Nur eine kleine Erklärung. Bitte, bitte, bitte!

Es ärgert mich ja selber, dass es mich noch immer ärgert, aber es ist wohl das Los von uns Mehrfachmüttern, uns alle paar Jahre über den gleichen Mist zu ärgern. Da nimmst du dir fest vor, deinen Jüngsten nach den Herbstferien allmählich in die Selbständigkeit zu entlassen, instruierst die grossen Kinder in den Prinzchen-Abholdienst und schärfst dem Prinzchen auf dem Weg ein, dass er heute nach dem Kindergarten nicht auf dich warten muss, sondern auf Luise, die heute dran ist mit Abholen. Dann kommst zum Strassenübergang Primarschulhaus – Kindergarten und stellst fest, dass die mal wieder exakt auf das Ende der Herbstferien eine Baustelle so platziert haben, dass die kleinen Kindergärtner unmöglich die Strasse überqueren können, wie es der Verkehrspolizist vorgezeigt hat.

Ja, und dann kannst du einfach nicht anders, als dich zu ärgern. Weil es beileibe nicht das erste Mal ist, dass sie exakt zum Ende der Schulferien die Baumaschinen auffahren. Weil sie während der Herbstferien vor allem beim Oberstufenschulhaus gearbeitet haben, so dass die Teenager, die ja halbwegs eigenständig sind, jetzt ganz gefahrlos zu ihrem Schulhaus kommen. Weil sie noch immer nicht begriffen haben, dass kleine Kinder und grosse Baumaschinen nicht miteinander klarkommen und man deshalb wenn möglich die Schulferien dazu nutzen sollte, dort zu baggern, wo die Kleinen gewöhnlich vorbei müssen. Weil sie nicht einsehen wollen, dass man ein Kind unmöglich alleine gehen lassen kann, denn wie soll es auch sicher über die Strasse kommen, wenn der Zebrastreifen, auf den Fünfjährige nun mal fixiert sind, nicht begehbar ist. 

Ja, natürlich bin ich dankbar, dass die jetzt endlich etwas unternehmen, um die Strasse für Fussgänger sicherer zu machen. Aber warum, warum, warum, warum, warum müssen die immer exakt auf das Ferienende dort arbeiten, wo die Kleinsten durchmüssen? Wäre es denn so schwierig, andersrum zu planen, so dass bei den Grossen gearbeitet wird, wenn die Schule wieder anfängt?

Ich meine, vielleicht gibt es ja eine plausible Antwort auf diese Fragen. Eine Antwort, die eine aufgebrachte Glucke wie mich zufrieden stellen würde. Vielleicht gibt es ja wirklich einen Grund für dieses Vorgehen und wüsste ich den Grund, würde ich meine Klappe halten und den anderen Müttern, die sich beklagen, altklug erklären, dass es eben nicht anders geht, weil….

 Ja, weil? Sagt mir doch warum es nicht anders geht! Dann kann ich vielleicht endlich aufhören, mich aufzuregen.

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Die Kohl-Affäre

„Ein Weisskohl wird ja wohl reichen. Ausser mir und dem Zoowärter wird kaum einer essen davon“, sagte ich zu mir selber, als ich heute Abend zum Gemüsemesser griff, um eine Beilage zu den Ofenkartoffeln zuzubereiten. Das Rezept aus meinem neuen Schweden-Kochbuch war so simpel, dass ich nichts Besonderes davon erwartete: Weisskohl in Bouillon weich dämpfen, in Butter anbraten, Doppelrahm, Salz und Pfeffer hinzu und dann alles kurz köcheln lassen. So einfach, aber das Resultat war köstlich.

„Zoowärter, das musst du probieren“, rief ich unseren Gemüseliebhaber herbei. Der Zoowärter probierte, verdrehte genüsslich die Augen und versprach, wenn er ganz viel von diesem Kohl essen dürfe, würde er ohne Widerstand sein Zimmer aufräumen und brav zu Bett gehen. Drei Portionen später war der Zoowärter halbwegs satt, die Pfanne nahezu leer. „Probiert doch auch noch ein bisschen“, sagte ich zu den anderen Kindern. Erst rümpften sie die Nase, doch dann liessen sie sich einen Löffel voll aufschwatzen.

