Montagsgetümmel

Eigentlich erstaunlich, wie lange man im Zeitalter des Internets Mutter sein kann, ohne zu wissen, wie das Spiel mit den fetten Rabatten auf Spielzeug in der Vor-Vorweihnachtszeit läuft. Fast fünfzehn Jahre habe ich gebraucht, um endlich auch mal mitzuspielen. Schon als Karlsson noch ein Winzling war, kaufte ich Spielsachen vorzugsweise im Internet. Verantwortungsvolle Mütter tun das nicht, ich weiss, denn beim Bestellen im Internet riecht man die Giftstoffe nicht, mit denen Spielzeughersteller ihre Produkte gerne anreichern. Aber da unsere ansonsten ziemlich fantasiebegabten Kinder um die Weihnachtszeit jeweils ganz furchtbar langweilige Wünsche vorbringen – „Ich will die Lego-Schachtel mit der Nummer 12056823656546347657556770096567“ -, brauche ich mir darüber ja wohl keine Gedanken zu machen. Ein Legostein ist ein Legostein ist ein Legostein, egal hinter welcher Artikelnummer er sich verbirgt und bis jetzt habe ich noch keinen angetroffen, der verdächtig nach Giftstoffen gerochen hat. 

Weil aber der Webshop meines Vertrauens Prinzchens Geburtstagswunsch nicht im Sortiment hat und nicht zu erwarten ist, dass ich das Zeug vor Freitag anderswo mit 30% Rabatt bekomme, stürzte ich mich für einmal ins Getümmel. Jawohl, ein Getümmel war das, an einem gewöhnlichen Montagmorgen im Herbst. Heerscharen von Müttern tummelten sich in der Spielzeugabteilung, diskutierten in den schmalen Durchgängen über die Vorzüge von Playmobil gegenüber Lego, versperrten einander gegenseitig den Weg, fuhren die Ellbogen aus und räumten die Regale leer. Grosseltern verhandelten mit Enkelkindern über die akzeptable Grösse eines Zwischendurch-Geschenkes, das die elend lange Wartezeit zwischen dem Geschenkeinkauf im Oktober und der Bescherung im Dezember überbrücken soll. Dank Telefonschaltung ins Büro war auch der eine oder andere Vater am Grosseinkauf beteiligt. 

Wie um Himmels Willen soll in diesem Gewühl eine wie ich je an Prinzchens Traumschiff herankommen? Nach einigen erfolglosen Versuchen sah ich ein, dass man den Einkaufswagen besser aus der Sache raushält und irgendwann begriff ich auch, dass man es an einem solchen Ort ohne eine Prise Frechheit zu nichts bringt. Aber auch ohne Wagen und mit Frechheit gelang es mir nicht, Prinzchens Wunschliste abzuarbeiten. Dort, wo der von ihm heiss ersehnte Adventskalender hätte stehen sollen, gähnte nämlich eine riesige Lücke im Regal, im nächsten Laden, den ich auf dem Heimweg besuchte, sah es nicht anders aus. Erst im dritten Geschäft konnte ich auch diesen letzten Punkt abhaken und mich endlich wieder in meine friedlichen vier Wände zurückziehen, wo zwar auch Chaos herrschte, wo ich aber immerhin bis zur Heimkehr meiner Horde keinen Ellbogen mehr in die Seite gerammt bekam. 

Der heutige Morgen hat mich zwei Dinge gelehrt:

  1. In Zukunft kaufe ich wieder alle Spielsachen online, auch wenn dabei der fette Rabatt flöten geht.
  2. Solange Eltern und Grosseltern im Oktober die Regale leer fegen, hören die Geschäfte ganz bestimmt nicht damit auf, im Herbst schon einen auf Weihnachten zu machen. 

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Bettgeschichten

Als sie klein war, wollten wir ihr unbedingt dieses Bett kaufen. Es war schön und falls mal eine ihrer zahlreichen Freundinnen bei ihr übernachten wollte, könnte man einfach die zweite Hälfte ausziehen. Das Ding war zwar schrecklich teuer, aber wir dachten, sie würde darin schlafen können, bis sie eines Tages auszieht. Nicht nur unser Portemonnaie litt ganz schrecklich unter dem Kauf, auch „Meiner“ und die zwei Männer, die ihm beim Aufbau halfen, waren nach ein paar Stunden mit ihren Nerven am Ende. „Was soll’s? Das Bett wird ewig halten“, sagten wir und freuten uns, dass unsere Tochter sich darin so wohl fühlte.

