Ewiggestrig

Irgendwie hinke ich einfach meiner Zeit hintendrein. Nicht unbedingt im technischen Bereich, denn dort bin ich mehr oder weniger auf dem Stand, auf dem fast vierzigjährige Nicht-Nerds derzeit sind. In Sachen Mode mache ich zwar nicht jeden Trend mit, meine Garderobe unterscheidet sich aber nicht gross von derjenigen der anderen links-grün-kulturell-etc. Angehauchten. Auch in den Dingen, mit denen ich meine Tage fülle – Familie, Arbeit, Haushalt, Garten, Haustiere, Medienkonsum – unterscheide ich mich wenig von meinen gleichaltrigen Zeitgenossen. Ich gehöre also nicht zu den Ewiggestrigen und doch gelingt es mir einfach nicht mehr, mit dem Lauf der Zeit mitzuhalten.

Als im vergangenen Herbst die Blätter zu fallen begannen, war ich innerlich gerade in der Badesaison angekommen, als die ersten Weihnachtsdekorationen in den Läden auftauchten, wähnte ich mich im Hochsommer, als es Zeit wurde, den Samichlaus-Besuch zu organisieren, war mir eher nach Tomatenernte zumute. Weder saisonales Backen noch das Singen von Weihnachtsliedern halfen, ich blieb irgendwo im Spätherbst stecken und seither bin ich nicht viel weiter gekommen. Okay, inzwischen habe ich begriffen, dass ein neues Jahr begonnen hat, aber in meinem Kopf ist noch immer Januar. Daran vermag weder das frühlingshafte Wetter noch der Beginn der Gartensaison etwas zu ändern.

Der Kalender sagt, dass demnächst die Steuererklärung fällig ist, ich aber staune wie ein kleines Kind, wenn mir meine Auftraggeber „schon so früh“ die dafür erforderlichen Lohnausweise zukommen lassen. Die Kinder bringen Anmeldezettel für Instrumental- und Religionsunterricht für das nächste Schuljahr nach Hause, währenddem ich noch immer jedem, der es hören will, erzähle, der Zoowärter sei eben erst in die Schule gekommen und das Prinzchen in den Kindergarten. Noch erkläre ich dem Prinzchen, er müsse sich noch etwas gedulden, bis der Frühling wirklich da sei, dabei müsste ich mich schon längst auf den astronomischen Frühlingsbeginn und damit auf Luises Geburtstag vorbereiten.

Wenn das so weitergeht, verpasse ich noch meinen eigenen runden Geburtstag im Herbst. Wobei, vielleicht ist ja gerade dies der Grund für meine Rückständigkeit: Ich habe schlicht und einfach keine Lust, alt zu werden. 

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Tomatenliebe

Stimme der Vernunft: „Dieses Jahr säst du nicht wieder zu viel an. Du weisst ja noch, wie das letztes Jahr war…“

Ich: „Versprochen. Diesmal halte ich mich zurück. Nur ein paar Samen von jeder Sorte.“

Stimme der Vernunft: „Wie viele Sorten hast du denn?“

Ich: „Hmmmm, lass mich nachdenken. Da wären mal die ‚Gelbe von Thun‘, ‚Legend‘, ‚San Marzano‘, ‚Purpurkalebasse‘, ‚Auriga‘, ‚Saucey‘, Baselbieter Röteli’…“

Stimme der Vernunft: „Und das willst du alles ansäen?“

Ich: „Halt, nicht so schnell, ich bin noch nicht fertig. Ich habe noch ‚Weisse Ochsenherz‘, ‚Milchperle‘, ‚Tigrella‘, Shipped Roman‘, wobei ich bei der nicht sicher bin, ob die noch keimt. Dann noch die ‚birnenförmige Gelbe‘, aber die kann ich erst Ende Monat ansäen und dann noch…“

Stimme der Vernunft: „Wenn ich richtig mitgezählt habe, sind wir jetzt bei zwölf Sorten und so, wie ich dich kenne, hast du mir noch einige verschwiegen. Nehmen wir mal an, es gibt pro Sorte eine Pflanze, dann wäre dein Garten bereits voll. Du hast aber bereits sehr viel mehr als bloss einen Samen pro Sorte angesät.“

