Zehn Jahre Mama Venditti

Bevor ich morgen auf zehn Jahre Karlsson zurückblicken werde, befasse ich mich heute mit der Mama, die ja auch morgen vor zehn Jahren das Licht der Welt erblickt hat. Ich befasse mich mit einer Mama, die damals sehr viele Dinge wusste, die sie heute nicht mehr weiss. Diese Mama wusste zum Beispiel, dass ihr kleiner, süsser Karlsson nie und nimmer im Elternbett schlafen würde. Kinder haben im Elternbett nichts verloren, darin waren „Ihrer“ und Mama Venditti sich einig. Der kleine Karlsson teilte übrigens die Meinung seiner Eltern und zeigte keinerlei Interesse an allzu viel elterlicher Nähe. Aber Karlsson bekam dann ja auch noch Geschwister, die das Dogma so sehr in Frage stellten, bis schliesslich weder Mama Venditti noch „Ihrer“ sich erinnern konnten, was denn so schlimm sein sollte daran, wenn hin und wieder mal ein kleines Menschlein ins Elternbett gekrochen kommt. Inzwischen sieht übrigens auch Karlsson die Dinge nicht mehr ganz so eng und so verbringt er die Nacht vor seinem zehnten Geburtstag im Elternbett, weil er sonst vor lauter Vorfreude nicht schlafen kann.

Mama Venditti wusste vor zehn Jahren aber auch noch andere Dinge, zum Beispiel, dass das Muttersein sie so sehr erfüllen würde, dass sie ihrem Beruf keine Träne nachweinen würde, obschon sie diesen innig geliebt hatte. Nun, es dauerte nicht allzu lange, bis Mama Venditti zu einer ziemlich unausgeglichenen, launischen Frau wurde, die sich nicht immer so an ihrem Dasein zu Hause erfreuen konnte, wie sie dies erwartet hätte. Leider aber dauerte es ziemlich lange, bis Mama Venditti begriff, woran es lag, dass sie so unausgeglichen und launisch war und deswegen machte sie sich a) den Alltag mit bitteren Selbstvorwürfen zur Qual und b) ihren lieben kleinen Kindern  das Leben mit einer Mama, die nicht wusste, wo das Problem lag, ziemlich schwer. Inzwischen hat Mama Venditti endlich herausgefunden, dass ihre Leidenschaft für ihre Kinder mehr zum Tragen kommt, wenn sie auch anderen Leidenschaften in ihrem Leben Raum gibt. Was nicht heissen soll, dass es die Kinder nun leichter haben mit dieser Mama, denn nun kommt es hin und wieder vor, dass diese diese anderen Leidenschaften mehr Raum einnehmen, als es Mama und Kindern genehm ist.

Dann war da noch die Sache mit dem Temperament. Mama Venditti hatte von ihrer Schwester und anderen Frauen immer wieder gehört, dass sie durch die Kinder viel ausgeglichener und ruhiger geworden seien. Mama Venditti, die schon als Kind mit ihrem hitzigen Temperament aufgefallen war, glaubte natürlich, dass bei ihr genau das Gleiche geschehen würde. Kaum würde sie ihr erstes Kind im Arm halten, würde sie die Ruhe selbst sein. Das glaubte sie ziemlich genau drei Wochen lang, dann flog erstmals mitten in der Nacht eine Schoppenflasche an die Wand, weil Mama Venditti das Weinen ihres entzückenden Kindes nicht mehr ertragen mochte. In den ersten Jahren fragte sich Mama Venditti noch, was bloss mit ihr falsch sei, dass sie einfach nicht ruhiger werden konnte, doch irgendwann begriff sie, dass die Kinder sie nicht zu einem vollkommen veränderten Menschen machen würden und dass sie lernen musste, ihr Temperament in solche Bahnen zu lenken, dass die Kinder nicht darunter leiden müssen. Inzwischen haben sich die Kinder daran gewöhnt, dass Mama Venditti hin und wieder in der Wut einen Teller auf den Fussboden schmeisst, sie wissen aber auch, dass diese Mama danach selber zum Besen greifen wird, um die Scherben aufzuwischen und dass diese Mama sich später auch für ihren Zornausbruch entschuldigen wird. Und vor allem wissen sie, dass diese Mama sehr viel Verständnis hat dafür, wenn ihnen auch mal eine Sicherung durchbrennt.

