Jugend und Kultur

Da klagen sie immer, Jugendliche würden sich nicht für Kultur interessieren. Anstatt sich in gepflegtem Rahmen eine Symphonie anzuhören, würden die sich lieber bekifft irgendwo an einem Open Air-Festival im Schlamm wälzen. Man könne sich noch so sehr um sie bemühen, mit klassischer Musik liessen sie sich einfach nicht hinter dem Ofen hervor locken.

Wenn dann aber ein Jugendlicher nichts lieber tut, als Symphonien, Oratorien, Variationen, Sonaten und dergleichen zu lauschen und du möchtest für ihn in einem der grösseren Konzerthäuser dieses Landes Karten reservieren, weil er nicht weiss, was er sich zum Sechzehnten wünschen soll, dann heisst es: „Natürlich bieten wir Studentenvergünstigungen an, aber reservieren? Das können Sie gleich vergessen. Wenn einer, der noch grün hinter den Ohren ist, wirklich glaubt, er sei in der Lage, Bachs Weihnachtsoratorium zu geniessen, soll er das gefälligst beweisen, indem er sein Ticket an der Abendkasse holt. Wird ja wohl kaum ausverkauft sein. Wer will denn schon Bach  hören?“

Nun gut, ganz genau so haben sie es natürlich nicht gesagt, aber die Botschaft war klar: Sitzplätze für junge Musikliebhaber gibt es in diesem Haus nur, wenn sich nicht genügend Gutbetuchte finden lassen, um die Reihen zu füllen.

(Ach ja, einem Jugendlichen würde es selbstverständlich auch nichts ausmachen, mehr als eine Stunde Reisezeit in Kauf zu nehmen, nur um an der Abendkasse zu erfahren, Bach sei nun wieder Erwarten doch ausverkauft. Die haben ja ohnehin zu viel Zeit, die Jungen und das Bahnbillett wird denen ja auch fast gratis hinterher geschmissen…)

img_2567

 

Weise Einsicht

Zwei junge Kätzchen sind heute bei uns eingezogen und wie zu erwarten war, sind die fünf jungen Vendittis hin und weg von den Tierchen. Der Zoowärter, meint, nachdem er sich eingehend mit den beiden Neuankömmlingenn bekannt gemacht hat: „Ich glaube, echte Katzen mit Fell sind noch viel schöner als Katzen in Katzenvideos.“ 

Ich werde ihn an diese Weise Einsicht erinnern, wenn er wieder mal glaubt, seine wertvolle Kindheit vor dem Bildschirm vergeuden zu müssen.

Ein Wunsch für die Zukunft

Seit heute Morgen weiss ich ganz genau, was Karlsson werden soll, wenn er eines Tages genügend Bildung in sich aufgesogen hat. 

Journalist soll er werden. Journalist im Homeoffice, wenn möglich betraut mit der Aufgabe, jeden Monat zum Ersten einen witzig-spritzigen Text, der die Leserschaft aufs Beste unterhält, zu veröffentlichen. So regelmässig soll dieser Text erscheinen, dass auch Feiertage wie Allerheiligen, Neujahr und Tag der Arbeit keinen Aufschub zulassen. Genau dies wünsche ich mir für die berufliche Zukunft meines Ältesten. 

Wie? Ihr sagt, der Journalismus habe keine Zukunft? Im postfaktischen Zeitalter interessiere sich kein Mensch mehr für von Menschen verfasste Texte? Keine anständige Mutter könne ihrem Sohn eine derart brotlose Zukunft wünschen?

Mir egal. Ich will mich bloss eines Tages, wenn er mit dem Abgabetermin im Nacken am Computer sitzt, neben ihn setzen und ihm den Kopf vollquasseln, bis er nicht mehr weiss, wie er seine Satzanfänge, Kommata und Pointen richtig einordnen soll. Und bevor ich ganz von ihm ablasse, um ihn in Ruhe schreiben zu lassen, spiele ich vielleicht noch eine Runde Klavier.

Man könnte auch sagen, ich will mich für das rächen, was er mir am Morgen dieses ganz und gar unwillkommenen Feiertags, der für mich ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag sein sollte, angetan hat. 

host

 

 

Karlsson lernt die Warteschleife kennen

Karlsson möchte sich ein Konzertticket kaufen, doch um dies online zu erledigen, braucht er seine neunstellige Kontonummer. Die Kontonummer, die er natürlich mal wieder nicht zur Hand hat, weil man in seinem Alter solche Sachen nie zur Hand hat, wenn man sie dringend braucht. Er greift zum Telefon, um beim Kundenzentrum Hilfe zu holen. Wohl wissend, wie lange solche Telefonate in der Regel dauern, mache ich es mir mit Netflix bequem. Doch mehr als die ersten Dialogfetzen des Vorspanns schaffe ich nicht, ehe er wieder im Wohnzimmer steht.

