So nah ist mir zu nah

Glaubt mir, ich bin keineswegs naiv genug, um mir einzureden, auf dem weitläufigen Naturgrundstück, umgeben von kleinen Wasserläufen und menschlichen Behausungen mit reichlich Speiseabfällen treibe sich neben Kröten, Eidechsen, Eichhörnchen und einer Unmenge von Vögeln nicht auch die eine oder andere Ratte rum. Als ich nachts gelegentlich durch ein Krabbeln in der Hauswand geweckt wurde, sagte ich mir ganz ruhig, dass das irgend ein beliebiges Nagetier, sehr wohl aber auch eine Ratte sein könnte. Und als gestern das Prinzchen erzählte: „Mama, ich habe in der Wiese so ein Tier gesehen, so ähnlich wie eine Maus, aber grösser und mit einem Schwanz wie eine Eidechse“, da konnte ich mir nur noch mit Mühe einreden, vielleicht habe unser Jüngster einfach nicht so genau beobachtet und deswegen falsche Schlüsse gezogen. In Panik geriet ich deswegen aber nicht. Klar, so eine Ratte auf dem Grundstück ist doof, aber so lange sie uns nicht zu nahe kommt… 

Von wegen nicht zu nahe! Seit heute Morgen herrscht Klarheit: Das Rattenvieh treibt sich nicht nur im Garten rum, es hält sich vorzugsweise zwei oder drei Schritte neben dem Sitzplatz auf, wo wir gerne unsere Morgen-, Mittag- und Abendmahlzeiten einnehmen. Nur ein paar Schritte weiter geht’s ins Haus hinein, direkt in die Küche und diese Tür steht – ähhhm, ich meine stand bis vor Kurzem – beinahe immer offen. Frech und selbstbewusst hockt das Biest da und verschwindet nicht etwa, wenn es uns bemerkt, sondern erst dann, wenn es unseren Anblick satt hat. Keine Frage, wer hier wen als Eindringling betrachtet. (Fragt mich nicht, warum es einige Familienmitglieder vorgezogen haben, mir zu verschweigen, dass sie dem Tier schon mehrmals an der gleichen Stelle begegnet sind.)

Was das Rattenvieh nicht weiss: Auch wenn wir leicht einzuschüchtern sind, vertreiben lassen wir uns nicht einfach so. Das musste schon unsere griesgrämige Nachbarin feststellen, die alles mögliche unternommen hat, um uns loszuwerden und nun doch hat einsehen müssen, dass wir wie ursprünglich vorgesehen bis Ende Mai bleiben. (Inzwischen lässt sie sich übrigens kaum mehr blicken. Sie hat einen Käufer für ihr Haus gefunden und ist nun wohl mit der Einrichtung ihrer neuen Bleibe beschäftigt.) Wir haben uns also mit Gift und Köderboxen eingedeckt und schauen mal, wer den längeren Atem hat, die Ratte oder wir. 

Rückblickend muss ich mir aber wohl trotz allem vorhalten, ich sei ein wenig zu naiv gewesen. Hätte ich mich beim Einkaufen etwas besser geachtet, wäre mir schon längst aufgefallen, welch riesiges Sortiment an Rattengift hier jeder noch so kleine Supermarché hat und ein solches Sortiment legt man sich ja nicht zu, wenn nicht eine gewisse Nachfrage besteht…

il castello; prettyvenditti.jetzt

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Intelligenzbestien beim Einkauf

Sie sind zu dritt unterwegs. Mama, Papa und Baby. Der Zufall will es, dass sie kurz nach uns die Kasse erreichen, was sie aber nicht daran hindert, sich vorzudrängen. Ich nehme es hin, denn wer mit einem Baby unterwegs ist, hat Vorrang. Immer. Auch dann, wenn das Baby zufrieden auf einer halben Baguette kaut, während sich unsere Fünf nach einem anstrengenden Homeschooling-Tag aufführen wie eine Horde ausgehungerter Vandalen.

