Lesestoff

Zugegeben, ein wenig stolz bin ich ja schon, dass das Prinzchen sich selber lesen und schreiben beigebracht hat. Auch dass er schon jetzt äusserst besorgt ist um die richtige Rechtschreibung freut mich insgeheim – auch wenn ich ihm natürlich hundertmal versichere, er müsse sich nicht weiter grämen, weil er neulich „Eier“ mit Ä geschrieben hat, er habe noch ganz viel Zeit, das richtig zu lernen. Warum er sich aber zum Trainieren seiner Lesefertigkeiten aus unserem schier unbegrenzten Fundus an Lesestoff ausgerechnet die „Geo Epoche“ zum Thema 2. Weltkrieg schnappen musste, ist mir ein Rätsel. 

Na ja, immerhin liest er jetzt fehlerfrei: „Ende – Hitler tot“. 

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Nichtlesetipp

Neulich empfahl mir jemand ein Buch von Nele Neuhaus, das Buch las sich nach einigen Anfangsschwierigkeiten ganz angenehm, „Meiner“ und Karlsson waren auch angetan davon und so dachte ich, ich hätte vielleicht eine Autorin gefunden, die mir in den „Ich brauche Lesestoff, der unterhaltsam, aber nicht ganz blöd ist“-Momenten gelegen kommen könnte. Einen solchen Moment hatte ich neulich, als zufällig gerade eine Buchhandlung in der Nähe war und in dieser Buchhandlung priesen sie den neuesten Neuhaus – also eigentlich den neuesten Löwenberg, denn unter diesem Namen hat sie das Buch geschrieben – ganz gross an. Mit der Ausrede, dass Karlsson und „Meiner“ den Schinken bestimmt auch gerne lesen würden, kaufte ich ihn. Ausserdem handelt die Geschichte im ländlichen Nebraska der Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts und da ich mich genau in jenen Jahren elf Monate lang auf einer Farm im ländlichen Nebraska gelangweilt habe, freute ich mich auf ein Wiedersehen mit einer mir bekannten und doch eigenartig fremden Welt.

Dumm nur, dass ich mich schon nach einigen Seiten fragen musste, ob die Autorin denn überhaupt schon mal in Nebraska gewesen ist. Kein Wort über die platte, weitgehend baumlose Prärielandschaft, über die im Schachbrettmuster angelegten Mais- und Sojafelder, die endlosen, schnurgeraden Kieselstrassen, die unscheinbaren, farblosen Farmhäuser. Dafür aber steinalte Eichen, ein (heimlich) querdenkender Farmer, der in einem stilvoll gebauten Haus lebt, sich seit Menschengedenken der Monokultur widersetzt  und unter anderem auch tonnenweise Tomaten anbaut. Mal unterläuft der Autorin der Schnitzer, dass sie Omaha für die Hauptstadt des Staates hält, später erinnert sie sich aber wieder daran, dass das ja Lincoln wäre. Die Protagonistin hat Zoff mit den Eltern, weil sie als Vierzehnjährige heimlich Auto fährt, obschon in Nebraska jedes Farmkind, das weiter als 1.5 Meilen von der Schule entfernt lebt, in diesem Alter ganz legal fahren darf, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Zwar sind die Leute Methodisten, dennoch besuchen sie die Messe und ein armer Aussenseiter beklagt sich bitter, weil er als Kind nie hat Messdiener sein dürfen. 

Nun könnte man natürlich sagen, wer Nebraska nicht kenne, brauche sich an solchen Details ja nicht zu stören, ich solle also gefälligst meine Klappe halten, das Buch sei ansonsten bestimmt ganz gut. Ist es aber nicht. Eine rebellische Jugendliche, die unglaublich viel verkanntes Talent sowie zahlreiche Affären mit viel älteren Männern hat – Farmarbeiter, angeblicher Schriftsteller, der sich dann als Lehrer entpuppt, Rodeoreiter, der aber leider schwul ist und deshalb keine Affäre haben will, Pastor -, zwei versuchte und eine wirkliche Vergewaltigung, ein ungewollter Mord, der sich problemlos vertuschen und ebenso problemlos vergessen lässt, eine Abtreibung, eine bigotte Adoptivmutter und heuchlerische Puritaner, die wirken, als hätte sie die Autorin bei Nathaniel Hawthorne abgeschaut.

