Wo bleibt er denn nur?

Was läuft hier bloss wieder falsch? Ich kann ihn umwerben wie ich will, zu mir will er in diesem Jahr einfach nicht kommen. Landauf landab klagen die Mütter, in diesem Jahr sei es besonders schlimm mit ihm, sie wüssten ihm fast nicht mehr zu wehren, aber von mir will er einfach nichts wissen. Andere Mütter werden in diesen Tagen belästigt mit Adventssingen, Adventsbasteln, Adventsbacken, Adventsshopping, Adventsichweissnichwassonstnoch, aber bei mir herrscht noch heute, am Tag nach dem ersten Advent, gespenstische Ruhe. Klar, am Samstag haben wir auch Adventskränze gebastelt, aber das war kein Stress, weil jemand anders die Sache perfekt organisiert hatte. Ach ja, und die Kinder machen natürlich auch bei so einer Art Krippenspiel mit, aber dieser eine zusätzliche Termin war nun wirklich nicht so schlimm, zumal unser Samstagnachmittag mit weniger Kindern dafür umso ruhiger verlief. Auch die zwei anderen adventsbedingten Termine, die bis Weihnachten noch in unserem Kalender stehen, fallen auch nicht gross ins Gewicht.

Und so kommt es, dass ich in diesen Tagen wohl eine der wenigen Mütter bin, die allen Ernstes vorschlägt: „Lass uns doch im Dezember mal wieder Kaffee trinken. Mein Kalender ist noch ziemlich leer. Wann hättest du denn Zeit?“ Warum bloss zückt bei dieser freundlichen Einladung die andere Person nicht sogleich die Agenda? Warum bloss schaut sie mich an, als hätte ich da eben eine furchtbar ketzerische Frage gestellt? Warum bloss zweifeln einige gar an meinem Verstand, wenn ich frage, ob sie bald einmal wieder Zeit für einen Schwatz hätten?

Nun ja, ich weiss nur zu gut, warum das so ist. Klage ich doch gewöhnlich auch über den Adventsstress, der mich daran hindert, Ruhe und Besinnung zu finden. Was ich aber nicht weiss: Warum bloss ist es in diesem Jahr anders bei mir? Habe ich ein besonders gutes Jahr erwischt, in dem sämtliche Lehrkräfte meiner Kinder adventsmüde sind und deswegen auf zusätzliche Termine verzichten? Sind unsere Kinder in diesem Jahr besonders bescheiden und belästigen uns nicht mit unerfüllbaren Wünschen? Oder habe ich in den vergangenen Wochen in derart hohem Tempo gelebt, dass ich mich jetzt, wo es arbeitsmässig etwas ruhiger wird, nicht mehr so leicht aus der Ruhe bringen lasse?

Vielleicht aber – und das befürchte ich fast – spielt der Adventsstress in diesem Jahr ein besonders heimtückisches Spiel mit mir: Er kündigt seinen Besuch nicht wie üblich weit im Voraus an, sondern wartet, bis wir glauben, er habe und in diesem Jahr vergessen weshalb wir es uns mit Glühmost und Guetzli gemütlich machen, und dann schlägt er aus dem Hinterhalt zu, wenn wir am wenigsten mit ihm rechnen.

Krippenspiel-Karriereleiter

Wie fast überall im Leben, gibt es auch bei den Krippenspielen eine Karriereleiter. Im ersten Jahr startet man als Schaf, im zweiten Jahr darf man ein Hirte sein,  im dritten dürfen die Jungs einen der drei Könige sein, die Mädchen ein Engel und schliesslich folgt im vierten Jahr die Krönung, wenn man Maria oder Josef sein darf. So zumindest sieht die Karriere aus, wenn sie ohne Hindernisse verläuft.

Bei Luise nun ist die Karriere ins Stocken geraten. Eigentlich sollte sie schon längst die Maria machen dürfen, aber seit drei Jahren nun ist sie auf der Stufe Engel stehengeblieben. Was vielleicht an ihrem engelsgleichen Aussehen liegt. Luise findet es dennoch  ziemlich doof, dass es karrieremässig nicht vorwärts geht und man weiss ja, dass die Zeit drängt, wo sie doch in wenigen Jahren zu alt sein wird, um noch eine Rolle in einem Krippenspiel zu kriegen. Krippenspielregisseure sind da noch gandenloser als Hollywood-Regisseuere. Unter diesen Umständen ist es für Luise natürlich auch kein Trost, dass sie in diesem Jahr zumindest den Engel Gabriel machen darf. Sie findet, dass sie jetzt lange genug auf die Krönung ihrer Karriere gewartet hat und es tröstet sie auch  nicht, dass ihre Mama damals auch auf der Stufe Engel stehen geblieben war. Ob wir nächstes Jahr mit Bestechungsgeldern nachhelfen müssen?

