Hab‘ ich’s doch geahnt….

…. dass ich mein Potential nicht ausgeschöpft habe. Laut diesem Quiz bei Facebook hätte ich eine unbegrenzte Anzahl Kinder haben können. Gut, mehr als zwölf sollte man nicht haben, werde ich noch ermahnt, weil sonst die „individuelle Erziehung“ nicht gewährleistet werden könne. Nun ja, wenn man meinen Post von heute Morgen gelesen hat, weiss man, dass das mit der individuellen Erziehung auch bei fünf Kindern schon hin und wieder hapert…..

Wie ich überhaupt dazu gekommen bin, bei diesem unsinnigen Quiz mitzumachen? Nun, meine von Natur aus begabte Babysitter-Nichte hat bei dem Quiz bestätigt bekommen, dass sie dazu geeignet wäre, vier Kinder zu haben und da wollte ich herausfinden, ob ich ihr vier meiner Kinder überlassen muss, weil das Quiz mir nur eines zutraut. Aber ich kann aufatmen: Nach Beantwortung der fünf Fragen wurde mir bescheinigt, dass ich „sehr geeignet“ sei, viele Kinder zu haben. Ich darf also meine Kinder behalten und meine Nichte kann ihre Ausbildung fortsetzen.

Gut, wenn ich ehrlich bin, muss ich gestehen, dass ich ein klein wenig geschummelt habe. Zum Beispiel bei der Frage, ob ich meinem Kind eine zweite Softgun kaufen würde, wenn es darum bettelt. Weil die Antwort „Mein Kind bekommt nicht mal eine Softgun und wenn es mich auf Knien anfleht“ nicht zur Verfügung stand, habe ich eben das kleinste Übel gewählt und meinem imaginären Kind erlaubt, mit seinem eignen Geld so ein elendes Ding zu kaufen. Meine sehr realen Kindern würde ich das mit einem kurzen Exkurs über die moralische Verwerflichkeit von Waffen ausreden, so dass sie am Ende ihr sauer verdientes Taschengeld zugunsten von Landminen-Opfern spenden würden.

Auch die Frage, wie ich reagiere, wenn mein Kind mit einem Regenwurm in der Hand daherkommt, habe ich nicht ganz wahrheitsgetreu beantwortet. Ich habe behauptet, ich würde die Begeisterung meines imaginären Kindes teilen und ihm danach erklären, wie sich Regenwürmer fortbewegen. Wenn meine realen Kinder mit Regenwürmern auftauchen – was Luise mit Vorliebe tut – kreische ich zuerst mal, sie sollten das Ding so schnell als möglich verschwinden lassen und dann erkläre ich ihnen nicht nur, wie sich die ekligen aber sehr nützlichen Viecher fortbewegen, nein, ich erzähle auch, wovon sie sich ernähren, was passiert, wenn sie versehentlich halbiert werden, wie die Verdauung funktioniert, dass der Körper behaart ist und wie die Dinger aussehen, wenn man sie seziert. Man sieht also, ich bin zwar eine Memme, die aber auch in den schlimmsten Momenten noch daran denkt, den Horizont ihrer Kinder zu erweitern. Und das ist doch viel besser, als bloss die Begeisterung der Kinder zu teilen, nicht wahr?

Alles in allem bin ich ja sehr beruhigt über das Resultat dieses Tests. Wenn ich mich das nächste Mal als Versagermama des Jahres fühle, kann ich mich jetzt auf eine anerkanntes Assessment berufen, welches mir bescheinigt, dass ich gar nicht so unfähig bin, wie ich hin und wieder meine.

Du bist soooooooo unfair, Mama!

Wenn ein Mensch innerhalb von fünfundvierzig Minuten drei so gravierende Fehler begeht, dann kann es sich nur um eine Mutter handeln. Angefangen hat es damit, dass ich morgens um zwanzig nach sieben zuerst Luise das Wort erteilt habe, obschon Karlsson gleichzeitig mit ihr einen Satz angefangen hatte. Ein klares Zeichen, dass ich Luise viiiiiiieeeeeeel lieber habe als Karlsson, nicht wahr? Ich meine, wie kann eine Mama bloss so unfair sein und ein Kind zuerst reden lassen, wo sie doch ebenso gut auf dem linken Ohr Karlsson, auf dem rechten Luise zuhören könnte? Und dann mit dem linken Mundwinkel Karlsson, mit dem rechten Luise eine Antwort geben könnte. Ist doch wirklich keine Sache für eine erfahrene Mama.