Das Bett hielt nicht ewig. Was auch – aber nicht nur – am Fabrikat lag. Eines Abends nämlich war es im Kinderzimmer, in dem damals erst Karlsson und Luise schliefen, erstaunlich früh erstaunlich ruhig. „Ist es nicht himmlisch, wie schön die Zwei schlafen?“, sagte ich zu „Meinem“. Wir machten uns einen gemütlichen Abend und wollten schliesslich, bevor wir ins Bett gingen, noch schnell bei unseren zwei zuckersüssen Kinderlein vorbeischauen, um uns daran zu ergötzen, wie sie friedlich schlafend in ihren Betten lagen. Aber im Kinderzimmer waren keine zuckersüssen Kinderlein, sondern zwei freche Rotzbengel, die leise, ganz leise das wunderschöne Bett in seine Einzelteile zerlegten. Fragt mich bitte nicht, wie man es schafft, so leise ein Bett zu demolieren, ich weiss bis heute nicht, wie die das hingekriegt haben. Natürlich schraubten wir alles wieder ordentlich zusammen, aber so richtig halten wollte es nicht mehr. Zwar diente es noch ein oder zwei Jahre als Nachtlager für Luise – und einmal als Messlatte für einen Wettbewerb im Weitpinkeln, den Karlsson und sein gleichaltriger Cousin von Karlssons Hochbett aus veranstalteten -, doch irgendwann waren wir es leid, alle paar Tage zum Schraubenzieher zu greifen und Luise bekam ein neues Bett. Dieses hielt nun wirklich lange, leider war es aber eines Tages zu klein für unsere nicht mehr ganz so kleine Tochter und ausserdem gab es den Geist auf, als sie mal wieder in ein anderes Zimmer umziehen wollte. 

Es musste also ein neues Bett her und was sagte die gute Luise, als wir im Laden standen? „Ich will wieder dieses Bett.“ „Und ich will dieses Bett nicht mehr“, antwortete ich. „Aber ich will dieses Bett und kein anderes“, gab mein geliebtes Töchterlein zurück. „Und ich will alles andere, nur nicht dieses Bett“, lautete meine Antwort. Die weiteren Details erspare ich euch und ich werde auch nicht erzählen, wie wir es fertig gebracht haben, das Ungetüm in unser winziges Auto zu quetschen. Falls ihr aber heute im Möbelgeschäft eine sehr wütende Mama mit einer sehr wütenden Tochter gesehen habt, dann wisst ihr jetzt, wer das war. Am Ende bekam Luise ihren Willen, aber nur, weil die den Preis des Bettes inzwischen so gesenkt haben, dass mir irgendwann die Gegenargumente ausgingen. 

Ich hoffe, die haben in der Zwischenzeit nicht nur am Preis gearbeitet, sondern auch an der Aufbauanleitung und an der Widerstandsfähigkeit. Obwohl ich ja nicht damit rechne, dass es die gleichen Attacken über sich ergehen lassen muss wie sein Vorgänger. 

abbiamo un piatto pieno; prettyvenditti.jetzt

abbiamo un piatto pieno; prettyvenditti.jetzt

Dokumentiert

Das Prinzchen hat endlich herausgefunden, dass es vor seiner Geburt schon Menschen gab auf diesem Planeten, dass diese Menschen schon vor seiner Existenz so etwas wie ein Leben führten und dass er selbst, als er dann endlich dazu berufen ward, diese Menschen etwas fröhlicher zu stimmen, davon rein gar nichts mitbekommen hat, weil er noch zu klein war, um irgend etwas zu verstehen. Also will er jetzt wissen, wie das so war, als er noch nicht war, wie es kam, dass er zu werden begann und was für ein toller Hecht er war, als er zwar schon war, von sich und den Seinen aber noch nichts wusste. Furchtbar aufregend findet er das, furchtbar schön fände ich es, hätte ich in seinen Anfängen nicht den Fehler begangen, den ich als jüngstes Kind bei meinem Jüngsten nie hatte begehen wollen, nämlich zu wenig Buch zu führen über seine grandiosen Taten. Zugegeben, auch bei den grösseren Geschwistern wurden es immer weniger Worte, je mehr Kinder unsere vier Wände bevölkerten, aber wenigstens ist da noch was. Beim Prinzchen aber sind wohl alle Ultraschallbildchen – von denen er immerhin eine ganze Menge mehr hat als Karlsson – fein säuberlich in sein Buch geklebt, ausführliche Berichte über den ersten Windelinhalt und den letzten Löffel Babybrei hingegen sucht man vergeblich.