Ernsthafte Sorgen machte ich mir, als der FeuerwehrRitterRömerPirat mir meldete, er sei in diesem Jahr als  Kartoffelsack zu sehen sein. Haben die jetzt tatsächlich weitere Hierarchiestufen eingeführt und unser armer kleiner Sohn muss noch einmal ganz unten anfangen, obschon er sich doch  einmal schon ganz leidlich durchgeschlagen hat? Wie kann ich mich denn damit brüsten, wenn ich den Leuten sagen muss: „Mein Sohn hat in diesem Jahr den Kartoffelsack so bravourös gespielt, dass er im nächsten Jahr ganz bestimmt die Eselsrolle bekommt.“? Nach mehrmaligem Nachhaken hat sich aber herausgestellt, dass ich ganz unbesorgt sein kann. Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist ein Hirte, so wie es sich gehört, wenn man schon zum zweiten Mal dabei ist. Aber weil dieser Hirte einen alten Kartoffelsack trägt, war der FeuerwehrRitterRömerPirat offenbar anfangs ein wenig verwirrt, wer er denn nun sei.

Schlafräuber

Zuweilen erstaunt es mich ja schon, dass ich auch nach zehn Jahren Familienerfahrung noch immer nicht fähig bin, einzuschätzen, woher der Stress kommen könnte. Da bibbere ich während Tagen der Nacht entgegen, in der fünf zehnjährige Geburtstagsgäste bei Karlsson übernachten werden. Und wer raubt „Meinem“ und mir am Ende den Schlaf? Die Gäste? Aber nicht doch! Die führen sich alle vorbildlich auf. Wer aber die Nacht zum Tag  macht ist das Prinzchen.

Als „Meiner“ und ich wie immer kurz nach Mitternacht ins Bett sinken, ist das Kerlchen hellwach und will aus dem Fenster schauen, weil er hofft, dass dort draussen noch immer der Kran ist, der gestern in Nachbars Garten die massakrierten Bäume über den Gartenzaun gehoben hatte. Der Kran ist natürlich nicht mehr da, der „schläft schon“, wie ich dem enntäsuchten Prinzchen zu erklären versuche.  Brüder, Schwester und Gäste schlafen  auch schon und Mama und Papa würden eigentlich auch gerne schlafen, wenn  denn Ihro Majestät so gütig wäre, sich auf ihr Nachtlager zu begeben. Aber Ihro Majestät hat anderes im Sinn, klettert wieder und wieder aus dem Bett, steigt der Mama, die zwischenzeitlich einen Moment eingedöst ist, auf dem Kopf herum und begibt sich schliesslich in die Küche, wo es Tiefkühl-Croissants zu bestaunen gibt, die am Morgen die hungrigen Gäste sättigen sollen.

Insgesamt drei stunden lang ist das Kerlchen wach und hindert uns daran, Kräfte für die zweite Hälfte der Geburtstagsparty zu sammeln. Als endlich gegen vier Uhr morgens Ruhe einkehrt, geht es mir durch den Kopf, dass wir das Ganze schon einmal  ähnlich erlebt haben und zwar insegsamt zwei Jahre lang. Damals machte Luise die Nacht zum Tag, schlief jeweils von abends um sieben bis ein Uhr nachts und dann erst wieder etwa morgens um sechs. Dazwischen setzte sie wahlweise die Küche unter Wasser, verfütterte ihren schlaftrunkenen Brüdern Schokolade oder stattete der Grossmama im Erdgeschoss nachts um zwei einen Besuch ab. Wir Eltern versuchten damals alles, um das  Kind zum Schlafen zu bringen: Beruhigungstees, Baldrian, Zimmer umstellen, ein Schlafsack, der sich an der Matratze befestigen liess (worauf das schlaue Kind einfach mit der Matratze auf dem Rücken aus dem Bett kam), ein  neues Bett, Belohnungen – pro zehn Nächte Schlaf eine Barbie – bei Mama und Papa schlafen und noch einige Dinge mehr. Das Kind schlief trotzdem nicht und eines Tages sass ich heulend bei der Kinderärztin und wusste mir nicht mehr zu helfen. Die Kinderärztin tat ihr Bestes, mich zu verstehen, helfen konnte sie  aber auch nicht, denn Luise hatte bald herausgefunden, dass der Baldriansirup, den die Kinderärztin verschrieben hatte, schrecklich schmeckt und verweigerte ihn standhaft.

