Vergleicht doch nicht Äpfel mit Birnen

Man redet wieder vermehrt von der Grossfamilie. Nicht erst seit Federers zweitem Zwillingspaar, aber jetzt natürlich erst recht. Die Grossfamilie – also alles, was mehr als zwei Kinder hat – ist nämlich wieder auf dem Vormarsch und was tun meine gewöhnlich hoch geschätzten Journalistenkollegen, wenn ein neuer Trend feststellbar ist? Sie greifen sich Promis heraus, die mehr als die durchschnittlichen 1,5 Kinder haben – aktuell also Familie Federer – und schreiben darüber, wie der Alltag dieser Grossfamilie aussieht, oder wie er aussehen könnte, denn meistens schirmen die Promis ihre Kinder ja so gut als möglich von der Presse ab.

Ergänzend lassen die Journalisten dann irgend eine 08:15-Familie  zu Wort kommen, die zufällig eine ähnliche Familienkonstellation hat wie der Promi, um dessen Grossfamilienleben sich gerade alles dreht. Momentan sind es die wenigen Mehrfachzwillingsmütter, die der Presse gegenüber bestätigen dürfen, dass es wirklich ziemlich anstrengend ist, mehrere Zwillingspaare grosszuziehen. Sie dürfen sagen, wie wichtig es ist, darauf zu achten, als Mutter und Vater nicht zu kurz zu kommen und sie dürfen schliessen mit der Bemerkung, das Leben mit den vielen Zwillingen sei zwar wunderbar, es treibe einen aber ganz schön an die Grenzen der eigenen Kräfte. Mehr sollen die 08:15-Eltern bitte nicht erzählen, denn es geht hier nicht um sie, sondern um die Reichen und Schönen, die sich gerade sehr erfolgreich fortgepflanzt haben.

Nichts gegen Federers und die anderen Promi-Grossfamilien und erst recht nichts gegen die Mütter und Väter, denen man in diesem Zusammenhang mal gnädig ein Ohr leiht, aber eine solche Berichterstattung treibt mir die Galle hoch. Warum?

Weil Federer & Co. sich nie die Frage werden stellen müssen, weshalb sie trotz fleissiger Arbeit und anständigen Lohnes auf keinen grünen Zweig kommen. Weil sie sich nie werden fragen müssen, wie sie ihren Kindern den Instrumentalunterricht ermöglichen sollen. Weil dringend benötigte Ferien für sie nie unerschwinglich sein werden. Weil es an genügend und vor allem kinderfreundlichem Wohnraum für sie nie mangeln wird. Weil es sie nicht zu stören braucht, dass der Familienrabatt oft maximal zwei Kinder erlaubt. Weil sie sich nicht die Zähne ausbeissen müssen an einer Volksschule, die für Grossfamilien besonders schwer zu ertragen ist, wenn beim dritten Kind im gleichen Schulhaus noch immer die gleichen ungelösten Probleme das Familienleben belasten. Weil es für sie nie zu teuer sein wird, sich Entlastung ins Haus zu holen, wenn Entlastung dringend nötig ist. Weil Menschen mit viel Geld die Zusatzaufgaben wie vermehrtes Putzen, Futter anschleppen, Wäscheberge etc., welche für uns Normalsterblichen einfach dazugehören, leichter auslagern können. Weil es für sie um ein Vielfaches einfacher ist, das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu lösen. Weil man ihre Kinder im Zug nie  zusammenstauchen wird, bloss weil sie sich erfrechen ein ganzes Viererabteil in Anspruch nehmen.

Nein, ich will nicht über das Grossfamilienleben jammern, wir haben diese Lebensform bewusst und aus Überzeugung gewählt.  Zwar treibt es uns immer mal wieder an die Grenzen, etwas Schöneres könnte ich mir dennoch nicht wünschen. Ich bin nicht mal neidisch auf Federers & Co., denn ich bin mir sicher, dass sie in ihrem nach aussen hin glanzvollen Leben mit Problemen zu kämpfen haben, von denen ich ebenso wenig eine Ahnung habe, wie sie von meinen. Mich ärgert nur, dass gewisse Journalisten meinen, man könne das eine mit dem anderen vergleichen. Das kann man nicht, also hört bitte auf damit, meine lieben Journalistenkollegen.

