel nie, aber auch gar nie, erleben wird, wie es sich anfühlt, wenn man nass wird. Es sei denn, es erbarme sich eine Leserin des hässlichen Stücks…

Abreisefertig

„Meiner“ ist schon unglaublich! Man schaue sich bloss das Bild an, das er gestern meinem Post hinzugefügt hat – ich habe ja weder Kamera noch Kabel mitgenommen – und man sieht, wie er mit dem Zaunpfahl winkt: Zeit, nach Hause zu kommen, Frau Venditti. Zurück zu Playmobil, Staubsauger, Steuererklärungen und dergleichen.

Aber „Meiner“ hätte nicht mit dem Zaunpfahl zu winken brauchen. Mir ist auch so mehr als bewusst, dass es heute Nachmittag vorbei ist mit dem süssen Nichtstun. Noch einmal Sauna, noch einmal einfach an den gedeckten Tisch sitzen und mich bedienen lassen, noch sechs Stunden in meiner eigenen kleinen Welt und dann geht’s wieder los.

Freue ich mich? Ich weiss es nicht. Es ist wohl beides: Ich kann es kaum erwarten, das Prinzchen an mich zu drücken, die witzigen Sprüche des Zoowärters zu hören, mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten über Cäsar zu fachsimpeln, mit Luise zu quatschen, mir von Karlsson seine neuesten Fortschritte am Computer zeigen zu lassen und mit „Meinem“ über die nächsten Schritte in unserem Leben auszutauschen. Ich freue mich, zu wissen, dass ich wieder soweit gesund bin, dass ich drei Tage alleine sein kann, ohne in ein tiefes Loch zu fallen und ich bin dankbar, dass ich mich einfach mal entspannen konnte, etwas, was ich zuerst mal habe lernen müssen. Aber jetzt kann ich es und zwar gut.

So gut, dass ich gerne noch länger bleiben würde. So gut, dass ich mich ein wenig fürchte vor dem, was mich zu Hause erwartet, dieses laute, unkontrollierbare Etwas, genannt Alltag. Aber bevor ich mich dem wieder stelle, verschwinde ich jetzt erst mal in der Sauna.

Der perfekte Hausmann schlägt zu

Noch bin ich nicht weg, da beginnt „Meiner“ schon, mir zu zeigen, wie man es schafft, nicht im Chaos zu landen. Hüpft morgens um Viertel nach sechs fröhlich aus dem Bett und steht Minuten später frisch geduscht und angezogen da und beginnt, Wäsche wegzuräumen – „Nachher habe ich ja keine Zeit mehr dazu“ – und die Waschmaschine zu entstopfen.

Alles, was ich dazu sagen kann: Streber!

Letzte Vorbereitungen

So langsam mache ich mich bereit, abzureisen. Die Tasche ist zwar noch nicht gepackt, aber immerhin habe ich mich inzwischen damit abgefunden, dass ich keine Ausrede habe, zu Hause zu bleiben. Nun, eigentlich will ich ja gar nicht zu Hause bleiben, ich freue mich ja auf die vier freien Tage. Irgendwie. Und irgendwie freue ich mich eben auch nicht. Aber bis jetzt haben einzig meine Mutter und eine Freundin, die selber Mutter von sechs Kindern ist, verstanden, weshalb meine Gefühle derart gespalten sind.

Nun, wie dem auch sei: Morgen reise ich ab. Vielleicht schon um Viertel nach zehn, vielleicht auch erst eine Stunde später. Oder vielleicht bleibe ich auch bis nach dem Mittagessen. Denn es zerreist mir fast das Herz, wenn ich Luise weinen höre, weil sie mich bereits im Voraus vermisst. Und dann kann ich „Meinen“ doch unmöglich im Montagmorgen-Chaos alleine lassen. Oder kann ich?