Okay, das Ganze ist immerhin so geschrieben, dass man wissen will, wie es ausgeht, doch wenn die Sache durchgestanden ist, werde ich mich leider nach einer neuen Autorin für „Ich brauche Lesestoff, der unterhaltsam, aber nicht ganz blöd ist“-Momente umsehen müssen.

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Hörbuchfassung

Tucholskys „Schloss Gripsholm“ stand schon seit Ewigkeiten auf meiner To-Read-List, doch natürlich dachte ich immer nur dann an das Buch, wenn ich entweder keinen Buchladen in der Nähe hatte, kein Guthaben mehr auf der Kreditkarte, um mir das Buch runterzuladen oder schlicht keine Zeit zum Lesen. Die Zeit zum Lesen ist ja ohnehin nicht grosszügiger bemessen, seitdem fast alle Vormittage und einige Nachmittage kinderfrei sind. Die kinderfreie Zeit füllt sich wie von selbst mit Schreib-, Haus- und Gartenarbeit und darum musste Gripsholm warten, genau wie all die anderen Bücher, die auf meiner endlosen Liste stehen.

Gestern schliesslich war ich des Wartens auf „Gripsholm“ so müde, dass ich tat, was mir andere Mütter schon seit Jahren empfehlen, wenn ich über meinen Mangel an Lesezeit klage: Ich besorgte mir die Hörbuchfassung. „Endlich hat sie’s eingesehen“, werden nun meine Mitmütter seufzen, aber ich muss euch bitten, mit dem Seufzen gleich wieder aufzuhören. Wie hätte ich mich denn einem Hörbuch widmen sollen, wo bei uns doch immer ein Heidenlärm herrscht, wenn mehr als zwei Personen im Haus sind? Und mehr als zwei waren es bis vor Kurzem fast immer.

Nein, kommt mir jetzt bitte nicht mit dem Argument, ich hätte es eben mit Kopfhörern versuchen müssen, dann hätte ich schon viel früher Bücher hören können. Wie wäre denn so das Gezänk meiner Kinder an mein Ohr gedrungen? Und überhaupt: Habe ich Kopfhörer im Ohr, sehe ich nichts. Und habe ich eine Sonnenbrille auf der Nase, höre ich nichts. Keine Ahnung, warum, aber es ist so.

Hörbücher kommen also erst jetzt in Frage für mich und nachdem ich die Hälfte von „Gripsholm“ hinter mir habe, weiss ich, dass ich erst am Anfang einer wunderbaren neuen Leidenschaft stehe. Gut, solange unsere Kinder noch minderjährig sind, werde ich mit der Literaturauswahl etwas vorsichtig sein müssen. Als Luise gestern in die Küche platzte, war sie ziemlich entsetzt, dass die „Prinzessin“ gerade nackt durchs Schlafzimmer ging, weil sie gebadet hatte.

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Binge-Reading

Vergessen, dass heute Morgen jemand zum Tee kommt.

Vergessen, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat um zehn einen Arzttermin gehabt hätte und ich deswegen „Meinen“ mit ihm hätte losschicken müssen, damit ich weiter hätte Tee trinken können.

Geglaubt, mein Arzttermin sei erst um elf, nicht bereits um halb elf. Um nicht noch später zu kommen, um zehn vor elf mit dem Auto hingefahren, anstatt gemütlich zu Fuss zu gehen.

Nach dem Arzttermin vergessen, dass ich mit dem Auto hingefahren bin. Erst wenige Meter vor der Haustüre festgestellt, dass das Auto noch auf dem Coop-Parkplatz steht. „Meiner“ musste es dann halt dort holen, ehe er weg musste.

Zum Einkauf keine Taschen mitgenommen. Und die zu entsorgenden PET-Flaschen im Eingang stehen gelassen.

Meine Familie den ganzen Tag mit Dünnhäutigkeit und Brummschädel genervt.