„Bei denen ist gerade alles besetzt“, sagt er. 

„Tja, dann musst du eben warten“, erkläre ich.

Er schaut mich verwundert an. „Warten? Ich bleibe doch jetzt nicht zehn Minuten am Telefon.“

Ich kann mir das Lachen nicht verkneifen. „Zehn Minuten? Du befindest dich in der Warteschleife. Das kann gut und gerne eine halbe Stunde dauern.“

„Ich bleibe doch nicht eine halbe Stunde am Telefon. Machst du das etwa jeweils so?“

„Na ja, anders kommt man leider nicht weiter. Du musst einfach den Lautsprecher einschalten und dann gehst du ran, wenn sich jemand meldet“, erkläre ich.

Doch meine Erklärungen sind umsonst, Karlsson hat schon aufgelegt. „Du glaubst doch nicht etwa, ich höre mir jetzt eine halbe Stunde lang diese schreckliche Musik an?“

Nein, wie könnte er auch? Für einen jungen Menschen, der im Begriffe ist, ein Mendelssohn-Ticket zu erstehen, wären dreissig Minuten seichtes Warteschleifen-Gedudel nun wirklich nicht zumutbar. 

img_4960

 

Von guten und schlechten Müttern

Gute Mütter – das sollte ich inzwischen wissen – kommen nie zu spät, wenn sie ihren Nachwuchs zu irgend einem Anlass bringen. Gute Mütter kommen auch nicht auf die Minute pünktlich angerast, um ihre Knöpfe noch schnell aus dem Auto zu schubsen, bevor das Programm losgeht. Gute Mütter sind mindestens zehn Minuten zu früh da, damit man ihnen wichtige Infos weitergeben kann und damit sie Zeit haben, sich mit vielen Ermahnungen und Liebesbekundungen von ihrem Nachwuchs zu verabschieden. Es versteht sich von selbst, dass gute Mütter nie stammelnd von all den Baustellen, roten Ampeln und unvorsichtigen Fussgängern berichten müssen, um zu erklären, warum sie eine Minute zu spät angebraust gekommen sind, denn gute Mütter haben solche Widrigkeiten stets einkalkuliert, weshalb sie rechtzeitig losfahren, denn sie haben ja auch den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als ihrem Nachwuchs zu Diensten zu sein. 

Schlechte Mütter wollen das einfach nicht begreifen und darum gehören sie bestraft und zwar so:

Besucherführerin*: „Gut, dann sehen wir uns um halb vier wieder.“

Mutter: „Um halb vier? Im Programmheft steht aber vier Uhr.“

Besucherführerin: „Das mag im Programmheft vielleicht so stehen, aber mit Kindern dauern die Führungen meistens nicht so lange.“

Mutter: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Veranstalter eine falsche Zeitangabe gemacht haben. Die machen das immer sehr korrekt…“

Besucherführerin: „Bei Kindergruppen brauchen wir nie zwei Stunden. Kinder haben viel weniger Fragen als Erwachsene. Seien Sie um halb vier unten auf dem Parkplatz.“ Und ihr Blick sagt: „Glauben Sie bloss nicht, ich würde Ihnen nicht ansehen, wie sehr Sie sich jetzt darüber aufregen, dass ich Ihre freie Zeit beschnitten habe. Rabenmütter wie Sie brauchen keine Kaffeepause.“

Tja, und so presst die schlechte Mutter all das, was sie sich für die zwei Stunden vorgenommen hat, in neunzig Minuten hinein, damit sie um halb vier auf dem Parkplatz ist. Ein Parkplatz, der selbstverständlich menschenleer ist, denn das Programm endet, wie von den Veranstaltern angekündigt, pünktlich um vier. 

Was die Besucherführerin nicht weiss: Schlechte Mütter sind immun gegen solche Strafen, denn schlechte Mütter haben stets ein gutes Buch in ihrer Handtasche, das es ihnen ermöglicht, sogar auf dem ödesten Parkplatz eine nette Pause zu verbringen. 

*Für dieses ganz und gar hässliche Wort übernehme ich keine Verantwortung. 

img_4744

Das Prinzchen leistet Widerstand

Das Prinzchen ist seit eh und je ein ausgesprochen pflegeleichtes Kind, das uns äusserst selten Kummer bereitet. Zwar ist er ein kleiner Sturkopf, aber da sich seine Sturheit selten gegen Familienmitglieder richtet, ist das nicht weiter schlimm. 

