McDonaldisierung

Währenddem die McDonaldisierung unserer Gesellschaft ziemlich weit fortgeschritten ist, scheint sie in unserer Familie nicht vom Fleck zu kommen. Ja, ich würde gar soweit gehen und sie im Falle unserer zwei ältesten Kinder für gescheitert zu erklären. Karlsson, der an seinem Geburtstag am liebsten neben hausgemachter Leberpastete und hausgemachten Nudeln an Morchelsauce auch noch hausgemachte Blutwurst, hausgemachte Luxemburgerli und hausgemachte Truffes essen würde, ist ein bekennender Anhänger der Slow-Food-Bewegung. Ausserdem ist er in die Weltgeschichte eingegangen als das einzige Kind, das losgeheult und dann während des ganzen Essens leise geschluchzt hat, als es einmal bei McDonald’s essen musste.

Luises Haltung gegenüber dem Fastfood ist zwar nicht ganz so extrem ablehnend, aber auch sie kehrt lieber woanders ein, mit Vorliebe in einem romantischen Tea-Room, wo sie sich an geblümten Tassen, liebevoll dekorierten Tischen und mit Sahne verzierten Törtchen erfreut. Von solchen Erlebnissen schwärmt sie monatelang und die von ihr heiss geliebten Frauentage – ein Tag alleine mit Mama oder mit Mama und Au-Pair, wenn’s sein muss noch mit dem Prinzchen, aber andere Männer werden nicht geduldet – enden meist mit einem Besuch in einem Café oder Tea-Room. Man sieht also, auch hier hat es Ronald McDonald nicht so richtig geschafft, ein Kinderherz zu erobern.

An sich könnten „Meiner“ und ich mit diesem Resultat ganz zufrieden sein, denn genau dieses Ziel wollten wir erreichen, als wir uns vor vielen Jahren schweren Herzens dazu entschlossen hatten, unseren Kindern Besuche im Fast-Food-Tempel Nummer 1 nicht zu verwehren. Wir wollten, dass sie erkennen, dass vor lauter Fett triefendes, geschmackloses Essen nie und nimmer den Genuss bietet, den Essen eigentlich bieten könnte. Wären Karlsson und Luise unsere einzigen Kinder, wir könnten die Sache also ad Acta legen. Bekanntlich haben wird aber noch weitere Kinder und bei denen bleibt noch Einiges zu tun, bevor sie gleich weit sind wie die Grossen. Und so statteten wir Ronald McDonald heute nach dem Gottesdienst mal wieder einen Besuch ab. Gut, ich geb’s ja zu, es waren nicht alleine erzieherische Gründe, die uns dorthin geführt hatten. Ich hatte nämllich ausnahmsweise wirklich keine Lust auf Kochen und noch viel weniger auf das Aufräumen der Küche. Aber wenn ich schon die schlampige Mama hervorkehrte, dann sollte das Ganze wenigstens einem höheren Ziel dienen.

Jetzt, wo wir mit diesem eigenartigen Gefühl von Übersättigung und nagendem Hunger nach richtigem Essen wieder zu Hause angekommen sind, kann ich voller Freude verkünden, dass wir auf bestem Wege sind, auch die drei Jüngeren über kurz oder lang davon zu überzeugen, dass ein Leben ohne Fast Food ganz in Ordnung ist. Kaum waren wir angekommen, wollte der FeuerwehrRitterRömerPirat, der ein Langsamesser ist, besorgt von mir wissen: „Mama, darf man denn hier auch langsam essen?“ Aber natürlich darf man das, mein Sohn. Es ist bloss so, dass kalte Pommes Frites noch schlechter schmecken als heisse Pommes Frites und deswegen empfiehlt es sich, das Zeug so rasch als möglich in sich hinein zu schaufeln. Was der FeuerwehrRitterRömerPirat aber gar nicht kann, weshalb er ziemlich schnell den Spass am Essen verlor und sich viel lieber mit dem Prinzchen um das Herumschieben der Kinderstühle kümmerte.

Schön, der Dritte ist also auf gutem Wege, unser Erziehungsziel zu erreichen. Aber was ist mit dem Zoowärter, der momentan in dem Alter ist, in dem man sich für alles begeistert, was grellbunt und künstlich ist? Nun, der Zoowärter machte sich mit Begeisterung über das Essen her, erlebte dann aber eine herbe Enttäuschung, als er sein Spielzeug auspackte. Was sollte er bloss mit diesem langweiligen violett-braunen Vogel anfangen, wo es doch in der Vitrine dieses tolle, knallgrüne Etwas zu sehen gab? Wer schon mal versucht hat, einem Dreijährigen zu erklären, dass das, was in der Vitrine steht, wohl erst nächste Woche in der Happy-Meal-Schachtel liegen wird und dass die das extra machen, um die Kinder auch nächste Woche wieder anzulocken, der weiss, dass man ebenso gut einem Verdurstenden erklären könnte, er solle keine eisgekühlte Cola trinken, weil das Zeug zu klebrig und überhaupt nicht durstlöschend sei. Mir ist klar, dass es noch ein paar Jährchen dauern wird, bis auch der Zoowärter von McDonald’s die Nase voll hat, aber ich denke, mit dieser ersten niederschmetternden Enttäuschung ist schon mal ein guter Anfang gemacht.