Hört aber bitte nicht damit auf, über die Grossfamilien zu schreiben. Egal ob im Trend oder nicht, in Sachen Grossfamilien – ja, überhaupt in Sachen Familien – liesse sich in der Schweiz nämlich noch so Einiges verbessern. Fragt doch mal nach bei den 08:15-Grossfamilien, die ihr so gerne interviewt. Die wüssten euch bestimmt interessantere Fragen zu beantworten als diejenige, wie Mirka und Roger sich wohl derzeit fühlen mögen. 

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Faul?

„Keine Matur mehr für Faulpelze“ lautete vergangene Woche der Titel eines Artikels in der „NZZ am Sonntag“. Im Artikel ging darum, dass Schüler ihre mathematischen Abstürze nicht mehr durch Glanzleistungen in anderen Fächern kompensieren können. Was bedeuten würde, dass man Leuten wie mir kein Maturazeugnis mehr aushändigen würde. Ich konnte es nicht über mich bringen, den Artikel zu lesen, der Titel allein liess die alte Geschichte wieder in mir hochkommen.

Ich sah mich wieder am Pult der Primarlehrerin stehen, vor ihr das Blatt mit meiner ersten Ungenügenden. Was da schief gelaufen sei, wollte sie wissen. Ich konnte es ihr nicht erklären, das mit dem Minus wolle mir halt einfach nicht so recht in den Kopf gehen. Ihre Versuche, mir das Rätsel begreiflich zu machen, scheiterten, doch das spielte bald keine Rolle mehr, denn ich hatte ja trotz mittelmässiger Mathenote den Übertritt an die Bezirksschule geschafft.

Dort quälte man die Schüler zuerst einmal mit dem Zweiersystem, denn damals glaubte man noch, jeder der einen Computer bedienen wolle, müsse das binäre Zeugs beherrschen. Ich beherrschte es nicht, schrieb eine Ungenügende nach der anderen und bald war ich verzweifelt genug, um mit meinen Fragen an den Mathelehrer zu gelangen. Der wollte meine Fragen allerdings nicht beantworten, sondern stellte bloss fest, ich sei gar nicht so schlecht geraten und schielte in meinen Ausschnitt. Dann empfahl er mir einen Besuch beim Schulpsychologen, was mich zutiefst beleidigte. Das mit dem Fragen liess ich nach dieser Episode lieber bleiben.

Von da an hatte ich das Gefühl, Mathematik ginge mich nichts an und da meine Schwestern mathematisch ähnlich unbegabt waren wie ich, schrieb ich meine Unfähigkeit in pubertärer Naivität einzig und allein den Genen zu. Der hochbegabte Pädagoge, von dem im oberen Abschnitt schon die Rede war, bestätigte mich in meiner Haltung, indem er bemerkte, ich sei zu wohl dumm, um Krankenschwester – sorry, so nannte man das damals noch – zu werden. Nun, ich war immerhin dumm genug, ihm zu glauben, ich sei dumm und von dieser neu gewonnenen Überzeugung konnte mich auch ein ganz passables Resultat bei der Abschlussprüfung, die mir den Übertritt ans Gymnasium ermöglichte, nicht mehr abbringen.

Am Gymnasium verschafften mir meine mangelhaften Mathematikkenntnisse zum ersten und bisher einzigen Mal einen Vorteil. „Meiner“, den das Schulsekretariat in die gleiche Klasse eingeteilt hatte, erkannte nämlich auf den ersten Blick, dass man ganz weit hinten anfangen musste, wenn man meine mathematischen Lücken auffüllen wollte. Erstaunlicherweise übernahm er diese Aufgabe ganz gerne und so sassen wir Samstag für Samstag nach dem Unterricht – ja, liebe Kinderlein, damals war samstags noch Schule – in der fast leeren Mensa und kämpften uns durch den Stoff, den mir der Superpädagoge an der Bezirksschule hätte vermitteln müssen.

Glaubt mir, ich benutzte die samstäglichen Nachhilfestunden nicht alleine, um „Meinem“ näher zu kommen. Ich gab wirklich alles, um zu verstehen, worum es ging, büffelte stundenlang. Ich gestaltete mein Mathematikheft so bunt, dass mein Gehirn endlich einen Zugang zu den Formeln finden konnte und setzte mich damit dem Spott meines neuen, pädagogisch ansonsten deutlich begabteren Mathelehrer aus. „Kindergarten-Zeichnungsheft“ nannte er mein farbenfrohes Theorieheft, aber das war mir egal, denn immerhin gelang es mir so, einen besseren Überblick zu erlangen.

