Gewissensbisse

Welche Mutter kennt sie nicht, die Gewissensbisse, wenn sie zur Arbeit geht. Da mag sie noch so sehr wissen, dass ihr die Arbeit ausser Hauses guttut, sie mag noch so froh sein um den Verdienst, welcher der Familie über die Runden hilft, sie mag sich noch so sicher sein, dass ihr Nachwuchs während ihrer Abwesenheit in guten Händen ist. Irgendwo, tief in ihr steckt sie dennoch, die Übermutter, die ihr einredet, dass sie eine Rabenmutter ist, weil sie ihre Brut zu Hause sitzen lässt. Das Bild der perfekten Mama, die den lieben langen Tag nichts anderes tut, als ihren Nachwuchs auf Händen zu tragen, hat sich fest in die Köpfe eingebrannt, obschon es wohl noch nie in der Geschichte der Menschheit der Wirklichkeit entsprochen hat. Man könnte fast sagen, dass eine Mama erst dann eine richtige Mama ist, wenn sie Gewissensbisse mit sich herumschleppt.

Bei mir ist es lange her, seitdem ich diese Gewissensbisse zuletzt empfunden habe. Nachdem ich vor zwei Jahren meinen letzten Job gekündigt hatte, um mir einen Besseren zu suchen, durchkreuzte das Prinzchen meine Pläne und dann war’s vorerst vorbei mit auswärts arbeiten. Doch weil ich es nicht lange ausgehalten habe ohne die Gewissensbisse und Selbstvorwürfe, habe ich schnell dafür gesorgt, dass ich mich wieder schuldig fühlen kann. Ich habe mir flugs neue Arbeit besorgt, die ich von zu Hause aus erledigen kann. Damit ich wieder eine richtige Mama sein konnte, eine, die sich viele Vorwürfe machen kann. Und weil ein schlechtes Gewissen nur dann so richtig Spass macht, wenn es von Tag zu Tag schlimmer wird, habe ich mich dafür eingesetzt, dass meine Arbeit vorerst einmal unbezahlt ist. So kann ich mir gleich zwei Vorwürfe machen: Ich nehme meinen Kindern kostbare Zeit und Aufmerksamkeit weg und bringe damit nicht mal ein Einkommen zustande, welches ich dazu einsetzen könnte, meinen Kindern schöne Sachen zu kaufen, die sie über meine geschlossene Bürotür hinwegtrösten. Zwei Gewissensbisse zum Preis von einem, sowas lieben wir Mütter.

Seit einiger Zeit nun nun erlebe ich gar dreifachen Genuss: Ich lasse meine Kinder teilweise zu Hause fremdbetreuen, verdiene dabei keinen roten Rappen und gebe erst noch Geld für die hausinterne Kinderbetreuung aus. Mit so wenig Aufwand so viele Gewissensbisse. Das muss mir erst mal jemand nachmachen!

Manchmal muss man eben kreativ sein, wenn man eine richtige Mama sein will.

9 Gedanken zu “Gewissensbisse

  1. Genau lass dir von ihm doch mal in Ruhe , unter realtistischen Beidnungen, zeigen wie es richtig geht 🙂 :).

    Ich wette nach nicht mal 2 Tagen gibt Er auf. Auserdem sind es doch eure Kinder, frag doch einfach mal ob er auch so ein schlechtes Gewissen hat oder noch besser erkäre ihm jeden Abend wie schlimm es für euere Kids ist wenn er zur Arbeit ist geht, keine Zeit für sie hat … eben all das was er dir sagt. Mal schauen ob er diesen Wink versteht.

  2. Oh prima. Ich bin auch auf dem besten Weg, die Gewissensbisse so richtig ernst zu nehmen 😉
    Bei mir ist es allerdings mein ER, der mir solche machen MÖCHTE, nicht ich selber.
    Und das ist noch viel viel beißender, denn was ER denkt und meint ständig betonen zu müssen, das kann man nicht ändern. Auch nicht mit Einsicht.

    LG anabel

  3. Manchmal wäre ich froh, man könnte das Ganze völlig undogmatisch diskutieren, aber das ist wohl bei einem Thema, wo so viele Emotionen, Gewissensbisse und Gefühle von Unzulänglichkeit zusammenkommen, fast unmöglich. Wenn man so tut, als hätte man eine Patentlösung im Sack, muss man sich so vielen Themen gar nicht erst stellen.
    Ja, als Vater muss man sich einiges nicht erkämpfen im Betrieb. Dafür aber muss man sich, zumindest in der Schweiz, jede Minute mit den Kindern erkämpfen. Bei uns gab’s schon ein Geschrei, als eine Bundesrätin einen 5-tägigen „Vaterschaftsurlaub“ einführen wollte.