Bleibt noch das Prinzchen, das im Moment weder für noch gegen Fast Food ist. Solange er ungehindert herumtoben kann, ist ihm Einerlei, ob das Essen gut oder schlecht, das Spielzeug schön oder hässlich ist. Und da Herumtoben bei McDonald’s bedeutend weniger problematisch ist als im Gourmet-Tempel, fürchte ich, dass des Prinzchens Herz in den nächsten Jahren für Chicken Nuggets, Pommes Frites & Co. schlagen wird.

Ach ja, wo wir gerade beim Thema sind: Hätte vielleicht jemand Zeit und Lust dazu, das kinderfreundliche, preiswerte, zentral gelegene Fast Food-Restaurant mit vollwertbiogesundaberschmackhaft Essen zu erfinden, das den Kindern pädagogisch wertvolle und garantiert nicht in Kinderarbeit hergestellte Spielsachen mit nach Hause gibt, das auch sonntags geöffnet ist und das natürlich seine Angestellten anständig entlöhnt? Die Idee geistert schon lange in meinem Kopf herum, aber ich habe gerade keine Zeit dazu und da wäre es doch nett, wenn sich jemand anders um die Sache kümmern könnte.

Zeit

Ist ja schon eine tolle Sache, eine Woche Familienferien. Nicht nur, weil das Wetter traumhaft ist und wir zum ersten Mal, seitdem wir Kinder haben, auf eine Art und Weise durch die Gegend streunen, die man schon fast „wandern“ nennen könnte. Nein, das veränderte Umfeld erlaubt uns auch andere Blicke auf unsere Kinder.

Da fällt einem zum Beispiel plötzlich wieder ganz neu auf, wie verloren sich Luise zuweilen zwischen all ihren Brüdern fühlt. Seit einiger Zeit hatte ich ja angefangen zu glauben, dass ich mir nur einbilde, dass Luise eine Schwester fehlt. Vielleicht projiziere ich ja nur meinen Wunsch nach einer zweiten Tochter in sie hinein? Sind wir in unserem gewohnten Umfeld, wo genügend Freundinnen und Cousinen um uns herum sind, dann fällt der Mangel kaum mehr auf. Doch kaum sind wir mal ganz unter uns, kommt die große Einsamkeit, die Sehnsucht nach einer Spielkameradin, die abends nicht nach Hause gehen muss und die ob der neusten Errungenschsft aus der Sylvanian Family ebenso ins Schwärmen gerät wie Luise und ihre Mama

Doch nicht alleine Luises Bedürfnisse treten hier klarer zu Tage, auch die Sehnsucht nach Ruhe, die den Zoowärter immer wieder dazu bringt, lauthals zu schreien, fällt hier mehr auf. Zu Hause, wo die Grossen oft ihr eigenes Programm haben, findet er immer wieder Möglichkeiten, sich zurückzuziehen, aber hier, wo wir alle rund um die Uhr beisammen sind, ist das arme Kind vollkommen überfordert. Und weil wir uns natürlich alle nach Ruhe und Erholung sehnen – warum sonst sollte man sich denn sonst den Stress machen, in die Ferien zu fahren- zerrt das zoowärtersche Wutgeschrei auch mehr an den Nerven und man fragt sich, wie man als Grossfamilie das Ruhebedürfnis eines Dreijährigen stillen kann, ohne alle anderern dazu zu verknurren, den ganzen Tag zu flüstern und zu schleichen.

Ein Familienurlaub bietet aber auch Gelegenheiten, einem einzelnen Kind besonders nahe zu sein. Zum Beispiel heute Nachmittag, als ich alleine mit dem Prinzchen nach Saas Fee fuhr, um eine Fondue-Mischung zu kaufen. Wann habe ich zum letzten Mal eine geschlagene Stunde gebraucht, um vom Parkplatz ins nahe gelegene Ortszentrum und wieder zurück zu gelangen? Weil das Prinzcheneben  jeden „Maa“, jede „Fauu“, jedes „ou, lueg Velooo“, jedes „loss“ genau anschauen wollte. Einfach wunderbar, wiedermal in die Welt eines Zweijährigen einzutauchen!

Aber auch zum Eintauchen in die Gedankenwelt unserer größeren Kinder bleibt mehr Zeit. Zum Beispiel, wenn man mit Karlsson, Luise und dem Au-Pair den Kapellenweg von Saas Fee nach Saas Grund unter die Füsse nimmt und –  angeregt durch die auf dem Weg dargestellten Szenen aus der Kreuzigungsgeschichte –  erfährt, wie die Kinder glauben, wie sie sich Gott vorstellen und wie den Himmel. Sehr spannend, aber auch leicht erschütternd, weil die Kinder mit Gott offenbar nicht ausschliesslich positive Dinge in Verbindung bringen, obschon wir uns doch sehr darum bemühen, dem frommen Druck, mit dem ich gross geworden bin, keinen Raum zu geben.

