Wirkungsvoll

Im November 2012 stellt die Hausärztin fest, dass Mama Vendittis Eisenspeicher bedenklich leer ist. Weil Mama Venditti ohnehin gerade ins Ländli fährt, gibt die Ärztin ihr das Blatt mit den Laborwerten mit, damit die Ländli-Ärtzin weitersehen kann. Mama Venditti kommt mit einer Schachtel voller pinkfarbener Eisentabletten und einem Multivitaminpräparat für Senioren nach Hause. Die Kügelchen zeigen zwar keine Wirkung, aber immerhin hat man so getan, als täte man etwas. Die Fachärztin, bei der Mama Venditti ab und zu auch in Behandlung ist, findet, das reiche nicht und schickt Mama Venditti zurück zur Hausärztin. Noch einmal Blutprobe, der Eisenspeicher ist noch immer bedenklich leer. Man rät Mama Venditti zur Eiseninfusion, wogegen sich Mama Venditti zwar sträubt, aber weil sie sich auf die Dauer keinen zweistündigen Mittagsschlaf leisten kann, all die Präparate bis anhin nichts gebracht haben und sie nicht bereit ist, dem Eisenwert zuliebe wieder Fleisch zu essen, willigt sie schliesslich ein. Also schickt die Hausärztin Mama Venditti ins Kantonsspital Olten. Noch einmal Blutentnahme, eine Woche später Besprechung beim Arzt und dann – vielleicht irgendwann Ende April – der Versuch, ob die Eiseninfusion etwas bringt oder ob Mama Venditti zu den Frauen gehört, die nicht auf die Behandlung ansprechen oder die das Zeug am Ende gar nicht ertragen.

Irgendwann wird die Krankenkasse Mama Venditti wohl vorhalten, sie gehöre auch zu denen, die dafür sorgen, dass die Gesundheitskosten ins Unermessliche steigen dabei hätte sie auch ohne das ganze Theater gewusst, dass der Eisenspeicher bedenklich leer ist. Das ist er nämlich bei fast allen Frauen, die kaum mehr ihre Augen offen halten können.

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Dann eben nächstes Jahr

Zuerst habe ich mir ja überlegt, ob wir dieses Jahr die Zeitumstellung einfach ignorieren sollen. Bloss weil alle anderen es machen, müssen wir nicht unbedingt auch dabei sein, dachte ich mir. Nun gut, die Lehrerinnen des FeuerwehrRitterRömerPiraten wären vielleicht nicht sonderlich erfreut, wenn er noch später zur Schule käme, aber ich bin ja auch nicht immer einverstanden mit dem, was in der Schule läuft, da kann man es uns doch nicht verargen, wenn wir auch mal unser eigenes Ding durchziehen. Okay, vermutlich würde auch unser Sozialleben etwas erschwert, aber da wir ohnehin fast immer spät dran sind, bliebe unsere Rebellion weitgehend unbemerkt. Vielleicht würden ja sogar jene, die dennoch von unserem Widerstand wüssten, sich uns anschliessen und wir gingen in die Geschichte ein als jene, die das Ende eines grossen Unsinns einläuteten.

Im Geiste sah ich uns schon in den Geschichtsbüchern verewigt, als mir einfiel, dass das Zusammentreffen von Zeitumstellung und Ostern mir wohl meinen einzigen glanzvollen Nicht-Auftritt in meiner langen Osterhasenkarriere bescheren würde. Über all die Jahre habe ich es nämlich noch nicht ein einziges Mal geschafft, von niemandem gesehen zu werden, als ich frühmorgens durch den Garten schlich. Immer war bereits eines der Kinder wach, immer beobachtete mich mindestens eines vom Fenster aus. Heute aber, als um halb acht die biologische Uhr unserer Kinder erst auf halb sieben stand, konnte ich von allen unbemerkt aus dem Haus schleichen, um mir auf der Suche nach geeigneten Verstecken beinahe die Füsse abzufrieren. Nicht mal Karlsson, der gewöhnlich lange vor mir wach ist, war um diese Zeit schon auf und so konnte ich für einmal alle glauben machen, der Osterhase habe die Sachen gebracht. Nun ja, zumindest alle, die noch daran glauben, dass es den Osterhasen wirklich gibt…

Ja, ich weiss, der Widerstand gegen die Zeitumstellung wäre heldenhafter gewesen, aber diese eine Chance auf einen erfolgreichen Osterhaseneinsatz konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen. Verweigern können wir uns ja auch nächstes Jahr.