Jetzt aber hat er angefangen, auf einem Gebiet Widerstand zu leisten, auf dem ich keinen Widerstand dulde: Er will Asterix und Obelix nicht mögen, ja, er weigert sich rundheraus, mir zuliebe wenigstens einen Band zu lesen, um zu sehen, ob er den beiden Galliern nicht vielleicht doch etwas abgewinnen könnte. „Ich lese nur Tim und Struppi und sonst keine Comics“, beharrt er und es hilft nichts, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat und ich ihm eine witzige Episode nach der anderen erzählen. Er will nicht, der kleine Prinz, und wenn er nicht will, dann ist er ähnlich stur wie Miraculix, wenn Obelix ihn um eine Portion Zaubertrank anbettelt. 

Aber warum, in aller Welt, muss das Kind unbedingt Asterix lesen? Na, warum wohl? Weil er ohne Kenntnis der ersten dreissig Bände auf die Idee kommen könnte, seine Mutter sei reif für die Klapsmühle, wenn sie am frühen Morgen schlaftrunken in die Küche geschlurft kommt und fragt: „Schalut schuschammen. Gibtsch hier wasch schu Trinken?“

So, wie wir nie sein wollten…

Schwimmkurs-Saison, wie wir sie uns vorstellen:
Am späten Mittwochnachmittag karren wir die Kinder, die noch Schwimmunterricht benötigen, zum Schwimmbad, sorgen dafür, dass sie sich umziehen und machen uns dann aus dem Staub, um zu erledigen, was sich innerhalb von vierzig Minuten eben so erledigen lässt. Pünktlich zum Kursende sind wir wieder zurück, um die nassen Kinder in Empfang zu nehmen. Vielleicht schaffen wir es gelegentlich auch mal ein paar Minuten früher, so dass wir kurz zuschauen können, wie das so läuft im Schwimmkurs.

Schwimmkurs-Saison, wie sie sich das Prinzchen – unser letzter Nochnichtganzschwimmer – vorstellt:
Am späten Mittwochnachmittag karren „Meiner“ und ich das Prinzchen zum Schwimmbad, begleiten ihn zum Umziehen, setzen uns dann zu allen anderen Eltern an den Rand des Schwimmbeckens, um jede einzelne Bewegung unseres selbstverständlich überaus talentierten und zum Olympiasieger prädestinierten Wunderkindes zu bewundern. Nach dem Kurs gibts haufenweise Lob und ein Brötchen für den völlig entkräfteten zukünftigen Superstar.

Wie der Kompromiss aussieht:
„Meiner“ lädt mich auf dem Weg zum Schwimmbad bei der Migros ab, damit ich schon mal mit dem Wocheneinkauf anfangen kann und karrt dann das Prinzchen zum Kursort, wo das Kind sich selbständig umziehen und in die Schwimmhalle begeben muss. Danach kaufen „Meiner“ und ich gemeinsam ein und weil wir inzwischen so geübt sind darin, unseren Einkaufswagen mit dem Nötigen zu füllen, schaffen wir es gerade noch, während der letzten zehn Minuten des Schwimmkurses mit allen anderen Eltern am Beckenrand zu sitzen, um so zu tun, als würden wir jede einzelne Bewegung unseres ganz und gar durchschnittlich begabten Nochnichtganzschwimmers zu bewundern.

Das Prinzchen ist glücklich mit diesem Kompromiss, denn so muss er nicht das einzige Kind in der Gruppe sein, das ohne elterliche Bewunderung schwimmen lernt. Wir hingegen fühlen uns wie die letzten Deppen, weil wir eigentlich der Meinung sind, unser Kind könne auch ohne unser andauerndes „Bravo, gut gemacht, Prinzchen!“ lernen, sich über Wasser zu halten.

Und trotzdem sitzen wir da und starren mit verzücktem Lächeln aufs Wasser…

13819746_1070138356355612_730499461_n

Geht doch…

Als Luise in der dritten Klasse zum ersten Mal Französischunterricht hatte, verflog die Freude schon nach kurzer Zeit. Weil die Kinder mit Spiel und Spass an die Sprache unserer Landsleute herangeführt werden sollten, verzichtete das Lehrmittel auf alles, was nur im Entferntesten an Büffeln erinnern könnte und so hatte unsere arme Tochter bald ein unglaubliches Wirrwarr im Kopf. Trotz grundsätzlicher Befürwortung des frühen Sprachunterrichts, begannen „Meiner“ und ich am Sinn der Französischlektionen zu zweifeln.