Vorbereitet habe ich ja alles. Am Küchenschrank hängt eine Liste mit allen wichtigen Dingen, die es in den nächsten Tagen zu beachten gibt. Wer zu welcher Zeit womit ausgerüstet an welchem Ort sein muss, welches Tageskind wann zum Mittagessen kommt und was diese auf keinen Fall essen, wann die leere Biokiste raus und die volle rein muss und dergleichen. Alles bis ins kleinste Detail aufgeschrieben. Und das alles hat Platz auf einer mickrigen A4-Seite.  Leiste ich wirklich so wenig, dass mein Alltag auf einer A4-Seite Platz hat? Die paar wenigen Fixpunkte am Tag kann sich jeder, der einigermassen zuverlässig ist, merken. Also muss es an dem, was zwischen den Fixpunkten sattfindet liegen, dass ich abends jeweils auf dem Zahnfleisch gehe. Das Unvorhersehbare, das Überraschende, das sich Überschneidende wird es also sein, was mich immer wieder dazu bringt, den Überblick zu verlieren und lauthals zu brüllen vor lauter Frust.

Oder bilde ich mir am Ende das alles bloss ein? Ist mein Alltag tatsächlich nicht komplizierter als er auf dem Papier aussieht? Bin vielleicht ich das Problem? Ich weiss es nicht. Noch nicht. In vier Tagen wird mir „Meiner“ sagen können, ob es für ihn auch so war, wie es für mich ist. Und somit habe ich eine neue Angst, die ich hegen und pflegen kann: Was, wenn „Meiner“ am Donnerstag findet, die vier Tage seien ein Spaziergang gewesen und er könne nicht verstehen, weshalb ich jeweils so laut jammere über mein Dasein als Hausfrau?

Ja, was dann? Na, ist doch klar: Dann kann er für die nächsten zehn Jahre den Laden schmeissen. Bloss wie ich ihn dazu bringe, in dieser Zeit auch noch fünfmal schwanger zu sein, weiss ich noch nicht. Denn ohne die Schwangerschaften erlebt er das wahre Hausfraundmutter-Feeling nie. Aber ich habe ja vier Tage Zeit zum darüber nachdenken…

Und plötzlich steckst du mittendrin

Ein gesellschaftlicher Missstand, der dich seit Jahren beschäftigt, ein paar tiefschürfende Gespräche mit Menschen, die sich ähnliche Gedanken machen wie du, ein paar gute Ideen und ein paar Einblicke ins Leben von Menschen, die es nicht so gut haben wie du. Das ist alles, was es braucht, um das Karussell deiner Gedanken in Gang zu setzen. Dann noch eine Sitzung, an der klar wird, dass aus den Träumen und Ideen ein handfestes Projekt werden könnte und schon steckst du mittendrin. Zerbrichst dir den Kopf, wie man die Sache angehen könnte, suchst nach geeigneten Leuten, die dir dabei helfen könnten, die Idee voranzutreiben, entwirfst erste Grobkonzepte.

Bald schon beginnt das Telefon permanent zu klingeln. Die Leute haben Fragen, weitere Ideen, Wünsche. Zwei, dreimal täglich hängst du am Draht wegen der Sache und dabei hast du offiziell noch gar nicht angefangen mit der Arbeit. In den Gesprächen wird dir klar, dass du da noch einige Wissenslücken hast, dass du dir Grundlagen erarbeiten musst, wenn du das Projekt voranbringen willst. Dass du ein paar Kniffe kennen musst, wenn das Ding nicht zum Vornherein zum Scheitern verurteilt sein soll. Und schon hast du dich für einen zwölfmonatigen Fernkurs eingeschrieben und überlegst dir gar, ob du die freien Tage im Ländli zum Lernen einsetzen sollst.