Augenblicke später brach ein Tumult los: „Warum hast du nicht mehr davon gekocht?“, wollte Karlsson wissen. „Das musst du morgen noch einmal machen“, forderte Luise. „Kann ich noch mehr haben?“, bat die Cousine unserer Kinder, die mit uns ass. „Wenn ich keinen ganzen Teller voll davon kriegen kann, esse ich überhaupt nichts heute Abend“, protestierte das Prinzchen. Ja, genau, das gleiche Prinzchen, das gewöhnlich nur Verachtung übrig hat für Kohl und anderes Gemüse. Einzig der FeuerwehrRitterRömerPirat blieb stumm, aber wohl nur, weil er gerade wegen irgend einer Sache sehr eingeschnappt war und unter dem Esstisch schmollte. Sonst hätte er bestimmt gejammert, der Zoowärter hätte viel mehr Kohl bekommen als er und das sei ganz schrecklich unfair. Erst als ich versprach, ich würde morgen noch einmal genau das Gleiche kochen und dann so viel, dass es für alle reicht, beruhigte sich die aufgebrachte Meute wieder. 

Was bin ich froh, dass die Kohl-Affäre zwei Stunden später wieder vergessen war. Sonst wäre bestimmt erneut ein Tumult ausgebrochen, als der von mir in Sachen Kohl schamlos bevorzugte Zoowärter sein ganzes Abendessen wieder von sich gab. 

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Parksünder

Eigentlich geht es mich nichts mehr an, ich habe kein Krippenkind mehr. Aber wenn zur Feierabendzeit, genau dann, wann Eltern ihre Kinder aus der Krippe abholen wollen, eine Mama mit halbwüchsigem Sohn auf dem Krippenparkplatz parkiert, um ihren Nachwuchs zum Tattoostudio zu begleiten, dann kommt mir die Galle hoch. Ich meine, wer geht denn schon mit Mama ins Tattoostudio? Entweder man ist gross genug, um sich ohne Mama tätowieren zu lassen, oder man lässt es bleiben. Und dann auch noch einen Krippenparkplatz blockieren? Es kann noch keine sechzehn Jahre her sein, seitdem sich diese Mama mit einem quengelnden Baby auf dem Arm und einem Kleinkind an der Hand vollkommen übermüdet zum Parkplatz schleppte und den Idioten verfluchte, der sein Auto vor der Krippe abgestellt hatte. Und jetzt tut sie genau dies, nur um ihrem Sohn bei der schwerwiegenden Entscheidung beizustehen, ob er seinen Bizeps mit einem Drachenkopf oder einem Tribal-Tattoo dem Mainstream anpassen will.

Zu dumm, dass die zwei nicht an mir vorbeigekommen sind. Ich glaube, ich hätte sie gebeten, ihr Auto umzparkieren. Auch wenn es mich eigentlich nichts mehr angeht.

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Käfer-Tauschbörse

Wir Eltern sind doch einfach grenzenlos naiv. Da bringen uns die Kinder kurz vor oder nach den Sommerferien einen Anmeldezettel für irgend ein Herbstferienprojekt mit nach Hause. Eine Bastelwoche, zum Beispiel, ein Theaterprojekt oder Abenteuertage in der freien Natur. In unserem Fall war es eine Zirkuswoche, aber es spielt eigentlich überhaupt keine Rolle, was da angeboten wird, wir Eltern reagieren stets mit der gleichen Naivität: Wir melden unsere Kinder an.

