Leben anpassen

Jedes Leben verändert sich und wenn unter einem Dach sieben Leben gelebt werden, gibt es stets kleinere und grössere Anpassungen vorzunehmen. Zurzeit muss mal wieder an allen Ecken und Enden angepasst werden.

Zum Beispiel beim Wocheneinkauf. Mehrere Jahre lang blieben die Mengen, die ich einkaufen musste, mehr oder weniger gleich. 20 Liter Milch, 2.5 Kilo Äpfel, vier Bund Bananen, 22 Joghurts und so weiter. Abzählen musste ich schon lange nicht mehr, der Einkaufswagen war jede Woche etwa gleich voll, am Mittwoch waren Kühlschrank  und Obstschale leer, am Donnerstag wurde aufgefüllt. Seit einiger Zeit aber sind die Tomaten schon weggegessen, bevor ich Zeit hatte, sie aus der Einkaufstasche zu nehmen, die Obstschale ist bereits am Samstagmittag leer, am Sonntagabend ist kein Joghurt mehr da und am Montagmorgen durchsuche ich verzweifelt die Vorratskammer nach znünitiauglichem Futter für die grosse Pause. Wie die Heuschrecken fallen die Kinder über alles her, was essbar ist und es ist klar: Mindestens drei Kinder machen einen heftigen Wachstumsschub durch und wenn ich nicht ganz schnell das richtige Mass finde, stehe ich bald täglich in der Migros, um Nachschub zu besorgen. 

Auch die Alltagsplanung ist eine Baustelle. Ich muss lernen, meine Arbeitszeiten auf möglichst kinderfreie Zeiten zu legen. Die Kinder müssen lernen, dass eine Mutter, die am Laptop sitzt, am Arbeiten und nicht am Spielen ist. „Meiner“ muss sich wieder angewöhnen, jeden noch so kleinen Termin im Kalender einzutragen. Wir Eltern müssen uns endlich bewusst machen, dass ein Tag, an dem wir zwei keine Termine haben, trotzdem voller Termine sein kann, weil die Kinder inzwischen mehr um die Ohren haben als wir. „Meiner“ muss wieder einmal lernen, Arbeitstermine mit mir abzugleichen, ehe er eine Zusage macht und ich muss lernen, mich nicht masslos zu ärgern, wenn er mal wieder keine andere Wahl hatte, als ein Elterngespräch abends um acht anzubieten. 

Nachdem mir in den vergangenen Monaten der Sinn nicht gerade nach sozialen Kontakten stand, fehlt mir jetzt allmählich der Austausch mit Mitmenschen, die nicht zu meinem engsten Umfeld gehören. Doch soziale Kontakte ergeben sich selten von selbst, wenn man mehrheitlich zu Hause sitzt. Gut, beim Einkauf im Dorf oder bei der Gartenarbeit komme ich immer mit Menschen ins Gespräch, doch das ist kein Ersatz für das Zusammensein mit Freunden oder die Auseinandersetzung mit Menschen, mit denen man den Arbeitsalltag teilt. Noch habe ich den Weg nicht gefunden, wie ich als Hausfrau und Freischaffende mein alltägliches Sozialleben so gestalten kann, dass mein – zugegeben sehr grosses – Bedürfnis nach tiefschürfenden Gesprächen, Tratsch, Diskussionen und gegenseitiger Anteilnahme gestillt werden kann.

Eine äusserst anstrengende Baustelle ist das Familienbudget. Jahr für Jahr brachte die Prämienverbilligung Mitte Jahr eine spürbare Entlastung. Nun sind wir aber dank meines Einkommens auf dem Papier in die Steuerklasse aufgestiegen, die keine Vergünstigungen mehr bekommt, also bleibt die Entlastung aus. Weil aber gleichzeitig die Kinder deutlich grössere und damit teurere Kleider benötigen, alle zwei Jahre ein weiteres Kind zum Musikinstrument greift, der Einkaufswagen aus oben erwähnten Gründen immer voller wird und obendrein auch noch die Steuerrechnung höher ausfällt, ist eben nur theoretisch mehr Geld da. Ich will mich nicht beklagen, im Vergleich zu den meisten Menschen auf diesem Planeten geht es uns blendend und uns fehlt es an nichts. Dennoch werde ich Monat für Monat leicht hysterisch, wenn ich sehe, wie schnell ein eigentlich anständiges Einkommen aufgebraucht ist, wenn mehrere Menschen davon leben. 