Nun, wie auch immer, warten müssen wir alle, denn vorne an der Kasse hat einer ein Problem mit der Karte. Zeit also, um den Inhalt des Einkaufswagens zu überprüfen. Wir, um festzustellen, ob wir etwas vergessen haben, sie, um auszumustern, was sie nicht benötigten. Eine Familienpackung tiefgekühlte Hamburger wird als überzählig erkannt und muss den Einkaufswagen verlassen. Nun ist es aber leider so, dass es zum Tiefkühler, wo die Hamburger sich gerne aufhalten, wenn sie nicht gekauft werden, mindestens zwanzig, vielleicht gar dreissig Schritte wären und wenn man schon so lange durch den Laden gelatscht ist, mag man sich sowas nicht mehr antun, das muss man verstehen. Also werden die Hamburger ins Kaugummiregal neben der Kasse ausgesetzt. So ein kleines bisschen Luftveränderung tut doch jedem gut, auch einem Tiefkühlhamburger. 

Einkaufen macht aber nicht nur müde, sondern auch hungrig und die Chips sehen ja so verlockend aus. Also wird die Packung aufgerissen. Nein, nicht vom Kind, das ist noch viel zu klein, um selber eine Tüte aufzureissen. Mama und Papa sind es, die sich mit Chips vollstopfen, währenddem sie ihre Artikel aufs Band legen. Als alles – ausser den Hamburgern – auf dem Band ist, kommt ganz zum Schluss die offene Chipspackung.  Aber wie immer, wenn man sich mal mutig den gängigen Konventionen  widersetzt hat, sitzt da vorne an der Kasse so ein engstirniger Mensch, der davon ausgeht, dass sämtliche Verpackungen, die auf dem Band liegen, unversehrt sind. (Man sollte ja wirklich meinen, inzwischen sei die Menschheit in dieser Hinsicht offener geworden, aber diese Ewiggestrigen halten unbeirrt an solchen alten Zöpfen fest.) Ja, und dann gibt das natürlich eine Riesensauerei, ungehalten schauen Mama und Papa dabei zu, wie die ungeschickte Kassiererin ihren Arbeitsplatz von Chips befreit. Na ja, immerhin hat sie genügend Anstand, sich für das Missgeschick zu entschuldigen.

Wenig später, als endlich wir an der Reihe sind mit Bezahlen, beobachte ich aus den Augenwinkeln, wie Mama und Papa ihren Einkaufszettel ganz genau studieren, um zu überprüfen, ob die Chips auch ordnungsgemäss storniert worden sind. Recht haben sie. Wäre ja wirklich die Höhe, wenn sie das Zeug auch noch bezahlen müssten, wo sie doch nicht mal alles aufessen konnten.  

orange; prettyvenditti.jetzt

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Nichts, einfach nichts

Kein Frühstück im Bett, nicht ein einziges selbst gebasteltes Etwas, das man mit Tränen der Rührung in Empfang nehmen könnte, keine holprigen Gedichte, ja, nicht mal ein Blümchen, das irgend einer in letzter Sekunde im Garten gepflückt hat. Einfach nichts – Muttertag gestrichen. Aber was soll’s? Kein Schwein feiert heute in Frankreich Muttertag, also reibt dir auch keiner unter die Nase, welch grossen Dinge du von diesem Sonntag eigentlich erwarten müsstest, wenn du Kinder geboren hast. Folglich fühlst du dich auch nicht wie der letzte Depp, wenn die Deinen partout nich einsehen wollen, weshalb sie dich für eine Sache feiern sollten, zu der sie nicht das Geringste zu sagen hatten. Herrlich entspannt ist das, so ein Muttertag, den man getrost ignorieren kann. 

Wehe aber, meine Lieben tragen mich in drei Wochen nicht auf Händen. Dann nämlich feiern die Franzosen ihre Mütter und ich bin mir ziemlich sicher, dass sich auch die hiesigen Werbefritzen die eine oder andere Sache einfallen lassen, um einer Mutter das Gefühl zu vermitteln, sie sei ganz furchtbar ungeliebt und vernachlässigt, wenn sie den 31. Mai ganz ohne überteuerte, industriell gefertigte Liebesbeweise überstehen muss. 