Geholfen hat dann ein anderer: Der Zoowärter. Kaum war er auf der Welt, hatten die nächtlichen Eskapaden ein Ende und Luise schlief wie ein Murmeltier. An all dies erinnerte ich mich, als ich heute in den frühen Morgenstunden den  Schlaf suchte. Und ehe ich ganz ins Land der Träume entschwand, dachte ich bei mir, dass diese eine schlaflose Nacht hoffentlich ein einmaliger Ausrutscher des Prinzchens war. Denn ich glaube nicht, dass  wir uns noch einmal so ein  Schlafmittel leisten können, wie jenes, das bei Luise endlich die erwünschte Wirkung gebracht hatte.

Desperate Mousewife

Als ob der gestrige Frusttag nicht schon schlimm genug gewesen wäre – ich hoffe, ihr habt mein völlig unprofessionelles Gebrüll nicht gehört – muss heute auch noch die Internetverbindung streiken. Nun gut, streiken tut sie schon seit längerer  Zeit, aber nachdem ich die vergangenen Tage mit dem Computer auf dem Sofa verbracht habe, ist mir das stetige Ein und Aus der Drahtlosverbindung verleidet. Und so habe ich mich heute endlich dazu durchgerungen, mal wieder meine Freunde bei Sunrise anzurufen. Die Ferndiagnose, die man mir dort gestellt hat, war leider nicht gerade der Aufsteller des Tages: Vermutlich sei das Modem kaputt, aber ich hätte ja zwei Jahre Garantie auf das Gerät, das ich jetzt eben werde zur Reparatur einschicken müssen. In meinem Kopf schrillten die Alarmglocken, denn Modem weg bedeutet für mich soviel wie Abgeschnittensein vom Leben. Ja, ich weiss, vor zwölf Jahren ging es auch noch ohne und „Meiner“ und ich stellten uns tatsächlich die Frage, ob sich die Sache mit dem Internet je durchsetzen würde, oder ob wir auf einen privaten Anschluss verzichten könnten. Aber damals wusste ich ja noch nichts von Bloggen, Internet-Shopping und Arbeiten von zu Hause aus. Heute aber geht bei mir ohne Internet nichts mehr und deshalb geriet ich in leise Panik, als ich hörte, dass unser Modem wohl zur Kur muss.

Auch der Rest der Ferndiagnose stimmte mich nicht viel optimistischer. Ich könnte ja mal nachfragen, ob die im Sunrise Center in Aarau ein Ersatzmodem für die Zeit hätten, aber garantieren könne er mir natürlich nichts, meinte der Herr von Sunrise, der trotz unserer engen Freundschaft, die uns verbindet, nicht eben freundlich war. Um mich nach diesen düsteren Nachrichten zu beruhigen, versuchte ich sogleich, in Aarau anzurufen um zu fragen, ob sie allenfalls ein Ersatzmodem für eine verzweifelte Mousewife an Lager hätten. Aber leider kann man den Laden in Aarau gar nicht anrufen. Man landet im gleichen Call-Center, wie wenn man die Support-Hotline anruft. Was bleibt mir da anderes übrig, als mein Monster von Computer in den Flur zu schleppen, ihn mit dem Kabel ans Modem zu hängen und mir den Frust von der Seele zu schreiben? Und dann zu hoffen, dass das Modem endlich seine Selbstheilungskräfte aktiviert, damit ich es nicht einschicken muss. Immerhin habe ich es ja auch ohne Kur geschafft, wieder halbwegs auf die Beine zu kommen.

Nervensäge

Manchmal ist das Leben eine elende Nervensäge. Zum Beispiel heute. Angefangen hat es schon früh am Morgen, als das Prinzchen seinen Schoppen verlangte und mir meine müden Glieder meldeten, dass sie sich noch nicht fit genug fühlten, sich aus dem Bett zu quälen. Also wollte ich liegenbleiben, aber das Leben machte mir klar, dass daraus nichts wird: „Du kannst doch nicht schon wieder ‚Deinen‘ mit den Kindern alleine lassen. Marsch, aus dem Bett aber schnell!“ „Aber ich bin krank“, jammerte ich. „Du kannst mich doch nicht zum Aufstehen zwingen, wo mir doch jeder Knochen schmerzt.“ „Und ob ich dich zwingen kann“, gab das Leben zurück. Also kroch ich grummelnd aus dem Bett und hörte im Hinausgehen noch, wie das Leben vor sich hin murmelte. Etwas von „Und ob du kannst… dir werd‘ ich’s zeigen…“