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Langweilig?

Die ganze Familie zieht sich den Baron Münchhausen rein. Nun ja, fast die ganze Familie, ich habe bei diesem Regenwetter alle Hände voll zu tun, muss dafür sorgen, dass Downton Abbey den ersten Weltkrieg halbwegs heil übersteht und kann mich nicht um den Lügenbaron kümmern. Irgendwann hat auch das Prinzchen keine Lust mehr auf ihn. „Dieser Film ist so langweilig“, klagt er. Der Zoowärter traut seinen Ohren nicht, glaubt, das Prinzchen müsse sich im Wort geirrt haben. „Prinzchen, dieser Film ist ganz und gar nicht langweilig“, erklärt er. „Langweilig bedeutet, dass jemand etwas mit dir spielen will, wozu du keine Lust hast. Dann ist einem langweilig, aber ganz bestimmt nicht bei diesem Film.“ 

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Schulimpressionen

Natürlich gebe ich vor, nur wegen meiner eigenen Kinder zum Besuchstag zu gehen, in Wirklichkeit will ich bloss das Sozialverhalten der heutigen Jugend beobachten. Hier ein paar Beispiele, selbstverständlich mit geänderten Namen:

Die Pause ist vorbei, die Schüler begeben sich auf ihre Plätze, Julian kommt etwas zu spät, humpelnd. Meredith, seine linke Banknachbarin, geht zum Lavabo, um ihm aus Papierhandtüchern einen kühlenden Umschlag zu machen, den er auf sein schmerzendes Knie legen kann. Die Schüler holen ihre Laptops, Julian humpelt durchs Klassenzimmer, bittet den Lehrer um Salbe. Carmela, Julians rechte Banknachbarin startet ihm derweilen den Computer auf, loggt sich für ihn ein, sucht einige Bilder, die ihm für seinen Vortrag nützlich sein könnten, fügt sie in sein Arbeitsblatt ein und erklärt ihm, als er endlich wieder auf seinen Platz sitzt, was sie gemacht hat. Zum Dank tritt Julian Carmela wenig später gegen das Schienbein, zwickt sie in den Arm und lässt eine abwertende Bemerkung fallen. Carmela kichert und hilft ihm Augenblicke später schon wieder aus der Patsche, weil er nicht mehr weiter weiss. 

Zwei Kindergärtner sitzen am Tisch, malen konzentriert, drei weitere balancieren auf Holzbrettern, die auf eine Röhre gelegt sind. Nach einer Weile möchten sich auch die malenden Kinder ein wenig bewegen, es hat aber nur drei Balancier-Bretter. Was jetzt folgt, lässt mich zweifeln, ob ich wirklich wach bin, oder ob ich mich am Ende in einen Erziehungsratgeber verirrt habe: „Komm, wir wechseln uns ab. Du darfst zuerst“, sagt Eugène zu  Penelope. Eine Weile lang wechseln sich alle gegenseitig ab, die Stimmung ist äusserst friedlich. „Hör mal, Stefan“, wendet sich Eugène freundlich an seinen Spielkameraden, „du solltest jetzt weiter malen, sonst wirst du wieder nicht fertig.“ „Eugène hat Recht“, pflichtet Marcel seinem Freund bei und Stefan geht folgsam zu seinem Platz, wo er – etwas widerwillig zwar, aber doch ganz brav – seine Osterhasenbilder fertig ausmalt.

Die Hälfte der Klasse arbeitet am Laptop, die andere Hälfte hat Arbeitsblätter zu erledigen. Fabrice und Hakan – nicht die begeistertsten Schüler – haben sich mit ihren Geräten gleich neben mich gesetzt, im hintersten Winkel des Raums. Dass Prinzchen und ich ihnen unweigerlich über die Schultern schauen müssen, lässt sie vollkommen kalt, unbeirrt suchen sie das Internet nach „ugly fat people“ ab, sie lachen sich krank über die Gestalten, die sie aus dem Bildschirm angrinsen, scheren sich einen Dreck darum, dass der Lehrer sie zur Eile antreibt. Ich bin tief beeindruckt von den Zweien, denn obschon sie kaum einen fehlerfreien Satz auf Deutsch zu Papier bringen und die Klasse noch nicht eine einzige Lektion Englisch gehabt hat, wissen sie nicht nur, wie man „ugly fat people“ schreibt, sie sprechen es auch akzentfrei aus. Fabrice und Haken haben bereits begriffen, was ihre Schulkameraden erst nach Abschluss ihrer Schulzeit erkennen werden: Ein Grossteil des Schulwissens geht ohnehin verloren, bleiben wird nur das, was man im Leben weiterhin braucht. 

