Mustermütter

„Als meine Kinder kleiner waren, da lief das bei uns immer so: Ich spielte den ganzen Tag mit den Kindern, verbrachte Stunden draussen in der freien Natur, ganz egal, ob es regnete, schneite oder hagelte, dann gingen wir nach Hause, kuschelten auf dem Sofa, erzählten Geschichten und dann, pünktlich um acht war Feierabend. Und mit Feierabend meine ich wirklich Feierabend. Da kam keiner aus dem Bett geschlichen, um noch etwas zu trinken oder um zu sagen, er hätte Angst, oder um nochmals schnell aufs WC zu gehen. Nein, dann herrschte absolute Ruhe bis morgens um acht.“

„Genau so läuft das bei uns auch“, pflichtet eine jüngere Mutter bei. „Meine Kinder sind zwar noch sehr klein, aber wir machen das alles genau so. So viel wie möglich draussen sein, eine vollwertige Zwischenmahlzeit, dann Geschichten erzählen, vielleicht noch ein wenig basteln, Abendessen, kuscheln und ab ins Bett. Und dann absolute Ruhe. Weil meine Kinder ganz genau wissen, dass ich absolut konsequent bin und sie nach acht nichts mehr von mir bekommen.“

Nebendran steht noch eine junge Mutter, die zwar nichts sagt, die aber immer wieder zustimmend nickt, weil sie all das, was gesagt wird, voll und ganz unterschreiben kann. Denn auch bei ihr läuft immer alles wie im Erziehungsratgeber, ja, vielleicht sogar noch besser.

Und dann bin da ich und höre zu. Aufs Mitreden verzichte ich lieber, seit Jahren schon. Zuerst, weil ich mich schämte, denn bei mir lief es nie wie im Erziehungsratgeber. Waldspaziergänge endeten meistens in einer kleineren Katastrophe, weil einer sich das Knie aufschlug, der andere nicht mehr laufen mochte. Geschichten erzählten wir zwar stundenlang, aber immer erst dann, wenn auch Papa zu Hause war, der verhindern konnte, dass die Kleinsten das Buch zerfetzten. Wenn nach Feierabend sogleich Ruhe herrschte, dann wussten wir, dass etwas nicht stimmte, denn dann waren die Kinder wohl wieder dabei, das Bett heimlich, still und leise zu demolieren (ist tatsächlich einmal vorgekommen, ich schwör’s) oder sonst irgend eine Untat auszuhecken. Weil ich damals, als ich noch jung und naiv war, glaubte, dass wir tatsächlich die einzige Familie seien, in der die Dinge hin und wieder nicht wie im Erziehungsratgeber liefen, schwieg ich lieber, als mich als inkompetente Mutter zu outen.

Dann kam eine Phase, in der ich versuchte, auf die weniger friedlichen Seiten des Familienlebens hinzuweisen, was aber bei den Mustermüttern schlecht ankam, worauf ich bald wieder schwieg. Mit Mustermüttern legt man sich besser nicht an, die können nämlich ziemlich bösartig werden, wenn man ihre heile Welt in Frage stellt.

Auch heute schwieg ich wieder einmal, als die Mustermütter von ihrem konfliktlosen, perfekten Familienleben schwärmten. Nicht aus Scham, nicht aus Angst, nicht aus Gleichgültigkeit. Sondern weil ich, hätte ich den Mund geöffnet, nur einen einzigen Satz hätte sagen können: „Und jetzt noch die ungeschminkte Version, bittschön.“

8 Gedanken zu “Mustermütter

  1. Ja, diese Mustermütter kenne ich auch. Damals waren es die, deren Kinder mit drei Monaten im eigenen Bett durchschliefen und mit einem Jahr Mozarts Sonaten wiedererkennen konnten, heute sind es die, deren Kinder in der Schule sowieso immer schon ein Jahr weiter sind (auch gern hochbegabt genannt) – und ja, ich schweige dann auch oft. Früher betrübt, weil bei mir alles ganz anders war und ich die Schuld bei mir gesucht habe, heute, weil ich denke, das geht mich alles nichts an. Schön ist es manchmal, bei Mustermüttern abends so gegen halb acht anzurufen, wenn a) der Fernseher läuft, b) das heillose Chaos im Badezimmer herrscht und c) alle Kinder müde und gereizt sind. (nein, ich bin nicht böse und hinterhältig, ich steche nur manchmal gern in Seifenblasen ;-))

  2. Ja, es gibt nichts anstrengenderes, als Eltern, die mehr auf den Ratgeber achten als auf das Kind, das sie eigentlich betreuen sollten. 😉

  3. Ja… ich gehöre auch zu den Schweigern… und ich mag Mutter-Kind-Treffs oder Elternabende wirklich überhaupt nicht. Besser mit einer guten Freundin reden, die auch keine Erziehungsratgeber liest und sie somit nicht befolgen kann 🙂

  4. Alternativ: „Mustermutters (Name einsetzen) kleine Märchenstunde…!“

    Hart und grausam, aber da man die Lacher auf seiner Seite hat, nehmens die wenigsten krumm 😉

    LG anabel

  5. Noch „lieber“ sind mir diejenigen, die dann versuchen, das schlechte Verhalten ihres Kindes auf meine Kinder abzuschieben. So im Sinne von „deins hat meins schlecht beeinflusst“.

  6. ja bei den Mustermanns wird es immer dann ganz witzig, wenn man zu Besuch ist und die Kinder urplötzlich einen ausgewachsenen Eigensinn an den Tag legen. Dann hört man so Sprüche wie: „das hat er/sie noch nie getan“, „Ich weiß gar nicht, was er/ sie heute hat“ und man sitzt daneben und denkt „Ja, wußt ich es doch“ 😉
    Nicht vezweifeln, wir wissen doch, dass es nicht wahr ist

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