Mit der Zeit erkannte ich, dass die Mathematik durchaus eine faszinierende Sache ist, die ich ganz gerne verstehen möchte. Manchmal verstand ich sie sogar, einmal schrieb ich eine fast genügende Note und hin und wieder erklärte ich einer mathematisch auch nicht sonderlich begabten Mitschülerin, wie es geht. Leider zahlte sich mein Einsatz nicht aus, bei Prüfungen versagte ich weiterhin kläglich. Oft warf ich das wertlose Papier unter Tränen in den Abfalleimer, aus dem es „Meiner“ Momente später wieder herausfischte, um mit dem Lehrer um halbe und Viertelpunkte zu feilschen.Trotz aller unserer Bemühungen quälte uns beide vor jedem Zeugnis die bange Frage, ob mich die Mathenote aus dem Gymnasium schmeissen würde. Gott sei Dank war ich nicht nur mit einer grandiosen Unfähigkeit gestraft, sondern auch mit einigen Fähigkeiten gesegnet, weshalb ich nach vier Jahren des Kämpfens mit dem Maturazeugnis den Beweis in den Händen hielt, dass ich vielleicht doch nicht ganz so dumm bin, wie mir mein Lehrer einst gesagt hatte.

Diese Geschichte kam in mir hoch, als ich über den Titel mit den Faulpelzen stolperte und ich muss gestehen, dass es weh tat, diese Worte zu lesen. Ich will mich nicht zu jenen Menschen zählen, die Jahre später noch in der Opferrolle bleiben und mir ist auch klar, dass ich einige Dinge hätte besser machen können, aber lesen zu müssen, dass jemand, der nicht rechnen kann, faul ist und keine Matura machen soll, war ähnlich schmerzhaft, wie mir anhören zu müssen, ich sei dumm.

Schmerzhaft vor allem auch darum, weil einige unserer Kinder zwar sprachlich ganz vorne mitmischen, in der Mathematik aber ähnlich zu kämpfen haben wie ich. Mir war es immerhin noch möglich, trotz meiner Unfähigkeiten die Matura zu machen, was aber ist mit ihnen?

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Wie wir’s auch machen, ist es falsch

Da zog ich heute Morgen frohen Mutes und ganz zufrieden mit mir und meiner – heute äusserst kooperativen – Familie die Tageszeitung aus dem Briefkasten, überflog die ersten Zeilen und fing ohne die geringste Vorwarnung eine saftige Ohrfeige ein. „Privatsphäre vieler Heranwachsender wird verletzt“, „Das Manko heutiger Eltern“, „In der Schweiz lesen 43 Prozent der Eltern von 9- bis 10-jährigen Kindern die Mails und Facebook-Nachrichten, die ihre Kinder erhalten.“, „…überprüft fast die Hälfte der Eltern, welche Internetseiten ihr Kind besucht hat“ und später, als ich den Artikel in Ruhe durchlese noch dies hier: „39 Prozent aller Eltern nutzen Software zum Filtern oder Blockieren bestimmter Websites.“ Böse, böse Eltern!

Eben noch hat man uns pauschal vorgeworfen, wir würden unsere Kinder im virtuellen Raum alleine lassen, wir hätten keine Ahnung, was dort alles abgeht und wir interessierten uns auch nicht dafür. Zwar kenne ich persönlich keine Eltern, die diese Laisser-faire Haltung an den Tag legen, aber wenn die Medien der Meinung sind, wir würden unsere Brut den Bösewichten im Internet zum Frass vorwerfen, dann stimmt dies. Punkt. 

