Jugendfestvorabend

Falls das Wetter morgen mitspielt, sollte also das Prinzchen im weissen T-Shirt um zwanzig nach neun im unteren Schulhaus sein, der Zoowärter im roten T-Shirt um neun im oberen Schulhaus, der FeuerwehrRitterRömerPirat im blauen T-Shirt um zehn nach neun ebenfalls im oberen Schulhaus, Karlsson und Luise mit den Kleidern, die sie in der Schule bereit gemacht haben, bei der Turnhalle und zwar keine Minute später als elf nach neun.

Oder waren es Karlsson und Luise, die im weissen T-Shirt um fünf nach neun im unteren Schulhaus sein müssen, der FeuerwehrRitterRömerPirat, der in den Kleidern, die er in der Schule bereit gemacht hat, um halb zehn bei der Turnhalle, der Zoowärter und das Prinzchen, die im schwarzen T-Shirt um zehn vor neun beim oberen Schulhaus erscheinen müssen?

Vielleicht aber liege ich auch gänzlich falsch und es ist so, dass sie alle zusammen um zwanzig nach neun beim oberen Schulhaus sein müssen, das Prinzchen in Blau, der Zoowärter in Grün, der FeuerwehrRitterRömerPirat in Violett, Luise in Gelb und Karlsson in Schwarz. Und natürlich dürfen sie ihre Papageien, die sie gebastelt haben, nicht vergessen. Oder waren es die Lollipops? Oder die Feuerwehrautos? Ach nein, die können es nicht sein, die sind nämlich in der Schule. 

Irgendwie so muss es sein, aber ich denke, es ist wohl besser, wenn ich jetzt aufhöre zu schreiben, um noch einmal ganz genau all die Zettel, die wir bekommen haben, zu studieren. Nicht dass ich morgen das Prinzchen in meiner geblümten Bluse zum Bahnhof schicke, den Zoowäter in den Matrjoschka-Shorts, die „Meiner“ neulich geschenkt bekommen hat, zur Tankstelle, den FeuerwehrRitterRömerPirat im Bademantel zum Feuerwehrmagazin, Luise in eine Tagesdecke eingehüllt zum Kirchgemeindehaus und Karlsson in Badehosen zum Waldhaus.

So ein Jugendfest ist doch immer wieder eine intellektuelle Herausforderung.

 

Ach, da fällt mir ein: Das Prinzchen muss ein schwarzes T-Shirt tragen, das weiss ich mit Sicherheit, ohne vorher die Elternbriefe zu studieren. Eine herzensgute Person ist nämlich vor ein paar Wochen eigens in fünf verschiedene Geschäfte gerannt, um für ihn eines ohne Aufdruck aufzuspüren. 

Nachtkerze

 

 

 

Grosse Tage

Ausgerechnet jetzt, wo es nur noch ein paar Tage bis zu Karlssons Schulabschluss sind, fällt mir dieses Bild von mir an meinem letzten Schultag in die Hände. Eine Aufräumaktion, wie sie in unserem Haus leider des Öfteren stattfinden muss, hat es zu Tage befördert und jetzt muss sich Karlsson natürlich wieder anhören, wie anders und wie viel besser solche Tage zu „unseren Zeiten“ noch waren.

„Wo bleibt bloss das Herzblut?“, fragte ich entrüstet, als er mir erzählte, sie hätten letzte Woche beschlossen, heute elegant, morgen als Nerds und übermorgen als Hippies zur Schule zu gehen, um sich gebührend von der Schule zu verabschieden. „So einen Entscheid fällt man doch nicht erst ein paar Tage vor dem letzten Schultag, so etwas will wochenlang leidenschaftlich ausdiskutiert werden“, erklärte ich meinem Ältesten und begann zu erzählen, wie das bei uns war. Wochenlang wurde darüber debattiert, wie wir uns mit Getöse verabschieden sollten. Streiche wurden ausgeheckt, Verse geschmiedet, Kassetten mit passender Musik aufgenommen. Ganze Nachmittage verbrachte ich, die handwerklich Ungeschickte, damit, meine Hose mit Glitzerfaden und Pailletten zu verzieren, damit ich mir einreden konnte, ich sähe aus wie ein waschechter Hippie. Eine Schulkameradin kam gar auf dem Pferd auf den Pausenhof geritten, weil so ihre Verkleidung am besten zur Geltung kam. 

