Reise(un)fertig

Seit Tagen schon hatten wir alle auf morgen hingefiebert. Die Kinder, weil sie es kaum erwarten können, bis sie endlich drei Tage mit (Paten)tante, Grossvater, Freunden,  Au Pair und was es sonst noch für liebe Menschen auf diesem Planeten gibt, verbringen dürfen, „Meiner“ und ich, weil wir nach bald zehn Jahren mal wieder einen Kurzausflug nach Prag machen dürfen. Prag, das ist die Stadt, die wir am meisten lieben. Die Stadt, die wir wenige Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auf der Maturareise besuchten, die Stadt, die wir ein paar Jahre später auf unserem Interrail-Trip durch Osteuropa kaum mehr wieder erkannten, weil sie so touristisch geworden war, die Stadt, die unser erstes Reiseziel nach Karlssons Geburt war. Und morgen früh wollen wir uns ein viertes Mal auf den Weg machen, diesmal mit dem Ziel, dem Alltag mit all seinen Belastungen, die in letzter Zeit ein Übermass angenommen haben, für ein paar Tage zu entfliehen. Damit das Ganze nicht allzu sehr nach Freizeit aussieht, habe ich dem Kurztrip den Anstrich einer Vor-Ort-Recherche verpasst, denn es gibt da in der Nähe von Prag etwas, was in einer Geschichte, die vielleicht eines Tages werden soll, eine Rolle spielt.

Darauf also haben wir uns alle gefreut und Luise hat mich diese Woche immer und immer wieder gefragt: „Wann geht ihr denn endlich weg? Ich will euch jetzt los sein.“ Fas schon hätte ich mir ihre Bemerkungen zu Herzen genommen und einmal mehr an meinen mütterlichen Qualitäten gezweifelt. Aber weil ich meine Tochter nur zu gut kenne, habe ich der Sache dann doch nicht zu viel Bedeutung beigemessen. Und siehe da, heute Abend beim Gutenachtsagen kamen die Tränen. Erstaunlicherweise war der FeuerwehrRitterRömerPirat der Erste, der still und leise in seinen Riesenteddy schluchzte, aber bald stimmte auch Luise ein und Karlsson sass mit besorgtem Gesichtsausdruck still daneben. Der Zoowärter begriff zwar noch nicht so ganz, weshalb alle so traurig waren, aber wo die Stimmung schon so gedrückt war, konnte er ja auch gleich nach seinem winzigen Plastikkönig schreien, den er heute aus dem Dreikönigskuchen gefischt hatte. Einzig das Prinzchen blieb gelassen und mahnte die anderen, sie müssten doch nicht so traurig sein. Auch „Meiner“ und ich heulten nicht, aber nur, weil wir nicht wollten, dass der Abschied noch trauriger wird. Ich weiss ja nicht, wie es „Meinem“ dabei erging, aber ich für meinen Teil musste mich ganz gewaltig zusammennehmen, damit ich nicht zum Telefon griff, um die Reise abzusagen.

Ich habe es dann doch nicht getan. Weil ich weiss, dass die Kinder bestens aufgehoben sind. Weil ich weiss, dass „Meiner“ und ich mal wieder eine Auszeit brauchen. Weil ich weiss, dass Prag mich erneut in seinen Bann ziehen wird, auch wenn es bestimmt wieder ganz anders sein wird als beim letzen Mal.

Selber Schuld

Gewöhnlich fällt es mir ja nicht leicht, nach ein paar schönen Ferientagen die Koffer wieder zu packen und nach Hause zu fahren. Diesemal aber kann ich es kaum mehr erwarten, bis wir hier raus sind.

Was eigentlich völlig widersinnig ist, wo wir doch prächtiges Wetter hatten, bestens gelaunte Kinder und dank der Unterstützung des Au-Pairs auch weitaus weniger Stress als gewöhnlich. Und das Sahehäubchen obendrauf: Genug Ferienlektüre, weil dank iPad die Schlepperei entfällt. Besser könnten Ferien nicht sein.

Und doch habe ich mir all dies versauen lassen durch eine Person, die uns ganz offensichtlich nicht leiden kann und die es ebenfalls kaum erwarten kann, bis wir weg sind. Warum sonst hätte sie heute mehrmals nachgefragt, ob wir morgen nicht vielleicht doch etwas vor zehn Uhr abreisen würden?

