Mama Venditti bereitet sich auf eine Lesung vor

08:15 Der Wecker klingelt, ich stelle fest, dass Prinzchen und Herr Gemahl mich mal wieder an die äusserste Bettkante gedrängt haben. Doch was heisst hier „an“? Auf die Bettkante haben die Herren mich gedrängt, darum rapple ich mich mit ziemlich müden Knochen auf, um den Tag in Angriff zu nehmen.

08:25: Ein Glas Wasser runterkippen und dann auf zum Markt, Kürbisse kaufen.

08:45: Die ersten zwei Kürbisse sind gekauft, Schwatz mit der Marktfrau über Wachtelhaltung. Wie sind wir überhaupt von Kürbissen zu Wachteln gekommen? Keine Ahnung mehr, aber die Frau freut sich, dass ich durch so viele Fehler gelernt habe und ihr jetzt ziemlich genau sagen kann, wie sie es nicht machen soll, wenn sie sich dann mal Wachteln zulegt.

08:50: Der nächste Kürbis ist gekauft. Dazu frisch gepressten Apfelsaft. Kurzer Schwatz, dann weiter zum nächsten Stand.

08:53: Bewundern der Kürbis-Auslage am Stand mit dem Pro Specie Rara-Gemüse. Eine Kundin neben mir erzählt mir, wie sie Kürbisse zubereitet und will mir einen Schutzengel verkaufen. Als ich ihr sage, dass ich fünf Kinder und gerade nicht allzu viel Geld für Krimskrams übrig habe, bedauert sie, dass sie gerade kein Gemüse dabei habe, das sie mir schenken könne. Ob ich Selbstgestricktes brauchen könne. Ich erkläre ihr, dass wir ganz gut über die Runden kommen, aber ihre fürsorgliche Art wärmt mir trotzdem das Herz.

09:00: Der letzte Kürbis, den ich kaufe, bringt satte 10 Kilo auf die Waage und weil ich den Ganzen nehme, bekomme ich ihn günstiger. Grossmäulig behaupte ich, ich würde es schon schaffen, all die Kürbisse und den Apfelsaft zum Auto zu schleppen, ich hätte ja auf dem Frauenparkplatz parkiert, das sei ja nicht weit…

09:12: Schwer atmend stehe ich im Durchgang und überlege mir, wie ich meine Bagage besser verteilen kann. Noch 150 Meter bis zum Auto und ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie ich das hinkriegen soll. Eine Verkäuferin, die ihren Schmuckstand ganz in der Nähe hat, bietet mir ihren Transportwagen an. Die nette Geste rührt mich fast zu Tränen. Ob ich allmählich ein wenig nervös werde? So sentimental bin ich doch nun auch wieder nicht…

10:05: Nach einem kurzen Zwischenstopp zu Hause – Kürbisse aus- und Kinder einladen – bin ich bereit zu neuen Taten. Drei Kinder sind für den Tag am Spielturnier versorgt, die anderen zwei helfen zu Hause. Vielleicht. Jetzt also noch Getränke besorgen, mehr Mehl, Kerzen, Rahm, Wacholderlatwerge,… Ein erster Anflug von Panik…

10:20: Getränke sind gekauft, Rahm und Kerzen auch. Panik wächst. Oder ist es der Hunger. Für Frühstück war ich zu aufgeregt heute Morgen. Ich erinnere mich daran, dass ich noch den winzigen Gummi-Hamburger habe, den mir der Mann, der heute neben dem Markt Handzettel für die 1:12 Initiative verteilte, geschenkt hat. Das Ding ist wirklich winzig, aber es ist essbar, also runter damit.

11:00: Alles eingekauft, jetzt schnell nach Hause. Panik sehr gross. Was, wenn keiner kommt? Was, wenn zu viele kommen? Wenn die Suppe nicht reicht? Wenn sie anbrennt? Wenn ich meine Stimme verliere? Keine Ahnung, wie das geschehen sollte, aber man kann nie wissen…

11:30: Zu Hause. Das Prinzchen schenkt mir ein Bild, das er nach dem Vorbild seines Papas gemalt hat. Ich könnte schon wieder heulen…Einkäufe hoch schleppen, Sauna einschalten, Vorteig mit Mehl, Hefe und Zucker füttern, nachdenklich das Chaos in der Küche betrachten, Beruhigungsbloggen, geschäumte Milch schlürfen und ab in die Sauna.

