Warum es hier im Moment etwas still ist

Nach zwei Wochen Schulferien und vier Wochen mit mindestens einem kranken Kind im Haus…

Nach so vielen Arztterminen, dass ich schon längst damit aufgehört habe, sie zu zählen…
Nach diversen Elterngesprächen…

Nach mühsam zusammengestückelten Arbeitstagen…

Nach vielen nicht immer gelungenen Versuchen, den kranken Kindern die Pflege zu geben, die sie brauchen und dabei die Bedürfnisse der gesunden Kinder nicht aus den Augen zu verlieren…

Nach einem ausgewachsenen Zoff mit „Meinem“…

Nach Tagen, an denen Auto, Geschirrspüler, Mixer und Herd sich aufführen wie ungezogene Kleinkinder…

Nach einigen Episoden, bei denen mir der Kragen geplatzt ist…

Nach zahlreichen unruhigen Nächten…

Nach zu vielen Programmänderungen…

…bin ich schlicht und ergreifend so müde, wie ich es seit der Zeit, als Prinzchen noch ein Baby war, nicht mehr gewesen bin. Leider kein gutes Umfeld für üppig spriessende, knackige Texte. 

Andere schriftliche Erzeugnisse entstehen aber durchaus in diesen Tagen. Ich möchte jedoch betonen, dass das untenstehende Fragment aus Prinzchens Feder rein gar nichts zu bedeuten hat:

 

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Definitionen

Wenn man Kinder hat, bekommen gewisse Wörter eine ganz neue Definition. Hier ein paar Beispiele:

Kind

Defintion Duden (Auszug):
1. Noch nicht geborenes, gerade oder vor noch nicht langer Zeit zur Welt gekommenes menschliches Lebewesen; Neugeborenes, Baby, Kleinkind
2. Mensch, der sich noch im Lebensabschnitt der Kindheit befindet (etwa bis zum Eintritt der Geschlechtsreife), noch kein Jugendlicher ist; noch nicht erwachsener Mensch

Definition Eltern:
1. Über alles geliebter, grenzenlos begabter, bildhübscher und nahezu vollkommener Mensch, ohne den man sich sein Leben nicht mehr vorstellen könnte 
2. Kleines Monster, das einen so spielend zur Weissglut treibt wie sonst niemand auf diesem Planeten

Liebe

Definition Duden (Auszug):
1. Starkes Gefühl des Hingezogenseins; starke, im Gefühl begründete Zuneigung zu einem (nahestehenden) Menschen
2. Auf starker körperlicher, geistiger, seelischer Anziehung beruhende Bindung an einen bestimmten Menschen, verbunden mit dem Wunsch nach Zusammensein, Hingabe o. Ä.
3. Sexueller Kontakt, Verkehr

Definition Eltern:
1. Kind
2. Kind
3. Kind
4. Kind
5. Kind
6. Kind
7. Kind
.
.
.
.
.
.
102. Partner, so man sich denn mal sieht vor lauter Kind

Freizeit

Definition Duden:
Zeit, in der jemand nicht zu arbeiten braucht, keine besonderen Verpflichtungen hat; für Hobbys oder Erholung frei verfügbare Zeit

Definition Eltern:
1. Zeit, in der jemand so geschafft ist, dass er nicht mehr in der Lage ist, seinen Verpflichtungen (Wäscheberge, Steuererklärung, Geschirrspüler ausräumen, Hausaufgaben beaufsichtigen, etc.) nachzugehen, weshalb er oder sie auf dem Sofa kollabiert und sich irgend eine schwachsinnige Serie reinzieht, obschon eigentlich andere Dinge zu erledigen wären
2. Zeit, die einem der Partner schenkt, damit man mal wieder ausspannen kann, was aber nur gelingt, wenn man es schafft, nicht daran zu denken, was der Partner in dieser Zeit alles alleine stemmen muss
3. Tauschhandel mit dem Babysitter (wenig Zeit gegen viel Geld), mit dem Ziel, endlich mal wieder Zeit mit dem Partner zu verbringen

Wochenende

Definition Duden:
[Freitagabend,] Samstag und Sonntag (als arbeitsfreie Tage)