„Ist doch toll“, sagen wir, „dann haben unsere Kinder während der endlosen Herbstferien etwas zu tun und ich kann in Ruhe einkochen (oder was auch immer uns Eltern einfallen mag, wenn man uns unbeaufsichtigt lässt). Das wird bestimmt ganz grossartig. Die Kinder im Dorf lernen einander besser kennen, vielleicht finden sie gar neue Freunde. Möglicherweise entdecken sie dabei ein neues Hobby (oder ein neues, herausragendes Talent, das wir bisher noch nicht erkannt haben, doch das sagen wir natürlich nicht laut) oder werden auf ganz neue Art mit ihren Stärken und Schwächen konfrontiert. Und das Ganze ist ja auch so günstig. Das ist die Gelegenheit, so etwas gibt’s nur einmal pro Kindheit.“ Tja, und schon ist der Anmeldezettel ausgefüllt und die Vorfreude kann beginnen. 

Wenn es dann endlich losgeht mit dem Spass, erkennen wir Eltern spätestens am dritten Tag, was diese Ferienangebote in Wahrheit sind: Käfer-Tauschbörsen. Ich weiss ja nicht so genau, wie die Kinder das jeweils anstellen. Vielleicht so: „Ich gebe dir zweimal Magen-Darm und dafür bekomme ich von dir einmal Schnupfen. Wenn du willst, kannst du noch meinen Husten haben. Den hatten wir schon, das wird allmählich langweilig…“ Etwa so wird das laufen, das sollte zumindest ich, die ich meine Kinder ja nicht zum ersten Mal zu solchen Herbstferienangeboten angemeldet habe, inzwischen wissen. Und darum hätte ich auch nicht erstaunt sein sollen, als der Hauptleiter heute früh am Telefon meinte: „Luise ist krank? Das erstaunt mich nicht, sie ist nicht die Einzige.“

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Nein, das wächst sich nicht aus

Als die Coiffeuse dem Prinzchen neulich einen Vokuhila schnitt, war ich zuerst einmal stumm vor Schreck. Darum sagte ich ja auch nichts Weiter als „Besten Dank“, als sie mir mein Kind übergab, das plötzlich Jon Bon Jovi erschreckend ähnlich sah. Als ich mit Jon…äh…ich meine natürlich mit dem Prinzchen nach Hause kam, war „Meiner“ ähnlich schockiert wie ich einige Augenblicke zuvor. „Warum hast du dich nicht dagegen gewehrt?“, fragte er mich vorwurfsvoll. „Ach, das ist doch kein Problem“, versuchte ich ihn zu beruhigen. „Das wächst sich bestimmt schnell aus. Beim Prinzchen spriessen die Haare ja wie Unkraut…“ 

Ich war mal wieder zu optimistisch. Prinzchens Haare sprossen zwar  tatsächlich so schnell wie immer. Inzwischen wehen sie ihm schon wieder um den Kopf, wenn er rennt. Nur das mit dem Herauswachsen wollte nicht so recht klappen. Ein Vokuhila, das musste ich leider erkennen, wächst sich nicht heraus, er wird bloss schlimmer. Inzwischen sieht das Prinzchen nicht mehr aus wie Jon Bon Jovi, sondern wie einer dieser schrecklichen Typen von Europe. Ja, genau die mit „The final Countdown“…

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Mama Venditti schwingt den Pickel,…

…schichtet den Kompost um, ohne dabei die Nase zu rümpfen.

…sitzt stundenlang mit Schwiegermama am Tisch und quatscht mit ihr über Gott und die Welt.

…wünscht sich, sie könnte im Garten Enten halten.

…freut sich schon fast darauf, dass in einem Jahr der „bald vierzig“-Zustand ein Ende hat.

…hat zwei Handtaschen und beide davon sind ganz.

…trinkt Tee und Kaffee ohne Zucker und zwar nur deshalb, weil es ihr mit Zucker nicht mehr schmeckt und nicht aus Gründen der Vernunft.

…liest Bücher einfach nicht mehr zu Ende, wenn sie ihr nicht gefallen.

…singt manchmal laut, wenn sie alleine ist, auch im Treppenhaus oder im Garten.

…schert sich an gewissen Tagen einen Dreck darum, ob sie sich daneben benimmt.