  

Lunch Break 

Eigentlich hätte es ja nur ein kurzes Mittagessen werden sollen, eine kleine Pause für Karlsson und mich, die wir den Samstag mit Arbeiten und Büffeln verbrachten, währenddem der Rest der Familie sich in Arles dem süssen Nichtstun hingab. Kurze Mittagessen aber gibt es in Frankreich nicht. Hast du dich mal am Tisch niedergelassen, verliert alles andere seine Wichtigkeit, einzig das Essen zählt noch, auch dann, wenn man sich die Vospeise teilt und beim Dessert kneift. So sassen wir dann, mein Ältester und ich, in lauter vernünftige Gespräche vertieft, die Küche des Südens geniessend. Fast fühlte es sich an, als wären wir zwei Erwachsene, die tun, was man in Frankreich eben so tut über Mittag. 

Gut, dass Karlsson wenig später, als die Geschwister zurück und alle im Pool waren, sich wieder aufführte, wie ein wahrer Teenager, sonst wäre ich glatt wehmütig geworden. 

  

Ganz schön (intensiv)

„Und, wie ist das jetzt so, wenn ihr so viel Zeit miteinander verbringt? Schön, nicht wahr?“, so lauten die Fragen von Freunden. Schön? Aber ja, natürlich. Wenn Teenager ganz offen mit Mama und Papa über die wichtigen Fragen des Lebens reden, weil hier keiner ist, vor dem sie cool sein müssen. Wenn bisher unbekannte Fähigkeiten als Licht kommen, die zu Hause, im Alltag, nicht gefragt sind. Wenn Geschwister einander Mut machen, gemeinsam etwas zu wagen. Wenn alte Spiele hervorgekramt und neue Ideen ausgeheckt werden. Wenn einer, der sonst heikel ist, plötzlich Neues kostet und merkt, dass er schmeckt. Wenn sie uns ohne jeglichen Vorwurf den Spiegel vorhalten, manchmal auch über unsere Macken lachen. Dann ist es tatsächlich schön. Wunderschön.

Und ganz schön intensiv. Denn wenn sie dich mal haben, so voll und ganz für sich, dann geniessen sie dich. Auch dann, wenn du mal einen Moment lang alleine sein möchtest. Auch dann, wenn es deiner Meinung nach längst Zeit für Feierabend wäre. Auch dann, wenn du mal ein wenig deinen eigenen Gedanken nachhängen möchtest.

Für einmal ist das ganz in Ordnung so, denn du weisst, dass diese kurzen Wochen eine einmalige Chance sind, ihnen nahe zu sein. Der Stundenplan und die Freunde werden rasch genug wieder die Macht an sich reissen, wenn das hier vorbei ist.  

Eine Samichlaus-Geschichte

Letztes Jahr hatten wir einen römisch-katholischen Samichlaus. „Ja, gibt es denn auch andere? Der St.Niklaus war doch irgend so ein Heiliger“, mögen einige nun fragen aber das zeigt, dass ihr euch in der Samichlaus-Sache ganz und gar nicht auskennt. Natürlich gibt es andere. In unserem Fall hat man die Wahl zwischen Turnverein-Samichlaus aus Dorf A, Turnverein-Samichlaus aus Dorf B, Pontonier-Samichlaus (oder pausieren die gerade?), Privat-Samichlaus (bei dem man immer hofft, dass die Kinder die Stimme nicht oder erst, wenn er gegangen ist, erkennen) Adventsmarkt-Samichlaus (bei dem man stets Angst hat, ihm könnten die Mandarinen ausgehen, ehe man mit seiner Brut zu ihm durchgedrungen ist) und für ganz Verzweifelte natürlich noch unzählige Supermarkt-Samichläuse.

