Ruhigere Zeiten?

Seit Anfang Jahr habe ich in ziemlich hohem Tempo gelebt. Zu hoch, wie ich mir bei der heutigen Bestandesaufnahme in professioneller Begleitung eingestehen musste. Mir scheint aber, dass ich so ganz allmählich meinen Fuss wieder vom Gaspedal nehmen kann. Zwar sehe ich noch nicht allzu viel Freizeitgewinn, dafür aber häufen sich die Anzeichen für ruhigere Zeiten im Verhalten meiner Familienmitglieder. Die untrüglichen Zeichen, dass Mama Venditti so langsam aber sicher wieder auf ein erträgliches Lebenstempo kommt sind:

– Der Zoowärter will keinen Moment mehr ohne Mama sein. Solange ich nicht abkömmlich war, hat er sich zurückgehalten, aber jetzt, wo er spürt, dass wieder mehr Freiraum da ist, bricht das ganze Elend aus ihm heraus. Bin ich bei ihm, klammert er sich an mich, bin ich beschäftigt, liegt er wimmernd auf dem Sofa und mir zerreisst es beinahe das Herz, weil mir erst jetzt dämmert, wie sehr das Kind unter dem ganzen Stress gelitten hat.

– „Meiner“ lässt hin und wieder verlauten, dass er ziemlich müde ist. Solange  meine Tage bis obenhin mit Arbeit angefüllt waren, blieb er stark, aber jetzt kommt ans Licht, dass auch er ziemlich schwer an meiner Überlast getragen hat. Nun, immerhin kann er sich heute mal einen Sauna-Abend gönnen. Um die geleistete Überzeit zu kompensieren, sozusagen.

– Luise verbietet mir, vom Tisch aufzustehen, um mir mein eigenes Essen zu schöpfen. „Bleib jetzt mal sitzen, Mama. Du siehst ja völlig geschafft aus“, ermahnt sie mich bei jeder Gelegenheit. Und ich denke, dass ich solche Sätze eigentlich erst im Altersheim zu hören bekommen sollte.

– Das Prinzchen ruft nachts wieder nach Mama und nicht nur nach Papa, wenn er einen Schoppen will. Beim ersten Mal fragte er mich zwar: „Chasch du Schoppe mache, Mami?“ was soviel heissen soll wie „Bist du überhaupt fähig, mir ein Fläschchen zu  machen?“, aber inzwischen traut er mir das wieder voll und ganz zu. Und so kommt es, dass „Meiner“ hin und wieder eine ganze Nacht lang ungestört durchschlafen kann.

– Karlsson traut sich wieder, sich vorpubertär aufzuführen. Nicht allzu heftig, aber immerhin so, dass ich mich hin und wieder an die Zeiten erinnert fühle, als der heutzutage so nette und angepasste Junge noch ziemlich klein und ziemlich störrisch war.

– Der FeuerwehrRitterRömerPirat lädt wieder Freunde ein. Nun gut, das hätte er auch gerne getan, als mir die Arbeit bis zum Halse stand, aber da konnte er nicht, weil ich immer schon eingeschlafen war, bevor er Zeit gehabt hatte, mich nach der Telefonnummer seiner Freunde zu fragen.

Es zeichnet sich also ganz deutlich ab, dass jetzt, wo es beruflich wieder etwas ruhiger werden sollte, zu Hause ein paar Herausforderungen auf mich zukommen. Ist ja auch gut so, denn sonst würde ich noch auf die Idee kommen, mich um mich selbst zu kümmern und dann würde ich feststellen dass ich a) ganz dringend mal zum Coiffeur gehen müsste, weil meine grauen Haare in alle Himmelsrichtungen abstehen, dass ich b) mal wieder schlafen sollte und dass ich c) mich hin und wieder ein wenig bewegen könnte. Und das alles kann nun wirklich noch eine Weile warten.

 

 

Auftrieb

Nachdem ich in den vergangenen Wochen mit einem arg angeschlagenen Selbstbewusstsein zu kämpfen hatte, haben mir zwei Komplimente wieder etwas Auftrieb gegeben. Zuerst einmal attestierte man mir gestern ich sei die erste vernünftige AKW-Gegnerin. Nun ja, ich sehe das mit der Vernunft und den AKWs gerade umgekehrt, aber immerhin schienen meine Argumente zu überzeugen. Was ja nicht mehr als gerecht ist, wurde ich doch sozusagen mit einem „Atomkraft – Nein danke!“- Aufkleber geboren.