Dann stehen da noch Anpassungen im Bereich „Lebensziele“ an, denn sowohl bei „Meinem“ als auch bei mir verlangt das kreative Schaffen nach mehr Raum. Spannend, aber auch ziemlich herausfordernd, wenn man weder sagen kann noch will: „Du, mich hat gerade die Muse geküsst, ich ziehe mich mal für drei Wochen  zurück, um meine Idee umzusetzen.“

Ach ja, und dann haben nach den Sommerferien zwei Kinder einen Lehrerwechsel vor sich, einer kommt in den Kindergarten, einer in die Schule, einer wechselt an die Oberstufe, einer unterrichtet zum ersten Mal Erstklässer und eine fragt sich, wie lange es wohl diesmal dauern wird, bis sie all die neuen Stundenpläne wieder im Kopf hat.

img_7927-small

Übergangszeit

Ohne dass ich richtig Zeit gefunden hätte, sentimental zu werden, hat heute das Prinzchen einen Lebensabschnitt abgeschlossen. Dank einer heftigen Erkältung und der stetigen Suche nach der perfekten Formulierung nahm ich nur verschwommen wahr, dass er heute seinen letzten Tag in der Kinderkrippe hatte. Gut, ich habe natürlich brav Küchlein gebacken und Schokolade für die Betreuerinnen gekauft, aber das kann man ja alles machen, ohne gedanklich richtig bei der Sache zu sein.

Erst als unser Jüngster am Abend mit seinem Abschieds-T-Shirt und seinen gesammelten Werken nach Hause kam, dämmerte mir, was geschehen ist: Das Prinzchen hat einen weiteren Schritt in Richtung Kindergartenkind getan. Zwei Monate noch und dann wird auch er Morgen für Morgen das Haus verlassen und nachmittags mit seinen Freunden spielen wollen. Nach fast dreizehn Jahren wird es nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel sein, dass ich morgens alleine zu Hause bin. Momentan noch fast unvorstellbar, bald aber Alltag und von den anderen Kindern weiss ich bereits, wie schnell es geht, bis auch die Nachmittage der Schule gehören. 

Und nun, was überwiegt? Die Vorfreude auf mehr freie Zeit oder die Trauer über das Ende der Kleinkindphase? Noch kann ich es nicht sagen, also werde ich wohl noch öfters über das Thema  schreiben. Das Prinzchen übrigens nimmt den Wechsel gelassen. Okay, ein wenig traurig ist er schon, aber wer hat schon Zeit, einem Lebensabschnitt nachzutrauern, wenn draussen schon der beste Freund wartet, um Baustelle zu spielen?

img_7872-small

Fast wie Ferien

Da stand ich heute Nachmittag am Abwaschtrog, erledigte, was ich dem Geschirrspüler nicht mehr überlassen mag, weil der Kerl eine miserable Arbeitsmoral an den Tag legt und plötzlich donnerte mir mit lautem Krachen die Decke auf den Kopf. „Ich halte das nicht mehr aus in dieser winzig kleinen Welt“, jammerte ich. Immer die gleichen vier Wände, immer die gleiche Arbeit, die kein Ende nimmt, so sehr man sich auch darum bemüht, im Hintergrund stets die Streitereien von Karlsson und Luise, die sich mal wieder nicht ausstehen können. „Und gesellschaftsfähig bin ich auch nicht mehr“, heulte ich „Meinem“ die Ohren voll. „Spätestens nach zwei Stunden unter Leuten bin ich so ausgelaugt, dass ich nur noch schlafen möchte.“ Trotz aller Vorsätze, es nicht mehr so weit kommen zu lassen, nahm ich mal wieder ein Vollbad im Selbstmitleid.