Ja, diese Mama Venditti wusste sehr viel, damals, vor zehn Jahren. Sie wusste, dass man auch sehr kleine Kinder mit einer gewissen Strenge erziehen muss, dass man einem Kind auf gar keinen Fall vor dem ersten Geburtstag Schokolade geben darf, dass Kinder am glücklichsten aufwachsen, wenn zwischen ihnen und ihren Geschwistern der perfekte Altersabstand liegt, dass man ein grosses Auto braucht, wenn man viele Kinder haben will und dergleichen mehr. Inzwischen ist viel passiert: Mama Venditti hat lernen müssen, dass rechthaberische Strenge nie zum erwünschten Ziel führt. Sie hat erleben dürfen, wie der FeuerwehrRitterRömerPirat im zarten Alter von sieben Monaten ein ganzes Stück Schokoladentorte verzehrt hat, ohne ernsthaften Schaden zu nehmen. Sie hat erfahren, dass es den „perfekten“ Altersabstand nicht gibt und dass es Paare auf dieser Welt gibt, denen die Kinder einfach so in den Schoss fallen, wann es den kleinen Menschlein und ihrem Schöpfer gerade passt. Und inzwischen weiss sie gar, dass eine grosse Familie auch ganz gut mit einem kleinen Auto auskommen kann.

Einiges aber hat die Mama Venditti, die vor zehn Jahren geboren wurde, nicht gewusst: Wie sehr diese Kinder, die ihr in den Schoss fielen, ihr Leben bereichern würden. Wie sehr sie diese Kinder ans Ende ihrer Kräfte treiben würden. Und vor allem, wie sehr  sie diese Kinder lieben würde. Jedes Einzelne mit seiner ureigenen Art.

Ausgesungen

Ich bin ja so niedergeschlagen! Woche für Woche, Monat für Monat habe ich das Prinzchen in den Schlaf gesungen, habe mir das Hirn zermartert, welches Lied noch ins Repertoire passen würde, damit ich nicht Mittag für Mittag, Abend für Abend das Gleiche singen muss. Habe den grossen Kindern oftmals die Gutenachtgeschichte abgekürzt oder gar gestrichen, damit das Prinzchen auch ganz bestimmt sein ausgiebiges Ständchen gesungen bekommt. Alles habe ich gegeben, wirklich alles und doch war es nie genug. Zwar durfte ich mehrmals diesen köstlichen Anblick geniessen, wie dem Kerlchen die Augenlider immer schwerer wurden und er schliesslich ganz einschlief, aber viel häufiger musste ich mich damit abfinden, dass meine Gesangskünste einfach nicht ausreichen, um meinen Jüngsten zufrieden zu stellen.

Eines Abends, nachdem ich mich beinahe heiser gesungen hatte, kam ich auf die glorreiche Idee, dem Prinzchen das iPad neben das Bettchen zu legen, damit er sich von der Musik, die ich heruntergeladen hatte, in den Schlaf wiegen lassen könne. Und siehe da, der Lausebengel fiel alsbald in seligen Schlummer. Also lag am nächsten Abend wieder das iPad bereit, um mich nach vier oder fünf Liedern abzulösen und auch am übernächsten Abend ging es so weiter. Schön, endlich waren meine Stimmbänder wieder etwas entlastet und die Grossen bekamen wieder etwas längere Geschichten erzählt.

Seit gestern aber haben sie Überhand genommen, die Geister, die ich rief. Da will ich, wie jeden Mittag und jeden Abend, zum ersten Lied anstimmen, doch was sagt das Prinzchen da? „Nei Mami! Nöd genge! Mugig lose!“, was soviel bedeuten soll wie „Nein, Mama, verschone mich mit deinem Gesang, ich will jetzt lieber wieder diese himmlische Musik hören, die du mir gestern abgespielt hast.“ Man sieht, von einem Tag auf den anderen bin ich überflüssig geworden und nun frage ich mich natürlich: Was hat er denn, was ich nicht habe, dieser Johann Sebastian Bach, der seit einigen Tagen unser Prinzchen ins Land der Träume begleitet?

Nieder mit Käpt’n Sharky!

Zuerst habe ich gedacht, ich sei die Einzige, die etwas an ihm auszusetzen hätte. Immerhin ist der kleine Pirat mit der Schmusedecke omnipräsent und damit er dies sein kann, muss er ja zuerst einmal zu einem Renner werden und das wird ein Kinderzimmerheld gewöhnlich nicht ohne die Hilfe von Müttern, Vätern, Grosseltern und Paten, die bereits sind, das Portemonnaie zu zücken, wenn der Nachwuchs einen Wunsch äussert. Käpt’n Sharky also hat es bis ganz nach oben geschafft und ich gestehe euch an dieser Stelle, dass ich beinahe auch auf ihn reingefallen wäre. Immerhin sind die Bilder, die ihn umgeben so wunderbar bunt und ansprechend, wie man sie selten sieht bei Kinderzimmerhelden, die vorwiegend für Jungs gemacht sind. „Endlich mal einer, der etwas Farbe in die trübe, marineblauarmeegrünschlammbraunedinosaurierbaustellenlaserschwert Welt der Jungs bringt“, staunte ich, als ich vor einigen Jahren dem kleinen Piraten zum ersten Mal begegnete. Weil aber der kleine Pirat so gut vermarktet wird, dass wir uns seine Accessoires nur selten leisten können, blieb es lange bei einer flüchtigen Bekanntschaft.

