Life around the clock

Später Abend, „Meiner“ und ich wären allmählich für Feierabend zu haben, aber in Zoowärters Zimmer tobt noch immer das Leben. Weil Schulferien sind, sehen die drei jüngeren Kinder nicht ein, weshalb sie schlafen sollten. Nach einem kleineren Donnerwetter kehrt dann doch Ruhe ein.

Gegen Mitternacht gehen „Meiner“ und ich ins Bett. Die Ruhe im Haus ist nicht von Dauer, denn bald macht sich Luise auf die Suche nach einem gemütlicheren Schlafplatz. Aus unerfindlichen Gründen sagt ihr das eigene Bett heute nicht zu und sie kann den Tag erst abschliessen, als sie es sich auf dem Sofa bequem gemacht hat. 

Einige Stunden Schlaf. Um fünf Uhr früh wird „Meiner“ wach, weil aus dem Badezimmer Kinderlachen zu vernehmen ist. Prinzchen und Zoowärter nehmen ein Bad. „Der Zoowärter hat geglaubt, es sei Morgen“, erklärt das Prinzchen. 

Noch einmal zwei Stunden Schlaf, dann geht der Wecker. Eigentlich hätten „Meiner“ und ich die Stille des Morgens zum Arbeiten brauchen wollen, aber nach der kurzen Nacht fällt das Aufstehen schwer. Der Wecker lärmt weiter, wird aber ignoriert. 

Nachdem der Wecker endlich schweigt, herrscht einige Minuten lang Stille, dann rumort es oben in Karlssons Zimmer. Heute haben wir Glück. Er bearbeitet zuerst das Cembalo in seinem Zimmer und lässt das Klavier im Wohnzimmer vorerst in Ruhe. Das bedeutet, dass sich die Tagwache noch ein paar Momente hinauszögern lässt. 

Eine halbe Stunde später hat Karlsson genug vom Cembalo, er muss jetzt einfach ans Klavier. Damit ist definitiv Tagwache. „Meiner“ und ich kommen aus dem Bett gekrochen. 

Wenig später kommen die zwei, die seit ihrem frühmorgendlichen Bad kein Auge mehr zugetan haben, runter ins Wohnzimmer. Luise schreckt sofort vom Sofa hoch, als die kleinen Brüder zu spielen anfangen. (Karlssons Klavierspiel hat sie erstaunlicherweise nicht zu wecken vermocht.) Also bekommen der Zoowärter und das Prinzchen ihren vollen morgendlichen Zorn zu spüren. Was fällt den beiden eigentlich ein, sie vor dem Mittagessen zu wecken? 

Nun lässt sich der Tag definitiv nicht mehr aufhalten und so tun wir eben, was Vendittis so tun, wenn Schulferien sind.

Na ja, immerhin kommt der Feierabend heute etwas früher. Luise, der Zoowärter und das Prinzchen haben noch verpassten Schlaf nachzuholen.

Karlsson klimpert derweilen noch ein wenig auf dem Cembalo…

img_9565

 

 

 

Nicht mehr reine Elternsache

Anfangs konnten sie noch nicht viel mehr als schreien, die Windeln füllen, trinken und schlafen. Dann wurden sie grösser, fingen an, an unserer Hand ihre Welt zu erforschen und zu imitieren, was wir ihnen vormachten. Sie lebten mit uns unser Leben, liessen sich ihren Alltag durch uns gestalten, fanden normal, was wir normal finden und lehnten ab, was wir ablehnten. Als sie noch grösser wurden, lernten sie, die Dinge zu reflektieren, ihren eigenen Alltag zu gestalten und manchmal auch in Frage zu stellen, was wir ihnen mitgegeben haben. Sie begannen, ihre eigenen Interessen zu verfolgen, vertieften ihr Wissen und fingen an, ihre Fähigkeiten einzusetzen. Inzwischen kommt es immer öfter vor, dass sie sagen: „Warum machen wir es eigentlich immer so? Wir könnten doch auch mal…“ Zuweilen fühlt es sich an, als nähmen sie uns bei der Hand, um uns zu zeigen, wie unser Zusammensein auch noch sein könnte. 