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So nie mehr

Aufräumen, damit die Putzfrau sauber machen kann, drei Schulbesuche innert zwei Stunden, Mittagessen auf den Tisch bringen, dann fast sofort los zum Zwischendurcheinkauf, danach am ehemaligen Arbeitsort mit einer Horde von Kindern Osterfladen backen, weil ich dies vor einem halben Jahr so versprochen habe, saubermachen, kurz nach Hause, um alles wegzuräumen und gleich wieder los in den Schwedischkurs, dann mit Verspätung zur Ausstellung um Luises Kunstwerk zu bewundern und schliesslich nach Hause, wo ein paar ziemlich aufgedrehte Kinder ins Bett zu bringen sind. Eigentlich wären jetzt noch Rechnungen zu bezahlen, die Küche müsste schon wieder aufgeräumt werden und vermutlich wartet auch eine Ladung Wäsche darauf, aufgehängt zu werden, aber irgendwann muss Feierabend sein.

Es ist noch nicht allzu lange her, da sahen fast alle meine Tage so aus. Ein unablässiges Gehetze von einem Ort zum anderen, immer auf dem letzten Drücker, immer mit dem unguten Gefühl, zu wenig vorbereitet, zu überlastet, zu schusselig zu sein. Damals, als ich mich noch unablässig in diesem Hamsterrad bewegte, fiel mir kaum auf, wie überdreht und sinnlos das Ganze war. Wie auch, wo ich doch stets nur damit beschäftigt war, den Überblick nicht vollends zu verlieren, die Dinge irgendwie doch noch auf die Reihe zu kriegen? Klar, ich war müde und abgekämpft, reizbar und ungeduldig, aber da dies zum Dauerzustand geworden war, machte ich mir schon längst keine Gedanken mehr darüber. 

Mein Leben ist auch heute noch nicht beschaulich, muss es auch nicht sein, denn dazu bin ich eindeutig noch zu jung. Aber es ist nicht mehr ganz so überladen, innehalten und nachdenken liegen wieder drin, manchmal sogar süsses Nichtstun. Tage wie heute sind inzwischen die grosse Ausnahme und wenn ich dann abends vollkommen ausgepumpt auf dem Sofa sitze, wird mir klar, dass ich so nie wieder will. Und Gott sei Dank auch gar nicht mehr kann, weil weder Seele noch Körper auf die Dauer mitspielen würden.

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Zehn Gründe, weshalb das aktuelle Sauwetter vollkommen in Ordnung ist

Erstens: Die Tortur des Frühlings-Schuhkaufs kann getrost noch ein wenig warten. Jeder Tag ohne Schuhkauf mit fünf genervten Kindern ist ein schöner Tag und sei das Wetter noch so mies.

Zweitens: „Meiner“ und ich konnten heute Abend vor lauter Frust vollkommen straffrei eine Schachtel „Celebrations“ wegputzen, die er heute geschenkt bekommen hat. Versteht sich von selbst, dass wir uns dazu eine richtig gute Schnulze reinziehen mussten.

Drittens: Keiner kann mir einen Vorwurf machen, wenn ich mich weigere, einen Frühlingsputz zu machen. Wo kein Frühling ist, muss auch nicht geputzt werden.

Viertens: Kater Leone & Katze Henrietta kommen schön brav Abend für Abend nach Hause und wärmen uns das Bett vor.

Fünftens: Meine improvisierte Gewächshausheizung kann beweisen, was sie draufhat. 

Sechstens: Der Zoowärter schleppt mit seinen Schuhen keine Erdklumpen mehr ein, weil er im Garten keine Löcher mehr graben mag.

Siebtens: Das Prinzchen weiss, dass es zwischen Winter und Frühling nicht unbedingt einen Unterschied geben muss.

