Gibst du den kleinen Finger…

Jeder Beruf bringt seine eigenen Gebrechen mit sich. Lehrer, Sozialarbeiter und Manager leiden füher oder später an einem Burnoutsyndrom, Sportler müssen irgendwann ihre Karriere abbrechen, weil der Rücken nicht mehr mitmacht und bei Bauarbeitern sind es wahlweise die Knie, der Rücken oder die Schultern. Oder alles miteinander. Bei Müttern von kleinen Prinzen ist es der kleine Finger der linken Hand.

Warum das? Nun, bekanntlich nuckeln die meisten Babies liebend gerne. Dazu einget sich nichts so gut, wie Mamas keliner Finger. Nach ein paar Wochen finden sich die meisten Babies damit ab, dass dieser kleine Finger nicht Tag und Nacht verfügbar ist. Deshalb geben sie sich mit einem Nuggi, einem Schmusetuch oder ihrem eigenen Daumen zufrieden.
Was für die meisten Babies gilt, gilt natürlich für kleine Prinzen nicht. Wie wär’s mit einem Nuggi? Für einen Prinzen? Nicht doch, das löst einen Brechreiz aus. Ein Schmusetuch? So eines braucht doch schon der grosse Bruder zum Einschlafen und kleine Prinzen sind keine Nachäffer. Der eigene Daumen? Ein Prinzendaumen zum Nuckeln? Ich bitte Sie!
Also muss Mamas kleiner Finger her und zwar immer dann, wenn das Prinzchen nicht sofort einschlafen kann. Zum Beispiel auf der Autofahrt. Langsam meldet sich der Hunger, aber die Fahrt wird noch zehn Minuten dauern. Da spielt es doch keine Rolle, welche Verrenkungen Mama anstellen muss, um dem Kleinen den Finger in den Mund zu schieben. Bald schläft das Prinzchen wieder. Der Arm auch und zwar so tief, dass er seinen Dienst versagt und  schlaff herunterfällt, wenn er oben bleiben sollte. Deshalb muss Papa das Prinzchen in die Wohnung tragen, was den Kleinen natürlich weckt. Auf zur nächsten Runde Fingernuckeln!
Auch mitten in der Nacht nach dem Stillen muss der Finger her. Ohne kann man unmöglich schlafen. Nach einer Weile schläft die Mama ein, der kleine Prinz nuckelt noch etwas weiter und schläft dann auch. Süsse Ruhe? Weit gefehlt! Nach einer Weile ist Mama wieder wach. Ist das Prinzchen Schuld, oder eines der grösseren Kinder? Ach nein, es war bloss dieser stechende Schmerz im kleinen Finger…
Es wird Zeit, dass sich der kleine Prinz mit einem Nuggi abfindet.

Inquisition

Es ist ja nicht meine Art, Leute nach ihrer Herkunft in Kategorien einzuteilen. Ich habe keine Lust, die Menschen je nach Nationalität in bestimmte Schubladen zu stecken und  bin eine grosse Verfechterin der Einzigartigkeit eines jeden Menschen, wenn auch diese Einzigartigkeit meistens geformt wird durch das Umfeld, in dem jemand lebt. Wenn ich also die folgenden Geschichten erzähle, möge mich bitte niemand der Fremdenfeindlichkeit bezichtigen. Die Italienerinnen sind nämlich, wie alle anderen Menschen auf diesem Erdboden, einzigartige Individuen. Bloss wenn es darum geht, ungefragt ihre Meinung zu äussern, sind die meisten Italienerinnen ähnlich einzigartig. Jetzt, wo dies geklärt ist, also die Geschichte(n).