Neulich aber brachte der FeuerwehrRitterRömerPirat, der jetzt im Kindergarten auch in die Bibliothek geht,  ein Käpt’n Sharky Buch mit nach Hause. Cool, dachte ich, endlich lerne ich den mal näher kennen. Das wird bestimmt lustig. Und dann wurde ich enttäuscht, wie ich noch selten in einem Kinderbuch enttäuscht worden bin. Die Bilder zwar schön bunt und ansprechend, die Handlung aber so zerstückelt und zufällig, dass man von der einen Seite zur nächsten schon beinahe den Faden verliert. Das Ganze erzählt in der Art eines Schüleraufsatzes, der vom Lehrer zwar von Orthographiefehlern befreit, vom Schüler aber weder in Satzbau noch Aufbau der Geschichte überarbeitet wurde. Jedes Mal, wenn eines der Kinder mit dem Buch vor mir stand und mich bat, ihm daraus zu erzählen, suchte ich ganz dringend nach Ausreden, die mir diese Tortur ersparten. „Soll ich dir nicht lieber aus der Wegleitung zur Steuererklärung vorlesen? Das ist viiiiiieeeel spannender. Oder möchtest du vielleicht ein Bild über die letzen Bundesratswahlen malen?“ Leider liessen sich die Kinder von meinen Vorschlägen nicht begeistern und so erzählte ich einmal mehr vom kleinen Piraten und versuchte verzweifelt, mit Ausschmückungen, verstellten Stimmen und dem Aufbau von Spannung dem Text zu geben, was ihm fehlt. Aber ich scheiterte kläglich, denn ich brachte es einfach nicht fertig, die Langeweile aus meiner Stimme zu verbannen.

Anfangs dachte ich ja, ich sei wohl mal wieder überkritisch. „Am Ende bist du gar neidisch, dass Käpt’n Sharky die Buchläden im Sturm erobert hat, während Leone & Belladonna noch kaum einer kennt“, schalt ich mich. Doch eine kleine Umfrage im Kreise meiner Mitmütter ergab, dass ich für einmal nicht alleine dastehe mit meiner Meinung. Wo ich auch nachfragte, die gleiche Reaktion: „Oh nein, Käpt’n Sharky! Verschone mich mit diesem Langweiler! Die Bilder sind ja okay, aber der Rest…“ Beflügelt durch diese Reaktionen wage ich nun heute nach langem Zögern mein Coming-Out: Ich hasse Käpt’n Sharky. Könnte vielleicht mal einer dafür sorgen, dass der arme kleine Kerl einen anständigen Texter kriegt, damit wir Mütter nicht regelmässig einschlafen beim Vorlesen? Wenn am Ende die Mama schläft, die Kinder aber noch wach sind, ist nämlich etwas ganz gewaltig schief gelaufen…

So lässt sich’s leben

So wenig braucht es zuweilen, um wieder ein paar Gänge tiefer zu schalten: Einen Sohn, der sich eine Schallplattensammlung zum Geburtstag wünscht, eine Mama, die die gewünschten Schallplatten bei Ricardo ersteigert, gute Freunde, die Karlssons Schallplattensammlung gerne bereichern möchten und dann noch ein paar Buchbestellungen, die dich dazu zwingen, Nachschub zu holen. Und schon hast du, was du dir seit Tagen sehnlichst gewünscht hast, nämlich ein paar Stunden, die du ganz alleine mit dir und deinen Gedanken verbringen kannst, währenddem du durchs Mittelland kurvst, um Schallplatten, Bücher, Plattenspieler und noch einmal Schallplatten einzusammeln. Als ob dies nicht schon des Glücks genug wäre, verfährst du dich einmal mehr so heillos, dass du dir wünschst, du hättest dir eben doch ein GPS angeschafft, anstatt dich auf dein iPad zu verlassen.