Definition Eltern:
1. Freitagabend: Der Abend, an dem alle anderen schon Wochenende haben, man selber aber die Kinder wahlweise zum Schulsport, zum Instrumentalunterricht oder zur Klassenfete karrt.
2. Samstag: Zimmer aufräumen, putzen, Schuhe kaufen, Reparatur- und Gartenarbeiten, Bibliotheksbesuch, Wände streichen, ausmisten und zwar alles unter Einbezug der Kinder, damit sie lernen, dass sich die Arbeit nicht von selbst erledigt, was nicht selten zu wüsten Streitereien führt
3. Sonntag: Tag der Erholung, der inneren Einkehr, der Familienausflüge und der Gäste, nicht selten ruiniert durch vergessene Hausaufgaben und unvermeidliche Sportanlässe

Ferien

Definition Duden:
1. mehrere zusammenhängende Tage oder Wochen dauernde, der Erholung dienende, turnusmässig wiederkehrende Arbeitspause einer Institution (z. B. der Schule, der Hochschule, des Gerichts oder des Parlaments)
2. Urlaub

Definition Eltern:
1. mehrere zusammenhängende Tage oder Wochen dauernde, der Kinderbespassung dienende Verlagerung des Alltags, die einen riesigen Vorbereitungsaufwand erfordert und ein gigantisches Loch in die Familienkasse reisst
2. mehrere zusammenhängende Tage oder Wochen dauernde, der Erholung dienende Arbeitspause der Schule, welche die Eltern ratlos lässt, wie sie in dieser Zeit die Kinderbetreuung organisieren sollen
3. Verklärte Erinnerungen, sobald man es geschafft hat, den Stress auf der Hinreise, den Augenblick, als die Kreditkarte ihren Dienst versagte und den Familienkrach im Louvre zu vergessen

Schule

Definition Duden (Auszug):
1. Lehranstalt, in der Kindern und Jugendlichen durch planmässigen Unterricht Wissen und Bildung vermittelt werden
2. Schulgebäude
3. In der Schule erteilter Unterricht
4. Ausbildung, durch die jemandes Fähigkeiten auf einem bestimmten Gebiet zu voller Entfaltung kommen, gekommen sind; Schulung
5. Gesamtheit der Lehrer- und Schülerschaft einer Schule

Definition Eltern:
1. Schulgebäude, an dem man mit dem Kleinkind regelmässig vorbei spaziert und sagt: „Sieh mal, das ist die Schule. Hier wirst du ganz viel lernen, wenn du grösser bist.“
2. Lehranstalt, in der Kindern und Jugendlichen durch nicht immer stundenplanmässigen Unterricht das vermittelt wird, was die Schulreformer gerade für besonders wichtig halten
3. Der zweite Durchlauf, bei dem erwartet wird, dass man nicht nur abrufen, sondern auch weitergeben kann, was man im ersten Durchlauf hätte lernen sollen, auf dass der Nachwuchs klüger werde als man selber
4. Ausbildung, durch welche die Fähigkeiten eines Kindes auf einem bestimmten Gebiet im besten Falle gefördert werden, damit sie zur vollen Entfaltung kommen, im schlimmsten Falle nicht erkannt, nicht gefördert und vielleicht sogar negiert werden

Glück

Definition Duden:
1. etwas, was Ergebnis des Zusammentreffens besonders günstiger Umstände ist; besonders günstiger Zufall, günstige Fügung des Schicksals
2. das personifiziert gedachte Glück; Fortuna
3. a) angenehme und freudige Gemütsverfassung, in der man sich befindet, wenn man in den Besitz oder Genuss von etwas kommt, was man sich gewünscht hat; Zustand der inneren Befriedigung und Hochstimmung
3. b) einzelne glückliche Situation; glückliches Ereignis, Erlebnis

Definition Eltern:
1. Kinder gesund, Partner gesund, Dach über dem Kopf, alle mehr oder weniger zufrieden und keiner mäkelt am Essen rum
2. angenehme und freudige Gemütsverfassung, in der man sich befindet, wenn man sein friedlich schlafendes Kind betrachtet und es nicht fassen kann, dass einem ein solcher Segen geschenkt worden ist

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Dieser Valentin…

Nein, ich mag ihn wirklich nicht, diesen Valentin. Ich finde ihn geradezu grausam. Man braucht sich nur mal anzusehen, was diejenigen, die niemanden haben, der sie beschenken möchte, an diesem Tag auf Facebook posten. Verzweifelte Ironie, hilflose Versuche, doch noch von irgendwo ein „Ich mag dich, du bist ein ganz besonderer Mensch“ zu erheischen, manchmal auch schlecht kaschierter Neid, wenn eine, die von ihrem Liebsten keinerlei Zeichen der Zuneigung erwartet hätte, doch noch überrascht worden ist und dies nun aller Welt zeigen möchte. Ein Tag, an dem sich die Einsamen noch einsamer fühlen als sonst. 