Ich: „Wer ist denn so blöd, nur einen einzigen Samen zu säen? Man weiss ja nie, ob daraus auch etwas wird. Aber mach dir keine Sorgen: Ich ziehe dann nur die Schönsten und Stärksten an. Die anderen schmeisse ich weg.“

Stimme der Vernunft (seufzt tief und schüttelt den Kopf): „Wir werden dann ja sehen…“

Eine Woche später, die Keimlinge sind prächtig gediehen

Ich: „So, ich fange mal an mit Pikieren…“

Stimme der Vernunft: „Denk dran: Nicht mehr Setzlinge, als dein Garten fassen kann…“

Ich: „Einige mehr müssen es schon sein. Für den Fall, dass etwas abserbelt.“

Stimme der Vernunft: „Okay, drei pro Sorte. Mehr nicht.“

Ich: „Ich werd’s versuchen.“

Ich mache mich an die Arbeit, die Stimme der Vernunft beobachtet mich schweigend. Ich fange mit der „Gelben von Thun“ an.

Ich: „Oh, du bist aber schön geraten. Dich nehme ich. Hmmm, du siehst auch nicht schlecht aus. Und dich nehme ich auch. Ach, du Armes, du bist so klein und zart. Dir muss ich unbedingt eine Chance geben. Ich kann dich doch nicht einfach dem Komposthaufen überlassen. Und du, mein Kleines, du möchtest doch sicher auch…“

Stimme der Vernunft: „Das sind aber schon mehr als drei. Und wie war das nochmals mit ’nur die Schönsten und Stärksten‘?“

Ich: „Aber ich kann doch nicht so sein. Schau dir mal das hier an. So hübsch und zart. Komm, meine Süsse, da ist noch ein freier Platz in der Pikierschale…Oh, und du, du bist ja ganz toll gewachsen…“

Zehn Minuten später haben 24 Keimlinge der „Gelben von Thun“ einen festen Platz in der Pikierschale ergattert und ich mache mich mit der „Legend“ zu schaffen. 

Stimme der Vernunft: „Und was hast du jetzt mit diesen 24 potentiellen ‚Gelben von Thun‘ vor?“

Ich: „Na ja, alle werden wohl nicht überleben…“

Stimme der Vernunft: „Bei der Pflege, die du den Kleinen angedeihen lässt, wird ganz bestimmt mehr als die Hälfte überleben. Und was soll mit denen geschehen?“

Ich: „Also, mindestens zwei kommen in meinen Garten, dann verschenke ich vielleicht noch einige und für die anderen muss ich halt noch etwas Platz schaffen…Vielleicht muss dann auch das eine oder andere Pflänzchen sein Leben lassen.“

Stimme der Vernunft: „Oh ja, ich sehe dich schon vor mir, wie du unter Tränen eines deiner kostbaren Pflänzchen zum Komposthaufen trägst. Wo du es schon nicht übers Herz bringst, einen Keimling zu töten…“

Ich: „Vielleicht finde ich bis Mitte Mai noch einen Weg, meinen Garten zu vergrössern. Dann findet bestimmt jedes Pflänzchen seinen Platz.“

Stimme der Vernunft: „Klingt nicht allzu vernünftig…“

Ich: „Die Vernunft ist ja auch nicht mein Business sondern deines. Und überhaupt, wer kann denn schon Vernunft walten lassen, wenn es um Tomatenpflanzen geht?“

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Immer auf Achse

Allmählich wird es Zeit, dem Jungen den Ausgang einzuschränken. Kommt mittags nach Hause, knallt seine Sachen in eine Ecke, schlingt sein Mittagessen herunter und verschwindet bei der ersten Gelegenheit zu seinem besten Freund. Stundenlang bleibt er weg und kommt erst nach unzähligen Ermahnungen wieder nach Hause. Samstags Übernachtung beim Cousin, heute gleich weiter auf einen Familienausflug mit dem besten Freund, Rückkehr erst nach dem Eindunkeln und dann gleich völlig übermüdet ab ins Bett.