  4. Das ist übel! Allerdings habe ich es erlebt, dass mein Vorgesetzter mich drei Monate lang nicht mehr gegrüsst hat, als ich es wagte, ohne seine Erlaubnis schwanger zu werden. Männer können also auch ziemlich fies sein.

  5. Ich glaube es ist bei all den „ich-hab-das-damals-aber-anders-gelöst“-Sprüchen auch ein ganzer Happen Neid dabei. Neid auf den Mut etwas anderes als die Profimutter zu sein und Neid wenns denn noch geklappt hat….
    Wobei ich zugeben muss, dass ich meinerseits immer ein bisschen neidisch bin auf all die Homestay-Mütter die all die Dinge tun, die auch ab und an mal gerne tun würde (z.b. Vormittags bei Schulterminen anwesend sein) und ich muss mich schon gewaltig am Riemen reissen um da keine blöden Sprüche zu kloppen.
    Da Männer nie (warum eigentlich) in diese Zwickmühle kommen können, können sie das ganze dann auch entspannter und ganz unneidisch betrachten – bislang.
    Denn seit es die 2-Monats-Elternzeit-Väter gibt, kann man dann auch dort das Gleiche besichtigen. Während wir Frauen im Betrieb das „Ganz toll“ finden, kommentieren die Männer (und ganz besonders Väter) reichlichst gehässig und ich höre auch da ein bisschen Neid raus.
    Wäre schon schön, wenn alle einfach zugeben können, dass sie manchmal einfach nur in eine andere Haut schlüpfen könnten.

    Übrigens: auch ich habe befristet angefangen und „natürlich“ mir einen unbefristeten durch 110% Einsatz erkämpft. Ob ich das auch hätte machen müssen, wenn ich Vater mit drei Kindern wäre?

  6. Ja nichts ist gefährlicher und unangenehmer als eine Frau als „Gegner“. Die wirklich fiesen und verletzenden Bemerkungen sind allesamt von anderen Frauen gekommen. Männer akzeptieren eigene Lebesnentwürfe viel einfacher. Sie fragen manchmal interessiert/fasziniert nach, aber sie urteilen nicht so schnell und hart.

    Mein „bestes Beispiel“ ist immer noch meine Chefin an meiner vorherigen Schule eine total liberale Gesamtschule. Sie hat mich als damals schwangere Mutter von vom ersten Tag an abgestempelt. „Kindchen bekomm du erstmal dein Kind“ war ihre Begrüßung und so sind die gesamten zwei Jahre geblieben. Ich habe nicht einen Tag wegen der Kinder gefehlt, war nie zu spät oder habe Aufgaben abgelehnt, aber für sie war ich immer nur zweite Wahl. Du hast ja deine Familie …. Komisch hatten die mänlichen Kollegen auch, aber da war das nie ein Thema.

    Jezt bin ich an einer eher konservativen Schule mit einer rein mänlichen Schulleitung und was soll ich sagen es läuft viel besser. Ich wurde gefragt wann ich anfangen möchte ,ob ich an bestimmten Tagen früher frei brauche. Konnte meine Wünsche angeben und fast alle wurde erfüllt. Es kaum fassen es ist dort normal das man arbeitet und Kinder hat. Ein Traum, der immer noch kompliziert genug zu organisieren ist, aber dank guter Rahmenbedingungen um einiges leichter als früher.

  7. Zuerst einmal: Gratuliere zum festen Arbeitsplatz. Als Mutter muss man da ja mehr kämpfen als alle anderen.
    Zu den Omas und Kollegen, etc. die einem dabei „helfen“, das schlechte Gewissen zu behalten: Ist es nicht wunderbar, wie vor allem Frauen anderen Frauen das Leben schwer machen?

  8. Wunderschön geschrieben. Ich gehöre auch zu den Mamas die zwei Jahre „für nichts“ arbeiten gegangen sind. Neben dem Spaß an meiner Arbeit war es auch der Versuch meinen Lebenslauf besser aussehen zu lassen und zu „beweisen“, dass ich wirklich arbeiten will und kann, trotz Kindern. Dafür habe ich aber fast mein ganzes Gehalt in Sprit und Kinderbetreuung investiert, komischer Weise rechnen die meisten nicht vom Familieneinkommen sondern nur vom Müttereinkommen (meist Klasse V). Und soll ich dir was sagen, als Service habe ich das schlechte Gewissen nicht nur von meinem ÜberIch eingeredet bekommen, nein Omas, Kollegen haben mir hilfreich zur Seite gestanden. Es war eine schöne Zeit.

    Aber was soll ich sagen, es hat sich gelohnt, meine Kinder haben (bisher) noch keinen erkennbaren Vollschaden und Ich nach 3 Jahren Suche einen festen unbefristeten Arbeitsvertrag. Und zum Thema Fremdbetreuung kenne ich glaube ich auch fast jedes Vorurteil aber auch die Vorteile 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.