Ja, und dann hat man auch Zeit, sich anzuhören, wovon, der FeuerwehrRitterRömerPirat träumt, was in seinen Augen das perfekte Weihnachtsgeschenk ist, wie schwierig es für einen Sechsjährigen sein kann, ein Souvenir auszuwählen, weil man nie sicher sein kann, ob man nicht im nächsten Laden  noch etwas Schöneres findet.

Vergleiche ich diese Ferienwoche mit den Herbstferien vor einem Jahr, dann wird mir auch klar, dass da ein Rollenwechsel im Gange ist. Waren  „Meiner“ und ich letztes jahr noch die Animateure, werden wir jetzt immer mehr zu Coaches, die den Kindern die Sicherheit geben, dass wir für sie da sind. Den Rest des Programms meistern sie schon ziemlich selbständig. Ob sie nun unter der Führung von Karlsson das Frühstück zubereiten, sich eine abenteuerliche Verfolgungsjagd ausdenken, oder alle zusammen lauthals singend auf dem Spielplatz herumtollen – was übrigens vielen Einheimischen hier ziemlich sauer aufzustossen scheint – Eines ist immer gleich: „Meiner“ und ich dürfen uns immer öfter zurücklehnen und das Familienleben genießen.

Schön, das zwischen der anstrengenenden Baby- und Kleinkindphase  und den wohl nicht minder anstrengenden Teenagerjahren eine Zeit der Entspannung liegt.

Talking Tom

Man sollte ja wirklich erwarten können, dass eine mehr oder weniger erfahrene Mutter nicht so blöd ist, „Talking Tom“ auf ihr iPad zu laden, um ihren Kindern die Reise in die Ferien zu verkürzen. Nun, die meisten sind wohl nicht so blöd; ich aber schon.

Und seither haben unsere Kinder weder Augen für die schöne Bergwelt, noch für die Lamas vor dem Haus, noch für die Eishockeyspieler gegenüber. Sie wollen nur noch das Eine: Talking Tom, die Katze, die alles, was man ihr erzählt, mit Quietschstimme wiederholt, die Katze, die hemmungslos furzt, wenn man den richtigen Knopf drückt, die Katze, die einen mit Torten bewirft und die sich von zornigen kleinen Kindern k.o. schlagen lässt und danach doch wieder selig schnurrt, wenn man sie streichelt.

Weil Mama aber nur ein iPad zum Geburtstag geschenkt gekriegt hat, ist Talking Tom leicht überfordert mit den Ansturm, der da herrscht. Wie soll er denn wissen, was er zu tun hat, wenn Luise ihm Milch geben will, Karlsson ihm ein Lied singt, der FeuerwehrRitterRömerPirat auf ihn eindrischt, der Zoowärter ihn streichelt, das Prinzchen hundertmal „Hallo Büsi!“ruft, „Meiner“ zetert, sie sollten das iPad in Ruhe lassen und ich versuche, eine Ordnung ins Chaos zu bringen.

Weil mir der arme Tom etwas leid tut – und ich zudem nicht sicher bin, ob mein iPad für so viel Rummel geschaffen ist -, habe ich angefangen, Einzelsitzungen mit Tom anzubieten. Ein Kind nach dem anderen darf Tom und mich im Bad besuchen, wir schließen die Tür ab und dann darf das Kind mit Tom tun, was immer es möchte. Und während das Kind sich mit Tom befasst, erhasche ich ein paar Einblicke in das Wesen unserer Kinder.

Der Zoowärter zum Beispiel quatscht ohne Punkt und Komma, probiert verschiedene Tonlagen aus, erzählt ihm von seinem Leben und lacht sich halb krank über Toms Imitationen. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hingegen kann nicht genug davon kriegen, das arme Tier k.o. zu schlagen und es dann dazu zu bringen, sich durch Zerkratzen der Scheibe zu rächen. Luise sorgt danach dafür, dass Tom seine Streicheleinheiten bekommt und lässt ihn wissen, was für ein süßes Tier er doch sei. Karlsson schliesslich macht Stimmübungen mit Tom, probiert aus, wie es sich anhört, wenn er den Kater anbrüllt und ob das Tier auch tatsächlich seine höchsten Töne noch höher imitieren kann.

Einzig das Prinzchen hat noch keine speziellen Vorlieben im Umgang mit Tom gezeigt. Er vergöttert das Tier so sehr, dass er nicht mehr genug bekommen kann von all dem Spass. Und deshalb muss ich mich jetzt jedesmal, wenn ich mein iPad ganz für mich alleine haben will, ins Bad einschliessen, weil sonst das Prinzchen brüllt „Nei, miiiine Büsi!“ und mir das iPad entreißt.

Und so kommt es, dass ich die meiste Zeit unserer Ferien im Bad eingeschlossen verbringe.

Eins ist klar: Die Hippos, Igel und anderen Viecher, die mit Tom unter einer Decke stecken, werden nicht auf meim iPad geholt. Und dies nicht alleine, weil sie im Gegensatz zu Tom etwas kosten.

