Ende des Tunnels?

Nach zahllosen Elterngesprächen, bei denen wir am Ende wie geschlagene Hunde aus dem Schulzimmer schlichen, weil es ja nicht von nichts kommen kann, wenn es mit einem Kind nicht so läuft, wie die Schule das gerne hätte,…

Nach so manchem furchtbar peinlichen „Frau Venditti, wir müssen reden“-Anruf,…

Nach vielen Terminen mit Experten, bei denen wir gelegentlich vollkommen entspannt und aufnahmefähig rechtzeitig im Wartezimmer sassen, in der Regel aber verschwitzt, leicht gereizt und mit einem Trupp kleiner Kinder im Schlepptau angerast kamen,…

Nach stundenlangem Brüten über Abschlussberichten, Standortbestimmungen, Untersuchungsergebnissen, Verordnungen und Formularen,…

Nach gefühlten zehntausend Tagen, an denen wir nicht mehr ein und aus wussten, weil Kind und Schule einfach nicht kompatibel zu sein schienen,…

Nach endlosem Gejammer und Geklöne, das sich Freunde und Verwandte von uns anhören mussten,…

Nach wunderschönen, mutmachenden Worten von lieben Menschen, die unser Gejammer und Geklöne auch beim hundertsten Mal noch ernst nahmen,… 

Nach mehreren intensiven Expertenrunden, bei denen zwar alle Beteiligten sehr guten Willen zeigten, die Grenzen des Machbaren aber doch wenig Spielraum für echte Veränderungen boten,…

Nach zornigen Ausbrüchen, weil einen bei der Starre des Systems und dem ewigen Dreinfunken des Kantönligeistes ein Gefühl der Ohnmacht überfällt,…

…sieht es endlich so aus, als gebe es einen richtig guten Ausweg aus dieser miesen Sackgasse. Und jetzt, wo wieder Licht ins Dunkel fällt, erkennt man, dass es zwischen all den Paragraphen und Verordnungen des Volksschulgesetzes halt auch Menschen gibt, denen das Wohlergehen eines Kindes wirklich am Herzen liegt.

So etwas muss auch einmal gesagt sein. 

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Schwärmerisches Geschwätz

Jetzt gehöre ich also auch schon zu den Menschen, die – kaum befinden sie sich mal wieder in den heiligen Hallen einer höheren Bildungsanstalt -, mit verklärtem Lächeln verkünden, eine schönere Zeit als die vier Jahre am Gymnasium gebe es nicht. So frei sei man da, so wissbegierig, so entspannt. Wenn ich könnte, würde ich die Zeit sofort zurückdrehen, behaupte ich, und natürlich kann ich es mir nicht verkneifen, die eine oder andere Anekdote von damals zum Besten zu geben. Ach, was gäbe ich doch drum, noch einmal so unbeschwert und jung zu sein…

Und wie ich mich so schwärmen höre, wird mir bewusst, wie furchtbar alt ich mit meinem schwärmerischen Geschwätz wirken muss. So alt eben, wie Menschen wirken, die ihre Jugendjahre nur noch durch die rosarote Brille betrachten und so tun, als hätte ihnen der Kampf um eine anständige Mathenote damals  nicht ganz fürchterlich zugesetzt.

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Selbstkritik in Kolumnenform

Hier nun also die swissmom-Kolumne, in der ich am allermeisten mich selber kritisiere…

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Wasser predigen und Adventssäcklein füllen

Das ist wohl wiedermal typisch: Da schreibe ich mir tagsüber beim Versuch, uns Eltern in Sachen Weihnachtsgeschenke ein wenig Vernunft einzureden, beinahe die Finger wund und am Abend fülle ich Adventssäcklein nach Adventssäcklein nach Adventssäcklein nach Adventssäcklein…. bis mir vor lauter Adventssäcklein der Schädel brummt. 

Damit ich mir beim Blick in den Spiegel noch in die Augen schauen kann, sage ich mir jetzt einfach, ich müsse eben die anderen Eltern davor warnen, so zu werden wie ich.

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Und ob die das können!