Luises Triumph war nicht von Dauer. Keine zehn Minuten später war nämlich sie diejenige, die sich krass benachteiligt sah und deshalb daran zweifelte, dass Mama sie ebenso liebt wie ihre Brüder. Was war geschehen? Der FeuerwehrRitterRömerPirat, der sich gestern noch ohne irgendwelche Verzögerungen für den Kindergarten bereit gemacht hatte, zeigte heute erste Anzeichen eines Rückfalls in alte Verhaltensmuster. Anstatt sich die Zähne zu putzen und in die Kleider zu schlüpfen, räkelte er sich auf dem Sofa, als hätte er alle Zeit der Welt. Was Mama dazu veranlasste, ein kurzes, aber ernstes Gespräch mit ihm zu führen. Ein Gespräch, bei dem sie keine anderen Kinder dabei haben wollte, weil nicht immer alle alles wissen müssen. Was Luise ganz entsetzlich fand, denn „mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten redest du immer viel mehr alleine als mit mir.“ Was durchaus daran liegen könnte, dass bei Luise weniger Bedarf an kurzen, ernsten Gesprächen zu zweit besteht,- ihre Ausbrüche sind jeweils so laut, dass sie sich ohnehin nicht vor dem Rest der Familie verbergen lassen – was für Luise aber ein untrügliches Zeichen ist, dass ich „die Buben viiiiiiiiieeeeeel viiiiiiiiiieeeeeeeel lieber“ habe als sie.

Man könnte jetzt meinen, ich hätte aus diesen zwei Fehlern gelernt und wäre an diesem Morgen in kein weiteres Fettnäpfchen getreten. Aber eben, ich bin eine Mama und so kam es, dass ich es kurz vor acht, auf dem letzten Drücker sozusagen, noch fertig brachte, dass Karlsson ein weiteres Mal von tiefen Zweifeln an meiner Liebe zu ihm ergriffen wurde. In meiner Unbedachtheit hatte ich nämlich Luise gegenüber bemerkt, dass sie demnächst einmal zum ersten Mal zum Coiffeur gehen dürfe. Luise strahlte, Karlsson brüllte: „Du bist sooooooooo gemein Mama. Ich durfte erst mit acht zum Coiffeur gehen und Luise wird erst im März acht. Du liebst mich überhaupt nicht!“ Nun versuche man mal, kurz vor acht, wenn drei grosse Kinder aus dem Haus gehen sollten und zwei kleine Kinder sich in den Haaren liegen, einem angeblich ungeliebten Kind zu erklären, dass a) ein Besuch beim Coiffeur nicht unbedingt ein Zeichen von tiefer Liebe und Zuneigung ist, dass b) Karlsson auch ein Zweitklässler war, als er zum ersten Mal zum Coiffeur gehen „durfte“, dass c) Luise nun wirklich nichts dafür kann, dass sie erst gegen Ende der zweiten Klasse acht wird und dass d) „Meiner“ und ich keine bösen Absichten hegten, als wir unser erstes Kind im November, unser zweites im März bekamen.

Ich weiss nicht, ob Karlsson mich verstanden hat, aber am Ende brachte ich es doch fertig, meine drei Grossen mit einer Umarmung und einem „Ich hab‘ dich lieb“ in den Tag zu entlassen. Ob sie mir das glaubten, oder ob sie sich auf dem Schulweg die Köpfe einschlugen, weil jeder glaubte, der andere werde mehr geliebt, entzieht sich meiner Kenntnis. Dafür aber weiss ich einmal mehr, dass der Ausdruck „sich den Mund fusselig reden“ ganz bestimmt von einer Mutter geprägt wurde. Vermutlich von einer Mehrfachmutter, deren Kinder daran zweifelten, dass sie jedes Einzelne von ihnen aus tiefstem Herzen liebt.