„Okay, ich sehe, es gibt da eine ganze Palette“, sagt ihr Skeptiker jetzt, „aber ich verstehe trotzdem nicht ganz, wie du mitten im April auf die Idee kommst, vom Samichlaus zu erzählen? Wo doch inzwischen auch der Osterhase schon Schnee von gestern ist.“ Himmel, immer diese kritischen Rückfragen! Reicht es denn nicht, zu wissen, dass ich immer nur über die Dinge schreibe, die ganz dringend aus meinem Kopf raus müssen und nicht warten können, bis offiziell Saison dafür ist? Und überhaupt, dieser Samichlaus, von dem ich erzählen will, war einer mit Nachwirkung, darum schwirrt er ja auch heute in meinem Kopf rum. 

Es war also so: Da kam letztes Jahr dieser Samichlaus in seiner vollen römisch-katholischen Pracht, in seinem Sack das dicke Buch, in welches er den Zettel geklebt hatte, den ich über unsere Kinder zusammengestellt hatte. „Bitte dieses Jahr nur Lob, keinen Tadel. Das Prinzchen fürchtet sich sonst ganz fürchterlich“, hatte ich geschrieben und nun war der Arme natürlich ganz und gar im Clinch. „Man kann doch nicht nur loben“, muss er in seinen langen Bart gebrummt haben, „Wo kämen wir denn da hin, wenn so etwas Schule machte?“ Also überlegte er, wie er den kleinen bis mittelgrossen Vendittis doch noch ein wenig moralische Wegzehrung mitgeben könnte und da dieser Samichlaus neben seinem Amt auch Predigten schreibt und nicht Boote rudert oder am Barren turnt, hatte er eine Idee: Er würde diesen verzogenen Vendittis, die nicht mal ein wenig Tadel ertragen mochten, eine nette kleine Predigt halten. Die Kernaussage dieser Predigt lautete: „Steht dazu, wenn ihr etwas ausgefressen habt.“ Im Leben würden nun mal Missgeschicke passieren und es werde einem viel leichter ums Herz, wenn man solche Sachen nicht für sich behalte, sondern offen und ehrlich gestehe, erklärte der Chlaus und schenkte jedem Kind einen schlichten Kerzenhalter, der an seine Botschaft erinnern sollte.

Diese Kerzenhalter sind natürlich schon längst in all den vielen Winkeln unserer Wohnung verschwunden, aber die Predigt hallt noch immer nach, obschon – oder vielleicht weil – sie ganz freundlich dahergekommen war. „Der Samichlaus hat doch gesagt, wir sollen dazu stehen, wenn wir eine Dummheit gemacht haben“, sagen jetzt unsere Kinder zerknirscht, wenn sie mal wieder etwas ausgefressen haben und sie keinen Weg sehen, „den anderen“ zu beschuldigen. „Na ja, kleine Kinder glauben eben noch an den Samichlaus“, mag jetzt der eine oder andere von euch Skeptikern brummen, aber in diesem Fall lässt sich das nicht so leicht damit abtun. Warum nicht? Nun, erstens einmal sind sämtliche Tadel, die ich vor Prinzchens Tadel-Phobie dem Chlaus ins dicke Buch diktiert habe, ungehört verhallt; nicht ein einziger war wirkungsvoll genug, um unser Familienleben nachhaltig zum Positiven zu verändern. Und zweitens sind es nicht nur die Kleinen, die seit der Predigt offener zu ihren Missgeschicken stehen, sogar die Grossen meinten vor ein paar Tagen: „Wir hätten es ja eigentlich verschweigen wollen, aber dann ist uns der Samichlaus in den Sinn gekommen.“ Okay, diese Aussage war mit einem gewohnt zynischen Teenager-Grinsen garniert und wohl auch nicht ganz ernst gemeint, aber wen kümmert das schon, wenn das Resultat stimmt? 

Und jetzt wisst ihr auch, weshalb ich mitten im April auf die Idee komme, euch vom Samichlaus zu erzählen. 