Mit Kerzenschein, einer Auswahl von Kaffee, Tee und Guetzli sowie einer perfekt aufgeräumten und geputzten Wohnung wurden wir empfangen, als wir vom Wellness-Wochenende mit Freunden nach Hause kamen. Wer das alles organisiert hat? Niemand Geringeres als die fünf Kinder – allen voran die zwei Grössten -, die in den vergangenen Jahren für so manchen „Wann lernen die endlich, ein wenig Ordnung zu halten“-Seufzer verantwortlich waren. Die Kinder, die sich im Alltag längst nicht immer so kooperativ verhalten, wie wir uns dies wünschen würden, die aber offenbar sehr wohl in der Lage sind, unsere Erwartungen bei Weitem zu übertreffen, wenn wir ihnen die Gelegenheit dazu bieten. 

Da hoffen wir doch, ihre Erkenntnis, dass Putzen und Aufräumen weit anstrengender sind als sie es sich vorgestellt hätten, sei länger haltbar, als die Erholung, die „Meiner“ und ich während der freien Tage genossen haben. 

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Meine verehrten Schuhverkäufer

Mir ist bewusst, dass euer Leben in den vergangenen Jahren härter geworden ist. Der Versandhändler aus Deutschland macht euch die Kundschaft abspenstig, die Leute, die sich noch in eure Geschäfte verirren, kommen nur, um Schuhe anzuprobieren und dann doch im Netz einzukaufen und dann habt ihr auch noch andauernd Scherereien, weil die Biligware, die ihr verkauft, nicht lange hält, was den kleinen Rest an Stammkundschaft, der euch erhalten geblieben ist, vergrämt. Kein Wunder also, dass ihr allmählich nervös werdet.

Dennoch muss ich euch etwas fragen: Was denkt ihr, weshalb ich zu euch komme? Um mir Imprägnierspray  – „100 Prozent mehr Inhalt zum gleichen Preis!“ – aufschwatzen zu lassen? Um mich davon überzeugen zu lassen, dass ich ohne Wildlederbürste und Spezialpflege für dunkelblaue Schuhe nie ein wahrhaft glückliches Leben führen werde? Um mich vo euch beschwatzen zu lassen, nur mit einer Mitgliedschaft in eurem Schuhclub sei mein Leben noch lebenswert? Um festzustellen, dass eure Verkäuferinnen nicht in der Lage sind, den Satz „Ich habe jetzt leider keine Zeit, um mich mit Ihrem Schuhclub zu befassen und Zubehör brauche ich nicht“ zu verstehen.

Wisst ihr, liebe Schuhverkäufer, was ich tun werde, wenn ihr nicht damit aufhört, mich an der Kasse zu beschwatzen? Ich werde mir im Internet – natürlich nicht bei eurem grossen Konkurrenten aus Deutschland, sondern bei einem tollen Öko-Geschäft – die richtig coolen Öko-Schuhe, die ich bei euch vergeblich suche, bestellen. Ja, im Internet werde ich auch mit Werbung belästigt, aber die kann ich dezent wegclicken. Manche eurer Verkäuferinnen hingegen bringe ich nur zum Schweigen, wenn ich, nachdem ich mit meinem höflichen Nein gescheitert bin, so richtig unfreundlich werde.


 

Warum ich damit aufgehört habe,…

… mich wie ein kleines Kind auf schöne Dinge zu freuen:

Weil ich alt und pessimistisch geworden wäre? Nun, ich habe offen gestanden schon optimistischer die Zukunft geblickt, aber das hindert mich eigentlich nicht daran, das Schöne und Gute zu suchen.

Weil mein trübes Dasein mir so wenig Grund zur Freude böte? Nein, auch das nicht, denn bei allem Stress und Chaos bringt doch jeder Tag sein Erfreuliches mit sich. (Na ja, fast jeder Tag…)

Weil ich nun endlich vernünftig geworden wäre? Vernünftig? Ich doch nicht! Vernunft ist etwas für vernünftige Leute.

Nein, es ist ganz einfach so, dass sechzehn Jahre Mutterschaft mich gelehrt haben, wie schnell sich Vorfreude in tiefstes Selbstmitleid verwandelt, wenn ein Geippevirus, ein unzuverlässiger Babysitter oder ein geplatzter Blinddarm die schönsten Pläne über den Haufen werfen. Darum habe ich aufgehört, mich wie ein kleines Kind auf schöne Dinge zu freuen.