Wie, ihr versteht nicht, was ich so toll finde daran, dass ich mich an einem sonnigen Samstagmorgen im November verfahre? Aber das ist doch klar. Erstens war ich so lange von zu Hause weg, dass das ganze Chaos schon beseitigt war, als ich endlich wieder zu Hause ankam und zweitens gibt es wohl kaum eine bessere Art, sich eine neue Geschichte auszudenken, als wenn man gelangweilt hinter dem Steuer sitzt und sich fragt, wo das alles enden wird und wie das alles aussehen würde, wenn du ein GPS hättest, das dich in die Irre führen würde. Alles in allem kann ich also auf einen sehr erfolgreichen Samstag zurückblicken: Sieben Bücher verkauft, zwei Stapel Schallplatten und einen Plattenspieler erstanden, eine aufgeräumte Wohnung, ohne dass ich dafür einen Finger krumm machen musste und viele neue Sätze im Kopf, die mir dabei helfen werden, meine 50’000 Wörter zu vollenden. Wenn das kein gelungener Tag war, was dann?

Überfordert

Es ist mal wieder soweit: Der Haushalt wächst mir über den Kopf und zwar in einem solchen Ausmass, dass ich leicht hysterisch werde, wenn ich daran denke, dass irgend jemand all diesen Mist wegräumen sollte. Und dass dieser „irgend jemand“ theoretisch ich sein sollte. Das Schlimme ist nur, dass ich für diese Aufgabe schlicht und einfach nicht tauge. Klar, das gewöhnliche Haushaltschaos von Küche nach dem Essen wieder sauber machen, die frisch gewaschene Wäsche aufhängen und das WC putzen, das kriege ich hin. Problemlos.

Aber wenn die Küche im Chaos versinkt, die Wäsche sich in jeder Ecke des Hauses stapelt, die Betten frisch bezogen werden müssten, die Sommerkleider weggeräumt und die Winterkleider hervorgeholt werden sollten, die Kleiderschränke von zu kleinen Kleidern gesäubert werden müssten und dann auch noch der Bürotisch mit Dingen bedeckt ist, die nicht dahin gehören, dann übersteigt das mein Vermögen. Nun könnte man natürlich einwenden, ich müsste meine Zeit eben fürs Aufräumen einsetzen, anstatt hier immer meinen Käse niederzuschreiben. Was durchaus etwas für sich hat, aber mein Problem liegt tiefer. Ich weiss nämlich schon gar nicht, wo ich anfangen soll, weil ich den Überblick schon längst verloren habe.

Nimmt der Haushalt bei mir Überhand, dann geschieht in mir drin das Gleiche, was bei anderen Leuten geschieht, wenn sie wissen, dass sie ein 20-seitiges Konzept verfassen, die Steuererklärung ausfüllen, einen Bericht abliefern und eine Gebrauchsanweisung schreiben müssen. Sie fühlen sich gelähmt, fragen sich, wie sie dies alles schaffen sollen und wissen nicht, an welchem Ende sie anfangen müssen, weil ihnen das alles gleichviel sagt, nämlich gar nichts. Ja, ich weiss, es ist schwer vorstellbar, dass so banale Dinge wie aufräumen, sortieren und putzen die gleiche Reaktion hervorrufen können, aber so ist es nun mal bei mir: Dinge, die für die meisten Menschen völlig banal und selbstverständlich sind, sind für mich eine riesige Überforderung. Gut, dafür habe ich kein Problem damit, ein Konzept zu verfassen. Aber das hilft mir ja in meinem Alltag auch nicht weiter. Ich könnte zwar das perfekte Konzept abliefern, wie bei uns in Zukunft aufgeräumt werden muss und ich bin mir fast sicher, dass ich selber auch danach leben würde, aber da die meisten Menschen nicht so ticken, würde sich der Rest meiner Familie eine Dreck scheren um das Papier und mein Konzept bliebe ein Papiertiger. Und meine Überforderung wäre gleich gross wie eh und je.

Es gibt also nur einen Ausweg aus der ganzen Misere: „Meinem“ den Kopf voll jammern, wie sehr mich das alles überfordert und hoffen, dass er bereit ist, die Führung zu übernehmen, um uns alle aus dem Chaos zu retten. Wenn er mir dann irgend eine kleine Aufgabe zuteilt,  damit ich den anderen beim Aufräumen nicht im Wege rumstehe, dann stehen die Chancen gut, dass unser Höhle dereinst wieder bewohnbar sein wird.

 

 

Stets zu Ihren Diensten, mein Herr

So langsam nimmt das Prinzchen die Sache mit dem blauen Blut ein wenig zu ernst. Als ich letzte Nacht im Halbschlaf mitkriegte, wie „Meiner“ nach dem Nuggi suchte, glaubte ich noch, es würde bald wieder Ruhe einkehren im Schlafgemach. Aber da hatte ich mich ganz gewaltig geirrt. Wenig später verlangte nämlich Ihro Majestät ein Fläschchen. Weil „Meiner“ inzwischen wieder im Land der Träume unterwegs war, machte ich mich auf in die Küche, um das Fläschchen zu füllen. Aber das Prinzchen wollte nicht dieses Fläschchen, sondern „anneri Flässe“. Und dies verlangte er mit einer solchen Vehemenz, dass ich nicht wagte , ihm zu widersprechen. Ich wollte ja nicht, dass die ganze Familie wach wird.