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Die Macht der Werbung

So sehr ich es auch versuche, ich kann’s nicht verstehen. Begreife nicht, wie man sein Taschengeld dafür sparen kann. Wie man auf unzählige schöne Dinge verzichtet, um ganz bestimmt genügend Geld zu haben, damit man die Sammlung bald vergrössern kann. Wie man auf die Idee kommt, die kostbaren iPad-Minuten, die Mama und Papa einem zugestehen, damit zu vergeuden, sich ein Video nach dem anderen reinzuziehen. Weshalb man tieftraurig ist, weil man das Ende des Filmchens nicht mitbekommen hat, da die iPad-Minuten zu schnell um waren und man jetzt nicht weiss, ob der Held noch lebt oder nicht. Kriege nicht in meinen Kopf hinein, wie man sich all die Namen merken kann und dann auch noch weiss, zu welchem Namen welche Charaktereigenschaften gehören. Habe erst recht kein Verständnis dafür, wie man für viele Stunden in diese Rollen schlüpfen kann. Wie man nach dem Rollenspiel zu zeichnen anfängt, viele viele Blätter voll, immer die gleichen Figuren. (Oder vielleicht auch nicht – welcher Erwachsene weiss das denn so genau?) Und wenn einen die Eltern aus dem Spiel reissen, einfach so, vollkommen rücksichtslos, weil sie irgendwelche Sehenswürdigkeiten sehen wollen, dann vergnügt man sich auf der Autofahrt damit, einander Pantomimen vorzuspielen, damit die anderen erraten können, welchen der Grossartigen man imitiert. 

Schon oft habe ich mir die Dinger angeschaut, habe sie in meinen Händen gedreht und gewendet, um daran irgend etwas Schönes zu finden. Habe gefühlt, ob da vielleicht etwas wäre, was einem so angenehm in der Hand liegt, dass man es nicht mehr aus den Fingern geben mag. Habe ihre Gelenke gebogen, gestreckt und beinahe gebrochen, nur um herauszufinden, warum es so viel Spass macht, mit ihnen Zeit zu verbringen. Glaubt mir, ich habe ehrlich versucht, hinter das Geheimnis zu kommen, aber alles, was meine Augen sehen ist pure Hässlichkeit und ganz viel Plastik.

Nie werde ich verstehen, warum gleich drei meiner Kinder voll darauf abfahren, aber immerhin kann ich jetzt wieder voll und ganz an die Macht der Werbung glauben. Wie sonst kämen kleine Jungen darauf, sich so etwas Abscheuliches aus tiefstem Herzen zu wünschen?

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Je (ne) regrette (rien)

Jetzt sollen wir Mütter also der Welt erzählen, warum wir es bereuen, Mütter geworden zu sein. Anfangs wollte ich mich der Debatte ja verweigern, weil es immer irgendwie schief rauskommt, wenn Blogger halb verdaute und vermutlich auch falsch verstandene Aussagen aus wissenschaftlichen Studien auf ihr eigenes Leben zu übertragen suchen. Doch dann erinnerte ich mich daran, wie ich vor gut sieben Jahren jeweils stundenlang mit leerem Blick am Fenster stand und mich fragte, wie ich auf dieses Karussell geraten war, das sich immer schneller drehte, pausenlos, ohne die Möglichkeit, einmal für ein paar Momente abzusteigen, um dem Schwindel Einhalt zu gebieten. Das Ticket war „non-refundable“, das wusste ich, aber könnte man mich vielleicht in eine etwas komfortablere Karussell-Kategorie wechseln lassen? Oder den Betreiber dazu bringen, das Ding etwas langsamer laufen lassen? Oder mal zwei, drei, vier, fünf Runden ohne mich zu drehen? Oder könnte man den Kerl dazu überreden, mich ans Schaltpult zu lassen, damit ich wenigstens selber bestimmen könnte, wann und wie schnell dieses Karussell drehte? Oder das Karussell auf eine andere Chilbi stellen, eine, auf der es etwas ruhiger und freundlicher zuginge? Oder könnte jemand anders für mich einen Teil der Fahrten übernehmen, damit ich mich anderswo austoben könnte? Und natürlich auch: Würde mir das Karussellfahren je wieder Spass machen?

