Es gibt sie noch, diese Tage, an denen…

…die Schreibblockade ausgerechnet dann zu Besuch kommt, wenn zwei Kolumnen (über)fällig sind.

…der Autoschlüssel unauffindbar ist, weil er ohne mein Wissen mit il Cugino zur Schule gegangen ist, weshalb ich nicht aus dem Haus kann, um die Zutaten, welche die Kinder schon wieder als Zvieri zweckentfremdet haben, fürs Mittagessen einzukaufen.

…das Mittagessen in Folge des oben genannten Desasters äusserst dürftig ausfällt und erst noch anbrennt.

…das Bankkonto nicht hergibt, was man vermeintlich mit voller Berechtigung von ihm erwartet hätte.

…ich „Meinem“ die Ohren voll heule, weil es mir jetzt einfach reicht. 

…der vor einer Woche gekaufte Mixer seine Arbeit verweigert, weshalb ich die Meringue-Masse von Hand schlagen muss. Was mich nicht weiter stören würde, hätte ich nicht die offensichtlich vollkommen hirnrissige Erwartung, dass ein neuer Mixer seinen Dienst länger als eine Woche tut. 

…“jemand“ ganz zufälligerweise die Ofentemperatur von 100 auf 230 Grad verstellt, was bekanntlich nicht gerade die optimale Temperatur für Meringues ist. Natürlich bemerke ich dies erst, als es schon wieder angebrannt riecht.

…ich der Tatsache ins Auge sehen muss, dass wir jetzt zu den Menschen gehören, die zu viel verdienen, um noch irgendwelche Vergünstigungen zu bekommen, aber nicht genug, um diesen Umstand problemlos verkraften zu können. 

…ich mir obendrein beim Kochen Tabasco ins Auge schmiere, was erstaunlicherweise ziemlich heftig brennt, obschon Tabasco doch gar nicht so scharf ist. 

…ich so oft die Contenace verliere, dass die Kinder anfangen, lieb und zuvorkommend zu sein, um mir keinen weiteren Anlass zum Herumbrüllen zu bieten. Ich hasse es, wenn ich so bin. Der Brief des FeuerwehrRitterRömerPiraten, in dem stand, ich solle mich doch ein wenig schlafen legen, sie würden währenddessen spielen, rührte mich dennoch zutiefst. 

Zum Glück gibt es solche Tage seltener als auch schon.

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Familienwetter

Könnte man das Familienwetter voraussagen, dann hätte die Prognose für heute etwa so gelautet: 

„Der Morgen beginnt klar, doch ab halb sieben bis ca. acht Uhr ist mit vereinzelten Turbulenzen und Regenschauern zu rechnen. Diese können zum Teil sehr heftig ausfallen, ziehen jedoch rasch wieder ab. Der Rest des Vormittags verläuft ruhig und windstill, es ist ziemlich sonnig. Am Mittag kommt stürmischer Wind auf, es bleibt jedoch sonnig und angenehm warm. Ab 13 Uhr legt sich der Wind wieder, der Himmel ist nahezu wolkenlos, die Temperaturen gehen leicht zurück. Gegen Abend ziehen ziemlich plötzlich heftige Gewitter auf. Ob mit Gewitterschäden zu rechnen ist, lässt sich nicht voraussagen, ausschliessen lässt es sich aber auch nicht. Nach 19 Uhr beruhigt sich die Wetterlage wieder, am Abend zeigen sich nur noch vereinzelte Wolken, Regenschauer sind keine mehr zu erwarten. Die Nacht wird voraussichtlich wieder klar und windstill, vereinzelte Störungen sind jedoch nicht auszuschliessen.“

Das hätte der Familien-Wetterfrosch vorausgesagt, wenn es ihn gäbe. Doch es gibt ihn nicht, denn im Familienleben weiss man immer erst im Nachhinein, wie es war. Warum bei schönsten Wetter ohne jegliche Ankündigung zu heftigen Gewittern kommt, andererseits aber der strömende Regen plötzlich strahlendem Sonnenschein weichen muss, darüber zerbrechen sich Experten weiterhin vergeblich die Köpfe.