Ich versuchte, der Episode in den frühen Morgenstunden keine allzu grosse Bedeutung beizumessen und half „Meinem“ unter Jammern und Stöhnen beim Bereitmachen der Kinder, die heute übrigens deutlich weniger kooperativ waren als gestern, was aber ganz bestimmt einzig und alleine daran lag, dass es heute nicht schneite. Gegen halb acht kam das Au Pair, um „Meinem“ und mir bei unseren Pflichten beizustehen. Aber ganz so fit wie gewöhnlich war auch sie nicht. Doch wie wir Frauen nun mal sind, bissen wir beide tapfer auf die Zähne und erledigten brav unsere Arbeit, auch dann, als „Meiner“ zur Arbeit gefahren und die Kinder zur Schule gegangen waren. Und weil unser Au Pair ein sehr netter Mensch ist, brachte sie schliesslich den Zoowärter in die Spielgruppe und kümmerte sich um das Prinzchen. Ganz wohl dabei war mir nicht, denn ich wusste ja, dass es ihr nicht viel besser geht als mir. Dennoch gab ich schliesslich dem Drängen meiner müden Knochen nach und zog mich auf mein Krankenlager zurück. Um das Gemotze des Lebens, das mir hinterherrief, ich solle gefälligst zuerst den Abfallsack vor die Tür bringen, die Küche fertig aufräumen und das Badezimmer sauber machen, ignorierte ich. „Darf man denn nie krank sein“, murmelte ich, bevor ich in einen tiefen Schlaf fiel.

Zwei Stunden später waren Zoowärter, Prinzchen und Au Pair zurück. Das Au Pair so blass und abgekämpft, dass sie sich schliesslich ergab und ins Bett zurückzog. „Das hast du ja mal wieder grandios eingerichtet“, herrschte ich das Leben an. „Zuerst lässt du mich krank werden und dann musst du dich auch noch auf das Au Pair stürzen. Hättest du nicht wenigstens warten können, bis ich wieder ganz gesund bin?“ „Hätte ich schon tun können“, gab das Leben gleichmütig zurück. „Aber du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich mich um solche Kleinigkeiten einen Dreck schere? So gut solltest du mich inzwischen kennen, dass du so viel Rücksichtnahme nicht von mir erwartest. Und zudem habe ich dich jetzt einen ganzen und einen halben Tag krank machen lassen und obendrein habe ich dir heute Morgen noch diese zwei Stunden zusätzlichen Schlafs gegönnt. Kannst du denn nicht zufrieden sein damit? Du weisst doch, dass die Zeit, die du krank auf dem Sofa liegen konntest, purer Luxus war.“ „Klar weiss ich das“, entgegnete ich. „Aber siehst du denn nicht, dass ich noch nicht fit genug bin, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Und ausserdem bekomme ich jetzt auch noch Ohrenweh und du weisst doch, wie mühsam das sein kann.“ „Wozu hat man denn Medikamente erfunden?“ Wer braucht denn Ruhe, wenn er sich ebenso gut bis obenhin mit Medikamenten vollstopfen könnte?“, fragte das Leben zynisch. „Ja, aber du weisst doch, dass ich es hasse, wenn ich die Käfer mit Medikamenten in Schach halten muss…“, jammerte ich und das war wohl ein Gejammer zu viel. Denn jetzt fasste das Leben den Entschluss, mir es so richtig zu zeigen.

„Komm mal her, Prinzchen“, sagte das Leben. „Siehst du diese Dose hier? Schüttle sie doch mal ganz kräftig. Ja, genau so. Hübsch, wie die rasselt, nicht wahr? Willst du sie nicht aufmachen? Ja, sehr gut, mein Kleiner. Oh, schau mal, da hat’s ja ganz viele Pistazien drin. Komm, ich zeige dir, wie schön die hüpfen, wenn man sie auf den Boden schmeisst. Hihi, das ist lustig, willst du auch mal probieren? Prima, wie du das machst! Versuch‘ doch mal, ob du auch eine ganze Handvoll davon auf den Fussboden schmeissen kannst…“ Und bald lagen die Pistazien überall, wo sie nicht liegen sollten und das Leben kam so richtig in Fahrt: „He Zoowärter“, rief es. „Hast du gesehen, das Prinzchen hat deinen Bären geschnappt. Wenn ich du wäre, würde ich den sofort zurückholen. Nein, macht nichts, wenn das Priznchen heult, die Mama wird das schon wieder richten. Ach so, die Mama versucht gerade Mittagessen zu kochen? Auch gut, dann hol doch mal bitte dieses Verbandsmaterial im Spiegelschrank, Prinzchen. Wie, wozu das gut sein soll? Frag‘ doch nicht so blöd, mach es einfach, aber schnell, bevor die Mama die Hände frei hat, um es dir wegzunehmen, bevor du den ganzen Verband abgerollt hast. Mist! Jetzt war sie doch schneller. Also, mein Prinzchen, dann schlage ich jetzt vor, dass du dir den Schemel holst, die Tür aufschliesst und abhaust und du, Zoowärter, kannst dich derweilen mit diesem Popcorn vergnügen, das dein Papa gestern Abend hat rumstehen lassen…“

Es dauerte keine zehn Minuten, bis die Küche im Chaos versank und ich ein herumbrüllendes, abgekämpftes Wrack war, das sich schleunigst ein paar Medikamente einwarf, um den Rest dieses elenden Tages wenn schon nicht gesund, so doch wenigstens schmerzfrei zu überstehen.