Achtens: Nun…dazu fällt mir jetzt gerade nichts ein. Okay, vielleicht noch dies: Lieber jetzt Schnee als im Juli.

Neuntens: Äääähm, auch dazu kommt mir nichts mehr in den Sinn. Ach ja, stimmt, die Osterhasen schmelzen nicht weg, weil die Sonne nicht ins Schlafzimmer, wo diese kindersicher versteckt sind, scheinen kann. 

Zehntens: …….Ach was, ich geb’s auf. Ich schreibe das alles ja doch nur, um nicht in der Chor jener einzustimmen, die über das Wetter jammern.

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Hürdenlauf

Heute also trotz Starschwierigkeiten – Computer, der nicht laufen wollte, Überreste eines Migräneanfalls, Luise, die jetzt gleich, sofort einen neuen Bikini haben wollte und mir vorwarf, ich würde mich nie, aber auch gar nie um sie kümmern – alle Kapitel im Entwurf abgeschlossen, das Vorwort ebenfalls und dann noch zwei Extratexte, falls dieser elende innere Perfektionist mir alles, was ich der Muse unter harten Kämpfen abgerungen habe, wieder durchstreicht. Danach schnell alle Texte verdrängt, weil momentan nicht einer meinem überkritischen Blick standhalten könnte. Jetzt das hin und her Schwanken zwischen dem Hochgefühl, eine erste Hürde geschafft zu haben und der Überzeugung, dass daraus nie und nimmer das werden kann, was ich mir eigentlich vorstelle.

Ich weiss, man sieht es mir nicht an, wenn ich nachdenkend auf dem Bett liege und um jedes einzelne Wort ringe, aber diese Schreiberei verlangt mir so ziemlich alles ab, was ich momentan zu bieten habe. 

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Von wegen

Die Nachbarin staucht die Kinder zusammen, weil sie nach einem langen Winter abends um halb acht lachend ums Haus rennen.

An einem einzigen Tag klagen drei Mütter völlig unabhängig voneinander, wie sehr sie sich alleine gelassen fühlen, wenn der Spagat zwischen Familie und Beruf zu anstrengend wird.

Eine konservative Politikerin behauptet, die Eltern müssten eben nur nett beim Arbeitgeber nachfragen, dann bekämen sie bestimmt Unterstützung beim Bezahlen der Krippenkosten.

Beim Anstehen an der Kasse wird der FeuerwehrRitterRömerPirat angeschnauzt, weil sich erfrecht, sich an der Stange, die eine Kasse von der anderen abgrenzt, festzuhalten.

Einer Mutter wird mit Rauswurf aus der Wohnung gedroht, weil sie morgens um zehn mit ihren Kindern singt.

Hierzulande nennt man es Vaterschaftsurlaub, wenn Papa nach der Geburt seines Kindes ein paar Tage frei bekommt.

Ich kenne kaum Familien, die sich Ferien im Inland leisten können. Ich meine hier nicht Campingferien oder die zwei Wochen mit Schwiegermama und Schwiegerpapa im familieneigenen Ferienhaus. Das ist nur Alltag unter erschwerten Bedingungen. Ich meine „echte“ Ferien, also ab und zu ein Besuch im Restaurant, Tagesausflüge, vielleicht etwas mehr Komfort als zu Hause.
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Die Leute behaupten zwar immer, es habe sich einiges getan in Sachen Familienfreundlichkeit, aber ich kann beim besten Willen nicht erkennen, was sich gebessert haben soll.

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Zehn Jahre

Aber natürlich haben wir Luises Geburtstag gebührend gefeiert. Mit zuckersüsser Torte, Cupcakes für die Schulkameraden, vielen Geschenken und der Aussicht auf eine Pyjama-Party mit den allerbesten Freundinnen. Wir haben uns ins Zeug gelegt, wie immer, wenn eines unserer Kinder gefeiert wird, wir haben Lieblingsessen gekocht und den Alltag zum Festtag gemacht. Äusserlich war alles wie üblich, aber innerlich war zumindest bei mir nichts wie sonst. Zehn Jahre sind wir nun bereits unterwegs mit Luise und wenn ich bedenke, wie schnell diese zehn Jahre an mir vorbei gerast sind, dann wird mir Angst. Noch einmal so lange und sie wird wohl ausgeflogen sein.

