Leftovers

Da ich noch komplett geschafft bin von meiner Lesung, heute einfach nur ein Text, den ich gestern meinem Publikum vorgelesen habe. Immerhin ist er taufrisch:

Acht Dinge, auf die man in der Weihnachtszeit verzichten könnte

Der Schwiegermama-Panettone

Ein anständiger Panettone ist eine richtig gute Sache, ein anständiger Panettone hat aber auch seinen Preis. Panettone wird aber gewöhnlich von italienischen Schwiegermamas für ihre Schwiegertöchter gekauft und für dieses Miststück, das einem den Sohn weggeschnappt hat, gibt man nicht mehr Geld aus als unbedingt nötig. Darum landet bei Menschen wie mir, die einer italienischen Mama den Sohn weggeschnappt haben, jedes Jahr ein Schwiegermama-Panettone unter dem Tannenbaum. So ein staubtrockenes Ding mit vielen Rosinen drin, das man irgendwann im Januar, wenn die Essensvorräte allmählich schwinden und noch kein Geld auf dem Konto ist, beim trüben Schein einer übriggebliebenen Weihnachtskerze verzehrt.

Die Weihnachtskarte vom Garagisten, bei dem du schon längst nicht mehr Kunde bist

Du nimmst dieses edle, gepolsterte Couvert mit von Hand geschriebener Anschrift aus dem Briefkasten und freust dich. Ob jemand heiratet? Vielleicht hat auch jemand ein Kind geboren. Oder ein lieber Mensch hat sich mit einem Tässchen Tee an einen Tisch gesetzt, um dir ein paar liebe Zeilen zu schreiben. Erwartungsvoll machst du das Couvert auf, ganz vorsichtig nur, um das edle Papier nicht kaputt zu machen, du greifst hinein – und hältst die kitschigste, billigte Festtagskarte aller Zeiten in den Händen. „Frohe Weihnachten und ach, wo wir schon dabei sind, wir haben diese tolle Aktion für Schneeketten…“

Die Weihnachtskarte von dem piekfeinen Ferienresort, das du zu finanziell besseren Zeiten mal besucht hast

Da besitzt doch tatsächlich einer die Frechheit, dich daran zu erinnern, dass du in grauer Vorzeit, als du noch gänzlich ohne Kinder warst, das Kleingeld hattest, dich auf ihrem Weingut in der Toscana auf einem Liegestuhl zu fläzen. Und das erst noch in der Weihnachtszeit, wenn dir täglich vor Augen geführt wird, dass alles, was von deinem sauer verdienten Geld nach Steuern und Krankenkasse noch übrig bleibt, draufgeht für „Lego Chima und Hot Wheels und Transformers und und und Mama, Kapla brauche ich auch noch mehr, ganz dringend und Inline Skates und dann noch Lego Movie…“

Der Weihnachtsundbrief von deinen amerikanischen Freunden

Ihr wisst schon: Der Fünfjährige hat gerade das Konzertdiplom am Klavier erlangt, die Zehnjährige macht nächstes Jahr den Doktor in Quantenphysik und der Zwölfjährige hat gute Chancen auf den Literaturnobelpreis. Papa wurde aufgrund seiner Verdienste zum persönlichen Berater des Präsidenten ernannt, Mama hat zur Belohnung, dass sie ein Medikament gegen Krebs entwickelt hat, ohne Sauerstoff den Mount Everest bestiegen, wo sie zusammen mit dem Familienhund eine ganze Expeditionstruppe vor dem sicheren Tod gerettet hat. Dazu ein Familienfoto, alle blitzsauber und piekfein angezogen, aufgenommen vor dem Taj Mahal. Nach der Lektüre solcher Briefe schaue ich jeweils mit trübem Blick auf meine eigene Truppe, die mal wieder nichts anderes zustande bringt, als mir kurz vor Weihnachten den Magen-Darm-Käfer ins Haus zu schleppen, und seufze tief.

Der Samichlaus,

der ein paar Momente, nachdem er bei uns war, gut sichtbar in Nachbars Wohnzimmer sitzt und das erst noch in einem anderen Gewand, als der bei uns anhatte. Wie, bitte sehr, erkläre ich das meinem Kind? Wenigstens die Vorhänge hätten die während seines Besuchs zuziehen können, wo sie schon dieses Riesenfenster haben einbauen lassen.

Diese Kindergeschenke…

Die Kinder können wirklich nichts dafür, es sind die Lehrer, die noch immer die Geschenkidee, die sie irgendwann zu Beginn ihrer Laufbahn mal hatten, bei jeder Klasse wieder hervorkramen. Wer mehrere Kinder hat, darf sich also Jahr für Jahr das gleich geformte Paket mit gleichem Inhalt überreichen lassen. Wehe dem, der den überraschten Blick nicht fleissig genug geübt hat. Ein zutiefst enttäuschtes Kind ist ihm auf sicher.

Die Nachrichten aus aller Welt,

die sich einen Dreck darum scheren, dass du jetzt eigentlich Weihnachten feiern und so tun möchtest, als wäre alles nur glitzerig und glänzend.

Last Christmas I gave you my heart but the very next day you gave it away…

Dazu brauche ich ja wohl nichts weiter zu sagen…

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Gerätevermehrung

Am Anfang war da nichts. Na ja, fast nichts. Die Überzeugung, dass wir auch ohne können, die war da, felsenfest. Irgendwann kamen dann doch die ersten Gehversuche, unfreiwillig noch, ziemlich mühsam obendrein, aber ein paar Vorteile liessen sich erahnen. Er blieb bei seinem klaren Nein, ich meinte, vielleicht, irgendwann, später einmal könnte das schon noch interessant werden. Zwei oder drei Jahre später der Einstieg ins Uni- und Berufsleben, bei mir verbunden mit der Pflicht, mich in die Sache einzuarbeiten, bei ihm blieb es freiwillig, also blieb auch seine Überzeugung, dass er es nicht braucht. Mir fing es derweilen an, Spass zu machen, die Empörung, als die Professorin verlangte, dass jeder Student sich eine E-Mail-Adresse zulegt, war dennoch riesig. In unsere erste Wohnung zog also auch ein Computer ein. Ein grosses Ding, mit klotzigem Monitor und schwerem Tower. Er blieb skeptisch, war dann aber auch der Meinung, ein Internetanschluss könnte vielleicht ganz praktisch sein. Der Computer war meine Domäne, er gab sich nur damit ab, wenn es sich nicht vermeiden liess. 