…freut sich schon fast ein wenig darüber, dass Karlsson wohl bald den Stimmbruch bekommt.

…achtet peinlich genau darauf, dass in den Vorratsschränken Ordnung herrscht.

…verzichtet ungeniert darauf, „Ihrem“ zum Geburtstagsfrühstück ofenfrische Brioches zu servieren, wenn die Zeit zum Backen nicht reicht. Ja, sie glaubt allen Ernstes, dass ein gemütliches Frühstück mit trockenen Croissants vom Bäcker mehr Wert ist, als perfekte Brioches mit Gehetze.

Kenne ich diese Frau?

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Zwei Reaktionen

Unser ehemaliges Au-Pair lebt seit einiger Zeit in Konstanz und da sie noch immer einen festen Platz in unseren Herzen hat, fuhren wir gestern über die Grenze, um sie zu besuchen. Natürlich war uns bewusst, dass wir damit Gefahr liefen, im gleichen Topf zu landen wie die Horden von Schweizern, die in Deutschland die Geschäfte stürmen, als herrschte in unseren Ladenregalen gähnende Leere, doch damit muss man leben können. (Nebenbei bemerkt: Ist meinen Landsleuten eigentlich bewusst, dass sie mit ihren Ausfuhrscheinen die Deutschen ebenso nerven, wie die Deutschen uns, wenn sie uns mit einem gekünstelten „Grüzi“ begrüssen?) Nun, ich weiss nicht, ob wir in diesem Topf gelandet sind, dafür weiss ich, dass man ganz unterschiedlich darauf reagieren kann, wenn Vendittis ein Geschäft mit ihrem Besuch beglücken. 

Zuerst war da mal dieses Teegeschäft – ziemlich esoterisch, aber wunderschön und einladend. Obschon „Meiner“ versuchte, unsere Horde draussen zu behalten, stürmten sie alle den Laden, als bekäme man dort für jeden Einkauf zehnfache Minimania-Säcklein geschenkt. Als die Verkäuferinnen sahen, wie das Prinzchen fröhlich um die Regale kurvte, reagierten sie blitzschnell: „Lass mich überlegen, was machen wir mit dir“, sagte die eine zum Prinzchen. „Möchtest du gerne ein Gläschen Tee probieren?“ Das Prinzchen wollte natürlich, die anderen wollten auch und bald schlürften fünf kleine bis mittelgrosse Vendittis wertvollen Grüntee aus hübschen Gläschen. „Mama, den musst du kaufen“, sagten sie zu mir und verliessen dann ohne weitere Umstände den Laden, um mich in Ruhe stöbern zu lasen. Als ich bezahlte, meinte die Verkäuferin: „Auf dieses Prinzchen müssen Sie achtgeben. Der ist ein ganz besonderes Kind, ein Luftwesen, so frei und wild. Gehen Sie viel in die Natur mit ihm, das braucht er. 
Diese Reaktion berührte mich zutiefst, denn auch wenn ich nicht glaube, dass das Prinzchen ein Luftwesen ist, so weiss ich es doch sehr zu schätzen, wenn jemand den kleinen, wilden Bengel in sein Herz schliesst, obschon er doch gar nicht in einen feinen Teeladen passt. 