Fast hätte ich mich dazu hinreissen lassen, deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben, als ich auf die Idee kam, in diesem Blog mal gezielt nach dem Stichwort „Prinzchen“ zu suchen. Und siehe da, auch Prinzchens Anfänge sind dokumentiert, einfach ein wenig anders als bei den Grossen. Ich müsste sie nur endlich mal ausdrucken und einkleben, dann wäre auch Prinzchens Buch bald voll. 

piatto pieno due; prettyvenditti.jetzt

piatto pieno due; prettyvenditti.jetzt

Geht doch auch so

2007, Karlsson ist ein Zweitklässler und zwar einer von der eher schüchternen Sorte. Ein neuer Schüler kommt in die Klasse, setzt sich neben unseren Ältesten, sagt: „Du Arschloch!“ und von da an geht es bergab. Beim Elterngespräch sprechen wir die Lehrerin auf das schlechte Klassenklima an, erzählen ihr, dass unser Sohn immer wieder über üble Hänseleien klagt. Sie werde die Sache im Unterricht thematisieren, verspricht sie, aber ändern tut sich nichts. Wie auch, wenn nur geredet wird?

2011, der FeuerwehrRitterRömerPirat ist ein Zweitklässler, auch eher schüchtern, hin und wieder auch mal rabiat. Ein Mitschüler, der ihm körperlich überlegen ist, macht ihm das Leben schwer und zwar so schlimm, dass mich andere Mütter darauf ansprechen. Beim Elterngespräch bringt der FeuerwehrRitterRömerPirat die Sache selber vor, er möchte, dass sich etwas ändert. Sie werde die Sache im Unterricht thematisieren, verspricht die Lehrerin, meint dann aber auch, das Schicksal habe es eben so gewollt, dass unser Sohn mit diesem Jungen zur Schule gehe, darum müsse er lernen, mit der Sache klarzukommen. Natürlich ändert sich nichts. Wie auch, wo doch unser Sohn selber Schuld ist, wenn er sein Schicksal nicht annehmen kann?

2015, das Prinzchen ist ein Erstklässler, nicht unbedingt schüchtern, aber ein Kind, das Konflikte lieber mit endlosen Diskussionen als mit den Fäusten austrägt. Ein paar Zweitklässler haben es auf unseren Sohn abgesehen, machen ihm seit der ersten Schulwoche das Leben schwer. Kurz vor den Herbstferien kommt er mit einem blauen Auge nach Hause. Ich schreibe der Lehrerin, weil die Sache ein Ausmass angenommen hat, das ich nicht mehr tolerieren kann. Die Klassenlehrerinnen würden sich während der Herbstferien treffen, um sich in der Angelegenheit zu beraten, antwortet sie. Seit Montag ist wieder Schule,  seit gestern hat das Prinzchen einen Plan, auf dem er jeden Tag mit Smileys eintragen kann, wie die Stimmung auf dem Pausenplatz war, ob es wieder zu Konflikten gekommen ist. Zeichnet er traurige Gesichter, wird eingegriffen. Ob sich die Situation dadurch ändert, wird sich weisen, aber immerhin erfährt das Kind, dass man nicht einfach wegschaut und es „seinem Schicksal“ überlässt. 

