Mama, gib mir Bücher!

Eigentlich hätte ich schon längst auf die Idee kommen müssen, was dem FeuerwehrRitterRömerPiraten fehlt. Wenn ein Kind vor lauter Langeweile auf dumme Gedanken kommt, sogar die schwächsten Asterix-Bände fast in- und auswendig kennt und die Lesehausaufgaben innert Augenblicken erledigt, müsste Mama sofort stapelweise Bücher ankarren. Gewisse Mamas brauchen aber hin und wieder einen Wink mit dem Zaunpfahl, um das Offensichtliche zu erkennen.

Dem FeuerwehrRitterRömerPiraten ist nun offenbar der Kragen geplatzt, also hat er gehandelt. Vorgestern bekam er ein neues Buch geschenkt, die Freude darüber war riesig. Wie riesig zeigte sich, als er gestern mitten am Vormittag von der Schule nach Hause kam. Ihm sei schlecht, klagte er, er habe es in der Schule nicht mehr länger ausgehalten. Kaum aber hielt er sein Buch in der Hand, trat eine wundersame Heilung ein, der Junge mochte wieder herumhüpfen wie ein junges Reh. Am Abend war das Buch zu Ende gelesen, der FeuwerwehrRitterRömerPirat eindeutig wieder genesen und so sprach heute Morgen nichts gegen den Schulbesuch.

Um zehn Uhr stand er trotzdem wieder im Wohnzimmer, wieder klagte er über Übelkeit. „Vielleicht habe ich ihm Unrecht getan, er hat sich wohl doch bei euch angesteckt“, sagte ich zu meinen Patienten, die mir beipflichteten. Es sei schon ein wenig unfair vor mir gewesen, ihn in die Schule zu schicken, meinten sie. Dann aber geschah das gleiche wie gestern: Der Feuerwehr RitterRömerPirat schnappte sich sein neues Buch, las es noch einmal von vorne bis hinten durch und wieder trat die wundersame Heilung ein. Am Nachmittag stand einem Bibliotheksbesuch kein Käferchen mehr im Wege.

Mein Sohn, ein Schulschwänzer? Nein, wohl eher ein verzweifelter kleiner Bücherwurm, der seiner Mama irgendwie klar machen musste, wie gross sein Appetit auf Lesestoff ist. Ich hoffe bloss, der Bücherwurm kann jetzt, wo er sich seine eigene Bibliothekskarte erkämpft hat, diesen Appetit zügeln, bis die Schule aus ist. 

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Achtung, Kind hört mit!

Zuerst muss ich zwei Dinge vorausschicken: 1. Ich bin weder prüde noch verklemmt. 2. Unsere Kinder wissen alle – ihrem Alter und ihrer Neugierde entsprechend – wie sie entstanden sind und was in ihrem Körper im Laufe der Jahre so alles abgehen wird.

Dennoch konnte ich mich gestern nur mit Mühe zurückhalten, als ich mit unseren drei Patienten nach dem Arztbesuch noch kurz in der Buchhandlung Lesestoff für die langen Tage im Bett besorgte. Zwei Frauen und ein Mann um die zwanzig unterhielten sich gleich hinter uns laut vernehmlich über einen Sex-Ratgeber. Ihr Gespräch liess tief blicken, nicht nur in den Inhalt des Buches, sondern auch unter die Bettdecke des Mannes und der einen Frau, die offenbar liiert waren und einiges aus dem Buch bereits ausprobiert hatten.

Obschon der Grossteil des Gesprächs ziemlich abstossend war, hätte ich mich vermutlich über die eine oder andere Aussage amüsiert, wäre ich alleine unterwegs gewesen. Wäre in dem kleinen Laden ein Ausweichen möglich gewesen, hätte ich versucht, mit den Kindern ausser Hörweite zu gehen. Weil aber Kinderbuchregal und Sex-Ratgeber-Regal so nah beieinander standen musste ich miterleben, wie es Luise, die das Thema gewöhnlich keineswegs scheut, immer mulmiger zumute wurde. Schliesslich wollte sie nur noch eines: Raus aus dem Laden und nach Hause, wo sie trotz hohen Fiebers mit vielen Fragen versuchte, das Gehörte irgendwie in Einklang zu bringen mit dem, was wir ihr bisher mitgegeben haben. 