Entwicklungsschritte

Karlsson, der am Sonntagnachmittag einfach mal schnell den perfekten Hefezopf bäckt und zwar ganz ohne elterliche Hilfe.

Luise, die daneben sitzt, eine Bouillon zubereitet und mit Leidenschaft Petersilie für die Suppe schnippelt.

Was spielt es da für eine Rolle, dass die Küche nach der Aktion der beiden ausgesehen hat wie ein Schlachtfeld? Und dass der Enthusiasmus beim Aufräumen nicht mehr ganz der Gleiche war wie beim Kochen und Backen, das verstehen wir natürlich bestens. Wir waren doch auch mal Kinder….

Der FeuerwehrRitterRömerPirat, der endlich begreift, dass es ihn nicht umbringt, wenn er von jedem Essen ein ganz kleines bisschen probieren muss. Und der dann die Grösse hat, zuzugeben, dass es eigentlich ganz gut schmeckt, den ganzen Teller leerputzt und dann auch noch um einen Nachschlag bittet.

Der Zoowärter, der beim Anziehen der Schuhe hin und her überlegt, welcher Schuh an welchen Fuss gehört und der es dann meistens schafft, den rechten Schuh am rechten Fuss, den linken Schuh am linken Fuss zu tragen.

Das Prinzchen, das nicht mehr nur Lieder hören will, sondern sie auch selber singt. Zum Beispiel „buuuuhbä pumpedimumpedi!“, was ganz eindeutig eine Kleinkinderversion des Zoowärters Lieblingsliedes „Pooh Bär, wir mögen dich sehr. Rumpedibumpedi kommt er daher“ ist.

Dass das Prinzchen seine Stimmbänder nachts um halb eins in Betrieb nimmt, stört mich nicht im Geringsten. Ich finde es einfach nur hinreissend und schmelze schlaftrunken dahin.

Das Schönste am Ganzen ist, dass hier nicht die Erziehungskünste von „Meinem“ und mir endlich zum Blühen kommen, sondern dass die Kinder sich ganz von selbst zu entfalten beginnen. Einfach, weil die Zeit jetzt reif ist dafür und sie bereit sind, einen Schritt weiterzugehen. So langsam bekomme ich den Eindruck, dass es den Kindern reicht, zu wissen, dass sie diese Schritte gehen dürfen und dass sie, sollte etwas schief gehen, von uns aufgefangen werden.

Und wieder einmal wird mir bewusst, weshalb ich trotz aller Ermüdungserscheinungen, die der Job zwangsläufig mit sich bringt, so unglaublich gerne Mutter von mehreren Kindern bin.

Ach und übrigens: Das Bild, das in meinen Augen so perfekt zum Text passt, hat ausnahmsweise nicht „Meiner“ gemacht, sondern Luise, die so langsam ganz der Papa wird.

Was wird hier eigentlich gespielt?

Irgend etwas führen die im Schilde, „Meiner“, die Kinder und das Au-Pair. Seit Tagen schon schwirren sie grinsend um mich herum, zwinkern sich verschwörerisch zu und machen vieldeutige Bemerkungen. Und wenn ich frage, was denn los sei, schauen sie mich nur erstaunt an und meinen: „Was soll denn schon los sein?“ Schon vor zwei Wochen habe ich geahnt, dass da etwas im Busch ist, aber als ich „Meinen“ fragte, ob er und das Au-Pair irgend etwas ausheckten, da lachte er mich nur aus und behauptete, ich würde ihm nicht vertrauen. Danach vergass ich die Sache wieder, bis Luise vor ein paar Tagen zu Tode betrübt war, dass ich abends nicht mehr zur Gemeindeversammlung gehen mochte, weil sich das Prinzchen nicht wohl fühlte. „Aber Mama, du musst jetzt einfach weggehen. Papa und ich müssen noch unbedingt….“ Was Papa und Luise unbedingt noch mussten, habe ich nicht herausbekommen, weil „Meiner“ unserer einzigen Tochter schnell den Mund zugehalten hat. Aber dass die mir etwas verheimlichen, liess sich jetzt nicht mehr leugnen.

Richtig schlimm wurde es gestern. Da kam „Meiner“ so unglaublich spät von der Schule nach Hause, obschon er wusste, dass ich gleich zum Zahnarzt gehen musste. Als ich ihm an den Kopf warf, er sei doch einfach unmöglich, weil er jedes Mal, wenn ich einen Termin hätte, zu spät nach Hause kommt, grinste er nur und meinte: „Ich bin ja wegen dir zu spät gekommen. Ich musste noch etwas für dich erledigen.“ Was, bitte sehr, gibt es da für mich zu erledigen? Soweit mir bekannt ist, habe ich für einmal keine Befehle erteilt. Aber es wurde noch schlimmer. Schmierte ich Sandwiches, stand meine Familie grinsend daneben und machte dumme Bemerkungen. Stellte ich den Menüplan zusammen, ermahnten sie mich hundertmal für Samstag auf gar keinen Fall ein Mittagessen einzuplanen, weil dann „Karlsson und Luise so Brötchen backen wollen. Sie haben da ein interessantes Rezept gefunden.“ Und wenn ich sagte, hier sei etwas faul, brachen sie alle in lautes Gelächter aus und „Meiner“ versicherte mir, dass „wirklich gar nichts ist, oder zumindest nichts Grosses“.