Das ich so etwas auf meine alten Muttertage noch erleben darf.

torre temporanea; prettyvenditti.jetzt

torre temporanea; prettyvenditti.jetzt

Laufgitterbeet

So, jetzt endlich zu den Mini-Hochbeeten, die wir in unserem Garten angelegt haben. „Meiner“ und ich sind uns darob ja ziemlich in die Haare geraten, ehe wir eine Lösung fanden. Hierzlande nimmt man für kleine Hochbeete meistens diese SBB-Rahmen, aber die finden wir erstens nicht besonders schön und zweitens haben die inzwischen auch ihren Preis, weil jeder sie haben will. Wie so oft fanden wir die günstigere und für unseren Geschmack auch schönere Alternative im Brockenhaus: Zwei ausrangierte Wisa-Gloria-Laufgitter, knapp 25 Franken das Stück. (Vermutlich hätte es auch billigere gehabt, aber das Zeug von Wisa-Gloria hält eine Ewigkeit, darum haben wir die genommen.) Es war nicht nur der Preis, der uns begeisterte, sondern auch die Gewissheit, dass wir mit dem Kauf mindestens zwei Kleinkinder vor trüben Stunden im Laufgitter verschonten. 

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Bloss, wie wird ein Laufgitter zum Hochbeet? Ganz einfach: Zuerst hat „Meiner“ die Sprossen mit wetterfestem Lack bepinselt. Rot, weil das zu unserem grossen Hochbeet und den Fensterläden unseres Hauses passt. Dann flochten wir alles, was der Garten zu dieser Jahreszeit im Überfluss hergibt – Hasel- und Weidenruten, überschüssige Ranken der Glyzinie und ein paar Maulbeerzweige – zwischen die Sprossen. Okay, ein Perfektionist hätte sich überteuerte Weidenruten gekauft, damit alles schön ordentlich aussieht, aber bei uns darf es gerne ein wenig wilder sein. Blätter und kleine Zweiglein, die beim Flechten nicht gebraucht wurden, landeten als unterste Schicht des Hochbeetes im Laufgitter. Dann kleideten wir die Wände von innen mit Plastikfolie aus, füllten eine Schicht Heu und ein paar Säcke Erde ein und fertig war das Beet. Vielleicht folgt im Frühling noch ein Anstrich mit Holzteer, um die Wetterfestigkeit zu verbessern, aber nur, wenn es mir gelingt, das Zeug aufzutreiben. Sonst müssen wir eben in ein paar Jahren zwei neue alte Laufgitter im Brockenhaus holen. Was auch nicht weiter schlimm wäre, dann wären wieder ein paar von den Dingern vom Markt verschwunden. Die machen sich im Garten nämlich einfach besser als im Kinderzimmer. 

Ach ja, falls man zu viele Äste geschnitten hat, muss man die nicht unbedingt entsorgen:

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Blödes, infantiles Ich

Wir lernten uns kennen, als sie ein junges Ding war. Fast hätte ich „ein junges, dummes Ding“ geschrieben, aber sowas schreibt man nicht, wenn man ein Gutmensch ist und zu den Gutmenschen gehöre ich ganz zweifellos, das haben die aus der rechten Ecke im Gott sei Dank zu Ende gehenden Wahlkampf eins ums andere Mal klar gemacht. Aber zurück zu ihr. Sie war also jung und lebensunerfahren, als ich sie kennen lernte. Was nicht weiter schlimm gewesen wäre, hätte ihr nicht zugleich an dem gemangelt, was man gemeinhin Intelligenz nennt. Da sie nicht gerade hässlich war, ich aber zu jenem Zeitpunkt von fünf Schwangerschaften und zig durchwachten Nächten ziemlich mitgenommen aussah, fühlte sie sich mir haushoch überlegen, weshalb sie sich nicht genierte, mir gegenüber jede Sinnlosigkeit, die ihr gerade auf der Zunge lag, frei heraus zu äussern. Zum Beispiel: „Wollt ihr den FeuerwehrRitterRömerPiraten nicht in ein Heim geben? Der hat doch immer so schlimme Trotzanfälle.“ Oder: „Frauen, die Grösse 38 tragen haben voll versagt.“ Oder, als sie merkte, dass ich auch zu diesen Versagerinnen gehöre: „Also, bei dir ist das etwas anderes. Du darfst schon so aussehen, du hast ja ein paar Kinder geboren.“ Bei jeder Begegnung solche und ähnliche Bemerkungen, die mich zwar im Moment ärgerten, die ich aber nach einigem Grummeln in der Schublade „jung und unerfahren, irgendwann vielleicht nützlich für einen satirischen Text“ archivierte.  

