Sohnemann

Ich: „War das Baby der Französischlehrerin auch dabei auf dem Waldausflug?“

Zoowärter: „Ja, es war auch dabei.“

Ich: „Ist es ein Junge oder ein Mädchen?“

Zoowärter: „Ich glaube, ein Junge.“

Ich: „Wie heisst er denn?“

Zoowärter (denkt lange nach): „Irgendwie komisch. Ich glaube, er heisst Sohnemann oder so ähnlich.“

Ich: „Sohnemann?“

Zoowärter: „Ja, so hat ihn unsere Klassenlehrerin genannt und die kennt doch seinen Namen bestimmt.“

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Umgangsformen

Gestern sah ich im Internet ein Inserat, das mich interessierte. Also schrieb ich dem Verkäufer eine Nachricht und zwar so, wie ich das für anständig halte: Höfliche, aber eher informelle Anrede, ein einleitender Satz, zwei Fragen und freundliche Grüsse. Ein paar Stunden später kam die Antwort. Ohne Anrede, ohne Gruss, einfach nur drei Worte: „Ist schon weg!“

Ich war offen gestanden ziemlich brüskiert, aber auch verunsichert. Macht man das heutzutage so? Muss ich einen auf Kulturpessimismus machen? Oder beweist meine Empörung über die kaltschnäuzige Antwort, dass ich allmählich wirklich alt werde?

Karlsson, der noch deutlich weniger Jahre auf dem Buckel hat als ich, teilte meine Empörung. So etwas gehe nun wirklich nicht, meinte er. Mindestens eine Anrede und ein Gruss wären Pflicht gewesen.

Im ersten Moment beruhigte mich Karlssons Reaktion. Offenbar sind gute Manieren noch nicht gänzlich abgeschafft worden. Dann aber fiel mir ein, dass Karlsson seine Korrespondenz vorzugsweise handschriftlich in schwungvollen Buchstaben, wie sie zuletzt wohl vor neunzig Jahren in Mode waren, erledigt.

Ob einer, der ganz offensichtlich im falschen Jahrhundert zur Welt gekommen ist, als Experte für Umgangsformen im Jahr 2016 taugt?

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Darmgrippe-Profi

Neulich eine Erinnerung aus längst vergangenen Tagen: Es war einer dieser endlosen Dienstage. Dienstage waren bei uns immer endlos, denn dann traf sich „Meiners“ Lehrerkollegium zu nicht immer produktiven Sitzungen. Als unsere Kinder noch klein waren, hasste ich diese Dienstage wie die Pest, denn man konnte nie wissen, wann und in welcher Stimmung „Meiner“ nach Hause kommen würde. Einziger Lichtblick waren die Abende, an denen er mir von besonders wichtigen Sitzungstraktanden berichten konnte. Also zum Beispiel von der Episode, als zwei reich verheiratete, kinderlose Lehrerkolleginnen über die Frage debattieren wollten, ob sie auch verpflichtet seien, den vollen Jahresbeitrag von 25 Franken an die Kaffeekasse zu leisten, wo sie doch ihren Kaffee stets schwarz und ohne Zucker tränken. 

Aber kommen wir zurück zu diesem elenden Dienstag, den ich neulich auf einmal wieder so lebhaft in Erinnerung hatte. Karlsson war damals noch klein, Luise sehr klein und der FeuerwehrRitterRömerPirat winzig. Mitten in diese ohnehin schon anstrengende Situation platzte die Magen-Darm-Seuche, die mich mit heftigen Magenkrämpfen und Schwindelanfällen buchstäblich in die Knie zwang. Ich konnte ja meine Kinder keinen Augenblick aus den Augen lassen und so kniete ich jammernd und stöhnend auf dem Fussboden, versuchte die Knöpfe im Griff zu behalten und sehnte den Moment herbei, in dem „Meiner“ endlich auf dem weissen Pferd durch die Tür geritten käme, um mich zu erlösen. (Ich hab’s ja gewöhnlich nicht so mit schwächelnden Prinzessinnen und heldenhaften Prinzen, aber in diesem Fall konnte ich nicht anders.) Nun, irgendwann war er endlich da, ich überliess ihm die Kinder und gab mich ganz den Käfern hin, bis ich am nächsten Morgen wieder mit rebellierendem Magen und weichen Knien zum Dienst antrat.