Was mache ich bloss falsch?

Es ist mal wieder soweit: Der Käfer, der alle unsere Kinder mal kurz gestreift hat, so dass sie ein paar Stunden lang ein wenig kränklich waren, hat mich niedergestreckt. Das ist immer so, wenn mal wieder alles ein bisschen viel wird. Und viel war es in den letzten Wochen eindeutig. Zu viel, wie mein Brummschädel, meine Gliederschmerzen und meine zittrigen Beine sagen wollen. Was nicht weiter schlimm ist, denn Au Pair sei Dank kann ich endlich wieder einmal krank machen, wenn ich krank bin und muss nicht durchbeissen bis zum  Wochenende, wenn ich eigentlich schon längst wieder gesund wäre, mich aber dann aus Trotz doch noch einen Tag ins Bett lege. Nein, diesmal ist das Kranksein schon fast Genuss: Schlafen, soviel wie nötig, auf dem Sofa liegen und schreiben, wenn ein Text da ist, dem Gequassel der Kinder lauschen und mich daran freuen, dass ich krank sein darf.

Eines aber gab mir heute früh schon zu denken: Da sorgten „Meiner“ und das Au Pair dafür, dass die Kinder satt und sauber aus dem Haus gehen konnten und ich lag im Halbschlaf im Bett und wartete auf das übliche Geschrei. Aber das Geschrei kam nicht. Alles blieb so still, dass ich hin und wieder sogar ganz in den Schlaf abdriftete. Es war beinahe schon unheimlich: Kein Tobsuchtanfall von Luise, weil die Lieblingshose noch nicht gewaschen ist, kein Herumbrüllen von „Meinem“, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat mal wieder keinen Wank tat, kein Gejammer von Karlsson, weil er seine Hausaufgaben nicht finden konnte. Der Zoowärter und das Prinzchen noch in seligem Schlummer, weil sie für einmal vor dem üblichen Radau verschont blieben.

So langsam begann ich, mir Sorgen zu machen. Ich meine, irgend etwas kann doch nicht stimmen, wenn die selben Kinder, die mich Morgen für Morgen fast in den Wahnsinn treiben, auf einmal so friedlich und folgsam sind. Und wie wir Mütter eben so sind, fing ich an, mir selber Vorwürfe zu machen. „Du bist eben einfach zu ungeduldig mit den Kindern, darum habt ihr jeden Morgen Krach“, meldete sich eine Stimme zu Wort. „Und du bist in deiner Morgenmuffeligkeit eben einfach so unausstehlich, dass man dich kaum ertragen kann“, meinte eine andere Stimme. Eine dritte warf mit vor, ich müsste mir eben jeden Morgen etwas Spezielles einfallen lassen, dann würden die Kinder auch fröhlicher in den Tag starten. So lag ich da, lauschte den Stimmen und wartete darauf, bis endlich das grosse Chaos vor der Schlafzimmertüre ausbrechen würde, doch das Einzige, was ich hörte, waren die Schritte der Kinder, als sie sich kurz vor acht Uhr fröhlich auf den Weg machten. Was meinem Selbstbewusstsein einen weiteren Stoss versetzte. Warum sind die immer so störrisch, wenn ich Dienst habe und kaum bin ich mal krank, sind sie lammfromm und tun, was Papa und Au Pair von ihnen erwarten?

Die Sache setzte mir derart zu, dass ich nicht mehr weiter schlafen konnte. Also kämpfte ich mich aus dem Bett, um mal aufs WC zu gehen. Und da sah ich auch gleich, weshalb unsere entzückenden Kinder heute so brav aus dem Haus gegangen waren: Draussen fiel der erste Schnee.

In oder out?

Okay, eigentlich bin ich ganz glücklich, dass es in unserem Haushalt weder Wii, noch x- Box, noch all den anderen Mist gibt, mit welchem unsere Kinder die Zeit vertrödeln könnten. Ich bin auch nicht traurig darüber, dass die kleinen Vendittis scheinbar die einzigen Kinder sind, die Star Wars nur vom Hörensagen kennen. Und ich finde es auch nicht weiter schlimm, dass Hannah Montana in Luises Kleiderschrank noch nicht Einzug gehalten hat.