Fortsetzung folgt. Vielleicht. Wenn ich meine Nerven in den Griff bekomme…

20131109-123118.jpg

Ihr Nachbarskinderlein kommet…

Spielt mit unseren Kindern, klettert auf unsere Bäume, streichelt Kaninchen und Katzen, macht Hausaufgaben mit unseren Kindern, pflückt Beeren, rennt ums Haus, bringt eure Freunde mit, fragt mir ein Loch in den Bauch, spielt Karten, esst Brot, Joghurt, Obst…, denkt euch abenteuerliche Geschichten aus, bleibt zum Abendessen, wenn ihr wollt, könnt ihr auch bei uns übernachten. Unser Haus und mein Herz stehen euch offen, ehrlich. Nur meine Nerven machen nach ein paar Stunden Dauerbetrieb leider schlapp und darum muss ich euch trotz aller Zuneigung bitten, hin und wieder für eine oder zwei Stunden bei euren Eltern zu Hause Radau zu machen. Nur, damit ihr Mama Venditti nicht von ihrer genervten Seite kennen lernen müsst…

20131107-224253.jpg

Meine lieben Miteltern

Mir ist schon klar, dass ihr uns manchmal durch den Kakao zieht. Bei so vielen Familienmitgliedern lässt sich ja auch immer einer finden, der etwas ausgefressen hat. Und es macht mir im Grunde genommen auch nichts aus, ich ergebe mich selber auch immer wieder mit Genuss dem verwerflichen Laster des Lästerns, wohl wissend, dass mich danach das schlechte Gewissen wieder plagen wird. Ich war nicht umsonst Klassenbeste in der Sonntagsschule…

Nein, meine lieben Miteltern, ich finde es wirklich nicht schlimm, dass ihr hinter unserem Rücken über uns tratscht, ich habe sogar Verständnis dafür, dass ihr es in Hörweite eurer Kinder tut. Passiert mir auch immer wieder. Aber wenn eure Kinder schon mithören, könntet ihr ihnen vielleicht endlich beibringen, dass das, was im Vertrauen in der Familie gesagt wird, nicht nach draussen gehört? Okay, bei einem Dreijährigen kann es schon mal geschehen, dass er sich trotzdem verplappert. Bei einem Vier- oder Fünfjährigen auch. Aber bei einer Elfjährigen? Die sollte doch allmählich wissen, dass man um des lieben Friedens Willen gewisse Dinge besser für sich behält.

Oh ja, ihr fragt euch jetzt, wie ich mir so sicher sei, dass die bissige Bemerkung den Eltern nachgeplappert ist. Es gibt da ein paar Indizien, die mich auf die Idee gebracht haben. Zuerst einmal der Inhalt der Bemerkung: „Tja, sowas geschieht halt, wenn man nicht nach seinen Kindern schaut“ und das in einem Moment, wo ich gerade sehr intensiv damit beschäftigt war, mich um mein jüngstes Kind zu kümmern und die Bemerkung nicht im Geringsten passte. Dann war da noch der Tonfall. Genau wie der Papa, wenn er am Lästern ist. Ja, genau, der Papa dieses Kindes und ich haben auch schon zusammen gelästert, darum weiss ich, wie es tönt, wenn er andere durch den Kakao zieht. Zu guter Letzt ist auch der Zeitpunkt ziemlich auffällig: Drei Tage, nachdem ich das halbe Dorf nach meinen Kindern und Prinzchens bestem Freund absuchen musste, weil die Racker der Nachbarin entlaufen waren. Auf der Suche traf ich auch euch an und fragte, ob ihr vielleicht vier kleine bis mittelgrosse Ausreisser getroffen hättet.