Pass auf!

Grundsätzlich finde ich es ja ganz nett, dass die Net-Nanny so gut aufpasst, dass an unserem Computer keiner per Zufall auf eine Seite zweideutigen Inhalts gerät. Wir wollen ja nicht, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat plötzlich Sexbildchen zum Ausmalen bekommt, wenn er mal wieder nach Malvorlagen sucht. Oder dass Luise in die Fänge eines Glücksspiels gerät, wenn sie Playmobil-Spiele spielt. Oder dass Karlsson am Ende erotische Romane zu lesen bekommt, wenn er eigentlich nur das Lesetraining für die Schule machen möchte. Weil wir zwar sehr wachsam darauf achten, was unsere Kinder im Internet treiben, aber ihnen leider nicht ununterbrochen über die Schultern schauen können, haben wir eben die Net-Nanny engagiert. Und eigentlich macht sie ihre Sache ja ganz gut: Sie verweigert den Zugriff auf alles, was die Kinder nicht sehen sollten.

Aber manchmal übertreibt sie es ja schon mit ihrer Wachsamkeit. Da wollte sie mich doch neulich tatsächlich daran hindern, mir meine tägliche Dosis Kleines Brüllen einzuverleiben, weil sie steif und fest behauptete, sie hätte auf der Seite pornographische Inhalte ausfindig gemacht. Da ich beim besten Willen nichts Schmutziges auf dieser Seite finden konnte, beginne ich zu fürchte, dass die Net-Nanny ein wenig hysterisch ist.  Als ich gestern Abend einen kleinen Frustkauf bei Britshop tätigen wollte – bei dem Wetter bekommt man doch einfach Sehnsucht nach England, denn wenn schon Regen, dann wenigstens englischen -, gab mir die Nanny eins auf die Finger, weil sie schon wieder Pornographie geortet hatte. Also wenn sie mich wegen meines Kaufrausches ermahnt hätte, hätte ich das ja noch verstehen können, aber da passt eigentlich „Meiner“ schon gut genug auf, dass ich unser Geld nicht aus dem Fenster schmeisse. So langsam fühle ich mich von der Nanny gegängelt: Will ich meine Mails abrufen, warnt sie mich vor Glücksspielen, will ich einen Online-Monsterwocheneinkauf tätigen, weist sie mich darauf hin, dass der Laden nichts für mich sei, da er unter anderem auch Alkohol im Angebot hat. Wo immer ich auch surfe, heisst es „Pass auf! Das könnte gefährlich werden.“ oder „Geh nicht zu nahe ran, das bekommt dir nicht gut.“ So langsam bekomme ich richtig Lust, die Tante auf den Mond zu schicken.

Was mich davon abhält, dies zu tun? Jetzt mal abgesehen davon, dass ich sie brauche, solange die Kinder noch so klein und unwissend sind? Ist doch klar, warum: Weil mir ihr Gehabe irgendwie bekannt vorkommt. Wenn ich bloss wüsste, woher…..

Ausgeflogen

Wenn Familie Schweizer am letzten Tag der Sommerferien einen Ausflug macht, dann wird drei Tage im Voraus abgewogen, wohin man am besten geht. Man schaut im Internet nach, wie lange die Fahrt zu den möglichen Zielen dauert. Man druckt verschiedene Fahrpläne aus, vergleicht die Kosten, ruft Meteo Schweiz an, um herauszufinden, ob Wetter und Ausflugsziel miteinander kompatibel sind. Am Vortag der Reise wird eingekauft: Brötchen für alle, Trockenobst, Käse, Landjäger, vielleicht auch ein wenig Schokolade, ein paar Äpfel. Zu Hause wird Tee gekocht und alles wird fein säuberlich in die Rucksäcke geräumt. Essen, genügend zu Trinken, Taschentücher, Feuchttücher, Sonnenhüte, vielleicht auch Sonnencrème, wenn Meteo Schweiz meint, es könnte heiss werden, ein Taschenmesser, Regenschutz, weil man ja nicht wissen kann, ob Meteo Schweiz das Wetter richtig vorausgesagt hat, Heftpflaster, vielleicht ein Mückenspray. Und dann, wenn der Fahrplan noch einmal gechekt, das Handy aufgeladen ist und die Fahrkarten gekauft sind, kann’s losgehen. Mindestens zehn Minuten vor Einfahrt des Zuges steht Familie Schweizer auf dem Bahnperron, geputzt, gestriegelt und perfekt ausgerüstet.