Na ja, könnte man einwenden, das ist zwar hart für jene, die alleine sind, aber für die anderen, die glücklich sind und beschenkt werden, ist es doch schön, einen sichtbaren Beweis der Liebe zu bekommen. Nichts gegen sichtbare Liebesbeweise, aber bitte nicht dann, wenn der Kalender – und der Blumenhändler – sie befiehlt, sondern dann, wenn einem das Herz übergeht vor lauter Dankbarkeit, dass man einen lieben Menschen hat, der mit einem das Leben teilt. Von mir aus darf das auch am 14. Februar sein, noch lieber aber einfach immer dann, wenn man sich seines überaus grossen Glücks bewusst wird.

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„Meiner“ wird das nie verstehen

Da kommst du nach einem langen Arbeitstag nach Hause und nichts ist, wie es gewesen war, als du am Morgen das Haus verlassen hattest. Das Wohnzimmer leer, der Fernseher im Flur, der Esstisch fast im Erker und dort, wo der Esstisch gewöhnlich steht, das Sofa, völlig quer in der Landschaft, umgeben von einigen Kleinmöbeln, über die du klettern müsstest, um dir eine Banane aus der Obstschale zu angeln. Dazu dieser alles durchdringende Geruch von Möbelpolitur, der deinen von den langen Stunden am Computer bereits benebelten Kopf noch ein wenig nebliger werden lässt. Und in diesem Zustand solltest du auch noch in der Lage sein, mit „Deinem“ darüber zu diskutieren, wo das Sofa hinkommen soll, nachdem der Fussboden die penetrant stinkende Politur in sich aufgesogen hat.

„Meiner“ wird nie verstehen, wie sehr mich ein solches freiwillig herbeigeführtes Chaos überfordert, denn er wird es nie erleben, dass ich mir ein derartiges Projekt aufhalse, wenn ich den ganzen Tag mit der Horde alleine bin. Mir reicht es ja vollauf, mit meinen beiden viel zu kleinen Händen den viel zu überladenen Alltag im Griff zu behalten.

Und wenn ihr das Geheimnis brav für euch behaltet, wird er auch nie erfahren, wie sehr ich ihn insgeheim für seinen Mut bewundere.

Ihr solltet ihm das wirklich nicht verraten, sonst wird er übermütig und dann sieht es nächstes Mal, wenn ich den ganzen Tag auswärts arbeite, noch viel schlimmer aus, wenn ich nach Hause komme.

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Kommt drauf an, wen man fragt

Nehmen wir mal an, ich stünde am Esstisch, hätte die Hände im klebrigen Brotteig und bräuchte dringend Mehl. Je nachdem, welches Familienmitglied gerade in der Nähe wäre, würde meine Bitte nach Mehl auf ganz unterschiedliche Weise aufgenommen.

Karlsson

Ich: „Karlsson, reichst du mir bitte ein Schüsselchen von dem Mehl aus dem grossen Sack? Meine Hände kleben fest.“

Karlsson: „Ich muss erst noch dieses Menuett fertig spielen.“

Ich: „Ich brauche aber dringend Mehl. Kannst du nicht kurz unterbrechen?“

Karlsson: „Okaaaaaay…“ (Schlurft widerwillig in die Küche, tut, wie ich ihn gebeten habe und geht zurück aus Klavier.)