Anstatt meine freien Stunden zu geniessen, habe ich also Beschwerdemails an den Ferienanbieter verfasst, anstatt davon zu schwärmen, wie schön der Spaziergang mit den Kindern war, habe ich mich darüber ausgelassen, wie ärgerlich es doch ist, dass es der Vermieterin am Allerwertesten vorbeigeht, dass der Geschirrspüler kaputt ist und ich nun von Hand abwaschen muss. Anstatt einfach woanders einzukaufen, schimpfe ich nach jedem Einkauf im hausinternen Laden über die unfreundliche Bedienung.

Klar, das alles ist ärgerlich und ich kann wirklich nicht verstehen, weshalb man Gäste nicht so behandelt, dass sie gerne wieder kommen würden. Aber muss ich mir deswegen gleich alles vermiesen lassen? Kann ich nicht die Gelassenheit aufbringen, auf den Berg zu klettern und über all dem Mist zu stehen? Und bin ich mit dem Sündenregister, das ich geführt habe, nicht genau so kleinlich wie die Vermieterin, die sich alles, was im Laufe der Tage in die Brüche gegangen ist, haarklein notiert und auf Franken und Rappen genau abgerechnet hat.

So gesehen bin ich also ganz selber Schuld, dass die Ferien nicht das waren, was ich mir eigentlich erträumt hätte.

Familien(un)freundlich

Lange Zeit glaubte ich, familienfreundliche Ferien könne man nur im Ausland machen. In London zum Beispiel, wo dir die Banker sogar während der Rush Hour helfen, den Kinderwagen zu schleppen. Oder in Südengland, wo sie dich milde anlächeln, wenn dein Baby im Schloss die Milch auf den Fussboden spuckt und dabei den teuren Teppich aus dem sechzehnten Jahrhundert nur um Haaresbreite verfehlt. Oder in Österreich, wo du dich kaum entschliessen kannst, welches Familienhotel du nun buchen sollst, weil jeder Hotelier versucht, den anderen in seiner Familienfreundlichkeit zu übertreffen.

Dass man auch in der Schweiz familienfreundliche Ferien machen kann, weiss ich erst seit ein paar Tagen. Mit Erstaunen stelle ich fest, dass es auch hierzulande tolle Kinderspielplätze gibt, dass es auch in der Schweiz Hoteliers gibt, welche die Kinder zum Malnachmittag einladen oder Ladenbesitzer, die mit den Kindern basteln.  Schön, dass ich auch in meiner Heimat kinderfreundlichen Tourismus finde. Schön, dass ich mich geirrt habe, als ich glaubte, sowas gebe es nur im Ausland.

Und dennoch ist meine Freude getrübt. Denn auch wenn die äusseren Formen mit  coolen Spielplätzen, abwechslungsreichem Kinderprogramm, Kinderbetten und Hochstühlen erfüllt sind, so  richtig in Fleisch und Blut übergegangen ist die Kinderfreundlichkeit den Schweizern nicht.

Wie sonst soll ich mir erklären, dass Kinder morgens um zehn auf dem zur Ferienwohnung gehörenden Spielplatz zurechtgewiesen werden, weil sie „zu laut sind und das Aufschlagen der Wippe im unter dem Spielplatz liegenden Laden stört“? Da wird ein Spielplatz hingestellt, um Kinder anzulocken, aber wenn sie kommen, nimmt man ihnen übel dass man sie hört. Als könnten die Kinder etwas dafür, dass unter dem Spielplatz ein Laden liegt.

Oder nehmen wir ein anderes Beispiel: Da baut man neben der Bergstation der Seilbahn diesen grossartigen Abenteuerspielplatz mit Wasserläufen, Klettergerüsten und Höhlen und dann bringt man ein Schild an, dass Kindern unter drei Jahren den Zutritt verwehrt. Was dazu führt, dass alle Familien, die sich in der Familienplanung nicht nach diesen Vorschriften gerichtet haben, ihre kleineren Kinder mit Gewalt vom Vergnügen der grossen Geschwister fernhalten müssen. Dass das „Problem“ auch durch einen eigenen Kleinkinderbereich hätte behoben werden können, daran scheint keiner gedacht zu  haben.