Als vor etwas mehr als vier Jahren unser drittes Kind zur Welt kam, teilte ich das Zimmer mit einer Italienerin, die ebnfalls ihr drittes Kind bekommen hatte. Während Unseres das dritte Kind innert drei Jahren war, war Ihres das Dritte innert zwanzig Jahren. Die Anwesenheit dieser Frau bescherte mir das amüsanteste Wochenbett meiner Karriere. Die reinste Soap Opera. Die Beziehungsdramen des ältesten Sohnes, die endlosen Diskussionen, ob Papa oder Mama sich unterbinden lassen solle, die stolze Nonna, die nichts Besseres zu tun wusste, als der Mutter Schauermärchen zu erzählen, die Teenietochter, die sich damit abfinden musste, dass sie nicht mehr die Prinzessin ist. Es war höchst unterhaltsam und bei all den Dramen wäre es mir nicht im Traum eingefallen, mich einzumischen. Ich beobachtete das Treiben leise amüsiert von meinem Bett aus.

Der Zufall will es, dass ich dieser Frau ab und zu wieder begegne. Gestern war es mal wieder soweit. Wir hatten uns seit Frühling nicht mehr gesehen und deshalb war sie ziemlich überrascht, mich mit einem Neugeborenen zu sehen. Ob das Meines sei, wollte sie forsch wissen. Ob ich bei unserer letzten Begegnung schon gewusst hätte, dass ich schwanger sei?  Weshalb ich ihr damals nichts davon gesagt hätte? Wieviele Kinder ich jetzt hätte? Fünf? O Dio mio! Mit erhobenem Zeigfinger schaut sie micht streng an: „Jetzt ist aber fertig!“, befiehlt sie und geht weg.

Dieses Erlebnis erinnert mich an eine unserer Lieblingsnachbarinnen. Auch sie stammt aus Italien, ist ein unglaublich fröhlicher Mensch und ist immer für einen Schwatz zu haben. Und für einen Gratistip. So auch, als „Meiner“ neulich einen Apfelbaum pflanzte. Vom Gärtner hatte er sich alles genauestens erklären lassen: An welchem Standort der Baum stehen sollte, wie hoch er die Erde aufschütten sollte, wie man die Äste in die richtige Position bringt und was es sonst noch so zu berücksichtigen gibt, wenn man bald Früchte ernten will. Kaum war er fertig mit der Arbeit, ging die besagte Nachbarin an unserem Garten vorbei. Ihr Kommentar zur sorgfältig ausgeführten Pflanzaktion: „Ci voleva l‘ albicocca!“.

Pause

Es könnte himmlisch sein. Eine ganze Stunde lang alleine mit dem „petit Prince“. Ein spannendes Buch oder die neuste Ausgabe des „Spiegels“. Ab und zu wirft man einen Blick auf das Schwimmbecken, um zu sehen, welche Fortschritte die beiden grössten Kinder im Schwimmkurs machen. Dann bewundert man ein paar Momente das Baby, bevor man sich wieder dem Buch zuwendet. Zu Hause mag mal wieder die Hölle los sein, doch dies braucht einen jetzt nicht im Geringsten zu kümmern.

Ja, es wäre himmlisch, wenn da nicht diese andere Mutter wäre. Eigentlich ist sie ja ganz nett. Doch seitdem sie herausgefunden hat, dass das Prinzchen das Jüngste von 5 Kindern ist, spürt sie Woche für Woche den Drang, mir zu huldigen. Wie sie mich doch bewundere für meinen Mut, 5 Kinder zu haben. Wie hübsch das Prinzchen doch sei und wie schön es sei, dass ich mir Woche für Woche so eine kleine Auszeit im Hallenbad gönnen könne. Ohne eine solche Auszeit könne man ja den harten Alltag mit so vielen Kindern gar nicht meistern, meint sie.
Recht hat sie. Auszeiten sind überlebenswichtig. Warum nur lässt sie mich  also die Zeit nicht so geniessen, wie ich es will: Ganz ohne Bewunderung und Huldigungen, allein mit meinem Prinzchen, meinem Buch und dem einen oder anderen stolzen Blick auf meine grossen Kinder?