Solche Fragen quälten mich damals und weil mich damals diese Fragen quälten, stand gestern Nachmittag, als ich mal wieder einen Artikel über die ganze Regrettinmotherhood-Debatte las, eine andere Frage vor mir: „Trifft doch genau auf dein Erleben zu, diese ganze Sache, nicht wahr?“ Dick und fett und aufdringlich stand sie da, diese Frage und sie weigerte sich, mir aus dem Weg zu gehen, so oft ich mich auch anderen Themen zuzuwenden versuchte.  Also versuchte ich, sie mit Scheinantworten zufrieden zu stellen. „Das kann ich nicht beurteilen, ohne die Studie gelesen zu haben“, war eine davon. „Da müsste ich mich erst mal eingehend mit der Sache befassen“, eine andere. „Es gibt schon Dinge, die ich bereue, aber doch nicht so“, eine dritte. Die Frage gab sich damit nicht zufrieden, im Gegenteil, sie wurde noch aufdringlicher: „Vielleicht muss ich deutlicher werden“, sagte sie mit herausforderndem Blick, „Bereust du es, Mutter geworden zu sein? Ja oder Nein?“ 

„Nein“, antwortete ich ohne nur einen Augenblick lang zu zögern. „Und ich habe es auch damals, als sich alles nur noch drehte und ich den Boden unter den Füssen zu verlieren drohte, nie bereut. Ich bereue in diesem Zusammenhang viel, aber nicht, dass ich Mutter geworden bin.“ Um meiner Leserschaft das ganze „antwortete ich“, „fragte sie mit herausforderndem Blick“, „insistierte ich“ Beigemüse zu ersparen, höre ich jetzt auf, dieses Selbstgespräch wiederzugeben und schreibe klipp und klar, was ich bereue:

  • Ich bereue, meine Kinder in einer Gesellschaft geboren zu haben, die keine Kinder mag, die sie als Privatsache ansieht, die man irgendwie selber managen soll, aber bitte schön so, dass man andere dabei nicht stört. (Man könnte auch sagen „Ich bereue, in der Schweiz geblieben zu sein“, aber darf man das sagen, wenn man in einem Land lebt, in dem alles so reibungslos funktioniert? Und weiss man denn, ob es einem anderswo besser ergangen wäre?)
  • Ich bereue, schwanger geworden zu sein, bevor ich beruflich genügend etabliert war, um zu wissen, was ich will und wie ich es will. (Also, eigentlich bereue ich nicht das mit der Schwangerschaft, sondern die ihr vorangehende Naivität, dass es sich irgendwie schon so ergeben würde, wie es uns zusagt.) 
  • Ich bereue, dass „Meiner“ und ich bis heute in einer Rollenteilung festgefahren sind, die unseren Fähigkeiten nicht entspricht und weil das Karussell noch immer unaufhaltsam dreht, ist es gar nicht so einfach, diese Rollenteilung zu durchbrechen, vor allem in finanzieller Hinsicht nicht. 
  • Ich bereue, die Weichen auf „Mutter = Hausfrau“ gestellt zu haben, obschon das nie mein Ding war. 
  • Ich bereue, mich selber nicht besser gekannt zu haben, bevor ich Mutter geworden bin, aber manchmal frage ich mich, ob ich mich selber überhaupt je so intensiv kennen gelernt hätte, wenn ich nicht Mutter geworden wäre.
  • Ich bereue, dass ich jahrelang unbewusst eine „Das macht man halt so“-Haltung an den Tag gelegt habe, anstatt so lange nach unserem Weg zu suchen, bis wir ihn gefunden haben.
  • Ich bereue, auf Menschen gehört zu haben, die in meinem Leben nichts zu melden haben.
  • Ich bereue, mich an Müttern orientiert zu haben, die nicht im geringsten so ticken wie ich.
  • Ich bereue, zu sehr auf das geschaut zu haben, was die Gesellschaft über Mütter denkt, anstatt mich damit zu befassen, wie ich mit dem, was mir in die Wiege gelegt worden ist, authentisch Mutter sein kann. (Okay, ich habe keine Ahnung, ob man das versteht, aber es war mir halt doch wichtig, das noch anzufügen.)