Oder reden wir mal kurz über das liebe Geld und was dazu gehört: Inzwischen hat man auch in der Schweiz begriffen, dass man Familien mit Sonderangeboten anlocken  könnte. Das Problem ist nur, dass man im Schweizer Tourismus Familie offenbar als Mama, Papa und Einzelkind definiert. Schon ab dem zweiten Kind wird’s bedeutend teurer, ab dem Dritten schenkt es so richtig ein. So hätten wir zum Beispiel seinerzeit für den FeuerwehrRitterRömerPiraten pro Ferienwoche satte 600 Franken Aufpreis bezahlt, obschon das Kind noch voll gestillt wurde und im Elternbett schlief. Einfach, weil das dritte Kind eines zuviel war. Gut, man könnte jetzt einwenden, das sei lange her und inzwischen habe sich das bestimt gebessert. Doch leider musste ich bei meiner Suche nach guten Ferienangeboten feststellen, dass sich hier nichts geändert hat, auch wenn inzwischen die Familie mit drei Kindern zum Normalfall geworden ist. Dass man auf Grossfamilien kaum Rücksicht nimmt, damit habe ich mich abgefunden, aber dass man nicht sehen will, dass die heutige Schweizer Durchschnittsfamilie etwas grösser ist als auch schon, das kann und will ich nicht begreifen.

So langsam dämert mir, dass sich zwar äusserlich in Sachen Familienfreundlichkeit Einiges getan hat, dass Kinder an sich aber nach wie vor oftmals als notwendiges Übel angeschaut werden. Ein notwendiges Übel, dem man eben ein klein wenig entgegenkommen muss, wenn man eine jüngere Zielgruppe ansprechen will. Der Schweizer Tourismus kann ja nicht alleine von Japanern, Chinesen und Rentnern leben.

Zeit

Ist ja schon eine tolle Sache, eine Woche Familienferien. Nicht nur, weil das Wetter traumhaft ist und wir zum ersten Mal, seitdem wir Kinder haben, auf eine Art und Weise durch die Gegend streunen, die man schon fast „wandern“ nennen könnte. Nein, das veränderte Umfeld erlaubt uns auch andere Blicke auf unsere Kinder.

Da fällt einem zum Beispiel plötzlich wieder ganz neu auf, wie verloren sich Luise zuweilen zwischen all ihren Brüdern fühlt. Seit einiger Zeit hatte ich ja angefangen zu glauben, dass ich mir nur einbilde, dass Luise eine Schwester fehlt. Vielleicht projiziere ich ja nur meinen Wunsch nach einer zweiten Tochter in sie hinein? Sind wir in unserem gewohnten Umfeld, wo genügend Freundinnen und Cousinen um uns herum sind, dann fällt der Mangel kaum mehr auf. Doch kaum sind wir mal ganz unter uns, kommt die große Einsamkeit, die Sehnsucht nach einer Spielkameradin, die abends nicht nach Hause gehen muss und die ob der neusten Errungenschsft aus der Sylvanian Family ebenso ins Schwärmen gerät wie Luise und ihre Mama

Doch nicht alleine Luises Bedürfnisse treten hier klarer zu Tage, auch die Sehnsucht nach Ruhe, die den Zoowärter immer wieder dazu bringt, lauthals zu schreien, fällt hier mehr auf. Zu Hause, wo die Grossen oft ihr eigenes Programm haben, findet er immer wieder Möglichkeiten, sich zurückzuziehen, aber hier, wo wir alle rund um die Uhr beisammen sind, ist das arme Kind vollkommen überfordert. Und weil wir uns natürlich alle nach Ruhe und Erholung sehnen – warum sonst sollte man sich denn sonst den Stress machen, in die Ferien zu fahren- zerrt das zoowärtersche Wutgeschrei auch mehr an den Nerven und man fragt sich, wie man als Grossfamilie das Ruhebedürfnis eines Dreijährigen stillen kann, ohne alle anderern dazu zu verknurren, den ganzen Tag zu flüstern und zu schleichen.