Wenn Familie Venditti am letzten Tag der Sommerferien einen Ausflug macht, dann wird drei Tage im Voraus einmal nebenbei erwähnt, dass man vielleicht, wenn man nicht gerade etwas Wichtigeres zu tun hat, irgendwohin fahren wird. Und dann vergisst man die Sache wieder, bis der letzte Ferientag da ist und einem Morgens um sieben glühend heiss einfällt, dass man da mal was von einem Ausflug gesagt hatte. Also checkt man kurz im Internet, welche der Ausflugsziele, die der Grossverteiler gerade so grosszügig subventioniert, nicht allzu weit entfernt sind. Dann versammelt man die ganze Familie um den Küchentisch, wo schön basisdemokratisch darüber abgestimmt wird, wohin man gehen wird. Zuerst hat jeder zwei Stimmen, dann noch jeder eine und schliesslich steht fest, dass die eine Hälfte der Familie ins Papiliorama will, die andere Hälfte ins Aquarena. Worauf die Mama entscheidet, dass man ins Papiliorama geht, weil sie eben erst mit Papa im Aquarena war. Was natürlich dazu führt, dass Luise, die ihre ersten beiden Stimmen für genau diese zwei Reiseziele abgegeben hatte, sich verweigert. Sie wird sich nicht anziehen, bis Mama nachgegeben hat. Aber weil Mama noch schnell den Fahrplan ausdrucken, den Zoowärter anziehen und den Kontostand überprüfen muss, hat sie gar keine Zeit, nachzugeben. Denn in vierzig Minuten wird der Zug fahren und ausser dem Au-Pair, der Mama und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten ist noch keiner angezogen.

Um Viertel nach neun ruft Luises Freundin an und um siebzehn nach neun ist klar, dass Luise nicht mitkommen wird. Was zur Folge hat, dass sie noch ganz schnell zur Freundin gefahren werden muss, bevor der Rest der Familie den Zug nimmt. Also werden alle zur Eile angetrieben und zwanzig Minuten später ist das Au-Pair mit den Jungs unterwegs zum Bahnhof, Mama mit Luise unterwegs zur Freundin. Natürlich bleibt keine Zeit, Proviant einzupacken, auch wenn es im Kühlschrank eigentlich genug davon hätte. Leider bleibt auch keine Zeit, ein Zugbillet zu kaufen, weil die Fahrt zum Bahnhof etwas länger gedauert hat. Also wird völlig unfreiwillig schwarz gefahren – und die Fahrkarte für die Hinfahrt auf der Rückfahrt bezahlt, damit das Gewissen rein bleibt – und das Billett für die ganze Familie beim Umsteigeort gekauft. Weil Mama am Schalter warten muss, verliert sie kurz die Familie aus den Augen und erlebt dann einen Schreckensmoment, weil sie glaubt, ihre Familie befinde sich in dem Zug, der eben gerade vor ihrer Nase davongefahren ist. Was nicht bloss deshalb eine Katastrophe wäre, weil Au-Pair und Kinder noch keine Fahrkarte haben, sondern auch, weil Mama Vendittis Handy weder aufgeladen ist, noch die Nummer des Au-Pairs gespeichert hat. Gott sei Dank ist die Familie aber noch da und so kann man friedlich nach Bern fahren. Wo einem der nächste Zug vor der Nase wegfährt, weil Mama Venditti den Fahrplan nicht ausgedruckt hat. Was aber weiter nicht schlimm ist, weil man ja ohnehin noch irgendwo ein paar Sandwiches fürs Mittagessen kaufen muss. Kann man ja gleich während der Wartezeit am Bahnhof erledigen. Kostet nur etwa dreissig Franken mehr als im Laden.

