Spitalmüde

Wieder diese endlosen Stunden im engen Spitalzimmer. Wieder die gleichen Untersuchungen – Blut, Urin, Stuhl, Abtasten, Ausfragen – wie schon zig mal in den vergangenen Wochen. Wieder zum Ultraschall beim gleichen Arzt, der spitz bemerkt, man müsse vielleicht mal eine andere Untersuchungsart wählen, wenn die Schmerzen bleiben, die Ursache sich aber mit dem Schallkopf nicht finden lässt, gerade so, als wären wir Eltern diejenigen, die ihn dazu verdonnert haben, noch einmal das Gleiche zu machen. Wieder dieses teilnahmslose „Okay, wir nehmen das zur Kenntnis“, wenn wir sagen, dass der Zoowärter die Schmerzen manchmal kaum mehr aushält, aber halt doch lieber auf die Zähne beisst, wenn ein Fremder sich seinen Bauch ansieht. Wieder diese suggestiven Fragen, ob es ihm denn gefalle in der Schule und ob er sich wirklich sicher sei, dass er gute Freunde habe. Wieder dieses Gefühl, in einer Schublade eingeordnet zu sein, aus der man uns nicht mehr rauslässt, ganz egal, was wir sagen und erklären. 

Gerade so, als hätten wir nichts Besseres zu tun, als ein paar Ärzte auf Trab zu halten, weil uns ja sonst so langweilig wäre. 

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Karlsson-freies Osterwochenende

Das ist einfach nicht fair. Den anderen wird das Geld in den Hintern geschoben und mir knöpfen sie noch den letzten Rest ab. Während bei ihnen jeder investierte Rappen ein Mehrfaches an Gewinn bringt, schreibe ich einen Verlust nach dem anderen. Als ob das nicht schlimm genug wäre, regnet das Glück in Strömen auf sie hinab, meine Pechsträhne aber will kein Ende nehmen. Der kleinste Hoffnungsschimmer auf bessere Zeiten erlischt sogleich, wenn wieder irgend so ein Abzocker daherkommt und mit fiesem Grinsen eine unverschämte Forderung stellt, der ich natürlich umgehend nachkommen muss, ganz egal, wie klamm ich bin. Sollte mir das Glück doch einmal einen Augenblick lang hold sein, schlägt das Schicksal einen miesen Haken und ich stehe schlechter da als zuvor. Am Ende weiss ich nicht mehr, ob ich heulen oder ausrasten soll. 

Ich hasse es, wenn „Meiner“ und ich mit Luise Monopoly spielen müssen, damit sie die Karlsson-freien Ostertage irgendwie übersteht. 

  

So schlimm sind sie gar nicht, die kleinen Monster

Hört man sich ein wenig um, wie die Kinder von heute so sind, könnte man glauben, sie seien allesamt gefühllose, verwöhnte Monster, die beim Spielen sinnentleerter Games allmählich verblöden und nichts als Konsum und Mobbing im Kopf haben. Natürlich gibt manche, die sich in diese Richtung bewegen, ein paar Beispiele aus dem Leben unserer Kinder lassen aber auch vermuten, dass es ganz so schlimm nicht sein kann mit der heutigen Jugend:

  • Prinzchen und seine Schulfreunde liegen sich derzeit in den Haaren, weil jeder behauptet, er sei als einziger in der Lage, an einem Tag ein ganzes Buch zu verschlingen, was die anderen natürlich nicht glauben wollen. Wenn sie fertig gestritten haben, versuchen sie, einander gegenseitig mit ihrem grossen Allgemeinwissen zu übertrumpfen. Natürlich ist das nicht besonders nett, aber allzu verblödet kommen mir diese Erstklässler nicht vor.
  • Seitdem der Zoowärter mit seinen Bauchschmerzen zu Hause ist, klingelt es öfter mal um die Mittagszeit an unserer Tür. Kinder, von denen ich teilweise nicht mal den Namen kenne, weil sie noch nie zum Spielen bei uns waren, fragen mich, wie es ihm denn geht, ob sie ihn mal besuchen dürfen und wann er endlich wieder zur Schule komme, es sei so langweilig ohne ihn. Schafft er es mal, für ein paar Stunden den Unterricht zu besuchen, jubeln seine Freunde, das sei der schönste Tag der Woche. Zwei oder drei Mädchen – in diesem Alter ja nicht gerade interessiert an doofen Jungs – liessen sich sogar dazu hinreissen, den Brief, den sie ihm alle zusammen geschrieben haben, mit Herzchen zu unterschreiben. Alles andere als gefühllos also, diese Knöpfe.
  • Der FeuerwehrRitterRömerPirat, an dem Luise seit einiger Zeit kaum ein gutes Haar lässt, bastelt im Werkunterricht für seine Schwester in liebevoller Kleinarbeit ein schillerndes Osterei, das er ihr als verspätetes Geburtstagsgeschenk überreicht. So schön ist es geworden, dass sie gar nicht anders kann als zu erkennen, wie sehr der nervige jüngere Bruder sie insgeheim mag. Sie haben eben doch ein Herz, diese kleinen Monster.
  • Luise ist im Moment eigentlich alles andere als gut zu sprechen auf die zwei Menschen, die sie gezeugt haben. Dennoch sind wir ihr ganz und gar nicht egal. „Ich sehe doch, dass du traurig bist, also sag nicht, es sei nichts, wenn ich dich frage, was los ist“, raunzte sie neulich und brachte mich dazu, ihr, die ja laut der gängigen Meinung über die Jugend von heute nur an ihrem Smartphone und der neuesten Jeans interessiert sein dürfte, mein Leid zu klagen. (Okay, ich geb’s zu, ich musste mich ganz schön kurz fassen zwischen all den Nachrichten, die in der Zeit auf ihrem Handy eingegangen sind, aber sie hat mir tatsächlich zugehört.)
  • Die Jugendlichen, die gelegentlich bei uns ins Haus kommen, um mit Karlsson an Schulprojekten zu arbeiten, sind so anständig, nett und fleissig, dass ich mich in ihrer Gegenwart wie ein vergammelter Hippie fühle, der ganz dringend sein Leben in den Griff kriegen und seine Höhle aufräumen müsste. (Bis jetzt ist es mir zum Glück noch gelungen, sie mit Selbstgebackenem daran zu hindern, mir das Sozialamt auf den Hals zu hetzen.)