Dafür freue ich mich jetzt wie ein kleines Kind, wenn die schönen Dinge, auf die ich mich nicht zu freuen gewagt habe, zustande kommen.

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Wenn der töchterliche Ehrgeiz erwacht,…

… und gute Noten nicht nur dort gewünscht sind, wo ein Vendittti mit wenig Anstrengung auf einen grünen Zweig kommt, sondern auch dort, wo man erst einmal nur Bahnhof versteht, also zum Beispiel in Physik,…

… dann findest du dich als Mutter am Sonntagabend plötzlich nicht mehr hinter deiner Sonntagszeitung wieder, sondern am Esstisch, wo deine Tochter verzweifelt versucht, aus den Notizen schlau zu werden, die schon im Unterricht keinen Sinn ergeben haben.

Tja, und dann versuchst du eben, mit dem Wenigen, das du vor Jahren nicht begriffen hast, du aber heute halbwegs verständlich findest, ihr zu erklären, weshalb die Geschwindigkeit als zusammengesetzte physikalische Grösse bezeichnet wird und wie sie ausrechnen muss, wie weit ein Gepard in einer Stunde kommt. 

Es ist zu hoffen, dass Karlsson, der sich ebenfalls an den Erklärungsversuchen beteiligte, dabei aber für mehr Verwirrung sorgte, weil er irgend etwas von SI-Einheiten brabbelte und andauernd die Stirne runzelte, wenn die mütterlichen Ausführungen etwas anders formuliert waren als diejenigen seines Physiklehrers,

… der von Physik ähnlich wenig versteht wie seine Mutter, dessen rudimentäres Verständnis aber noch nicht verschüttet ist von ganz viel Leben, in dem die Theorie von v = s / t eine untergeordnete Rolle spielt, weil man ohnehin kaum zum Denken kommt bei diesem rasenden Alltagstempo, 

… und der es auch noch wagt, zu behaupten, er fände Physik eigentlich ganz spannend, er habe einfach noch nicht so ganz den Zugang dazu gefunden,…

… dass also dieser Karlsson begriffen hat, weshalb er im Physikunterricht gefälligst ganz gut aufpassen und viel lernen soll. Entgegen der landläufigen Meinung braucht man das Zeug eben doch irgendwann im Leben wieder. Nämlich dann, wenn man dem eigenen Nachwuchs –  der sich gerade fragt, wozu er das Zeug lernen soll, weil man das ja doch nie wieder im Leben braucht – zu guten Noten verhelfen sollte. 

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Bad Mommy’s Terrible Saturday

Wieder so ein Samstag.

„Meiner“ irgendwo unterwegs zum letzten Aufklärungskurs des Jahres.

Ein Haufen Arbeit, die nachzuholen wäre, weil ich es in der ersten Wochenhälfte mal wieder vorgezogen habe, mich mit einer Grippe zu vergnügen, anstatt mich meinem Job zu widmen.

Traurige Kinder, die es nicht fassen können, dass wegen eines kaputten Telefons und einer blöden E-Mail-Panne das Freizeitprogramm, auf das sie sich seit Wochen gefreut haben, ins Wasser fällt.

Ein zorniger Teenager, der in Rage gerät, weil „Meiner“ sich geweigert hat, die 120 Kilometer in die Ostschweiz zu Fuss zu gehen, wo er doch genau wusste, dass ich das Auto für Chauffeurdienste ins Nachbardorf gebraucht hätte. 

Zwei verstopfte Toiletten, für die ich keine Verantwortung übernehmen will, da inzwischen jeder, der in diesem Haus lebt, die fachgerechte Toilettenbenützung und -reinigung beherrschen sollte.

Ein Wäscheberg, der einfach nicht verschwinden will, so sehr ich ihn auch dränge, endlich aus meiner Waschküche abzuhauen. 

Eine Teigmaschine, die mir auf eine passiv-aggressive Weise zu verstehen gibt, dass ich zu viel von ihr verlange und dass sie nicht gewillt ist, mir in dem von mir gewünschten Umfang zu Diensten zu sein.