Jetzt aber hat der Wind gedreht, wir Eltern kümmern uns. Aber falsch. Wir verletzen die Privatsphäre unserer Neun bis Zehnjährigen, wenn wir ihre Nachrichten lesen. Nun, ich war ja bis anhin der Meinung, dass ich meine Erziehungspflichten verletze, wenn ich meinen Neun- bis Zehnjährigen erlaube, sich bei Facebook & Co. zu tummeln, aber das stimmt offenbar nicht mehr. Wir filtern gewisse Inhalte raus, weil wir einem Sechsjährigen, der nichts Böses ahnend nach einem harmlosen Spiel sucht, gewisse Anblicke noch ersparen wollen. Also nichts anderes, als wenn ich abends mit einem Kind durch eine Stadt spazierte und das Rotlichtviertel  grossräumig umginge, um ihm Anblicke zu ersparen, die es auch mit sorgfältigsten Erklärungen meinerseits noch nicht einordnen könnte. Die Filtersoftware erspart mir nicht das Nebendransitzen wenn das Kind im Netz ist, auch nicht das Reden über Inhalte, sie verhindert auch nicht, dass mein Kind irgendwann doch die Bilder sehen wird, aber sie verhindert immerhin bis zu einem gewissen Grad, dass es immer und überall Gefahr läuft, bei einer barbusigen Blonden anstatt bei Bob dem Baumeister zu landen. Aber eben, auch diese Überlegungen sind offenbar falsch.

Ja, und dann verbiete ich natürlich auch meiner noch nicht Elfjährigen den Zugang zu sozialen Netzwerken, mit der Begründung, dass a) die noch nicht für ihr Alter freigegeben sind und b)  sie noch zu wenig vertraut ist mit dem Internet, als dass sie bereits abschätzen könnte, welche Konsequenzen ein unbedachter Post nach sich ziehen könnte. Doch auch in diesem Bereich liege ich vermutlich falsch, denn „Kontrollen oder Verbote bringen gar nichts.“ Okay, im Grunde genommen bin ich einverstanden mit dieser Aussage, zumindest, wenn die Kontrollen durch Misstrauen begründet und die Verbote voll und ganz unbegründet sind. Also zum Beispiel, wenn ich einem Fünfzehnjährigen verbieten würde, ein Facebook-Profil zu haben, oder wenn ich ihm nachspionieren würde, obschon er mir glaubhaft versichert hat, dass er sich mit einem Freund zum Musizieren verabredet hat und nicht mit einem Dealer zum Austausch von Geld gegen Drogen. Aber kann eine Kontrolle nicht auch so aussehen: „Kind, du hast gestern dieses Bild auf deinem öffentlichen Profil geteilt und ich denke, du solltest dir das nochmals überlegen. Einem Freund kannst du das schon schicken, von mir aus auch mir, aber ein zukünftiger Arbeitgeber bekommt einen ziemlich schlechten Eindruck von dir, wenn er das sieht.“? 

Natürlich käme es mir nicht im Traum in den Sinn, Karlssons Mails heimlich zu checken und spätestens wenn ich den Drang verspürte, ihm nachzuspionieren, müsste ich erkennen, dass etwas gewaltig schief gelaufen ist in unserer Beziehung. Aber von ihm verlangen, dass er mir ab und zu Einblick gewährt in sein virtuelles Leben, genau so, wie ich ihm Einblicke gewähre in mein virtuelles Leben – indem ich ihn zum Beispiel frage, ob ich über etwas, was ihn betrifft, bloggen darf – sollte meiner Meinung nach in einer Familie selbstverständlich sein. Nur weil sich das Leben der Teenager nicht mehr am Dorfbrunnen abspielt, sondern in irgendwelchen Netzwerken, heisst das noch lange nicht, dass wir wegschauen dürfen –  oder gar müssen, weil wir sonst „die Privatsphäre unserer Kinder verletzen“. Wenn früher einer am Dorfbrunnen geraucht hat, musste er ja auch bei Mama und Papa antraben…

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Will ich das überhaupt?

Lange Zeit gehörte ich zu denen, die über andere schreiben, sie fotografieren und ihre ausführlichen Aussagen zu möglichst knackigen Statements eindampfe. „Was haben die bloss für ein Problem? Vor einem Journalisten braucht man sich doch nicht zu fürchten“, sagte ich, wenn die Leute sich nicht so ganz sicher waren, ob sie sich auf Medienkontakte einlassen sollten oder nicht. Heute stehe ich manchmal auf der anderen Seite und ich finde noch immer, dass man sich vor Journalisten nicht zu fürchten braucht, doch gewisse Bedenken kann ich nachvollziehen. In meinem Kopf läuft das dann etwa so ab:

Die Begeisterungsfähige: „Oh, toll, die wollen etwas über das Buch bringen! Interview, Illustrationen von ‚Meinem‘ und ein Bild. Da soll ein Fotograf  vorb…“