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Da kommt wahrlich keine Routine auf

Endlich, nach vier Wochen Dauerbetrieb, waren wir heute Morgen wieder einmal alleine zu Hause, meine Gedanken und ich. Und wie es so geht, wenn auf einmal himmlische Ruhe herrscht, meldeten sich meine Gedanken sogleich mit heftigen Vorwürfen zu Worte. Saublöd hätte ich mich aufgeführt in den vergangenen vier Wochen, stets dieses Gejammer über mangelnde Ruhe und Tagesstruktur, dabei sei ich selber Schuld am ganzen Schlamassel, ich hätte mich ja vollkommen gehen lassen. Das sei doch keine Art, meinen Liebsten einfach so mitten ins Gesicht zu sagen, sie würden mich nerven mit ihrem ewigen Gezänke. Und dann auch noch diese unsägliche Aussage, ich sei froh, wenn sie alle wieder eine Beschäftigung hätten. Eine egoistische, undankbare Kuh sei ich, die eine solche Familie nicht verdient hätte. Ich solle mich gefälligst gehörig schämen… 

Das tat ich dann auch schön folgsam und ich beschloss, mich zu bessern. Kein Gejammer mehr über meine geliebten Familienmitglieder, die meine sauber geplanten Tagesstrukturen ins Wanken und schliesslich zum Einstürzen bringen, das schwor ich mir. 

Tja, und dann kamen sie wieder nach Hause und brachten Zettel von der Schule mit: Am Donnerstag schulfrei ab 10 Uhr, weil die Schüler nach dem Fasnachtsauftakt am frühen Morgen nicht mehr bildungsfähig sind. Kein Englisch für Luise am 6. März, schulinterne Weiterbildung am 19. oder so, fünf Schulwochen bis zu den Frühlingsferien und danach die üblichen Feiertage… Bis zum Ende des Schuljahres wird kaum eine Woche so sein, wie es auf dem Stundenplan steht.

„Nicht jammern“, ermahnte ich mich selber, als ich einen Zettel nach dem anderen las. „Lass dir auf gar keinen Fall anmerken, dass du dich nervst, für die Kinder sind schulfreie Tage ja wirklich eine tolle Sache.“ Ich hätte es geschafft, nichts zu sagen, hätte nicht Karlsson auch noch irgendeine Verschiebung angekündigt, die nicht auf den Zetteln stand. Da brach es schliesslich doch noch aus mir heraus: „Himmel, habt ihr überhaupt irgendwann Schule, oder muss ich mich darauf einstellen, wieder rund um die Uhr im Einsatz zu sein?“

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10 Wege, uns zu sagen, dass wir zum alten Eisen gehören

1. „Hast du echt drei Franken ausgegeben? Nur damit du dir deinen eigenen Avatar gestalten und den Spielhintergrund verändern kannst?  Das bringt’s doch voll nicht, Mama.“

2. „Warum ladet ihr euch eigentlich all das Zeug legal runter? Man kann das doch auch gratis haben.“ (Kleine Anmerkung am Rande: Weil wir wissen, wie viel Arbeit jemand in ein kreatives Werk steckt und wie wenig dabei finanziell rausschaut.)

3. „Warum haben deine Eltern die Weihnachtsgeschenke nicht einfach im Internet bestellt? Ist doch voll unnötig, sich ins Gewühl zu stürzen.“

4. „Warum hast du keine Gesangskarriere gestartet? Du hättest ja bei einer Casting-Show mitmachen können.“

5. „Okay, mag ja sein, dass dieser Film total cool ist, aber der wurde 1999 gedreht. Du glaubst doch nicht, dass ich so einen uralten Streifen sehen will? Schau dir bloss diese schrecklichen Kleider an…“

6. Ich: „Toll, ihr wart im 3D-Kino. Was gefällt dir besser, 3D oder normal?“ Neffe: „Keine Ahnung. Hab bis jetzt immer nur 3D gesehen im Kino.“

7. „Mag sein, dass du erst mit 26 zum ersten Mal in Paris warst, aber früher war eben alles noch anders. Ich warte sicher nicht so lange.“

8. „Du bist peinlich.“

9. „Nicht so laut, Mama. Alle hören dich.“

10. „Warum schreibst du eine SMS? Hast du kein whatsapp?“ (Nein, habe ich nicht, darum bin ich heute auch erreichbar. :-P)

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Wollen täte ich ja schon…

Trotz viel zu kurzer Nacht raffe ich mich am letzten Ferientag unserer Kinder früh morgens auf, um eine oder zwei Stunden ungestört arbeiten zu können. Ich nehme mir sogar die Zeit, zum Tagesstart kurz inne zu halten zu einem Morgengebet. Heute werde ich mich nicht von den Ereignissen überrollen lassen, sondern schön diszipliniert meinen verschiedenen Aufgaben nachgehen. Mit dem Frühstück setze ich mich an den Computer, um gleich loszulegen, doch ich schaffe es gerade mal, zwei Mails zu beantworten, als das Telefon klingelt. Weshalb ich rangehe? Weil ich um diese Uhrzeit davon ausgehe, dass es dringend ist.