Mitten in meine trübe Sonntagsstimmung, mit der ich der ganzen Familie die Laune verdarb, erschien die Nachbarin  mit einer spontanen Einladung zum Kaffee. Sie hätten gerade Gäste zum Griechischen Osterfest, da wäre es doch schön, wenn wir auch kämen. „Aber das kann ich doch nicht“, jammerte ich, nachdem sie gegangen war. „Was ist, wenn ich sie falsch verstanden habe und wir nicht alle zusammen hingehen sollen? Was soll ich anziehen? Immerhin ist das für sie ein hoher Feiertag und kein gewöhnlicher Sonntag wie für uns. Und wir können doch nicht einfach mit leeren Händen aufkreuzen…“ Doch Karlsson und Luise, die sich ausnahmsweise mal drei Minuten lang einig waren, liessen mein Gejammer nicht gelten. „Einladung ist Einladung“, meinte sie, „also zieh dir etwas Hübsches an, schnapp dir den Kuchen, den du gebacken hast und dann gehen wir.“

Natürlich wurden wir in Nachbars Garten herzlich willkommen geheissen, wir wurden in der Runde aufgenommen, als hätte man schon von Anfang an mit uns gerechnet und bald war meine miese Stimmung verflogen. Es entspann sich ein lebhafter Austausch über Kulinarisches, Politisches, Kulturelles und Familiäres und obschon wir nur auf der anderen Seite unserer Strasse waren, kam es mir vor, als wären wir mal kurz in die Ferien gefahren.

Ja, meine Welt ist derzeit tatsächlich winzig klein, aber Gott sei Dank leben ganz in der Nähe Menschen aus allen Himmelsrichtungen, die für frische Farbe sorgen, wenn mir in meinen vier Wänden alles zu eintönig wird.

DSC03897-small

Zu viel verlangt

„Malochen Eltern weiterhin wie heute üblich, ist es nicht mehr weit bis zur Erschöpfung“, steht heute in der Tageszeitung und wohl fast jeder, der in der Schweiz Kinder grosszieht, kann nur zustimmend nicken. Bloss, warum wird das erst jetzt zum Thema? Haben wir denn tatsächlich geglaubt, Eltern könnten zugleich möglichst grosse Brötchen verdienen, die Kinder nach allen Ansprüchen der Erziehungswissenschaften erziehen, den Haushalt so in Ordnung halten, dass jederzeit ein Fotograf von „Schöner Wohnen“ zu Besuch kommen könnte, die ganzen administrativen Aufgaben erledigen, die heute so selbstverständlich zum Familien- wie zum Geschäftsleben gehören, den Freundeskreis pflegen, nach Möglichkeit einen kindergerechten und einen nur für die Eltern, in allen Bereichen auf dem Laufenden bleiben, sich der alternden Eltern annehmen, die Partnerschaft in Schwung halten und wenn möglich ein politisches Amt oder zumindest ein oder zwei Ehrenämter bekleiden? Und dabei bitte immer schön lächeln. Was sollen wir Eltern denn sein, die eierlegende Wollmilchsau? Oder vielleicht lieber ein Perpetuum Mobile? 

Nichts liegt mir ferner, als die Vergangenheit zu glorifizieren, aber mir scheint, man hätte etwas Wichtiges vergessen, was früher noch selbstverständlich war: Eltern können das alles nicht alleine stemmen, ohne Hilfe gehen sie zugrunde. Ob das nun wie in wohlhabenden Familien bezahltes Personal oder in armen Familien die erweiterte Verwandtschaft war, fällt nicht so sehr ins Gewicht. Tatsache ist, dass es Zeiten gab, in denen all die Aufgaben auf mehrere Schultern verteilt waren. Oh ja, ich weiss, was jetzt kommt: Heute gibt’s für alles nützliche Geräte, die einem die Arbeit abnehmen. Aber mit den Geräten nahm die Arbeit nicht wirklich ab, denn mit jeder Erfindung wurden die Ansprüche ein wenig höher geschraubt. Wer den besten, leistungsfähigsten Staubsauger hat, hat keine Ausrede mehr für Brosamen auf dem Fussboden, wer jeden Tag die Waschmaschine in Gang setzen kann, erlaubt es sich nicht, die Kinder auch mal mit einem kleinen Fleck auf dem T-Shirt zur Schule zu schicken, wer eine Profi-Küchenmaschine besitzt, hat auch dafür zu sorgen, dass Geburtstagstorten so aussehen, als kämen sie vom Profi. Und wo schon jeder einen Computer besitzt, kann man doch gleich die Aufgaben, die früher ein Schalterbeamter zu erledigen hatte, auf die Kunden abwälzen. Eine Erleichterung für den Kunden? Auf den ersten Blick vielleicht schon, auf den zweiten Blick eine weitere Pflicht, die gefälligst perfekt zu erledigen ist. Jeder Vater, jede Mutter sollte alles können und zwar so, dass es sich sehen lässt. Nur wer das nötige Kleingeld besitzt, kann es sich leisten, die eine oder andere Aufgabe an einen Profi zu delegieren. 