Kein Zweifel: In meinem fortgeschrittenen Alter liegt lesen bis zum Morgengrauen nicht mehr drin. Und weil das Buch grottenschlecht war, darf ich nicht mal jammern. Hätte ja aufhören können, als auf Seite 15 klar war, wie es ausgehen wird…

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Wettlesen

Obschon ich immer noch lieber gedruckte Bücher vom Buchhändler lese, bin ich ganz froh um die Möglichkeit, mir ab und zu ganz spontan Lektüre aufs iPad laden zu können. Zum Beispiel, wenn ich einen netten Film gesehen habe, der auf einem Buch basiert, das ich noch schnell lesen möchte, ehe ich den Film wieder vergessen habe. Oder wenn mir unterwegs der Lesestoff ausgeht. Oder wenn es das Buch gar nicht in gedruckter Form gibt. Oder wenn „Meiner“ schon schlafen, ich aber noch lesen will. Grundsätzlich kann ich also damit leben, dass auch das Buch im digitalen Zeitalter angekommen ist. Auf das neueste Update aber hätte ich ganz gerne verzichtet. Da erscheint doch am unteren Seitenrand stets der Hinweis, wie viele Minuten es noch dauert, bis ich am Ende des Buches angelangt bin. Manchmal heisst es auch, in einer Minute würde ich das Kapitel zu Ende gelesen haben und im allerschlimmsten Fall steht da: „Lesegeschwindigkeit wird ermittelt“.

Himmel, lasst mich in Ruhe lesen! Müssen die jetzt wirklich auch noch einen der gemütlichsten Lebensbereiche zu einem Wettlauf gegen die Zeit machen?

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Gelesen

„I sleep in Hitler’s Room“ oder zu Deutsch „Allein unter Deutschen“ von Tuvia Tenenboum – Spannend, herausfordernd, provokativ und polemisch. Wäre ich Deutsche, hätte mich diese Lektüre wohl ziemlich vor den Kopf gestossen, aber auch sehr nachdenklich gemacht.

„Die Teilacher“ von Michel Bergmann und weil mich dieses Weihnachtsgeschenk so begeistert hat, schenkte ich mir gleich darauf die Fortsetzung „Machloikes“.

„Schantall, tu ma die Oma winken!“ von Kai Twilfer – Ich hoffe inbrünstig, dass diese Tragikomödie fiktiver ist, als der Autor einen glauben macht. Natürlich habe ich dennoch Tränen gelacht.

„Der Hundertjährige, der aus dem Fe…“, sorry, weiter bin ich leider nicht gekommen, eine derart konstruierte Geschichte halte ich nicht über 413 Seiten aus. Okay, ich weiss, mit dieser Aussage bringe ich jetzt ganz viele begeisterte Leser und auch einige Freunde gegen mich auf und ja, meine Liebe, du bekommst jetzt dann endlich dein Buch zurück, ich muss nur endlich daran denken, es dir zu bringen.

Das ist mir jetzt richtig peinlich: „Safe Haven“ von Nicholas Sparks. Zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, der Film ganz in Ordnung war, dass frau wohl nicht umhin kommt, irgendwann in ihrem Leben einen Sparks in die Finger zu kriegen und dass ich leider auch schon Schlechteres gelesen habe. Allerdings auch schon sehr viel Besseres.

„The Rosie Project“ – Erst wollte ich dem Roman von Graeme Simsion ja nicht kaufen, weil mir Bücher, die über allen grünen Klee gelobt werden, suspekt sind. Ich hab’s dann trotzdem gekauft, innert kurzer Zeit verschlungen, immer wieder lauthals gelacht und am Schluss gedacht, dass es auf weiten Strecken ein wirklich tolles Buch ist, das zum Ende hin leider ziemlich ausfranst.

Okay, da gab es noch ein paar weitere, einige ganz gut, andere eher seicht und zwei oder drei, bei denen man sich fragt, weshalb sich überhaupt eine(r) die Mühe genommen hat, diesen Mist aufzuschreiben.

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Leseförderung

Manche Mamas standen einst mitten in der Nacht auf, um den neuesten Harry Potter zu erstehen, weil es das einzige Buch war, das ihr lesefaules Kind in den Bann zog.

Manche Mamas lesen ihrem lesefaulen Kind bis ins hohe Teenageralter Bücher vor, damit sie irgendwie doch noch ein wenig Lesestoff in den Kopf bekommen.

Manche Mamas ertragen mit Engelsgeduld über Monate das gleiche Hörbuch, weil ihr lesefaules Kind wenigstens dieses eine mag.

Manche Mamas setzen sich mit ihrem lesefaulen Kind hin, um mit ihm im Wechsel vorzulesen und zuzuhören, damit ihr lesefaules Kind die Klassenlektüre irgendwie schafft. 

Manche Mamas geben die Hoffnung auf, dass ihr lesefaules Kind je zum Buch greifen wird und lassen es deshalb die Klassiker der Kinderliteratur am Fernseher reinziehen. 