Zeitgleich stellte sich die Frage, ob man so ein Handy, das plötzlich alle hatten, braucht. Wir waren uns einig: Braucht man nicht. Wir blieben uns einig, bis sich Nachwuchs ankündigte und er erreichbar sein wollte, auch während der Schulstunden. Diesmal war ich skeptisch, doch eine Aktion bei der Migros – zwei für eins oder so – setzte meinem Widerstand ein Ende. 

Irgendwann zog Apple bei uns ein, die sperrigen Computerdinger mir Tower und Kabelsalat verschwanden, die durchwachten Nächte, während derer ich versuchte, Probleme zu lösen und Viren zu vertreiben, gehörten der Vergangenheit an. Jetzt fiel es auch ihm leichter, sich mit dem Zeug anzufreunden. Steuererklärungen, E-Banking und Pannen blieben aber ganz klar meine Aufgabe. Dann sah ich zum ersten Mal ein Tablet und war hin und weg, was ihn dazu bewog, mir eines zur Veröffentlichung des ersten Buches zu schenken. Das Gerät gehörte mir ganz alleine, wurde aber doch von allen Familienmitgliedern – inklusive dem Jüngsten, der damals gerade mal zwei war – eifrig genutzt, bis es den Geist aufgab. Ein Ersatz musste schnell her, wieder sollte er mir alleine gehören, denn die anderen hatten ja den neuen Computer, den Laptop und den alten Computer.

Als er sich trotzdem immer und immer wieder an meinem Tablet vergriff, schenkte ich ihm sein eigenes Mini-Tablet. Der Älteste hatte da schon sein erstes Smartphone, die Tochter einen iPod. Dann fing er an, Kurse zu erteilen, wollte nicht immer den Laptop mitschleppen, hatte auf dem Mini-Ding aber kein Platz für die benötigte Software. Er bekam ein grosses Tablet, das Mini-Ding wurde mit Lern-Apps für die Kinder vollgestopft, die Tochter bekam ein Smartphone, ich gewann beim Wettbewerb ein Fairphone und musste mir einen neuen Laptop anschaffen, der Dritte durfte den iPod des Cousins übernehmen, der Älteste ersteigerte sich mit seinem Geburtstagsgeld sein eigenes Tablet…

Plötzlich überall Geräte, Kabelsalat, weil jetzt jeder immer irgend etwas am Aufladen ist und manchmal die erstaunte Frage, ob wir wirklich mal im Ernst geglaubt hatten, wir könnten uns dieser Sache entziehen. 

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Es – Ja – Nein

„Meiner“ und ich sind jetzt in dem Alter, in dem Bekannte, die einander irgendwann zwischen achtzehn und fünfunddreissig gefunden haben, wieder auseinandergehen. Manchmal trifft einen eine solche Nachricht wie ein Schlag und man läuft tagelang mit einem schmerzenden Klumpen im Magen rum. Manchmal muss man sich ein „Eigentlich erstaunlich, dass es bei den zweien so lange gehalten hat“ verkneifen. Manchmal fragt man sich, ob es denn wirklich keinen anderen Weg gegeben hätte. Manchmal – nur selten, Gott sei Dank – denkt man, dass er oder sie gut daran getan hat, dieses als Ehe getarnte Machtspiel endlich zu beenden.

Was auch immer die Gründe für das Scheitern einer Beziehung sein mögen, „Meinem“ und mir drängen sich jedes Mal ein paar Fragen zu unserem eigenen Leben auf: Leben wir noch miteinander, oder funktionieren wir nur noch? Tragen die Stärken unserer Beziehung noch, oder nehmen die Schwächen überhand? Sind wir echt und ehrlich, oder machen wir einander und uns selber etwas vor? Wir sind froh, jedes Mal zum Schluss zu kommen, dass wir beide noch immer voll dabei sind. Nicht immer gleich motiviert, das müssen wir beide offen zugeben, denn wir sind ganz schön talentiert darin, einander auf die Nerven zu fallen und uns wie die Vollidioten zu benehmen, wenn der eine nicht so tut, wie der andere es gerne hätte. Aber am Grundsatz, dass wir beide zusammengehören und dass wir noch ziemlich viel miteinander vorhaben, rüttelt keiner von uns beiden. Das beruhigt uns, denn auch wir wissen, was alle, die unserer Generation angehören wissen: Die Garantie, dass es hält, hat niemand.

Beweise dafür gibt es mehr als genug, wir müssen uns nur mal ein wenig umschauen. Schmerzhafte Geschichten, soweit das Auge reicht und wohl keiner, der eine solche Geschichte erlebt hat, ist mal am Traualtar gestanden mit dem bewussten Ziel, irgendwann beim Scheidungsrichter anzutraben. Zu behaupten, es gäbe ein Rezept mit Gelinggarantie für eine funktionierende, lebenslange Beziehung, wäre ganz und gar vermessen. Dennoch stört mich dieses eine kleine Wörtchen in „Niemand hat die Garantie, dass es hält“ immer mehr. Dieses „Es“ suggeriert, dass man dem Lauf der Dinge voll und ganz ausgeliefert ist, dass „Es“ halt einfach passiert mit dem Auseinanderleben. 

Zugegeben, in so einem Leben zu zweit passieren sehr viele Dinge einfach so. Man gerät andauernd aneinander, weil der ganze Tag so grauenhaft war, dass man abends keinen mehr erträgt, der motzt, man hätte beim Wocheneinkauf zu viel Geld ausgegeben. Jeder ist so sehr mit seinen eigenen Lasten ausgelastet, dass der andere nur noch als derjenige wahrgenommen wird, der  nicht beim Tragen hilft. Manchmal schlägt das Schicksal so erbarmungslos zu, dass man sich dem Leben ohnehin nur noch ausgeliefert sieht. Und nicht mal den charmanten Arbeitskollegen, der so viel mehr Interesse an der neuen Frisur zeigt, sucht man sich aus… „Es“ passiert halt wirklich sehr viel einfach so und es liegt mir fern, Menschen zu verurteilen, die sich diesem „Es“ nicht gewachsen sehen.