Fast wäre ich so naiv gewesen, ihm zu glauben. Ja, die werden wohl irgend eine kleine Überraschung im engsten Familienkreis planen, dachte ich mir. Ich habe ja auch schon bald Geburtstag. Aber als ich heute Abend zur Kirche ging, um den neuen Pastor zu wählen, wünschte mir jemand einen wunderschönen Samstag und als ich wissen wollte, weshalb, schaute er mich nur vielsagend an. Als dann auch noch die daneben stehende Person bemerkte, ach ja, das von Samstag habe sie auch schon gehört, aber sie wisse nicht mehr, wer ihr das erzählt hätte, da wurde mir langsam mulmig. Was um Himmels willen läuft da bloss hinter meinem Rücken? Die werden doch nicht etwa die halbe Welt dazu verdonnern, irgend etwas zu tun, was mit mir zu tun hat.

So langsam kommt ein altbekanntes Gefühl in mir hoch: Ich fühle mich mal wieder wie Obelix, der nicht mitkriegt, was gespielt wird. Alle sind eingeweiht und lachen sich halb krank. Nur ich laufe nichts ahnend durch die Gegend und kann nicht begreifen, was die alle so lustig finden.

Nun ja, vielleicht bekomme ich ja am Samstag einen Haufen Römer, die ich vermöbeln darf….

Grosse Worte, II

Dass kleine Kinder gerne mit grossen Worten um sich werfen, weiss ich aus eigener Erfahrung. Ich war noch nicht im Kindergarten, als eines Tages ein älterer Herr im weissen Mercedes vor unserem Haus anhielt, um mich zu fragen, wo es denn nach Lenzburg gehe. Ich, die ich sonst eher schüchtern war, erkannte am Stern auf dem Auto einen Klassenfeind und meinte frech: „Das sag‘ ich dir nicht, du Kapitalist!“. Worauf der ältere Herr ziemlich verdutzt von dannen fuhr und vielleicht heute noch den Weg nach Lenzburg sucht.

Wie die Mutter, so die Kinder, könnte man denken, wenn man in diesen Tagen unseren Kindern zuhört. Da warteten wir zum Beispiel gestern etwas länger als gewöhnlich auf den Bus, den Kindern wurde langweilig und sie begannen, rund ums Wartehäuschen zu rennen. Irgendwann erweiterte der Zoowärter seinen Radius und rannte eine Treppe hoch, die zu einem Haus gehört, von dem in den vergangenen Wochen ruchbar geworden ist, dass hinter der harmlos wirkenden rosaroten Fassade nicht ganz so harmlose Dinge getrieben werden. Luise, die im Moment alles mitkriegt, was sie nicht mitkriegen sollte, zerrte ihren kleinen Bruder entsetzt von der Treppe und schrie: „Komm sofort weg von hier, Zoowärter! Das ist ein Puff! Da hast du nichts zu suchen.“

Während dem Zoowärter nach dieser Episode die Worte fehlten, weiss er ganz genau, welches Wort passt, wenn „Meiner“ und ich uns mal wieder darüber zanken, wie viel Geld man ausgeben darf, wenn alle vier Monate mal der Vertreter für Bouillon, Eistee, Gewürze und dergleichen  kommt. „Meiner“ findet, man dürfe gar nichts ausgeben, ich hingegen bin der Meinung, dass ein kleines bisschen doch nicht schaden kann, zumal wir den Vertreter schon seit einer halben Ewigkeit kennen. Wobei sich das „kleine bisschen“ meist zu einem ordentlichen Sümmchen anhäuft. Weil wir eben den Vertreter seit einer halben Ewigkeit kennen und man doch nicht so sein kann, wo doch das Los der Vertreter so unglaublich hart ist. Wir erklären gerade unserem Au-Pair, dass diese Vertreterbesuche bei uns einer der wenigen Streitpunkte unserer Ehe seien – was das Au-Pair mit einem mir vollkommen unverständlichen Grinsen auf den Stockzähnen quittiert – als der Zoowärter trocken hinter dem Trip Trap hervor bemerkt: „Ehekrise!“

Nun frage ich mich natürlich, woher um alles in der Welt der kleine, noch nicht vierjährige Zoowärter dieses unverschämte Wort kennt….