So handgestrickt ging das damals bei uns noch zu und her. Heute handhabe ich so eine Magen-Darm-Geschichte natürlich viel professioneller. Selbstverständlich lasse ich mich schon längst nicht mehr überraschen von so etwas, denn heutzutage schleppen mir die Kinder – die ja immer unbedingt haben müssen, was alle andern auch haben – die Käfer ins Haus. Nach zwei oder drei Patienten weiss ich ziemlich genau, mit wie vielen Krankheitstagen zu rechnen ist und wie lange der Käfer braucht, um vom einen zum anderen zu wandern. So kann ich ziemlich präzise abschätzen, wann und wie lange es mich erwischen wird. Ausserdem habe ich heute natürlich viel mehr Zeit, auch nur beim kleinsten Bauchgrimmen in mich hinein zu hören, um zu spüren, was die Ursache für mein Unwohlsein sein könnte. Ein Luxus, den ich mir früher nicht erlauben konnte. 

Auf diese Weise vorgewarnt muss ich nur noch auf das erste Schwindelgefühl warten, das mir sagt, dass mir maximal 12 Stunden bleiben, ehe mich der Käfer ins Bett zwingt. Dies ist der Moment, in dem ich a) umgehend die Nahrungszufuhr einstelle, um mir selber zu ersparen, was den Kindern so zugesetzt hat und b) alles, was gerade ansteht, erledige. Also  zum Beispiel die fast überreifen Aprikosen zu Confiture verarbeiten, die Einmachgurken einkochen, den Sauerteig für Montag bereitstellen, die Küche aufräumen und im Garten das Allernötigste erledigen. Dann bleibt mir gerade noch genug Zeit, den Blogtext, der mir während der Arbeit im Kopf herum geschwirrt ist, in die Tasten zu hauen, ehe ich ausser Gefecht gesetzt bin.

Weil „Meiner“ inzwischen ähnlich professionell ist im Umgang mit den Käfern, stimmt er seine Seuchentage perfekt auf meine ab, so dass er bereits wieder halbwegs im Strumpf ist, wenn ich mich gezwungen sehe, das Bett aufzusuchen.

Selbstverständlich legen wir solche Episoden inzwischen auch stets in die Nähe des Wochenendes. Den Anfängerfehler, die Magen-Darm-Seuche an einem Dienstag an uns heranzulassen, begehen wir schon längst nicht mehr. Dienstag ist nämlich noch immer der Tag der Lehrersitzungen. (Da aber diese Sitzungen heutzutage von kompetenten Menschen geleitet werden, sind sie nicht mehr ganz so endlos, dass ich sehnsüchtig darauf warten müsste, bis „Meiner“ auf dem weissen Pferd über die Schwelle geritten kommt. Und inzwischen wäre sogar das eine oder andere Kind in der Lage, mich zu vertreten, bis er da ist, um den Laden zu übernehmen.)

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Getrennte Fernsehzeiten

In letzter Zeit kommt es mir vor, als herrschten bei uns zu Hause süditalienische Verhältnisse. Andauernd läuft die Glotze, die Theme-Songs der einzelnen Sendungen kenne ich schon fast auswendig, immer wieder werde ich herbeigerufen, weil die Fernbedienung streikt. Was ist bloss schief gelaufen bei uns? Sind „Meiner“ und ich auf unsere alten Tage etwa unseren Prinzipien untreu geworden? Sind wir ermüdet von dem ständigen Kampf um die Zeitbeschränkung? Haben wir resigniert im Kampf gegen die Werbespots, die Wünsche wecken, die kein Kind von sich aus haben würde?

Nicht unbedingt. Zwar sind wir nicht mehr ganz so streng wie früher, aber im Grossen und Ganzen gelten die gleichen Regeln wie immer schon: Eine oder zwei Folgen einer Kinderserie, dann ist Schluss. Werbung wird nach Möglichkeit umgangen, ganze Filme gibt es nur bei speziellen Gelegenheiten wie Krankheit, Kinoabend oder endlosen Regenperioden. 

Aber warum, um Himmels Willen, dröhnt trotzdem andauernd die Glotze im Wohnzimmer? Ganz einfach: Weil Prinzchen, Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat nicht gleich ticken wie Luise und Karlsson tickten, als sie in dem Alter waren. Die beiden Grossen schauten nämlich immer alles gemeinsam. Zuerst „Bob de Sou“… ääähm, ich meine „Bob de Boumaa“, später „Angelina Ballerina“ und schliesslich „Meine Schwester Charlie“. Auch Kinoabende waren leicht zu organisieren. „Nemo“ kam nicht in Frage, denn das war zu traurig, dafür kannten sie „Ein Zwilling kommt selten allein“ fast auswendig. Erst seit einiger Zeit glotzen Karlsson und Luise getrennt, er vorzugsweise schwedische Krimis und Biopics, sie himmeltraurige Teenie-Dramen. 