Die Sache macht dir unglaublich viel Spass. Endlich mal etwas anderes als Abfallsäcke die Treppe runter schleppen und volle Einkaufstaschen wieder hoch schleppen. Endlich mal etwas, was zumindest einen Hauch von Professionalität in dein sonst so chaotisches Leben bringt. Das alles gibt dir so viel Auftrieb, dass dir nicht bewusst wird, dass die gute Sache einen kleinen, aber bedeutenden Haken hat, dass du dabei bist, etwas zu tun, was du nie mehr hattest tun wollen. Erst als dir „Deiner“ in den Hintern tritt, Freundinnen und Freunde dir ins Gewissen reden, dein Kontostand dich zum Grübeln bringt, wird dir bewusst, was da falsch ist: Du arbeitest mal wieder gratis. Für deinen Job als Familienfrau wirst du ja auch nicht entschädigt und was hast du denn schon vorzuweisen, was sich mit Geld aufwiegen liesse? Als ob die Kinder vom Idealismus der Mama satt würden. Als ob sich die Bankzinsen mit der Befriedigung, die du aus der Arbeit ziehst, abzahlen liessen. Als ob du die Frühlingsschuhe für die Familie mit deiner Begeisterung bezahlen könntest.

Ach, du dumme Mama!

Nicht mein Tag

Eine Stunde zu früh erwachen, Pfütze im Bad aufwischen, die der FeuerwehrRitterRömerPirat beim Duschen hinterlassen hat und mich dabei fragen, weshalb ich so blöd gewesen war, auf „Meinen“ zu hören, als er neulich in der Ikea behauptet hatte, wir bräuchten keinen zweiten Duschvorhang, wo ich doch ganz genau wusste, dass wir einen brauchen, weil meistens ich die Sauerei aufwische (bin ja auch mehr zu Hause), FeuwerwehrRitterRömerPirat aus dem Haus jagen, weil er sich weigert, ohne Zoff mit Mama das Haus zu verlassen, Prinzchen verteilt hundert  Strohhalme auf dem schmutzigen Fussboden, ein verschollener Winterstiefel ausgerechnet an dem einen Tag im Jahr, wo man beide gebraucht hätte, zu spät aus dem Haus in Mutters zu grossen Winterstiefeln, im Auto zwei übermüdete Jungs und ein überteuerter Blumenstrauss für Schwiegermama, die im Spital liegt, zehn Minuten warten vor der Zimmertür, weil die Ärzte nicht in Anwesenheit der Schwiegertochter mit Schwiegermama reden wollen, zwei inzwischen nicht bloss übermüdete, sondern auch überhitzte und überdrehte Jungs, die in Schwiegermamas Zimmer unbedingt jetzt sofort ein warmes und darum flüssiges Bananenjoghurt essen wollen, viel zu spät nach Hause, wo Mutter zum Glück schon Trüffelravioli (Trüffel? An einem Donnerstag?) gekocht hat, schnell noch Spaghetti kochen, weil das Tageskind keine Trüffel mag, Streit schlichten, weil der Zoowärter vier Mini-Cornets verdrückt hat, während alle anderen nur drei hatten, Streit schlichten, weil Tageskind 1 und Tageskind 2 aneinander geraten sind, Strohhalme endlich zusammenlesen, Küche wieder halbwegs sauber machen, damit die Kinder wieder genügend saubere Fläche haben, die sie mit Joghurt verschmieren können, erster Versuch, eine Pause einzulegen und zwar mangels ansprechender Lektüre mit irgend einem Schinken von Susan Wiggs, den ich von einer Fremden geschenkt bekommen habe, Versuch scheitert, weil Zoowärter und FeuerwehrRitterRämerPirat einen Kampf mit teuren Pfannendeckeln austragen, zehn Minuten bloggen und dabei hundertmal unterbrochen werden, erneuter Versuch, eine Pause einzulegen, wieder mit dieser unsäglichen Susan Wiggs, zweiter Versuch scheitert, weil Luise die Haare fürs Ballett zusammengebunden haben will, Luise einschärfen, dass sie nie, aber auch gar nie Vollzeithausfrau werden soll, Mutter, ja, aber nicht Vollzeithausfrau, verstanden?, ein letzter Versuch, eine Pause einzuschalten, wieder gescheitert, weil die Krankenkassen schon wieder auf Kundenfang sind, obschon wir noch keinen Monat bei der neuen Kasse versichert sind und weil unser Telefon mit Rufnummererkennung kaputt ist, war ich so blöd, den Anruf entgegenzunehmen (hätte ja etwas Wichtiges sein können, zum Beispiel eine Anfrage, ob ich die nächste Bundespräsidentin werden möchte oder so), Weissleim von Esstisch, Fussboden und Sitzbank entfernen und dazu Luise und den FeuerwehrRitterRömerPiraten daran erinnern, dass wir immer eine Zeitung unterlegen beim Basteln (oder am liebsten gar nicht basteln), Schwarzwurzeln rüsten und zwar so, dass alle noch halbwegs sauberen Wände mit schwarzen Spritzern verziert sind, vier Söhne bei Mutter deponieren um eine Tochter inklusive Freundin vom Ballett abzuholen und zwar in offenen Stöckelschuhen durch den doch ziemlich tiefen Schnee, weil sich inzwischen auch noch der zweite Winterstiefel aus dem Staub gemacht hat, nach Hause die Schwarzwurzeln fertig rüsten und den Krautstiel dazu und dazwischen immer wieder Streit schlichten, aus voller Kehle „Ruhe!“ brüllen, bis der Hals kratzt, dazwischen ein paar Sätze Susan Wiggs, weil die Realität inzwischen noch anstrengender ist als das ewige Gesülze im Roman, „Meinen“ begrüssen und eine Diskussion vom Stapel reissen, einfach so, weil irgend einer ja den ganzen Frust des Tages abbekommen muss, essen und gleichzeitig verhindern, dass das Prinzchen die Küche in ein Schwarzwurzelfeld verwandelt – Dreck hätte es ja genug auf dem Boden, aber in gekochtem Zustand werden die Schwarzwurzeln ja wohl kaum Wurzeln schlagen, – den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten ermahnen, weil sie alle Playmobil-Gebäude, die gestern so liebevoll aufgestellt worden waren, wieder eingerissen h aben, die frisch aufgeschäumte Milch verschütten und den Kaffee dazu und danach natürlich alles wieder aufwischen, Prinzchen im Bett versorgen, Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat im Bett versorgen, die Küche mit dem Hockdruckreiniger reinigen (zumindest in Gedanken, in der Realität blieb es bei Besen und Mikrofaser-Lappen), Luise und Karlsson ins Bett schicken, fertig aufräumen, kollabieren.