Das zweite Kompliment kommt von unserem neuen Au Pair. Ich sei die gütigste Mutter, die sie je getroffen hätte, meinte sie. Natürlich fühle ich mich tief geehrt. Allerdings bin ich auch leicht beunruhigt, denn erstens spricht es nicht gerade für die Qualität von uns Müttern, wenn ausgerechnet ich, die ich doch ziemlich kratzbürstig sein kann, das Prädikat „gütig“ verliehen bekomme. Und zweitens habe ich ein wenig Angst davor, dass das Bild im Laufe der Zeit Kratzer bekommen könnte. Weil ich ja eben ein wenig kratzbürstig bin…

Demontiert

Zum letzten Mal habe ich heute zum Schraubenzieher gegriffen, um das Gitterbett, das nun ziemlich genau zehn Jahre lang ohne Unterbruch belegt war, zu demontieren. Klar, es war nicht das erste Mal, dass ich das Ding auseinander genommen habe, denn wir haben es ja hin und wieder vom einen ins andere Zimmer bringen müssen und da das Möbel ziemlich sperrig ist und durch keine Tür passt, mussten wir es eben jeweils zerlegen. Diesmal aber wird es nicht in einem anderen Zimmer wieder zusammengebaut, diesmal landet es in der Müllabfuhr. Einerseits bin ich ja ganz froh, das Ding endlich loszuwerden, denn es ist nicht nur sperrig, es ist auch hässlich. Und ziemlich kaputt obendrein. Also höchste Zeit, dem Prinzchen, der zuletzt darin geschlafen hatte, ein anständiges Bett zu bieten.

Andererseits aber wurde mir auch ziemlich schwer ums Herz, bedeutet doch dieser Abschied vom Gitterbett auch ein erster Schritt in Richtung Abschied von der Kleinkinderzeit, eine Zeit, die ich trotz aller Grenzerfahrungen sehr genossen habe. Während eine Schraube nach der anderen zu Boden fiel, das Bett immer wackliger dastand und schliesslich zusammenkrachte, kam diese unendliche, bittersüsse  Traurigkeit über mich. Bittersüss deshalb, weil diese Traurigkeit durchwoben ist mit unzähligen wunderbaren Erinnerungen an erste Schritte, hinreissend komische Versprecher, zahnloses Lächeln. Am Ende war das Bett kein Bett mehr, sondern nur noch ein Stapel alter, hässlicher Bretter. Und mir wurde klar, dass ich nicht nur ein altes Bett demontiert hatte, sondern auch meinen innigsten Wunsch, vielleicht eines Tages doch noch einmal ein kleines Menschlein in unserer Familie empfangen zu dürfen.

Als ob ich die Nerven dazu noch hätte…

Bad Mummy

Es ist die klassische Filmszene, wenn man ohne weit auszuholen darstellen will, dass Mama eine elende Egoistin, das Kind ein armer, vernachlässigter Tropf ist: Das Kind hat einen wichtigen Auftritt – zum Beispiel als Strohballen im Krippenspiel – und die Mama hat nichts Besseres zu tun, als schwarzbestrumpft und hochhackig in irgend einem Meeting zu sitzen. Vor lauter Angst, dass die Mama es auch diesmal nicht zum grossen Auftritt schaffen wird, ist das Kind den Tränen nahe, aber weil Mama in letzter Sekunde eine himmlische Stimme vernimmt, die ihr sagt, dass dies die einzige Gelegenheit ihres Lebens ist, ihr Kind als Strohballen verkleidet zu sehen, rennt sie aus dem Meeting, lässt Boss und böse Konkurrentin sitzen und schafft es gerade noch im letzten Augenblick, zu sehen, wie der Strohballen vom Esel – im Kostüm steckt das lästige Nachbarskind – verzehrt wird. Von dem Moment an ist Mama ein neuer Mensch und verspricht ihrem Kind, es nie mehr wegen eines Meetings warten zu lassen, sondern es in Zukunft zu jeder Sitzung mitzunehmen.