Wie gesagt, meine lieben Miteltern, es macht mir nichts aus, dass ihr nach dieser Begegnung über uns gelästert habt, aber bitte bringt eurer Tochter bei, in Zukunft den Mund zu halten. Es wäre mir lieber gewesen, ich wüsste nicht, wie ihr wirklich über unseren Erziehungsstil denkt. Im direkten Gespräch wäre ich nämlich nie auf die Idee gekommen, dass wir die Dinge so anders sehen als ihr.

20131105-200423.jpg

Ich bin die langweilige Mama

Die Mama, die am Sonntagnachmittag lieber schlafen will, als ins Hallenbad zu gehen. Die Mama, die sich einfach nicht dazu bewegen lässt, mit Luise Bäume auszureissen. Die Mama, die findet, nachmittags um halb fünf sei es zu spät, um noch einen Ausflug zu machen, mit dem Velo, zum Beispiel, oder nach Bern. Die Mama, die erklärt, sie brauche nun mal etwas mehr Ruhe, wo doch Papa an drei Wochenenden hintereinander weg gewesen sei und nun auch noch zwei Tage mit einem Käfer auf dem Sofa gelegen habe. Die Mama, die findet, es sei halt einfach etwas viel, wenn man Samstag und Sonntag den Laden auch noch alleine schmeissen müsse, immer nur Futter zubereiten, Küche aufräumen, wieder Futter zubereiten, wieder Küche aufräumen,… Die Mama, die behauptet, sie möchte ja schon etwas unternehmen, aber sie sei heute einfach zu müde, um sich aufzuraffen. Unsere Söhne kommen ganz gut klar mit der langweiligen Mama, aber Luise tut sich ziemlich schwer mit ihr.

So eine Mama hatte ich auch mal, nur hätte ich es nie und nimmer gewagt, sie dafür zu kritisieren. Klar fand ich das langweilig, aber so war es nun mal. Den Sonntagnachmittag verbrachte sie auch meist schlafend und dann griff ich eben zu Backbuch, Eiern, Mehl und Zucker. So lernte ich backen und meine Mama war danach wieder fit genug, um die Sauerei, die ich hinterlassen hatte, wegzuräumen.

Heute ist meine Mama längst keine langweilige Mama mehr. Im Gegenteil, sie ist die unterhaltsame Grossmama, bei der Luise und ihre Brüder Zuflucht finden, wenn Mama mal wieder langweilig ist. Sie spielt Spiele mit mit den Kindern, erzählt von früher, knetet mit ihnen und lässt sie im Spielzimmer herumtollen. Meist merke ich erst nach dem Mittagsschlaf, dass die Kinder wieder nach unten abgehauen sind. Dann plagt mich das schlechte Gewissen, weil unsere Kinder meine Mama am Mittagsschlaf gehindert haben.

Aber vielleicht ist das ja einfach der Lauf der Dinge. Vielleicht muss ich jetzt sonntags einfach ausgiebig mittagsschlafen, damit ich die unterhaltsame Grossmama sein kann, wenn Luise mal die langweilige Mama ist.

20131104-001847.jpg

Wunsch erfüllt

Wie sehr habe ich mir doch immer ein ordnungsliebendes Kind gewünscht. Kein Pedant, das natürlich nicht, aber ein Kind, das zu seinen Sachen Sorge trägt, nicht immer alles überall herumliegen lässt und sein Zimmer halbwegs in Ordnung hält. Meinem sehnlichen Wunsch wurde entsprochen, vor fünf Jahren wurde mir nach einer ziemlich kurzen Geburt ein ordnungsliebendes Kind in den Arm gelegt. Das wussten wir damals natürlich noch nicht, doch je älter das Kind wird, umso deutlicher tritt die Liebe zur Ordnung zutage. Wäre ich keine liebende Mutter, sondern eine psychologisch geschulte Fachfrau, müsste ich sagen, dass dieses Kind – gemeint ist übrigens das Prinzchen – einen ausgeprägten Hang zum Perfektionismus hat. Noch versuche ich, die Dinge schönzureden und das Ganze als Phase abzutun, doch allmählich beschleicht mich das Gefühl, ich hätte den Wunsch nach einem ordnungsliebenden Kind etwas zu oft geäussert.