Schlaflose Nächte

Ist das Kind mal auf der Welt, erwartet keiner, dass die Eltern ausgeschlafen sind. Auch wir selber haben eigentlich nicht damit gerechnet, dass wir in den nächsten Wochen zu viel Schlaf kommen würden. Was aber, wenn der Neugeborene nachts volle acht Stunden schläft und man dennoch am Morgen kaum die Augen offen bekommt? Darf man dann noch jammern? Wohl kaum.

Angefangen hatte es schon im Spital. Die Zimmernachbarin war komplett überfordert mit dem ersten Baby. Das Mädchen schrie stundenlang. Nun, es ist vollkommen legitim, mit dem ersten oder jedem weiteren Kind völlig überfordert zu sein. Und selbstverständlich darf ein Neugeborenes schreien, soviel es will. Darf aber eine Mutter sich weigern, Hilfe anzunehmen, wenn nebendran ein anderes Neugeborenes selig schlummert, während dessen Mutter sich schlaflos im Bett wälzt? Darf sie nicht, zumindest nicht, wenn die Hilfe nur einen Knopfdruck weit entfernt ist. So leicht wird sie als Mutter nie mehr Hilfe bekommen. 
Zu Hause wird alles besser, denkt man. Zu Hause hat man ja keine überforderten Zimmernachbarinnen mehr und auch keine Nachtschwestern, die morgens um drei wissen wollen, ob man noch etwas brauche. Zu Hause wird gar nichts besser. Während "le petit prince", wie unser Sohn von einer Afrikanischen Leidensgenossin aus dem Spital liebevoll genannt wurde, selig schläft, machen die anderen Kinder die Nacht zum Tag. Der Vierjährige will unbedingt zu Papa ins Bett, wo aber kein Platz mehr ist, weil dort jetzt eben auch "le petit prince" für einige Nächte logiert. Der Vierjährige zieht betrübt ab, heult sich verständlicherweise den ganzen Frust von der Seele und weckt damit den Zweitjüngsten. Dieser will eine Milch und prostestiert lautstark, als nicht alles genau so ist, wie es sein sollte. So geht es einige Zeit weiter, das Prinzchen schläft noch immer, die Eltern irgendwann auch wieder.
Das Prinzchen schläft aber so aussergewöhnlich lange , dass irgendwann beide Eltern wieder hellwach sind. Kann es denn tatsächlich sein, dass das Kind bereits nach einer Woche durchschläft? Geht nicht. Also liegen wir wach und warten darauf, dass das Prinzchen erwacht und trinken will.
Ohne schwarze Augenringe wären wir doch einfach nicht mehr glaubwürdig. 

Bilder?

Eigentlich müssten ja hier Bilder von unserem Jüngsten zu sehen sein. Doch da unser Haushalt in den letzten Tagen von "Meinem" regiert wurde, ist die Prioritätenliste etwas durcheinander geraten. Hat "Meiner" nämlich das Ruder in der Hand, läuft alles ein bisschen anders und fast alles auch besser. Allerdings plant der liebe Mann für die Zeiten meiner Abwesenheit jeweils eine grosse Überraschung. Weil er weiss, dass ich Farbkübel und Roller nicht ausstehen kann, war diesmal das Streichen der Küchenwand dran. Deshalb haben wir jetzt zwar eine wunderschöne Küche, aber noch keine Bilder von unserem noch schöneren Sohn. Wer ihn sich ansehen will, muss sich entweder noch ein paar Tage gedulden. Oder uns zu einer Tasse Kaffee in unserer wunderschönen Küche besuchen. 

Besserwisser

Die Begegnung liegt  schon zwei Wochen zurück. Es ist Sonntagmittag, wir warten mit den Kindern auf den Bus. Eine Rentnerin steht mit gerunzelter Stirn vor dem neuen Billettautomaten und versucht erfolglos, sich auf dem Bildschirm zurechtzufinden. Weil wir uns eben erst vor ein paar Tagen darüber unterhalten haben, wie mühsam es wohl für Senioren ist, sich mit den stetigen Neuerungen zurechtzufinden, bietet "Meiner" der Frau seine Hilfe an. Hätte er das bloss nicht getan!