So ist das in Hollywood und ich selber musste leider schon sehr früh erkennen, dass die Geschichte in der Realität anders ausgeht. In meiner Realität war das so, dass meine Mama sich alle Mühe gab, rechtzeitig zum grossen Auftritt zu kommen, dass dann aber im letzen Moment ein Schaf durchbrannte oder die Konfitüre überkochte oder eine lästige Bekannte sich nicht abschütteln lassen wollte und dann war sie eben spät dran. Und dann geschah es eben, dass sie exakt in dem Moment, als ich das letzte Wort des auswendig gelernten Gedichts – „Dunkel war alles und Nacht, in der Erde tief die Zwiebel schlief, die Braune…“ – gesagt hatte, atemlos zur Tür hereinkam und nur noch das enttäuschte Gesicht ihrer Tochter sehen konnte. Fürchterlich, nicht wahr? Meine arme Mama muss sich schreckliche Vorwürfe gemacht haben.

Woher ich das weiss? Nun, inzwischen bin ich selber eine Mama und zwar eine, die nicht wegen entlaufener Schafe oder überkochender Konfitüre den Auftritt ihres Sohnes verpasst, sondern einfach nur deshalb, weil sie einen Termin zugesagt hat, ohne zu wissen, dass an genau diesem Abend Schülerkonzert sein würde. Gut, eigentlich wären die beiden Termine ja ganz glatt aneinander vorbeigegangen, denn das Konzert begann um sieben, der Termin war um acht. Aber wer schon mal bei einem Schülerkonzert gewesen ist, der weiss, dass allein der Applaus nach jeder Ansage – kann mir mal einer verraten, weshalb man nach einer Ansage applaudiert? – eine halbe Stunde füllt. Wenn also Mama eine knappe Stunde Zeit hat, Karlssons Auftritt aber auf Position 11 im Konzertprogramm steht, dann ist klar, dass es unmöglich ist, dass Mama dabei sein wird, wenn Karlsson spielt.

Menschen, die keine Kinder haben, mögen nun denken, es sei doch nicht so schlimm, einen Auftritt am Schülerkonzert zu verpassen. Sind ja nicht die Berliner Philharmoniker, die da auftreten. Nein, sind es nicht, aber es ist Karlsson, der mich gestern ganz aufgeregt daran erinnert hatte, heute sei dann „der grosse Abend“. Es ist Karlsson, der zum ersten Mal gemeinsam mit viel grösseren Schülern auftreten darf. Es ist Karlsson, der miterleben muss, dass seine Mama zwar noch den Auftritt des FeuerwehrRitterRömerPiraten mitbekommt, bei seinem aber schon längst wieder abgerauscht ist, weil sie dummerweise schon wieder beruflich eingespannt ist. Ich weiss, wie elend sich Karlsson fühlt. Genau so elend, wie ich mich damals gefühlt hatte, als meine Mama nicht dabei war, als ich das Gedicht von der Tulpenzwiebel aufsagte.

Was Karlsson jetzt noch nicht weiss, vielleicht aber später einmal wissen wird: Für die Mama oder den Papa ist so eine Situation genauso schlimm wie für das Kind. Denn Mamas und Papas wollen nichts lieber als dabei sein, wenn ihr Kind auf der Bühne steht. Weil sie wissen, wie wichtig so eine Sache für ihr Kind ist. Weil sie jeden Moment lang mit ihrem Kind mitfiebern wollen. Weil sie heulen könnten vor lauter Rührung, dass ihr kleines grosses Kind schon so viel kann. Und weil sie nach dem Auftritt aufrichtig sagen wollen: „Du warst der Beste!“ und nicht „Ich bin sicher, dass du der Beste warst, aber leider habe ich das nicht mehr mitgekriegt, weil ich schon wieder woanders war, als du endlich dran warst.“

Wie viel Anderssein liegt drin?

Bislang beschäftigte uns die Frage nur in der Theorie, doch je grösser unsere Kinder werden, umso praktischer müssen wir uns damit befassen, wie anders unsere Kinder sein dürfen, vielleicht auch sein müssen, ohne dass sie unter den Folgen allzu sehr leiden müssen. Da wäre zum Beispiel Karlsson, der in ziemlich allem gegen den Strom schwimmt, oder zumindest schwimmen wollte, wenn man ihn denn liesse. Gut, wir lassen ihn schon, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Wenn ihm ein Plattenspieler lieber ist als ein iPod, dann schenken wir ihm eben einen Plattenspieler. Wenn er lieber Bach und Vivaldi hört als Lady Gaga und Jusitn Bieber, ist uns das auch recht, auch wenn wir ihn nie und nimmer davon abhalten würden, zu hören, was die anderen in seinem Alter hören wollen.