Ich meine, es ist ja nett, wenn ein kleiner Mensch seine Schätze abends so versorgt, dass er sie am Morgen gleich wieder zur Hand hat, ohne lange nach Einzelteilen suchen zu müssen und Mama, Papa, Geschwister und Katzen des Diebstahls zu bezichtigen, weil er die Dinge nicht mehr finden kann. Aber muss denn gleich jedes winzige Teilchen an seinem Ort sein? Das Körpermodell, welches sich das Prinzchen zum Geburtstag gewünscht und auch bekommen hat, hätte die Nacht bestimmt auch ohne Leber, Herz und linken Lungenflügel überstanden. Es sollte doch wohl reichen, dass die Teile auf dem selben Tisch liegen, damit man sie morgens wieder einsetzen kann. Aber nein, das darf nicht sein. Erst als der arme Kerl mit dem offenen Bauch dank meiner Hilfe sein Herz wieder auf dem rechten Fleck hatte, war das Prinzchen zufrieden. Mit dem Körpermodell zumindest, danach mussten noch das Augenmodell und der Schädel wieder tadellos in Stand gesetzt sein, die Michel-Müsse musste den richtigen Platz am Kopfende von Prinzchens Bett finden, für die Legoschachtel musste der perfekte Ort her, ein Ort, wo sie nahtlos hineinpasst, der Arztkittel brauchte einen Kleiderbügel und… Irgendwann liess ich das Prinzchen alleine perfektionieren, denn im Wohnzimmer waren noch Gäste, mit denen ich mich zu gerne unterhalten hätte (währenddem ich Prinzchens Lego-Ambulanz zusammenbaute, damit diese auch noch an den richtigen Ort gestellt werden konnte). Noch lange nachdem ich unseren Jüngsten offiziell ins Bett gebracht hatte, hörte man ihn im dunklen Zimmer rumoren.

Heute Morgen musste alles für den Tag eingerichtet werden, ehe das Prinzchen in den Kindergarten gehen konnte. Also Legoschachtel ans Kopfende des Bettes, rotes Stethoskop in die Tasche, Müsse auf den Kopf, schwarzes Stethoskop auf den Tisch, Fiebermesser etwas weiter nach rechts… Alles perfekt eben, als stünde demnächst eine wichtige OP an. Ziemlich nervenaufreibend für eine Mutter, die ihr Kind abends rechtzeitig im Bett und morgens rechtzeitig im Kindergarten sehen möchte. Aber die Ordnung, das könnt ihr mir glauben, die Ordnung ist wirklich perfekt.

20131031-091942.jpg

Ja zum Kaninchen

Nein, auf Kaninchen hatte ich mich nie wieder einlassen wollen. Die Geschichte mit Elisa und Giuliano hatte mir gereicht. Die schwarze Elisa und der beigefarbene Giuliano, die „Meiner“ und ich einander unabhängig voneinander zum Geburtstag geschenkt hatten. Die Zwei wurden nicht glücklich miteinander, darum suchte Elisa eines Tages das Weite, liess sich nicht wieder einfangen und wurde vom Hund des Nachbarn aufgefressen. Da wir Giuliano keine neue Gefährtin zumuten wollten, liessen wir ihn kastrieren und schenkten ihn einem einsamen verwöhnten Jungen. Noch einmal würden wir es nicht mit Kaninchen versuchen. Sind ja ohnehin nicht besonders interessant, diese Tiere, lassen sich nicht mal richtig streicheln. Zwar versuchte Luise mehrmals, mich umzustimmen, weil sie ja so gerne ein „Häschen“ haben möchte, doch ich liess nicht mit mir reden.

Dann bekam ich heute Morgen dieses winzige, handzahme Tierchen mit schneeweissem Fell und blauen Augen in die Hand gedrückt. Glaubt mir, ich wollte wirklich unbeeindruckt bleiben, denn eigentlich war ich ja wegen der Nymphensittiche gekommen, die nach dem Verschwinden der undankbaren Doris in unsere Volière einziehen sollten. Doch dann schmiegte sich dieses flauschige Tierchen an mich, legte die Ohren flach, als ich es streichelte und eroberte mein Herz. Von wegen Kaninchen lassen sich nicht richtig streicheln! Als die Besitzerin mir sagte, Kaninchen liessen sich problemlos mit Wachteln und Sittichen halten, wurde mir bewusst, dass es keinen einzigen Grund gibt, hart zu bleiben, wo ich doch ohnehin täglich meine Runde bei den Gefiederten machen muss. Damit sich das Schneeweisse nicht einsam fühlen muss, nahm ich ein Rabenschwarzes dazu, beides Weibchen, wie mir die Züchterin versicherte.