So kann das doch nicht weitergehen. Bloss weil er jetzt schon fünf ist, heisst das doch noch lange nicht, dass das Prinzchen kommen und gehen kann, wie ihm beliebt.

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Gefunden

Geige wolle er spielen, verkündete der Zoowärter, als er das Heftchen mit der Anmeldung für den Instrumentalunterricht nach Hause brachte. Ob er sich dessen ganz sicher sei, fragte ich und zwar nicht, weil ich etwas gegen die Geige einzuwenden hätte. Im Gegenteil, ich liebe den Klang dieses Instruments und die Behauptung, das würde ja so schrecklich quietschen, mag ich nicht mehr hören. Gewöhnlich quietscht es nur am Anfang und diejenigen, die mit Quietschen nicht aufhören können, hören bald einmal mit dem Geigenspiel auf.

Grundsätzlich könnte ich also mit Zoowärters Wunsch ganz gut leben. Die Sache ist nur die, dass wir mit Karlsson bereits einen ganz passablen Geiger in der Familie haben und wenn kleine Geschwister wollen, was der Grosse tut, läuten bei mir die Alarmglocken. Ich war ja selber lange genug die kleine Schwester, die glaubte, wollen zu müssen, was die Grossen machten und es dauerte ziemlich lange, bis ich erkannte, dass ich wollen sollte, was mir in die Wiege gelegt worden ist und nicht das, was die anderen gut können. Darum rang ich dem Zoowärter das Versprechen ab, dass er den anderen Instrumenten zumindest eine kleine Chance geben würde, wenn wir zum Probespielen gehen würden. Zähneknirschend willigte er ein, aber erst, nach einem trotzigen „Ich will aber Geige spielen und sonst nichts.“

Geige spielen wollte er auch noch, nachdem er heute das Instrument endlich in den Händen gehalten und ihm unter grossen Mühen ein paar Töne entlockt hatte. Er wollte es auch noch, nachdem er sich mit dem Schwyzerörgeli abgemüht hatte. Was mich offen gestanden beruhigte, denn auch wenn mir bewusst ist, dass man mit dem Ding ganz tolle Sachen anstellen kann, so bin ich mir doch nicht sicher, ob ich die Nerven für all den Ländler hätte, den ein Kind spielen muss, bis es endlich gut genug spielt, um etwas für meine Ohren Anständiges vortragen zu können. Auch die Blockflöte vermochte Zoowärters Meinung nicht zu ändern, was wohl gut ist, denn vor ihm habe ich noch keinen gekannt, dem bei den ersten zaghaften Flötentönen schwindlig wurde.

Nach dem zweiten Besuch bei der Geige begann ich mich mit dem Gedanken anzufreunden, einen zweiten Geigenspieler in der Familie zu haben, doch ganz glücklich war ich mit der Sache nicht, denn weder beim ersten noch beim zweiten Versuch hatte ich etwas von dieser Begeisterung gespürt, die ein Kind überkommt, wenn es sein Instrument gefunden hat. „Wollen wir nicht noch zum Cello gehen?“, fragte ich deshalb. „Okay, aber ich will Geige spielen“, gab der Zoowärter zur Antwort.

Bei der Cellolehrerin herrschte gerade ziemlich grosser Andrang und so mussten wir eine ganze Weile warten. Ob wir vielleicht doch lieber nach Hause gehen sollten? Das Kind hatte seine Wahl ja getroffen und vielleicht gibt es nicht bei allen diesen magischen „Das ist es!“-Moment. Wir blieben, der Zoowärter kam irgendwann doch noch an die Reihe, die Lehrerin zeigte ihm, was er zu tun hatte, er spielte die ersten Töne und dann geschah das, worauf ich den ganzen Morgen vergeblich gewartet hatte: Die bis dahin angespannten Muskeln entspannten sich, der Blick wirkte nahezu verklärt, das zuvor unruhige Kind wurde andächtig. „Bitte, lass es ihn auch spüren“, schickte ich ein Stossgebet zum Himmel.

