Tochter geht vor

In letzter Zeit immer wieder:

„Ich muss nur noch…“

„Gleich, sobald ich fertig bin…“

„Ja, natürlich wäre das schön, aber erst mal muss ich…“

„Noch ganz kurz dies. Und dann noch kurz das. Und dann noch…“

„Gleich, habe ich gesagt. Aber das hier ist dringend…“

Immer im Haus, aber nie richtig anwesend. Anspannung, Ungeduld, gereizte Worte. Darum heute früh der spontane Entscheid:

„Pfeif auf deine Pflichten! Luise hat zwei Stunden schulfrei, also bist du jetzt einfach mal Mama. Der Rest kann warten.“

Nur ein gemeinsames Frühstück, ein bisschen Hausaufgaben, ein bisschen quatschen und natürlich einen klitzekleinen Wunsch erfüllt und der Tag war für beide besser, als er gewesen wäre, wenn ich den Pflichten den Vortritt gelassen hätte.

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Womit man sich als unerfahrene Mutter so tröstet…

Wenn der Dreijährige sich dauerhaft im Nein-Modus befindet: „Ja, er ist ein totaler Sturkopf, seine Trotzanfälle wollen kein Ende nehmen. Aber es hat ja auch sein Gutes, wenn ein Kind einen starken Willen hat. Später lässt er sich bestimmt nicht so leicht mit der Masse treiben und geht seinen eigenen Weg.“

Eine Weisheit, die sich ein paar Jahre später tatsächlich als wahr herausstellt. Bloss hat Mama nicht damit gerechnet, dass dieser starke Wille sich nicht nur gegen den Willen der Masse stellt, sondern weiterhin auch ganz gerne mit ihrem starken Willen konkurriert. 

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Wenn die Knöpfe weder Zucchini, noch Auberginen noch Tomaten essen wollen: „Irgendwann wird sich ihr Geschmacksempfinden ändern und dann werde ich wieder alles kochen können, was ich mag.“

Auch diese Weisheit bewahrheitet sich, wenn der kindliche Geschmack erwachsen wird. Manch ein Heranwachsender wird gar von tiefer Reue gepackt, dass er diese Delikatessen über Jahre verschmäht hat und so klagt er mitten im tiefsten Winter: „Wann kochst du endlich wieder mal Ratatouille?“ und er wird dein salopp hingeworfenes „Wenn das Zeug wieder Saison hat“ mit ausdauerndem Schmollen quittieren.

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Wenn täglich schon im Morgengrauen Tagwache ist: „Eines Tages werden sie nicht vor Mittag aus dem Bett gekrochen kommen.“

Wenn man von gewissen Ausnahmen absieht, ist das tatsächlich so, aber das gilt leider auch für Tage, an denen man ein volles Programm hat und ganz gerne vor dem Mittagessen aus dem Haus käme.

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Wenn das Kind Nacht für Nacht ins Elternbett schlüpft, weil es sich vor Monstern fürchtet: „Irgendwann wird es wissen, dass es keine Monster gibt und dann werden wir alle ruhiger schlafen.“

Nun gut, die meisten Kinder hören tatsächlich eines Tages auf, an Monster zu glauben. Leider erfahren sie aber wenig später, dass es auf diesem Planeten Menschen gibt, die schlimmer sind als das schlimmste Monster, das je unter ihrem Bett gelauert hat und dann tauchen Ängste auf, die sich nicht mit einem „Na gut, dann schläfst du eben bei uns“ vertreiben lassen.

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Wenn Globi, Chasperli, Pingu oder sonst eine Nervensäge in der Endlosschlaufe läuft: „Der Tag wird kommen, an dem sie das Zeug nicht mehr lustig finden und dann herrscht Ruhe.“

Stimmt, der Tag, an dem sie das Zeug nicht mehr lustig finden, kommt tatsächlich, aber Ruhe herrscht deshalb noch lange nicht, denn dann tritt Youtube mit seinen zahllosen hirnverbrannten Videos, die genau auf den pubertären Humor zugeschnitten sind, in ihr Leben. Und wenn das seinen Reiz verloren hat, entsinnen sie sich plötzlich wieder der Helden ihrer Kindheit und brüllen unter schallendem Gelächter pausenlos: „De Groll i siinere Hööli isch en dumme Löööli“ und damit ist Globi wieder zurück im Rennen. 