Wie das bei den drei Jüngeren entwickeln wird, will ich mir gar nicht ausmalen, denn schon heute bringen sie es nicht fertig, in friedlicher Eintracht mit glasigem Blick vor der Mattscheibe zu sitzen. Das Prinzchen liebt „Tim und Struppi“, der Zoowärter hasst sie und der FeuerwehrRitterRömerPirat mag sie nur, wenn sich gerade sonst nichts anbietet. Der Zoowärter liebt Pokémons, das Prinzchen hasst sie und der FeuerwehrRitterRömerPirat findet sie zwar lustig, zöge aber eigentlich „Puss in Boots“ vor. Manchmal möchte das Prinzchen aber auch Sport schauen, doch seine beiden Brüder würden nie und nimmer ihre kostbaren Fernsehminuten für so einen Mist opfern. Und dann erfrecht sich der FeuerwehrRitterRömerPirat gar hin und wieder, etwas sehen zu wollen, was erst ab zwölf freigegeben ist. 

Ich habe also die Wahl: Entweder, ich spiele jedes Mal die Mediatorin, um zwischen den verschiedenen Parteien zu vermitteln, oder ich gestatte getrennte Fernsehzeiten, damit jeder nach seiner Façon seine Zeit verschwenden glücklich werden kann. 

Darum kommt es mir vor, als lärme die Glotze bei uns schon fast so häufig wie bei Schwiegermama.

Na ja, immerhin sitzt bei uns jeweils einer da und schaut zu. Bei Schwiegermama plärrt das Gerät meistens ganz alleine vor sich hin. 

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Die Flut ist da

Das Schuljahr ist gerade mal zwei Tage alt und schon türmen sich bei uns wieder die Papiere. Alle haben sie uns etwas mitzuteilen. Der Schulleiter, die Hausaufgabenhilfe, die Kinderbetreuer, die lieben Menschen, die in den Herbstferien Zeit opfern werden, um die Kinder zu beschäftigen, die Gemeinde… Sie alle wollen sicher gehen, dass wir lesen, was sie uns zu sagen haben, also bekommt jeder unserer drei Primarschüler die Papiere in die Hand gedrückt. Ergänzend dazu natürlich noch einige Briefe, in denen die Klassenlehrer ihre Infos weitergeben. (Also die einzigen Zettel, die wirklich von Bedeutung wären, die aber leider in der Flut unterzugehen drohen.)

Ich find’s ja wirklich wichtig, dass man uns informiert und gegen den einen oder anderen Zettel, der hin und wieder ins Haus flattert, hätte ich ja auch nichts einzuwenden, aber wenn ich mich dran mache, den ganzen Stapel zu sortieren – „aufbewahren“, „nur ein Exemplar aufbewahren und die anderen entsorgen“, „unterschreiben und zurück in die Schule“, „ein Teil zurück in die Schule, den Rest aufbewahren“, „in den Kalender eintragen und entsorgen“, „keines Blickes würdigen und entsorgen“ – dann frage ich mich zuweilen schon, ob sich unsere Primarschule nicht vielleicht wenigstens ein winziges Schrittchen in Richtung digitales Zeitalter bewegen könnte. 

Na ja, vielleicht wäre die Facebook-Meldung „Lehrer xy hat dich zu seiner Veranstaltung ‚Elternabend 2016‘ eingeladen“ etwas gar informell, aber gesehen würde sie mit Sicherheit von sämtlichen Eltern. Wo doch Facebook schon längst zum weltumspannenden Mami-Treff verkommen ist. 

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Mama ist mal wieder sentimental

Darf eine Mutter neidisch sein auf ihren eigenen Sohn? Darf sie sich wünschen, sie wäre diejenige, die morgen früh erwartungsvoll und vielleicht auch ein wenig nervös den Zug besteigt, um zum ersten Mal freiwillig zur Schule zu gehen? Darf sie sich ausmalen, welche Schwerpunkte sie setzen würde, wenn sie an seiner Stelle wäre? Natürlich darf sie nicht, oder zumindest nicht allzu offensichtlich, denn sie hatte das alles „zu ihrer Zeit“ und jetzt bricht „seine Zeit“ an.