Dennoch finde ich, dass in einer Beziehung auch noch ein anderes Wort eine entscheidende Rolle spielen sollte, nämlich das „Ja“. Ich meine jetzt nicht das „Ja“, das man sich bei irgend einer – meist ziemlich feierlichen – Gelegenheit mal im Rausch der schönen Gefühle gegeben hat. Ich meine das „Ja“ mitten im rauen, manchmal fast unerträglichen Leben. Das „Ja“ zu dem Menschen an meiner Seite, der alles andere als perfekt ist, der aber immerhin grosszügig genug ist, mich so zu nehmen, wie ich bin – nämlich auch nicht perfekt. Das „Ja“ zu dem Menschen, der der einzige Mensch auf diesem Planeten ist, der das Einzigartigste, was mir mein Leben schenken konnte – meine Kinder – mit ebenso viel Leidenschaft und Schmerz liebt wie ich. Das „Ja“ zu dem Menschen, der irgendwo, unter all dem, was das Leben mit ihm angestellt hat, noch immer derjenige ist, zu dem ich im Rausch der Gefühle vor langer Zeit ja gesagt habe. Dieses „Ja“, das begriffen hat, dass kein Mensch mir alles geben kann, was ich mir in meinem Leben wünsche und dass ich darum aufhören kann, von ihm zu erwarten, was ihm gar nicht möglich ist. Ein „Ja“, das sich dem „Es“ entgegenstellt, oder es zumindest versucht. 

Ich gebe es offen zu: Manchmal muss ich ziemlich lange suchen, bis ich dieses „Ja“ unter dem ganzen Alltagskram finden kann und ich bin mir sicher, dass es „Meinem“ gleich geht. Dass wir dieses „Ja“ bis anhin immer wieder gefunden haben, erachten wir beide als grosses Geschenk und nicht als Selbstverständlichkeit.

Ich kann auch verstehen, dass es Lebenssituationen gibt, in denen sich dieses „Ja“ nicht mehr finden lässt, egal, wie verzweifelt man danach sucht. Aber irgendwie würde ich mir wünschen, dass Beziehungen nicht am „Es“ scheitern, sondern weil sich das klare „Ja“ in eine klares „Nein“ verwandelt hat.

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Sechs Dinge, die mir zeigen, dass ich zum alten Eisen gehöre

  • Zweimal bis ein Uhr nachts Sachen für den Adventsmarkt fertigstellen, ein Tag am Marktstand, eine Gottesdienstmoderation und mein Körper spielt die beleidigte Leberwurst. Führt sich auf wie ein übellauniger Teenager, der den ganzen Tag nur noch schlafen, herumlümmeln und sich mit Koffein volllaufen lassen will. 
  • Ich muss mir von meinen Kindern erklären lassen, wie Android funktioniert. Apple ist ja sowas von altmodisch. Elternkram halt.
  • Die Hits, zu denen wir als Teenager getanzt haben, bekomme ich heute auf der Trompete vorgeblasen. 
  • Meine Ansichten kommen aus der Mode. Nein, sie haben sich nicht grundlegend geändert, sie sind einfach nicht mehr so gefragt. Wer in sein will, bekommt keine Gänsehaut, wenn er an den Fall des Eisernen Vorhangs denkt, sondern ärgert sich über die Herausforderungen, die das Ganze mit sich gebracht hat. Wer in sein will, sieht im Fremden auch keine Chance zur Horizonterweiterung, sondern einzig und allein eine Bedrohung. (Na ja, immerhin sind wir noch nicht so weit, dass Ecopop an der Abstimmungsurne eine Chance hatte…) 
  • Wenn mir junge Frauen erzählen, wie das heutzutage so läuft zwischen Männlein und Weiblein, überkommt mich ein unbändiger Drang, mich bei Alice Schwarzer auszuheulen. (Dabei bin ich nicht mal besonders feministisch, sondern vertrete noch immer die Ansicht, der Welt ginge es am besten, würden Frauen und Männer endlich zusammenspannen.)
  • Ich verstehe gewisse junge Mütter nicht mehr. (Laufgitter? Kinderleine? Anschnallen im Hochstuhl? Das kann doch nicht euer Ernst sein.)

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Die Sache mit dem Winter

Obschon er nun schon sechs ist, befindet sich das Prinzchen noch voll im magischen Alter, was ich eigentlich gar nicht so schlecht finde. Der Junge hat noch mehr als genug Zeit, sich mit der harten Realität des Lebens auseinanderzusetzen. In letzter Zeit fange ich trotzdem an, mir Sorgen zu machen. Immer öfter schleichen sich die fantastischen Elemente nämlich auch in Zeichnungen ein, auf denen er ganz und gar realistische Dinge darstellt. Da kann es zum Beispiel sein, dass er auf einem Bild einen ganz gewöhnlichen Samichlaus von nebenan zeichnet, daneben ein Christkind, wie man es fast jeden Tag beim Einkauf oder im Büro antrifft und dann lässt er vom Himmel weisse Flocken fallen. Schnee sei das, sagt er und manchmal versteigt er sich in seiner Fantasie sogar so weit, einen Schneemann zu zeichnen. Neulich habe ich ihn dabei erwischt, wie er etwas, was wie Eiszapfen aussieht, aufs Papier brachte, dazu sang er irgend ein fantastisches Lied von Schlitten, Schneebällen und dergleichen. Als ich seine Zeichnung lobte, fragte er mich, wann es denn eigentlich schneien werde, er möchte so gerne mal einen Schneemann bauen.