Und das alles ohne eine einzige Pause.

Erkenntnisse

Auch mir geht manchmal ein Licht auf. Hier ein paar wirklich wichtige Erkenntnisse, die mein Leben verändert haben:

1. Wenn ein Kugelschreiber kaputt geht, kann man sich einen neuen kaufen. Man sollte es kaum für möglich halten aber es ist wahr: Man kann Kugelschreiber einfach so im freien Handel beziehen. Man muss nicht auf das nächste Werbegeschenk warten.

2. Auch Bleistifte und Radiergummis sind gar nicht so schwierig zu beschaffen. Es gibt sie für wenig Geld in jeder Migros. Es ist also völlig unnötig, jedesmal, wenn wieder ein Bleistift verloren gegangen ist, die Wohnung auf den Kopf zu stellen und den Kindern eine Predigt darüber zu halten, wie unordentlich sie doch seien.

3. Wenn im Kühlschrank etwas ausgeleert ist, kann man das ganz leicht zwischendurch mal beseitigen. Man muss nicht warten, bis man Zeit hat, alles auszuräumen und gründlich zu putzen. Es reicht, wenn man zwischendurch mal den Lappen in die Finger nimmt und den gröbsten Dreck beseitigt.

4. Man kann Rechnungen auch in der Monatsmitte bezahlen, wenn der Lieferant dies so wünscht. Es hat lange gedauert, aber irgendwann habe ich festgestellt, dass Online-Banking auch am Dritten, am Fünfzehnten oder gar am Neunzehnten funktioniert und nicht bloss am Monatsende.