Ich liebe es, wenn Familienleben nicht mehr reine Elternsache ist. 

img_6801

 

 

 

Vernünftig

Am späten Nachmittag schaut meine älteste Schwester kurz bei uns vorbei, um mir etwas zu erzählen und mich zu fragen, was ich von der Sache halte. Der FeuerwerhRitterRömerPirat sitzt im Wohnzimmer und lauscht unserer Unterhaltung. Als meine Schwester wieder weg ist, hat er eine wichtige Frage:

„Mama, könnte es sein, dass Menschen vernünftiger werden, wenn sie erwachsen sind?“

„Nun ja, das ist nicht immer der Fall, aber bei manchen Menschen ist das schon so. Warum meinst du?“

„Ich habe gehört, dass deine grosse Schwester dich nach deiner Meinung gefragt hat.“ 

„Das stimmt, aber was hat das jetzt mit deiner Frage zu tun?“

„Deine Schwester ist doch viel älter als du…“

„Ja, das ist sie, aber ich verstehe immer noch nicht ganz, worauf du hinaus willst…“

„Tja, weisst du, Karlsson und Luise würden mich nie nach meiner Meinung fragen, also nehme ich an, dass nur Erwachsene vernünftig genug sind, auch mal ihre jüngeren Geschwister um Rat zu fragen.“

img_2931

 

Familienträume

Solange du noch keine Kinder hast, stellst du dir das Familienleben ja irgendwie so vor: Am Morgen sitzt ihr alle zusammen friedlich am Tisch,trinkt frisch gepressten Orangensaft und esst dazu vollwertiges, hausgemachtes Müesli. (Ich glaube mich zu erinnern, dass in meiner Fantasiefamilie oft auch frische Waffeln, Scones oder Blaubeermuffins auf den Tisch kamen. So wie bei meiner amerikanischen Gastfamilie. Aber damals war mir noch nicht bewusst, dass meine Gastmutter nie Mittagessen kochen musste, weil die Töchter in der Schule assen. Und auch kein Abendessen. Das erledigte die Mikrowelle für sie.) Ihr unterhaltet euch ein wenig über den Tag und was ihr von ihm erwartet, räumt gemeinsam den Tisch ab und verlasst dann einer nach dem anderen geputzt und gestriegelt das Haus, währenddem sich die Küche auf magische Weise selber aufräumt. Die Kinder gehen zur Schule, wo sie brav sind, fleissig mitmachen und glänzende Noten schreiben, damit sie dereinst in der Lage sind, aller Welt zu zeigen, dass sie Gottes Geschenk an die Menschheit sind. Die Eltern verdienen derweilen ungestört das Geld, das ihr braucht, um in Frieden und Eintracht miteinander zu leben. Mittags und abends kommt ihr dann wieder in eurer selbstreinigenden Wohnung zusammen, um das Familienleben zu geniessen.

Tja, und dann wachst du eines Tages in einer Realität auf, in der ein guter Tag dadurch gekennzeichnet ist, dass keiner sich weigert, eine saubere Unterhose anzuziehen, du von niemandem zur Schnecke gemacht wist, weil seine längst überfälligen Hausaufgaben nicht mehr auffindbar sind und niemand an einer ominösen Übelkeit leidet, die „Deinen“ und dich darüber diskutieren lässt, wer von euch beiden heute Abstriche bei der Arbeit macht. So gesehen hatten wir vorgestern einen ausgesprochen harmonischen Start in den Tag. 

Das Theater ging erst am Mittag los, als einer sich mit der unsäglichen Forderung konfrontiert sah, nach dem Essen einen sauberen Pullover anzuziehen.

Elterliches Dilemma

Reissen wir Eltern Witze, wissen sie inzwischen, dass sie wenigstens so tun sollten, als fänden sie uns lustig, weil wir sonst wieder eine Schnute ziehen.

Erteilen wir Aufträge, werden die in der Regel ernst genommen und in – grob geschätzt – 75 Prozent der Fälle auch ausgeführt.

Wenn einer von uns beinahe platzt vor lauter Zorn, dann kuschen sie.

Unsere politischen Ansichten können sie inzwischen fast fehlerfrei nachbeten und mir scheint, die zwei Ältesten seien auf bestem Wege, die Dinge gleich zu sehen wie wir.

Was wir immer und immer wieder gepredigt und vorzuleben versucht haben, wird allmählich in ihrem Handeln sichtbar.

Manchmal lassen sie sich bereitwillig von uns helfen und an ganz guten Tagen sind sie sogar gewillt, einen Rat von uns anzunehmen.