Währenddem ich die Milch in eine andere Flasche umfüllte, machte sich meine Blase bemerkbar. Was dem Prizchen gar nicht passte. „Nei Mami! Decki! Au flaffe!“, befahl er. Womit er sagen wollte, dass ich mich jetzt gleich wieder hinlegen sollte. Was ich aber nicht tat, auch wenn das Prinzchen zu glauben scheint, ich sei ihm zu blindem Gehorsam verpflichtet.

Als ich wieder ins Zimmer zurückkam, war die Milchflasche leer, das Prinzchen aber wollte mehr. „Saff bella!“, forderte er und streckte mir das leere Fläschchen entgegen. Nun bin ich ja mich gerade berühmt für meine Prinzipienreiterei, aber Saft mit Bella – also eigentlich Saft mit Cola – gibt’s bei uns nicht mitten in der Nacht. Eigentlich auch nicht am Tag, aber das Prinzchen hat noch nicht begriffen, dass wir nur so tun, als ob wir Cola in sein Fläschchen füllen würden. Nun mag man sich ja fragen, weshalb eine Familie wie wir überhaupt Cola light im Hause haben, aber darüber möchte ich lieber nicht reden, denn das ist mir ein wenig peinlich. Jeder hat halt so seine kleinen Laster. Aber zurück zu Saft und Bella: Als das Prinzchen merkte, dass es mir ernst war mit meinem Nein, begann er wild mit den Händchen zu fuchteln. So wild, dass „Meiner“, der inzwischen auch wieder wach geworden war, und ich fürchteten, das Kind werde demnächst abheben und davonfliegen. Dazu schrie er in den höchsten Tönen nach „Saff bella!“. Irgendwann hatte er mich soweit, dass ich in die Küche ging, um ihm ganz wenig „Saff“ und ganz viel „Waffe“ ins Fläschchen zu füllen. Von da an herrschte wieder himmlische Ruhe, auch wenn wir das Prinzchen einmal mehr um das ersehnte Bella betrogen hatten.

Manchmal hat man eben als Mutter nur die Wahl zwischen kreuzverkehrt und total daneben. Und ich muss euch doch sehr bitten, dass ihr mir jetzt keine Handlungsalternativen vorschlagt. Es reicht, wenn ich mir das Gemotze meines inneren Kritikers anhören muss.

Ach ja, und falls ihr wissen wollt, wie wir momentan alle aussehen, gibt’s hier aktuellere Bilder.

Bitte nicht stören

Nennt mich ruhig altmodisch, aber es gibt da so Zeiten, zu denen ich nicht gestört werden will. Meine Eltern haben mir noch beigebracht, dass man sonntags niemanden anruft, dass man die Leute zu Essenszeiten in Ruhe lässt und dass man sie weder frühmorgens noch feiertags mit Telefongeklingel weckt. Mir scheint, die Zeiten haben sich gewaltig geändert. Kaum ein Mittagessen geht vorbei, ohne dass jemand anruft und heute, wo die Kinder unaufgefordert jeden Anruf entgegennehmen, können wir das Klingeln noch so sehr ignorieren, am Ende rufen die Kinder uns dennoch ans Telefon. Das müssen wir mal im Familienrat thematisieren, sofern wir es endlich auf die Reihe kriegen, einen abzuhalten.

Dass die Leute so unhöflich sind, über Mittag anzurufen, ist an sich schon ärgerlich, wenn ich aber bedenke, weshalb sie zu unseren Essenszeiten zum Telefon greifen, dann werde ich rasend. Da hat doch zum Beispiel tatsächlich einmal eine verzweifelte Mutter „Meinen“ angerufen, weil ihre Tochter nicht essen wollte, was auf den Tisch gekommen war. „Was soll ich bloss tun, Herr Venditti?“, klagte sie. „Meine Tochter will das Fleisch nicht essen.“ Ein anderer Favorit von mir: „Ich weiss, dass ich Sie beim Essen störe und das tut mir ja wirklich Leid, aber…“ und dann kommt irgend eine blöde Geschichte von vergessenen Hausaufgabenheften.