Jetzt sind sie also bei uns, die Zwei, sind offenbar ganz glücklich in ihrem neuen Zuhause und alleine schon Luises überglücklicher Blick überzeugte mich sofort, dass mein Ja richtig gewesen war.

20131030-233240.jpg

Einem geschenkten Gaul, oder Kamel, oder Papagei, oder was auch immer…

Was hätte ich denn tun sollen? Das Geschenk ausschlagen? Ich meine, das sind immerhin 180 Franken, die man uns da einfach so geschenkt hat, weil der Zoowärter bei einem Wettbewerb mitgemacht hat. Klar wollen die, dass wir im Gegenzug zu ihrer Krankenkasse wechseln, aber die werden uns ohnehin nicht nehmen, mit all unseren Asthmatikern. Also doch ein Geschenk, auch wenn es eigentlich eine Bestechung hätte sein sollen.

Und die Kinder hatten uns ja schon seit Jahren in den Ohren gelegen. „Wir wollen auch mal in diesen Zirkus. Alle anderen waren schon dort…“ Sie meinten den Grössten, den Teuersten, den mit den Tieren und den Akrobaten aus China. „Irgendwann werden wir dann schon gehen. Wenn das Geld reicht…“, antworteten „Meiner“ und ich und hofften, dass sie bald dem Zirkusalter entwachsen würden. Ich meine, das sind immerhin 180 Franken, die man liegen lässt, um mit fünf Kindern die Vorstellung zu besuchen, Popcorn und Zuckerwatte nicht inbegriffen. Als wir dann diese Gutscheine zugeschickt bekamen, war klar, dass wir gehen müssen. Ja, wir hätten sie verfallen lassen können, aber ihr glaubt doch nicht etwa, dass unsere Kinder uns das je verziehen hätten. Noch wenn wir im Altersheim unser Püriertes löffeln, würden sie uns vorwerfen, dass wir nicht ein einziges Mal mit ihnen in diesem Zirkus waren, im Grössten, Teuersten mit den vielen Tieren und den Akrobaten aus China. „Und dabei hättet ihr die Tickets gratis haben können“, würden sie sagen. „Was wart ihr doch für miese Eltern. Geizig und vollkommen versessen auf eure engstirnigen Prinzipien…“

Nein, so etwas wollten wir auf gar keinen Fall riskieren, also holten wir endlich die Tickets für die Vorstellung in Thun. Natürlich hatte der Zirkus auch bei uns in der Gegend gastiert, aber da waren wir gerade nicht in der Gegend und darum mussten wir eben warten, bis er wieder halbwegs in der Nähe ist. Na ja, so nah ist Thun auch  nicht, darum lärmten unsere Kinder ja gestern Abend um Viertel vor zehn noch im Familienwaggon, aber immerhin nah genug, damit man ohne grosse Umstände hinfahren kann. 

Den Kindern hat es natürlich gefallen, keine Frage. Okay, Luise empfand ziemlich viel Mitleid mit den Pferden und den Elefanten, der Zoowärter brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass der Komiker der Clown war und das Prinzchen wäre auch mit der ersten Halbzeit zufrieden gewesen, aber alles in allem war es das, was Zirkus für Kinder sein sollte: Staunen, Nervenkitzel, Gelächter, Träumerei. Der Stoff, aus dem die schönsten Kindheitserinnerungen gemacht sind. 