Fühlen sie sich von uns schlecht behandelt, dann bringen sie das auf den Tisch. Nicht immer so freundlich und nett, wie wir uns das wünschen würden, aber doch so offen und ehrlich, dass wir es in der Regel annehmen können, nachdem wir ein paar mal leer geschluckt haben. 

Es soll sogar vorkommen, dass sie hinter unserem Rücken gut über uns reden.

Man könnte also durchaus sagen, sie würden auf uns hören und uns ernst nehmen.

Sagen wir jedoch zu einem von ihnen: „Kind, in diesem Bereich hast du wirklich Talent. Das macht dir so schnell keiner nach. Du dürfest durchaus mutiger sein und zweigen, was du drauf hast“, kommt nur ein verständnisloses „Ach, das sagt ihr jetzt nur, weil ich euer Kind bin und ihr mich einfach toll finden müsst“ zurück. Und dann wird sofort das Thema gewechselt, nicht dass am Ende noch einer auf die Idee käme, darüber zu reden, wie man das Licht unter dem Scheffel hervorholen könnte.

Himmel, wir drohen ihnen doch nicht, sie zu einem Talentwettbewerb anzumelden! Wir wollen sie doch nur ermutigen, die Dinge zu pflegen, die ihnen in die Wiege gelegt worden sind.

img_2881

Punkt. Oder vielleicht doch nicht.

Wir Mütter halten uns gerne für furchtbar modern in Sachen Social Media.

Auf Facebook präsentieren wir unsere Erfolge am Herd, die wunderbare Aussicht aus dem Ferienhaus und die Weisheiten, die uns zwischen Kinderzimmer, Job und Waschküche so einfallen. 

Auf Instagram zeigen wir der ganzen Welt, was wir schön finden. Sonnenuntergänge, Blumen, Cupcakes und dergleichen. Oder, um es mit Luises Worten zu sagen: „Mütter posten auf Instagram einfach so…also, wie soll ich sagen…halt einfach so langweilige Sachen. Richtig doof halt.“

Auf Twitter lassen wir zwischen der zerquetschten Banane, die wir vom Teppich geklaubt haben und den Legos, auf die wir mit nackten Füssen getreten sind, in 140 Zeichen Dampf ab. Manchmal posten wir auch kurze, knackige Kindersprüche, über die wir nicht alleine lachen wollen.

Um uns mit unseren Freundinnen zu unterhalten, springen wir flugs zwischen WhatsApp und Messenger hin und her, gelegentlich checken wir aber auch noch SMS, weil ein paar wenige dort hängen geblieben sind. 

Man munkelt gar, einige von uns seien schon auf Snapchat gesichtet worden. (Keine Ahnung, ob an dem Gerücht etwas Wahres dran ist, ich bin dort bestimmt nicht anzutreffen.)

Selbstverständlich stehen wir auch pausenlos mit unseren Knöpfen in Kontakt. Wir rufen sie über WhatsApp zum Mittagessen, versöhnen uns spät abends via Messenger, wenn es zwischen uns gekracht hat und teilen ihnen unsere Gefühle auf jedem erdenklichen Weg mit rosaroten Herzchen, kleinen grauen Regenwolken und Tränen lachenden Emojis mit.

Oh ja, wir sind voll in, wir Mütter. Oder wir glauben es zumindest. Bis zu dem Moment, in dem Töchterchen via WhatsApp wissen will: „Mama warum setzt du eigentlich am Ende jeder deiner Nachrichten einen Punkt… sowas macht doch heute kein Mensch mehr“

Und wenn du zur Antwort gibst, zu deinen Zeiten seien Punkte am Satzende eben noch voll in gewesen, bekommst du nicht nur ein Tränen lachendes Emoji zur Antwort, sondern eine ganze Reihe davon, weil Menschen, die nicht wissen, dass Punkte am Satzende etwas für die Schule, aber ganz bestimmt nichts für Social Media sind, einfach zum Brüllen komisch sind. 