Wenn mich die vergangenen Jahre etwas gelehrt haben, dann dies: Wir schaffen es nie und nimmer, all diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Ja, wir haben es versucht, aber es hat uns in die Erschöpfung geführt, die von Experten jetzt endlich öffentlich thematisiert wird. Darum spielen wir nicht mehr mit in dem Theater mit dem Titel „Die tadellose Familie“, wir haben weder die Zeit noch die Kraft dazu. Wer damit leben kann, ist herzlich dazu eingeladen, mit uns unterwegs zu sein, wer Perfektion erwartet, muss anderswo suchen.

img_7326

Wie man mir an einem Tag wie heute ein Lächeln aufs Gesicht zaubert

Sechs mal Magen-Darm-Grippe in verschiedenen Stadien von „Ich bin so krank, dass ich nicht mal Zwieback essen mag“ über „Ich bin nicht gesund genug, um zur Schule zu gehen, aber auch nicht krank genug um im Bett zu bleiben“ bis hin zu „Ich fühle mich genau gleich elend wie ihr, aber einer muss ja für Zwieback-Nachschub und saubere Bettwäsche sorgen“ und der einzige Gesunde muss arbeiten. Nicht gerade mein Lieblingstag, ehrlich gesagt. Umso wichtiger sind mir die kleinen Dinge, die mir ein Lächeln aufs Gesicht zaubern:

Luise, die mir erzählt, wie sie gestern in der Bäckerei im reinsten St.Galler-Dialekt ein Brot bestellt hat. Fragt mich nicht, woher sie St.Galler-Dialekt kann, vielleicht hat sie diese Halskrankheit im Blut.

Die alte Frau aus Sri Lanka, die sich mir nach dem Zwieback-Einkauf in den Weg stellt, um mir mit Händen, Füssen und ein paar Brocken Deutsch zu sagen, wie sehr ihr mein „Costume“ gefalle. Genau wie die Frauen aus Sri Lanka, findet sie, einzig das schöne Tuch fehle noch. 

Kater Leone, der als Reaktion auf Henriettas Nachwuchs so anhänglich ist wie in seinen ersten Tagen. Nichts beruhigt so sehr wie ein Kater, der sich nach einem anstrengenden Tag auf deinen Rücken legt und dir ins Ohr schnurrt.

Der Gedanke, dass ich meinem alljährlichen Setzlings-Kaufrausch ein Schnippchen geschlagen habe und deswegen diesen Frühling seelenruhig an den Auslagen vorbeigehen kann. Wie ich das geschafft habe? Indem ich im Februar bereits dem Sämereien-Kaufrausch erlegen bin und deshalb zu Hause vor lauter Setzlingen den bewölkten Himmel nicht mehr sehen kann.

Das Prinzchen, der frühmorgens über Karlssons Teddy aus Kleinkindertagen sagt: „Gell, Karlsson, als Mama und Papa dir David gekauft haben, war er noch kein Schrott.“

Die Tatsache, dass meine Manuskripte das Stadium „Feinschliff“ erreicht haben.

Die Katzenbabies. Ich darf gar nicht anfangen damit, sonst wird’s kitschig hier.

img_5258

Fossilien

Ganz klar, wir sind Fossilien. Ja, ich weiss, Leute die älter sind als ich, versuchen stets, mir die Sache auszureden, aber es hilft nichts. Zu gut kann ich mich daran erinnern, wie steinalt meine Eltern waren, als ich anfing, die Welt um mich herum bewusster wahrzunehmen und jetzt sind wir für unsere Kinder genau in diesem Alter, die Hinweise verdichten sich immer mehr.

Da standen wir neulich zusammen im Kindermuseum, meine Schwester, Luise und ich und betrachteten ein Paar schlichte, dunkelblaue Schnallenschuhe, wie wir sie als Mädchen jeweils trugen. Währenddem mir beim Anblick warm ums Herz wurde und meiner Schwester der gleiche Widerwille wie damals ins Gesicht geschrieben stand – wir hatten schon damals nicht den gleichen Geschmack in Sachen Kleidung -, sagte Luise kein Wort. Sie war wohl zu beschäftigt mit dem Gedanken, wie uralt ihre Mutter und ihre Tante sein müssen, wenn ihre Kinderschuhe es bereits in eine Museumsvitrine geschafft hatten. 