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Wenn man es allmählich satt hat, jeden Tag für die Meute am Herd zu stehen: „Wenn wir sie nur fleissig mithelfen lassen, werden sie sich schon bald selber etwas kochen können.“

Eine Weisheit, die sich erstaunlich früh bewahrheitet, worüber man sich von Herzen freuen darf. Man sollte allerdings bedenken, dass die Meinungen, wann eine Küche nach dem Kochen als „sauber und aufgeräumt“ zu bezeichnen ist, sehr weit auseinandergehen.

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Drachenkampf

Morgen früh muss die Abschlussarbeit abgegeben sein und heute Abend, als er – ohnehin nicht ganz fit – den letzten Schliff vornehmen will, ist plötzlich alles, was er in den vergangenen Tagen noch ergänzt hat, verschwunden. Er ist verärgert, fügt alles noch einmal neu ein, speichert brav jeden einzelnen Schritt ab, ist mit allem fertig – und bekommt eine Fehlermeldung. Wieder alles weg, noch einmal alles einfügen, immer wieder zwischenspeichern – und wieder die Fehlermeldung. Er kratzt seinen letzten Rest an Geduld zusammen, lässt sich dank meiner Überredungskunst davon abhalten, den ganzen Kram, an dem er monatelang gearbeitet hat, zu löschen und fügt noch einmal alles ein. Abschnitt für Abschnitt kämpft er sich zum Ziel, jede Seite, die korrekt ist, wird sofort ausgedruckt, damit nichts mehr schiefgehen kann. Die Nerven liegen blank, aber er wird es schaffen.

Was soll eine Mutter bloss dazu sagen? Na, was wohl? „Tief durchatmen, mein Sohn. Du wirst den Computer bezwingen, koste es, was es wolle. Am Ende wirst du als Sieger dastehen, auch wenn es Mitternacht wird, bis du den Kerl niedergerungen hast. Aber lass dir eins gesagt sein: So wird es jetzt jedes Mal laufen, wenn du einen wichtigen Abgabetermin hast. Der Computer kann deine Anspannung riechen. Frag bloss nicht wie, aber er kann es. Er wird mit aller Macht verhindern wollen, dass du deine Deadline einhalten kannst. Und glaub bloss nicht, du würdest mit der Zeit den Dreh raushaben, wie du das verhindern kannst, denn er wird dir jedes Mal einen anderen Felsbrocken in den Weg legen, an dem deine Arbeit fast zerschellt. Nicht verzweifeln, mein Junge, so ist das Leben, aber genau so, wie wir es noch jedes Mal auf den letzten Drücker geschafft haben, wirst auch du es schaffen. Als Zeichen deines Heldenmutes wirst du morgen einen blassen Teint und schwarze Augenringe tragen und jeder wird wissen, dass du einer von denen bist, die den Drachen unserer Zeit zu bezwingen wissen.“

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Zeitmaschine

Es gibt sie noch, die Tage, an denen andauernd einer heult, weil der andere so unglaublich fies und hinterhältig zu ihm war. Wobei der andere natürlich eine komplett andere Version der Ereignisse präsentiert, weshalb am Ende beide heulen.

Die Tage, an denen einer permanent eingeschnappt ist, weil jedes Wort, das aus deinem Munde kommt, aus irgend einem Grund das Falsche war.

Die Tage, an denen du während des Abendessens nur ganz kurz ans Telefon musst und wenn du wieder zurück kommst, ist einer tropfnass, einem anderen stehen die Tränen in den Augen und die Dritte rennt schreiend aus dem Zimmer. 