Eine andere telefonische Unzeit ist für mich der Sonntag. Klar, wenn wir mit Freunden verabredet sind und die uns anrufen, weil sie eine Stunde früher kommen, dann stört mich das nicht. Ich habe auch nichts dagegen, wenn man sich spontan zu uns zum Kaffee einlädt. Aber ist es denn so verwerflich, dass weder „Meiner“ noch ich sonntags für Berufliches erreichbar sein will? Und doch kommt es immer mal wieder vor, dass Anrufer nicht bis Montag warten mögen und uns so daran hindern, wenigstens einen Tag lang so zu tun, als hätten wir frei. Reicht es denn nicht, dass wir durch die Verköstigung unserer entzückenden Horde auch sonntags nie ganz von unseren Pflichten entbunden sind?

Anrufe zu Essenszeiten sowie an Sonn- und Feiertagen sind ein Ärgernis, Anrufe am frühen Morgen , sagen wir um sechs Uhr, treiben mich zuerst einmal in Panik und danach, wenn ich weiss, dass es um irgend eine Bagatelle ging, zur Weissglut. Wissen die guten Leute denn nicht, dass ein Anruf, der einen aus dem Schlaf reisst, einen sofort das Schlimmste erahnen lässt? So war das zum Beispiel heute früh um zehn vor sechs, als das Telefon klingelte, ich aber im Halbschlaf nicht schnell genug war, den Hörer zu finden. Wenn der Tag damit anfängt, dass mir das Herz rast vor lauter Angst, dass einem lieben Menschen etwas zugestossen sein könnte, dann bin ich zu nichts zu gebrauchen. Wenn ich dann aber im Laufe der nächsten zwei Stunden feststellen muss, dass die Person keinen weiteren Versuch unternimmt, uns erneut zu erreichen, dann muss ich annehmen, dass es da keinen Notfall gab, sondern nur einen ausgesprochen asozialen Zeitgenossen, der sich nicht bewusst ist, dass auch Vendittis hin und wieder schlafen.

Nein, ich habe nichts gegen Telefone, im Gegenteil. Wenn ich mal in Fahrt bin, dann kann ich stundenlang quasseln. Aber kann man sich denn, bevor man zum Hörer greift, nicht noch ganz kurz daran denken, dass der Mensch am anderen Ende der Leitung auch hin und wieder essen, schlafen oder ausspannen muss? Und ist es denn so schwierig, später noch einmal anzurufen, wenn Mama Venditti beteuert, „Ihrer“ sei jetzt am Essen und möchte nicht gestört werden? Kann man es sich denn nicht verkneifen, darauf zu bestehen, dass er jetzt ans Telefon kommt, weil man ja „nur zwei Minuten etwas mit ihm besprechen will“? Ist das denn zuviel verlangt?

Nun gut, eine Bitte hätte ich noch zum Schluss: Bitte ruft uns samstags nicht vor neun Uhr morgens an. Ich weiss, man geht im Allgemeinen davon aus, dass Eltern samstags spätestens um halb sieben mit tiefen Augenringen am Küchentisch sitzen und sich am Geplärre ihrer Kinder ergötzen. Leider muss ich an dieser Stelle diesem Mythos ein Ende setzen. Es gibt durchaus Kinder, die ihre Eltern samstags etwas länger als gewöhnlich schlafen lassen. Unsere gehören dazu.

Danke, November

Neun Monate lang habe ich mich mit ihr abgequält, habe versucht, sie zu dem Punkt zu führen, wo ich sie haben wollte, habe mit ihrer Sturheit gerungen und hatte doch immer wieder den Eindruck, bei ihr sei Hopfen und Malz verloren. Mehrmals war ich nahe daran, sie aufzugeben, sie ihrem Scheuklappen-Dasein zu überlassen und mich nicht mehr darum zu kümmern, ob sie gegen die Wand fährt oder nicht. Aber irgend etwas hinderte mich daran, sie links liegen zu lassen, ihrer armseligen Existenz ein Ende zu setzen. Ich weiss nicht, was ich in ihr sah, aber heute kann ich mit Freude verkünden, dass ich sie endlich dort habe, wo ich sie schon immer haben wollte.

Und wem habe ich das zu verdanken? Ausgerechnet dem November, der Monat, der neben dem Februar wohl den schlechtesten Ruf überhaupt geniesst. Wäre es nicht November geworden und hätte ich diesen Monat und vor allem das in diesem Monat angesetzte Schreiben nicht dazu benützt, mich noch einmal diesem scheinbar hoffnungslosen Fall zu widmen, ich glaube ihr letztes Stündlein hätte bald schon einmal geschlagen. Aber weil ich mich nun allen Widerständen zum Trotz Morgen für Morgen zu früh aus dem Bett quäle, um ein paar Sätze zu schreiben, weil ich den Haushalt noch öfter als gewöhnlich links liegen lasse, um mich meinen 50’000 Wörtern widmen zu können, weil ich hin und wieder gar das Gezanke der Kinder ignoriere, weil ich gerade ein paar gute Formulierungen im Kopf habe, habe ich es nun endlich fertig gebracht, diese widerspenstige Person, die mir als ihrer Schöpferin doch auf ewig zu blindem Gehorsam verpflichtet wäre, auf den rechten Weg zu bringen. Womit es mir endlich gelungen ist, den ersten Entwurf abzuschliessen.