Und ich bereue übrigens auch, nach Kind Nummer fünf zu einem eindeutigen Schlussstrich in Sachen Kinderkriegen eingewilligt zu haben, obschon ich in der Schwangerschaft mit Kind Nummer fünf gewahr wurde, dass das Karussell für meinen Geschmack etwas zu heftig dreht. (Darum habe ich ja auch eingewilligt.) 

Kurz und knapp zusammengefasst: Ich bereue nicht, dass ich Mutter geworden bin, ich bereue, wie ich es geworden bin. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer. Und wer kann denn schon mit Sicherheit sagen, dass es andersrum nicht nur anders, sondern auch besser gewesen wäre?

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Kleinkarierte findet man überall

Eigentlich hätte ich ja heute über lauter schöne und nette Dinge geschrieben, aber nachdem unsere übernächste Nachbarin wutentbrannt in den Garten gerannt gekommen ist, um uns Schimpf und Schande anzuhängen, weil unsere Kinder es wagen, um halb sechs Uhr abends im Garten lauthals zu singen, ist mir die Lust dazu vergangen. Kleinkarierte gibt es offensichtlich überall. Auch hier, am äussersten Rand der Ortschaft, wo man uns bei der Ankunft versichert hatte, unsere Kinder könnten ganz ungeniert lärmen und sich austoben. Schön, dann dürfen wir also nun in den kommenden Wochen den Satz „Nicht so laut, sonst kommt die Nachbarin“ in unser Repertoire aufnehmen. 

Ach ja, entschuldigt habe ich mich übrigens nicht. Nur die Kinder gebeten, etwas leiser zu sein. Sie haben umgehend gehorcht und jetzt kann die Nachbarin wieder ungestört dem klangvollen Surren des Rasentrimmers lauschen, den ein anderer Nachbar seit Stunden schon im Einsatz hat. 

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Shoppingträume

Neulich wollte Luise von mir wissen, was ich anstellen würde, wenn ich einen Tag lang unbegrenzt viel Geld zum Shoppen zur Verfügung hätte. Ich wusste es nicht. „Shopping ist langweilig“, sagte ich und meine Tochter starrte mich ungläubig an. Ein Mensch, der nicht vom unlimitierten Shopping träumt, kann ja wohl nicht ganz bei Sinnen sein. 

Nun, seit heute muss Luise nicht mehr um meinen Geisteszustand fürchten, ich weiss jetzt, wie ich mein Geld loswürde, so ich es denn in rauen Mengen besässe. Ich ginge mittwochs auf den Markt nach Saint-Rémy-de-Provence und würde dort mit Freuden mein ganzes Geld verjubeln. Essig in allen Farben und Geschmacksrichtungen würde ich kaufen, Honig in allen möglichen Konsistenzen und Schattierungen, knusprige Brote, knallbunte Einkaufskörbe, getupfte und gerüschte Kleider, riesengrosse Artischocken, Seifen, Hüte, Melonen, Schirme, ganze Käselaibe, Kissen, Tomaten, ja, vielleicht sogar ein paar Austern und andere Meerviecher… einfach den ganzen Markt. Nicht, weil ich all das Zeug unbedingt besitzen möchte, sondern einfach in einem verzweifelten Versuch, diese farbenfrohe Vielfalt, die alles übertrifft, was ich bis jetzt auf Märkten geschehen habe, für mich einzufangen und mit nach Hause zu nehmen. 

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