„Auf den letzten Schultag bereitet man sich mit heiligem Ernst vor und nicht so halbherzig wie ihr. So ein Tag ist doch etwas ganz Besonderes, an den willst du für den Rest deines Lebens denken können“, dozierte ich, während ich in meinem Schrank nach Kleidungsstücken wühlte, die aus unserem gewöhnlich so seriösen Sohn ein Blumenkind machen sollen. Hätte ich nicht sehr bald eine passable Verkleidung für Karlsson gefunden, hätte ich tiefer im Schrank graben müssen und dann wäre mir bestimmt die Hose von damals in die Hände gefallen, denn die liegt dort irgendwo noch. 

Zum Glück blieb das gute Stück verborgen. Karlsson hätte sonst gesehen, wie stümperhaft meine Stickereien aussehen und dann würde er am Ende noch auf die Idee kommen, der grosse Tag sei in Wirklichkeit nicht halb so glanzvoll gewesen, wie ich ihn heute in Erinnerung habe. 

Bez

Muss ich mir das anhören?

Ja, ich habe Kinder gewollt. Ja, ich liebe sie über alles. Ja, ich nehme gerne Anteil an ihrem Leben. Aber heisst das wirklich, dass ich all den Mist, für den sie sich begeistern, auch toll finden muss?

Muss ich wirklich so tun, als wäre ich berennend daran interessiert, was Ferb gemacht hat, als Dr. Doofenshmirz einmal…ach, ich weiss doch auch nicht mehr, was der getan hat, obschon ich die ganze Episode bis ins letzte Detail nacherzählt bekommen habe. 

Kann man von mir erwarten, so zu tun, als hätte ich eine Ahnung, wessen Weiterentwicklung Pikachu ist? Ja, kann man überhaupt von mir erwarten, zu wissen, wer Pikachu ist? Und darf man es mir verübeln, wenn ich nicht den geringsten Wunsch verspüre, mir das fehlende Wissen auf diesem Gebiet anzueignen, bloss weil ich meine Söhne dann nicht mehr mit glasigem Blick anschauen müsste, wenn sie mir von Pokémons erzählen?

Wäre ich eine bessere Mutter, wenn ich beim Anblick des neusten Produktes aus dem Hause Lego in Begeisterungsstürme ausbrechen könnte, anstatt nur müde den Kopf zu schütteln und mich zu fragen, wie man so etwas abgrundtief Hässliches nicht nur produzieren, sondern auch noch bestens verkaufen kann?

Muss ich wirklich wissen, wie Goofy einmal, als Struppi bei ihm zu Besuch war, die Lampe zertrümmert hat und wie dann Titeuf ins Haus eingedrungen ist und Daisy entführt hat, was beinahe ein schlimmes Ende genommen hätte, wenn nicht Superman eingegrif…aber halt,  ich glaube, ich bringe da etwas durcheinander…

Himmel, gehe ich vielleicht hin und erzähle ihnen im Detail, dass meine Tomaten es nicht mögen, wenn ihre Blätter nass werden, weil sonst die Krautfäule einsetzt, wodurch die Früchte… Na ja, manchmal versuche ich schon, ihnen davon zu erzählen, aber ich höre sofort wieder auf damit, wenn sie mir mitten im Satz davon laufen.

Und es käme mir nicht im Traum in den Sinn, ihnen zu folgen, um noch den Rest zu erzählen. Während sie hingegen…

Ist doch alles irgendwie das gleiche

Heute beim Mittagessen

Ich: „Die Briten wollen aus der EU austreten.“

Prinzchen, Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat fragen durcheinander: „Haben sie verloren? Spielen sie jetzt nicht mehr mit?“

Ich: „Nein, die haben abgestimmt und entschieden, dass ihr Land nicht mehr in der Europäischen Union sein soll.“

Prinzchen, Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat fragen wieder durcheinander: „Dann sind die jetzt bei der Europameisterschaft nicht mehr dabei? Was denkst du, wird am Montag Spanien oder Italien rausfliegen? Für wen bist du?“

Ich: „Es geht hier nicht um Fussball, es geht um Politik und das ist ein bisschen wichtiger…“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Also ich bin für Italien.“

Prinzchen: „In welchem Land ist eigentlich Europa?“

Zoowärter: „Ich finde Fussball ja total doof, aber…“

Ich erkenne, dass es nichts bringt, meinen Kindern jetzt, wo sie nichts als Fussball im Kopf haben, den Unterschied zwischen EU und Europameisterschaft erklären zu wollen. 

Nachdem ich mich am Nachmittag ein wenig durch die Kommentare verschiedener Brexit-Artikel gewühlt habe, dünkt mich fast, es gäbe auch ein paar Erwachsene, die den Unterschied nicht so genau kennen.