In diesem Moment dämmerte mir, dass mein Jüngster die Sache mit der Kälte und dem Schnee wirklich glaubt. Er scheint fest davon überzeugt zu sein, dass das, was er zeichnet und singt, demnächst eintreffen wird. Das macht mir echt Sorgen. Ob ich ihm erklären soll, dass die Erwachsenen das ganze Wintertzeugs nur erfunden haben, um kleinen Kindern eine Freude zu machen? Ob ich ihm gestehen muss, dass man nicht so genau wissen kann, ob es in alten Zeiten wirklich Schnee gegeben hat, oder ob da nur die Fantasie mit dem Geschichtenerzähler durchgegangen ist?

Ob es überhaupt etwas bringen wird, ihm die Sache auszureden? Immerhin gibt es zahlreiche Erwachsene, die noch immer an Winter und Kälte glauben. Am Montag habe ich doch tatsächlich eine Erwachsene getroffen, die behauptet hat, es saukalt draussen. Eine Stunde später ist mir ein Schmetterling begegnet.

Was mich nicht weiter erstaunt hat. Immerhin haben wir Ende November und somit Hochsaison für Schmetterlinge. 

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Mein lieber Herr Hamchiti

Seit bald drei Jahren begleite ich Sie nun schon durch Ihr nicht immer einfaches Leben. Bei mir fragen die Leute nach, wenn Sie mal wieder nicht zum vereinbarten Arzttermin erschienen sind, ich bin die Erste, die es erfährt, wenn Ihre Frau die Ratenzahlungen für irgend ein unverzichtbares Haushaltgerät nicht rechtzeitig überwiesen hat, ich weiss auch Bescheid, wenn die Ärztekasse wieder mal vergeblich auf Ihre Einzahlung gewartet hat. Seitdem Sie vor fast drei Jahren so lieb waren, mir Ihre Telefonnummer zu überlassen, hatte ich auch schon das eine oder andere Mal Gelegenheit, Ihre Freunde und Verwandten aus dem Kosovo ein wenig kennen zu lernen. Wirklich nette Leute, mal abgesehen von der schwerhörigen Alten, die mir nicht glauben wollte, dass ich nicht weiss, wo Sie gerade stecken. Ihre Oma? Zu gerne möchte ich wissen, was Sie ausgefressen haben, um die Frau derart auf die Palme zu treiben.

Es war nicht immer einfach, mit Ihnen unterwegs zu sein, das gebe ich zu. Einem Menschen beizustehen, der überall, wo er durchgeht, einen Haufen unzufriedene Menschen hinter sich lässt, geht an die Substanz, das können Sie mir glauben. Manchmal empfand ich Wut, manchmal schämte ich mich für Sie, manchmal hatte ich auch Mitleid, denn wie ich inzwischen herausgefunden habe, trägt Ihre Frau nicht wenig zu Ihrer angespannten finanziellen Lage bei und es muss schwer sein, einer solchen Frau begreiflich zu machen, dass der neue Wischmopp nun einfach nicht drinliegt diesen Monat.

Wie gesagt, mein lieber Herr Hamchiti, Sie fallen mir zwar auf die Nerven, aber inzwischen sind Sie mir so vertraut, dass Sie irgendwie zu meinem Leben gehören. So etwas wie heute früh müssen Sie mir trotzdem nie mehr bieten. Wissen Sie eigentlich, wie ich mich fühle, wenn fünf Minuten nachdem meine Lieben das Haus verlassen haben, die Kantonspolizei anruft? Wissen Sie eigentlich, wie ähnlich die Namen „Herr Hamchiti“ und „Herr Venditti“ bei schlechtem Empfang klingen? Und wissen Sie eigentlich, wie lange es dauert, bis ich mein Herz wieder aus der Hose gefischt habe, nachdem ich vor meinem inneren Auge schon mindestens eines meiner zahlreichen Familienmitglieder als Opfer eines Unfalls gesehen habe?

Mein lieber Herr Hamchiti, es ist mir eigentlich egal, wie wenig Sie Ihr Leben im Griff haben, aber wenn die Polizei ruft, dann halten Sie beim nächsten Mal gefälligst Ihren Termin ein. Und seien Sie bitte pünktlich, denn sonst rufen die wieder mich an. Auch wenn ich den netten Polizisten darum gebeten habe, diese Nummer umgehend zu löschen.

So langsam fange ich nämlich an zu begreifen, dass Sie weiterhin fröhlich diese Nummer angeben, wenn Sie nach einem Festnetzanschluss gefragt werden. Auch wenn diese Nummer schon längst nicht mehr Ihnen gehört, sondern mir. 

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Schwimmen im Mainstream

Gestern Vormittag sass ich am Esstisch und sortierte Disney-Sammelbildchen. Nach einer Weile gesellte sich eine frühere Version meiner selbst – deutlich jünger und noch kinderlos – zu mir. „Was um Himmels Willen tust du da?“, fragte sie mich. „Na ja, ich sortiere gerade diese Sammelbildchen, die sie bei Coop haben. Der Zoowärter hat sein Buch jetzt dann gleich voll und die Doppelten bekommt…“

„Das kann ich wohl sehen“, unterbrach mich mein Gast, „aber wie kommst ausgerechnet du dazu, so etwas zu machen? Was ist aus ‚Ich bin Migros und Coop kann mir gestohlen bleiben‘ geworden? Wo ist deine klare Absage an Disney und anderen Kommerz geblieben? Wo ist die Frau, die lauthals verkündet hat, Kinder müssten nicht immer jeden Mist mitmachen? Was ist mit deiner klaren Linie, die du mal hattest?“

„Jetzt mal langsam“, fiel ich meinem früheren Ich ins Wort. „Ich bin und bleibe treue Migros-Kundin…“

„Genau. Darum hast du auch einen Stapel mit Coop-Sammelbildchen vor dir“, meinte mein Gast spöttisch. 