Manche Mamas schleppen Woche für Woche stapelweise Kinderliteratur aus der Bibliothek an und bringen das Zeug eine Woche später ungelesen wieder zurück, weil das lesefaule Kind kein Interesse daran zeigte.

Manche Mamas kommen gar nicht auf die Idee, ihr lesefaules Kind zum Lesen zu motivieren, weil sie lesen selber doof finden.

Manche Mamas versuchen ihr lesefaules Kind mit Belohnungen zum Lesen zu motivieren.

Manche Mamas versuchen ihr lesefaules Kind mit Drohen und Bestrafungen zum Lesen zu zwingen. 

Manche Mamas tun selber so, als würden sie gerne lesen, um ihrem lesefaulen Kind ein gutes Vorbild zu sein, denken aber nicht daran, dass eine Modezeitschrift nicht wirklich als Lesestoff zählt. 

Manche Mamas versprechen ihrem lesefaulen Kind, dass es die Verfilmung des Buches sehen darf, sobald es das Buch fertig gelesen hat. 

Diese Mama hier kauft ihrer lesefaulen zehnjährigen Tochter einen Liebesroman für Zwölfjährige, damit diese endlich auch mit einem Buch vor dem Gesicht durchs Leben geht, wie es sich für ein anständiges Venditti-Familienmitglied gehört. Gut, immerhin ist die Heldin der Geschichte Assistenzärztin und nicht Model oder Kosmetikerin…

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Gotlandbrot-Erkenntnisse

Da ich den Besuchern meiner Lesung frisches Gotlandbrot versprochen habe, bin ich heute wieder am Backen. Hier einige Erkenntnisse:

Wie der Abdruck auf dem Tuch, mit dem ich die Schüssel bedeckt habe, beweist, hat der erste Vorteig einen Hang zum Perfektionismus…

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…das zweite Kneten und Gehenlassen macht dem Perfektionismus jedoch schnell den Garaus…

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Sophie mag es nicht, wenn man den zweiten Vorteig auch nur eine Minute länger als die im Kochbuch angegebenen 45 Minuten gehen lässt…

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Gottegris mag es nicht, wenn Sophie laut wird. Mein zerkratzter Hintern ist Zeuge. Nein, fragt nicht, glaubt mir einfach….

….manchmal muss man eben doch mehr Mehl als im Rezept angegeben zufügen…

…doch der fertige Teig ist jedes Mal schön anzusehen…

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…anstelle von Melasse habe ich diesmal Wacholderlatwerge genommen. Ist weniger klebrig und schmeckt meiner Meinung nach besser. Und hier ein Bild für alle, die nicht wissen, was Wacholderlatwerge ist:

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…Anis schmeckt – und riecht – eindeutig besser als Ajwar…

… und einmal mehr bin ich überzeugt, dass sich der ganze Aufwand lohnt. Mag sein, dass der eine oder andere Besucher, der morgen zur Lesung kommt, meine Bücher nicht mag. Wenn er aber dieses Brot nicht liebt, ist ihm nicht mehr zu helfen…

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Gemischtwarenladen

Als ich mich zu Beginn der Gartensaison auf die Suche nach meinem ersten Paar Gummistiefel machte, musste ich ziemlich lange suchen, ehe ich fündig wurde. Gut, das lag nicht nur am Angebot, sondern auch an meinem Anspruch, dass Gummistiefel schön sein sollten. Am Ende liess ich mich trotz horrender Portokosten dazu verführen, einen Direktimport aus dem Gummistiefel-Paradies – besser bekannt unter dem Namen „Grossbritannien“ – zu tätigen. Neulich nun stellte ich fest, dass ich auch einfacher zu schönen Stiefeln hätte kommen können: Ich hätte bloss in die nächste Buchhandlung gehen müssen.

Ja, richtig gelesen. In der Buchhandlung verkaufen sie Gummistiefel. Und Rucksäcke. Und Tee. Und Regenschirme. Und Windlichter. Und Gartenwerkzeug. Und Mobiles. Und Kuscheltiere. Und Backformen. Und Blumentöpfe. Und Spardosen. Und Spielsachen. Und Schürzen. Und Halsketten. Alles bekommt man dort, sogar Bücher. 