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Nicht mehr die gleiche Zielgruppe

Da „Meiner“ und ich fast auf den Tag genau gleich alt und schon mehr als das halbe Leben miteinander unterwegs sind, haben wir nicht nur viele entscheidende Schritte – Matura, Berufswahl, erwachsen werden, …- gemeinsam unternommen, wir gehörten offenbar auch über viele Jahre der gleichen Zielgruppe an. Die Banken bewarben sich um die Anlage unseres nicht vorhandenen Vermögens, die Versicherungen bemühten sich darum, Dinge, abzusichern, die sich in Wirklichkeit nicht absichern lassen, alle anderen führten uns in den schillerndsten Farben vor Augen, was wir für unser Glück und das Glück unserer Kinder so alles brauchen. Nur ganz selten einmal kam es vor, dass sie uns mit unterschiedlichen Strategien zu bezirzen versuchten und einmal bestand der Kerl, der uns ein „Weltwoche“-Abo aufschwatzen wollte, doch tatsächlich darauf, das „Nein“ aus dem Munde meines Herrn Gemahl zu vernehmen, ehe er von uns abliess, doch das erstaunt bei diesem Blatt ja nicht wirklich. Im Grossen und Ganzen aber hatten sie in ihren Bemühungen, uns das Geld aus dem Sack zu ziehen, uns gemeinsam im Visier.

Seitdem wir – natürlich wieder fast gleichzeitig – die Vierzig überschritten haben, fahren die Werber nun aber plötzlich getrennte Strategien. „Meiner“ ist jetzt offenbar in dem Alter angekommen, in dem man von Männern erwartet, sich um ihre Gesundheit zu sorgen. Fast täglich landen an ihn adressierte Gesundheitsbroschüren und Bettelbriefe, in denen er gebeten wird, doch bitte einen Beitrag zur Erforschung einer seltenen Krankheit zu leisten, im Briefkasten. Damit er auch ganz sicher etwas springen lässt, versucht man, ihn mit Lupen, Tischkalendern, Kugelschreibern und anderem Kram zu ködern. Mir hingegen wird gar nichts geschenkt, ich bekomme nur plötzlich haufenweise Kataloge, die von vorne bis hinten voll sind mit sündhaft teuren geblümten und gerüschten Dingen, mit denen ich mein trautes Heim auf meine alten Tage hin hübsch herrichten soll. Also nichts mehr mit gleicher Zielgruppe. Während er sich gefälligst um seine Gesundheit kümmern soll, wird es für mich Zeit, mir einen romantischen Mikrokosmos aufzubauen, in dem ich irgendwann mit dem pastellfarbenen Hintergrund verschmelzen würde, so ich denn  endlich einsichtig wäre und mich meinem hohen Alter entsprechend dezent pastellfarben kleiden würde. 

Ach ja, da ist noch so eine Sache, in der wir nicht mehr ganz gleich sind, „Meiner“ und ich. Während er zuweilen doch tatsächlich noch als „jung und gut aussehend“ bezeichnet wird, hat man mir heute – unter wortreichen Beteuerungen, ich sei natürlich noch längst nicht alt – eine Brille mit einer Vorstufe von Gleitsichtgläsern verkauft. 