Beim FeuerwehrRitterRömerPiraten sah es leider nicht viel anders aus und so fing „Meiner“ an, kritische Fragen zu stellen. Er müsse dem Lehrmittel eben eine Chance geben, meinte die Lehrerin, dann werde sich der Lernerfolg schon einstellen. Wir blieben trotzdem skeptisch, denn es wollte uns nicht einleuchten, weshalb unsere Kinder zwar wussten, was „Lautmalerei“ und“Verkehrskreisel“ auf französisch heisst, jedoch nach zwei Jahren nicht sagen konnten, wie sie heissen, wo sie wohnen und was sie gerne tun. 

Beim Zoowärter sah es im ersten Jahr nicht viel anders aus. Das Kind erledigte seine Hausaufgaben mit Widerwillen, verstand kein Wort und hatte im Grunde genommen keine Ahnung, was das alles sollte. Dann bekam er eine neue Lehrerin und plötzlich kam Bewegung in die Sache. Wenn einer fragt, was das Wort „Cocktail“ bedeutet, weist er darauf hin, das müsse doch etwas mit „le coq“ zu tun haben, auf einfache Fragen weiss er eine Antwort und inzwischen sieht es gar so aus, als würde ein für die ganze Klasse verbindlicher Grundwortschatz aufgebaut. (Nein, so etwas ist leider nicht mehr selbstverständlich. Macht ja keinen Spass, Vokabeln zu büffeln.) Und weil er jetzt zu verstehen beginnt, was das alles soll, kommt allmählich die Freude an der Sprache auf. 

Sieht ganz danach aus, als könne man auch mit schlechten Lehrmitteln guten Frühfranzösich-Unterricht machen. 

mörotter.jpg

Schweizer Gastfreundschaft

Der schulische Informationsanlass, den Karlsson und ich heute gemeinsam besuchten, war erstens erstaunlich früh fertig und bot zweitens ziemlich viel Gesprächsstoff. Also beschlossen wir, uns in einem Strassencafé in Ruhe über das Gehörte zu unterhalten. Da mein bevorzugtes Café mal wieder bis auf den letzten Platz besetzt war, liessen wir uns ein paar Schritte weiter vorne nieder. Dort anwesend: Eine Handvoll Gäste, die meisten bereits satt und nur noch am Austrinken, eine Kellnerin, ein Kellner (vermutlich der Chef) und später ein weiterer Kellner.

20:30 Da sitzen wir also, Karlsson und ich. Kellnerin und Chef registrieren zwar unsere Anwesenheit, machen aber keine Anstalten, uns zu grüssen oder gar nach unseren Wünschen zu fragen. 

20:35 Wir werden noch immer ignoriert.

20:40 Die Kellnerin nähert sich allmählich unserem Tisch.

20:42 Die Kellnerin wischt den Tisch zu unserer Rechten, grüsst uns knapp.

20:43 Die Kellnerin starrt mich erwartungsvoll an.

20:44 „Essen Sie, oder wollen sie nur etwas trinken?“, fragt die Kellnerin jetzt endlich. „Nur etwas trinken und vielleicht ein Dessert für meinen Sohn“, antworte ich.“ Der Chef, der offenbar mitgehört hat, obschon er so getan hat, als ignoriere er uns weiterhin, eilt sofort zu unserem Tisch und überreicht mir die Dessertkarte.

20:46 Karlsson und ich wären jetzt bereit, etwas zu bestellen, aber man ignoriert uns wieder.

20:50 Wir werden weiterhin ignoriert.

20:55 Die Kellnerin macht sich jetzt am Tisch zu unserer Linken zu schaffen, lächelt mir kurz zu und ich denke schon, sie werde gleich kommen, um die Bestellung aufzunehmen.

20:56 Die Kellnerin verschwindet im Lokal. Ohne unsere Bestellung, natürlich. 

21:00 Karlsson und ich überlegen, ob wir gehen sollen. „Jetzt kommt sie dann gleich mit ihren Gläsern vorbei“, sage ich. „Wenn sie uns diesmal wieder ignoriert, sind wir weg.“

21:01 Plötzlich viel Action. Die Kellnerin wetzt an unserem Tisch vorbei und verschwindet wieder im Lokal. „Gehen wir“, sagt Karlsson, doch wie aus dem Nichts erscheint plötzlich der dritte Kellner neben unserem Tisch. Ob wir schon bedient würden? Nicht? Na, zum Glück sei jetzt gerade seine Pause vorbei. Wir können also endlich unsere Wünsche anbringen. Kaum ist er weg, kommt der Chef. Ob wir schon bestellt hätten? Er geht, die Kellnerin kommt, auf dem Tablett zwei Tassen Kaffee. „Wie, die sind nicht für Sie?“ Ganz bestimmt nicht. Wo sie uns doch gar nie die Chance gegeben hat, etwas bei ihr zu bestellen.