Luise

Ich: „Luise, reichst du mir bitte ein Schüsselchen von dem Mehl aus dem grossen Sack? Meine Hände kleben fest.“

Luise: „Warum immer ich?“

Ich: „Na ja, du bist gerade zufällig in der Nähe und ich brauche Mehl.“

Luise: „Warum fragst du nicht Karlsson oder den Zoowärter?“

Ich: „Weil die jetzt gerade nicht da sind und ich brauche dringend Mehl.“

Luise: „Immer muss ich! Nie fragst du die anderen! Warum muss immer ich alles machen?“

Ich: „Himmel, ich verlange ja nicht die Welt von dir. Nur ein Schälchen voll Mehl. Du isst ja auch von dem Brot.“

Luise: „Ich esse fast nie Brot.“

Sie macht sich schnaubend am Mehsack zu schaffen und reicht mir widerwillig das Mehl. Vermutlich wird es keine zwanzig Minuten dauern, bis sie sich unaufgefordert bei mir entschuldigen kommt. Und mit ziemlicher Sicherheit wird sie die Erste sein, die sich eine Scheibe Brot abschneidet, wenn es aus dem Ofen kommt.

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Ich: „FeuerwehrRitterRömerPirat, reichst du mir bitte ein Schüsselchen von dem Mehl aus dem grossen Sack? Meine Hände kleben fest.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Kleben sie an der Decke oder an der Schüssel?“

Ich: „Am Teig.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Warum kleben sie nicht am Mehl?“

Ich: „Weil Mehl nicht klebt.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Aber Teig ist auch aus Mehl. Warum klebt der dann?“

Ich: „Weil im Teig Wasser ist und dadurch der Weizenkleber… Ach, komm schon, ich erkläre dir das später. Ich brauche jetzt wirklich dringend Mehl. Das Zeug wird schwer in meinen Händen.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Warum wird es denn schwer? Mehl ist doch federleicht.“

Ich: „Ja, Mehl alleine schon, aber…“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Aber der Mehlsack ist doch schwer. Warum sagst du dann, Mehl sei federleicht?“

Ich: „Da sind ja auch 25 Kilo drin. Und du hast gesagt, Mehl sei federleicht, nicht ich. Aber reich mir jetzt bitte ein wenig von dem Mehl.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Den ganzen Sack oder nur ein einzelnes Mehlstäubchen?“

Ich: „Ein Schüsselchen voll, aber bitte schnell! Mir fault die Hand ab?“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Warum ist deine Hand nicht schwarz, wenn sie abgefault ist?“

Ich: „M-E-H-L, aber bitte sofort.“

FeuerwehrRitterRömerPirat macht sich endlich am Mehlsack zu schaffen und denkt derweilen laut über die Frage nach, warum Mehl nicht in der Küche herumfliegt, wo es doch so leicht ist.

Zoowärter

Ich: „Zoowärter, reichst du mir bitte ein Schüsselchen von dem Mehl aus dem grossen Sack? Meine Hände kleben fest.“

Zoowärter: „Ja, Mama.“ Ich höre, wie es im Küchenbüffet rumort. Nach einer halben Ewigkeit….

Zoowärter: „Sooooo, jetzt brauche ich nur noch….“ Wieder Rumoren, diesmal im Behälter mit den Küchenutensilien, dann nach einer weiteren Ewigkeit…

Zoowärter: „Sooooo, dann wollen wir mal….“

Ich: „Zoowärter, ich brauche jetzt wirklich dringend Mehl. Geht’s?“

Zoowärter: „Ja, Mama.“

Es passiert lange nichts, nur das Rascheln des Mehlsacks ist zu hören. Dann…

Zoowärter: „Ich glaube, ich muss das anders machen….“

Ich: „Zoowärter! Ich brauche Mehl!“

Zoowärter: „Ja, Mama. Ich bin gleich soweit. Ich muss nur eine andere Schüssel finden.“

Mir schwant Böses, also begebe ich mich mit dem ganzen Teig an den Händen vom Esszimmer, wo ich knete, in die Küche, wo er hantiert. Der Fussboden ist voller Mehl, eine Schöpfkelle liegt neben dem Mehlsack, der Zoowärter hält eine riesige Schüssel mit mindestens drei Kilo Mehl in den Händen und strahlt mich an. Ich seufze.

Ich: „Eine kleinere Schüssel hätte auch gereicht, aber danke.“

Zoowärter: „Gern geschehen, Mama.“

Prinzchen

Ich: „Prinzchen, reichst du mir bitte ein Schüsselchen von dem Mehl aus dem grossen Sack? Meine Hände kleben fest.“

Prinzchen: „Ja, sofort. Und darf ich nachher gleich noch die Hefe in den Teig geben?“

Ich: „Das habe ich leider schon gemacht.“

Prinzchen (Zieht eine Schnute): „Aber das Salz darf ich schon noch zufügen?“

Ich: „Das habe ich leider auch schon gemacht. Aber das Mehl darfst du mir reichen.“

Prinzchens Gesicht wird länger. Er schaut mir dabei zu, wie ich mit dem klebrigen Teig ringe.