Jetzt, wo allmählich die prägenden Figuren unserer Kindheit das Zeitliche segnen, will vor allem Karlsson von uns Zeitzeugen wissen, wie es damals wirklich war. Ob Maggie Thatcher tatsächlich stets Blau getragen habe, oder ob dies nur im Film so sei, fragte er heute. Wie hätte ich ihm eine für ihn verständliche Antwort geben sollen? Die Farbbilder in den Tageszeitungen liessen sich damals noch an einer Hand abzählen und Fernsehen hatten wir nicht. Und Maggie Thatcher kannte ich ohnehin nur aus den Karikaturen im Satiremagazin, die ich furchtbar lustig fand, obschon ich sie nicht verstand. Anstatt Karlssons Frage zu beantworten, fing ich an, im Schatz meiner Erinnerungen zu kramen. Ich wäre wohl vom Hundertsten ins Tausendste geraten, hätte nicht Karlsson bald einmal den gleichen glasigen Blick in den Augen gehabt, den ich immer hatte, wenn meine Eltern zu lange von einem „Früher“ erzählten, das für sie lebendige Erinnerung war, für mich jedoch nur ein halbwegs interessanter Stummfilm in Schwarzweiss. 

Dank YouTube ist unser „Früher“ für unsere Kinder kein Stummfilm mehr, sondern ein ziemlich dilettantisch gedrehter Streifen in körnigen Farbbildern von Menschen mit lächerlichen Frisuren und schrecklichen Kleidern. Manchmal lachen sie sich halb krank darüber, manchmal haben sie auch nur ein müdes Schulterzucken dafür übrig, zum Beispiel, wenn ich zu erzählen beginne, welche Sensation es war, als 1985 der erste CD-Player im Wohnzimmer stand und mein Vater verkündete, dank dieser neuen Technologie gehörten Kratzer auf der Schallplatte der Vergangenheit an und umdrehen müsse man die Scheiben auch nicht mehr nach der Hälfte der Spielzeit. Natürlich langweilt diese Erzählung unsere Kinder, man muss ja auch so schrecklich viel erklären, damit sie überhaupt verstehen, wie die Geräte damals funktionierten. 

Sie werden sich vermutlich auch langweilen, wenn ich ihnen morgen erzähle, wie traurig mich die Nachricht von Trudi Gersters Tod gestimmt hat, denn sie waren nicht dabei, als wir stundenlang bäuchlings vor dem gelben Kinderplattenspieler lagen und der unvergleichlichen Stimme lauschten, bis wir die Geschichten inklusive Kratzer auswendig kannten. Oh ja, unsere Kinder wissen, wer Trudi Gerster war, sie haben auch schon CDs von ihr gehört, aber wir Fossilien haben eine ganz andere Beziehung zu ihr, denn wir kannten die Märchenerzählerin in einer Zeit, als man noch nicht jederzeit Musik, Informationen und Unterhaltung – ob gewollt oder ungewollt – im Ohr hatte.

Kaum mehr vorstellbar, wie still es damals gewesen sein muss. 

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Kann mir mal einer erklären…

…weshalb die Leute jetzt, wo es endlich Frühling geworden ist, nur darüber reden, dass es bestimmt bald wieder kalt sein wird?

…weshalb Deutsche Ärzte, die genau gleich freundlich und kompetent sind wie ihre Schweizer Kollegen, nie – aber auch wirklich gar nie – auf die Idee kommen, dem Patienten zu erklären, was läuft?

…weshalb die Keimlinge meiner Chioggia-Randen wunderbar gedeihen, die Keimlinge meiner goldenen Rande aber kläglich abserbeln, obschon sie gleich viel Wasser, Licht, Wärme und Zuneigung bekommen haben?

…weshalb unserer Kinder nach all den Jahren den Satz „Bitte lasst weder Joghurtbecher noch Schokoladenpapier draussen herumliegen, wenn ihr ein Picknick veranstaltet“ noch immer nicht verstehen?

…weshalb Filme, die ab 6 Jahren freigegeben sind, meist nicht mal für Erwachsene geeignet sind, weil der Inhalt so deprimierend ist?

…weshalb eine Zehnjährige besser als mancher Kinderbuchautor weiss, was ein gutes Kinderbuch ausmacht?