Inzwischen ist sie etwas älter, nicht unbedingt viel weiser, aber auf bestem Wege, Mutter zu werden. Das bringt zwei Probleme mit sich. Erstens hat sie nun das Gefühl, sie sei in meiner Welt angekommen, weshalb sie keine Gelegenheit auslässt, um mit mir Gespräche zu führen, wie sie ihrer Meinung nach reifere Frauen miteinander führen. Also Wetter-, Haushalt- und Einkaufsgespräche. Zweitens – und das ist viel schlimmer – stelle ich fest, dass ich ihre Bemerkungen von früher doch nicht ganz verdaut habe, weshalb ich mich in Gedanken ähnlich infantil aufführe wie sie damals. So erfüllt es mich zum Beispiel mit einer beschämenden Genugtuung, dass sie zu jenen Schwangeren gehört, die wohl am Hintern und im Gesicht zunehmen, nicht aber am Bauch. „Na, wie war das nochmal mit Grösse 38?“, lästert mein infantiles Ich, wenn ich ihr begegne. Und dann fängt es an, sich auszumalen, wie sich ihr Nachwuchs eines nicht mehr allzu fernen Tages in seinem ersten Trotzanfall schreiend und tobend am Boden windet und wie es dann süffisant bemerkt, ob ein Kinderheim nicht vielleicht die beste Lösung wäre.

Blödes, infantiles Ich. Nimmt mir einfach die Illusion, dass ich inzwischen zu einem halbwegs vernünftigen Menschen herangereift bin. 

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Eine Handvoll Absurditäten

  • Mahnungen sind doof. Noch doofer ist es, wenn du am 10. Oktober gemahnt wirst, doch bitte deine Rechnung umgehend zu begleichen, die sei nämlich am 1. November fällig. Nein, das war kein Tippfehler, die wollen mir doch tatsächlich Dampf machen, weil ich 21 Tage vor dem Fälligkeitsdatum und vier Tage nach der Lieferung noch immer nicht bezahlt habe. Und dies trotz einer Zahlungsfrist von 30 Tagen. 
  • Die Schweiz und ihre Familien: „Grossfamilien mit mehr als zwei Kindern“, lese ich heute in der Tageszeitung und einmal mehr frage ich mich, ob demnächst alle, die mehr als null Kinder haben, zu den Grossfamilien gezählt werden. Wäre ja eigentlich logisch, wo man heute schon zur Familie wird, wenn man sich als Single einen Goldhamster zulegt. 
  • Eine Mama, die am Rande des Spielplatzes steht, gefühlte hundertmal lauthals „Eneeeeeeaaaaaa!“ schreit, und nicht begreift, dass Eneeeeeeaaaaa auch nach dem 101. Ruf nicht zu ihr kommen wird, weil Eneeeeeeaaaaa nicht zu ihr kommen will und dass sie sich deshalb besser einen anderen Weg ausdenken sollte, um Eneeeeeeaaaaa vom Spielplatz weg zu bekommen. 
  • Da steht plötzlich dieser Mann in deinem Garten, vielleicht siebzig oder fünfundsiebzig Jahre alt, und will von dir wissen, wie du es hingekriegt hast, dass dein Feigenbaum so viele Früchte trägt. Er verstehe ganz und gar nichts vom Gärtnern, sagt er, aber er würde halt auch furchtbar gerne so viele Feigen an seinem Baum haben. Aber eben, ein Gärtner sei er nicht, seine Mama hätte leider immer alles selber machen wollen, da habe er nichts lernen können. Du sagst, du hättest eigentlich auch nicht viel von der Sache verstanden, aber man könne sich in die Thematik einlesen. Tja, mit dem Lesen sei das so eine Sache. Das habe ihm nie zugesagt, schon damals in der Schule nicht, Fernsehen sei ihm lieber. Schlechter Lehrer halt… Er geht und du denkst: Mit der falschen Mama und dem falschen Lehrer hat man ein Leben lang eine Ausrede, um nichts Neues in Angriff nehmen zu müssen. 
  • Noch so eine Gartenbegegnung: Tag für Tag schuftest du in deinem Garten, bemühst dich darum, aus der ehemaligen Einöde eine wirklich schöne Sache entstehen zu lassen und eines Tages steht da diese Nachbarin, die zu dir sagt: „Wissen Sie, ich kenne diesen Gärtner, der würde aus Ihrem Grundstück einen wunderschönen Garten zaubern.“ Vielen Dank auch für das liebe Kompliment, meine Dame! 