Ich: „Kannst du mir jetzt bitte Mehl holen?“

Prinzchen: „Von mir aus. Aber nachher backen wir noch Guetzli. Ich will nicht immer nur Mehl holen, ich will auch etwas Richtiges machen.“

„Meiner“

Ich: „‚Meiner‘, reichst du mir bitte ein Schüsselchen von dem Mehl aus dem grossen Sack? Meine Hände kleben fest.“

„Meiner“: „Einen Moment. Ich muss nur noch schnell den Abfallsack zuschnüren und die Hände waschen.“

Er erledigt, was er gesagt hat und kommt ins Esszimmer, wo ich mit dem Teig kämpfe.

„Meiner“: „Wahnsinn, das sieht genial aus. Lass mich nur schnell ein Foto machen. Das wird der Hammer.“

Bevor ich etwas sagen kann, ist er wieder weg, um die Kamera zu holen.

„Meiner“: „Stell dich mal so hin. Nein, etwas mehr Richtung Fenster. Und den Teig etwas höher. Ja, genau so…“

Ich: „Himmel, das Zeug ist schwer. Kannst du mir jetzt bitte das Mehl holen?“

„Meiner“ knipst ungerührt weiter.

„Meiner“: „Gleich. Nur noch ein paar Bilder. Etwas mehr nach links, wenn es geht. Nein, halt, nicht so weit. Noch etwas nach rechts…“

Ich: „Ich brauche Mehl! Jetzt gleich! Meine Hände fallen mir sonst ab…“

„Meiner“: „Gleich. Nur noch dieses eine Bild. Nein, lass den Teig nicht zurück in die Schüssel fallen! Du ruinierst das Bild! Wohin gehst du denn jetzt?“

Ich: „In die Küche. Ich brauche Mehl. Aber zuerst muss ich mir die Hände waschen. Sonst ist nachher alles verklebt.“

„Meiner“: „Ich hätte dir das Mehl doch gleich gebracht. Immer bist du so ungeduldig…“

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Die hohe Kunst des Rumzickens

Von Farben habe ich ja nicht die geringste Ahnung. Okay, ich weiss, was schön ist – bunt, knallbunt und geblümt -, aber wie man es zustande bringt, dass das alles miteinander gut aussieht, soll man mich bitte bloss nicht fragen. Darum wurde ich heute leicht zickig, als „Meiner“ mich andauernd ins Wohnzimmer rief, um von mir zu erfahren, welche Farbe das Salontischchen bekommen sollte. Dunkelblau? Petrol? Hellgrün? Pink? Tannengrün? Himmel, was weiss ich denn schon? Hauptsache, das Tischchen passt zum Türkis, mit dem er gestern die Wände gestrichen hat. Und Hauptsache, es wird weder Dunkelblau noch Petrol noch Tannengrün, denn das finde ich hässlich. Also stänkere ich rum, sage ihm, er soll mich gefälligst mit der Farbwahl in Ruhe lassen und treibe ihn einerseits in den Wahnsinn, andererseits dazu, den perfekten Farbton ausfindig zu machen. Und siehe da, zwei Stunden später ist das Werk vollbracht, das Tischchen passt perfekt und er meint: „Gut, dass du so kompliziert warst. Ich glaube, sonst hätte ich die falsche Farbe genommen.“ 

Tja, ich mag wohl eine Niete in Sachen Farbkunst sein, dafür aber beherrsche ich die Kunst des Rumzickens und das scheint nicht nur schlecht zu sein. 

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Begegnung mit einem früheren Ich

Neulich beim Aufräumen traf ich zufällig eines meiner früheren Ich. Nicht eines von ganz früher, so ein unbeschwertes Ding, frei von jeglicher Verpflichtung, sondern ein abgekämpftes mit tiefschwarzen Augenringen. Natürlich kamen wir sogleich miteinander ins Gespräch:

Früheres Ich (FI): Wie siehst du denn aus?

Ich (I): Wie soll ich schon aussehen? So wie eine fünffache Mutter, die zu wenig schläft, zu wenig für ihre Figur tut und kaum einen Moment zur Ruhe kommt, halt aussieht.