Seither frage ich mich, ob es richtig gewesen war, die drei einfach reden zu lassen. Ja, ich wäre mir vorgekommen wie eine prüde alte Tante, hätte ich sie auf das Offensichtliche hingewiesen, nämlich darauf, dass ihr Gespräch auch für aufgeklärte Kinder einfach zu viel des Guten war. Vermutlich hätten sie sich über mich aufgeregt, sie hätten sich gefragt, ob ich nichts Besseres zu tun hätte, als ihnen ihren Spass zu verderben. Dennoch würde ich genau dies tun, könnte ich die Uhr noch einmal zurückdrehen. Wer mit zwanzig noch nicht begriffen hat, dass nicht alles, was im Bett geschieht, vor Kindern ausgebreitet werden muss, der sollte dies gesagt bekommen. Wenn’s sein muss, halt von mir…

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Umsorgt

Ich geb’s ja nur ungern zu, aber es bringt durchaus auch Vorteile mit sich, wieder vollzeitlich zu Hause zu sein. Zum Beispiel, wenn die Kinder krank sind. Nein, ich meine jetzt nicht die ganze „Wie bringe ich meinem Chef bei, dass ich schon wieder früher nach Hause muss, weil die Kinder krank sind“-Problematik. Auch nicht die „Warum darf mein Kind nicht in die Kita, wenn es krank ist“-Diskussion. Nein, ich rede von dem, was Karlsson vom Dach folgendermassen umschreibt, als er angeblich schwer erkrankt ist: „Du musst jetzt wie eine Mutter zu mir sein.“

Ihr wisst schon, was ich meine: Warme Decken anschleppen, wenn das Fieber die armen Kindchen schlottern lässt, Tee mit Honig servieren,  beim Gang ins Dorf  neben Medikamenten auch eine kleine Überraschung für die Patienten besorgen und dann natürlich haufenweise warme Wickel, lindernde Salben, liebevolle Umarmungen und tröstende Worte. Wohliger kann Kranksein wohl kaum sein und ich muss gestehen, dass mir selber ganz warm ums Herz wird, wenn ich meine Kinder so umsorgen kann. 

Ehe nun aber die „Mama an den Herd“-Fraktion freudig in die Hände klatscht und meinen Post als Plädoyer für ihre Weltsicht missbraucht, muss ich darauf hinweisen, was folgt, wenn alle bekommen haben, was sie brauchen: Dann wird geschrieben und zwar mit gleichem Ernst wie immer. Nur weil ich jetzt zu Hause bin, heisst das noch lange nicht, dass mein Lebensinhalt einzig aus Kind und Küche besteht. Und wenn „Meiner“ nachmittags nach Hause kommt, übernimmt er die Krankenpflege, damit ich meinen Abgabetermin einhalten kann. Ob Mama oder Papa pflegt, spielt nämlich überhaupt keine Rolle, Hauptsache, jemand hat Zeit, die Patienten mit Liebe zu überschütten.

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Copyright-Streit

Nicht nur unsere Kinder lernen von uns, auch wir lernen von ihnen. Die Bedeutung des Copyrights im Familienalltag hätten wir ohne sie wohl nie erkannt. Kommt einem ein unschuldiges „Au au“ über die Lippen, zetert der FeuerwehrRitterRömerPirat sofort los: „Das darfst du nicht sagen, das habe ich erfunden. ‚Au au‘ gehört mir und sonst niemandem!“. Und er hat damit ja in gewisser Hinsicht Recht, denn er war der einzige unserer Kinder, der als Kleinstkind jeweils „Au au!“ schrie, wenn er bekommen wollte, was die anderen bereits hatten. Singt jemand ohne Hintergedanken „So so so, zwei Chämi uf em Brot…“ steht sofort Karlsson da und fordert seine Tantiemen. Auch er zu Recht, haben doch er und sein bester Freund das Lied im zarten Alter von viereinhalb Jahren zur Melodie von „Summ summ summ, Bienchen summ herum“ getextet. Und äussert einer den sehnsüchtigen Wunsch, einmal eine echte, flauschige Wolke sein Eigen zu nennen, macht ihn der Zoowärter darauf aufmerksam, dass dieser Traum auf seinem Mist gewachsen ist, als er einmal abends brüllend im Bettchen stand und schrie, er wolle eine Wolke haben.