Wenn er aber sein „Barockhemd“ zur Schule tragen will, dann sagen wir nein. Nicht, weil wir ein Problem damit hätten, dass ihm der Stil aus vergangenen Zeiten besser gefällt – wir sind ja selber auch der Ansicht, dass Mode für Jungs zum Gähnen ist – sondern weil wir, im Gegensatz zu Karlsson, wissen, wie bösartig Schulkameraden sein können. Weil wir uns nur zu gut daran erinnern, wie schmerzhaft es war, am Rande zu stehen, bloss weil man noch nicht gelernt hatte, dass nicht alle reif genug sind, einen auch dann zu akzeptieren, wenn man sich selbst ist. Wir als Eltern haben diese unglaublich schwierige Aufgabe, ein Kind einerseits darin zu bestärken, zu sich selbst zu stehen und es andererseits davor zu schützen, in seiner ganzen Verletzlichkeit dem Spott anderer ausgesetzt zu sein. Wie schafft man die Gratwanderung, das Kind in all seinen Besonderheiten zu bejahen und es gleichzeitig davor zu warnen, dass zu sich selbst stehen zuweilen zu schmerzhaft sein kann, als dass sie eine Kinderseele es ertragen könnte.

Die gleiche Frage aber mit umgekehrten Vorzeichen treibt uns bei der Erziehung des FeuerwehrRitterRömerPiraten um. „Meiner“ und ich scheinen weit und breit die einzigen Eltern zu sein, die der Meinung sind, dass Star Wars und Nintendo DS nichts für Sechsjährige sind. Und so kommt es, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat nach jedem Besuch bei seinen Kindergartenfreunden mit glänzenden Augen von all den tollen Sachen erzählt, mit denen er hat spielen dürfen. Wie gehen wir damit um? Lehnen wir alle Wünsche kategorisch ab und riskieren damit, dass unser Sohn sein Glück auswärts sucht? Geben wir ein kleines bisschen nach und lassen ihm einen Teil der Freude, in der Hoffnung, dass er von selber erkennt, dass das alles gar nicht so  toll ist? Versuchen wir, ihn für andere Dinge zu begeistern? Lassen wir all unsere Überzeugungen fahren, nur damit wir unseren Frieden haben? Gar nicht so einfach, hier die Balance zu finden zwischen dem Abwürgen jedes Kinderwunsches und dem Verrat an sämtlichen elterlichen Überzeugungen.

Ich vermute, „Meiner“ und ich stehen erst am Anfang eines langen Weges und offen gestanden fürchte ich mich ein wenig vor der Wegstrecke, die vor uns liegt. Wie wir sie überstehen werden? Ich weiss es nicht. Ich ahne aber bereits, dass weder die Kinder noch wir Eltern uns mit einfachen Argumenten wie „Wir sind nicht die anderen“ oder „Aber die anderen dürfen auch…“ zufrieden geben werden.

Lasst mich auch mitreden!

Es war wieder mal typisch. Am Eingang zur Migros stand eine nette Dame, welche die Kunden nach der Kasse abfing, um von ihnen die Meinung über das Sortiment, die Einrichtung des Ladens und die Freundlichkeit des Personals zu erfahren. Es war kurz vor Feierabend und die meisten Kunden wollten nur eins: So rasch als möglich nach Hause gehen und deswegen erteilten sie alle der netten Dame eine Absage. Während ich dabei zusah, wie die Dame verzweifelt nach Opfern suchte, sah ich meine Chancen steigen, dass man endlich einmal mich befragen würde. Nun mögt ihr euch vielleicht an den Kopf fassen und euch fragen, ob ich denn nun vollends durchgeknallt sei. Und das bin ich ja vermutlich auch, denn ich gehöre zu dieser verschwinden kleinen Minderheit in der westlichen Welt, die gerne Fragebogen ausfüllt. Hach, wie ich es liebe, meine Kreuzchen setzen zu dürfen! Wie ich es geniesse, wenn ich endlich mal das zu Papier bringen darf, ob ich mit der Vielfalt des Bio-Angebots zufrieden bin, ob der Laden den Bedürfnissen von Familien gerecht wird, ob ich den Käse lieber abgepackt oder im Offenverkauf kaufen möchte. Ja, so bin ich tatsächlich. Zu den Dingen, die mir wichtig sind, möchte ich gerne meine Meinung sagen und da mir gutes und gesundes Essen heilig ist, habe ich auch zu ziemlich jeder Frage, die den Einkauf betrifft, eine Meinung, die ich den Verantwortlichen gerne mitteilen möchte.