Ob es ihm gefallen habe, fragte ich den Zoowärter, als wir wieder draussen waren. Ja, sehr, aber er wolle immer noch Geige spielen, antwortete er. „Weshalb denn?“, wollte ich wissen. Sein Brustbein hätte ihm beim Spielen etwas weh getan, erklärte er mir. Er würde ein kleineres Instrument bekommen, nicht so ein grosses, wie das, mit dem er gerade gespielt habe. Da würde dann auch nichts gegen sein Brustbein drücken. Ein Strahlen breitete sich auf Zoowärters Gesicht aus. „Dann will ich Cello spielen.“ Ob er sich ganz sicher sei, fragte ich, oder ob er das nur wolle, weil ich es schön fände. Nein, er wolle das ganz bestimmt, versicherte er mir.

Wir könnten auch noch einmal zur Geige zurückgehen, schlug ich vor, doch das wollte er nicht. Einzig zu einem zweiten Besuch beim Cello liess er sich noch überreden, dann musste er unbedingt nach Hause, um den anderen von seiner neuen grossen Liebe zu erzählen. Das Cello habe ihn gefangen genommen, erzählte er auf dem Heimweg, sein ganzer Körper habe gespielt, alles, bis in die Fingerspitzen. So stark sei das Instrument, sagte er. So zart, sagte ich. So lustig, ergänzte er. „So wie du“, sagte ich und er strahlte.

Kaum etwas in meinem Leben als Mutter berührt mich so sehr, wie wenn ein Musikinstrument eines meiner Kinder findet und sein Herz im Sturm erobert.

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Freitagabendessen

„Im Orient dürfen sie manchmal den ganzen Tag gar nichts essen. Erst wenn die Sonne untergegangen ist, dürfen sie essen und dann essen sie ganz viel. Das heisst dann Ramadan…“, erzählt das Prinzchen. „Wie der Schulkamerad von…von wem schon wieder?“, sagt Luise.

Auf der anderen Seite versucht sich derweilen der FeuerwehrRitterRömerPirat im Schutze des Tulpenstrausses verbotenerweise ein abendliches Glas Pepsi Max einzuschenken, doch der grosse Bruder ist wachsam. „Gib sofort das Glas her“, fordert er, doch der kleine Bruder fühlt sich nicht dazu verpflichtet, Karlsson Folge zu leisten. Es entbrennt ein wilder Kampf ums halb volle Glas, die Mama malt sich schon aus, wie sie die Scherben wieder aus der einen oder der anderen Hand entfernen soll. Die väterlichen Warnrufe bleiben ungehört.

„Dann ruft der Muezzin und die Leute legen sich auf den Boden, um zu beten – so.“ Das Prinzchen wirft sich in einer perfekten Muslim-Imitation auf den Fussboden, Luise schaut bewundernd zu und fragt sich, weshalb der Kleine das Wort „Muezzin“ kennt, sie hingegen nicht. 

Der Kampf ums Glas ist zu Ende, Karlsson hat gesiegt und der FeuerwehrRitterRömerPirat ist rasend vor Wut, schnappt sich die offene Pepsi-Flasche und schüttelt sie. Der Tisch wird nass, Karlssons Pulli und Zoowärters Füsse ebenso, auch das Fenster bekommt Spritzer ab, was „Meinen“ zur Bemerkung veranlasst, zum Glück hätte er heute keine Zeit gefunden, das Fenster zu putzen. Karlsson setzt derweilen seine Fäuste ein, die zwei Pepsi-Kämpfer müssen den Tisch vorübergehend verlassen. 

„Ich hab jetzt auch schon meinen Turban angefangen und wir lernen eine Aladdin-Lied. Ich hab‘ der Lehrerin gesagt, dass ich das Aladdin-Theater gesehen habe…“

Der Zoowärter stellt fest, dass seine Socken so sehr mit Pepsi getränkt sind, dass er feuchte Fussspuren hinterlassen kann, Karlsson wird dazu verknurrt, sich für die Fausthiebe zu entschuldigen, der FeuerwehrRitterRömerPirat heult, weil er die Kampfspuren aufputzen muss, wo er doch gar nichts dafür kann, dass es in diesem miesen Schuppen nach 16 Uhr für Minderjährige keine koffeinhaltigen Getränke mehr gibt. 