Ein Familienurlaub bietet aber auch Gelegenheiten, einem einzelnen Kind besonders nahe zu sein. Zum Beispiel heute Nachmittag, als ich alleine mit dem Prinzchen nach Saas Fee fuhr, um eine Fondue-Mischung zu kaufen. Wann habe ich zum letzten Mal eine geschlagene Stunde gebraucht, um vom Parkplatz ins nahe gelegene Ortszentrum und wieder zurück zu gelangen? Weil das Prinzcheneben  jeden „Maa“, jede „Fauu“, jedes „ou, lueg Velooo“, jedes „loss“ genau anschauen wollte. Einfach wunderbar, wiedermal in die Welt eines Zweijährigen einzutauchen!

Aber auch zum Eintauchen in die Gedankenwelt unserer größeren Kinder bleibt mehr Zeit. Zum Beispiel, wenn man mit Karlsson, Luise und dem Au-Pair den Kapellenweg von Saas Fee nach Saas Grund unter die Füsse nimmt und –  angeregt durch die auf dem Weg dargestellten Szenen aus der Kreuzigungsgeschichte –  erfährt, wie die Kinder glauben, wie sie sich Gott vorstellen und wie den Himmel. Sehr spannend, aber auch leicht erschütternd, weil die Kinder mit Gott offenbar nicht ausschliesslich positive Dinge in Verbindung bringen, obschon wir uns doch sehr darum bemühen, dem frommen Druck, mit dem ich gross geworden bin, keinen Raum zu geben.

Ja, und dann hat man auch Zeit, sich anzuhören, wovon, der FeuerwehrRitterRömerPirat träumt, was in seinen Augen das perfekte Weihnachtsgeschenk ist, wie schwierig es für einen Sechsjährigen sein kann, ein Souvenir auszuwählen, weil man nie sicher sein kann, ob man nicht im nächsten Laden  noch etwas Schöneres findet.

Vergleiche ich diese Ferienwoche mit den Herbstferien vor einem Jahr, dann wird mir auch klar, dass da ein Rollenwechsel im Gange ist. Waren  „Meiner“ und ich letztes jahr noch die Animateure, werden wir jetzt immer mehr zu Coaches, die den Kindern die Sicherheit geben, dass wir für sie da sind. Den Rest des Programms meistern sie schon ziemlich selbständig. Ob sie nun unter der Führung von Karlsson das Frühstück zubereiten, sich eine abenteuerliche Verfolgungsjagd ausdenken, oder alle zusammen lauthals singend auf dem Spielplatz herumtollen – was übrigens vielen Einheimischen hier ziemlich sauer aufzustossen scheint – Eines ist immer gleich: „Meiner“ und ich dürfen uns immer öfter zurücklehnen und das Familienleben genießen.

Schön, das zwischen der anstrengenenden Baby- und Kleinkindphase  und den wohl nicht minder anstrengenden Teenagerjahren eine Zeit der Entspannung liegt.

Talking Tom

Man sollte ja wirklich erwarten können, dass eine mehr oder weniger erfahrene Mutter nicht so blöd ist, „Talking Tom“ auf ihr iPad zu laden, um ihren Kindern die Reise in die Ferien zu verkürzen. Nun, die meisten sind wohl nicht so blöd; ich aber schon.

Und seither haben unsere Kinder weder Augen für die schöne Bergwelt, noch für die Lamas vor dem Haus, noch für die Eishockeyspieler gegenüber. Sie wollen nur noch das Eine: Talking Tom, die Katze, die alles, was man ihr erzählt, mit Quietschstimme wiederholt, die Katze, die hemmungslos furzt, wenn man den richtigen Knopf drückt, die Katze, die einen mit Torten bewirft und die sich von zornigen kleinen Kindern k.o. schlagen lässt und danach doch wieder selig schnurrt, wenn man sie streichelt.

Weil Mama aber nur ein iPad zum Geburtstag geschenkt gekriegt hat, ist Talking Tom leicht überfordert mit den Ansturm, der da herrscht. Wie soll er denn wissen, was er zu tun hat, wenn Luise ihm Milch geben will, Karlsson ihm ein Lied singt, der FeuerwehrRitterRömerPirat auf ihn eindrischt, der Zoowärter ihn streichelt, das Prinzchen hundertmal „Hallo Büsi!“ruft, „Meiner“ zetert, sie sollten das iPad in Ruhe lassen und ich versuche, eine Ordnung ins Chaos zu bringen.