Eine Stunde später betraten wir eine Pizzeria, um unsere Kinder zu füttern, bevor sie zu quengeln anfingen. Ich hätte zwar lieber Indisch oder Griechisch gegessen, aber um die Gefahr zu bannen, dass unsere Söhne vor lauter Hunger den Kellner angreifen, sagte ich zum erstbesten Lokal ja. Es sah ja auch ganz nett aus. Als wir über die Schwelle gingen, stöhnte eine Frau, die auf ihr Essen wartete, laut vernehmlich auf, was mich ziemlich ärgerte, um des lieben Friedens Willen jedoch ignorierte. Wir setzten uns und „Meiner“ bestellte Mineralwasser für alle. (Erstes Stirnerunzeln des Kellners). Das Wasser kam und wir gaben unsere Bestellung auf. Karlsson verzichtete ganz vernünftig auf eine Vorspeise, um sich dafür Ravioli mit Crevetten und Trüffelöl zu gönnen. Er bekam „Ravioli Primavera“ und als wir freundlich darauf hinwiesen, das hätten wir aber nicht bestellt, antwortete der Kellner gehässig, er sei sich zu 100% sicher, dass ich Primavera gesagt habe. Habe ich nicht und das sagte ich ihm auch, aber er wusste es besser und der enttäuschte Karlsson musste sich mit Primavera zufrieden geben – und danach Luises halbe Pizza verschlingen, die sie nicht essen mochte. Von da an kreiste der Kellner wie ein Aasgeier um unseren Tisch, um uns die Teller zu entreissen, kaum hatten wir den letzten Bissen in den Mund gestopft. Unser ehemaliges Au-Pair hatte noch ziemlich viele letzte Bissen vor sich, als er ihr den Teller wegnehmen wollte, was sie aber nicht zuliess. Er gab ihr deutlich zu spüren, dass er den Teller lieber jetzt schon genommen hätte, denn diese lästigen Vendittis mit ihrer Brut – die sich übrigens ganz anständig aufführte – sollten jetzt endlich aus seiner Pizzeria verschwinden. Das taten wir dann auch bald einmal, aber erst, nachdem „Meiner“ ganz untypisch darauf beharrt hatte, 96.40 zu bezahlen und nicht 100, wie der Kellner gehofft – und offensichtlich auch erwartet – hatte. 

Die Versuchung ist natürlich gross, nur den kinderhassenden Kellner in Erinnerung zu behalten, aber ich habe beschlossen, auch die kinderliebende Verkäuferin aus dem Teeladen nicht zu vergessen und darum soll das Prinzchen heute den ganzen Tag draussen spielen. An der frischen Luft, wie es sich für ein Luftwesen gehört…

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Gesprächskultur

Schon öfters habe ich mich gefragt, wie sich ein Abendessen im Hause Venditti für einen anhören würde, der sich von uns unbemerkt ins Esszimmer schleicht und sich unter dem Esstisch versteckt. Ja, ich weiss, völlig absurd, aber mit solchen Gedankenspielereien schlage ich mich schon seit frühester Kindheit herum und mich dünkt, es werde mit zunehmendem Alter nicht besser. Selten nur geschieht es, dass ich ganz unerwartet eine Antwort auf eine meiner unsinnigen Fragen bekomme und dann erfüllt mich eine tiefe Zufriedenheit, die ich unbedingt mit jemandem teilen muss. 

Heute also bekam ich eine Antwort auf die Frage, wie einer, der unter unserem Tisch sitzt und lauscht, sich fühlen muss. Die Antwort verdanke ich keinem Geringeren als dem lieben Herrn Berlusconi. Okay, ich weiss, jetzt denkt ihr, ich sei vollkommen durchgedreht. Was, bitte schön, soll der Herr Berlusconi mit unserer Gesprächskultur bei Tisch zu tun haben? Nun, wie man heute auf allen Kanälen sehen und hören konnte, kassierte der Herr Berlusconi heute eine tüchtige Ohrfeige. Diese Ohrfeige war so laut vernehmbar, dass „Meiner“, der nach dem Abendessen erschöpft auf dem Sofa zusammengesunken war, aus dem Tiefschlaf gerissen wurde. Weil es „Meinen“ so sehr beglückte, einen niedergeschlagenen Berlusconi zu sehen, reichte ihm die Berichterstattung am Schweizer Fernsehen nicht, weshalb er zum Italienischen Sender wechselte, wo gerade eine Diskussionssendung zum Thema lief.