Darf sie ihm dann wenigstens salbungsvolle Reden halten? Ihm sagen, er solle diese Jahre ganz bewusst erleben, denn sie würden prägend sein für seinen weiteren Weg? Ihm vorschwärmen, wie viel Wissen er sich in dieser Zeit aneignen dürfe? Ihm in bunten Farben schildern, wie frei und unbeschwert er noch sein dürfe? Nun, sie mag das eine oder andere davon andeuten, aber sie soll ihm gefälligst keine langen, sentimentalen Monologe vortragen, denn sie sollte nicht vergessen haben, wie lächerlich es wirkt, wenn jemand mit allmählich ergrauendem Haar seine eigenen Jugendjahre durch die rosarote Brille betrachtet. 

Aber darf sie denn immerhin mit leiser Sentimentalität darüber nachsinnen, dass ihr Sohn sich allmählich dazu aufmacht, seine Flügel auszubreiten? Sie darf, aber vielleicht eher im Gespräch mit anderen, die mit ihren Kindern gerade Ähnliches erleben, denn ihm dürfte herzlich egal sein, was seine mittelalterliche Mama in diesem Moment empfindet. 

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Gerätechaos

Eine Sache, die wir nicht beachtet haben, als wir den Entscheid fällten, mehr als die durchschnittlichen 1.54 Kinder zu bekommen:

Zu jedem Kind kommt früher oder später ein Handy

zu jedem Handy kommt eine Nummer

zu jeder Nummer ein Anbieter

zu jedem Anbieter ein unüberschaubares Angebot an günstigen und weniger günstigen Abos und Prepaid-Deals.

Wenn du dich da mal durchgekämpft hast, fängt es erst richtig an mit dem Chaos, denn natürlich gibt es da noch

…unterschiedliche Betriebssysteme und somit dauernde Unklarheit, welchem Familienmitglied man Zugang zu welchen heruntergeladenen Inhalten verschaffen kann.

…E-Mail-Adressen, die im modernen Teenager-Alltag nur noch äusserst selten gebraucht werden, was dazu führt, dass immer im entscheidenden Moment das passende Passwort fehlt, weshalb plötzlich wieder Mamas Erinnerungsvermögen gefragt ist. (Als ob Mamas Gehirn ein Computer wäre, der solche Sachen stets abrufbereit hat. Und als ob Teenager ihren Eltern ihre Passwörter bekannt geben würden. Aber Mütter können selbstverständlich auch ins Verborgene sehen.)

…Ladekabel, die immer entweder unauffindbar, inkompatibel oder defekt sind.

…Akkus, die meist dann leer sind, wenn eigentlich ein anderer ganz dringend das einzige auffindbare, kompatible und intakte Ladekabel bräuchte, um den eigenen leeren Akku aufzuladen.

…den Wunsch nach einer Hülle, die nicht nur hübsch und unverwüstlich ist, sondern auch Schutz vor jedem nur denkbaren Missgeschick bietet, eine Hülle also, die es so nicht gibt, weshalb die Suche danach auch dann nicht zu Ende ist, wenn das Handy von einer halbwegs tauglichen Hülle umhüllt ist.

Darüber, welche Fragen der Zugang zu den grenzenlosen Weiten des Internets mit sich bringt, wollen wir gar nicht erst zu reden anfangen.

Und auch nicht darüber, dass ich bereits jetzt, wo erst drei von fünf mobil telefonieren, komplett den Überblick über die in unserer Familie versammelten Gerätschaften verloren habe. 

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Stundenplanwunder? – Brauche ich nicht mehr

Vor mir liegen – wie jedes Jahr um diese Zeit – die Stundenpläne meiner Kinder und wie jedes Jahr dauert es eine Weile, bis ich durchblicke, wer wann Unterricht hat, wer möglicherweise nur alle zwei Wochen an einem bestimmten Nachmittag antraben muss und wann ich meine Arbeitstage einplanen soll. Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich inständig hoffte, wenigstens einen Tag pro Woche zu bekommen, an dem nachmittags alle fünf Kinder aus dem Haus sind und ich von Morgen bis Abend durcharbeiten kann. So unwahrscheinlich war das Eintreten dieser glücklichen Fügung, dass ich sie „Stundenplanwunder“ nannte. 

Wie sich herausstellt, kann ich in Zukunft auf das Stundenplanwunder pfeifen, denn das kommende Schuljahr sieht folgendermassen aus:

Montagnachmittag: Alle in der Schule, ausser Prinzchen und ich (Der junge Herr zeigt derzeit herzlich wenig Interesse an mir, also wird er vermutlich andauernd zu Grossmama abhauen.)