Im Laufe der Jahre sind „Meiner“ und ich zu regelrechten Experten in Sachen innerfamiliäres Copyright geworden und ich weise nicht ohne Stolz darauf hin, dass ich in diesem Bereich dank meines guten Gedächtnisses für frühkindliche Episoden klar die Führungsposition inne habe. Bis jetzt habe ich meine überragenden Fähigkeiten in Sachen Copyrightschutz aber nur angewendet, wenn der Streit ums Urheberrecht den Familienfrieden zu gefährden drohte. Nun aber hoffe ich, meine Überlegenheit für einmal zu meinem eigenen Vorteil einsetzen zu können. 

Es ist nämlich so: Gestern drehte ich beim Putzen den Küchentisch um 90 Grad und weil ich nach dieser Aktion von einer Schlafattacke übermannt wurde, blieb das Möbelstück so stehen, wie ich es gedreht hatte. „Meiner“ nützte meinen komatösen Zustand auf schamlose Weise aus, indem er das von mir begonnene Werk perfektionierte, was allerdings keines grossen Könnens bedurfte, hatte ich mit meiner raffinierten Tischdrehung doch bereits den Grundstein für eine vollkommen neue Küchenordnung gelegt. „Sieht gut aus, findest du nicht auch?“, bemerkte ich, als ich endlich wieder wach genug war, um mein Umfeld klar zu erkennen. „Da staunst du, wie ich das hingekriegt habe, wo doch gewöhnlich du fürs Möbelrücken zuständig bist“, fügte ich noch hinzu. „Aber das hab ich doch gemacht“, gab „Meiner“ leicht verwundert zurück. „Hast du nicht, das war meine Idee“, beharrte ich worauf er behauptete, er hätte den Tisch noch ganz gerade gerückt und die Hocker neu geordnet. Und deswegen glaubt er jetzt natürlich, jegliches Lob, das wir fürs Umstellen bekommen, könne er auf seinem Konto verbuchen, was natürlich gar nicht geht, wo ich doch die bahnbrechende Entdeckung gemacht habe, dass die Küche mit gedrehtem Tisch viel besser aussieht.

Ich glaube, ich muss mal die Kinder fragen, wie sie ihren Forderungen jeweils Nachdruck verleihen. Im Schlichten bin ich nämlich eindeutig erfahrener als im Beharren auf meinem Urheberrecht.

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Hättet ihr doch auf mich gehört…

Wenn inzwischen schon das Prinzchen auf den Winter schimpft und dann sogar noch krank wird, ausgerechnet er, der sonst jedem Käfer standhaft widersteht…

Wenn „Meiner“ und ich uns samstags zuerst einmal einen heftigen Streit liefern und dann auch noch den ganzen nahezu kinderfreien Nachmittag verschlafen…

Wenn Luises zweites Winterstiefel-Paar nichts mehr taugt…

Wenn ich den Drang verspüre, die Früchte- und Gemüseauslage in der Migros zu räumen wie einst Jesus den Tempel, weil sie schon wieder Erdbeeren und Spargel als saisongerecht verkaufen…

Wenn Karlsson schon wieder krank ist…

Wenn „Meiner“ den ganzen Abend in einem unbeschreiblich hässlichen Anzug und mit bemaltem Gesicht durch die Wohnung geistert und alle in den Wahnsinn treibt…

Wenn sogar ich mich nicht mehr durch den Anblick fallender Schneeflocken verzaubern lasse…

Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat droht, seinen Cola-Menthos-Versuch im Wohnzimmer durchzuführen, weil es draussen einfach zu kalt ist dazu…

Wenn die Hände trotz ewigen Einschmierens so trocken sind, dass das Stricken allmählich schwierig wird…

Wenn der Holundersirup-Vorrat zur Neige geht, das mehrstimmige Hustenkonzert aber andauert…

Wenn der Zoowärter zum Einschlafen meine gesamtes Frühlingslieder-Repertoire hören will…

Wenn ich in Versuchung gerate, Salatsamen zu säen, einfach nur zum Trotz, weil ich jetzt dann keinen Chinakohl mehr sehen, geschweige denn essen mag…

… dann ist klar, dass es jetzt reicht mit Winter und darum kann ich meiner Familie nur sagen: Hättet ihr doch auf mich gehört, dann würden wir jetzt erst allmählich aus dem Winterschlaf erwachen und die Höhle dann verlassen, wenn der ganze Mist durchgestanden ist.