Weil mir der arme Tom etwas leid tut – und ich zudem nicht sicher bin, ob mein iPad für so viel Rummel geschaffen ist -, habe ich angefangen, Einzelsitzungen mit Tom anzubieten. Ein Kind nach dem anderen darf Tom und mich im Bad besuchen, wir schließen die Tür ab und dann darf das Kind mit Tom tun, was immer es möchte. Und während das Kind sich mit Tom befasst, erhasche ich ein paar Einblicke in das Wesen unserer Kinder.

Der Zoowärter zum Beispiel quatscht ohne Punkt und Komma, probiert verschiedene Tonlagen aus, erzählt ihm von seinem Leben und lacht sich halb krank über Toms Imitationen. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hingegen kann nicht genug davon kriegen, das arme Tier k.o. zu schlagen und es dann dazu zu bringen, sich durch Zerkratzen der Scheibe zu rächen. Luise sorgt danach dafür, dass Tom seine Streicheleinheiten bekommt und lässt ihn wissen, was für ein süßes Tier er doch sei. Karlsson schliesslich macht Stimmübungen mit Tom, probiert aus, wie es sich anhört, wenn er den Kater anbrüllt und ob das Tier auch tatsächlich seine höchsten Töne noch höher imitieren kann.

Einzig das Prinzchen hat noch keine speziellen Vorlieben im Umgang mit Tom gezeigt. Er vergöttert das Tier so sehr, dass er nicht mehr genug bekommen kann von all dem Spass. Und deshalb muss ich mich jetzt jedesmal, wenn ich mein iPad ganz für mich alleine haben will, ins Bad einschliessen, weil sonst das Prinzchen brüllt „Nei, miiiine Büsi!“ und mir das iPad entreißt.

Und so kommt es, dass ich die meiste Zeit unserer Ferien im Bad eingeschlossen verbringe.

Eins ist klar: Die Hippos, Igel und anderen Viecher, die mit Tom unter einer Decke stecken, werden nicht auf meim iPad geholt. Und dies nicht alleine, weil sie im Gegensatz zu Tom etwas kosten.

Peace

Eine Tafel Schokolade, eine nette Entschuldigung und ein Hinweis, dass wir das von gestern nicht ganz so nett gefunden haben und schon ist die Sache wieder im Lot und unsere Kinder werden mit Überraschungseier entschädigt. An manchen Tagen bin ich einfach stolz auf die diplomatischen Fähigkeiten von „Meinem“, auch wenn er selber das wenig schmeichelhaft unter dem Kapitel „Schleimen“ abbucht.

Ach, wie nett

Um eines vorweg klar zu stellen: Ich finde es nicht in Ordnung, wenn eines meiner Kinder mitten auf dem Spielplatz des Ferienhauses pinkelt. Um noch eines klar zu stellen: Ich habe meinen Kindern schon mehrmals verboten, auf irgend welchen öffentlichen Plätzen zu pinkeln. Und um noch etwas klar zu stellen: Von mir haben sie das nicht.

Jetzt, wo diese drei Dinge geklärt sind, kann ich ja erzählen, wie sehr es mich nervt, wenn die Mutter des Ferienhausbesitzers zuerst unsere Kinder zur Schnecke macht und dann „Meinen“ und mich anschnauzt, dass das nicht angehen könne, dass unser Sohn sowas tue. Dass sie noch nie so etwas Unerhörtes erlebt habe und dass unsere Kinder gefälligst alle Spielsachen auf dem Spielplatz wegräumen sollten, obschon sie noch mitten im Spiel waren. Und dann kann man uns ja gleich noch anmotzen, wir hätten unser Auto falsch geparkt.