FI: Du schläfst zu wenig? Das ich nicht lache! Jetzt, wo die Kinder alle gross sind, gibt es doch keine durchwachten Nächte mehr.

I: Du hast ja keine Ahnung. Luise schläft so schlecht wie eh und je…

FI (unterbricht mich): Das glaube ich dir nicht. So schlecht, wie damals, als ich mit dem Zoowärter schwanger war und auf dem Zahnfleisch ging, kann es nie und nimmer sein.

I: Noch einmal: Du hast ja keine Ahnung. Mag ja sein, dass sie nachts nicht mehr ganz so lange wach ist wie damals, aber in meinem Alter steckt man das auch nicht mehr so leicht weg, wenn das Kind regelmässig mitten in der Nacht neben dem Bett steht und über Schlaflosigkeit klagt. Du warst damals ja noch blutjung und unverbraucht.

FI: Unverbraucht? So fühlte ich mich aber ganz und gar nicht.

I: Ich hab neulich Bilder gesehen. Du sahst eindeutig besser aus als ich.

FI: Finde ich auch und ich frage mich, was du falsch machst. Ich meine, du hast ja jetzt jeden Vormittag ganz für dich alleine, kannst tun und lassen, was du willst, die Kinder sind eigenständig und du kannst mit „Deinem“ in den Ausgang, so oft du Lust hast.

I (mit einem zynischen Lachen): Ich weiss ja gar nicht, bei welchem Punkt ich anfangen soll, dich zu korrigieren…“

FI (erstaunt): Warum willst du mich korrigieren? Genau so habe ich mir die Zukunft in meinen süssesten Träumen vorgestellt. Du willst mir jetzt nicht etwa sagen, es sei anders gekommen?

I (seufzend): Tja, ich muss dir leider sagen, dass du die Zukunft etwas gar zu rosig ausgemalt hast. Das mit den freien Vormittagen zum Beispiel ist bei Weitem nicht so toll, wie du immer gedacht hast. An guten Tagen hast du die ganzen vier Stunden, um ungestört deinem Broterwerb nachzugehen, an komplizierten Tagen versuchst du, kranke Kinder, Haushalt und Job irgendwie parallel laufen zu lassen und an schlechten Tagen rennen ein kranker Lehrer, eine kaputte Waschmaschine, ein zu lange dauernder Arzttermin und eine verschobene Trompetenstunde alle deine Pläne über den Haufen…

FI: Das klingt ja ganz ähnlich wie bei mir damals…

I: So ist es auch, mit dem Unterschied, dass ich den Kindern jetzt erklären kann, weshalb ich explodiert bin. Du musstest ja jeweils damit klarkommen, dass sie dich mit traurigen Augen verständnislos ansahen, wenn du wie eine Furie durchs Haus gewetzt bist.

FI: Das war tatsächlich schlimm. Aber sag mal, mit „Deinem“ ist es jetzt bestimmt schon wieder fast wie vor meiner Zeit, als noch keine Kinder da waren.

I: Schon mal davon gehört, dass Teenager nicht um acht Uhr ins Bett gehen? Und von Hausaufgaben, die nach dem Abendessen erledigt sein wollen? Und von Prüfungsängsten, die sich immer dann bemerkbar machen, wenn die Eltern es sich mit einem Tässchen Tee gemütlich gemacht haben?

FI: Sooo schlimm wird das auch wieder nicht sein. Und ihr könnt ja jetzt auch so problemlos in den Ausgang gehen. Karlsson schmeisst den Laden doch bestimmt schon ganz alleine.

I: Karlsson macht das tatsächlich ganz gut, aber der Junge hat ja inzwischen auch seine eigenen Termine. Der ist nicht einfach auf Abruf verfügbar.

FI: Ach so, daran habe ich damals nicht gedacht. Aber im Sommer gehen sie jetzt doch bestimmt schon alle gleichzeitig ins Jungscharlager und ihr habt eine ganze Woche für euch.

I: Okay, wo soll ich anfangen? Bei Karlsson, der Luxus liebt und schlammige Zeltplätze verabscheut? Bei Luise, die sich jetzt auch schon zu erwachsen fühlt für die Jungschar? Beim Prinzchen, der erst übernächstes Jahr gross genug ist, um mit ins Lager zu fahren? Wo auch immer ich anfange, das Resultat bleibt das gleiche: Die Sache mit der freien Woche, weil alle gleichzeitig im Lager sind, war ein Luftschloss, das sich aufzulösen begann, bevor der Jüngste aus den Windeln war. Du hättest also ahnen können, dass es so kommt.