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Das Murmeltier ist zurück

Da sitzen sie am Tisch, unsere drei Grossen, und lauschen – halb belustigt, halb sentimental – dem Hörspiel, von dem sie in Kindertagen nie genug bekommen konnten. Immer und immer wieder wollten sie die CD hören. Einmal, auf der Heimfahrt von den Ferien, geschlagene fünf Stunden ohne Unterbruch. Eine Geschichte von einem kleinen Murmeltier, das gemeinsam mit seinem zerstreuten Opa einen Haufen Dummheiten anstellt. „Jetzt kommt dann gleich die Stelle mit dem Kaugummi!“, rufen sie begeistert und wenig später brüllen sie vor Lachen, wenn sie die altbekannten Worte hören. „Hier hatte ich immer ganz furchtbar Angst“, sagen sie wenig später mit einer Mischung aus Unverständnis und Belustigung. „Früher habe ich nie ganz verstanden, was das heissen soll“, bemerkt der eine, während der andere darüber nachsinnt, warum ihm die Geschichte überhaupt so gefallen hat. „Heute klingt das alles irgendwie doof“, sagen sie zueinander. „Aber es war halt doch unsere Lieblingsgeschichte.“ 

Da sitzen wir Eltern neben ihnen am Tisch und lauschen – halb belustigt, halb sentimental – dem Hörspiel, das wir noch immer in- und auswendig kennen. Immer und immer wieder mussten wir es uns anhören. Einmal, auf der Heimfahrt von den Ferien, geschlagene fünf Stunden ohne Unterbruch. Und jetzt hören wir sie also wieder und dabei denken wir zurück an die Zeiten, als die Drei, die jetzt schon so gross sind, noch mit dem Teddy im Arm hinten im Auto sassen und lautstark nach der Murmeltier-CD verlangten. 

Irgend etwas an dieser Situation fühlt sich schräg an für uns. Kindheitserinnerungen – dieses Feld war bis vor Kurzem „Meinem“ und mir überlassen. Natürlich begannen auch unsere Kinder ihre Sätze immer mal wieder mit: „Als ich noch klein war…“, oder: „Früher habt ihr doch immer…“, aber dabei ging es meist darum, mit unserer Hilfe Erinnerungsstücke korrekt in das Puzzle ihrer Vergangenheit einzufügen. Heute aber, bei diesem Hörspiel aus vergangenen Kindertagen, fühlte es sich zum ersten Mal an, als wollten sie ein Bad in der Erinnerung nehmen, als versuchten sie, noch einmal dort anzuknüpfen, wo sie schon längst nicht mehr sind.

Ich kenne diese Sehnsucht von mir. Sie kam auf, als ich erkannte, dass ich nun endgültig kein Kind mehr bin und anfing, mit einer gewissen Wehmut auf vergangene Tage zurückzublicken. 

Sind sie jetzt tatsächlich auch schon an diesem Punkt im Leben angelangt?

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So nicht, kleiner Prinz

Mein lieber kleiner Prinz

Dass du dich vom Fussballfieber, das auf den Pausenhöfen grassiert, hast anstecken lassen, ist ein herber Schlag für mich. Würdest du bloss in der Freizeit mit deinen Freunden dem Ball nachrennen, wäre das zwar noch kein Problem für mich. Ob du nun mit dem Velo herumkurvst, oder das Tor zu treffen versuchst, ist mir einerlei. Hauptsache, du hängst nicht unmotiviert herum. Dass aber ausgerechnet du, der Liebhaber von klassischer Musik und antiken Denkmälern, erst den Marketing-Gurus von der Firma Panini auf den Leim gekrochen und dann dem Lockruf der Mattscheibe erlegen bist, will mir gar nicht gefallen.

Verzweifeln werde ich deswegen natürlich nicht gleich. Der FeuerwehrRitterRömerPirat schafft es ja auch irgendwie, sich brennend für Weltgeschichte zu interessieren und zugleich mit der Squadra Azzurra mitzufiebern. 