Natürlich ist das nicht das einzige Thema, das mich interessiert. Ich würde mich auch liebend gerne dazu äussern, welcher Partei ich bei den Wahlen im Herbst meine Stimme geben werde, ob ich für oder gegen eine Einheitskrankenkasse bin und ob ich wünsche, dass die Schweiz sofort aus der Atomenergie aussteigt. Diese Umfragen werden gemacht, ich weiss es ganz genau. Wie sonst könnte man dann in der Zeitung schreiben, dass soundsoviele Prozent der Schweizer Bevölkerung der Meinung sind, dass man die Einfuhr von ausländischen Kartoffeln per sofort verbieten soll? Und jedes Mal, wenn ich so ein Umfrageergebnis sehe, frage ich mich, weshalb die mich nicht gefragt haben. Weil ich doch so gerne Fragebogen ausfülle. Und weil ich den Verantwortlichen so gerne den einen oder anderen Tritt gegen das Schienbein verpassen möchte.

Nicht, dass ich nie die Gelegenheit hätte, bei Umfragen mitzumachen. Im Gegenteil, in meiner Mailbox landet fast jede Woche ein Fragebogen. Aber was will man dort von mir wissen? „Welches der genannten Waschmittel duftet Ihrer Meinung nach am frischesten?“ oder „Wie zufrieden sind Sie mit dem Grauton, den Ihre Bank für den neuen Werbeprospekt gewählt hat?“ oder „Welche Vorsorgeeinrichtung hat Ihrer Meinung nach den überzeugendsten Internetauftritt?“ Lauter solchen Mist fragen die mich, aber zu den entscheidenden Fragen des Lebens fragen sie immer die anderen und dann muss ich mich wieder darüber aufregen, dass die Mehrheit der Befragten so anders denkt als ich. Gut, wenn ich hätte mitmachen dürfen, sähe das Resultat wohl nicht viel anders aus, weil ich ja nur eine von vielen Befragten wäre, aber immerhin hätte ich dann das Gefühl, dass ich mich darum bemüht habe, eine andere Meinung zu vertreten. Aber wenn man mich nicht mal mitreden lässt…

Heute aber beim Einkauf war ich mir ziemlich sicher, dass ich für einmal mitreden dürfte. Damit die verzweifelte Dame, die kein Opfer finden konnte, auch bestimmt auf mich zukommen würde, machte ich ein besonders freundliches Gesicht und liess mir sehr viel Zeit beim Einpacken. Gut, allzu schnell ging es ohnehin nicht vorwärts, da der Zoowärter versuchte, mir zu helfen, was die ganze Packerei erheblich verlangsamte. Doch während wir beide am Einpacken waren, geschah das Unvorstellbare: Die Dame mit den Fragebogen konnte sich auf einmal der Opfer nicht mehr erwehren und als ich mich zum Gehen wandte, sassen da vier Kundinnen am Tisch, die alle eifrig ihre Fragebogen ausfüllten und für mich war kein Platz mehr. Einmal mehr durften alle anderen ihren Spass haben, nur ich durfte wieder keine Kreuzchen auf den Fragebogen setzen, um meine Meinung kundzutun. Dabei rede ich doch so gerne mit.

Noch irgendwelche Fragen, weshalb ich fast jeden Tag blogge?

 

Happy Birthday, Luise

Meine liebste Luise

Der Tag, an dem du geboren wurdest, war ein Tag ganz ähnlich wie heute: Wunderbares Frühlingswetter, der Himmel so blau wie deine Augen, die Gärten übersät mit blühenden Narzissen. Ein wunderbarer Tag, genau richtig, um einen wunderbaren Menschen wie dich in Empfang zu nehmen. Ich weiss nicht, ob du je erahnen wirst, wie viel es mir bedeutet, dass du uns an jenem Tag geschenkt wurdest. An einem Tag übrigens, an dem die Welt –  ganz ähnlich wie heute – in Aufruhr war.  Mir selber fällt es schwer, in Worte zu fassen, was es mir damals bedeutete und was es heute für mich heisst, denn ich fühle es mehr, als dass ich es verstehe. Ganz banal lässt es sich so ausdrücken: Du und deine vier Brüder, ihr seid das Allerbeste, was der Himmel uns je geschenkt hat. Anders kann ich es nicht sagen, denn die Liebe, die in diesen Worten steckt, kann ich nicht umschreiben, ich kann höchstens auf meine fehlerhafte Art versuchen, sie euch alle immer und immer wieder erleben zu lassen.