Es ist nicht so, dass wir unseren Knöpfen das alles einfach verbieten, sie haben bis anhin einfach kein großes Interesse an solchen Dingen gezeigt, und ich sehe keinen Grund, dieses Interesse künstlich zu wecken. Wir sind auch nicht grundsätzlich gegen technischen Fortschritt, aber wir sehen nicht ein, weshalb wir immer gleich jeden Mist mitmachen sollten. Unsere Kinder scheinen auch ohne den ganzen Kram ganz glücklich zu sein und immerhin dürfen sie ja hin und wieder mit Mamas iPad spielen.

Zuweilen aber Stelle ich mir die Frage, ob wir hier nicht ein gigantisches Nachholbedürfnis herbeizüchten, das unsere Kinder dereinst werden stillen wollen. Die Zweifel befallen mich zum Beispiel dann, wenn wir gemeinsam einen Katalog durchblättern und unsere Kinder nicht wissen, dass man dieses hässliche schwarze Ding auf dem Bild x-Box nennt. Noch mulmiger wird mir, wenn ich ihnen nicht erklären kann, wozu diese gut sein soll. Hätten wir nicht ein sehr schlaues Au Pair, unsere Kinder würden weiter im Dunkeln tappen.

Mulmig wird mir auch, wenn ich mit einem Ohr zuhöre, wie unsere Kinder beim Zeichnen miteinander reden. „Ich zeichne der Frau eine Hannah Montana auf den Pullover“, verkündet Luise und Karlsson meint, er hätte doch schon
immer geahnt, dass Luise Hannah Montana cool finde. Worauf Luise so laut protestiert, dass mir sofort klar wird, wie sehr unsere Tochter hin- und hergerissen ist zwischen Faszination und Abscheu. Ganz ähnlich wie damals ihre Mutter, die zwar wusste, dass Barbie fürchterlich doof und stillos ist, die aber dennoch ganz gerne mal so ein doofes, stilloses Ding ihr Eigen genannt hätte.

Als Kind von Eltern, die schon vor dreißig Jahren auf Bio, Handgestricktes, Umweltschutz und Konsumverzicht schworen, weiss ich nur zu gut, wie sehr es nerven kann, wenn Erwachsene einem mit ihren Überzeugungen jeden politisch oder ökologisch inkorrekten Spass verderben. Als Erwachsene, die weiß, dass ihr diese Erziehung nicht geschadet hat, sondern sie zu einem mehr oder wenigen kritisch denkenden Menschen gemacht hat, bin ich aber heute überzeugt, dass meine Kinder durchaus auch zu glücklichen Menschen heranwachsen, wenn sie nicht jeden Mist mitmachen müssen.

Und so wird mir einmal mehr bewusst, dass es in der Erziehung nicht den einzig gangbaren Weg gibt, dass es ein stetiges Abwägen bleibt zwischen Ja und Nein, sinnlos und sinnvoll, In-sein und Out-sein. „Meiner“ und ich werden wohl nicht davor verschont werden, uns hin und wieder sehr unbeliebt zu machen bei unseren Kindern, aber ich hoffe doch sehr, dass wir es auch ab und zu hinkriegen, Dinge zu erlauben, die unseren Überzeugungen nicht in allen Punkten entsprechen.

Für den Moment aber bin ich einfach nur froh, dass unsere Kinder noch ganz zufrieden sind, wie die Dinge sind. Zumindest dieses Jahr werde ich noch guten Gewissens sämtliche Weihnachtswünsche erfüllen können. Mal abgesehen davon, dass Luises „Sylvanian Famileis“ in China hergestellt worden sind.

Wieder Kind werden

Beim ersten Kind war es ja noch ganz einfach und beim Zweiten auch: All die Wunder der Kindheit, die man in bester Erinnerung hat, sind wieder da. Der erste Tannenbaum, unter dem ein echtes Baby liegt und nicht bloss eines aus Holz oder Maisstroh. Der erste Geschenkekatalog, der ins Haus flattert und der einen fast ebenso magisch anzieht wie damals, als man selber noch einen Wunschzettel zusammenkleistern durfte. Das erste Weihnachtsfenster, das endlich einmal so werden soll, wie man es sich als Kind immer erträumt hatte. Die Auferstehung all der Traditionen, die man als Kind so geliebt hatte, die sich aber ganz allmählich mit dem Grösserwerden der Kinder aus dem Leben geschlichen hatten, weil das, was für die Kinder so wunderbar, so magisch war, für die Eltern mehr und mehr zum Stress verkommen war.