Schon jetzt ist es machmal schwer, sie Kind bleiben zu lassen, nicht, weil sie einen riesigen Drang verspürte, erwachsen zu werden, sondern weil der Druck unter den Gleichaltrigen enorm ist. Cool sein sollte sie, „Germany’s next Topmodel“ müsste sie sich anschauen, um mitreden zu können, einen Freund sollte sie haben, bei Facebook & Co. müsste sie natürlich schon längst dabei sein. Luise lebt gut damit, dass sie all dies noch nicht haben kann, sie will es noch gar nicht. Dennoch schmerzt es, wenn ich mit meiner Tochter über Dinge reden muss, die mich mit fünfzehn beschäftigt hatten und von denen ich mit zehn noch keinen blassen Schimmer hatte. Es macht mich traurig, dass ihr die Kindheit fast entrissen wird und es sind weder die bösen Erwachsenen, die dies tun, noch die bösen pubertierenden Jungs, es sind die gleichaltrigen Mädchen, die das Gefühl haben, das Leben sei eine endlose Seifenoper, in der sie die Hauptrolle spielten. Mädchen, die jetzt schon glauben, es ginge im Leben nur darum, gut auszusehen und den richtigen Typen zu angeln.

Luise weiss ziemlich genau, was sie vom Leben will und zum Glück hat sie Freundinnen, die ähnlich ticken wie sie. Dennoch kommt bei mir zuweilen das Gefühl auf, wir müssten Luise mehr schützen als unsere Jungs. Nicht, weil sie schwächer wäre, sondern weil sie als Mädchen mit vier Brüdern wenig Möglichkeiten hatte, sich auf den Zickenkrieg vorzubereiten, der früher oder später ausbrechen wird. 

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Aber doch nicht tiefgekühlt!

Sollte in dieser grossen, weiten Welt der divergierenden Meinungen ein Kompost-Experte sein, der die Meinung vertritt, Kompost werde erst dann richtig gut, wenn er vor dem Einschichten in den Behälter tiefgefroren und wieder aufgetaut wird, dann ist er gebeten, seine Meinung für sich zu behalten. Ich lasse nicht zu, dass man in dieser Sache „Meinem“ das Wort redet, der meine Kompostschüssel für eines seiner Tiefkühl-Fotoexperimente an sich gerissen hat.

Da mache ich mich beim Kuchenbacken zum Gespött meiner Tochter, weil ich die Eierschalen zerkleinere, bevor sie in der Kompostschüssel landen, mit gestrengem Blick wache ich darüber, dass auch ganz bestimmt keine Fleischresten hineingeschmuggelt werden, ja, ich erwäge gar, einen familieninternen Informationsabend zu organisieren, damit auch ganz bestimmt keiner auf die Idee kommt, geplatzte Luftballons, einbeinige Playmobil-Figuren und missratene Prüfungen als Kompostiergut zu deklarieren.

Als ich aber heute – sehr – früh wiedermal Eierschalen zerkleinern wollte, war die Schüssel weg. Zuerst fürchtete ich ja, „Meiner“ hätte in einem Anflug von Ketzerei den ganzen Inhalt in den Abfallsack gekippt, aber er beruhigte mich, das Zeug ist noch da, einfach vorübergehend tiefgefroren. „Nur, bis ich die Zeit habe, ein paar Fotos zu schiessen, dann kannst du dein Zeugs wieder haben“, sagte er mit einem Blick, der wohl treuherzig hätte sein sollen, der in meinen Augen aber klar die Botschaft „Mein Tiefkühlwahn ist stärker als deine Kompostierwut“ vermittelte. Natürlich wollte er mir weis machen, der Kompost werde nach seiner Aktion noch viel besser, als wenn er auf konventionelle Weise behandelt werde und vermutlich hätte er, so er denn Zeit gehabt hätte, irgend einen fiktiven Experten aus irgendeinem Artikel, den er angeblich in der „NZZ am Sonntag“ gelesen hat, zitiert, der seine frevelhafte Tat rechtfertigt.

Sollte jemand unter meinen Lesern die gleiche Meinung vertreten wie „Meiner“, ist er ausdrücklich gebeten, dies für sich zu behalten. In Kompostfragen dulde ich keinen Widerspruch. Zumindest nicht bevor mein Projekt grandios gescheitert ist.

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