Nein nein, sie brauche kein Billett, sie wolle nur mal schauen, wie das Ding funktioniere. Sie habe nämlich ein GA, ein Auto habe sie in ihrem ganzen Leben nie gebraucht. Wir würden auch immer mehr auf ÖV umsteigen, erzählen wir. Ein Leben ganz ohne Auto würden wir uns aber mit bald fünf Kindern nicht zutrauen. Unser Entscheid, nur noch einen Kleinwagen zu fahren, der von anderen Leuten auch schon als mutig bezeichnet wurde, findet bei dieser Dame keine Gnade. Sie habe auch drei Kinder grossgezogen und die Einkäufe immer zu Fuss erledigt. Ihre Kinder hätten eben helfen müssen. Womit auch schon gesagt ist, dass unsere Kinder verwöhnte Blagen sind, die keinen Finger krumm machen. Die Frage, wie denn ein Anderthalbjähriger bei den Einkäufen helfen soll, verkneife ich mir. Wahrscheinlich hätten wir zu hören bekommen, wenn wir ihn richtig erzogen hätten, hätte er gleich nach dem ersten Atemzug gefragt, was er für uns tun könne.  
Die Schleusen sind jetzt offen. Die heutigen Eltern seien allesamt Versager, würden ihre Kinder nur verwöhnen und dabei noch die Umwelt zerstören. Sie habe ihre drei Kinder ganz ohne Auto grossgezogen, sei immer berufstätig  gewesen und habe es dabei auch noch geschafft, ihren Kindern die Schönheiten der Schweiz zu zeigen, etwas was heutige Eltern ja nie tun würden. In wenigen Sätzen macht sie uns klar, dass sie alles richtig gemacht hat, unsere Generation aber kläglich versage.
Irgendwann macht "Meiner" die nette Dame darauf aufmerksam, dass ihre Generation am aktuellenZustand der Welt nicht ganz unschuldig sei, dass die heutigen Eltern von den heutigen Grosseltern erzogen worden seien. Dieser Einwand wird galant übergangen. Wenn nämlich die modernen Eltern mit ihren Kindern nicht stets um den halben Globus jetten würden, hätten wir kein Klimaproblem. Man müsse eben in der Schweiz Ferien machen. Ich weise sie darauf hin, dass dies für die meisten Familien unbezahlbar wäre. Man müsse eben nicht ins Hotel gehen, eine einfache Ferienwohnung genüge auch, meint sie. Jetzt rutscht er mir heraus, der Satz, der uns als komplett verantwortungslos enttarnt: "Auch Eltern müssen sich mal erholen, sonst schaffen sie es gar nicht, ihre Kinder zu erziehen." Die Dame starrt mich an, als hätte ich gesagt, wir würden alles daran setzten den Globus so rasch als möglich zu zerstören und ganz nebenbei würden wir uns noch regelmässig mit Kind und Kegel besaufen. Ihr angewidertes Kopfschütteln gibt mir den Rest. Ich vergesse meine ganze gute Erziehung, nehme die Kinder an der Hand, sage laut und deutlich, dass ich jetzt genug habe von diesem besserwisserischen Geschwätz und gehe grusslos weg. 

Überrumpelt

"Und was machst du sonst noch? Wofür interessierst du dich?" Habe ich mich verhört? Oder will da tatsächlich jemand wissen, ob man neben Windeln, Elterngesprächen und Menuplänen noch ein Leben hat? Gewöhnlich hört man ja immer etwa die gleichen Fragen, wenn man jemanden kennenlernt:  "Das Wievielte ist es? Das Zweite oder das Dritte? Aha, das Fünfte. Ja, da hast du aber eine anspruchsvolle Aufgabe. Finde ich echt mutig. Und was arbeitet dein Mann?" 