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Plaisir d‘ amour ne dure qu’un moment…

Er traf sie auf dem Spielplatz des Freilichtmuseums und es war Liebe auf den ersten Blick. Ihre sanften Augen und das glänzende schwarze Haar taten es ihm ebenso an, wie ihr fröhliches Wesen. Immer wieder zog es ihn zu ihr hin, sogar dann, als er eigentlich hätte essen sollen – und Essen verschmäht er sonst nie. Als wir ihn dazu überredeten, doch etwas zu essen, teilte er seine Karotten mit ihr. Bevor wir nach Hause gingen, musste er sie unbedingt noch einmal sehen. Nur mit Mühe liess er sich vom Spielplatz weglocken, danach sass er schluchzend und schniefend im Auto. Sein Herz, das sie im Sturm erobert hatte, wollte brechen vor lauter Trennungsschmerz. So unsterblich liebt er sie, dass er, kaum wieder zu Hause, damit anfing, Zukunftspläne zu schmieden. Okay, zuerst malte er noch ein paar Herzen, schrieb mit verträumtem Blick ihren Namen und erzählte unablässig davon, wie toll sie ist.

Ja, und dann rückte er eben mit seinen Zukunftsplänen raus: Sie soll zu uns ziehen, am besten schon an Weihnachten, wenn das zu früh ist, halt spätestens an seinem Geburtstag. Über den Platz soll ich mir mal keine Sorgen machen, meinte er, wir würden das schon irgendwie hinkriegen. Und sie würde auch ganz bestimmt nicht zu viel essen, sie sei da ganz bescheiden. So glücklich war er, als er von der gemeinsamen Zukunft mit ihr sprach, dass ich beim besten Willen nicht weiss, wie ich dem Zoowärter beibringen soll, dass mir eine Ziege nicht ins Haus kommt und sei sie noch so schön und liebenswert und anhänglich und sanft und lustig und verfressen und treu und schlau und anspruchslos und und und….

(Ich hab‘ mir ja immer vorgenommen, eine ganz und gar tolerante Schwiegermama zu werden…aber eine Ziege?!?!)

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Jetzt wird es richtig kompliziert

Sommerferien 1999:

„Wollen wir nicht doch noch ein wenig wegfahren?“, fragte ich „Meinen“ eines schönen Morgens. „Warum nicht? Hast du eine Idee, wohin?“, antwortete er. „Hmmm, man sagt, Sardinien sei noch schön“, gab ich zurück. Wir starteten den Computer auf, um ins Internet zu gelangen, was damals noch eine ganze Weile dauerte, suchten nach ansprechenden Angeboten, was ebenfalls eine ganze Weile dauerte, weil die Verbindung zu jenen Zeiten noch sehr sehr langsam war, doch irgendwann fanden wir eine halbwegs vertrauenswürdige Seite, auf der man Fährverbindungen buchen konnte. Drei Tage später waren wir unterwegs nach Sardinien, fünf Tage später überlegten wir uns, ob wir die Insel nicht wieder fluchtartig verlassen sollten, weil wir die Langeweile des Strandlebens kaum aushalten konnten. Wir entschlossen uns, zu bleiben und klapperten in der Folge sämtliche Museen Sardiniens ab, um uns irgendwie die Zeit bis zur Rückreise totzuschlagen. 

Sommerferien zwischen 2001 und 2009:

Viel wichtiger als das Ziel waren die Dauer des Anfahrtsweges, die Babyausstattung am Ferienort und die Möglichkeit, sich zweimal am Tag an einen gedeckten Tisch setzen zu können. Ziemlich kleinkariert, fanden wir, für spannendere Dinge waren wir aber schlicht zu müde. Ziemlich kompliziert, fanden wir auch, denn das Kofferpacken fühlte sich jeweils an, als würden wir in den Dschungel auswandern und nicht etwa, als würden wir für zwei Wochen ins Nachbarland fahren. 