Wirklich ein netter erster Kontakt mit der Vertretung unseres Vermieters. Dass der kleine Wildpinkler noch keine vier Jahre alt ist, dass seine grossen Geschwister ihn mit aller Überredungskunst davon abhalten wollten, dass sich unsere Kinder bis anhin außer dieser kleinen Episode nichts haben zu Schulden lassen kommen, dass uns bei unserer Ankunft keiner gesagt hat, wo wir unser Auto hinstellen müssten, dass wir eine „familienfreundliche“ Ferienwohnung gemietet haben, dass diese Wohnung die ganze Woche leer stehen würde, hätten wir uns nicht in letzter Minute ihrer erbarmt, all dies hat die gute Frau geflissentlich übersehen.

Ist doch nett, dass unsere Kinder sich bereits am zweiten Ferientag nicht mehr auf den Spielplatz trauen. Und dass ich mir zum ersten Mal in meinem Leben überlege, ob ich diese Woche vielleicht lieber bei Coop einkaufen soll, auch wenn wir die Migros im Hause haben. Denn da die nette Frau in der Migros arbeitet, habe ich ein kleines bisschen Angst, dass ich beim Einkauf etwas falsch machen könnte. Und eine kalte Dusche pro Ferienwoche reicht mir eigentlich vollauf.

Last Minute

Warum müssen wir bloß immer alles wörtlich nehmen? Klar, Last Minute-Ferien bucht man erst ein paar Tage vor der Abreise, aber mit Packen und Organisieren sollte man nun wirklich nicht bis zum letzen Augenblick warten. Gut, der Fairness halber muss man sagen, dass wir eigentlich gestern Abend hätten anfangen wollen, aber weil die Kinder bockig waren, haben wir die Sache auf heute früh verschoben. Wir konnten ja nicht wissen, dass das Prinzchen die halbe Nacht Radau machen würde und wir uns deswegen verschlafen würden.

Ja, und dann wurde die Sache halt ein wenig chaotisch: Der Wäscheberg, der wegen der Bauarbeiten im Keller liegengeblieben war, musste noch ganz schnell gewaschen werden, der Kühlschrank musste geputzt werden, wo er schon mal leer war, Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat brauchten neue Unterwäsche, weshalb noch ein kurzer Abstecher zu H & M nötig wurde, ja, und dann war da noch diese Taufe, zu der wir eingeladen waren, weil „Meiner“ Pate des Kindes ist.

Als dann „Meiner“ auch noch mit drei Kindern den Zug zur Tauffeier verpasste und wir das Auto meiner Mutter organisieren mussten, weil wir aus ökologischen Gründen nur einen Fünfplätzer haben, da wurde ich dann mal kurz hysterisch, aber nachdem wir alle mehr oder weniger rechtzeitig zur Taufe, oder zumindest zum Essen danach erschienen waren, beruhigte ich mich wieder.

Nach der Taufe blieb dann eigentlich nicht mehr viel zu tun: Nur noch sämtliche Kleider für „Meinen“, das Prinzchen und den Zoowärter packen, Brote schmieren, das Auto beladen, Holzpellets besorgen, damit meine Mutter während unserer Abwesenheit nicht frieren muss, Medikamente holen, herausfinden, wie das mit dem Autoverlad am Lötschberg läuft, herausfinden, wo das Wallis überhaupt liegt, den Fahrplan für die mit dem Zug reisende Delegation überprüfen und dann noch kurz die längst überfälligen Bücher in die Bibliothek zurückbringen. Aber da wir noch volle fünfundvierzig Minuten Zeit hatten, war das ja ein Klacks.

Irgendwie schafften wir es, ganze fünf Minuten zu früh auf dem Bahnperron zu stehen und hätten wir uns in Saas Grund nicht in der Postauto-Haltestelle geirrt, wir wären bestimmt pünktlich in unserer Ferienwohnung angekommen. So aber durften wir kurz nach dem Eindunkeln irgendwo zwischen Saas Grund und Saas Fee auf das nächste Postauto warten, das zum Glück ziemlich bald einmal angefahren kam.

Wenn ich mir jetzt, wo wir uns alle in unserer riesigen Ferienwohnung eingenistet haben, dann ganzen Tag noch einmal durch den Kopf gehen lasse, frage ich mich, ob wir beim nächsten Mal Last Second-Ferien buchen sollen. So langsam fühle ich mich reif für den nächsten Level.