Wenn aber du, mein Jüngster, dich in deinem Fussballwahn an meiner Qualitätszeitung vergreifst, die in diesen Tagen leider auch nicht gänzlich ohne Bilder von verschwitzten Fussballern auskommt, geht mir das entschieden zu weit. Zumal du das Blatt nicht etwa sorgfältig von vorne bis hinten durchblätterst und dann, nach dem Ausschneiden deiner Heiligenbilder, wieder säuberlich gefaltet zurücklegst. In deiner Gier nach Bildern reisst du meine kostbare Lektüre in Fetzen. Vor dem Ausbruch des Fussballfiebers hättest du wenigstens noch den einen oder anderen Artikel im Wissensteil überflogen, aber jetzt zählen für dich nur noch Bälle, Tore und die Farben der Trikots. Lesbar ist meine Zeitung nach deinem Raubzug nicht mehr, dafür ist deine Zimmerwand vollgepflastert mit Zeitungsschnipseln. 

So etwas, mein Sohn, tut mir im Innersten weh und glaub bloss nicht, es mache für mich einen Unterschied, ob du mein Leibblatt wegen eines Italieners oder eines Schweden in Fetzen reisst. Wenn es um Fussball geht, lässt mich sogar Schweden kalt. 

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Gemässigt

Wenn ich mich daran erinnere…

…wie ich früher jeweils zu seinem Geburtstag Leberpastete zubereiten musste,

…wie ich mit Todesverachtung die Blutwurst von der Pfanne auf seinen Teller gleiten liess,

…wie ich einmal sogar ihm zuliebe einen Blutpudding mit Auto und Zug von Schweden in die Schweiz habe mitreisen lassen,

…wie ich im Laden herumirrte, um endlich das Pulver für die Sülze zu finden,

…wie er an einer Geburtstagsparty unter den angewiderten Blicken seiner Freunde Austern schlürfte,

…dann erscheint mir das Menü zu seiner Konfirmation fast schon bieder. Am ehesten bereitete mir noch das Vitello Tonnato Kopfzerbrechen, aber nachdem ich es mal geschafft hatte, das Fleisch in die Pfanne zu befördern, ohne es berühren zu müssen, stellte auch das keine Herausforderung mehr dar. Die paar Jakobsmuscheln und die Crevetten, die er als Dekoration auf der Smörgåstårta wünscht, werde ich sogar mit blossen Händen anfassen können, weil sie ja immerhin ganz hübsch anzusehen sind.

Man könnte also sagen, Karlssons Geschmack habe sie über die Jahre gemässigt. Eine Veränderung, die mir vor ein paar Jahren, als einzig die Mutterliebe mir die Kraft verlieh, die Leber für die Pastete durch den Fleischwolf zu drehen, noch unvorstellbar erschien.

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Aufsichtspflicht

Prinzchen hat sich mit zwei Freunden zum Spielen verabredet, der eine von beiden taucht mit seinem grossen Bruder im Schlepptau auf. Perfekt, denn so hat der Zoowärter auch einen Spielkameraden und muss Prinzchen nicht die Gäste abspenstig machen. Bald rennen alle zusammen lachend und schreiend ums Haus, wenig später stösst Prinzchens bester Freund dazu, der FeuerwehrRitterRömerPirat und sein bester Freund schliessen sich ebenfalls an, irgendwann saust einer von Zoowärters Freunden auf dem Trottinett herbei und beschliesst zu bleiben. Einer, der nicht so leicht Anschluss bei Gleichaltrigen findet, schliesst sich der Gruppe ebenfalls an, hin und wieder schauen gar ein paar Mädchen vorbei. Aus sicherer Distanz und mit der wachsamen Mama im Hintergrund beobachten zwei Kleinkinder das wilde Spiel der Grossen. Genau so war Kindheit früher auch. Genau so sollte sie auch heute noch sein, nicht wahr?

Aber klar doch. Der Haken ist nur, dass heute zwar alle dieses Idealbild der wilden, erwachsenenfreien Kindheit beschwören, gleichzeitig aber nicht damit leben können, dass diese Freiheit auch Gefahren mit sich bringt. 

Wenn sich also plötzlich der ganze Trupp um unser Haus versammelt, stimmt mich dies glücklich und unruhig zugleich. Die Verantwortung für die Horde liegt jetzt bei mir, das weiss ich ganz genau. Falls einem der lieben Kleinen im wilden Spiel ein Härchen gekrümmt wird, bin ich daran schuld und keiner wird fragen, ob das betreffende Kind bei uns eingeladen war, oder ob es dazugestossen und einfach geblieben ist. 

Ich habe also die Wahl: Alles stehen und liegen lassen und die wilde Horde diskret beaufsichtigen, damit sie nichts davon bemerken und sich trotzdem so frei fühlen, als wäre kein Erwachsener zugegen. Oder nur die Kinder dabehalten, deren Eltern mit ein paar Kratzern und Beulen leben können und den ganzen Rest nach Hause schicken. 