Nachlese

– Zwei sehr grosse, sehr schwere und sehr stinkige Abfallsäcke die Treppe herunter geschleppt
– Ein sehr schmutziges und sehr trauriges Prinzchen getröstet, weil es nicht mitkommen durfte, um einen sehr sauberen und sehr fröhlichen Zoowärter in der Spielgruppe abzuliefern
– Gejubelt, weil der Ständerat die Einsicht hatte, dass Kinderkrippen auch in den kommenden Jahren vom Staat unterstützt werden sollen. Pläne geschmiedet, wie wir so rasch als möglich das Gesuch stellen können, damit unser Familienzentrum auch davon profitiert
– Dem Au-Pair einen Crash-Kurs im Risottokochen erteilt, obschon sie dies wahrscheinlich auch ohne Crash-Kurs geschafft hätte
– Ein sehr schmutziges und sehr trauriges Prinzchen getröstet, weil es nicht mitkommen durfte, um einen nicht mehr ganz so sauberen und sehr müden Zoowärter von der Spielgruppe abzuholen
– Den Auftrag erteilt, dass wir nächste Woche eine neue Heizung bekommen weil uns ja so langweilig ist und wir ganz dringend mal wieder ein wenig Action im Haus haben müssen
– Zur Kenntnis genommen, dass sowohl Karlsson als auch Luise der Meinung sind, dass das Menü bei Nachbars heute ansprechender ist als zu Hause, weshalb sie nicht mit uns essen werden
– Ein Mittagessen lang den FeuerwehrRitterRömerPiraten und den Zoowärter davon abgehalten, einander die Köpfe einzuschlagen, weil sie einfach nicht damit klar kamen, dass wir ausnahmsweise nur zu viert am Tisch waren und deswegen die Auswahl an Streitpartnern arg eingeschränkt war
– 53 Viertklässler mit einem Vortrag zum Thema „Wie entsteht ein Buch?“und einem kurzen Werbespot für „Leone & Belladonna“ beglückt  und darüber gestaunt, wie wissbegierig diese Kinder doch sind
– Nach zwei sehr spannenden, erfrischenden Schulstunden  ein weiteres Mal gestaunt, weil man danach so ausgelaugt ist, als hätte man den Frühlings- und den Herbstputz an einem Stück erledigt
– Mich seeeeehr tief vor „Meinem“ verneigt, weil er es nicht nur schafft, seit zwölf Jahren ein engagierter Lehrer zu sein, sondern danach auch noch fast immer die Nerven hat, sich auf seine eigenen fünf Kinder einzulassen
– Vor einem riesigen Berg unerledigter Arbeit kapituliert, weil an einem unterbrochenen Bürotag einfach nichts mehr zu schaffen ist und weil das Telefon ohnehin alle drei Minuten klingelte
– Ausmalbilder ausgedruckt, weil Computer & Drucker sonst beleidigt gewesen wären, dass man sie an einem Bürotag einfach so links liegen lässt. Und natürlich auch, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat schon so lange darauf gewartet hat
– Mich auf dem Weg zu Luises Ballettstunde im Dorf, in dem ich seit elf Jahren lebe, so heillos verfahren, dass Luise beinahe zu spät gekommen wäre. Und das alles nur, weil ich so sehr in Gedanken vertieft war, dass ich die falsche Abzweigung erwischt habe
– Auf dem Heimweg von der Ballettstunde noch schnell mit Luise Käse in einer runden Schachtel gekauft, weil sie die Schachtel für den Werkunterricht braucht. Den Laden mit drei Käseschachteln verlassen, weil Luise nicht mehr wusste, wie gross sie sein muss. Wer den Münsterkäse essen wird, weiss ich nicht. Aber wir mussten ihn nehmen, weil Luise darauf bestand, dass seine Schachtel die perfekte Grösse hat.
– Den Monsterwocheneinkauf vom Lieferanten in Empfang genommen und mir angehört, wie erschöpft der Chauffeur nach einem langen Arbeitstag ist
– Auf der Treppe beinahe hingefallen, weil „Meiner“ mir mit einem Bier in der Hand entgegengerannt kam, als ich Taschen hochschleppen wollte.  Das Bier war übrigens für den übermüdeten Lieferanten, nicht für mich. Ich trinke kein Bier
– Dem Zoowärter „Is Muerters Stübeli“ gesungen
– Karlsson dazu bewegt, sich wieder einzukriegen, nachdem „Meiner“ so unverschämt gewesen war, ihn darum zu bitten, die Farbstifte im Garten zu holen
– Mich nach den Abendessen noch einmal aufgerafft, um zur Kleinguppe zu fahren
– In der Kleingruppe intensiv über meinen grossen frommen Schaden geredet und danach noch intensiver über unser aller grosse Frustration mit der Volksschule geklönt
– „Meinem“ eine gute Nacht gewünscht
– Eine Nachlese des Tages geschrieben und dabei gedacht „Wen interessiert das denn schon?“
– Den Post aus lauter Gewohnheit dennoch veröffentlicht

Kleine Spielverderber

Ausnahmsweise verzichte ich heute auf Namensnennungen. Denn die Kunst, uns einen schönen Moment zu versauen, beherrschen sie alle gleich gut, unsere lieben kleinen Vendittis und deswegen wäre es unfair, einzelne Kinder besonders zu erwähnen. Nehmen wir zum Beispiel heute Morgen: Seit Tagen schon hatten sich „Meiner“ und ich auf den heutigen Gottesdienst gefreut. Nun kann man sich natürlich darüber wundern, weshalb man sich tagelang auf einen Gottesdienst freut. Immerhin haben Predigten nicht gerade den besten Ruf. Aber zum Glück gibt es Kirchen, deren Gottesdienste Wellness für die Seele sind. Zeit, in sich zu gehen, still zu werden, zu staunen, Antworten zu suchen und neue Fragen zu finden. Einfach wunderbar. Besonders nach einer hektischen Woche, in der man kaum einmal zum Nachdenken gekommen ist.