Die Skeptische: „Halt! Stopp! Nicht so schnell! Ein Fotograf? Hast du neulich mal wieder in den Spiegel geschaut?“

Die Begeisterungsfähige: „Ja, ein Fotograf. Das gehört halt dazu, wenn man Bücher verkaufen will.“

Die Skeptische: „Bücher verkaufen sich doch auch ohne Bild.“

Die Begeisterungsfähige: „Bestimmt, aber du kannst es dir nicht leisten, kompliziert zu sein. Du bist auf die Medien angewiesen.“

Die Skeptische: „Ich weiss und ich finde es ja auch ganz toll, dass die sich für mein Buch interessieren, aber…“

Die Begeisterungsfähige: „Was, aber? Da gibt es kein Aber. Es ist einfach nur toll, Punkt!“

Die Skeptische: „Nein, ist es eben nicht. Man verliert auch ein Stück weit die Kontrolle, wenn die Medien ins Spiel kommen. Denk nur an die Journalistin, die gemeint hat, ich hätte ein Selbsthilfebuch geschrieben und mich nach Tipps fragte…“

Die Begeisterungsfähige: „Was ist denn schon schlimm dabei? Das war doch ganz amüsant.“

Die Skeptische: „Natürlich war das auch amüsant, aber es stimmt mich auch nachdenklich. Denk nur, wie leicht man missverstanden wird und wie schnell die Leute sich ein falsches Bild von einem machen.“

Die Begeisterungsfähige: „Ist doch egal. Was heute in der Zeitung steht, ist morgen bereits wieder vergessen.“

Die Skeptische: „Mag sein, aber man gibt eben doch ein gewisses Bild von sich ab und ich weiss nicht, ob mir dieses Bild passt. Am Radio komme ich auch so komisch rüber, die Kinder grinsen ja immer auf den Stockzähnen, wenn sie mich hören. Und was sollen unsere Freunde denken? Das Ganze ist mir irgendwie ein wenig peinlich. Es ist ja nur ein Buch…“

Die Begeisterungsfähige: „Nun geniess es doch einfach. Man muss nicht immer alles hinterfragen.“

Die Skeptische: „Muss man doch.“

Die Begeisterungsfähige: „Muss man nicht.“

Die Skeptische: „Muss man doch. Unbedingt. Und dies ist mein letztes Wort.“

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Und noch einmal am Radio…

Der zweite Auftritt am Radio, diesmal hier.

 

Der Knopf

Bis anhin hat war es kein Problem, den Fernsehkonsum unserer Kinder in engen Grenzen zu halten, aber jetzt haben sie doch noch herausgefunden, dass man bloss auf den Knopf zu drücken braucht, um sich stundenlang Mist reinzuziehen. Natürlich lassen „Meiner“ und ich das nicht zu, aber es ist schwieriger geworden, es zu verhindern. Ja, sie beschränken sich noch auf die im Voraus aufgezeichneten Sendungen und Mietfilme. Gewöhnlich fragen sie auch brav, ehe sie die Glotze einschalten, aber eben nur noch gewöhnlich, nicht mehr immer. Und manchmal läuft da auch plötzlich eine weitere aufgezeichnete Sendung, wenn ich nicht rechtzeitig zugegen bin, um den Kindern die schwere Aufgabe abzunehmen, den Ausschalteknopf zu drücken. Klar, unsere Kinder sitzen noch immer deutlich weniger vor der Glotze, als der Durchschnitt, aber für meinen Geschmack wird es dennoch schon bald einmal zu viel. Vor allem, weil der Zoowärter mich seit Neuestem bittet, erst auszuschalten, wenn die Werbung vorbei ist, weil „Werbung einfach total cool ist“, wie er sagt. 

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Herr H. und der Zucker

Herr H. leidet an Diabetes. Seit 20 Jahren schon, sagt er. Der Arzt habe es einfach erst jetzt herausgefunden. Doch man brauche sich nicht um ihn zu sorgen, die Krankheit sei kontrollierbar. Er hätte für seine Arbeit halt einfach zu oft zu- und wieder abnehmen müssen, das sei für seine Gesundheit wohl nicht gerade förderlich gewesen.