Dienstagnachmittag: Alle in der Schule, ausser Luise und ich (Aber Luise zählt nicht so richtig, denn die will an ihrem einzigen schulfreien Nachmittag wohl kaum mit mir abhängen, folglich wird Dienstag einer meiner Arbeitstage sein.)

Mittwochnachmittag: Alle schulfrei, ausser Luise 

Donnerstagnachmittag: Alle in der Schule, ausser Zoowärter, Prinzchen und ich

Freitagnachmittag: Alle in der Schule, ausser „Meiner“ und ich (Wobei „Meiner“ freitags immer so viel um die Ohren hat, dass dies wohl mein zweiter Arbeitstag wird.)

Höchste Zeit also, sentimental zu werden und bei jeder Gelegenheit zu seufzen: „Ich sehe sie ja kaum noch, meine Kinder. Ach, wie fühlt sich das leer an…“

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Er kann jetzt auch schon sprechen…

Wenn ich mit Karlsson, der nun ganz eindeutig kein kleiner Junge mehr ist, unterwegs bin und wir alte Bekannte treffen, passiert stets das gleiche:

„Wahnsinn, ist das Karlsson? Dein Ältester? Der ist ja unglaublich gross geworden. Ein richtiger Mann. Wie alt ist er denn? Weiss er schon, was er nach der Schule macht?“, prasseln die Fragen auf mich ein. Karlsson steht derweilen peinlich berührt neben mir.

Ich zögere dann immer einen Moment lang, wende mich meinem Sohn zu und gebe ihm zu verstehen, dass er antworten soll, denn es ist mir schlicht zu doof, für einen fast Sechzehnjährigen zu sprechen.

Dabei wüsste ich ganz genau, was ich sagen möchte. Nämlich: „Ja, ist er nicht gross geworden, unser Kleiner. Er läuft jetzt auch schon ganz gut. Und er kann sogar schon ein wenig sprechen. Karlsson, sag der Tante guten Tag. Und dann zeig ihr mit deinen Fingerchen, wie alt du im November geworden bist. Das kannst du doch schon so gut.“

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Peacemaker

Früher war’s ja noch einfach, wenn „Meiner“ und ich uns mal streiten wollten. Wir mussten einfach dafür sorgen, dass die Kinder ausser Hörweite waren und dann konnten wir einander all die bösen Dinge an den Kopf werfen, für die wir uns, sobald sich unsere Gemüter wieder etwas abgekühlt hatten, hundertmal entschuldigen mussten.

Irgendwann fingen die Kinder an zu spüren, dass da etwas im Busch war, also liessen sie uns keinen Moment aus den Augen, wenn dicke Luft herrschte. Ihre besorgten Blicke und die vorsichtigen Fragen, was denn los sei, waren nur schwer zu ertragen, also versuchten wir, unsere Streitereien hinter verschlossenen Türen auszutragen, was aber wenig half, da „Meiner“ und ich ziemlich temperamentvoll sind, wenn wir wütend sind.

Mit zunehmendem Alter begannen die Grossen, ihre Erzeuger etwas kritischer als auch schon zu betrachten und so fielen plötzlich Sätze wie: „Aber Mama, das kannst du Papa wirklich nicht vorwerfen.“ Oder: „Papa, du weisst genau, dass Mama das nicht so gemeint hat.“ Oder: „Hört endlich auf, das ist ja nicht zum Aushalten.“ Gar nicht so einfach, unter der Aufsicht solcher Kommentatoren einen Streit zu Ende zu führen, aber auch das kriegen wir noch irgendwie hin.

Dass wir uns irgendwann ganz tüchtig vor unserem Nachwuchs blamieren würden, war also schon seit einiger Zeit absehbar. Heute war es soweit. Da befanden sich „Meiner“ und ich in einer wüsten „Wenn du nicht so stur gewesen wärst, dann hätten wir…“-Zankerei, als Karlsson auf dem Hintersitz sprach: „Wisst ihr, was mich total nervt an euch? Da haben wir eben erst eine KZ-Gedenkstätte besucht und gesehen, wie schlimm das alles war und jetzt streitet ihr euch wegen irgend einem banalen Mist.“

Tja, was kann man da noch anderes tun als erst einmal beschämt zu schweigen und dann so rasch als möglich Frieden zu schliessen?

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