Und ich? Ich war glücklich, dass wir den Kindern diese Erinnerung schenken konnten, ohne Geld auszugeben. Natürlich staunte ich auch, lachte, bangte und applaudierte. Die Fragen, ob Zirkuselefanten glücklich sein können, ob den Papageien die überlaute Musik nicht zusetzt, ob das, was ich in diesem schlimmen Dokumentarfilm über Artisten aus China gesehen habe, auch wirklich stimmt, ob das Kamel die Verachtung, die in seinem Blick liegt, auch tatsächlich empfindet, diese Fragen konnte ich nicht ganz aus meinem Kopf verbannen, obschon ich es versuchte. Ich bin nun mal kein Kind mehr, das vorbehaltlos geniessen kann, was es präsentiert bekommt. Immerhin aber bin ich anständig genug, einem geschenkten Gaul – oder Kamel oder was auch immer – nicht vor allen anderen ins Maul zu schauen und darum habe ich meine kritischen Gedanken für mich behalten. Zumindest solange mich die Kinder nicht fragten, ob mir die Tiere nicht auch ein wenig Leid getan hätten…

img_9985

Keine Rücksicht

Wir leben in einem Land, in dem es dir abends um Viertel vor zehn passieren kann, dass du grob angefahren wirst, weil deine übermüdeten Kinder nach einem Ausflug, der ausnahmsweise etwas länger gedauert hat, im Familienwaggon des Zuges laut sind. Oh ja, sie waren wirklich laut, „Meiner“ und ich haben sie mehrmals darum gebeten, etwas leiser zu sein. Aber sie waren die einzigen Kinder, die Rutschbahn und Holzboot in Anspruch nahmen, es hatte genügend freie Plätze im Zug, so dass man unseren Kindern aus dem Weg gehen konnte, FeuerwehrRitterRömerPirat, Zoowärter und Prinzchen tobten nur dort herum, wo herumtoben ausdrücklich erlaubt ist und wir sassen gerade mal fünfundzwanzig Minuten lang in diesem Zug.

Darum antwortete ich, als ein junger Schnösel gehässig fragte, ob ich denn meinen Kindern nicht endlich sagen könne, sie sollten ruhig sein, dass ich dies weder tun könne noch wolle, weil wir hier im Familienwaggon seien. Wenn ihm der Kinderlärm nicht passe, solle er sich eben anderswo hinsetzen. Es sei ihm egal, ob das hier der Familienwaggon sei, es sei jetzt schliesslich abends um zehn und meine Kinder gehörten ins Bett, nicht in den Familienwaggon, schnauzte er mich an, doch für einmal weigerte ich mich, Rücksicht zu nehmen.

Weil wir an allen anderen Orten Rücksicht nehmen, oder es zumindest versuchen. Im Bus, im Laden, im gewöhnlichen Zugabteil, im Museum, beim Öffnen einer schweren Tür,an der Bushaltestelle, im Schuhgeschäft, auf dem Trottoir, auf dem Waldweg, im Café, im Schwimmbad, ja, sogar auf dem Spielplatz, wenn andere Kinder dort spielen – überall sind wir pausenlos damit beschäftigt, unsere Kinder zur Rücksichtnahme aufzufordern. „Geh zur Seite, da möchte jemand mit seinem Pferd durch“, tönt es auf dem Waldweg. „Nein, du kannst diese Türe nicht alleine öffnen, die Leute hinter uns werden schon ungeduldig“, erklären wir, wenn ein kleiner Mensch beweisen möchte, wie stark er ist. „Spring nicht ins Wasser! Die Frau dort drüben möchte nicht, dass ihr Haar beim Schwimmen nass wird“, ermahnen wir im Schwimmbad. Und wehe, wir weisen unsere Kinder nicht rechtzeitig in die Schranken!

Obschon es mich zuweilen gewaltig nervt, die Kinder pausenlos an der kurzen Leine halten zu müssen, so akzeptiere ich doch, dass es in einem kleinen, dicht besiedelten Land oft nicht anders geht. Wenn unsere Kinder sich aber an einem eigens für Kinder eingerichteten Ort wie Kinder aufführen, fühle ich mich nicht zur Rücksichtnahme verpflichtet. Auch dann nicht, wenn einer, der vor wenigen Jahren selber noch Kind war, felsenfest davon überzeugt ist, dass der Familienwaggon nur ein Familienwaggon ist, solange es draussen noch hell ist.