Überall können wir die Geschichte von Herrn H. in diesen Tagen lesen, mal in kürzerer, dann wieder in längerer Version. Mal hat Herr H. „gestanden“ an der Krankheit zu leiden, dann wieder hat er einfach „erzählt“, gerne garniert man das Ganze mit Ausrufezeichen, um der Sache einen dramatischen Touch zu verleihen. Damit wir nicht auf die Idee kommen, die Nachricht als banal abzutun, steht da manchmal noch die Warnung, unbehandelt könne Diabetes gravierende Folgen haben.

Himmel, was geht es uns denn an, dass Herr H. Diabetiker ist? Ich nehme nicht an, dass wir um seine medizinische Versorgung bangen müssten. Er wird ja wohl genug Geld angehäuft haben, um sich die besten Ärzte leisten zu können. Für Herrn H. wird es kein Problem sein, die beste Behandlung auf dem neuesten Stand der Forschung zu bekommen. Er wird mit seinem Leiden klarkommen, da mache ich mir keine Sorgen.

Mich beschäftigt eher die Frage, was mit den Menschen geschieht, die zwar das gleiche Leiden haben wie Herr H., nicht aber die gleiche medizinische Versorgung. Von diesen Menschen soll es weltweit immer mehr geben, aber die haben halt nie in einem Film mitgespielt und darum kümmert es uns auch einen Dreck, dass die Krankheit bei ihnen zu gravierenden Folgen führen wird, weil keiner da ist, der sie richtig behandelt.

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Sogar noch viel altmodischer

Diesmal verstehen mich auch die Mütter nicht, die mich gewöhnlich bestens verstehen. Ich will nämlich nicht, dass Luise sich „Germany’s next Topmodel“ ansieht. Ja, ich weiss, das läuft jetzt gerade nicht, aber im Internet findet man bekanntlich alles und Luise bekommt meine Erlaubnis nicht, sich den Mist reinzuziehen. Vielleicht ausnahmsweise mal, wenn ich dabei bin und ihr erklären kann, warum sie sich die lebendigen Schaufensterpuppen nicht zum Vorbild nehmen soll, aber ansonsten bleibe ich vorerst hart und mit dieser Haltung stosse ich auf ziemlich viel Unverständnis.

Dann fange ich eben an zu erklären. Dass Luise gerade mal zehn Jahre alt ist und andere Dinge im Kopf haben sollte. Dass sie auch ohne Möchtegern-Model-Gezicke schon zickig genug ist und sie nicht noch weitere Anleitung dazu braucht. Dass sie nicht den Eindruck bekommen soll, dieser Frauen-Fleischmarkt sei eine tolle Sache. Und vor allem, dass die Mädchen in Luises Alter jetzt schon darum wetteifern, wer die Leichteste von allen ist und dass die Frage „Mama, findest du mich dick?“ für meinen Geschmack zu oft gestellt wird.

Oh ja, ich werde es ihr nicht ewig verbieten können und eines Tages, wenn sie das Ganze als lächerliches Getue abtun kann, werden wir zwei uns vermutlich vor dem Fernseher kringeln vor lauter Lachen. Diese Zeit aber ist noch nicht gekommen und darum bleibt die Sendung vorerst einmal verboten. Daran halte ich fest, auch wenn Luise das ganz und gar nicht toll findet und diesmal sogar gute Freundinnen ihre Köpfe über meine Ansichten schütteln.

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Verzweifeln oder…?

Du liest im „Spiegel“, die Deutschen Kinder würden immer stärker unter Schulstress leiden und aus deinem Familienalltag weisst du, dass es in der Realität noch viel schlimmer ist als es auf dem Papier daherkommt. In den Medien – ob gedruckt oder elektronisch – präsentieren die Parteien von links nach rechts ihre Ideen, wie den Familien am besten geholfen sei und du ärgerst dich grün und blau, weil du genau weisst, wie wenig das Geschwätz mit der Realität zu tun hat. Sie könnten ebenso gut alle den Mund halten, weil das, was am Ende rauskommt, doch wieder nur ein halbherziger Kompromiss sein wird, der zwar keinem schadet, aber auch keinem hilft. Wo immer dein Blick auch hinfällt – ob es nun um Familie, Umwelt, Atomausstieg, Schule oder sonst etwas, was dir am Herzen liegt geht -, siehst du Halbherzigkeit, viel Gerede und wenig Wirkung. Einzig in der Asylpolitik werden klare Worte gesprochen, aber es sind nicht die Worte, die du hören willst, sondern die Worte, die dir kalte Schauer über den Rücken laufen lassen. 