Fünfundvierzig Minuten lang hänge ich ziemlich hilflos am Draht, versuche zu helfen, wo ich helfen kann und starre mit Entsetzen auf die Uhr, deren Zeiger sich unaufhaltsam vorwärts bewegt. Gegen Ende des Telefongesprächs kommt Karlsson ins Zimmer geschlichen, Minuten später ist auch Luise da. Als ich endlich fertig bin mit Telefonieren muss ich mich zusammenreissen, um meinen Frust nicht an ihnen auszulassen. Sie können ja nichts dafür, dass ich in der einen Stunde, die mir zum ungestörten Arbeiten geblieben wäre, gestört worden bin. 

Da jetzt an Kopfarbeit nicht mehr zu denken ist, bereite ich eben das Mittagessen vor, damit ich vielleicht nachher, wenn alle gefrühstückt haben, noch einmal einen Arbeitsversuch starten kann. Zwei Anrufe später ist mir klar, dass heute Vormittag wohl nichts mehr daraus wird. Dann putze ich eben die Küche, damit ich das morgen nicht mehr machen muss. So kann ich morgen erledigen, was ich heute hätte tun wollen. Doch ehe ich putzen kann, muss aufgeräumt sein und schon steht ein neues Hindernis vor mir: Der Schlüssel des Vorratsschranks, der eben noch da war, ist unauffindbar, was bedeutet, dass Kakaodose, Vorn Flakes, leere Milchflaschen etc. nicht hinkönnen, wo sie hin müssen. Putzen geht also auch nicht.

Was bleibt mir da noch, als mich an den noch immer eingeschalteten Computer zu setzen, um darüber zu schreiben, dass alles Wollen meinerseits nichts nützt, solange der Tag läuft, wie es ihm beliebt? Mein Wollen, so muss ich leider einmal mehr einsehen, spielt im meinem Leben an gewissen Tagen eine sehr untergeordnete Rolle.

Und wer jetzt einwendet, bloggen sei doch auch Kopfarbeit, warum ich das denn könne, dem kann ich getrost antworten, im Bloggen sei ich inzwischen so geübt, dass ich es auch im Schlaf erledigen könnte. 

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Ob das wirklich nötig ist?

Heute stand ein Termin bei der Schulpsychologin auf dem Programm. Weshalb wir denn mit dem Kind zur Psychologin gehen müssten, wollte il Cugino wissen. Das Kind komme nicht so gut mit der Realität zurecht und ecke deswegen in der Schule öfters mal an, erklärte ich. Manchmal treibe es die Lehrerin regelrecht in den Wahnsinn, weil es sich weigere, mitzumachen. Il Cugino schaute mich fragend an, also erklärte ich weiter: Das Kind fühle sich oft unglücklich, weil das Leben nicht so spannend sei wie die Fantasie. Die Alltagsdinge, die eben auch ihre Wichtigkeit hätten, empfinde es als voll und ganz unbedeutend und manchmal habe es richtig schlimme Durchhänget deswegen. 

Wie alt das Kind denn sei, fragte il Cugino. Bald zehn, sagte ich. Dann müsse man sich doch keine Sorgen machen, meinte il Cugino. Wenn das Kind jetzt vierzehn oder fünfzehn wäre, dann würde er sich auch Gedanken machen, aber in diesem Alter sei es doch ganz normal, dass ein Kind sich in einer Fantasiewelt verliere. Das sähe ich eigentlich ganz ähnlich wie er, pflichtete ich ihm bei. Es sei nur dummerweise so, dass die schulischen Leistungen allmählich litten und dass die Lehrerin die Geduld verliere. Uns sei es einfach wichtig, dem Kind Unterstützung zu bieten, auf gar keinen Fall aber möchten wir, dass an ihm herumkorrigiert würde….

Je länger ich zu erklären versuchte, umso klarer wurde mir, dass ich es gar nicht erklären kann, denn was hierzulande bei einem Kind als auffällig gilt, bietet in Italien offenbar noch längst keinen Grund zur Besorgnis. Gut, in Italien werden die Kinder auch nicht im Alter von elf bis zwölf Jahren in verschiedene Leistungsstufen eingeteilt, aber irgendwie beneide ich il Cugino schon um seine gelassene Sicht der Dinge. 