Die Tage, an denen du den Abwasch lieber ohne die Hilfe des Kindes, das eigentlich Küchendienst hätte, hinter dich bringst, weil es schon wieder einen der neuen Teller ruiniert hat und du nicht noch weitere Scherben ertragen kannst. 

Die Tage, an denen immer einer genau dann das Weite sucht, wenn er auf gar keinen Fall weg sein dürfte, so dass du zwischen dem Anbraten und dem Wenden der Pancakes jeweils laut nach ihm rufend auf dem Balkon stehst und dich vor dem ganzen Quartier als diejenige zu erkennen gibst, die mal wieder gar nichts im Griff hat. 

Die Tage, an denen plötzlich einer auf die Idee kommt, irgend einen Kram aus Leim, Stärkemehl, Abwaschmittel, Puderzucker und Luftballons zu fabrizieren, was natürlich tüchtig in die Hose geht, aber das wollte man dir natürlich nicht glauben, weil es bei der Basteltante auf youtube ja auch funktioniert hat.

Die Tage, an denen du alle paar Minuten sehnsuchtsvoll zur Küchenuhr schaust und dich fragst, wann dieser irre Reigen, den deine Kinder und dein PMS miteinander tanzen, endlich ein Ende finden wird.

Die Tage, an denen der Seifenspender, den du gestern frisch aufgefüllt hast und der heute schon wieder zu zwei Dritteln leer ist, der berüchtigte Tropfen ist, der das Fass zum Überlaufen bringt, so dass du an die Decke gehst wie schon lange nicht mehr. 

Die Tage, an denen du dich fühlst, als hätte dir dein Leben einen miesen Streich gespielt und dich mit einer Zeitmaschine zurück katapultiert in eine Lebensphase, in der sie alle noch klein und ohne Vernunft waren. Doch wenn du in die Runde blickst, siehst du lauter Menschen, die gross genug wären, um solchen Mist bleiben zu lassen und die auch schon mehrfach bewiesen haben, wie gut sie das können, wenn sie denn wollen.

Du musst also annehmen, dass sie nur mal wieder testen wollen, ob deine Nerven immer noch so leicht nachgeben, wenn sie lange genug darauf herumturnen.

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Wenn ich mir selber so zuhöre…

In diesen Tagen gebe ich solche und ähnliche Sätze von mir:

„Feste Erziehungsgrundsätze? Na ja, bevor wir Kinder hatten, war ich mir ziemlich sicher, wie wir die Dinge handhaben würden. Inzwischen aber ist mir klar, dass jedes Kind seine eigene Persönlichkeit hat und darum versuchen wir, jedes auf seinem eigenen Weg zu begleiten.“

„Stofftiere sind etwas vom Wichtigsten. Hätte unser Karlsson nicht seinen Eisbären David gehabt, hätte wir wohl nie erfahren, wie er sich fühlt, denn wenn er traurig oder wütend war, musste David für ihn sprechen.“

„Der richtige Altersabstand? Tja, da fragst du wohl die Falsche, denn bei uns kamen die Kinder, wie sie wollten. Allgemein gültige Regeln gibt es meiner Meinung nach aber ohnehin nicht, denn jede Konstellation bringt ihre Vor- und Nachteile mit sich.“

„Wie du als Mutter sein wirst, weisst du erst, wenn du Mutter bist. Ich musste damals ganz gewaltig über die Bücher gehen, weil ich mir einiges ganz anders vorgestellt hatte.“

„Ich glaube nicht mehr an Perfektion. Meine Kinder dürfen wissen, dass ich nicht perfekt bin. Wichtig ist mir, zu meinen Fehlern zu stehen und mich zu entschuldigen, wenn ich mich daneben benommen habe.“

Hätte mir eine erfahrene Mutter damals, als ich noch keine Kinder hatte, solche Dinge gesagt, dann hätte ich wohl gedacht, die Frau habe erstens einen Knall und zweitens keine Prinzipien. Vielleicht denken die jungen Frauen, die heute von mir solche Sätze zu hören bekommen, ganz ähnlich, aber das ist mir eigentlich egal, denn immerhin habe ich mir jede einzelne dieser Überzeugungen über steinige Umwege erkämpft. 