Anfangs versuchte ich noch, dem Gespräch zu folgen, was auch ganz gut ging, solange die Diskussionsteilnehmer noch nicht richtig in Fahrt waren. Dann aber gerieten eine aus dem Ei gepellte Dame und ein nicht ganz aus dem Ei gepellter Herr aneinander und weil die zwei sich nicht einigen konnten, wer Recht hatte, versuchte ein Herr im weit aufgeknöpften Hemd zu schlichten. Dabei wartete aber keiner darauf, bis der andere seinen Satz beendet hatte. Jeder redete unbeirrt weiter,  keiner hörte dem anderen zu und weil es so viel Spass machte, endlich einmal auszureden, mischten sich bald auch die anderen Gesprächsteilnehmer ein. Es herrschte ein Geschnatter wie an einem Ententeich. „Komplett durchgedreht, diese Italiener“, sagte ich zu „Meinem“. Dann aber hielt ich ganz schnell den Mund, denn mir dämmerte, dass einer, der unter unserem Esstisch sässe, genau dies über uns denken würde. 

Nun gut, immerhin brüllt bei uns ab und zu einer „Etwas mehr Ruhe bitte!“ 

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Motivationsgeschwätz

„Bloss kein Theater jetzt! Die paar Stunden Gartenarbeit werden euch kaum schaden. Ja, ich weiss, ihr habt Ferien, aber wir haben euch immerhin ausschlafen lassen. Und am Samstag machen wir einen Ausflug. Nein, ihr braucht keine Belohnung für euren Einsatz, wir sind eine Familie und da hilft man einander eben. Es macht doch Spass, hier an der frischen Luft zu sein. Die Bewegung wird euch gut tun. Jetzt motzt doch nicht die ganze Zeit. Was glaubt ihr denn, wie es war, als ich in eurem Alter war? Die ganzen Herbstferien Holz spalten, von Morgen früh bis abends, keine Freizeit und mein Vater war schlecht gelaunt. Die ganze Familie, auch diejenigen, die nicht mehr zu Hause wohnten. Warum wir Holz spalten mussten? Na, wie denkt ihr, haben wir den ganzen Winter das Haus geheizt? Mit Holz natürlich. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie kalt es frühmorgens im Haus war. An die Arbeit jetzt, wir machen das ja auch für eure Haustiere und für das Gemüse, das ihr nächsten Sommer wieder essen werdet. Schluss jetzt mit Trödeln, wir haben noch einen ganzen Berg Arbeit vor uns und ohne eure Hilfe schaffen wir das nicht bis Ende der Ferien…“

Je mehr Teenager-Mama ich werde, umso unsympathischer werde ich mir selbst mit meinem Motivationsgeschwätz…

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Zwei Stecken unter dem Esstisch

Wie oft habe ich schon gesagt, dass Stecken draussen bleiben müssen?

Wie oft habe ich mich schon gebückt, um sie trotz aller Ermahnungen unter Betten, Esstischen, Kloschüsseln, Regalen, Stühlen hervor zu angeln?

Wie oft habe ich in der Wut einen zerbrochen und aus dem Fenster geschmissen, nachdem ich brutal darüber gestolpert war?

Wie oft habe ich Streit geschlichtet, weil nur ein einziger Stecken aus dem ganzen grossen Wald den Ansprüchen meiner Söhne genügen konnte?

Wie oft bin ich dazwischen gesprungen, ehe sie mit den Dingern aufeinander einschlagen konnten?

Wie oft habe ich schon Tränen getrocknet, weil einer des anderen Stecken gestohlen, kaputt gemacht oder zweckentfremdet hatte?

Wie viele sind schon auf der Strecke liegen geblieben, weil ich mich weigerte, meinen Söhnen das gesammelte Holz nach Hause zu schleppen?

Wie oft habe ich mir schon Vorwürfe anhören müssen, weil ich einen dieser magischen Stecken für ein ganz gewöhnliches Stück Holz gehalten hatte?

Wie viele durch Stecken zugefügte Wunden habe ich verarztet?

Wie viele davon hat „Meiner“ zu Fotoobjekten zweckentfremdet und dadurch für lautes Protestgeheul gesorgt?

Wie lange wird es noch dauern, bis ich wehmütig an die Stecken zurückdenke, weil sie plötzlich keiner mehr anschleppt?

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