 

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Schlecht verteilt

Ihnen ist soooooo unglaublich langweilig – und ich hätte sooooooo unglaublich viel zu tun.

Sie schieben jede Aufgabe so lange wie möglich vor sich her – und ich werde allmählich kribbelig, weil ich meine Sachen vor mir herschieben muss, solange sie gelangweilt zu Hause herumhängen.

Sie wissen einfach nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen – und ich weiss einfach nicht, wie mir die Zeit für alles reichen soll.

Sie verspüren nicht die geringste Lust, das schöne Wetter zu geniessen – und ich wünschte mir, ich hätte Zeit für einen Waldspaziergang.

Sie möchten andauernd unterhalten werden – und ich möchte wenigstens fünf Minuten ungestört meinen Gedanken nachhängen können.

Sie hätten genügend Energie, um Bäume auszureissen, aber keine Idee, wo sie diese Energie einsetzen sollen – und ich hätte die Ideen, aber nicht genügend Energie zum Bäume ausreissen.

Sie haben Ferien – und ich bräuchte Ferien.

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Faul?

„Keine Matur mehr für Faulpelze“ lautete vergangene Woche der Titel eines Artikels in der „NZZ am Sonntag“. Im Artikel ging darum, dass Schüler ihre mathematischen Abstürze nicht mehr durch Glanzleistungen in anderen Fächern kompensieren können. Was bedeuten würde, dass man Leuten wie mir kein Maturazeugnis mehr aushändigen würde. Ich konnte es nicht über mich bringen, den Artikel zu lesen, der Titel allein liess die alte Geschichte wieder in mir hochkommen.

Ich sah mich wieder am Pult der Primarlehrerin stehen, vor ihr das Blatt mit meiner ersten Ungenügenden. Was da schief gelaufen sei, wollte sie wissen. Ich konnte es ihr nicht erklären, das mit dem Minus wolle mir halt einfach nicht so recht in den Kopf gehen. Ihre Versuche, mir das Rätsel begreiflich zu machen, scheiterten, doch das spielte bald keine Rolle mehr, denn ich hatte ja trotz mittelmässiger Mathenote den Übertritt an die Bezirksschule geschafft.

Dort quälte man die Schüler zuerst einmal mit dem Zweiersystem, denn damals glaubte man noch, jeder der einen Computer bedienen wolle, müsse das binäre Zeugs beherrschen. Ich beherrschte es nicht, schrieb eine Ungenügende nach der anderen und bald war ich verzweifelt genug, um mit meinen Fragen an den Mathelehrer zu gelangen. Der wollte meine Fragen allerdings nicht beantworten, sondern stellte bloss fest, ich sei gar nicht so schlecht geraten und schielte in meinen Ausschnitt. Dann empfahl er mir einen Besuch beim Schulpsychologen, was mich zutiefst beleidigte. Das mit dem Fragen liess ich nach dieser Episode lieber bleiben.

Von da an hatte ich das Gefühl, Mathematik ginge mich nichts an und da meine Schwestern mathematisch ähnlich unbegabt waren wie ich, schrieb ich meine Unfähigkeit in pubertärer Naivität einzig und allein den Genen zu. Der hochbegabte Pädagoge, von dem im oberen Abschnitt schon die Rede war, bestätigte mich in meiner Haltung, indem er bemerkte, ich sei zu wohl dumm, um Krankenschwester – sorry, so nannte man das damals noch – zu werden. Nun, ich war immerhin dumm genug, ihm zu glauben, ich sei dumm und von dieser neu gewonnenen Überzeugung konnte mich auch ein ganz passables Resultat bei der Abschlussprüfung, die mir den Übertritt ans Gymnasium ermöglichte, nicht mehr abbringen.

Am Gymnasium verschafften mir meine mangelhaften Mathematikkenntnisse zum ersten und bisher einzigen Mal einen Vorteil. „Meiner“, den das Schulsekretariat in die gleiche Klasse eingeteilt hatte, erkannte nämlich auf den ersten Blick, dass man ganz weit hinten anfangen musste, wenn man meine mathematischen Lücken auffüllen wollte. Erstaunlicherweise übernahm er diese Aufgabe ganz gerne und so sassen wir Samstag für Samstag nach dem Unterricht – ja, liebe Kinderlein, damals war samstags noch Schule – in der fast leeren Mensa und kämpften uns durch den Stoff, den mir der Superpädagoge an der Bezirksschule hätte vermitteln müssen.