FI (betrübt): Dann ist also nichts so geworden, wie ich es mir erträumt habe…

I (tätschle ihr tröstend die Hand): Na ja, zumindest einer deiner Träume ist in Erfüllung gegangen. Ich kann jetzt wieder ganze Nächte lang dicke Schmöker lesen. Auf die eine schlaflose Nacht mehr oder weniger kommt es nach all den Jahren auch nicht mehr an.

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Denkmalpflege

Eigentlich müsste man jetzt ja in den Garten entschwinden können. Das Wetter ist geradezu ideal, die nächsten Projekte sind skizziert und nach fünf herrlich einsamen Ferientagen, gefolgt von ein paar faulen Feiertagen bin ich so entspannt, dass ich schon fast zu Kompost zerfalle. Doch bloss weil sich das Wetter derzeit eher frühlingshaft denn weihnächtlich gebärdet, heisst das noch lange nicht, dass man die Gartensaison einläuten kann. Was, wenn der Winter doch noch kommt? Dann müssten die armen Pflänzchen himmeltraurig erfrieren und das bräche mir das Herz. 

Was also tun mit der vielen Energie? Nun, da wäre zuerst einmal die Toilette im ersten Stock, die schwer darunter leidet, dass Karlsson das obere Klo als Protest gegen die andauernde Verstopfung mit Klebeband versiegelt hat. Jetzt leidet eben das untere WC umso mehr an Verdauungsproblemen, was zwar nicht besonders angenehm ist, aber immerhin für ein paar Stunden Beschäftigung sorgt. 

Danach gilt es, „Meinen“ bei der Hand zu nehmen und aus der Steinzeit der Mobiltelefonie in die Ära der Smartphones zu geleiten. Anfangs ist er noch wacklig unterwegs, kommt alle paar Minuten angerannt, weil er nicht so recht weiss, was er mit der neuesten Push-Nachricht anfangen soll, aber nachdem ich ihn sicher in den WhatsApp-Chat meiner erweiterten Grossfamilie vermittelt habe, ist er für den Rest des Tages beschäftigt und mir ist schon wieder langweilig. 

Zum Glück ist da noch Schloss Sargans, das ganz dringend aufgebaut werden muss, bevor „Meiner“ es in Schutt und Asche legt. Also, ich meine, bevor er es im Altpapier entsorgt, obschon es doch Prinzchens Weihnachtsgeschenk für Luise ist. Luise aber interessiert sich in diesen Tagen mehr für den Ausverkauf als für Schlösser, also ist es an mir, mit Leim und Schere den Untergang des architektonischen Erbes unseres Landes zu verhindern. Prinzchen ist vom Resultat tief beeindruckt, ich hingegen staune nur, dass ich zum ersten Mal im Leben einen Bastelbogen ohne Wutanfall zu Ende gebracht habe. Spricht das nun eher für einen hohen Entspannungsgrad, oder für Altersmilde?

Wo ich schon mal einen Überschuss an Geduld und noch mehr freie Zeit habe, kann ich mich ja um den Erhalt weiterer Architekturdenkmäler kümmern. Da gibt es noch einen Eiffelturm fertigzustellen, den die Kinder an Heilig Abend als Überbrückung zwischen Vorspeise, Hauptspeise und Bescherung von uns als Beschäftigungstherapie verordnet bekommen haben. Leider ist das Bauwerk am 24. unvollendet geblieben, darum klaube ich die verbliebenen Teilchen – Nummer 140 ist bereits auf Nimmerwiedersehen verschwunden – zusammen und vollende den Turm. Prinzchens Bewunderung für mich kennt jetzt keine Grenzen mehr. Gleich morgen will er in die Migros rennen, um ein Puzzle mit viel mehr Teilen zu besorgen, das „wir“ in den kommenden Tagen „zusammen“ aufbauen können.

Mir soll’s recht sein. Wo es doch noch lange nicht Zeit ist, die Gartensaison einzuläuten. 