Irgendwann schafft es Familie Venditti trotz aller selbst verschuldeten Widrigkeiten, im Papiliorma anzukommen. Inzwischen ist allerdings der Zoowärter bereits so geschafft, dass er gleich wieder nach Hause gehen möchte. Was er aber noch nicht darf, weil wir uns zuerst die Schmetterlinge, die Gürteltiere und die Fledermäuse ansehen wollen. Was allerdings nicht zu lange dauern darf, denn um zehn vor vier soll Luise wieder bei ihrer Freundin abgeholt werden, sonst hat Mama Venditti ein schlechtes Gewissen, weil sie einfach so spontan eines ihrer Kinder für so lange Zeit bei einer anderen Familie parkiert hat.

Ach ja, was ich noch sagen wollte: Der Ausflug war wirklich wunderbar.

Berufswunsch: Hausmann

Dass zweijährige Kinder noch mit Leidenschaft Hausarbeit verrichten, ist mir eigentlich nichts Neues. Aber dass man sich mit so viel Leidenschaft in die Sache stürzen kann wie das Prinzchen, das habe ich noch nie erlebt. Und ich bin ja eigentlich kein Neuling mehr auf dem Gebiet „Zusammenleben mit (fast) Zweijährigen“. Klar hat jedes unserer Kinder hin und wieder versucht, das eine oder andere Wäschestück aufzuhängen oder einen Teller vom Tisch zu räumen. Aber das Prinzchen will nicht alleine den Geschirrspüler ausräumen, nein, er will auch gleich alles Geschirr am richtigen Ort versorgen. Er gibt sich nicht alleine damit zufrieden, Wäsche aufzuhängen, er versucht auch gleich, die Kiste mit der gefalteten Wäsche die Treppe hochzuschleppen. Hat er sich mal wieder heimlich einen Stock tiefer zur Grossmama geschlichen, kommt er nicht eher wieder mit mir hoch, als er sämtliche Autos in die Kiste zurückgelegt hat und danach die Kiste am richtigen Ort versorgt hat. Wie der Junge mit dem Besen hantiert ist schon nahezu beängstigend und sein Verhalten zeigt mir ganz klar: Der Prinz hegt Ambitionen, der Beste Hausmann des Jahres 2035 zu werden.

Meinen potentiellen Schwiegertöchtern rate ich, ihre Bewerbungsunterlagen schon frühzeitig einzureichen. Bei der aktuellen Diskussion um die Frage, ob die Schweiz fünf Bundesrätinnen verkraften würde, oder ob dies nicht etwas zu viel der Weiblichkeit sei, kommen mir so langsam die Zweifel, ob die Emanzipation tatsächlich stattgefunden hat. Wenn mir die Statistik belegt, dass noch immer in acht von zehn Haushalten der Schweiz die Frau die Hauptverantwortung für den Haushalt trägt, dann sehe ich, dass der Mann mit Küchenschürze noch immer ein Exot ist. Und trotz meines grenzenlosen Optimismus beginne ich zu fürchten, dass die Welt in ferner Zukunft, wenn das Prinzchen seinen eigenen Haushalt haben wird, – so ich ihn denn jemals ziehen lasse – noch nicht viel anders aussehen wird.

Also mein Prinzchen, fleissig weiter haushalten, damit deine Chancen auf dem Heiratsmarkt nicht schwinden.

Also das geht zu weit, mein Sohn!

Einmal im Jahr, wenn die Ikea zum spätsommerlichen Flusskrebse-Essen einlädt, gibt’s auch bei Vendittis Flusskrebse. Das gehört für Kinder, welche die „Kinder aus Bullerbü“ fast auswendig kennen einfach dazu. Abgesehen von Karlsson und „Meinem“ mag zwar eigentlich niemand Flusskrebse, aber dennoch macht die ganze Familie begeistert mit beim Sezieren der armen Tierchen. Die ganze Familie? Nein! Eine unbeugsame Vegetarierin hört nicht auf, dem Frevel Widerstand zu leisten. Auch wenn es genau diese unbeugsame Vegetarierin ist, die alljährlich die armen tiefgekühlten Krebse einkauft, aber das ist ein anderes Thema.