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Verstaubt

Als sie neun war, war sie über alle Massen beeindruckt von Facebook. So viel Privates über so viele Menschen, die sie ja auch irgendwie kannte, war für sie, die ein ausgesprochen sozialer Mensch ist, unglaublich spannend.

Als sie zehn war, liess sie keine Gelegenheit aus, mein Facebook-Profil zu durchforsten,  sich durch die Fotos meiner Freunde zu klicken und manchmal in meinem Namen ein „gefällt mir“ zu hinterlassen, wo ich keines hätte hinterlassen wollen.

Als sie elf war, war sie der festen Überzeugung, es werde nun allmählich Zeit, dass sie auch dabei sein darf. Hätten wir es nicht ausdrücklich verboten, sie hätte sich wohl ganz ohne unsere Hilfe ein Profil angelegt. 

Kurz vor ihrem zwölften Geburtstag kam es zu einem erbitterten Streit mit Karlsson, weil sie sich selber die Erlaubnis erteilte, bei Instagram mitzumachen und natürlich kam in diesem Zusammenhang wieder die Frage auf, warum wir kleinkarierten Eltern nicht dazu bereit waren, ein Auge zuzudrücken, um ihr einen verfrühten Einstieg bei Facebook zu gestatten.

Inzwischen ist sie dreizehn und jetzt, wo sie endlich dürfte, käme es ihr nicht im Traum in den Sinn, bei Facebook mitzumachen. Ist doch alles längst Schnee von gestern. Abgesehen von den verstaubten Alten, die sich über Kochrezepte, Erinnerungen an längst vergangene Tage und Politik austauschen, treibt sich doch kein Mensch mehr dort rum.

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Socken-Lieferdienst

Etwas eigenartig fand ich es schon, als ich in letzter Zeit immer wieder einzelne Socken vor unserer Wohnungstür einsammeln musste, aber da unsere Kinder nicht gerade berühmt sind für ihre Ordentlichkeit, dachte ich mir nicht viel dabei. Höchstens vielleicht, dass wohl mal wieder eine kleine Moralpredigt – „Wir sind eine Familie, also trägt gefälligst jeder dazu bei, dass hier Ordnung herrscht!“ – fällig wäre. 

Ich war noch nicht dazu gekommen, meinen Lieben ins Gewissen zu reden, als die Einzelsocken damit anfingen, in die Wohnung einzudringen, den Eingang in Beschlag zu nehmen und schliesslich auch unter dem Esstisch herumzulungern. „Nun reicht es aber wirklich“, schimpfte ich vor mich hin, während ich die verirrten Socken mit dem Besen unter dem Tisch hervor angelte. 

Die Einzelsocken häuften sich, der richtige Zeitpunkt für die Standpauke liess sich irgendwie nie finden und eines Morgens stand des Rätsels Lösung laut miauend vor der Wohnungstür: Katze Henrietta, die im Frühling immer etwas sonderbar ist, seitdem sie keine Kinder mehr bekommen kann, mit einer einzelnen Socke zwischen den Zähnen. Voller Stolz legte sie mir ihre Beute zu Füssen, als ich ihr die Tür öffnete. Da sie mich mit ihren grossen, sanften Augen so treuherzig ansah, konnte ich nicht anders, als sie für ihre aktive Mithilfe im Haushalt zu loben – obschon die Socke mit ziemlicher Sicherheit vom ungewaschenen Wäscheberg stammte.

Das Lob tat ihr offenbar gut. Seither ruft sie mich mehrmals täglich herbei, um mir neue Socken zu Füssen zu legen. Falls ich es mal nicht rechtzeitig zur Tür schaffe, verschafft sie sich selber Einlass, um ihre Beute unter dem Esstisch zu deponieren. Manchmal treffe ich sie auch im Hauseingang an, wo sie verzweifelte Kreise zieht, weil irgend ein unwissendes Familienmitglied die Kellertür zugemacht und ihr den Weg zum Sockennachschub versperrt hat.

Obschon die herumliegenden Socken ganz schön nerven, bin ich Henrietta in mehrfacher Hinsicht dankbar für ihren Dienst. Erstens weiss ich jetzt, dass unsere Kinder nicht alleine verantwortlich sind für die Unordnung im Haus. Zweitens finden auf diese Weise vielleicht ein paar seit Langem getrennte Sockenpaare wieder zusammen. Und drittens lässt sie Nachbars Gartenhandschuhe in Ruhe, solange sie mit den Socken alle Pfoten voll zu tun hat. 