img_2885

Déja-vu

Wer den Mann oder die Frau des Lebens in sehr jungen Jahren gefunden hat, kennt die Situation: Ihr verbringt einen netten Abend mit Freunden, die Stimmung ist wunderbar und du bist so locker drauf, dass du gerade heraus sagst, was du denkst. „Diese Hose ist potthässlich“, zum Beispiel. Oder: „Der Abend bei deinen Eltern war voll langweilig.“ Oder: „Picknicken finde ich total doof.“ Oder sonst irgend eine Sache, die man halt so sagt, wenn man glaubt, zu allem eine Meinung äussern zu müssen, weil man noch nicht begriffen hat, dass man jetzt einen geliebten, aber ausgesprochen sensiblen Menschen an seiner Seite hat. Und darum ist der Abend von diesem Moment an im Eimer. Solange die anderen noch dabei sind, fällt dir bloss auf, dass der Mann oder die Frau an deiner Seite plötzlich etwas kurz angebunden ist, sobald ihr aber alleine seid, geht es los mit dem ganzen „Du weisst doch, wie sehr es mich verletzt, wenn man mein Äusseres kritisiert und ich bin der einzige Mensch auf diesem Planeten, der meine Eltern nicht mögen darf und wenn du Picknicks nicht liebst, liebst du auch mich nicht.“ Im besten Fall seid ihr euch nach stundenlanger Gefülsanalyse, tausend Beteuerungen, dass es nicht so gemeint war und einer tränenreichen Versöhnung ein Schrittchen näher, als ihr es vorher wart. Im schlimmsten Fall kaut ihr drei Wochen lang an der Episode, ehe ihr endlich wieder so richtig verliebt seid.

Wenn ihr allmählich erwachsen werdet, lernt ihr, miteinander umzugehen. Falsche Bemerkungen geraten nicht mehr so leicht in den falschen Hals, jeder weiss vom anderen, wie die Dinge gemeint sind und irgendwann wird die Zeit zu zweit zu knapp, so dass ihr sie ganz bestimmt nicht mit banalen Streitereien vergeuden wollt. So kommt es, dass du dich allmählich wieder daran gewöhnst, ohne Rücksicht auf die Gefühle deiner Mitmenschen zu sagen, was du denkst. Du lässt dich wieder dazu verleiten, laut zu verkünden, wie hässlich du hellgraue Wände findest, wie doof ein bestimmter Comic deiner Meinung nach ist und was du über den Gebrauch von zu viel Parfum denkst. Tja, und dann sitzt da plötzlich ein Teenager vor dir, der dich mit grossen, traurigen Augen ansieht, weil du mit deiner herzlosen Aussage seine Gefühle verletzt hast und irgendwie kommt dir die Situation sehr bekannt vor. 

Im besten Fall seid der Teenager und du euch nach stundenlanger Gefülsanalyse, tausend Beteuerungen, dass es nicht so gemeint war und einer tränenreichen Versöhnung ein Schrittchen näher, als ihr es vorher wart. Im schlimmsten Fall kaut ihr drei Wochen lang an der Episode, ehe die Luft zwischen euch wieder richtig rein ist. Ob du dich je trauen wirst, wieder ganz entspannt deine Meinung zu äussern, ist fraglich. Der Satz „Meine Mutter hat immer so abschätzig… und darum habe ich es nie geschafft…“ kommt dir ja auch noch von irgendwo bekannt vor…


 

Der weibliche Teenager während der Schulferien

Vor längerer Zeit habe ich mal beschrieben, wie der männliche Teenager seine Schulferien hinter sich bringt. Heute möchte ich darüber berichten, wie das beim weiblichen Teenager vor sich geht:

Zu sehen bekommt man den weiblichen Teenager allerfrühestens vor dem Mittagessen, manchmal auch erst gegen 14 Uhr. Wortkarg macht sie sich am Küchenschrank zu schaffen. Sind Cornflakes da, füllt sie sich eine Schale und verschwindet wieder in ihrem Zimmer. Sind keine Cornflakes da, schimpft sie lauthals auf ihre Brüder, die immer alles wegfressen und schnappt sich sonst etwas Essbares, um damit im Zimmer zu verschwinden. Da auch alle anderen spät gefrühstückt haben, beschliesst du, heute aufs Kochen zu verzichten. Ein Entscheid, den du Mitte Nachmittag bitter bereuen wirst, weil dann ein ziemlich übel gelaunter weiblicher Teenager wissen will, ob du gedenkst, heute vielleicht irgendwann eine warme Mahlzeit auf den Tisch zu bringen.