Verleumdung

Morgen hat Luise Geburtstag und deshalb fuhr ich gestern Nachmittag mit dem Zoowärter und dem Prinzchen in die Stadt, um die Geschenke zu besorgen. Danach, so dachte ich, würde ich mit den beiden Kleinen noch in die Ikea fahren, um dem Prinzchen ein neues Bett zu kaufen. Nachdem ich aber das Prinzchen zum dritten Mal innert drei Minuten unter einem Regal hervorziehen musste, unter das er sich verkrochen hatte, beschloss ich, dass der kleine Strolch auch noch eine Woche länger im Gitterbett schlafen kann. Nach Coop, Migros und Manor war ich mit meinen Nerven derart am Ende, dass Ikea einfach zu viel gewesen wäre. Folglich kamen wir deutlich früher, aber nicht minder erschöpft, wieder zu Hause an.

„Meiner“ war ziemlich erstaunt, uns so bald schon wieder zu sehen und fragte den Zoowärter, wo wir denn gewesen seien. „Bei Aldi und Ikea“, gab der kleine Verleumder zur Antwort und zeigte das Getränkefläschchen, das ich ihm gekauft hatte. „Das hier hat mir Mama bei Aldi gekauft.“ „Und, habt ihr jemanden getroffen?“, wollte „Meiner“ wissen. „Nein, keiner hat uns hallo gesagt“, antwortete der Zoowärter beleidigt. Ihr wisst ja, wie das mit den Gerüchten ist. Einmal draussen, lassen sie sich nicht mehr einfangen und so konnte ich dementieren, so viel ich wollte, die Mär verbreitete sich dennoch in sich in Windeseile und heute Morgen, als Luise das Prinzchen fragte, wo wir denn ihre Geschenke gekauft hätten, meinte er ohne zu zögern: „Aldi und Kikea“.

Morgen werden die zwei dann wohl in der Krippe erzählen, sie hätten das Wochenende bei Aldi und Ikea verbracht und übermorgen, wenn ich einkaufen gehe, wird man mich in der Migros nicht mehr grüssen, weil ich angeblich ins Lager der Verräter gewechselt habe.* Dabei ist an der Sache wirklich nichts dran, ich kann sogar die Quittungen vorlegen, um es euch zu beweisen. Dumm ist nur, dass uns gestern, als wir in der Stadt waren, tatsächlich keiner hallo gesagt hat und darum habe ich keine Zeugen, die meine Aussage bestätigen könnten. Nun gut, der Zoowärter und das Prinzchen könnten natürlich schon bezeugen, wo wir tatsächlich gewesen sind, aber mir scheint, dass die momentan lieber die Mama verleumden, als die Wahrheit zu sagen.

* Deutsche Leser mögen sich vielleicht fragen, warum ein Einkauf bei Aldi als Verrat gilt. Dazu muss man wissen, dass man bis vor wenigen Jahren in der Schweiz entweder Migros- oder Coop-Kunde war, so, wie man reformiert oder katholisch ist. Seit dem Markteintritt von Aldi und Lidl ist ein wahrer Glaubenskrieg entbrannt und die Menschen müssen sich ganz neu zu dem Geschäft ihrer Wahl bekennen. Ich, zum Beispiel, bin eine glühende Anhängerin der Migros und habe bis vor wenigen Jahren Coop gemieden, wann immer ich konnte. Der Migros bin ich treu geblieben, aber seitdem Aldi und Lidl hier sind, finde ich Coop nicht mehr ganz so schlimm, weshalb ich notfalls auch mal dort einkaufe. Gut, ich kämpfe jedes Mal mit meinem schlechten Gewissen, wenn ich mal wieder im falschen Laden war, aber vielleicht bewege ich mich so ganz allmählich in Richtung Einkaufs-Oekumene.

Die Welt verändern mit Mama Venditti

Es war schon in der Finanzkrise so und jetzt, wo wir uns endlich ernsthaft überlegen müssen, ob es auch ohne Atomstrom geht, geht das Gejammer wieder los: Wir können doch nicht einfach so unsere Ansprüche runterschrauben. Wir haben uns an einen bestimmten Standard gewöhnt und unsere Lebensqualität würde sich massiv verschlechtern, wenn wir plötzlich mit weniger Strom, weniger Rohstoffen, weniger CO2-Verbrauch, etc. auskommen müssten.