Tags darauf ist der Spuk mit den Flusskrebsen wieder vorbei und wäre da nicht diese Schüssel mit den Überresten, es würde sich keiner mehr an die Sache erinnern. Ausser Karlsson natürlich, der die Überreste stolz dem Nachbarjungen präsentiert: „Schau mal, was wir gestern zum Abendessen bekommen haben!“, brüstet er sich und fährt dann fort: „Aber Mama war natürlich zu feige dazu, die Dinger zu essen.“ Dann denkt er eine Weile lang nach und schliesslich meint er: „Eigentlich müsste es ja ‚Feigetarier‘ heissen, weil die einfach zu feige sind, Fleisch zu essen.“

Vielleicht schicke ich den Jungen demnächst mal zu einer Besichtigungstour in den Schlachthof. Mal sehen, ob wir danach nicht einen „Feigetarier“ mehr in der Familie haben….

Here we go again

Es ist nicht alleine die Blogstatistik, die mich darauf aufmerksam macht, dass die Leute wieder im Land sind und dass der Alltag auch wieder aus den Ferien zurückgekommen ist. Es gibt da noch ein paar weitere untrügliche Zeichen:

– Die Mails, die ich vor den Ferien geschrieben hatte, werden nun eines nach dem anderen endlich beantwortet. Oder man könnte es auch anders ausdrücken: Die Mailbox quillt wieder über.

– Die überquellende Mailbox führt dazu, dass auch der Terminkalender sich im Halbstundentakt mit neuen Terminen füllt.

– Nach Feierabend, also wenn die Kinder im Bett sind, wird nicht mehr faul auf dem Sofa herumgefläzt, sondern gearbeitet.

– Das Telefon klingelt wieder.

– Wenn das Telefon klingelt, ist nicht jemand aus dem Freundeskreis dran, der fragt, ob wir abends Lust zum Grillieren haben, sondern jemand, der wissen will, ob der Businessplan schon fertig ist oder ob die Traktandenliste für die Sitzung schon steht.

– Wenn Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat sich auf eine Distanz von einem halben Meter nähern, dann sprühen nicht mehr die Funken, weil sie sich so sehr freuen, dass sie endlich mal wieder Zeit zum Spielen haben. Nein, es fliegen die Fetzen, weil sie das Spielen inzwischen so satt haben, dass sie die Tage bis zum Schulbeginn zählen.

– Ich muss nicht mehr aufpassen, dass ich nicht zu viele Kalorien zu mir nehme, ich muss aufpassen, dass ich genug zu mir nehme, weil die Zeit zum Essen von Tag zu Tag knapper wird.

– Der Schädel brummt wieder, weil die Tage zwar noch immer spät enden, aber bereits wieder früh beginnen.

– Wenn etwas schief geht, gerät wieder der ganze minutiös geplante Tagesablauf aus den Fugen.

– Das Prinzchen muss seinen Bedarf an Schlafliedern massiv zurückschrauben. Wer hat denn schon mitten im Alltag Zeit, stundenlang neben ihm zu liegen und sich heiser zu singen?

– Der Koffeinkonsum steigt rapide an.

– Mama Venditti brüllt wieder herum.

– Mama Venditti entschuldigt sich wieder bei ihren Kindern.

– Das Handy ist wieder in Betrieb.

– Das Zeiterfassungssystem ebenfalls.

– In der Handtasche hat es wieder Stifte und Notizpapier, dafür aber keine Windeln und Schmusetücher mehr.

– Ich schmiede wieder Ferienpläne.

Wurde auch langsam Zeit….