image

Schmeicheleinheiten

Meine Nerven lagen gerade ziemlich blank: Wocheneinkauf mit Karlsson – „Ich will aber Blutwurst!“ – und Prinzchen – „Wann sind wir endlich in der Spielwarenabteilung?“ – und unzähligen anderen Einkäufern, die am Zahltag vom einmaligen 10% – Rabatt profitieren wollten. In der Hand eine ellenlange Einkaufsliste, im Hinterkopf die Sorge, ob wir es nach Hause schaffen, ehe Zoowärter, FeuerwehrRitterRömerPirat und Luise von der Schule nach Hause kommen, zu Hause ein angefangener Artikel, der zu Ende geschrieben sein wollte und obendrein ein selbstverschuldetes Schlafmanko. Ein typischer „Mama Venditti hat’s mal wieder nicht ganz im Griff“-Nachmittag eben.

Ich war gerade dabei, meine 18 Liter Milch so im Einkaufswagen zu platzieren, dass noch Raum für all das andere Zeug auf meiner Liste blieb, als eine Mutter mit einem etwa fünfjährigen Mädchen auf uns zugesteuert kam. Zuerst glaubte ich, sie wolle mir den Platz am Milchregal streitig machen, doch dann hörte ich sie zu ihrem Töchterlein sagen: „Also, was willst du der Lady-Frau jetzt sagen?“ Das Mädchen sah mich ein wenig verlegen an und murmelte etwas, was ich im Lärm des Einkaufsrummels nicht ganz verstand. „Sie will Ihnen sagen, dass sie Sie so wunderschön findet mit Ihren Blumen im Haar“, erklärte die Mutter.

Ich weiss nicht, wer mehr gestrahlt hat, das Mädchen oder ich. Ich weiss nur, dass ich mich in diesem Augenblick trotz all meiner Unzulänglichkeiten fühlte, als wäre ich etwas ganz Besonderes. Kaum etwas bringt mich so sehr zum Schmelzen wie ein wildfremdes kleines Mädchen, das in mir nicht die gehetzte, ungeduldige Mutter sieht, sondern eine „Lady-Frau“, der man mitten im Getümmel den Tag mit einem hinreissenden Kompliment versüssen muss.

20131026-003413.jpg

Gefühlsmensch

Beim Prinzchen weiss man meist, woran man ist. Ist er wütend, knallt er die Tür, bekommt er nicht das Essen, das ihm passt, droht er mit Hungerstreik, ist die Welt ungerecht, schreit er Zetermordio. Seit einiger Zeit kommen aber auch neue, zartere Töne hinzu.

Vor einigen Tagen traten Luise, der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter im Kinderzirkus auf, das Prinzchen und ich standen im Publikum. Gegen Ende der Vorstellung wollte das Prinzchen plötzlich auf den Arm genommen werden, etwas, was ich nur noch schaffe, weil er so spindeldürr und federleicht ist. Als er oben war, kuschelte er sich eng an mich und flüsterte mir ins Ohr: „Ich muss fast weinen.“ „Warum denn? Hast du Angst?“, fragte ich. „Nein, ich muss fast weinen, weil es so unglaublich schön ist“, gab der kleine Romantiker zur Antwort.

Heute ein weiterer Gefühlsausbruch der anderen Art: Morgen feiert das Prinzchen zusammen mit den anderen Oktoberkindern im Kindergarten Geburtstag, weshalb wir heute Nachmittag fleissig am Backen waren. Mit Inbrunst stach das Prinzchen Sterne aus Marzipan aus, währenddem ich den Teig rührte. Als schliesslich ein Küchlein nach dem anderen mit Sternen verziert war, begann unser Jüngster Küchenhocker zusammen zu schieben. Auf meine verwunderte Frage, was er denn da tue, antwortete er: „Ich bin so glücklich, dass ich jetzt einfach einen Handstand machen muss.“ Sprach’s und stellte sich auf seine Hände, die Füsse an die Hocker gelehnt.

Ich war so gerührt, dass ich gleich einen Blogpost darüber verfassen musste, denn das mit dem Handstand will bei mir nicht mehr so recht klappen. Auch dann nicht, wenn ich Küchenhocker zu Hilfe nehme. 

img_9964