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Entspannungssamstag

Ein überaus lieber Mensch hat „Meinem“ und mir eines der schönsten Geschenke gemacht, das man Eltern mit vielen Kindern überhaupt machen kann: ein freier Samstagnachmittag mitten in der Vorweihnachtszeit. Während sie mit unseren Kindern Guetzli ausstach, konnten wir sechs Stunden lang tun und lassen, was auch immer wir wollten. Bloss, was will man, wenn die eigenen Wünsche immer erst an letzter Stelle kommen? Unglaublich viel und die Versuchung ist gross, so viel als möglich in diesen einen wunderbaren Tag zu füllen. Fast wären wir dieser Versuchung erlegen, hätten dies und jenes erledigt, wären da und dort hingegangen, doch nachdem wir uns im Möbelhaus in aller Ruhe die Dinge ausgesucht hatten, die unsere renovationsbedürftigen Zimmer dringend benötigen, beschlossen wir, dorthin zu gehen, wo wir viel zu selten sind.

Na ja, so selten nun auch wieder nicht, wenn ich’s recht bedenke. Aber es fühlt sich halt so anders an, wenn die Kinder nicht dabei sind. Stiller, gemütlicher, unglaublich entspannend – ein Ort, an dem man alles loslässt, was einem im Alltag zu schaffen macht, wo man einfach sich selbst sein und die Zweisamkeit geniessen kann.

Kaum zu glauben, wie friedlich unsere vier Wände sind, wenn wir sie mal ein paar Stunden nur zu zweit teilen. 

Na ja, vorausgesetzt natürlich, man hat sich vor dem freien Nachmittag  ins Zeug gelegt und mit den Kindern aufgeräumt und geputzt.

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Ich könnte brüllen vor Lachen, wenn…

…ich dran denke, wie ich kurz vor der Matura glaubte, ich würde in meinem ganzen Leben nie mehr Hausaufgaben machen.

…ich mich erinnere, wie ich jeweils grossspurig erklärte, wenn wir mal Kinder hätten, würden „Meiner“ und ich abends, wenn einer von uns von der Arbeit nach Hause käme, erst einmal ein Viertelstündchen miteinander ein Tässchen Tee trinken und über den Tag plaudern, ehe wir uns ins familiäre Feierabendgetümmel stürzen.

…ich mir vor Augen führe, wie ich jeden Abend Karlssons Playmobil-Zoo in Ordnung brachte, damit auch ja jedes der kleinen Tierchen die Nacht in seinem Gehege verbringen würde. 

…man mir erzählt, wie ich in Vorkinderzeiten jeweils sofort zum Lappen griff, weil sich einer an meinem blitzblank geputzten Küchentrog die Hände gewaschen hatte. (Von meiner Überzeugung, ich würde diese Marotte durch die Familienjahre hindurch retten und bis ans Ende meiner Tage beibehalten, wollen wir erst gar nicht reden.)

…ich mir in Erinnerung rufe, wie ich Tag für Tag darauf wartete, endlich ruhig und ausgeglichen zu werden, bloss weil meine ruhigen und ausgeglichenen Verwandten beteuert hatten, ich würde dann schon auch ruhig und ausgeglichen werden, wenn ich erst mal Mutter sei.  

…mir in den Sinn kommt, dass ich nach meinem Austauschjahr in den USA überzeugt war, ich würde meiner Familie mal jeden Tag ein warmes Frühstück servieren, um einen gemütlichen Start in den Tag zu zelebrieren. 

…man mich dran erinnert, dass ich früher laut herausposaunte, ich würde mir meine Privatsphäre von niemandem rauben lassen, auch nicht von meinen Kindern. 

…ich an den Tag zurückdenke, an dem ich heulend, schniefend und stillend mit Karlsson auf dem Sofa sass und glaubte, ich hätte mich in eine Milchkuh verwandelt und mein Leben würde für die nächsten zwanzig Jahre so bleiben. 

…ich mich erinnere, wie „Meiner“ und ich jeweils sagten, wir würden nie, aber auch wirklich gar nie in Gegenwart unserer Kinder das Verhalten einer Lehrperson kritisieren. 

…ich mir überlege, wie lange ich felsenfest davon überzeugt war, unsere Kinder würden ohne Mama-Taxi über die Runden kommen müssen. (Na ja, wenn ich mir’s recht überlege, bin ich davon noch immer überzeugt, aber unsere Kinder sehen das leider anders.)

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