Zwölf lange Jahre hat „Meiner“ Tag für Tag um sechs Uhr früh das Haus verlassen, hat sich über Mittag mit Resten vom Vortag verköstigt und ist irgendwann, etwa zwölf Stunden nachdem er seine schlafende Familie verlassen hatte, nach Hause gekommen, wo ihn eine Ehefrau am Rande des Nervenzusammenbruchs erwartete. Nichts Besonderes, ich weiss. Die meisten Paare, bei denen der eine berufstätig ist, die andere sich zu Hause abrackert, erleben Tag für Tag das gleiche Lied: Zu Hause schmeisst einer alleine den Laden, auswärts verdient einer alleine das Geld für die Brötchen und beide wünschen sich, sie könnten sich hin und wieder ein Stück vom Kuchen des anderen abschneiden. „Meinem“ und mir hat diese Situation so langsam zugesetzt, denn warum soll ein Primarlehrer lange Arbeitswege auf sich nehmen, wo doch in jedem Kaff eine Schule steht?

Seit heute ist Schluss mit dem langen Arbeitsweg. „Meiner“ muss nicht mehr im Morgengrauen aus dem Haus gehen, er kann, wenn er will, über Mittag nach Hause kommen und wenn er nach Schulschluss noch eine oder zwei Stunden Arbeitszeit anhängt, ist der dennoch früher zu Hause als bis anhin. Auch nicht Besonderes, ich weiss. Aber für mich ein entscheidender Zugewinn an Lebensqualität: Am Morgen sind zwei da, die Kakao und Toast zubereiten, zwei, die dafür sorgen, dass alle rechtzeitig aus dem Haus kommen. Ich kann über Mittag kurz klönen, wie mühsam der Vormittag wieder war. Ich muss beim Mittagessen nur noch jede zweite Kinderfrage beantworten, weil „Meiner“ die andere übernimmt und habe so mehr Zeit, mir zu überlegen, was ich denn überhaupt antworten will. Und manchmal, wenn es der Alltag ganz besonders gut mit uns meint, liegen vielleicht gar fünf Minuten Entspannung drin, eine Tasse Kaffee oder ein kurzer Schwatz auf dem Balkon, bevor es zurück an die Arbeit geht.

Schon verrückt, wie wenig es braucht, um die langen Tage zu Hause erträglicher zu machen: Man teile den Tag in zwei Hälften und schon ist die Mama entspannter. Verrückt ist aber auch, dass „Meiner“ und ich so lange gebraucht haben, um zu erkennen, wie wenig es gebraucht hätte, um viel Frust zu vermeiden.

Wachstumsschmerzen

Da sitze ich und bemitleide mich selber, weil das Erste meiner fünf Kinder so langsam aber sicher gross wird. Sehnsüchtig denke ich zurück an die Zeiten, als er noch ganz winzig war. Ich lache über die Wutanfälle, mit denen er mich damals, als er etwa drei war, beinahe in den Wahnsinn getrieben hätte, ich grabe alte Anekdoten aus und starre minutenlang auf das erste Ultraschallbild, das mein erster Beweis war, dass aus einer ganz gewöhnlichen Frau schon bald eine jener Mütter werden würde, die im Nachhinein alles rosaroter sehen, als es je war. Und jetzt wird es wohl nur noch ein paar Jährchen dauern, bis ich zum ersten Mal im Brustton der Überzeugung behaupten werde, meine Kinder hätten sich nie gestritten, sie seien immer ganz brav gewesen. Und irgendwann werde ich wohl meinen eigenen Blogposts über das alltägliche Familienchaos nicht mehr glauben….

Aber eigentlich wollte ich ja von etwas ganz anderem reden, nämlich davon, dass ich vor lauter Sentimentalität beinahe übersehen hätte, dass auch für Karlsson die Veränderungen nicht immer einfach sind. Mal wünscht er sich, noch etwas länger klein bleiben zu dürfen, zum Beispiel dann, wenn die Kleinen noch ein Stofftier mitnehmen dürfen, er aber nicht mehr. Dann wieder brüstet er sich stolz damit, dass er als Einziger seiner Geschwister bereits hin und wieder zwei Stunden ganz alleine zu Hause bleiben darf. Mal beneidet er die Kleinen, weil sie noch keine Hausaufgaben erledigen müssen, dann wieder schüttelt er verständnislos den Kopf, wenn der Zoowärter nicht begreifen will, weshalb im Sommer kein Schnee fällt.