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Morgenstimmung

So sehr ich es auch immer wieder versuche, der frühe Morgen wird dennoch nie meine Lieblingszeit. Nun gut, es lohnte sich, es mit sanftem Erwachen zu Geigenklängen zu versuchen. Dazu den Duft von frisch geröstetem Toast und eine dampfende Tasse Tee. Alles, was es dann noch brauchte, wäre eine druckfrische Zeitung voller interessanter Artikel und ich bin fast sicher, dass ich so gegen neun frisch und gut gelaunt aus dem Bett hüpfen würde. Solange daraus nichts wird, werde ich wohl weiterhin mit Überlebensstrategien auskommen müssen. Zum Beispiel…

… Mir Mitten im Anziehstress eine ganze Kanne Earl Grey für mich alleine erschleichen
Nichts leichter als das: „Kinder, wer möchte eine Tasse Tee?“ in die Runde fragen, Earl Grey aufbrühen, nur ganz leicht süssen, servieren und dann nur noch den ersten Schluck abwarten. Spätestens nach dem dritten „Ih, Mama, der Tee ist ja überhaupt nicht süss“ gehört die ganze Kanne mir und weil der Inhalt bereits auf Tassen verteilt ist, hat der Tee genau die richtige Trinktemperatur.

… Für Ruhe sorgen ohne herumzubrüllen
Auch das wäre nicht schwierig, nur denke ich zu selten daran und brülle darum doch immer wieder herum. Dabei wäre es der einfachste Trick überhaupt: iPad an, Lautstärke regeln und dann den Zauber des guten alten Johann Sebastian wirken lassen. Fragt mich nicht, wie der das macht, aber der vermag sogar die Verächter barocker Musik innert Augenblicken zu beruhigen.

… Gehirn-Blogging
Egal, ob das Prinzchen den Kakao verschüttet, Luise wegen eines Flecks auf dem Lieblingspulli beinahe den Verstand verliert oder „Meiner“ mich frühmorgens damit überrascht, dass er früher zur Arbeit geht und ich darum alleine für fünf – momentan gar sechs – widerwillige Frühaufsteher sorgen muss. Wenn ich das ganze Zeug im Kopf verblogge, lässt sich noch die misslichste Morgenstimmung irgendwie ertragen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie inspirierend das Morgenchaos ist. Wie, ihr wollt wissen, weshalb mein Blog nicht überquillt vor lauter Morgenkatastrophen? Nun ja, die Sätze verflüchtigen sich jeweils wieder, wenn sich das nächste Desaster anbahnt.

…Flucht nach oben
Das Dümmste wäre, wenn ich alle frischen Unterhosen, Socken und T-Shirts gleichzeitig oben vom Wäscheständer holte, anstatt alle paar Minuten die Gelegenheit zur Flucht nach oben ergriffe. Immer wieder fehlt einem Kind irgend etwas. Natürlich wäre es pädagogisch sinnvoller, die Kinder selber nach oben zu schicken, aber nirgendwo lassen sich tiefe Seufzer, Schimpftiraden und Stossgebete so gut loswerden wie auf den vielen Treppenstufen, die zum Wäscheständer führen.

… Mich taub stellen
Diese äusserst asoziale Strategie kommt nur in Notfällen und leider auch nur an Tagen, an denen „Meiner“ die Frühsicht voll übernehmen kann zur Anwendung. Dafür ist sie am einfachsten durchzuführen: Decke über den Kopf, so tun, als ginge mich das ganze Geschrei nichts an und dann so schnell als möglich wieder einschlafen, damit ich nicht lügen muss, wenn ich später schlaftrunken aus dem Bett wanke und frage: „Wie, schon so spät? Wo sind denn alle?“

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Gaaaack

Besonders leicht ist es mir noch nie gefallen, Enttäuschungen anderer Menschen wegzustecken. Nun ja, auch an eigenen Enttäuschungen kau(t)e ich natürlich auch, aber noch schlimmer waren und sind für mich die Momente, in denen für einen geliebten Menschen die Welt zusammenbricht. Am allerschlimmsten – wie könnte es anders sein – ist es, wenn es eines meiner Kinder trifft. 