Dumm nur, dass eines unserer Kinder sich zwar ebenso sehr auf den Kindergottesdienst freute, aber nicht begriffen hat, dass man sich auch anziehen und die Zähne putzen müsste, wenn der Vorfreude ein freudiges Erlebnis folgen soll. Kenner unserer Familie mögen erahnen, wer es hier fertig gebracht hat, mit viel Gebrüll, Herumtoben und Verweigern unsere Vorfreude zu dämpfen. So sehr, dass „Meiner“ am Ende mit dem störrischen Kind zu Hause blieb, während ich in der Kirche dennoch ein kleines bisschen Stille zu finden versuchte.

Um dem Tag doch noch eine gute Wendung zu geben, beschlossen „Meiner“ und ich, dass wir uns nach dem Mittagessen einen ausgedehnten Mittagsschlaf gönnen würden. Nach einer Woche, in der wir kaum je vor halb eins ins Bett gekommen waren, konnten wir ein wenig Zusatzschlaf gut gebrauchen. Weshalb wir schweren Herzens einen unserer Erziehungsgrundsätze brachen und die Kinder bei strahlendem Sonnenschein mit einer DVD beglückten. Was auch wieder tüchtig in die Hose ging, weil zwar alle DVD schauen wollten, ein Kind aber die Augsburger Puppenkiste ziemlich doof findet und deshalb lieber „Die Kinder aus der Krachmacherstrasse“ sehen wollte, den aber alle schon in- und auswendig kennen. Also wieder lautes Gebrüll, diesmal einfach aus einer anderen Kehle und deswegen etwas schriller. Was dazu führte, dass nicht nur des Prinzchens Mittagsschlaf drastisch gekürzt wurde, sondern auch dazu, dass der elterliche Mittagsschlaf ins Wasser fiel. Nun gut, wir haben dann in Schichten geschlafen, aber das ist einfach nicht das gleiche. Und einschlafen kann man auch nicht besonders gut, wenn man sich eben noch so sehr geärgert hat.

Ein weiterer Spassverderber brachte es fertig, dass „Meiner“ und ich schliesslich resignierten und zur Wunderwaffe „Eisessen am Küchentisch“ greifen mussten, um dem Gebrüll endlich ein Ende zu setzen. Kurz vor Feierabend mussten wir dann auch noch erkennen, dass hausgemachte Kürbisgnocchi mit dem ersten Butternut-Kürbis aus eigener Ernte nur halb so gut schmecken, wenn einer am Tisch ständig quengelt.

Nach einem solchen Tag bin ich ganz froh, dass mir keiner die Vorfreude auf morgen versauen kann. Wer freut sich denn schon auf den Montag?

Schimpfnamen

Jedes unserer Kinder hat zwei Vornamen. Weil wir das einfach schön finden. Weil man so in der Schweiz ganz unkompliziert seinen Namen ändern kann, wenn einem der von den Eltern gewählte erste Vorname nicht passt. Nun ja, zumindest wenn man den zweiten Namen besser mag als den ersten. Weil es so viele schöne Namen gibt und so wenig Kinder, die man mit schönen Namen versehen kann. Okay, ich geb’s ja zu, beim dritten Jungen wurde es langsam aber sicher schwierig mit den schönen Namen, beim vierten Sohn erst recht. Zumal wir noch eine ganze Liste mit wunderbaren Mädchennamen hatten, die noch immer auf eine Besitzerin warten. Aber man kann ja nicht mittendrin mit den Doppelnamen aufhören und so strengten wir uns eben ganz gewaltig an, um auch unsere zwei jüngsten Söhne mit je zwei Namen zu versehen, die unsere Herzen höher schlagen liessen.

Hätte ich mir doch bloss nicht diese blöde amerikanische Sitte zu eigen gemacht, beim Schimpfen das Kind mit Vor-, Mittel- und Nachnamen anszusprechen. Dann würde wohl kaum je einer an die Mittelnamen denken. Aber weil ich mir aus meinem Austauschjahr in Amerika ausgerechnet eine blöde Angewohnheit mit nach Hause nehmen wollte, tönt es heute etwa so, wenn ich mit meinen Kindern schimpfe: „Karlsson Josef* Venditti, jetzt hörst du augenblicklich damit auf, deine Schwester in den Hintern zu treten.“ Oder „Zoowärter Johannes Venditti! Es reicht jetzt mit deinem Gebrüll!“ Oder „Luise Daisy Venditti! Diesen Ton will ich nie wieder hören!“ Ganz besonders oft tönt es so: „FeuerwehrRitterRömerPirat Jakob Venditti! Zieh dich augenblicklich an, putz dir die Zähne und dann ab in den Kindergarten!“ Das liegt nicht etwa daran, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat ungezogener wäre als seine Geschwister, sondern daran, dass er viel konsequenter weghört, wenn Mama mit ihm schimpft. Und so kommt es eben, dass der Name Jakob deutlich öfter fällt als alle anderen Mittelnamen.