Es hat lange gedauert, bis „Meinem“ und mir endlich gedämmert hat, dass dieses ständige Hin und Her zwischen der Sehnsucht nach der sich ihrem Ende zuneigenden Kindheit und der Vorfreude auf das Abenteuer des Grosswerdens unserem Ältesten ganz schön zusetzt. Wir, die wir das Grosswerden schon hinter uns haben, – was sich bei mir in der Vertikalen allerdings stark in Grenzen gehalten hat – haben vergessen, was es heisst, wenn die Leute plötzlich nicht mehr „ach, wie süüüüüssss!“ seufzen, wenn sie einen ansehen. Wir haben übersehen, dass die Veränderung, die vor allem mir nicht immer leicht fällt, für Karlsson noch viel einschneidender ist als für uns. Wir mussten uns erst wieder in Erinnerung rufen, wie schwierig es war, den Schritt vom Kleinkind zum Schulkind, vom Schulkind zum Teenager, vom Teenager zum Erwachsenen  zu machen, bevor uns bewusst wurde, dass unser Sohn nicht viel dafür kann, wenn er zurzeit launisch ist wie das Aprilwetter. Wenn er jede leise Ermahnung als Kritik an seiner Person empfindet, jeden Tadel als tiefe Beleidigung, wenn er ob all der Unsicherheiten so emotional wird, dass er inzwischen öfter die Tür knallt als seine Mama.

Nun denn, ich nehme an, ich werde meine Sentimentalitäten auf später aufschieben müssen, denn jetzt gilt es, unseren Grossen in einen neuen Lebensabschnitt zu begleiten.

Luxus

Durch die Porzellanabteilung gehen, ohne dabei fürchten zu müssen, dass fünf liebenswerte kleine Elefanten einen Scherbenhaufen anrichten.

Die Füsse in der Aare baden, ohne zittern zu müssen, dass eines der Kinder in den Fluss fällt.

Picknicken.

Sich ein Dessert genehmigen, obschon man noch nicht richtig zu Mittag gegessen hat.

Sich zehn Minuten nach dem Dessert im nächsten Café niederlassen und sich dort einen Cappuccino gönnen.

Sehnsüchtig jedes Neugeborene bestaunen, ohne damit eine endlose Diskussion darüber loszutreten, ob man tatsächlich die eigenen Babys noch viel mehr bestaunt hat, oder ob man das nur behauptet, damit die Eifersucht aufhört.

Bei jedem Kind, das man sieht, denken zu dürfen: „Wie schön, ich habe fünf von diesen wunderbaren Geschöpfen zu Hause“ und nicht denken zu müssen „Ach, wenn ich doch auch eins haben dürfte….“

Ungestört durch die Ikea schlendern und sich dabei so viel Zeit zu nehmen wie man will.

In der Ikea getrost weghören, wenn die Durchsage kommt: „Bitte Samira aus dem Kinderparadies abholen!“

Laut denken dürfen, weil keine kleinen Ohren mithören und keine kleinen Münder tadeln: „Aber Mama, so etwas darf man doch nicht sagen. Das ist nicht nett.“

Dann aufs WC gehen, wenn man wirklich muss und nicht dann, wenn die Kinder müssen und man eben auch noch schnell geht, weil man nachher wohl keine Zeit mehr dazu haben wird.

Den direkten Weg über die Treppe nehmen und nicht den lagen Umweg über die kinderwagentaugliche Rampe nehmen müssen.

Diejenige sein, die der gestressten jungen Mutter mit dem Kinderwagen hilft und nicht die gestresste junge Mutter sein, der mit dem Kinderwagen geholfen werden muss.

Eine Stunde lang über das gleiche Thema reden, es am nächsten Tag wieder aufgreifen und am übernächsten Tag noch einmal Bezug nehmen darauf.

Unvernünftig sein.

Sich am Ende des Tages auf das Wiedersehen mit den Kindern freuen.

Einen lieben Mann zu haben, mit dem man dies alles teilen darf.

Liebe Freunde zu haben, die all diesen Luxus erst möglich machen.