21:05 An unserem Tisch ist wieder Ruhe eingekehrt, Karlsson und ich warten. 

21:15 Karlsson bekommt seinen alkoholfreien Drink, ich meinen Milchkaffee. „Wie gewünscht ungesüsst“, säuselt der Kellner und legt mir zwei Beutelchen Zucker neben die Tasse. Der Kaffee ist lauwarm, aber das erfährt nur Karlsson, denn ich rechne nicht damit, noch einmal die Aufmerksamkeit des Personals zu bekommen, ehe das Gebräu gänzlich erkaltet ist. 

21:25 Meine Tasse ist leer, Karlssons Glas ist halbleer (An diesem Ort kann man nun wirklich nicht Optimist genug sein, um es halbvoll zu nennen). Karlssons Dessert wird serviert. Sieht nicht sehr gefroren aus, das Eis. 

21:40 Zeit, nach Hause zu gehen. Zum ersten Mal an diesem Abend müssen wir uns nicht um die Aufmerksamkeit des Personals bemühen. Ich glaube, der Kellner hatte sein Portemonnaie schon offen, bevor ich meines überhaupt aus der Tasche hervorgekramt hatte. Dabei wäre doch jetzt ein Bekannter zu uns gestossen, mit dem wir uns so nett unterhalten, dass wir ganz gut noch eine Weile auf die Rechnung warten könnten. 

img_2007-1

 

 

Woran sich zeigt, dass die Kinder gross werden

Neben meinem Bett stapeln sich wieder Bücher. Richtige Bücher. Also Lektüre, deren Inhalt man durchaus mal in ein angeregtes Gespräch einfliessen lassen darf, ohne dabei zu erröten. Nicht mehr dieser oberflächliche Kram, mit dem ich mich während der Kleinkinderjahre über Wasser gehalten habe, weil ich fürchtete, ich würde das Lesen am Ende noch verlernen. Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem ich meine Bücherregale ausmisten muss, weil ich dann die ganzen Peinlichkeiten noch einmal in die Hand nehmen muss, um sie im Altpapier zu entsorgen. (Jawohl, so schlecht waren die Bücher, dass ich, die ich gewöhnlich keine Bücher wegschmeisse, genau dies tun werde, ohne mit einer Wimper zu zucken.)

An heissen Tagen spazieren wir nicht mehr mit sehnsüchtigem Blick der Aare entlang und malen uns aus, wie erfrischend es doch wäre, sich im Fluss treiben zu lassen. Stattdessen lassen wir keine Gelegenheit aus, mit allen Kindern, die gerade Zeit und Lust haben, in den Kanal zu steigen. Mal mit allen fünf, mal nur mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, mal mit den drei Jüngsten, mal mit den zwei Ältesten, aber stets äusserst zufrieden, weil wir jetzt tun können, was noch vor einem Jahr nahezu unvorstellbar gewesen wäre.

Familienausflüge werden wieder bezahlbar, weil Karlsson und Luise kein Interesse mehr haben an Zoo, Zirkus & Co. Nur mit den drei Jüngsten im Schlepptau sind wir wieder ganz und gar familientickettauglich. Und weil diese Besuche nach einer langen Dürreperiode von „Das ist alles viel zu teuer und ausserdem sind wir viel zu müde, um sonntags noch auszufliegen“ stattfinden, sind das Prinzchen, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat ungemein begeisterungsfähig. Auch „Meinem“ und mir hat die Pause gut getan. Wir seufzen jetzt nicht mehr: „Schon wieder Zirkus…“, sondern sind dankbar, dass wir für ein paar Stunden in eine ganz und gar kindliche Welt ohne Pubertätsdramen abtauchen dürfen. 

Auch der Menüplan verändert sich, wenn auch erst schrittchenweise. Das Prinzchen und der FeuerwehrRitterRömerPirat verharren zwar stur in ihrer „Was der Bauer nicht kennt…“-Haltung, aber dem Rest der Familie kann ich Auberginen und Pilze vorsetzen, ohne sie bis zur Unkenntlichkeit verarbeiten zu müssen. Als der FeuerwehrRitterRömerPirat neulich meinte, er könne die Kürbissaison kaum erwarten, wusste ich, dass auch sein Lieblingsessen nicht für immer und ewig Pasta mit Ketchup bleiben wird.

Ach ja, natürlich singe ich abends auch keine Schlaflieder mehr, eine Veränderung die mir, im Gegensatz zu den oben genannten, ganz und gar nicht willkommen ist.

image