5. Man kann den Windeleimer auch am Dienstag leeren, oder am Samstag oder an irgend einem anderen Tag, wenn es zu sehr stinkt im Bad. Man muss nicht unbedingt auf die Müllabfuhr am Donnerstag warten. Windeln nehmen es einem nämlich nicht übel, wenn man sie im Abfallsack ein paar Tage draussen im Container stehen lässt. Der Windel entwachsene Kinder hingegen nehmen es einem fürchterlich übel, wenn es im Bad nach vollen Windeln stinkt.

6. Strumpfhosen kann man auch kaufen, wenn sie nicht gerade im Sonderangebot erhältlich sind. Klar, sie sind dann ein wenig teurer, aber es ist wirklich nicht nötig, mitten im Winter barfuss in die Schuhe zu schlüpfen, bloss weil die Migros gerade keine „Super-Jumbo-Mega-Giga“-Packung für fünf Franken im Angebot hat.

7. Man kann Milch an jedem beliebigen Tag kaufen. Es ist nicht nötig, bis Donnerstag zu warten, wenn die Milch schon am Montag ausgegangen ist. Der Milch ist es nämlich egal, ob  man beim Kauf doppelte Cumulus-Punkte bekommen hat oder nicht. Aber den Kindern ist es nicht egal, wenn sie bis Donnerstag auf ihren heissen Kakao warten müssen

8. Es schadet nichts, wenn man die Schokolade eine gewisse Zeit lang einfach ignoriert. Die Schokolade steckt das locker weg und rennt nicht heulend zum Psychiater, bloss weil man sie mal für ein paar Tage links liegen lässt.

9. Es gibt Handschuhe für Kinder. Klar, wenn man welche hat, gehen sie immer mal wieder verloren. Aber es ist tatsächlich erlaubt, ja, sogar erwünscht, dass die Kinder im Winter Handschuhe tragen und zwar nicht bloss beim Schlitteln,

10. Schreibblockaden überwindet man am besten, indem man schreibt, man habe eine Schreibblockade.

Aber doch nicht so

Es war einmal eine junge Frau, vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre alt. Diese junge Frau hütete gerne mal die Kinder ihres grossen Bruders. Jedesmal, wenn sie die Kinder hütete, schaute sie sich in der Wohnung des Bruders um und fragte sich: „Wie kann man bloss in diesem Chaos leben?“ In der Küche türmte sich das Geschirr, überall lag saubere Wäsche herum, die den Weg in den Schrank nicht von selber fand, Kinderzeichnungen waren mit Kakao überschüttet, Schuhe lagen auf der Treppe. „Wenn ich einmal eine Familie habe“, schwor sich die junge Frau, „wird es bei mir nicht so aussehen.“

Ein paar Jahre später war die junge Frau Mutter eines Babys geworden. In der Wohnung unter ihr wohnte ihre grosse Schwester. Manchmal war die grosse Schwester so übermüdet, dass sie es am Morgen nicht rechtzeitig aus dem Bett schaffte. Dann kam ihr Sohn zu spät zur Schule. Manchmal vergass die grosse Schwester, dass der Fotograf in den Kindergarten kommen würde und deshalb schickte sie ihre Tochter in Alltagskleidern aus dem Haus. Die junge Frau schüttelte insgeheim den Kopf. Wie konnte man bloss die Dinge derart schleifen lassen? „Wenn meine Kinder mal grösser sind, werde ich es nicht so machen“, sagte sie zu sich selber.