 

 

Ausgeflogen

Wenn Familie Schweizer am letzten Tag der Sommerferien einen Ausflug macht, dann wird drei Tage im Voraus abgewogen, wohin man am besten geht. Man schaut im Internet nach, wie lange die Fahrt zu den möglichen Zielen dauert. Man druckt verschiedene Fahrpläne aus, vergleicht die Kosten, ruft Meteo Schweiz an, um herauszufinden, ob Wetter und Ausflugsziel miteinander kompatibel sind. Am Vortag der Reise wird eingekauft: Brötchen für alle, Trockenobst, Käse, Landjäger, vielleicht auch ein wenig Schokolade, ein paar Äpfel. Zu Hause wird Tee gekocht und alles wird fein säuberlich in die Rucksäcke geräumt. Essen, genügend zu Trinken, Taschentücher, Feuchttücher, Sonnenhüte, vielleicht auch Sonnencrème, wenn Meteo Schweiz meint, es könnte heiss werden, ein Taschenmesser, Regenschutz, weil man ja nicht wissen kann, ob Meteo Schweiz das Wetter richtig vorausgesagt hat, Heftpflaster, vielleicht ein Mückenspray. Und dann, wenn der Fahrplan noch einmal gechekt, das Handy aufgeladen ist und die Fahrkarten gekauft sind, kann’s losgehen. Mindestens zehn Minuten vor Einfahrt des Zuges steht Familie Schweizer auf dem Bahnperron, geputzt, gestriegelt und perfekt ausgerüstet.

Wenn Familie Venditti am letzten Tag der Sommerferien einen Ausflug macht, dann wird drei Tage im Voraus einmal nebenbei erwähnt, dass man vielleicht, wenn man nicht gerade etwas Wichtigeres zu tun hat, irgendwohin fahren wird. Und dann vergisst man die Sache wieder, bis der letzte Ferientag da ist und einem Morgens um sieben glühend heiss einfällt, dass man da mal was von einem Ausflug gesagt hatte. Also checkt man kurz im Internet, welche der Ausflugsziele, die der Grossverteiler gerade so grosszügig subventioniert, nicht allzu weit entfernt sind. Dann versammelt man die ganze Familie um den Küchentisch, wo schön basisdemokratisch darüber abgestimmt wird, wohin man gehen wird. Zuerst hat jeder zwei Stimmen, dann noch jeder eine und schliesslich steht fest, dass die eine Hälfte der Familie ins Papiliorama will, die andere Hälfte ins Aquarena. Worauf die Mama entscheidet, dass man ins Papiliorama geht, weil sie eben erst mit Papa im Aquarena war. Was natürlich dazu führt, dass Luise, die ihre ersten beiden Stimmen für genau diese zwei Reiseziele abgegeben hatte, sich verweigert. Sie wird sich nicht anziehen, bis Mama nachgegeben hat. Aber weil Mama noch schnell den Fahrplan ausdrucken, den Zoowärter anziehen und den Kontostand überprüfen muss, hat sie gar keine Zeit, nachzugeben. Denn in vierzig Minuten wird der Zug fahren und ausser dem Au-Pair, der Mama und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten ist noch keiner angezogen.

Um Viertel nach neun ruft Luises Freundin an und um siebzehn nach neun ist klar, dass Luise nicht mitkommen wird. Was zur Folge hat, dass sie noch ganz schnell zur Freundin gefahren werden muss, bevor der Rest der Familie den Zug nimmt. Also werden alle zur Eile angetrieben und zwanzig Minuten später ist das Au-Pair mit den Jungs unterwegs zum Bahnhof, Mama mit Luise unterwegs zur Freundin. Natürlich bleibt keine Zeit, Proviant einzupacken, auch wenn es im Kühlschrank eigentlich genug davon hätte. Leider bleibt auch keine Zeit, ein Zugbillet zu kaufen, weil die Fahrt zum Bahnhof etwas länger gedauert hat. Also wird völlig unfreiwillig schwarz gefahren – und die Fahrkarte für die Hinfahrt auf der Rückfahrt bezahlt, damit das Gewissen rein bleibt – und das Billett für die ganze Familie beim Umsteigeort gekauft. Weil Mama am Schalter warten muss, verliert sie kurz die Familie aus den Augen und erlebt dann einen Schreckensmoment, weil sie glaubt, ihre Familie befinde sich in dem Zug, der eben gerade vor ihrer Nase davongefahren ist. Was nicht bloss deshalb eine Katastrophe wäre, weil Au-Pair und Kinder noch keine Fahrkarte haben, sondern auch, weil Mama Vendittis Handy weder aufgeladen ist, noch die Nummer des Au-Pairs gespeichert hat. Gott sei Dank ist die Familie aber noch da und so kann man friedlich nach Bern fahren. Wo einem der nächste Zug vor der Nase wegfährt, weil Mama Venditti den Fahrplan nicht ausgedruckt hat. Was aber weiter nicht schlimm ist, weil man ja ohnehin noch irgendwo ein paar Sandwiches fürs Mittagessen kaufen muss. Kann man ja gleich während der Wartezeit am Bahnhof erledigen. Kostet nur etwa dreissig Franken mehr als im Laden.