…weshalb Karlsson mir direkt ins Gesicht sagt, dass er meine Witze nicht lustig findet, wo er das doch eigentlich hinter meinem Rücken sagen müsste?

…weshalb die grössten Kinderfeinde ihre Sätze über Kinder stets mit „Ich habe nichts gegen Kinder…“ anfangen?

…weshalb alle zu lachen beginnen, wenn wir von der Schwan-Attacke erzählen?

…weshalb man böse Blicke und giftige Bemerkungen erntet, wenn man im Spitalflur hohe Absätze trägt?

…weshalb die Menschheit je so dumm war, zu glauben, mit der Erfindung einiger nützlicher Maschinen würde das Leben einfacher?

…weshalb der Drucker immer in der Formular-Hochsaison den Geist aufgibt?

DSC08244-small

 

Grün

Natürlich rede ich mir ein, meine in den vergangenen Jahren gewachsene Liebe zum Gärtnern sei auf meinem ureigenen Mist gewachsen und selbstverständlich weise ich mit einem gewissen Stolz darauf hin, dass ich schon in meiner Kindheit den Drang ins Grüne verspürte. Damals, als ich täglich meine Runde ums Haus drehte, um nachzusehen, ob alles wie gewünscht grünte und blühte. Es muss noch irgendwo diesen Schulaufsatz geben, der belegt, dass der Same meiner heutigen Leidenschaft in den frühen Achtzigern gesät worden ist.

Es soll mir also keiner kommen und behaupten, ich sei einfach eine der vielen, die mitreiten auf der Welle des Urban Gardening, des Topfgärtners, dem Ruf nach mehr Biodiversität, dem Schrei nach mehr Grün in der Betonwüste. Natürlich mache ich mir vor, meine Ziele seien höher als jene der grossen Masse, die mit Gummistiefel und Gartenschaufel einfach nur hip sein wollen. Mir liegt daran, den Kindern etwas weiterzugeben, was sie heute nicht mehr so selbstverständlich mitbekommen wie wir damals; der Umschwung ums Haus, der irgendwann – wohl in den Siebzigern – mit Steinplatten zu einem pflegeleichten, aber toten Aussenraum verunstaltet wurde, soll zum Lebensraum für Pflanzen und Kleingetier werden. Ja, so hehr sind sie, meine Ziele. 

Und doch schleckt keine Geiss weg, dass ich mit meiner Lust am Gärtnern einmal mehr ein Kind meiner Zeit bin. Genau so, wie ich mit zwölf ein Kind meiner Zeit war, als ich über das Robbenschlachten heulte, mit vierzehn, als ich Michael Jackson anhimmelte, mit sechzehn, als ich ein Austauschjahr in den USA machte und   über den plötzlichen Fall des Eisernen Vorhangs staunte, mit zwanzig, als ich wortgewaltig über die Chancengleichheit zwischen Mann und Frau palaverte, mit dreiundzwanzig, als ich Bio-Produkte zu kaufen begann und mir trotz anfänglicher Bedenken ein Handy zulegte, mit vierundzwanzig, als ich einen ersten Internetanschluss in der Wohnung installieren liess, mit fünfundzwanzig, als ich eine überzeugte aber tolerant gegenüber Andersdenkenden auftretende Verfechterin der natürlichen Geburt und des Stillens wurde und von einer Wassergeburt träumte, mit sechsundzwanzig, als ich die Angst vor dem Millennium-Bug belächelte, mit achtundzwanzig, als ich über George W. Bush schimpfte, mit dreissig, als ich zu Apple konvertierte, mit zweiunddreissig, als ich immer lauter über die ungerechte Situation der Familien in der Schweiz zu lamentieren begann, mit vierunddreissig, als ich mir ein Blog einrichten liess, mit siebenunddreissig, als meine Ablehnung der Atomkraft durch Fukushima noch mehr Schub bekam. Und jetzt greife ich eben vermehrt zu Harke, Rechen und Gartenschaufel, lege einen Komposthaufen an und mache mir Gedanken, wie „unser“ Grund und Boden zum Guten verändert werden kann. So wie viele, die in den Siebzigern geboren, in den Achtzigern und Neunzigern aufgewachsen und im neuen Jahrtausend erwachsen geworden sind. 