Mit einem anständigen Zvieri lässt sich der knurrende Magen und damit der ganze Teenager besänftigen und du kannst dich wieder anderen Dingen zuwenden, denn sie muss sich jetzt der Körperpflege widmen. Gegen Abend ist sie nicht nur frisch geduscht, sauber angezogen und artig frisiert, sie hat auch ganz ohne deine Ermahnungen das unter Wasser stehende Badezimmer wieder sauber gemacht. Dann verschwindet sie wieder in ihrem Zimmer, das sie erst wieder verlässt, wenn sie zum Abendessen gerufen wird. In der Regel stochert sie bloss ein wenig in ihrem Teller rum, denn das späte Frühstück und der anständige Zvieri sind noch nicht ganz verdaut. Nachdem sie ihr Geschirr weggeräumt hat, verschwindet sie wieder nach oben, bis die kleinen Brüder in ihren Betten sind.

Irgendwann, so zwischen halb neun und halb elf, kommst du auf die Idee, du könntest dir jetzt allmählich den Feierabend gönnen. Du brauchst das nicht laut zu sagen, es reicht schon aus, es nur zu denken und schon kommt der weibliche Teenager frisch und munter angetrabt. Ist der grosse Bruder zu Hause, steigt in der Küche eine laute, lustige spätabendliche Party, die erst ein Ende nimmt, wenn ein entnervter Elternteil dem lustigen Treiben mit einer Standpauke ein Ende setzt. Ist der grosse Bruder nicht zu Hause, macht sie sich eben mit dir einen netten Abend. Sie hat dir ja soooooo viel zu erzählen. Vielleicht lässt du dich sogar zu einem Film oder zu einer Runde Online-Shopping überreden. Oder du hast ein paar Tipps für sie auf Lager, wie es ihr am nächsten Tag wohl am besten gelingen könnte, endlich ihr Zimmer aufzuräumen, denn das will sie in diesen Ferien unbedingt erledigen.

Auf alle Fälle hat sie jetzt richtig Lust, Zeit mit ihrer Mama zu verbringen. An guten Tagen freust du dich über die späte Mama-Tochter-Zeit, an weniger guten Tagen siehst du dich dazu gezwungen, ihr unmissverständlich klar zu machen, dass du morgen früh wieder zu sprechen wärest, wenn sie denn wach wäre. So oder so wirst du noch bis tief in die Nacht hinein von ihr hören, denn wenn ihr Tag erst nach dem Mittagessen so richtig angefangen hat, kann man ja wohl kaum erwarten, dass er bereits vor Mitternacht wieder zu Ende ist. 

img_2839

 

 

Traditionsvergessen

Nein, deswegen wird die Welt nicht untergehen. Sie hätte ja in diesen Tagen wahrlich genügend andere Gründe, sich in den Abgrund zu stürzen, um dem ganzen Elend ein Ende zu setzen, da wird es ihr also herzlich egal sein, was „Meiner“ und die Kinder aus meiner sorgfältig geplanten Guezli-Aktion gemacht haben. 

Ein friedliches gemeinsames Backen zum vierten Advent hätte es werden sollen. Mailänderli, Chräbeli, Zimtsterne und Spitzbuben. Mindestens. Vielleicht auch noch zwei oder drei Sorten mehr, je nachdem, wie lange die Freude anhalten würde. Ein netter Familienanlass, damit wir wenigstens in den eigenen vier Wänden ein paar Stunden heile Welt hätten, wo da draussen doch schon alle am Durchdrehen sind.

Tja, und dann kam am Donnerstag dieser Käfer, der mich so sehr ausser Gefecht gesetzt hat, dass die Familie am Freitagnachmittag besorgt an meinem Bett stand und wissen wollte, was bloss los sei mit mir, ich würde nur noch wirres Zeug von mir geben. Muss also wirklich ziemlich unverständlich gewesen sein, was ich da gebrabbelt habe, denn zumindest die Minderjährigen im Hause sind ja schon längst der Meinung, die Hälfte dessen, was aus meinem Mund komme, ergebe keinen Sinn. Weil ich inzwischen zwar wieder in der Lage bin, klare Gedanken zu fassen, aber noch zu schwach bin, um mit Wallholz und Teigschüssel zu hantieren, musste die Weihnachtsbäckerei ohne mich stattfinden.

Nun ist es leider so, dass „Meiner“, der sonst ein ausgesprochen vielseitiger und talentierter Mensch ist, vom Hochhalten heiliger Familientraditionen keine Ahnung hat. Und so wurde mein Backprogramm erst einmal um die Hälfte gekürzt – von den Suppléments, von denen ich geträumt hatte, wollen wir gar nicht erst zu reden anfangen. Da die Suche nach den Ausstechern, die nach der Küchenrenovation natürlich nicht mehr dort sind, wo sie einmal waren, nicht sogleich von Erfolg gekrönt war, wurde der Mailänderliteig halt mit Messern traktiert. Und weil man von einem vielbeschäftigten Menschen nicht erwarten kann, dass er ein Guezlirezept zu Ende liest, wanderten die Zimtsterne schon heute in den Ofen, wo sie doch eigentlich über Nacht hätten trocknen müssen. Kein schöner Anblick, das Ganze, muss ich leider sagen.