Noch ein paar Jahre später war die inzwischen nicht mehr so junge Frau Mutter von fünf Kindern. In ihrer Küche türmte sich das Geschirr, überall lag saubere Wäsche herum, die den Weg in den Schrank nicht von selber fand, Kinderzeichnungen waren mit Kakao überschüttet, Schuhe lagen auf der Treppe, der Kübel mit den Speiseresten und den Rüstabfällen war am Überquellen, die Fussböden waren klebrig, die Kühlschränke schmutzig. Manchmal war die nicht mehr so junge Frau so übermüdet, dass sie es am Morgen nicht rechtzeitig aus dem Bett schaffte. Dann kamen ihr Sohn und ihre Tochter zu spät zur Schule. Manchmal vergass die nicht mehr so junge Frau, dass der Fotograf in den Kindergarten kommen würde und deshalb schickte sie ihren Sohn in Alltagskleidern aus dem Haus. Manchmal dachte sie nicht mehr daran, die Kindergartentasche des Sohnes vor den Ferien leerzuräumen und deshalb fand sie am ersten Tag nach den Ferien ein verschimmeltes Sandwich und eine Kolonie von Fruchtfliegen in der Kindergartentasche.

Die nicht mehr ganz junge Frau lässt die Dinge also tatsächlich nicht so schleifen wie ihre Geschwister, sonder noch viel mehr.

Vielleicht hat die nicht mehr ganz junge Frau Leserinnen, die beim Lesen hin und wieder den Kopf schütteln und denken „Wenn ich einmal eine Familie habe, wird es bei mir nicht so aussehen.“ oder „Wenn meine Kinder mal grösser sind, werde ich es nicht so machen.“ Die nicht mehr ganz junge Frau hofft, dass es ihren Leserinnen nicht gleich gehen wird wie ihr selbst.

Es wird heller

Luise, der Zoowärter und das Prinzchen sitzen in der Badewanne. Das Prinzchen patscht mit den Händchen im Wasser, die beiden Grossen tun es ihm gleich. Fröhliches Quietschen, ein paar Spritzer, die daneben gehen. Im Hintergrund erzählt Trudi Gerster in voller Lautstärke und mit viel Grunzen und Prusten die Geschichte von der Schneekönigin. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat das Sofa in die Mitte des Raumes geschoben, damit er sich dahinter ein gemütliches Nest schaffen konnte. Irgendwo hört man Karlsson aus voller Kehle singen. Ich sitze inmitten des Chaos und freue mich meines chaotischen Lebens. Und dies, obschon „Meiner“ den Samstagvormittag in der Schule verbringt, um mit den Eltern Gespräche zu führen und zwar am Ende einer Woche, die vollgepackt war mit Gesprächsterminen, was bedeutet, dass ich für einmal fast alleinerziehend war.

Wie ich so dasitze, völlig entspannt,  wird mir plötzlich bewusst, dass etwas anders geworden ist. Es ist noch kein Jahr her, da wäre eine solche Szene unmöglich gewesen. Das alles hätte mich komplett überfordert: Spritzer auf dem Badezimmerboden, herumgeschobene Möbel, Lärm. Die Kinder in der Badewanne, wenn „Meiner“ weg ist? Kommt nicht in Frage, das schaffe ich nicht. Zu viel Chaos. Zu viele Möglichkeiten, dass etwas schief gehen könnte und ich am Ende des Vormittags ein heulendes Wrack wäre. Ein Samstagmorgen ohne „Meinen“ und ich jammere nicht lauthals darüber, dass ich wieder den Laden alleine schmeissen muss? Vor Kurzem noch unmöglich. Zu dicht balancierte ich am Abgrund, als dass ich die Kraft aufgebracht hätte, mich noch ein paar Stunden länger zusammenzureissen. Märchen-CD in voller Lautstärke? Nicht bei uns. Okay, Trudi Gerster liebte ich, im Gegensatz zu Pingu und Papa Moll, schon immer. Aber es gab da eine Zeit, da mochte ich nicht mal ihrem Schnauben, Grunzen und Quietschen zuhören. Zu gross der Lärm der düsteren Gedanken in meinem Kopf, als dass ich noch mehr hätte ertragen können.