Zwei Heidelbeerbüsche und ein Johannisbeerstrauch, die vorwurfsvoll im Eingang stehen und darauf warten, endlich Boden unter ihre Wurzeln zu bekommen. 

Dieses nagende Gefühl, niemandem auch nur für fünf Sekunden den Rücken zukehren zu dürfen, weil bestimmt eine leere Flasche, eine vergessene Mandarinenschale, eine halbfertige Zeichnung, ein Schokoladenpapier oder sonst etwas Unwillkommenes herumliegt, wenn ich wieder hinschaue. 

Kurzum: Einer dieser Samstage, an dem ich auf jedem Bild mit finsterem Blick und einer dicken, schwarzen Wolke über dem Kopf zu sehen wäre, wenn mein Leben ein Comicbuch wäre. (Der Titel würde dann vermutlich „Bad Mommy’s Terrible Saturday“ oder so ähnlich lauten und auf dem Cover wäre eine Karikatur meiner selbst zu sehen, wie sie zähnefletschend und mit irrem Blick durch ihr Revier streift und ihren Nachwuchs das Fürchten lehrt.)

Eine einzige Sache vermag mich an einem solchen Tag aufzuheitern: Ein Mittagessen, bei dem einer – nachdem er mein angespanntes Schweigen gründlich satt hat – auf die Idee kommt, mich zu fragen, wie ich denn die aktuelle Weltlage beurteilen würde, was mir die Gelegenheit bietet, meine miese Laune für eine Weile in die Ecke zu stellen, um des Langen und Breiten darüber zu referieren, weshalb ich die aktuelle Situation der Medien als äusserst problematisch beurteile, warum mir die politische Lage in diversen Ländern schlimme Bauchschmerzen bereitet und was in meinen Augen getan werden müsste, damit jene, die sich noch nicht von der grossen Wut haben mitreissen lassen, verhindern könnten, dass die Welt gänzlich vor die Hunde geht. 

Natürlich stehe ich eine halbe Stunde später schon wieder mit meiner schwarzen Wolke über dem Kopf am Spültrog, aber immerhin kann ich mir jetzt einreden, ich hätte heute ein ganz kleines bisschen zum Weltfrieden beigetragen. 

Falls die Knöpfe mir mein pazifistisches Gequatsche noch abnehmen, nachdem ich einmal mehr bewiesen habe, wie laut und unfreundlich ich an einem Tag wie heute werden kann… 

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Geburtstags-Absurditäten

Wenn die lebenslange Raucherin, die sich sogar in schlimmen Krankheitszeiten geweigert hat, den Tabakkonsum zu reduzieren, ihrem Enkel zum sechzehnten Geburtstag eine Glückwunschkarte, die ihr die Lungenliga zum Spendensammeln ins Haus geschickt hat, zukommen lässt. 

Wenn die Vegetarierin, die ihrem Sohn jedes Jahr Leberpastete und andere Schweinereien zubereiten musste, überall herumerzählt, er habe sich jetzt gemässigt, sie werde nie wieder Leber anrühren müssen, am Vorabend des Geburtstags trotzdem wieder mit spitzen Fingern Innereien in die Küchenmaschine schmeisst.

Wenn zwei Kinder hungrig vom Tisch gehen, weil sich unter all den Leckereien, die sich der grosse Bruder gewünscht hat, nichts findet, was sie mögen. Nein, nicht einmal Nudeln ohne Sauce und Käse, denn es gibt Kinder die zwar Teigwaren mögen, aber keine Nudeln. (Fragt nicht bitte nicht, was der Unterschied zwischen Teigwaren und Nudeln sein soll…)

Wenn der Jüngste, der so dünn ist, dass man seine Rippen zählen kann, dreissig Minuten nach dem üppigen Geburtstagsmahl, hinter einem vierstöckigen Sandwich sitzt und verkündet, er müsse jetzt Zvieri essen, sonst werde er kläglich verhungern. 

Wenn die Mutter, die den ganzen Tag in der Küche steht, um die kulinarischen Wünsche ihres Sohne zu erfüllen, irgendwann auf die Frau zu schimpfen beginnt, die den Jungen dermassen verwöhnt hat.

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