Bei uns würde das natürlich ganz anders sein, das wussten wir, schon bevor wir Kinder hatten. Bei uns würde die heilige Zeit heilig bleiben, die Geheimnisse würden Geheimnisse bleiben, die Freude der Eltern jedes Jahr so echt und ungetrübt wie die Freude der Kinder. Und anfangs war dies, wie bereits erwähnt, noch sehr einfach. Mit den ersten Kindern wurden wir selber wieder ein bisschen Kind, machten uns voller Elan an das Umsetzen all der Träume, die wir schon als kleine Kinder hatten, die dann aber unsere Eltern nicht immer so erfüllen konnten oder wollten, wie wir dies erwartet hätten. Ja, bei uns würde das anders sein, zauberhafter, kindlicher, stressfreier.

Doch dann wurden der Kinder mehr und diejenigen, die schon da waren, wurden grösser, die Jahre jagten sich immer schneller und bald einmal ertappte man sich dabei, wie man seufzte: „Mist, wir sollten schon wieder den Samichlaus organisieren. Wo sollen wir  denn den noch in den Terminkalender quetschen?“ Den kleineren Kindern die Vorfreude auf den Samichlaus nicht zu verderben und den grösseren dennoch zu gestehen, dass unter dem roten Mantel und dem weissen Bart ein ganz gewöhnlicher Mann steckt, ist gar nicht so einfach. Noch schwieriger ist es, zu verhindern, dass die Grossen den Kleinen den Zauber ruinieren, bevor diese überhaupt eine Chance gehabt hatten, so richtig an den Samichlaus zu glauben. Und während man in den ersten Jahren des Familienlebens noch sehnsüchtig darauf gewartet hatte, endlich das Glöckchen läuten zu dürfen und sich an den glänzenden Augen der Kinder zu erfreuen, wenn sie zum ersten Mal den Tannenbaum sehen, so muss man heute aufpassen, dass das Ganze nicht zu der ewig gleichen Routine wird. Nicht, weil man dies will, sondern weil halt alles, was man mehrmals erlebt hat, zur Routine werden kann. Wenn wir nicht aufpassen, dann sind wir schon bald soweit, dass wir uns fragen, ob wir für einmal nicht auf den Samichlaus verzichten sollen, oder ob es den Kindern wohl etwas ausmachen würde, wenn sie in diesem Jahr ohne Adventskalender auskommen müssten….

So würden wir wohl denken, wäre ich in den vergangenen Tagen nicht wieder vermehrt dem Kind begegnet, das ich mal war. Da sass ich am Computer und verirrte mich schreibend in eine weihnächtliche Welt, die immer zauberhafter wurde, immer mehr so, wie ich mir das damals, als ich noch klein war, vorgestellt hatte. Und wenn ich wieder auftauchte aus meiner Weihnachstwelt, traf ich auf den Zoowärter, der gedankenverloren auf dem Sofa sass, das „Geschenkebuch“ der Migros von vorne nach hinten und wieder zurück durchblätterte und murmelte: „Das wünsche ich mir und das hier und dann natürlich noch das da oben…“ Plötzlich wurde mir wieder klar, dass die Weihnachtszeit für jedes Kind eine besondere Zeit ist, egal, wie oft die Familie schon Weihnachten gefeiert hat, egal, wie sehr man den ganzen Konsumwahn verteufeln mag, egal, wie sehr man sich darüber ärgert, dass der Sinn des Festes im ganzen Trubel verloren geht. Und so fasse ich heute den Entschluss, dass ich immer wieder Kind werden will. Denn ich ahne, dass nur wer Kind bleibt, es zustande bringt, in der guten alten Advents- und Weihnachtszeit einzig das Schöne zu sehen und das Schlechte auszublenden.

Stopp!

Darf man das? An einem grauen Donnerstagmorgen, wenn auf dem Tisch noch die Krümel vom Frühstück, auf dem Fussboden die Dreckspuren der Kinderschuhe liegen und sich sowohl auf dem Bürotisch als auch im Kopf die Arbeit türmt, alles stehen und liegen lassen, wie es ist und in die Badewanne  verschwinden? Einfach so, ohne iPad, ohne Telefon, ohne Unterlagen, die man beim Baden studieren könnte. Tür zu, warmes Wasser an, ein paar Momente lang abtauchen und so tun, als hätte man mit all dem Chaos vor der Badezimmertür rein gar nichts zu tun. Darf man das?