Dieser traurige Blick, der klägliche Versuch, die Tränen der Enttäuschung zurückzuhalten, das leere Schlucken und schliesslich das hemmungslose Schluchzen, weil ein grosses Ziel nicht erreicht worden ist oder ein kleiner, aber wichtiger Traum nicht in Erfüllung gegangen ist. In solchen Momenten bricht mir fast das Herz, ich möchte gegen alles und jeden zu Felde ziehen, der es gewagt hat, meinem geliebten Kind Schmerzen zuzufügen. 

Oh ja, ich weiss, Enttäuschungen gehören zum Leben, die lieben Kleinen müssen eben lernen, dass nicht immer alles läuft wie erhofft und überhaupt kann nur enttäuscht werden, wer sich hat täuschen lassen, bla, bla, bla… Das alles mag objektiv gesehen zutreffen, aber subjektiv gesehen ist es mein Kind, das mit einer – vielleicht nur in seinen Augen – harten Realität konfrontiert wird. Darum muss mir in solchen Momenten keiner kommen mit „Vielleicht ist es das Beste für dein Kind…“, denn in solchen Momenten bin ich nur eines: Eine Glucke, die ihr kleines, enttäuschtes Küken vor der grossen, bösen Welt beschützen will.

Das gilt übrigens auch dann, wenn das Küken gar nicht mehr besonders klein ist.

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Erwachender Idealismus

Ganz klar, ich habe mal wieder zu viel Zeitung gelesen. Zu viel über Landgrabbing, Pestizide, Spekulation mit Lebensmitteln, desolate Zustände auf Gemüseplantagen in Südeuropa und Afrika, europaweiten Fleischhandel und dergleichen. Nun gut, die Sache mit dem Fleisch könnte mir ja egal sein, weil ich keines esse und für die Familie nur solches aus der Schweiz koche, aber die undurchsichtige Geschichte widert mich eben doch an.

Früher gelang es mir noch besser, solche Meldungen mit der Bemerkung „Ich tue mein Möglichstes, verantwortungsbewusst einzukaufen“ beiseite zu schieben. Immer öfter aber bringe ich es nicht mehr fertig, mein Unbehagen zu verdrängen. Der Wunsch, von jedem Lebensmittel, das auf dem Teller landet, zu wissen, woher es kommt und wie es produziert wird, wächst mit jeder Meldung, die ich zu Gesicht bekomme. Ja, ich weiss, mein Wunsch ist extrem und er wird wohl nie in Erfüllung gehen.

Dennoch ertappe ich mich immer öfter beim Gedanken, man müsste das doch irgendwie auch selbst hinkriegen. Ich meine, so schwierig kann es doch nicht sein, Gemüse, Milch und Fleisch beim Bauern zu besorgen, ein paar eigene Sachen anzubauen und Vorräte für den Winter selber einzumachen. Erste Gehversuche habe ich bereits gemacht, aber reicht mir das? Was ist mit Kleidern, Schuhen und all den anderen Dingen, die eine Familie eben so braucht? Würde ich mich nicht umso mehr über unumgängliche Kompromisse ärgern, je mehr ich versuchte, nach meinem Gewissen zu handeln? Und hätte ich überhaupt den langen Atem, den es braucht, um das alles über Jahre durchzuziehen?

Ich weiss es nicht, aber vielleicht mache ich mir mal Gedanken darüber, wie wir aus unserem Umschwung etwas mehr Garten machen könnten.

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So liegen die Dinge

Auf dem Salontisch liegt „Melnitz“. Seit Wochen schon aufgeschlagen auf der gleichen Seite wartet der Schinken darauf, bis ich endlich Zeit finde, ihm die Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen, die er verdient hat.

Auf dem Küchentisch liegt das angefangene Vorderteil einer Strickarbeit, die irgendwann zu Luises Strickkleid werden soll. Das Rückenteil ist zwar bereits geschafft, aber das hilft auch nichts, wenn das Vorderteil langsamer wächst als Luise.

Vor der Wohnungstüre liegt ein Berg von Winterjacken, der Besuchern den Eindruck vermittelt, Vendittis liessen sich nun voll und ganz gehen. In Wirklichkeit hat sich nur der neue Kleiderständer gehen lassen, aber das glaubt natürlich keiner, der je gesehen hat, zu welchem Chaos wir fähig sind.

In der Küche liegt ein Kistchen voller Bitterorangen, die darauf warten, endlich zu Marmelade verarbeitet zu werden. Währenddem sie immer kleiner und unscheinbarer werden, wächst mein Frust ins Unermessliche, weil ich mich beim Kauf so sehr darauf gefreut hatte, wieder hausgemachte Bitterorangen-Marmelade auf den Toast zu schmieren.