Vielleicht bin ich altmodisch, aber diese Entwicklung nervt mich gewaltig. Wenn ich in eine Buchhandlung gehe, steht für mich das Buch im Zentrum und nicht das wunderschöne Paar Gummistiefel, das alle Blicke auf sich zieht. Ich möchte durch fesselnde Literatur in Versuchung geführt werden und nicht durch bunten Schnickschnack, der – ich geb’s ja zu – äusserst schön anzusehen ist. Ich möchte Bücher aus dem Regal ziehen, ohne die elegante Etagère, die davor steht, zu Fall zu bringen. Wenn ich ein Kind dabei habe, möchte ich, dass es wegen der bunten Auswahl an Kinderbüchern in Verzückung gerät und nicht wegen der coolen Lego-Packung.

Klar, es ist durchaus praktisch, alles an einem Ort vorzufinden, doch für Praktisches bevorzuge ich das Warenhaus. Oder meine importierten Gummistiefel. In der Buchhandlung aber will ich ganz und gar Unpraktisches: Bücher, die mich inspirieren, zum Nachdenken anregen, zum Träumen verleiten, herausfordern, zum Lachen bringen… 

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Ohne Augenzwinkern

Ein Zitat, welches der Audioguide beim Besuch von Astrid Lindgrens Geburtshaus in mein Ohr sprach, geht mir nicht mehr aus dem Kopf: „Viele, die für Kinder schreiben, zwinkern über die Köpfe ihrer kindlichen Leser hinweg verschmitzt einem gedachten Leser zu, sie blinzeln Einverständnis mit den Erwachsenen und übergehen das Kind. Das ist eine Unverschämtheit dem Kind gegenüber.“

Damit bringt Astrid Lindgren genau das auf den Punkt, was mich als Kind schon immer beim Lesen gestört hat und was mich heute noch stört, wenn ich unseren Kindern vorlese. Diese Geschichten, die so verkrampf originell und anders sein wollen, die damit beeindrucken wollen, dass sie ein aussergewöhnliches Thema aufgreifen, mit dem sich die Kinder gefälligst einmal befassen sollen. Wie ich sie doch gehasst habe, diese Bücher! Wie unsere Kinder sie doch hassen, diese Bücher!

Ich konnte mich nicht lange darüber freuen, dass ich endlich einmal in Worte gefasst hörte, was ich schon so lange selber hätte sagen wollen. Mein nächster Gedanke war nämlich, ob ich nicht am Ende die gleiche Unverschämtheit begehe, wenn ich für Kinder schreibe. Obschon ich mir beim Schreiben in erster Linie meine eigenen Kinder, ihre Cousins, Cousinen und Freunde vorstelle, bin ich nicht davor gefeit, auch den Erwachsenen gefallen zu wollen, die das Buch gut genug finden sollen, um es ihren Kindern kaufen und vorlesen zu wollen. Mit diesem Spannungsfeld werde ich mich wohl noch eine ganze Weile auseinandersetzen müssen.

Doch das, was Astrid Lindgren beschreibt, geschieht nicht alleine beim Schreiben. Da gibt es Spielplätze mit Spielgeräten vom Designer, die vollkommen spieluntauglich sind. Die Städte, in denen sie stehen, bekommen Auszeichnungen für die gelungenen Anlagen, doch die Kinder stehen hilflos da und wissen nicht so recht, wie sie hier spielen sollen. Museumspädagogen planen Projekte, die in den Medien gerühmt werden und wenn sich ausnahmsweise mal ein Kind ins Museum verirrt, stellt sich heraus, dass die Pädagogen mit ihm nichts anzufangen wissen, weil es so gar nicht ins pädagogische Konzept passen, sondern einfach nur mit allen Sinnen entdecken will. Familienpolitiker werkeln an Programmen, die zum Vornherein zum Scheitern verurteilt sind, weil stets nur auf die erwachsenen Wähler geschielt wird, nicht aber auf die kleinen Menschen, die ja eigentlich im Zentrum jeder Familienpolitik stehen sollten. Ähnliches geschieht in der Schulpolitik, nur dass hier die Wirtschaftsbosse beeindruckt werden sollen. 

Überall zwinkern sie sich über den Köpfen der Kinder hinweg zu, diese Erwachsenen. Ich bin froh, dass Astrid Lindgren darauf aufmerksam gemacht hat, denn so kann ich zumindest daran arbeiten, es selber möglichst wenig zu tun. 

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