Gut, es ist wirklich erst der erste Entwurf, es kann also im Zuge der Überarbeitung noch einiges schief gehen. Ob dieser Entwurf dann jemals gut genug sein wird, um den Computer zu verlassen, daran zweifle ich momentan noch ernsthaft. Und ob der überarbeitete Entwurf je auf das Interesse eines Verlegers stossen wird, wage ich gar nicht erst zu träumen. Aber das alles ist mir momentan noch egal. Hauptsache, ich habe die Tante endlich dort, wo ich sie haben wollte. Ich habe da nämlich noch eine andere Geschichte im Kopf, welcher ich mich gerne für den Rest dieses Novembers verschreiben möchte.

Ach ja, ich finde den November übrigens auch ohne das Schreiben einen wunderbaren Monat. Immerhin ist es der Monat, in dem ich vor zehn Jahren zum ersten Mal Mutter geworden bin. Eine der zahlreichen Hebammen, die dem damals schon etwas eigensinnigen Karlsson in einer langen Geburt dabei halfen, doch noch Mamas Bauch zu verlassen, meinte damals: „Das ist dann ja wohl ein Fasnachtskind“. Die gute Frau konnte sich einfach nicht vorstellen, dass zwei Menschen in nüchternem Zustand  mitten im Februar ein Menschlein zeugen, welches dann für den Rest seines Lebens mit einem Geburtstag m November gestraft sein würde. Aber als liebende Mama sorge ich natürlich dafür, dass unser Sohn trotz Novembergeburtstag ein wunderbares Fest feiern darf. Und darum werde ich in den kommenden sieben Tagen meine Novemberschreiberei wohl etwas in den Hintergrund stellen und stattdessen Leberpastete & Co. zubereiten müssen.

Bettgeschichten

Ich schreibe und wähle nicht nur links, ich schlafe auch links. Genauer gesagt, schlafe ich auf dem linken Ohr und zwar auf der Seite des Bettes, die man als die Linke empfindet, wenn man auf dem Rücken im Bett liegt. Also die Seite, die rechts liegt, wenn man vor dem Bett steht. Weil ich aber lieber im Bett drin liege, als davor zu stehen, ist das für mich die linkere Seite des Bettes, auch wenn sie objektiv betrachtet eher die rechte Seite ist. Alles klar? Wenn nicht, ist das auch egal, ihr müsst ja nicht mit mir das Bett teilen.

Der Mann aber, der mit mir seit mehr als zwölf Jahren das Bett teilt, hat entschieden, dass er es satt hat, mir immer die linke Seite zu überlassen. Angeblich, weil „wir doch noch nicht so alt sind, dass wir immer alles gleich beibehalten müssen“ und dann auch noch, weil er mich so „viel besser umarmen kann“. Ha, von wegen! Ich habe ihn durchschaut. Er will bloss, dass ich wieder auf die Bettseite rücke, die näher beim Prinzchen ist. Ja, ich weiss, es ist vollkommen lächerlich, dass das Prinzchen auch im reifen Alter von zwei Jahren noch in unserem Zimmer schläft. Aber hey, er ist unser Jüngster, was erwartet ihr von uns? Dass wir ihn vor seinem achtzehnten Geburtstag aus unserem Zimmer ausziehen lassen? Wo doch sogar „Meiner“ –  der sonst täglich findet, es wäre doch grossartig, wenn das Prinzchen etwas grösser und vernünftiger wäre – völlig entsetzt war, als ich vorschlug, wir sollten das Prinzchen vielleicht zu seinen Geschwistern umziehen lassen. „Aber dann kann ich ihn ja gar nicht mehr bewundern, wenn er schläft“, meinte er. „Er ist doch so süss, wenn er da mit seinem Bären und seinem Krümel im Bettchen liegt.“

Gut, dann bleibt er eben, das Prinzchen. Ist mir ganz recht. Aber dann soll „Meiner“ die Konsequenzen dafür tragen. Was er aber nicht tun will und das, so vermute ich zumindest, ist der wahre Grund für meine Vertreibung aus dem linksseitigen Paradies. Während nämlich 99,9 Prozent aller Mütter klagen, ihre Männer würden nachts nie wach, wenn die Kleinen weinen, ist es bei uns genau umgekehrt: Ich schlafe friedlich weiter, während „Meiner“ Fläschchen wärmt, Windeln wechselt und im Dunkeln Nuggis sucht. Das war nicht immer so, früher haben wir uns diese Pflichten redlich geteilt. Aber irgendwann hat sich herausgestellt, dass „Meiner“ nach der Erledigung dieser Pflichten wieder friedlich weiterschläft, ich aber die halbe Nacht wach liege, wenn ich mal meine linke Betthälfte habe verlassen müssen. Und weil „Meiner“ ein netter Kerl ist, hat er von da ab die Nachtdienste alleine übernommen.