Auf dem Bürotisch liegt die Steuererklärung, die ich dieses Jahr unbedingt vor dem Abgabetermin einreichen will. Einfach, um mir selbst zu beweisen, dass ich das kann, wenn ich nur richtig will.

Auf meinem Gewissen lastet der Gedanke, dass noch immer nicht alle Kinder ihre versprochene Bestechung – also, ich meine natürlich Belohnung – für für ihr Wohlverhalten bekommen haben.

Auf der Festplatte meines Laptops liegen zwei Manuskripte, die ganz dringend weiterbearbeitet werden wollen. 

Ums Haus herum liegt Schnee, den ich unbedingt wegschaufeln sollte, damit sich nicht doch noch irgendwann einer ein Bein bricht.

Tag für Tag bleibt liegen, was ich müsste oder zumindest möchte, denn Morgen für Morgen klopft das Leben an meine Tür und stellt mich vor Herausforderungen, mit denen ich nicht im Traum gerechnet hatte. Wie naiv war ich doch gewesen, zu glauben, mein Leben werde etwas geordneter und überschaubarer, wenn ich nicht mehr ausser Hause arbeite. Wie dumm von mir, zu erwarten, ich könnte irgendwann wieder damit zurückfahren, mich rund um die Uhr nach den Bedürfnissen meiner Mitmenschen zu richten, nachdem ich genau dies habe lernen müssen, als ich Mutter wurde.

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Betrugssimulator

Ich war blauäugig, das gebe ich offen zu. In einem Bereich, in dem ich gewöhnlich skeptisch bin, habe ich mich blind auf das Urteil anderer verlassen und den grossen Kindern etwas erlaubt, was ich nun wieder rückgängig machen muss. Ja, es war falsch, nicht auf die Alterslimite zu achten. Ich habe einfach darauf vertraut, dass unseren Kindern nicht schaden kann, was für andere, mir äusserst sympathische Kinder, okay ist. Ganz klar, ich habe meine Aufsichtspflicht nicht so wahrgenommen, wie ich dies von mir erwarten würde. Immerhin aber habe ich das Spiel gespielt, um zu wissen, was unsere zwei Ältesten so in Bann zieht.

Tja, und dann war ich schockiert. Da wird hemmungslos herumgezickt, dreingeschlagen, angemacht und betrogen. Die Figur im Spiel ist bereits liiert? Na und, man kann’s ja trotzdem mal versuchen. Wenn die Partnerin etwas dagegen hat, kann man sie zur Not ja demütigen und verprügeln. Je mehr du betrügst, den Arbeitgeber bestiehlst und Mülltonnen umwirfst, umso grösser ist das Wohlbefinden deines Alter Ego. Klar, du kannst auch brav und strebsam sein, kannst auf ganz seriösem Weg Karriere machen, aber dann dauert es nicht allzu lange, bis der Computer dich daran erinnert, dein Alter Ego langweile sich. Um dies zu verhindern, könnte man ja vielleicht versuchen, drei Affären gleichzeitig am Laufen zu haben. Wo man schon dabei sei, könne man noch kurz ins Nachbarhaus eindringen, den Kühlschrank plündern und die Dusche benutzen. Und wie wär’s wenn man mal versuchte, mit allen Stadtbewohnern gleichzeitig zerstritten zu sein? Falls du die Mittelalterversion des Spiels wählst, kannst du auch mal mit einer rostigen Axt einen Hühnerdieb umlegen. Einfach so, weil er es ja nicht besser verdient hat. Das alles unter dem Hinweis, Gewalt und sexuelle Inhalte seien nur „schwach ausgeprägt/angedeutet“.

Ja, ich war naiv und habe vorher nicht gut genug kontrolliert, ob es okay ist, wenn Luise das Spiel spielt, das Gleichaltrige mit dem Segen ihrer Eltern auch spielen. Darum werde ich mich jetzt unbeliebt machen müssen, ich werde zurückrudern und es nachträglich verbieten müssen. Laut Altersfreigabe sollte aber zumindest Karlsson nicht mehr um meine Erlaubnis bitten müssen. Ich werde ihm dennoch erklären müssen, warum ich es nicht goutiere, wenn er am Betrugssimulator trainiert.

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