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Es darf auch mal so sein

Wenn die Frage auftaucht, ob Vendittis auch dabei sind, wenn die Kirchgemeinde über Auffahrt gemeinsam wegfährt, dann…

…will das Prinzchen auf jeden Fall dabei sein, denn im Haus gibt es einen Automaten, der gegen ein bisschen Kleingeld Süssigkeiten spuckt.

…möchte der Zoowärter lieber zu Hause bei seinen Legos bleiben.

…möchte der FeuerwehrRitterRömerPirat lieber zu Hause bei seinen Büchern bleiben.

…will Luise unbedingt dabei sein, denn ganz viele ihrer Freundinnen sind es auch.

… hat Karlsson keine Zeit, mitzufahren, weil er anderweitig engagiert ist, aber auch wenn er es nicht wäre, würde er nicht mitfahren wollen, da er die Ruhe liebt.

…weigert sich „Meiner“ rundheraus, denn er mag nicht drei Tage lang unter so vielen Menschen sein, erst recht nicht, wenn er in den vergangenen Woche kaum je einen ruhigen Moment hatte.

…stelle ich mich zur Verfügung, mit Luise, dem Prinzchen und einem Koffer voller Kaplas, die unser Jüngster unbedingt dabeihaben muss, hinzufahren und ein paar nette Tage unter netten Menschen zu verbringen, auch wenn es im Garten, bei den Akeleien und Kopfsalaten ebenfalls ganz nett wäre.

Das Leben in einer Grossfamilie, so stelle ich gerade fest, ist zuweilen am schönsten, wenn man nicht dem Glauben verfällt, eine glückliche Familie zeichne sich dadurch aus, dass alle andauernd alles gemeinsam unternehmen.

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Natürlich hätte es etwas gebracht

Unser Parlament findet es bekanntlich nicht nötig, dass Väter nach der Geburt ihrer Kinder zwei Wochen zu Hause bleiben dürfen und weil das nicht alle verstehen wollen, tönt es jetzt aus der Ecke, aus der die Mehrheit der Parlamentarier kommt, ein Baby brauche in den ersten Wochen vor allem seine Mutter, ein Vater könne da nicht viel ausrichten, also brauche er keinen Urlaub. Es ist zwar eine Weile her, seitdem ich zum letzten Mal mit einem frisch geschlüpften Baby alleine zu Hause war, aber es fallen mir durchaus ein paar Dinge ein, die „Meiner“ hätte ausrichten können, wenn er die zwei Wochen Urlaub gehabt hätte. Zum Beispiel:

  • Mütterlichen Kohldampf verhindern
  • Futternachschub besorgen
  • Eine oder zwei Stunden ungestörten Schlaf ermöglichen
  • Miterleben, wie viel Einsatz nötig ist, um diesem winzigen, zerbrechlichen Geschöpf zu geben, was es braucht
  • Die unzähligen kleinen und grossen Unsicherheiten der ersten Tage mittragen
  • Schreiphasen-Schichtwechsel

Und noch zwei- oder dreihundert Kleinigkeiten mehr. Bei mir hätten diese „Kleinigkeiten“ dazu beigetragen, den einen oder anderen Heulkrampf, die eine oder andere Brustentzündung, den einen oder anderen Notfalleinkauf mit schreiendem Baby zu verhindern. 

Nicht viel? Von wegen! Ein sanfterer Start in die neue Familiensituation wäre der Himmel auf Erden gewesen. Für alle Beteiligten.

(Nein, er hätte nicht gekonnt, wenn er gewollt hätte, denn er ist Lehrer. Und die Frage, ob läppische zwei Wochen genug gewesen wären, wollen wir lieber nicht aufwerfen. Soweit sind wir hierzulande in hundert Jahren noch nicht.)