Glaubt mir, ich benutzte die samstäglichen Nachhilfestunden nicht alleine, um „Meinem“ näher zu kommen. Ich gab wirklich alles, um zu verstehen, worum es ging, büffelte stundenlang. Ich gestaltete mein Mathematikheft so bunt, dass mein Gehirn endlich einen Zugang zu den Formeln finden konnte und setzte mich damit dem Spott meines neuen, pädagogisch ansonsten deutlich begabteren Mathelehrer aus. „Kindergarten-Zeichnungsheft“ nannte er mein farbenfrohes Theorieheft, aber das war mir egal, denn immerhin gelang es mir so, einen besseren Überblick zu erlangen.

Mit der Zeit erkannte ich, dass die Mathematik durchaus eine faszinierende Sache ist, die ich ganz gerne verstehen möchte. Manchmal verstand ich sie sogar, einmal schrieb ich eine fast genügende Note und hin und wieder erklärte ich einer mathematisch auch nicht sonderlich begabten Mitschülerin, wie es geht. Leider zahlte sich mein Einsatz nicht aus, bei Prüfungen versagte ich weiterhin kläglich. Oft warf ich das wertlose Papier unter Tränen in den Abfalleimer, aus dem es „Meiner“ Momente später wieder herausfischte, um mit dem Lehrer um halbe und Viertelpunkte zu feilschen.Trotz aller unserer Bemühungen quälte uns beide vor jedem Zeugnis die bange Frage, ob mich die Mathenote aus dem Gymnasium schmeissen würde. Gott sei Dank war ich nicht nur mit einer grandiosen Unfähigkeit gestraft, sondern auch mit einigen Fähigkeiten gesegnet, weshalb ich nach vier Jahren des Kämpfens mit dem Maturazeugnis den Beweis in den Händen hielt, dass ich vielleicht doch nicht ganz so dumm bin, wie mir mein Lehrer einst gesagt hatte.

Diese Geschichte kam in mir hoch, als ich über den Titel mit den Faulpelzen stolperte und ich muss gestehen, dass es weh tat, diese Worte zu lesen. Ich will mich nicht zu jenen Menschen zählen, die Jahre später noch in der Opferrolle bleiben und mir ist auch klar, dass ich einige Dinge hätte besser machen können, aber lesen zu müssen, dass jemand, der nicht rechnen kann, faul ist und keine Matura machen soll, war ähnlich schmerzhaft, wie mir anhören zu müssen, ich sei dumm.

Schmerzhaft vor allem auch darum, weil einige unserer Kinder zwar sprachlich ganz vorne mitmischen, in der Mathematik aber ähnlich zu kämpfen haben wie ich. Mir war es immerhin noch möglich, trotz meiner Unfähigkeiten die Matura zu machen, was aber ist mit ihnen?

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Komfortabel, nicht?

Versteht mich bitte auf gar keinen Fall falsch, ich will mich wirklich nicht beklagen. Und erst recht will ich nicht behaupten, für mich sei es schwieriger als für andere Mütter. Ich will einzig darauf hinweisen, dass es nicht mal in meiner privilegierten Situation einfach ist, Familie und Job unter einen Hut zu bringen.

Komfortabler als ich kann man es ja wirklich nicht haben: Will ich zur Arbeit gehen, muss ich bloss meinen Laptop auf den Tisch stellen, eine Tasse Tee kochen, den guten alten Johann Sebastian auf Endlosschlaufe setzen und schon kann ich mich meinen Aufgaben widmen. Vierzig Minuten bevor die Kinder nach Hause kommen, setze ich das Mittagessen auf, wenn der Herd ohne meine Anwesenheit auskommt, kann ich mich wieder meiner Arbeit zuwenden, danach essen wir gemeinsam. Wenn es der Stundenplan der Kinder erlaubt, arbeite ich am Nachmittag weiter, ansonsten eben erst am nächsten Morgen. Steht ein Abgabetermin bevor, gibt’s auch mal eine Nachtschicht. Wirklich ideal, nicht wahr?