Nun, ich weiss nicht, wie ihr das seht, aber in meinen Augen gibt es ganz viele Dinge, ohne die wir auskommen könnten, ohne dass unsere Lebensqualität unter dem Verlust leiden würde. Im Gegenteil, sie würde sich sogar erheblich verbessern. Hier sind einige Dinge – zugegebenermassen  vor allem kleine Dinge, aber irgendwo muss man anfangen – die mir so ganz spontan einfallen:

Kinder-Überraschungseier: Habt ihr schon je ein Kind gesehen, das dank dieser unsäglichen Kleinstspielzeuge ein glücklicheres Leben hatte? Ich nicht. Im Gegenteil. Meine Kinder sind danach meist bedeutend unglücklicher als zuvor. Entweder, weil der Bruder das viel bessere Spielzeug drin hatte oder aber, weil das Ding innert Minuten kaputt war. Warum nicht Rohstoffe, Energie und zugleich elterliche Nerven sparen und das Zeug abschaffen?

Das Spielzeug zum Happy Meal: Der gleiche Grund wie oben, nur dass man hier noch weiter gehen könnte und nicht nur das Spielzeug, sondern den ganzen Laden rund ums Spielzeug abschaffen könnte. Glaubt mir, die Kinder früherer Generationen waren nicht unglücklicher, bloss weil sie nicht nach Lust und Laune Müll in sich reinstopfen konnten. Wozu man einen Betrieb aufrecht erhalten muss, der rund um den Globus rund um die Uhr gesunde Nahrungsmittel in ungesunden Mist verwandelt, der all den Mist in unnötige Verpackungen steckt und dann auch noch Tag und Nacht die Leuchtreklame eingeschaltet haben muss, damit er nicht in Vergessenheit gerät, leuchtet zumindest mir nicht ein.

Musikberieselung allüberall: Kann mir mal einer erklären, weshalb in einem vollbesetzten Café, in dem sich unzählige Menschen angeregt unterhalten, auch noch Musik laufen muss? Wozu es gut sein soll, dass mir beim Bummel durch eine beliebige Altstadt dieses Landes aus jedem Laden andere Musik entgegen dröhnt? Wie es mein Leben bereichern soll, dass im Parkhaus Musik läuft und zwar auch sonntags? Weshalb ich selbst dann, wenn ich mit meinem Kind auf der Notfallstation auf den Bescheid des Arztes warte, ungefragt mit seichter Radiomusik beschallt werden muss? Konservenmusik wohin man geht und keiner fragt sich, wie das Leben klänge, wenn man auf diese Lärmverschmutzung, die ganz nebenbei auch noch ziemlich viel Strom fressen dürfte, verzichten würde.

Licht zu jeder Tages- und Nachtzeit: Die Strassenlampen brennen auch tagsüber? Ist doch nicht weiter schlimm, wir haben ja ein Kraftwerk gleich um die Ecke, das uns den Strom dazu liefert. Nächtliche Beleuchtung von Sehenswürdigkeiten? Aber klar doch. Wie soll sonst die Menschheit je erfahren, dass hier ein imposantes Schloss, dort eine schöne Stadtkirche steht? Lichtshows am Nachthimmel? Aber natürlich. Die Menschen haben doch einen hohen Eintrittspreis bezahlt, also muss der Partyveranstalter auch etwas Spektakuläres bieten. Dass die Vögel dabei fast durchdrehen und die Nachbarn einen Vogel kriegen, kümmert doch keinen.

Erdbeeren aus Spanien: Seien wir doch ehrlich, die Dinger schmecken scheusslich. Es sei denn, man befinde sich gerade zufällig in Spanien und habe die Zeit, darauf zu warten, bis sie reif sind. Ach, und wo wir schon bei den Erdbeeren sind: Hat mir jemand einen Tipp, wie ich Luise davon überzeugen soll, dass es am Montag keine Geburtstagstorte mit Erdbeeren geben soll? Das Argument „Erdbeeren, die so lange gereist sind, sind unglücklich und schmecken deshalb nach gar nichts“, hat sie noch nicht vollends überzeugt.