Sommerferien zwischen 2010 und 2015:

Reiseziel aussuchen, im Internet Ferienhäuser anschauen, buchen, Transport organisieren, Koffer packen, abreisen, Ferien geniessen. Fast so einfach wie in kinderlosen Zeiten, wenn auch mit etwas mehr Gepäck. Würde es so weitergehen, kämen wir glatt in Versuchung, uns allmählich nach etwas exotischeren Reisezielen umzusehen, weil es ja inzwischen so gut läuft mit den Familienferien.

Aber eben, es wird nicht so weitergehen, denn nächsten Sommer wird es kompliziert: 

Zuerst einmal sind da die verschobenen Feriendaten. Die Kinder müssen eine Woche länger durchhalten als „Meiner“, dafür werden sie noch in den Federn liegen, wenn er nach den Sommerferien seine neuen Schüler begrüsst. Auf dem Papier sind das immerhin vier gemeinsame Ferienwochen. In der Praxis aber gehen zwei dieser vier Wochen für Ferienlager drauf, die unsere Kinder um nichts in der Welt verpassen wollen. Je nachdem, in welcher Ferienwoche diese Lager stattfinden, bleiben uns eine oder zwei Wochen, um gemeinsam zu verreisen. Okay, theoretisch könnten wir die Kinder natürlich dazu zwingen, sich unserem Programm anzupassen, aber unser Leidenswille ist nicht gross genug, um uns einen Sommer lang anzuhören: „Eigentlich könnte ich jetzt mit meinen Freunden am Lagerfeuer sitzen, aber ihr habt mich ja dazu genötigt, mit euch an diesen öden Ort zu fahren. Ich werde jetzt vier Wochen lang schmollen. Und glaubt bloss nicht, dass ich mit euch in dieses doofe Museum komme.“ Dann stellt sich natürlich auch die Frage, was wir mit den Kindern anstellen, die während der Lagerwochen zu Hause bleiben. Ein Spezialprogramm organisieren, das die Abtrünnigen vor Neid erblassen lässt? Oder doch lieber jemanden suchen, bei dem sie unterkommen können, damit wir mal ein paar Tage für uns haben? Was dann allerdings die Gefahr mit sich brächte, dass wir völlig kopflos spontan irgendwo hin verreisen, nicht wissen, was wir dort anstellen sollen und dann wären wir fast wieder dort, wo wie angefangen haben. 

sorgenfrei; prettyvenditti.jetzt

sorgenfrei; prettyvenditti.jetzt

Lieblingsmoment

Nicht immer endet Prinzchens Tag so, wie er es eigentlich gerne hätte. Mal verbiete ich ihm, abends um neun, wenn er eigentlich schon längst im Bett sein sollte, bei Grossmama anzuklopfen und zu fragen, ob er bei ihr übernachten darf, mal haben die grossen Geschwister sämtliche Zimtwecken weggefuttert, mal verbieten wir die letzte Runde mit dem Velo, weil es draussen bereits dunkel wird. Wenn der Tag mies endet, braucht Prinzchen Trost, um einschlafen zu können und Trost bekommt er in solchen Momenten am liebsten in Form der immer gleichen schwedischen Kinderlieder. Lieder, die er nun schon seit mehr als zwei Jahren zu hören bekommt und die er doch immer und immer wieder vorgesungen haben will. Früher jeden Abend, jetzt nur noch, wenn er findet, es habe sich mal wieder alles gegen ihn verschworen.

Die stets gleichen Melodien vertreiben seine Traurigkeit im Nu, so dass er bald wieder zufrieden in seinem Bett sitzt und Bilderbücher anschaut oder Kapla-Türme baut. Ganz selten nur noch gesellt sich dann die Müdigkeit zu ihm, sein Kopf wird schwer, sinkt auf den Bären, der noch immer Prinzchens liebstes Kopfkissen ist, die Augenlider beginnen zu flattern und bald schläft er selig lächelnd ein. Ein heiliger Moment, in dem ich so überaus dankbar bin, dass ich meinem grossen kleinen Jungen noch immer hin und wieder den Kummer von der Seele singen darf. 

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