Und jetzt will da plötzlich jemand mehr über einen wissen. Wie oft hat man sich ausgemalt, was man antworten würde, wenn man mal wieder als Mensch und nicht ausschliesslich als Mutter wahrgenommen wird. Wie hat man sich doch dagegen gesträubt, nur noch als Dummchen dazustehen, als Gebärmaschine, als Gratisarbeitskraft. Doch es ist so lange her, dass jemand mehr wissen wollte, dass man jetzt, wo man die Gelegenheit hätte etwas von sich zu erzählen, nur noch verdattert stammeln kann: "Tja, äääähm, da gibt es Vieles, was mich interessiert" und schnell das Thema wechselt. 

Umfrage

Das ist doch einfach gemein. Da ist man sozusagen seit Geburt eine AKW-Gegnerin und wer darf in der Telefonumfrage zum Thema Stellung beziehen? "Meiner" natürlich. Nun ja, auch er hat selbstverständlich in den letzten Jahren eine dezidierte Haltung gegen Atomkraftwerke eingenommen. Musste er auch, sonst wäre der tägliche Ehekrach programmiert. Auch er ist letztes Jahr mitgekommen, als wir mit Kind und Kegel nach Bern zur Demo gefahren sind.

Aber hatte er vielleicht in seiner Kindheit einen "Atomkraft? – Nein, danke!"-Kleber auf dem elterlichen "Döschwo" kleben? Natürlich nicht. Seine Eltern hatten ja gar keinen "Döschwo". Haben sich seine Eltern etwa über die Nagra-Probebohrungen für das Endlager direkt hinter dem Haus geärgert? Warum auch? Hinter ihrem Haus wurde auch gar nicht gebohrt. Bestaunte er etwa stundenlang das Bild vom Turmbau zu Babel, auf dem der Turm zum Kühlturm mutiert war? Wohl kaum, denn bei ihm zu Hause lagen die atomkritischen Schriften ja nicht fast täglich im Briefkasten. 
Man sollte doch meinen, dass sie bei einer Umfrage froh sind um Leute, die ihre Meinung schon mit der Muttermilch eingeflösst bekommen haben. Aber nein, sie fragen lieber einen, der erst im Laufe der Jahre zur weisen Einsicht gelangt ist, dass mit der Atomkraft etwas nicht stimmen kann. Es bleibt einem also nur, den lieben Mann zu coachen. Heftig zu nicken, wenn er ja sagen soll. Noch heftiger den Kopf zu schütteln, wenn er nein sagen soll. Man weiss ja schliesslich, wie das ist mit diesen Umfragen. Da drehen und wenden sie die Fragen so geschickt, dass man ja sagt, wenn man eigentlich nein meint und umgekehrt. Und da ist es doch immer hilfreich, eine AKW-Gegnerin der ersten Stunde zur Seite zu haben.  

Wer seid Ihr, mein Herr?

Begegnungen mit Menschen, die man nicht regelmässig sieht, sind in diesen Tagen einfach nur peinlich. Da gehst du ahnungslos einkaufen, siehst ein bekanntes Gesicht und schon steckst du mitten im Schlamassel. Dein Gehirn versucht, die Checkliste durchzuarbeiten. a) Kenne ich die Person persönlich, oder habe ich sie neulich in der Zeitung gesehen? b) Wenn ich sie persönlich kenne, ist es jemand, den ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe und ich kann davon ausgehen, dass die Person nicht mehr kennt? Oder ist es jemand, den ich erst vor ein paar Wochen zum letzten Mal getroffen habe? c) Von wo kenne ich die Person überhaupt? In welche Schublade muss ich sie stecken? d) Wie um Himmels Willen heisst die Person?