„Willst du mich wohl ausreden lassen? Die Bildchen bekomme ich von ganz vielen lieben Menschen geschenkt, die dem Disney-verrückten Zoowärter eine Freude bereiten wollen.“

„So, wir haben jetzt also auch einen Disney-verrückten Sohn. Wir sind jetzt also auch Mainstream.“

„Nur weil mein Sohn Disney-Bildchen sammeln darf, heisst das noch lange nicht, dass wir Mainstream sind. Immerhin haben ‚Meiner‘ und ich mehr Kinder als der Schweizer Durchschnitt, wir fahren einen klapprigen Fünfplätzer, nächsten Frühling verreisen wir für zwei Monate mit der Familie…“

„Hach, wie ist das doch jämmerlich“, unterbrach mich mein früheres Ich. „Da sitzt du umringt von Schneewittchen, Winnie the Pooh und den Sieben Zwergen und glaubst, mir weis machen zu können, du würdest gegen den Strom schwimmen.“

„Gegen den Strom schwimmen ist gar nicht so einfach, wenn man Kinder hat“, gab ich trotzig zurück. „Wir verbieten Lego Star Wars, Spider Man und Kriegsspielzeug, da können wir nicht auch noch zu Donald, Goofy & Co. nein sagen.“

Mein früheres Ich sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Könnt ihr nicht? Früher hättest du gekonnt.“

„Früher hatte ich keine Kinder.“

„Früher hättest du gewusst, wie man das nennt, was du tust. Kompromiss nennt man das. Ein Wort, das du früher zu Recht verabscheut hast.“

„Früher musste ich nicht in samtweiche, bettelnde Kinderaugen blicken, wenn ich einen Entscheid zu fällen hatte.“

„Früher hätten dir samtweiche, bettelnde Kinderaugen nichts anhaben können. Du wusstest, dass Prinzipien einzuhalten sind.

„Wenn ich früher von samtweichen, bettelnden Kinderaugen angeschaut wurde, waren das nicht die Augen meiner eigenen Kinder. Du hast ja keine Ahnung, was Muttersein mit dir anstellt.“

„Wenn ich mir dich so ansehe, kann ich mir ziemlich genau vorstellen, was Muttersein mit einem anstellt. Man wird eine Fahne im Wind, ein prinzipienloses Wesen, das sich spielend leicht um den Finger wickeln lässt. Man macht gedankenlos jeden erdenklichen Kommerz-Scheiss mit und…“. Mein Gast zögerte einen Augenblick, fuhr dann aber fort: „…man wird doof. Weisst du eigentlich, welchen jämmerlichen Anblick du mit deinen Sammelbildchen abgibst?“

„Okay, in diesem einen Punkt muss ich dir leider Recht geben. Glaub mir, ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich meine kostbare Zeit je mit solchen Dingen verschwenden würde. Und dass ich sogar einen Sammelaufruf auf Facebook gepostet habe…“

„Was ist Facebook? Noch nie gehört.“

„Ach, das ist so eine Sache, die sie irgendwann erfunden haben. Eine Art Kommunikationsmittel. Nicht der Rede wert…“

„Spar dir deine Erklärungen. Wird wohl auch so eine Mainstream-Sache sein, bei der du angeblich gegen den Strom schwimmst“, sagte mein früheres Ich und ging aus dem Zimmer, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen. 

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Sie sind alle so irr und ich bin ihr Chef

Schuld an allem ist dieser Asthmaanfall. Keiner von diesen gewöhnlichen, die mit ein paar Hüben aus dem Inhalator abgewendet sind, sondern ein richtig heftiger. Einer, der dich tagelang ins Bett zwingt, der dich dazu veranlasst, mit schwacher Stimme bei der medizinischen Hotline ein Rezept für Notfallmedikamente zu erbetteln und der deine medizinisch ausgebildete Schwester zur Drohung verleitet, sie würde dich auf die Notfallstation bringen, wenn du nicht brav dein Kortison schlucken würdest. Ein Asthmaanfall, der dafür sorgt, dass du in deinem eigenen Familienleben nicht mehr der (meistens nicht wirklich) ruhende Pol bist, sondern lediglich ein Statist, der zwar hin und wieder mit heiserer Stimme einen kurzatmigen Befehl bellen darf, ansonsten aber nur dabei zuschauen kann, was diese Irren, die du deine Liebsten nennst, den ganzen Tag so treiben.

In diesem Haus kann es dir zum Beispiel passieren, dass du morgens um zwanzig nach fünf von Edith Piaf, die im Wohnzimmer ein äusserst melancholisches Konzert gibt, geweckt wirst. Gut, so etwas passiert dir nur, wenn du am Vorabend entschieden hast, auf dem Sofa zu schlafen, weil du „Deinem“ mit deinem andauernden Gebell nicht den Schlaf rauben willst. Netflix reinziehen kannst du dir ja auch nicht, wenn er neben dir schlafen sollte und Netflix brauchst du, weil das Kortison der Meinung ist, Schlaf sei eine vollkommen überbewertete Sache, die nur für Kinder und Memmen erschaffen worden ist. (Was zu Netflix noch zu sagen wäre: Dass ich nach den letzen Überbleibseln von „House of Cards“, zwei äusserst deprimierenden Independent-Filmen und einer mittelmässigen Literaturverfilmung inzwischen bei „Gossip Girl“ gelandet bin, sagt rein gar nichts über meinen Filmgeschmack aus, dafür aber sehr viel über die Auswirkungen von mangelhafter Sauerstoffzufuhr.)

Nun aber zurück zu Edith Piaf, die dich zu vollkommen unchristlicher Stunde aus dem doch noch gefundenen Schlaf reisst. Eingeladen hat sie dein fleissiger Ältester, der zu eben dieser unchristlichen Stunde die Zeit gekommen sieht, am Wohnzimmertisch an seinem Vortrag zu arbeiten und sich von Edith Mut zusingen zu lassen. Und Mut braucht er, denn er schreibt seinen Vortragstext gerade von Hand auf sehr viele Seiten Papier. Nicht etwa, weil er dich im Morgengrauen vor der Bitte um das Passwort für deinen Laptop hat verschonen wollen, sondern weil „man sich die Dinge viel besser merken kann, wenn man sie von Hand geschrieben hat“. Ich sag’s doch, dieses „Kind“ ist eindeutig im falschen Jahrhundert zur Welt gekommen…