Irgendwann schafft es Familie Venditti trotz aller selbst verschuldeten Widrigkeiten, im Papiliorma anzukommen. Inzwischen ist allerdings der Zoowärter bereits so geschafft, dass er gleich wieder nach Hause gehen möchte. Was er aber noch nicht darf, weil wir uns zuerst die Schmetterlinge, die Gürteltiere und die Fledermäuse ansehen wollen. Was allerdings nicht zu lange dauern darf, denn um zehn vor vier soll Luise wieder bei ihrer Freundin abgeholt werden, sonst hat Mama Venditti ein schlechtes Gewissen, weil sie einfach so spontan eines ihrer Kinder für so lange Zeit bei einer anderen Familie parkiert hat.

Ach ja, was ich noch sagen wollte: Der Ausflug war wirklich wunderbar.

Luxus

Durch die Porzellanabteilung gehen, ohne dabei fürchten zu müssen, dass fünf liebenswerte kleine Elefanten einen Scherbenhaufen anrichten.

Die Füsse in der Aare baden, ohne zittern zu müssen, dass eines der Kinder in den Fluss fällt.

Picknicken.

Sich ein Dessert genehmigen, obschon man noch nicht richtig zu Mittag gegessen hat.

Sich zehn Minuten nach dem Dessert im nächsten Café niederlassen und sich dort einen Cappuccino gönnen.

Sehnsüchtig jedes Neugeborene bestaunen, ohne damit eine endlose Diskussion darüber loszutreten, ob man tatsächlich die eigenen Babys noch viel mehr bestaunt hat, oder ob man das nur behauptet, damit die Eifersucht aufhört.

Bei jedem Kind, das man sieht, denken zu dürfen: „Wie schön, ich habe fünf von diesen wunderbaren Geschöpfen zu Hause“ und nicht denken zu müssen „Ach, wenn ich doch auch eins haben dürfte….“

Ungestört durch die Ikea schlendern und sich dabei so viel Zeit zu nehmen wie man will.

In der Ikea getrost weghören, wenn die Durchsage kommt: „Bitte Samira aus dem Kinderparadies abholen!“

Laut denken dürfen, weil keine kleinen Ohren mithören und keine kleinen Münder tadeln: „Aber Mama, so etwas darf man doch nicht sagen. Das ist nicht nett.“

Dann aufs WC gehen, wenn man wirklich muss und nicht dann, wenn die Kinder müssen und man eben auch noch schnell geht, weil man nachher wohl keine Zeit mehr dazu haben wird.

Den direkten Weg über die Treppe nehmen und nicht den lagen Umweg über die kinderwagentaugliche Rampe nehmen müssen.

Diejenige sein, die der gestressten jungen Mutter mit dem Kinderwagen hilft und nicht die gestresste junge Mutter sein, der mit dem Kinderwagen geholfen werden muss.

Eine Stunde lang über das gleiche Thema reden, es am nächsten Tag wieder aufgreifen und am übernächsten Tag noch einmal Bezug nehmen darauf.

Unvernünftig sein.

Sich am Ende des Tages auf das Wiedersehen mit den Kindern freuen.

Einen lieben Mann zu haben, mit dem man dies alles teilen darf.

Liebe Freunde zu haben, die all diesen Luxus erst möglich machen.