Natürlich, all dies habe ich mit meinen ganz persönlichen Eigenarten und Empfindungen gelebt, ich habe nicht alles mitgemacht – Techno war nicht mein Ding -, war zuweilen meinen Altersgenossen voraus, hinkte dafür in anderen Fällen weit hinter ihnen her, immer wieder mal eckte ich auch an, weil meine Meinung sich nicht immer nach dem Mainstream richtete. Ja, ich bin ich selbst, aber eben auch Produkt der Zeit, in der ich geprägt und geformt worden bin und deshalb wird auch von mir die Rede sein, wenn man später mal sagt: „In der Generation unserer Eltern wurde vermehrt Wert auf Ökologie, nachhaltiges Handeln und sorgsamen Umgang mit den Ressourcen gelegt.“ 

Ich hoffe sehr, dass es nicht bloss beim Trend bleibt, sondern dass es uns gelingt, der kommenden Generation einen natürlicheren und grüneren Start ins Leben zu bieten. 

img_6681

Stressfrei

Was für eine Wohltat: So früh zum Bahnhof gehen, dass es überhaupt keine Rolle spielt, ob sich vor dem Billettautomaten eine Schlange bildet oder nicht, Zeit zu haben, sich die Leute auf dem Perron etwas genauer anzuschauen, insgeheim vielleicht auch ein wenig über sie zu schmunzeln, nicht ungehalten vorbei hetzen zu müssen, wenn jemand eine Auskunft haben möchte, in aller Ruhe etwas zum Lesen hervorzukramen, weil noch so viel Zeit ist, bis der Zug fährt, zu wissen, dass am Ende der Zugfahrt ein köstliches Essen in netter Gesellschaft wartet und keine Pflichtübung, die man so schnell als möglich hinter sich bringen möchte. 

Es muss nicht immer so sein, aber hin und wieder einfach mal erleben, wie stressfrei das Leben auch noch sein könnte, das ist purer Luxus. 

P9060015-small

Und noch einmal Psychoanalyse

„Augen lügen nicht“, sagte er, als ich ihm erklärte, ich sei ein durchaus zufriedener Mensch, wenn auch derzeit sehr müde. „Sie hocken da hinter Ihrem Computer, anstatt sich mit Menschen zu treffen. Kommunikation, das brauchen Sie, das weiss unsere Generation noch“, fuhr er fort und lud mich ein, mich zu ihm und seinem Saufkumpanen zu setzen. Ich hätte mich eigentlich in die Anonymität der Öffentlichkeit geflüchtet, damit ich endlich in Ruhe an meinem Buch arbeiten könne, versuchte ich ihm zu erklären, aber er wollte nicht verstehen, dass schreiben zu Hause fast unmöglich ist, wenn die Kinder Schulferien haben. „Ich spendiere Ihnen etwas“, offerierte er, „Sie müssen lachen, nur dann werden Sie so alt wie ich und mein Kollege.“ Als er keine Ruhe geben wollte, gab ich schliesslich nach, liess mir einen Kaffee spendieren und mein Verhalten analysieren. „Warum redet ihr Jungen nicht mehr mit den Leuten? Ihr sitzt hinter euren Geräten, anstatt zu reden“, warf er mir vor und liess meinen Einwand, ich würde mich ja jetzt auch mit ihm und seinem Kumpanen unterhalten, nicht gelten. „Was machen Sie, wenn Ihr Gerät mal den Geist aufgibt?“, fragte er und ich erklärte ihm, meine Generation sei durchaus in der Lage, von Hand zu schreiben, wenn es denn sein müsse. Er glaubte mir nicht, glaubte mir auch nicht, als ich ihn wissen liess, mein Leben sei durchaus erfüllt, glaubte mir erst recht nicht, als ich sagte, ich müsse jetzt nach Hause gehen, weil ich noch ein wenig Zeit mit meiner Familie verbringen wolle. „Nehmen Sie Ihre Vergangenheit an“, sagte er zu mir, „leben Sie in der Gegenwart und stehen Sie hinter Ihrer Zukunft.“ 

Irgendwann gelang es mir, mich loszureissen, mit der Aufforderung, das Leben zu geniessen, zu kommunizieren und mein Geld nicht auf die hohe Kante zu legen wurde ich entlassen. Zu Hause wartete Luise auf mich. „Mama, was schreibst du über mich in deinem Blog?“ „Nur die Wahrheit“, sagte ich und schickte meine Psychologin ins Bett. 

PB120237-small