Zuweilen überkommt dich die blinde Wut, dann wieder tiefe Traurigkeit, immer mal wieder auch Resignation. Ganz selten meldet sich auch diese innere Stimme zu Wort, die dir sagt, wenn du schon weder Zeit noch Kraft zum Mitgestalten aufbringen könnest, solltest du doch zumindest zur Feder greifen und gegen den ganzen Wahnsinn anschreiben. Bloss, wie soll das gehen, wo sich der Wahnsinn doch schneller ausbreitet als die Magen-Darm-Seuche?

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Beängstigend

Gestern Abend, als ich wie gewohnt so gegen Mitternacht ins Bett ging, wähnte ich mich im Jahr 2013, heute Morgen aber bei der Zeitungslektüre musste ich feststellen, dass mich irgendjemand auf eine Reise in die Vergangenheit geschickt hat. Nun gut, eigentlich sieht meine Welt so gar nicht nach Vergangenheit aus, da stehen noch immer die gleichen Geräte in der Küche, iPad & Co. sind wie gewohnt im Einsatz und auch die Kleider sehen noch gleich aus wie gestern. Aber was ich in der Zeitung lese, beweist mir klar und deutlich: Wir sind auf dem besten Weg, wieder dorthin zu gelangen, wo unsere Vorfahren schon mal waren. Damals war eine Frau, die zuviel wusste, eine Hexe, ein Mensch jüdischen Glaubens ein Brunnenvergifter, ein Querdenker ein Ketzer.

Und heute? Heute sind wir natürlich viel weiter. Jeder hat das Recht, so zu leben, zu denken und im Grossen und Ganzen auch so zu handeln, wie er will. Die persönliche Freiheit steht über allen Verpflichtungen, oft auch über den Werten, die wir grundsätzlich als richtig erachten. Jeder darf nach seinem Glück streben, seine Träume verwirklichen, sein Leben nach den eigenen Wünschen gestalten. Dies gestehen wir jedem zu. Zumindest, solange er die „richtige“ Herkunft hat, ohne Sozialhilfe auskommt und ein „funktionierendes“ Mitglied der Gesellschaft ist.

Erfüllt einer diese Voraussetzungen nicht, na ja, dann gilt das alles natürlich nicht, das muss man doch verstehen. Man kann doch nicht einfach jeden Dahergelaufenen als gleichwertigen Menschen behandeln. Wo kämen wir denn da hin? Und weil man so denkt, sagt man heute ganz ungeniert, was man vor ein paar Jahren noch nicht mal hinter vorgehaltener Hand zu äussern gewagt hätte.

„Die Asylsuchenden sind unterbeschäftigt. Wir haben einen schönen Dorfplatz, dort sind unsere schönen Frauen. Das gibt Probleme“, lässt sich zum Beispiel heute der Ammann einer Aargauer Gemeinde in der Zeitung zitieren und sagt damit ziemlich unverblümt, dass sein Dorfplatz nicht jedem offen steht. Weiter unten im Artikel ist folgendes zu lesen: „Die Asylsuchenden würden unterirdisch untergebracht. Oberirdisch gebe es keine Möglichkeit für Aufenthaltsräume. ‚Unsere Schüler müssten sich also die Ausbildungs- und Pausenplätze mit dem Asylbewerbern teilen‘, so die Schule.“ Man stelle sich einmal dieses Schreckensszenario vor: Da könnten erwachsene Landwirtschaftsschüler mit erwachsenen Asylbewerbern in Kontakt, ja, vielleicht sogar ins Gespräch kommen. Gott bewahre! Am Ende würden die beiden Gruppen noch erkennen, dass sie alle nur Menschen sind. Aber soweit wird es nicht kommen, denn der Gemeindeamman verspricht, man werde alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, um die Asylunterkunft zu verhindern, die Bevölkerung erwarte das so. 

Weil das die Bevölkerung nicht nur in dieser Gemeinde so erwartet, sondern fast überall in der Schweiz, wo Asylsuchende eine vorübergehende Bleibe finden sollen, werden immer wieder ähnliche Sätze fallen, vermutlich auch noch viel giftigere und irgendwann wird kaum einer mehr aufhorchen, nicht mal mehr wir, die wir heute noch darüber heulen könnten. Und das macht Angst.

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