Noch so eine Episode aus diesem Irrenhaus: Das Prinzchen bringt Guetzli aus dem Kindergarten nach Hause. Selber gebacken und nahezu rabenschwarz. Nein, nicht Oreo-Schwarz, sondern „Wir waren etwas zu lange im Ofen, vielleicht sieben oder acht Minuten“-Schwarz. Augenblicke später vernimmst du heftige Kampfgeräusche aus dem Prinzchenzimmer, bald darauf sind drei am heulen. Was ist geschehen? Das Prinzchen hat nicht auf Anhieb erkannt, dass die Tatsache, dass ihm der FeuerwehrRitterRömerPirat neulich einen Franken und ein Disney-Figürchen geschenkt hat, ihn automatisch dazu verpflichtet, ungefragt ein paar angebrannte Guetzli abzutreten. Es fliegen Fäuste und Gegenstände, der Zoowärter als eigentlich unbeteiligter Dritter wird irgendwie auch noch in die Sache hereingezogen, lautes Geheul und keiner ist Schuld. Höchste Zeit für die Statistin, mal wieder ein wenig zu bellen. Momente später ist alles wieder friedlich, der FeuerwehrRitterRömerPirat kommt mit einem rabenschwarzen Guetzli aus dem Prinzchenzimmer. „Es ist angebrannt“, sagt er. „Mir egal, nach dem Theater, das du veranstaltet hast, um eines zu bekommen, wird das Ding gegessen“, antwortet die Statistin vollkommen ungerührt. 

Dann noch diese Szene hier, die schon fast rührend ist: Du liegst im Bett und versuchst zu stricken, damit du zumindest ein wenig produktiv bist. Die Katze, die partout nicht begreifen will, dass du es nicht magst, wenn sie sich auf deinen Beinen niederlässt, stellt sich so ungeschickt an, dass du die Zopfstricknadel fallen lässt. Unter Jammern und Stöhnen begibst du dich unters Bett, um die Nadel zu suchen. In dem Moment betritt einer deiner Söhne das Zimmer, er sieht dich am Boden, fragt was los sei und meint dann: „Leg dich wieder hin, Mama. Ich such dir die Nadel. Du bist jetzt viel zu schwach für solche Sachen.“ 

Ach ja, dann war da noch die Sache mit der Katze, die Karlssons Sportschuhe mit dem Katzenklo verwechselt hat, oder Luise, die beweisen wollte, dass sie in der Cello-Hülle schlafen könnte, wenn sie wollte, oder der Moment, als der Zoowärter vollkommen frei von Ironie erzählte, die Lehrerin hätte vergessen, dass sie nicht angeschriebene aber richtig gelöste Blätter der Schüler nicht mehr zerreissen dürfe und habe es deshalb trotzdem getan, aber sie habe sich danach entschuldigt, darum sei es nicht weiter schlimm.

Nachdem du ein paar Tage lang dieses Geschehens von der Seitenlinie aus betrachtet hast, bleibt dir nichts anderes übrig, als in Anlehnung an Römer Strategus aus „Asterix und die Goten“ zu seufzen: „Sie sind alle so irr und ich bin ihr Chef.“ 

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Eine kleine Ausnahme

Fragt mich nicht, warum ich das tue, aber ich tu’s für einmal trotzdem: Ich beantworte ein paar Fragen, die Lego mir vor ein paar Wochen gestellt hat. Vielleicht tue ich es einfach, weil sie in ihrem Blog so nette Dinge über mich geschrieben hat und ich ihr deshalb eine Freude machen will. Das also wollte sie von mir wissen:

1. Was war das peinlichste, dass du je machen musstest?

Hmmmm, ich weiss nicht so recht. Peinlichkeiten verdränge ich immer möglichst schnell. Da war mal etwas mit einem Schuh im obersten Schrankfach. Oder mit einer Windel, die ausgerechnet auf der vollbesetzten Sonnenterrasse eines Bergrestaurants ihren Geist aufgegeben hat. Oder… ach was, ich hab’s tatsächlich verdrängt.

2. Wenn du eine Disney-Prinzessin sein könntest, welche wärst du? Auch die Männer da draussen!

Schneewittchen, vermutlich. Ist die Einzige, die ich auf den ersten Blick erkenne.

3. Wenn du durch die Zeit reisen könntest, in welches Jahr würdest du reisen? Warum?

Fest steht: In die Vergangenheit. Aber wohin genau? Da gibt es so viele historische Ereignisse, die ich gerne miterlebt hätte. Aber ob ich dann auch den richtigen Ort und den richtigen Zeitpunkt treffen würde?

4. Glaubst du, wir sind alleine in diesem Universum?

Na ja, an Ausserirdische glaube ich nicht. An Gott schon. Und dann denke ich, dass es da noch sehr viele Dinge gibt, die unseren menschlichen Verstand übersteigen.

5. Welche Rolle in einem deiner Lieblingsfilmen würdest du gerne mal übernehmen?

Irgend so ein zickiges Biest in einem Kostümschinken.

6. Wenn du dir eine Gabe aussuchen könntest, welche wäre es?

Manchmal wünsche ich mir, ich wäre einer dieser unglaublich netten, geduldigen Menschen, die immer nur freundlich lächeln, wenn man auf ihren Nerven herumtanzt. Aber worüber würde ich dann bloggen?

7. Was war die schlechteste Verfilmung eines Buches, die du jemals gesehen hast?

Momo? Die unendliche Geschichte? Irgend so etwas war es. „Great Expectations“ fand ich auch nicht besonders toll. 

8. Worauf könntest du am ehesten verzichten: deine Augen, deine Ohren oder deine Stimme?

Ich bilde mir ein, die Augen. Aber ich glaube, wenn ich sie nicht hätte, würde ich sie ganz schrecklich vermissen.

9. Wie würde dein Traumhaus aussehen?

Ziemlich gross, ziemlich abgelegen, ziemlich schwedisch. Mit Erker, Schreibstube, Sauna und Garten.

10. Wenn du eine Boy-/Girlgroup gründen müsstest, wie würdest du sie nennen?

Da habe ich jetzt wirklich nicht die leiseste Ahnung.