Nein, man darf nicht, man muss. Denn wenn man wieder an dem Punkt angelangt ist, an dem man sich fragt, ob ein heisses Bad zwischendurch drinliegt, dann herrscht Alarmstufe rot. Jetzt aber ganz schnell wieder lernen, die Prioritäten richtig zu setzen, Aufgaben, die man nicht selber erledigen muss, abzugeben, dem Perfektionismus, der sich wieder heimlich still und leise ins Leben geschlichen hat, einen Riegel zu schieben, bevor er die Kontrolle ganz an sich reisst, Erholungsphasen wieder ebenso ernst zu nehmen wie all die Aufgaben, die tagtäglich auf einen einprasseln. Spätestens dann, wenn der Schlaf nachts trotz Übermüdung nicht mehr kommen will und die leiseste Kritik einen in Selbstzweifel stürzt, ist es an der Zeit, wieder Spielgruppenkind zu werden: Sich mit beiden Beinen auf den Boden stellen, dem Zeitfresser, der dein Leben an sich reissen will, die flache Hand entgegenstrecken und dann laut und deutlich „Stopp!“ rufen.

Ach Zoowärter, könntest du deiner unbelehrbaren Mutter bitte Nachhilfestunden geben? Ich glaube, sie hat das mit dem „Stopp!“ schon wieder verlernt.

Zehn Jahre Karlsson

Zugegeben, meine Liebeserklärung an Karlsson kommt heute etwas sehr spät. Dies hat zwei Gründe: Erstens durfte ich heute nach ausgiebigen Geburtstagsfeierlichkeiten auch noch der Geburt eines Vereins beiwohnen und zweitens hat sich Karlssons ja damals auch erst drei Minuten vor Mitternacht dazu entscheiden können, Mamas Bauch doch noch am 17. und nicht erst am 18. zu verlassen. Und deshalb wird er ja streng genommen erst in einigen Minuten zehn Jahre alt.

Wird man Mama von einem Jungen, kommt man nicht umhin, mit zahlreichen Klischees konfrontiert zu werden. Die Leute schenken dem Kind marineblaue und dunkelbraune Kleider, sie bringen Spielzeugautos und Bagger mit und sie glauben, dich vorwarnen zu müssen, dass es nun wohl ziemlich rund gehen würde bei dir zu Hause. Würde man sich nach den Klischees richten, man hätte als Eltern eines Sohnes eine wahrlich eintönige Zukunft vor sich. Aber wir wurden ja Gott sei Dank nicht Eltern eines Klischees, wir wurden Eltern von Karlsson. Und dieser Karlsson, das wird mir an Tagen wie heute ganz besonders bewusst, entspricht ganz bestimmt nicht den gängigen Klischees.

Nehmen wir mal das Thema seiner Geburtstagsparty, die übernächstes Wochenende stattfindet: „Das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert“, wie er auf der Einladung an seine Freunde schrieb. Oder nehmen wir das Geschenk, das er sich mit Gotte und Götti ausgesucht hat: Eine 130-jährige Petroleumlampe, die er hütet wie seinen Augapfel und die er am liebsten als einzige Beleuchtung im ganzen Haus einsetzen würde. Oder nehmen wir seine Antwort, als ich ihn heute fragte, ob er denn nicht seinen besten Freund zum Mittagessen einladen wolle: „Ach weisst du, Mama“, meinte er, „an meinem Geburtstag möchte ich eigentlich beim Mittagessen nur mit meiner Familie zusammen sein.“

So ist er, unser Karlsson und ich muss immer wieder schmunzeln, wenn ich daran denke, wie man uns damals, als er noch ganz klein war, gewarnt hatte, das Kind werde bestimmt ganz wild, ja, vielleicht sogar hyperaktiv, so, wie Jungs eben seien. Karlsson ist – wie wohl sehr viele Jungen – das pure Gegenteil von dem, was man uns damals gesagt hatte. Karlsson ist Karlsson, einmalig mit seinem Humor, mit seiner Liebe zu alten Dingen, mit seiner Fantasie, mit der er sich die Welt besser erträumt, mit seinen bunten Kleidern, mit seinem aufbrausenden Temperament, das in lebhaftem Kontrast zu seiner sensiblen Art steht, mit seiner Treue, die ihn in einem unansehnlichen Stück Stoff noch immer den geliebten Eisbären sehen lässt, den er zum ersten Geburtstag geschenkt gekriegt hat.

So bist du, geliebter Karlsson. So und noch ganz anders, denn wer könnte je einem Menschen mit einigen wenigen Sätzen gerecht werden? Und auch wenn ich dir weder mit meinen Worten noch mit meinen Taten je werde voll und ganz gerecht werden können, Eines bleibt: Ich bin so unglaublich dankbar, dass du mein Sohn bist.