Gewöhnlich liefert das Gehirn die Antworten innert Sekundenbruchteilen. Aber was ist schon gewöhnlich, wenn man am Ende der fünften Schwangerschaft steht? Deshalb laufen solche unverhofften Begegnungen etwa folgendermassen ab.
Fremde: „Hallo Tamar!“
Mist, die Person kennt meinen Namen. Also müsste ich ihren auch kennen. Aber ich habe keinen blassen Schimmer. Es bleibt also nur Eines: Flucht nach vorn.
Ich: „Äh, hallo. Hör mal, es ist mir furchtbar peinlich. Ich weiss, dass ich dich kennen sollte, aber ich habe keine Ahnung, woher und wie du heisst. Passiert mir in letzter Zeit öfters.“
Fremde: „Kein Problem. Ich bin die Mirjam (Namen geändert), die Mama von Vanessa. Wir kennen uns vom Turnen.“
Turnen? Stimmt, das habe ich mal geleitet. Ist schon eine Ewigkeit her, also genauer gesagt, drei Monate. Wer kann  da noch an alles im Kopf beahlten?
Ich: „Ach ja, jetzt erinnere ich mich wieder. Die kleine Vanessa, natürlich!“
Fremde: „Sag mal, du bist nicht zufällig schwanger. Dann vergisst man doch alles, oder?“
Schwanger? Natürlich, doch das kannst du ja nicht wissen. Ich bin ja auch erst im neunten Monat und gleich platzt mir die Fruchtblase. Doch das sieht man mir ja nicht an.
Der Rest des Gesprächs verläuft normal und man kann bloss hoffen, dass man es nicht vergessen hat, bis man der Person das nächste Mal über den Weg läuft. „Wochenbettdemenz“ hat neulich jemand diesen Zustand genannt. Ein schönes Wort, oder? Zu dumm nur, dass das Wochenbett noch gar nicht angefangen hat. Erfahrungsgemäss wird die Sache nur noch schlimmer in der Stillzeit. Das kann ja heiter werden. Wer wisen will, wie die Zukunft aussieht, lese nach bei „Asterix – Der Kampf der Häuptlinge“.
„Wer seid Ihr, mein Herr? Und wer ist dieser Miraculix, von dem Ihr dauernd redet?“

Handwerker

Es ist zum Heulen. Da ist die Welt auf die Grösse der eigenen vier Wände geschrumpft, und jetzt bröckelt einem erst noch der Küchenboden unter den Füssen weg. Und dies ausgerechnet jetzt, wo man sich mit dem Gewicht eines mittelgrossen Elefanten durch die Wohnung wälzt.

Was genau passiert ist, weiss niemand. Vor etwa drei Wochen entdeckte die Putzfrau, dass der Abfluss in der Küche tropft. Sie beseitigt die Sauerei und man denkt, die Sache sei erledigt. Ein paar Tage später teilt die Mieterin mit, bei ihnen habe es Wasserflecken an der Decke. Die können nur von der Küche obendran kommen. Und tatsächlich, das Wasser tropft wieder. Der Schaden wird behoben. Doch plötzlich weisen die Bodenplatten in der Küche verdächtige Sprünge auf. Irgend etwas stimmt hier gar nicht mehr.
Schuld daran ist natürlich niemand. Der Sanitärinstallatuer hat selbstverständlich alles richtig gemacht, obschon man schon öfters bemerkt hat, dass er es mit den Dichtungsringen nicht so genau nimmt. Dann war’s vielleicht der Küchenbauer. Welcher Küchenbauer? Die Küche ist doch einfach so aus dem Boden gewachsen. Zumindest könnte man dies glauben, denn der Küchenbauer bequemt sich nicht einmal, Anfragen zu beantworten, wenn man ihm ein Problem meldet. Also ist vielleicht der Plattenleger Schuld? Das lässt sich leider nicht mehr überprüfen, denn dieser hat, wie sich später herausstellte, im Auftrag des Malers schwarz gearbeitet und ist inzwischen über alle Berge. Und der Maler hat vor einiger Zeit Konkurs angemeldet. 
Bleibt zu hoffen, dass der Küchenboden hält, bis endlich ein Fachmann gefunden ist, der gewillt ist, der Sache auf den Grund zu gehen, auch wenn dabei ein Schuldiger gefunden werden könnte.