11. Wie denkst du, wird die Welt in 20, 50, 100 Jahren aussehen?

Die Optimistin in mir hofft noch immer auf bessere Zeiten. Die Pessimistin in mir prophezeit Schlimmes. Und die Mama in mir wünscht sich einfach, dass Kinder und Kindeskinder auch noch eine Zukunft haben.

Ja, und dann müsste ich natürlich auch noch ein paar Blogger auswählen, die mir meine 11 Fragen beantworten. Es ist halt einfach so: Ich will mich niemandem aufdrängen, die Blogs, die mir gefallen, sind in meiner Linkliste aufgeführt, darum mache ich es einfach wie letztes Mal, als man mir Fragen gestellt hat. Ich schreibe hier 11 Fragen hin, wer sie beantworten möchte, darf dies gerne tun, wer sie nicht beantworten möchte, lässt es bleiben. Hier also wären sie, meine 11 Fragen, die mich schon seit vielen Jahren beschäftigen und die ich gerne endlich von jemandem beantwortet bekommen möchte:

1.Wozu in aller Welt hat man die Krawatte erfunden und warum trägt man sie noch immer?

2. Sieht mein Grün gleich aus wie dein Grün? (Wir können uns diese Frage auch mit Violett oder Gelb stellen.)

3. Woher nehmen wir die Arroganz, zu glauben, wir würden anders handeln als andere, wenn wir ihr Leben leben müssten?

4. Was geschähe, wenn es von einem Moment auf den anderen kein Internet mehr gäbe?

5. Warum treten Menschen, die über ein Halbwissen verfügen, oft selbstbewusster auf als Menschen, die eine Sache bis ins Detail erforscht haben?

6. Wie schafft man es, mit Scheuklappen durchs Leben zu gehen und alles Unangenehme auszublenden? (Manchmal möchte ich das wirklich können, diese Antwort würde mich also wirklich interessieren.)

7. Haben Vegetarier das Recht, Veganer nicht zu verstehen? 

8. Warum baut man heute, wo man so viele Hilfsmittel zur Verfügung hat, so viel langweiliger als damals, als man noch alles mit banalsten Maschinen und viel Muskelkraft machen musste?

9. Ist es den Leuten, die lauthals über verlogene Journalisten schimpfen, nicht peinlich, wenn Sie zwei oder drei Sätze später sagen: „Diese Information bleibt jetzt aber bitte unter uns, das dürfen Sie auf gar keinen Fall so schreiben.“?

10. Was soll eigentlich so besonders sein an Trüffeln?

11. Warum schreiben die Leute, die sich aus Facebook abmelden, weil sie ihre Beziehungen mehr im realen Leben pflegen wollen, am Ende ihres letzten Facebook-Posts immer: „Am besten erreicht ihr mich unter dieser E-Mail-Adresse“? Müssten die nicht schreiben: „Am besten habe ich jeweils mittwochs und donnerstags Zeit. Schaut doch einfach mal vorbei.“?

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Gründungssitzung der „IG für eine familienfreundliche Schweiz“

Remo Largo, der Mann, den viele von uns Eltern wie einen Halbgott verehren, hat etwas gesagt, was ich in letzter Zeit auch immer wieder gedacht habe: Frauen sollten aktiv für eine familienfreundlichere Schweiz kämpfen, insbesondere jetzt, wo sie auf dem Arbeitsmarkt wieder gefragt seien. Genau dies habe ich mir in letzter Zeit auch immer wieder durch den Kopf gehen lassen. Na ja, fast genau dies, denn in meinem Gedankenspiel wären es nicht nur die Mütter, die sich für eine familienfreundlichere Schweiz stark machen sollten, sondern auch die Väter, denn die hängen da auch mit drin. „Was wir wohl alles bewegen könnten, wenn wir…“, dachte ich einen kurzen Moment lang, doch diesen Gedanken wischte ich sofort wieder beiseite, denn in meiner Fantasie stieg die Vorstellung auf, wie die erste Sitzung dieser neuen Elternbewegung ablaufen könnte:

Sitzungsleiterin (SL): „Herzlich willkommen zur ersten Sitzung unserer ‚Interessengemeinschaft für eine familienfreundliche Schweiz‘ Wir sind zusammengekommen, weil es die Politik bis anhin nicht geschafft hat, die Lebensumstände von uns Familien nachhaltig zu verbessern. Nehmen wir zum Beispiel das Dauerthema Mutterschaftsurlaub…“

Ein junger Vater, Typ „Neuer Mann“ unterbricht die SL: „Ich will doch hoffen, dass wir dabei auch gleich den Vaterschaftsurlaub thematisieren. Einfach lächerlich, was die Schweiz in diesem Bereich zu bieten hat. (Er kramt in seinen Unterlagen.) Ich habe da einen interessanten Bericht über die wirtschaftlichen Auswirkungen des Vatersch…“

SL, unterbricht ihn: „Entschuldigen Sie bitte, wenn ich Ihnen das Wort abschneide, aber soweit sind wir noch nicht. Natürlich muss das Thema Vaterschaftsurlaub ganz weit oben auf unserer Liste stehen, wenn Sie mich aber vielleicht erst einmal meine Begrüssungsworte zu Ende reden lassen. Also, wo war ich? Ja, genau…nehmen wir zum Beispiel das Dauerthema Mutterschaftsurlaub…“

Eine gestandene Mutter um die Vierzig fällt ihr ins Wort: „Möchten Sie damit sagen, dass Familienfreundlichkeit für Sie vor allem bedeutet, die Frauen so rasch als möglich wieder zurück ins Berufsleben zu schleusen? Ich möchte betonen, dass ich hier nur mitmache, wenn die Anliegen der Mütter, die freiwillig zu Hause bleiben, ebenso ernst genommen werden wie die Anliegen der berufstätigen Mütter.“

SL: „Nein, das möchte ich damit nicht sagen. Ich möchte eigentlich noch gar nichts weiter sagen, als dass das Thema Mutterschaftsurlaub eines der vielen Beispiele ist, das zeigt, wie schwierig es ist, in der Schweiz in Sachen Familienpolitik etwas zu bewegen…“