Mama versucht Luise zu erklären, dass es völlig okay sei, wenn das Prinzchen im Zusammenhang mit 1001 Nacht auch etwas kulturelles Wissen zum Leben in islamischen Ländern bekomme. Dann versucht sie, ihre Liebsten davon zu überzeugen, vom Apfel-French-Toast mit Ahornsirup zu probieren, auch wenn die Bäuche schon mit Corn-Dogs vollgestopft sind. Keiner hört zu, denn die einen möchten mehr über das Leben im Orient erfahren, die anderen rekonstruieren den Hergang des Pepsi-Kampfs und il Cugino versucht verzweifelt, aus dem ganzen Schweizerdeutschen Gequatsche herauszuhören, ob von ihm heute Abend noch eine Kissenschlacht erwartet wird, oder ob er auf eine geruhsamere Art und Weise verdauen darf. 

Wie? Ihr findet meinen Text heute ein wenig chaotisch und unzusammenhängend? Na ja, ihr könnt doch nicht erwarten, dass wir ein Drehbuch verfassen, ehe wir uns zu Tisch setzen. 

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Ab auf den Mars?

Wir sind also mal wieder soweit in der Schweiz: Man ist entweder für die EU, oder dagegen. Das gleiche Bild in Schwarz-Weiss, wie vor Jahren schon. Entweder, man erkennt in der EU die Inkarnation des Bösen, oder aber man ist ein Landesverräter, der die Schweiz am liebsten an Brüssel verschachern möchte. 

Himmel, sind wir denn nicht fähig, die Sache ein wenig differenzierter anzuschauen? Wäre es denn eine Schande, zu gestehen, dass die EU zwar bei Weitem nicht perfekt ist, dass sie aber durchaus ein paar beachtliche Dinge zustande gebracht hat? Klar, die Bürokratie ist haarsträubend, die Versuche, alle über den gleichen Kamm zu scheren sind unsinnig und meiner Meinung nach dürften die Bürger durchaus etwas mehr Mitspracherecht bei der ganzen Sache haben. Aber hat das Staatengebilde nicht auch seine guten Seiten? Ist es denn zum Beispiel nichts Wert, dass wir heute ungehindert in Länder reisen können, die vor wenigen Jahren noch verschlossen waren? Würden wir uns in einem Europa sicherer fühlen, in dem die Mächtigen bei jeder kleinsten Spannung die Soldaten aufeinander hetzen?

Nein, sie ist beileibe nicht perfekt, diese EU und würden wir morgen darüber abstimmen, ob die Schweiz beitreten soll, würde ich den Stimmzettel wohl leer einlegen. Aber ich wünschte, wir würden endlich lernen, sowohl das Gute als auch das Schlechte zu sehen. Denn ob es uns nun passt oder nicht: Solange die Schweiz inmitten dieses Kontinents platziert ist, werden wir nicht umhin kommen, uns mit denen zu arrangieren, die rund um uns herum leben. Oder sollen wir etwa demnächst darüber abstimmen, ob die Schweiz auf den Mars umziehen will?

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Es gibt sie noch, diese Tage, an denen…

…die Schreibblockade ausgerechnet dann zu Besuch kommt, wenn zwei Kolumnen (über)fällig sind.

…der Autoschlüssel unauffindbar ist, weil er ohne mein Wissen mit il Cugino zur Schule gegangen ist, weshalb ich nicht aus dem Haus kann, um die Zutaten, welche die Kinder schon wieder als Zvieri zweckentfremdet haben, fürs Mittagessen einzukaufen.

…das Mittagessen in Folge des oben genannten Desasters äusserst dürftig ausfällt und erst noch anbrennt.

…das Bankkonto nicht hergibt, was man vermeintlich mit voller Berechtigung von ihm erwartet hätte.

…ich „Meinem“ die Ohren voll heule, weil es mir jetzt einfach reicht. 

…der vor einer Woche gekaufte Mixer seine Arbeit verweigert, weshalb ich die Meringue-Masse von Hand schlagen muss. Was mich nicht weiter stören würde, hätte ich nicht die offensichtlich vollkommen hirnrissige Erwartung, dass ein neuer Mixer seinen Dienst länger als eine Woche tut. 