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Seltenes Phänomen

Es gibt kosmische Ereignisse, die von solcher Seltenheit sind, dass die Menschheit einen Moment lang ergriffen den Atem anhält, wenn sie auftreten. Ein solches Schauspiel ereignete sich heute, an diesem ganz gewöhnlichen – wenn auch für die Jahreszeit etwas kühlen – Mittwochvormittag. Obschon das Ereignis bereits am Sonntag seine Schatten vorausgeworfen hat, haben es die Medien leider versäumt, die Weltöffentlichkeit rechtzeitig vorzuwarnen, so dass ich die einzige Augenzeugin der wunderbaren Vorgänge blieb, weshalb es nun meine Aufgabe ist, der Nachwelt davon zu berichten. 

Im Kellergeschoss eines bestimmten Hauses im solothurnischen Schönenwerd herrschte heute zwischen 08:56 und 11:23 eine totale Wäschebergfinsternis. Dieses höchst seltene Phänomen tritt an Orten auf, wo sich üblicherweise ein Wäscheberg erhebt, der sich in seinem Zu- und Abnehmen nur insofern vom Mond unterscheidet, als seine Phasen einem weniger starren Muster folgen. Ähnlich wie beim Mond kommt es auch beim Wäscheberg hin und wieder zu einer totalen Finsternis, allerdings weit seltener. Eine Wäschebergfinsternis zeichnet sich aus durch eine totale Abwesenheit von Schmutzwäsche an dem Ort, an dem sich üblicherweise der Berg erhebt. Diese Finsternis ist so total, dass sich sogar unter Zuhilfenahme der modernsten Messgeräte keine Spur des Gebirges mehr nachweisen lässt. 

Der Anblick dieses Schauspiels ist so erhebend, dass Menschen, die das Privileg haben, ihm beizuwohnen, von unbeschreiblichen Glücksgefühlen erfüllt werden. Manche geraten darob gar in Ekstase und versteigen sich in den Wahn, das ganze Universum sei ein für alle Mal befreit von Schmutzwäsche. Dies hat sich bisher leider stets als Irrtum erwiesen und auch im Kellergeschoss des besagten Hauses deuteten kurz vor Mittag erste Anzeichen auf eine erneute Wäschebergzunahme hin.

Das Glücksgefühl, das ich als einzige Zeugin dieses kosmischen Phänomens empfunden habe, wirkt allerdings noch immer nach, so dass ich derzeit der festen Überzeugung bin, durch eine Haushaltführung, die sich streng nach den Wäschebergphasen richtet, liesse sich ein übermässiges Anwachsen des Gebirges verhindern.

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Von wegen ausschlafen…

„Eines Tages“, so prophezeiten jene, die damals, als wir noch kleine Kinder hatten, schon mit grossen Kindern unterwegs waren, „werdet ihr samstags wieder ausschlafen können. Ganz bestimmt, wir legen die Hand dafür ins Feuer. Irgendwann werdet ihr eure Kinder am Wochenende nicht vor dem Mittagessen zu Gesicht bekommen.“ 

Hätten wir nur Luise, den FeuerwehrRitterRömerPiraten, den Zoowärter und das Prinzchen, dann wäre schon längst in Erfüllung gegangen, was die Propheten vorausgesagt haben, denn die Vier schlafen aus wie die Weltmeister. Aber wir haben halt auch einen Karlsson und der war nicht nur früher ein Frühaufsteher, der ist es auch heute noch. Was nicht weiter schlimm wäre, wenn er sich – wie andere Frühaufsteher – samstags damit begnügen würde, im Morgengrauen ein Tässchen Milchkaffee und ein Butterbrot zu geniessen und dabei in aller Stille die Tageszeitung zu lesen. Aber Karlsson hat anderes im Sinn. Klavier üben, zum Beispiel. Oder Geige. Oder Cembalo. Oder sich die Gesänge längst verblichener Diven – Edith hat inzwischen Gesellschaft bekommen – anhören. Oder sich morgens um Viertel nach fünf die Haare fönen, weil er es sonst nie und nimmer schafft, pünktlich um zehn vor sieben den Zug, der ihn zur Orchesterprobe bringen soll, zu erwischen. Alles nur ganz leise und sacht, denn er ist ja ein rücksichtsvoller Mensch. Aber halt doch laut genug, um seine Eltern aufzuwecken, die über Jahre trainiert haben, sich durch den Flügelschlag eines Schmetterlings aus dem tiefsten Schlaf reissen zu lassen.