Wie ich jetzt feststellen muss, hat selbst die Nettigkeit von „Meinem“ ihre Grenzen. Denn seitdem er mich kurzerhand auf die reche Bettseite verbannt hat – die Bettseite, die links liegt, wenn man vor dem Bett steht, die man aber als rechts empfindet, wenn man im Bett liegt -, tut er nachts keinen Wank mehr. Seither habe ich jede Nacht Prinzchen-Dienst und weil ich danach nicht mehr einschlafen kann, entstehen dann in meinem Kopf Blogeinträge über linke und rechte Bettseiten und andere Banalitäten. Ich hoffe doch sehr, meine geschätzte Leserschaft wird sich bei „Meinem“ dafür stark machen, dass ich meine linke Bettseite zurück bekomme. Ihr wollt ja wohl nicht, dass ich euch weiterhin mit solchen Bettgeschichten langweile, nicht wahr?

Haarig

Warum lasse ich mich auch stets von „Meinem“ und dem Au-Pair derart beschwatzen? Eigentlich hatte ich ja im Stillen beschlossen, dass ich meinen grauen Haaransatz ignorieren würde, auch wenn Luise ihn ganz schrecklich findet und ich zudem  heute an der Lesung und morgen bei meiner ersten Moderation in der Kirche eigentlich ganz gerne einigermassen passabel ausgesehen hätte. Mit diesem Entscheid konnten sowohl mein Zeit- als auch das Familienbudget sehr gut leben, aber „Meiner“ und das Au-Pair wollten nichts davon wissen und klopften mich so lange weich, bis ich heute Morgen ratlos vor dem Regal mit den Haartönungen stand und mir überlegte, ob ich mir das wirklich antun sollte. Es ist Ewigkeiten her, seitdem ich mir meine Haare zum letzen Mal getönt habe und ich bin mir sicher, dass es irgend einen Grund dafür gab, dass ich damit aufgehört habe. Ich vermute, es hat etwas mit meiner Taufe im zarten Alter von siebzehn Jahren zu tun. Als ich damals aus dem Wasser stieg, rann mir die mahagonifarbene Haartönung, die ich nachmittags nicht gut ausgewaschen hatte, über das Gesicht und weiter über den sündhaft teuren Pullover, den ich mir von meiner Schwester geborgt hatte.

Das Angebot im Laden war nicht gerade überzeugend und so machte ich mich wieder aus dem Staube mit dem festen Entschluss, dass ich mir die Haare heute nur tönen würde, wenn ich irgendwo diese Tönung auf Hennabasis, die ich neulich gesehen habe, auftreiben könnte. Konnte ich aber bei uns im Dorf nicht und weil „Meiner“ sich inzwischen so sehr auf das Projekt „passabler Haaransatz auf dem Kopf meiner Frau“ versteift hatte, kehrten wir am Ende mit einer furchterregend aussehenden Packung leuchtend roter Haarfarbe nach Hause. „Meiner“ hat ja versucht, mir etwas Dezenteres aufzuschwatzen, aber ich will nicht riskieren, dass mir meine kleinen Zuhörer wieder vorhalten, auf dem Einladungszettel hätte ich aber eine andere Haarfarbe gehabt.

Und jetzt sitze ich also da, eine Stunde bevor der Bus mich zum Veranstaltungsort bringen soll, auf dem Kopf eine karottenfarbene Schmiere, noch keine Idee, was ich denn überhaupt anziehen werde, mit noch nichts im Magen und mit einer riesigen Angst vor dem Resultat, das mich erwartet, wenn ich die Schmiere vom Kopf abgewaschen habe. Und wieder einmal habe ich eine lebensverändernde Erkenntnis mitzuteilen: Coiffeurbesuche sind schlimm. Sich die Haare selber tönen ist schlimmer. Und darum werde ich beim nächsten Mal, wenn „Meiner“ und das Au-Pair mich bearbeiten, hart bleiben. Und jetzt gehe ich mal schauen, ob ich das Haus überhaupt noch verlassen darf, oder ob ich die Lesung in letzter Minute absagen muss.