…“jemand“ ganz zufälligerweise die Ofentemperatur von 100 auf 230 Grad verstellt, was bekanntlich nicht gerade die optimale Temperatur für Meringues ist. Natürlich bemerke ich dies erst, als es schon wieder angebrannt riecht.

…ich der Tatsache ins Auge sehen muss, dass wir jetzt zu den Menschen gehören, die zu viel verdienen, um noch irgendwelche Vergünstigungen zu bekommen, aber nicht genug, um diesen Umstand problemlos verkraften zu können. 

…ich mir obendrein beim Kochen Tabasco ins Auge schmiere, was erstaunlicherweise ziemlich heftig brennt, obschon Tabasco doch gar nicht so scharf ist. 

…ich so oft die Contenace verliere, dass die Kinder anfangen, lieb und zuvorkommend zu sein, um mir keinen weiteren Anlass zum Herumbrüllen zu bieten. Ich hasse es, wenn ich so bin. Der Brief des FeuerwehrRitterRömerPiraten, in dem stand, ich solle mich doch ein wenig schlafen legen, sie würden währenddessen spielen, rührte mich dennoch zutiefst. 

Zum Glück gibt es solche Tage seltener als auch schon.

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Sonntagsfragen

Wie haben sich die 24 Besucher aus Chile heute auf meine Seite verirrt und zählen die nun in der Statistik, auch wenn sie sich bestimmt nicht länger als zehn Sekunden hier aufgehalten haben?

Warum schaut die Weltöffentlichkeit an gewissen Orten sehr genau hin, an anderen aber ganz gezielt weg?

Muss ich denn immer und immer wieder sagen, dass ich mich zwar um Gerechtigkeit bemühe, aber nicht über Jahre hinaus im Gedächtnis behalten kann, wer wann ein Stückchen Schokolade mehr bekommen hat als die anderen?

Warum haben wir unseren Kindern je das Youtube-Video von „En Kafi am Pischterand“ gezeigt?

Muss ich anfangen, die Tageszeitung vor unseren Kindern zu verstecken, weil dort so viele schreckliche Dinge drinstehen?

Warum missbraucht mein sparsamer Mann die Gemüsereste, die für die Kaninchen vorgesehen wären, für seine Fotoprojekte und zwar so, dass sie nachher nicht mehr als Kaninchenfutter taugen?

Stimmt es, dass bereits die ersten Bienen unterwegs sind, oder hat die Frau, die das neulich erzählt hat, masslos übertrieben?

Warum weiss das Prinzchen stets vor dem ersten Bissen, dass ihn das Essen nicht schmeckt?

Spielen die absichtlich mit dem Feuer, oder ist denen einfach nicht bewusst, was alles schief gehen kann, wenn die Dinge aus dem Ruder laufen?

Warum bin ich nach Mitternacht immer viel wacher als am Morgen?

Wie kommt es, dass Schokolade bei uns nie länger als ein paar Stunden überlebt, wo doch il Cugino, die Kinder und ich stets so zurückhaltend sind?

Nun, zumindest auf die letzte Frage weiss ich eine Antwort. Oder auch zwei.

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Sind das wirklich schon sechs Jahre?

Sechs Jahre ist es her, seitdem ein guter Freund mich zum Bloggen herausgefordert hat. Anders kann man das gar nicht nennen. „Du solltest bloggen“, sagte er eines Tages. „Na ja…“, antwortete ich. Ein paar Tage später liess er mich wissen, mein Blog sei eingerichtet und heisse Beautifulvenditti. Noch immer war ich mir nicht sicher, ob das wirklich etwas für mich sei, also schrieb ich erst mal nichts. „Wann fängst du an zu schreiben? Ich warte“, wollte der Urheber dieser Seite nach zwei Tagen wissen. Also schrieb ich. Sehr zaghaft noch, denn ich wusste ja eigentlich gar nicht so recht, was man in einem solchen Blog schreibt. Doch die wenigen Menschen, die von meinem Schreiben wussten, ermutigten mich, weiterzumachen und irgendwann brauchte man mich nicht mehr zu schubsen, ich konnte gar nicht mehr anders, als fast täglich zu bloggen. Seither ist viel passiert.