Damit kann ich leben, denn bis ich diesen fiesen Käfer endlich bezwungen habe, werden die missratenen Guezli ohnehin alle schon aufgegessen sein und ich muss sie mir nicht mehr ansehen. Bedenklicher finde ich, dass es denen da draussen vor der Krankenzimmertür einen Heidenspass gemacht hat, eine der schönsten Weihnachtstraditionen mit dem Messer zu taktieren. 

Zum Glück bietet mir die heutige Sonntagspresse wieder genügend Anlass, mir echte Sorgen zu machen. Sonst würde ich mich am Ende noch über meine Lieben ärgern und dann werde ich nie und nimmer rechtzeitig gesund, um wenigstens noch ein paar anständige Anis-Chräbeli zu backen. 

img_2752

 

 

 

Mangelnder Shopping-Enthusiasmus

Wenn andere Mütter mit ihren Töchtern Kleider kaufen:

„Wow! Dieser Style steht dir ja echt gut. Dazu brauchst du jetzt unbedingt noch eine passende Jacke und dann ist dein Look perfekt. Komm, ich zeige dir, wie du den Schal umbinden musst, damit dein Outfit richtig gut zur Geltung kommt. Okay, perfekt. Und jetzt dreh dich mal um, ich möchte noch sehen, wie das von hinten aussieht. Suuuuuper! Du hast deinen Look gefunden! Du musst einfach mutiger werden, zu deinem Style stehen, zur Geltung bringen, wie schön du bist. So, und jetzt probierst du noch das Kleid an. Dazu solltest du unbedingt eine schwarze, blickdichte Strumpfhose tragen. Das wird dann total heiss aussehen. Ach, und natürlich brauchst du ein Paar High Heels. Die besorgen wir auch noch gleich. Ich kann es kaum erwarten, dich darin zu sehen. Das Kleid passt dir wie angegossen. Stell dir mal vor, wie du erst aussehen wirst, wenn wir die richtigen Accessoires dazu gefunden haben. Ein Hammer-Outfit wird das…“ (Nein, das habe ich nicht erfunden. Das ist eine ziemlich wörtliche Widergabe dessen, was ich heute gehört habe.)

Wenn ich mit meiner Tochter Kleider für einen Teenie-Galaabend kaufe:

„Lass mal sehen. Sieht gut aus. Wirklich richtig schön. Wie? Du willst noch ein anderes Kleid anprobieren? Aber warum denn? Dieses hier ist doch perfekt. Na gut, dann probierst du die anderen eben auch noch an…“ Ich nicke vier weitere Kleider ab und gebe dann mein Schlussurteil bekannt: „Ja, ich finde auch, dass du das Grüne nehmen solltest. Sieht wirklich toll aus. Gut, dann brauchen wir jetzt nur noch eine passende Strumpfhose und dann können wir von hier verschwinden. Ach so, du brauchst ja noch Schuhe. Na, dann lass uns das möglichst schnell hinter uns bringen.“ Und natürlich bringe ich später, als sie beim Anprobieren der High Heels stolpert, nicht das eigentlich von mir erwartete: „Ach, mach dir keine Sorgen, mit etwas Übung schaffst du das schon und sonst buchen wir dir einen High-Heel-Kurs, damit du richtig elegant laufen lernst“ über die Lippen, sondern bloss etwas, was meine Tochter als schadenfreudiges Gelächter bezeichnen würde, was aber in Wirklichkeit natürlich allerhöchstens ein wohlwollendes Schmunzeln war. 

Nein, ich tauge wahrlich nicht als enthusiastische Shopping-Begleiterin. Dafür sage ich meiner Tochter manchmal auch dann, wenn sie vollkommen zerknittert aus dem Bett gekrochen kommt, wie hinreissend ich sie finde. (Zugegeben: Ich prüfe erst vorsichtig, ob die aktuelle Laune ein solches Kompliment erlaubt…)

15300668_1193362470699866_112457248_n