So ganz langsam scheine ich wieder festen Boden unter den Füssen zu bekommen. Schritt für Schritt nähere ich mich der Person an, die ich ursprünglich mal gewesen bin: Unbeschwert, optimistisch, bereit, den Stier bei den Hörnern zu packen anstatt verschüchtert in der Ecke zu kauern. Und inzwischen wage ich gar zu hoffen, dass eines Tages, in nicht allzu ferner Zukunft, die Kinder nicht mehr so oft leise und brav sein müssen, weil ihre Mama sonst mit ihrer Lebendigkeit überfordert ist.

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Vorfreudensorgen

So langsam beginne ich, nervös zu werden. Denn jetzt, wo des Zoowärters Geburtstag vorbei ist und er heult, weil er  noch einmal feiern möchte, ist der nächste wichtige Termin der 1. Februar, der Tag, an dem ich für vier Tage alleine verreise. Und zwar zum ersten Mal, seitdem ich vor fünfzehn Jahren vier Tage in Israel war. Aber da war ich ja eigentlich auch nicht alleine, da war ich unterwegs mit einer Horde kettenrauchender Reisebüroangestellten, die sich vier Tage lang über Astrologie unterhielten, während ich im Stillen zur Überzeugung gelangte, dass ich da nicht hinpasste und mich, kaum war ich wieder zu Hause, an der Uni einschrieb. Und seither war ich nie mehr alleine weg. Entweder interrailte ich mit „Meinem“ durch Osteuropa, sah mir mit „Meinem“ und Karlsson Englands Gärten an oder verbrachte mit meiner ganzen Horde All-Inclusive-Ferien im Kinderhotel in Österreich, etwas, was ich mir in grauer Vorkinderzeiten geschworen hatte, nie im Leben zu tun.

Und jetzt, wo ich die Gelegenheit habe, für ein paar Tage ganz alleine für mich zu sein, packt mich die Panik. Was soll ich bloss so lange mit mir ganz alleine anfangen? Und wie sollen die zu Hause bloss ohne den Hausdrachen auskommen, der ihnen sagt, was sie tun und lassen sollen? Und haben die im Ländli einen Internetanschluss, damit ich auch dort bloggen kann? Denn wenn ich Ruhe habe, beginnt mein Kopf wie verrückt zu schreiben und wenn ich das Zeug nicht loswerden kann, drehe ich fast durch. Was, wenn ich abends im Bett Angst bekomme? Oder wenn ich vor lauter Heimweh krank werde? Letztes Jahr, als mich „Meiner“ ins Ländli geschickt hatte, hatte ich wenigstens noch das Prinzchen dabei, das damals noch verhungert wäre ohne die Mama. Ihn konnte ich an mich drücken, wenn ich Karlsson, Luise, den FeuerwehrRitterRömerPiraten, den Zoowärter und „Meinen“ zu sehr vermisste. Aber diesmal werde ich mutterseelenallein sein und ich habe keine Ahnung, wie ich das überstehen werde. Zumal ich diesmal nicht mehr so tief in meinem schwarzen Loch sitze wie noch vor einem Jahr, was zwar schön ist, aber auch bedeutet, dass ich meine Umwelt nicht mehr so verschwommen wahrnehme und mich deshalb auch viel öfter frage, was wohl die Leute von mir denken.

Ja, jetzt, wo der erste Februar näher rückt, weiss ich gar nicht mehr, ob ich denn tatsächlich alleine sein will. Klar, ich freue mich auf die Ruhe. Ich bin gespannt darauf, was diese Ruhe in mir auslösen wird. Ich frage mich, ob mir in der Stille neue Ideen für weitere Projekte im Sinne der trockenen Tinte kommen werden. Ich freue mich auch auf die ungestörten Nächte – so ich denn überhaupt schlafen kann ohne das ruhige Atmen des Prinzchens und das Schnarchen von „Meinem“ zu hören. Ich kann es auch kaum erwarten, mal wieder in einer Sauna zu sitzen und ein paar Längen zu schwimmen. Wenn ich an all dies denke, dann platze ich fast vor Vorfreude. Und werde fast wahnsinnig vor lauter Angst…