Irgendwie finde ich beides nicht so toll. 

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Keine Zeit für Sentimentalitäten

Zwei, drei, vielleicht sogar vier Jahre lang hatten wir diese himmlische Ruhe am Ende des Schuljahres. Alle anderen mochten von einem Schultermin zum nächsten hetzen, wir aber konnten uns mehr oder weniger zurücklehnen. Klar, da war das eine oder andere Schülerkonzert und natürlich durften wir es nicht verpassen, unsere Kinder für die Schulreise mit Proviant auszurüsten, aber keiner belästigte uns mit Picknicks zum Schuljahresende und anderem Kram. Nicht mal, als letztes Jahr eine Lehrerin, die vier von unseren fünf Kindern unterrichtet hatte, in Pension ging, mussten die Eltern zu einer Abschlussfeierlichkeit antraben. Etwas Positives hat es also doch, wenn eine Lehrperson am Ende ihrer Laufbahn derart schulmüde ist, dass sie den Kindern ohne grosse Sentimentalität den Rücken kehrt. 

Leider kann ein solcher Zustand nicht ewig dauern. Irgendwann dämmert einer überengagierten Lehrperson oder einer Schulleitung, die beweisen will, wie aktiv sie ist, dass die Eltern schon lange nicht mehr in der Schule waren und dann wird der Terminkalender gefüllt. Abende, an denen die Klassen präsentieren, woran sie in den vergangenen Monaten gearbeitet haben, Sporttage, bei denen die Eltern vorgängig angefleht werden, sie möchten doch bitte den Wettkämpfen beiwohnen, zusätzliche Musikschulkonzerte, weil eins pro Jahr plötzlich nicht mehr reicht. Und das alles in dem Jahr, in dem Karlsson die Volksschule abschliesst, was uns einige Anlässe beschert, bei denen unsere ungeteilte Sentimentalität gefragt wäre.

Wie sollen wir denn noch richtig wehmütig darüber werden, dass aus dem kleinen, schüchternen Jungen innerhalb von neun Jahren ein grosser, selbstbewusster Halbwüchsiger geworden ist, wenn wir atemlos zu seiner Projektpräsentation angerannt kommen, nachdem wir beim Zoowärter im Schulzimmer die Bienen bestaunt haben? Wo bleibt die Zeit, uns nach seinem letzten Auftritt an der hiesigen Musikschule die Tränen der Rührung wegzuwischen, wenn wir zu Hause wieder den FeuerwehrRitterRömerPiraten zum Üben antreiben müssen, damit er ein paar Tage später im Nachbardorf „The Final Countdown“ auf der Trompete blasen kann? Wie sollen wir den Kauf des Konfirmandenanzugs zelebrieren, wenn wir zugleich die schier unlösbare Aufgabe haben, für Prinzchen ein schwarzes T-Shirt ganz ohne Aufdruck aufzutreiben, das er am Jugendfestumzug tragen soll? (Nach welchen Unifarben wir für die anderen Kinder suchen müssen, wissen wir noch nicht, aber es wird ganz bestimmt aufwändig werden, denn das ist es immer.)

Ein bisschen mehr Rücksichtnahme auf unseren von Meilensteinen angefüllten Terminkalender hätte man von den Lehrern schon erwarten dürfen. Immerhin hatten sie an Karlsson – im Gegensatz zu seinen kleinen Brüdern, die sie jetzt unterrichten – nie etwas auszusetzen. (Na ja, sie fanden jeweils, er sei zu schüchtern, aber das hat sich ja inzwischen gelegt.)

 

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Tochter geht vor

In letzter Zeit immer wieder:

„Ich muss nur noch…“

„Gleich, sobald ich fertig bin…“

„Ja, natürlich wäre das schön, aber erst mal muss ich…“

„Noch ganz kurz dies. Und dann noch kurz das. Und dann noch…“

„Gleich, habe ich gesagt. Aber das hier ist dringend…“

Immer im Haus, aber nie richtig anwesend. Anspannung, Ungeduld, gereizte Worte. Darum heute früh der spontane Entscheid:

„Pfeif auf deine Pflichten! Luise hat zwei Stunden schulfrei, also bist du jetzt einfach mal Mama. Der Rest kann warten.“

Nur ein gemeinsames Frühstück, ein bisschen Hausaufgaben, ein bisschen quatschen und natürlich einen klitzekleinen Wunsch erfüllt und der Tag war für beide besser, als er gewesen wäre, wenn ich den Pflichten den Vortritt gelassen hätte.

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