Na ja, in der Theorie schon. In der Praxis sieht das leider ein wenig komplizierter aus, denn in der Praxis ist auch eine von zu Hause aus arbeitende Mutter zu stetiger Flexibilität gezwungen. Mal machen einem die Schulferien einen Strich durchs sorgfältig geplante Arbeitsprogramm – diesmal dank unterschiedlicher Schulferien im Aargau und in Solothurn ganze vier Wochen lang -, mal ist die Lehrerin krank. Dann wieder liegen meine eigenen Kinder im Bett… Ach, was, ich brauche das nicht weiter auszuführen, die Situationen kennt jede berufstätige Mutter und wahrscheinlich denkt sich manch eine hin und wieder: „Wenn ich bloss von zu Hause aus arbeiten könnte. Dann könnte ich nach meinen Kindern schauen und trotzdem meine Sachen erledigen.“

Und das stimmt ja auch irgendwie. Immerhin fällt das Problem mit dem verärgerten Chef und der Krippe, die keine kranken Kinder nimmt, weg. Aber glaubt mir, das Leben findet immer einen Weg, einer berufstätigen Mutter Steine in den Weg zu legen, auch wenn eine glaubt, sie hätte die ideale Lösung gefunden. Die Steine sehen einfach ein wenig anders aus. Da ist zum Beispiel der grosse Bruder, der den kleinen „zufällig“ in den Gartenteich stösst. Oder das Telefon, das pausenlos klingelt, weil irgendwelche Kinder sich einen kleinen Venditti zum Spielen ausleihen möchten, damit es in den Schulferien nicht so langweilig ist. Oder die „Mama, mir ist soooo langweilig und warum musst du immer arbeiten, wenn wir Ferien haben?“-Diskussion. Oder die fiese Programmänderung, die dazu führt, dass „Meiner“ nicht da ist, wenn er eigentlich für die Kinder zuständig wäre, damit ich wenigstens einmal in diesen Schulferien ungestört arbeiten könnte. Und wenn mal mit Mann und Kindern alles reibungslos läuft, steht bestimmt plötzlich eine entfernte Bekannte vor der Tür, die beim besten Willen nicht begreifen will, dass ich den Computer nicht zum Spielen, sondern zum Arbeiten aufgestartet habe. Warum begreifen gewisse Menschen nicht, dass man nicht automatisch Zeit zum Kaffeetrinken hat, wenn man zu Hause ist und an einem Tisch sitzt?

Wie gesagt, ich will mich nicht beklagen, ich habe wirklich die für mich derzeit ideale Form von Familien- und Berufsleben gefunden. Und doch bin ich zuweilen ziemlich frustriert, wenn ich meine Arbeitsstunden schon wieder in den Feierabend schieben muss, weil ich die einzige in unserem ziemlich lebhaften Familiengefüge bin, die ihren Verpflichtungen zu jeder Tages- und Nachtzeit nachgehen kann. 

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Tais-toi, Edith!

Als vor einigen ein Teenager bei uns Zwischenstation machte, dauerte es nicht lange, bis eine erzürnte Nachbarin anrief, weil der Junge seine Après-Ski-Musik zu laut und zu lange laufen liess. „Das kann ja heiter werden, wenn unsere Kinder in dem Alter sind“, sagte ich damals zu „Meinem“.

Nun, noch ist keines unserer Kinder ganz so alt wie der Teenager damals war, aber die Musik dröhnt inzwischen ganz schön laut aus Karlssons Boxen. Bis anhin hat sich aber noch niemand über den Lärm beklagt. Weder meine Mutter, die zwei Etagen unter Karlsson wohnt und täglich in den Genuss von seinen Musikvorlieben kommt, noch die damals so gehässige Nachbarin, die auf dem Hundespaziergang ganz bestimmt auch mithören kann. 

Woran das liegen mag? Vermutlich daran, dass die zwei Frauen durch das markdurchdringende „Non, rien de rien. Non, je ne regrette rien..“ in ihre jungen Jahre zurückversetzt fühlen. Und so bleibt es an mir, mit zornesrotem Kopf in Karlssons Zimmer zu stürzen und zu brüllen: „Kannst du dieser Edith nicht endlich einmal den Stecker ziehen? Dieses Gejaule ist ja nicht mehr zum Aushalten!“

Ich muss unbedingt daran denken, meine Enkel eines Tages mit Bob Marley, Eros Ramazotti und Michael Jackson zu versorgen, damit ich dereinst Karlsson mit einem milden Lächeln und einem „Ach, wie ist das schön. Das erinnert mich an meine Teenagerjahre. Meinetwegen müssen sie nicht leiser drehen“ zum Wahnsinn treiben kann. 

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