Ich habe einen Weg gefunden, das in Worte zu fassen, was mich in meinem Leben als Mutter, Ehefrau, Ehrenamtliche, Berufstätige, Hausfrau, Schreibende, Schweizerin, Hobbygärtnerin, Glaubende, Zweifelnde, … begeistert, in den Wahnsinn treibt, zu Tränen rührt, zum Heulen bringt, überfordert, beschäftigt, zum Lachen bringt, erzürnt…

Ich bin ins Gespräch gekommen mit Menschen, die sich in meinen Texten wieder erkennen, habe erlebt, dass andere durch mein Schreiben neuen Mut gefasst haben, wurde aber auch selber immer wieder ermutigt, weil andere mir sagten, dass ich nicht die Einzige bin, der die Dinge manchmal einfach über den Kopf wachsen. Die positiven Reaktionen meiner Leserschaft haben mit dazu beigetragen, dass ich schliesslich den Mut gefasst habe, den Traum des Bücherschreibens zu verwirklichen.

Das Schreiben hilft mir, die Dinge mit mehr Humor zu nehmen. Herrlich, wie viel Schreibstoff die alltäglichen Missgeschicke bieten. Glaubt mir, ich fahre weitaus seltener aus der Haut, seitdem ich im Kopf schon mal den Blogpost entwerfe, währenddem ich klebrigen Honig vom frisch geputzten Fussboden aufputze. 

Mein Blog hat mir auch beruflich Türen geöffnet, so dass ich heute meinen Anteil am Familieneinkommen alleine durchs Schreiben erarbeite. Etwas, was ich mir stets erträumt, aber nie zu erhoffen gewagt hätte. 

Oh ja, natürlich habe ich schon tausendmal daran gedacht, die ganze Sache wieder hinzuschmeissen. Manchmal fürchte ich mich davor, dass mir eines Tages der Schreibstoff ausgehen könnte. Und an gewissen Tagen quält mich die Frage, ob ich nicht eine fürchterliche Dilettantin bin, die versucht, Dinge in Worte zu fassen, die andere viel besser ausdrücken könnten. Dann versuche ich, einfach nicht zu bloggen, doch meist dauert es nicht lange, bis die Worte wieder darauf drängen, aus meinem Kopf befreit zu werden. 

Darum schreibe ich weiter. Und darum ist es heute wieder einmal Zeit, klar und deutlich zu sagen: Danke, Tobias, dass du mich vor sechs Jahren dazu gedrängt hast, endlich anzufangen. 

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Kann mir einer erklären, was das war?

Da liegen wir zwei nichts Böses ahnend im Bett, der Käfer, den ich mir eingefangen habe und ich.  Das Telefon klingelt, die endlose Nummer beginnt mit 0049, aber ich hebe dennoch ab, weil man ja nie wissen kann, wer etwas von einem will. Es ist ein Hochdeutsch sprechender Herr, der von mir verlangt, den Computer wieder zurückzunehmen, den ich ihm auf Ebay verkauft hätte. Ich weiss nichts von einem Computer und frage deshalb, wie denn der Spitzname des Verkäufers laute. Das wisse er nicht, er habe nur diese Telefonnummer und betet sie mir langsam und deutlich herunter. Ausserdem wird der Kerl leicht gereizt, weil ich noch immer nichts von einem verkauften Computer wissen will. Er sei Dichter, behauptet er, und der Computer habe kein Windows drauf, ich solle mich nicht so dämlich anstellen und das Ding zurücknehmen. Ich will es aber nicht zurückhaben, weil es mir noch nie gehört hat. Er betet dann noch irgend eine nichtssagende Zahlenfolge herunter, fragt mehrmals „Ja? Nein?“ und mir wird es allmählich zu bunt. „Hören Sie mal, ich lege jetzt auf“, wogegen er erstaunlicherweise nichts einzuwenden hat.

War hier tatsächlich einer so blöd, von mir Geld zurückzufordern, das er mir nie bezahlt hat, weil ich ihm nichts verkauft habe? Oder haben Hamchitis mal wieder etwas ausgefressen und vergessen, dass sie ja gar nicht mehr unter ihrer alten Telefonnummer erreichbar sind?

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