Junge Mutter mit Baby im Tragetuch, vermutlich leicht esoterisch angehaucht: „Wenn wir jetzt schon auf die Schwierigkeiten starren wie das Kaninchen auf die Kobra, werden wir es nicht weit bringen. Ich möchte uns allen Mut zusprechen. Die Geburt unserer Kinder hat Urkräfte in uns freigesetzt, die uns nun auch die Kraft verleihen, dieses geldgierige Land zu verwandeln in ein Land, in dem Kinderlachen den Lärm der Baumaschinen übertönt und in dem…“

Anzugträger mittleren Alters, Typ „Meine Frau hält mir den Rücken frei, damit ich mich auf die Karriere konzentrieren kann“: „Wir sind doch hier keine Selbsthilfegruppe. Wir wollen eine ernst zu nehmende Interessengemeinschaft bilden, die Hand in Hand mit den bürgerlichen Parteien eine wirtschaftsfreundliche Familienpolitik er…“

Ein entrüstetes Raunen geht durch die Runde, die SL stoppt den Redefluss des Anzugträgers: „Ich glaube, wir sind uns alle darin einig, dass diese Interessengemeinschaft nur darum ins Leben gerufen werden musste, weil sowohl Politik als auch Wirtschaft kläglich darin versagt haben, eine kinder- und elternfreundliche Schweiz zu gestalten. Wenn ich jetzt auf meine Eröffnungsworte zurückkommen dürfte… also…nehmen wir zum Beispiel das Dauerthema Mutterschaftsurlaub, den Kampf um bezahlbare Krippenplätze…“

Die gestandene Mutter um die Vierzig räuspert sich: „Wenn das hier darauf hinausläuft, dass Eltern dazu verdonnert werden sollen, ihre Kinder in die Krippe zu geben, bin ich sofort raus hier. Wir Mütter, die auf ein zweites Einkommen verzichten, die unsere berufliche Karriere in den Hintergrund stellen, die Tag und Nacht für unsere Kinder da sind…“

SL, inzwischen leicht gereizt:  „Da interpretieren Sie etwas in meine Worte hinein, was ich nicht gesagt habe…also, wo war ich schon wieder, ach ja, beim Kampf um bezahlbare Krippenplätze… nehmen wir auch das Beispiel der steuerlichen Benachteiligung von verheirateten Eltern…

Eine bis anhin stille Sitzungsteilnehmerin unterbricht die SL forsch: „Und was ist mit uns Alleinerziehenden? Wisst ihr eigentlich, wie hart das Leben ist, wenn man niemanden an seiner Seite hat, bei dem man sich ausheulen kann, wenn die Kinder mal wieder verrückt spielen? Wisst ihr, was es bedeutet, auf Alimente warten zu müssen? Wisst ihr, wie es schmerzt, wenn der Vater sich einen Dreck um seine eigenen Kinder schert? Wisst ihr…

Anzugsträger, entnervt: „Wieder mal die alte Leier der ach so armen alleinerziehenden Mütter. Wenn Sie wüssten, wie viele Väter ich als Anwalt vertrete, denen das Besuchsrecht vorenthalten wird und die jeden roten Rappen ihrer geldgierigen Ex abliefern müssen…“

SL: „Wenn wir jetzt bitte zum Thema zurückkommen könnten…“

Gestandene Mutter um die Vierzig, ignoriert den Einwand der SL: „Was sind wir denn eigentlich hier? Eine Kampfgemeinschaft für jene, die es nicht hingekriegt haben, ihrem Partner treu zu bleiben und den Kindern ein harmonisches Zuhause zu bieten. Also wenn das so ist, bin ich raus hier…“

Blasser junger Mann, knapp zwanzig, meldet sich zum ersten Mal zu Wort, wird aber von den anderen ignoriert: „Mich würde ja noch interessieren, wie wir hier den schwammigen Begriff ‚Familie‘ überhaupt definieren. Ich als Single mit Goldhamster fühle mich trotz meiner Kinderlosigkeit sehr stark als Familie…“

Alleinerziehende Mutter: „Diese Vorurteile sind ja mal wieder typisch. Möchte wissen, wie viel Ihnen Ihre Ehe noch bedeuten würde, wenn der Kerl, der Sie dreimal geschwängert hat, drei Wochen nach der Geburt seines dritten Kindes etwas mit dem Babysitter anfängt…“

Gestandene Mutter um die Vierzig, gehässig: „Wenn man sich keine Zeit nimmt für sie, kommen Männer eben auf solche Gedanken. Vielleicht wenn Sie ihm mehr Bewunderung und Wertschätzung entgegengebracht hätten…“

Anzugträger: „Und vor allem, wenn Sie sich nicht so hätten gehen lassen. Gewisse Frauen sind doch einfach selber Schuld, dass sie sitzen gelassen werden…“

Mutter mit Tragetuch-Baby: „Hören wir doch auf, einander mit Vorwürfen einzudecken. Wir alle sind Mütter und Väter, wir alle haben diese unendliche Kraft in uns, die Schweiz zu verändern. Ich schlage vor, wir fassen uns jetzt alle bei den Händen und…“

SL, aufgebracht: „Nichts da, wir fassen uns nicht bei den Händen, wir tun überhaupt gar nichts mehr, die Sitzung ist aufgehoben. In meinen Eröffnungsworten hätte ich eigentlich darauf hinweisen wollen, dass es noch unglaublich viel zu tun gibt, um die Schweiz zu einem Land zu machen, in dem es allen Familien – egal ob traditionell, alleinerziehend, berufstätig oder was auch immer – besser geht. Doch wie ich sehe, schaffen wir es nicht einmal, diese Tatsache festzuhalten, ohne einander an die Gurgel zu gehen. Somit erkläre ich das Projekt ‚Interessengemeinschaft für eine familienfreundliche Schweiz‘ für gescheitert.“

SL verlässt den Raum, ohne dass dies die anderen Sitzungsteilnehmer bemerken. Man munkelt, die anderen hätten weiter gestritten, bis der Wirt – ein vierfacher Vater, der das Sitzungszimmer für den ehrenwerten Zweck gratis zur Verfügung gestellt hatte – die Polizei aufgeboten habe, um den Saal räumen zu lassen. 

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