Weil das alles so furchtbar löbliche Dinge sind, mit denen er sich die samstägliche Langeweile vertreibt, darf man sich nicht mal über die verfrühte Tagwache beklagen. Sonst würden jene, die uns damals versprochen hatten, wir würden bald schon länger schlafen können, nämlich sagen: „Seid doch froh, dass er so brav ist. Es hätte viel schlimmer kommen können.“ Und diesmal hätten sie sogar recht.

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Haben wir jetzt alle einen Knall?

Als ich noch nicht ganz zwölf war, fuhr ich täglich ins nächstgelegene Städtchen zur Schule. Meistens mit dem Velo, egal wie glatt die Strassen waren, oft in waghalsige Manöver mit meinen Mitschülerinnen verwickelt, fast immer ohne Vernunft und darum nicht selten bei Dunkelheit ohne Rücklicht. Später dann, als Busfahrplan und Stundenplan besser zusammen passten und ich für eine kurze Zeit in meinem Leben sehr besorgt war um meine Frisur, legte ich den Weg öfter mal mit dem Bus zurück. So alltäglich war das, dass meine Eltern nicht im Traum darauf gekommen wären, sich je um mich zu sorgen. Sie hupten höchstens mal verärgert, wenn sie zufällig auf der gleichen Strecke unterwegs waren und mich dabei erwischten, wie ich mich von einem Mitschüler, der den Weg motorisiert zurücklegte, mitziehen liess. 

Zu jenen Zeiten sorgten sich Eltern generell wenig um ihre Kinder. Vermutlich ist mir darum der eine Abend, an dem mich meine Mutter ziemlich besorgt und deshalb leicht angesäuert in Empfang nahm, so lebhaft in Erinnerung geblieben. Es war mir leider nicht in den Sinn gekommen, ein Lebenszeichen von mir zu geben, als ich mit „Meinem“ auf einer Velotour in ein heftiges Gewitter geriet. Ich konnte absolut nicht nachvollziehen, weshalb sie plötzlich so ein Aufhebens machte. Zu Hause anrufen mussten doch nur Söhne und Töchter überbesorgter Glucken. Also zum Beispiel „Meiner“…

Inzwischen ist der FeuerwehrRitterRömerPirat fast zwölf und heute zum ersten Mal alleine mit dem Bus in der Stadt. Nur zwei Bücher will er kaufen, mehr nicht, aber natürlich hat er nicht nur sein Portemonnaie dabei, sondern auch das von mir abgezählte Kleingeld für das Billett, mein Handy und eine Notiz mit den Abfahrtszeiten des Busses. Der Junge weiss genau, was er zu tun hat, er kennt den Weg, die Buchhandlung, die Stadt und mehr als eine Stunde wird er nicht weg sein. Dennoch überlege ich mir seit dem Moment, in dem die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen ist, ob ich ihn nicht vielleicht kurz anrufen soll um zu fragen, ob alles in Ordnung ist.  

Peinlich. Und äusserst beunruhigend, denn für mein Verhalten kann es nur drei mögliche Gründe geben:

  1. Ich werde allmählich wie meine Schwiegermutter.
  2. Ich habe sonst irgend einen Knall.
  3. Die Möglichkeiten der mobilen Kommunikation machen aus allen Müttern überbesorgte Glucken.

Ich weiss noch nicht so recht, welchen dieser drei möglichen Gründe ich am beunruhigendsten finde. 

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