Was zur Folge hat, dass das Prinzchen, der seinen Mittelnamen übrigens noch äusserst selten zu hören bekommt, das Wort „Jakob“ für ein Schimpfwort hält. Woran ich das gemerkt habe? Nun, zum Beispiel daran, dass das Kerlchen, wenn die Duplosteine nicht aufeinander passen wollen, leise vor sich hin schimpft: „Mist! Jaggob! Bouet nöd.“ Was etwa so viel heissen soll wie „Mist! Jakob! Ich kann das Zeug nicht zusammenbauen!“ Oder er brüllt seine Schwester an: „Nei, Luise Jaggob! Höööö uuffff!“ womit er sagen will, Luise solle „zum Jakob nochmal“ endlich damit aufhören, ihm auf die Nerven zu fallen.

So ganz wohl ist mir nicht bei der Sache. Klar, ich bin froh dass das Prinzchen noch nicht mit Fäkalien um sich wirft – also, ich meine jetzt natürlich im verbalen Sinn -, aber so langsam fürchte ich, dass es dem FeuerwehrRitterRömerPiraten etwas zu schaffen macht, dass sein schöner Mittelname zum Schimpfnamen verkommt. Ob ich dem Kleinen vielleicht doch ein paar wüste Schimpfwörter beibringen soll? Natürlich nur, damit sein grosser Bruder nicht später beim Psychiater darüber jammern muss, man hätte ihn nicht geliebt.

* Alle Mittelnamen geändert. Ihr glaubt doch nicht etwa, dass ich die hier preisgebe, oder?

Bilderbuchtag

Ja, auch die gibt es hier. Selten zwar, aber dafür sind sie umso schöner.

Die Tage, an denen Luise und das Tageskind so sehr in ihr Puppenspiel vertieft sind, dass das Tageskind gar nicht erst auf den Gedanken kommt, seine Mama zu vermissen.

Die Tage, an denen Karlsson fast ganz ohne Mamas Hilfe Zimtwecken backt – unser Karlsson isst die Dinger zum Glück nicht nur in rauhen Mengen, er macht sie auch in einer Menge, dass die ganze Familie davon satt wird – und einen Hefeteig zustande bekommt, der so schön glatt und weich ist wie ein frisch gewaschener Babypo.

Die Tage, an denen der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat den Altweibersommer auf der Schaukel geniessen und so laut singen, dass ich aus lauter Gewohnheit panisch in den Garten renne, weil ich meine, einer sei am Heulen.

Die Tage, an denen der FeuerwehrRitterRömerPirat sagt: „Mama, ich möchte einen Zvieri essen. Haben wir etwas, was nicht zu süss ist?“ Und als ich ihn frage, ob er nicht einen Pfirsich und ein paar Trauben essen möchte, die Antwort bekomme: „Nein, in den Früchten drin hat’s ja auch Zucker. Ich meine etwas, was die Zähne überhaupt nicht kaputt macht.“

Die Tage, an denen Karlsson und Luise alleine und ohne sich zu streiten ins Dorf ziehen, um Butter und Kardamom – „und Hagelzucker Mama, den Hagelzucker dürfen wir auch nicht vergessen!“ – zu kaufen. Und wenn man ihnen erklären will, wo sie alles finden, bekommt man die folgende freundliche Antwort: „Wir finden uns schon zurecht. Du musst uns nicht alles erklären. Und wenn wir etwas nicht finden, dann fragen wir eben.“

Die Tage, an denen das Au-Pair mit dem frisch ausgeschlafenen und fröhlichen Prinzchen loszieht, um seine Herbstgarderobe einzukaufen.

Die Tage, an denen ganz unerwartet ein ausgedehnter Mittagsschlaf drin liegt.

Die Tage, an denen „Meiner“ sich auf dem Dach der Garage eine Stunde lang in die Zeitung vertiefen kann, ohne nur einmal von einem quengelnden Kind gestört zu werden. Und was daran fast noch erstaunlicher ist: Auch ich, die ich in dieser Zeit eigentlich die Aufsicht hätte, werde nicht von quengelnden Kindern gestört, sondern höchstens von äusserst zufriedenen kleinen Vendittis hin und wieder um ein Sandwich oder um einen Rat gebeten.

Die Tage, an denen man trotz all den Streitereien, Trotzanfällen und „Ich will jetzt aber und zwar sofort!!!!!“, die man in den vergangenen Jahren miterlebt hat, wieder einmal glaubt, dass Bullerbü kein Hirngespinst, sondern eine Zusammenfassung aller Sternstunden einer Kindheit ist. So ganz nach dem Motto: „Das Gute behaltet…“

Von mir aus dürften die Tage öfters so sein.

Kleiner Nachtrag: Wenn dann auch noch Karlsson und Luise vom Einkauf einen himmlisch duftenden Herbststrauss mitbringen, den sie auf dem Heimweg gepflückt haben,  dann muss ich mich in den Arm kneifen. Bin ich wach? Träume ich? Oder bin ich, ohne es zu merken, in die Dreharbeiten für einen Heimatfilm geraten?