Strombetriebene Mini-Ferraris für Kleinkinder: In so einem Gefährt sieht auch das intelligenteste, aufgeweckteste und glücklichste Kind nur noch gelangweilt, dumm und verzogen aus. Da verschwendet man wertvolle Ressourcen, nur um ein Kind derart zu degradieren. Weg damit!

Arbeiten bis Mitternacht und darüber hinaus: Früher war spätestens nach dem Abbrennen der letzten Kerze Schluss und die Arbeit musste bis zum nächsten Tag warten. Heute ist dank Glühbirne, Computer und Drucker erst Schluss, wenn die Arbeit beendet ist. Ich kenne mindestens einen Menschen auf diesem Planeten, der ein glücklicheres Leben führen würde, wenn sich abends, wenn die Kinder im Bett sind, die Arbeitszeit nicht beliebig ausdehnen liesse.

Mike Shiva & Co: Kann mir mal einer erklären, inwiefern sich unsere Lebensqualität verbessert, wenn das Fernsehen rund um die Uhr jedem Deppen, der glaubt, etwas zu sagen zu haben, auch noch einen Sendeplatz anbietet? Und wenn kein Sendeplatz mehr frei ist, der Deppen aber noch immer genug da sind, gründet man eben einen neuen Sender, auf dass wir nie in Gefahr geraten, uns einmal ein paar Momente lang mit Nachdenken abgeben zu müssen. Würde man das Fernsehprogramm auf die wirklich sinnvollen, informativen und unverzichtbaren Sendungen begrenzen, wir könnten wohl morgen aus der Atomenergie aussteigen.

Beautifulvenditti: Ja, dieser Blog bedeutet mir sehr viel und ich freue mich sehr darüber, dass er für eine Handvoll Menschen zur täglichen Unterhaltung beiträgt. Aber glaubt mir, ich bin mir mehr als bewusst, dass die Menschheit sich auch ohne meinen Beitrag früher oder später zugrunde richten wird auch ohne meinen stromfressenden Beitrag auskommen könnte.

 

 

Und noch ein Einkauf

Diesmal mit Karlsson und Luise. Ein Wocheneinkauf, also nichts so Kompliziertes wie gestern. Gerade richtig, um mal wieder Zeit zu haben, um von meinen beiden grössten Kindern die ungeschminkte Wahrheit ins Gesicht gesagt zu bekommen.

„Die Frau X hat gemeint, mich könne nichts aus der Ruhe bringen“, erzähle ich den beiden lachend. „Könnt ihr euch das vorstellen? Ausgerechnet mich soll nichts aus der Ruhe bringen.“ Karlsson und Luise lachen schallend und ich fahre fort: „Ich habe ihr dann gesagt, dass ich auch mal ganz schön laut werden kann. Wenn die wüsste…“ Wieder lautes Gelächter, dann meint Karlsson ganz ohne Vorwurf in der Stimme: „Ja, wenn man dich so mit anderen Leuten erlebt, dann könnte man schon meinen, du seist immer nur freundlich. Mit anderen Kindern schimpfst du nie so wie mit uns.“ Ich zucke zusammen. Bin ich jetzt wirklich geworden, wie ich nie sein wollte. Nett und liebevoll zu fremden Kindern, ungeduldig und unfreundlich zu meinen eigenen? „Ist es wirklich so schlimm?“, frage ich Karlsson und Luise und zittere innerlich vor der Antwort. Was, wenn sie mir genau dies bestätigen? Wenn sie sich fühlen, als würde ich sie nicht lieben, als wünschte ich mir andere Kinder?

Die Antwort der beiden lässt nicht lange auf sich warten. „Nein Mama, du schimpfst gar nicht mehr so viel wie früher. Früher hast du immer geschimpft“, beruhigt mich Luise und Karlsson erklärt: „Weisst du, Mama, bei dir ist das gleich wie bei mir. In der Schule können die sich ja auch nicht vorstellen, dass ich zu Hause motze, die Türe knalle und wild bin. Die glauben ja auch, ich sei immer nur lieb und nett.“

Also alles noch im grünen Bereich. Ich bin nicht anders als die meisten anderen Menschen auch: Die Menschen, die mir wenig bedeuten, müssen sich mit meiner Freundlichkeit begnügen, während diejenigen, die ich am meisten liebe, das Privileg haben, meine der Allgemeinheit verborgenen Fehler immer mal wieder in vollen Zügen geniessen zu dürfen.