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Warum es hier im Moment etwas still ist

Nach zwei Wochen Schulferien und vier Wochen mit mindestens einem kranken Kind im Haus…

Nach so vielen Arztterminen, dass ich schon längst damit aufgehört habe, sie zu zählen…
Nach diversen Elterngesprächen…

Nach mühsam zusammengestückelten Arbeitstagen…

Nach vielen nicht immer gelungenen Versuchen, den kranken Kindern die Pflege zu geben, die sie brauchen und dabei die Bedürfnisse der gesunden Kinder nicht aus den Augen zu verlieren…

Nach einem ausgewachsenen Zoff mit „Meinem“…

Nach Tagen, an denen Auto, Geschirrspüler, Mixer und Herd sich aufführen wie ungezogene Kleinkinder…

Nach einigen Episoden, bei denen mir der Kragen geplatzt ist…

Nach zahlreichen unruhigen Nächten…

Nach zu vielen Programmänderungen…

…bin ich schlicht und ergreifend so müde, wie ich es seit der Zeit, als Prinzchen noch ein Baby war, nicht mehr gewesen bin. Leider kein gutes Umfeld für üppig spriessende, knackige Texte. 

Andere schriftliche Erzeugnisse entstehen aber durchaus in diesen Tagen. Ich möchte jedoch betonen, dass das untenstehende Fragment aus Prinzchens Feder rein gar nichts zu bedeuten hat:

 

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Überzuckert

„Kein Problem, das schaffen wir mit Links“, sagte ich, als die Kinderärztin meinte, wir sollten es beim Zoowärter mal ein paar Tage lang gänzlich ohne Frucht- und anderen zucker probieren. Dann gingen wir nach Hause und versuchten, das umzusetzen, was ich in der Arztpraxis so grossmäulig für kinderleicht erklärt hatte.

Das mit den Früchten war zwar niederschmetternd für den Zoowärter, der seine Äpfel, Birnen und Bananen über alles liebt, aber einfach umzusetzen. Das mit den Süssigkeiten auch, denn die kommen ja nicht täglich auf den Tisch. Zum ersten Mal leer schlucken musste er, als ich ihm erklärte, er müsse in den kommenden Tagen seine Milch ohne Kakao trinken und seine Filmjölk ohne Ahornsirup löffeln. Richtig traurig aber wurde er, als ihm bewusst wurde, dass auch Honig im Tee bis auf Weiteres Tabu ist. 

Bis zu diesem Punkt war die Angelegenheit zwar schmerzhaft, aber tatsächlich spielend leicht umsetzbar. Schwieriger wurde es, als wir uns auf die Suche machten nach dem versteckten Zucker, von dem man zwar stets redet, dessen Anwesenheit man aber gerne ignoriert. Seither kommt es zu solchen Szenen am Esstisch:

Zoowärter: „Karlsson, reichst du mir bitte den Schinken?“

Karlsson: „Moment, ich lese erst mal die Liste mit den Zutaten durch.“

Karlsson liest, während Zoowärter mit sehnsüchtigem Blick auf den Schinken starrt.

Karlsson: „Tut mir leid, da hat’s Zucker drin. Das darfst du nicht essen.“

Zoowärter versucht, nicht allzu traurig zu sein, Karlsson schimpft lautstark über den elenden Zucker, der seinem kleinen Bruder die Mahlzeit verdirbt.

Diese und ähnliche Szenen wiederholen sich mehrmals am Tag. Bei den Essiggurken. Beim Frischkäse. Bei den Maiskölbchen. Bei den Corn Flakes – und zwar die angeblich gesunde Sorte, nicht das klebrige Zeug, bei dem man den Kindern ebensogut Würfelzucker servieren könnte. Zucker, wohin man auch schaut und das in einem Haushalt, in dem mehrheitlich Hausgemachtes auf den Tisch kommt. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie es wäre, wenn wir öfter auf Fertigprodukte zurückgreifen würden. 

Ich weiss gar nicht so recht, welchen Ausgang ich mir für diesen zuckerfrei-Versuch wünschen soll. Einerseits wäre ich natürlich froh, der Schuldige für Zoowärters Bauchschmerzen wäre endlich gefunden. Andererseits graut mir vor der Vorstellung, auf Dauer einen traurigen Feinschmecker am Esstisch zu haben.

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Verhinderte Sternstunde

Es hätte eine Sternstunde werden sollen. Einer jener heiligen Momente, wenn sich ein Musikinstrument das zu ihm passende Kind aussucht. Wie lange hatten wir uns darauf gefreut, das Prinzchen und ich. Bei ihm würde das noch wunderbarer werden als bei allen anderen, dachte ich. Er, der sich schon früh vom guten alten Johann Sebastian in den Schlaf hat wiegen lassen. Er, der eigentlich immer singt und sich schon als Zweijähriger in der Prager Metro so laut und melodiös in den Schlaf sang, dass sich alle Welt nach ihm umdrehte – vermutlich vor allem, weil der Gesang in den hallenden Gängen so klang, als sei da einer sturzbetrunken unterwegs. Er, der mit Feuereifer in die Klaviertasten greift. Er, der seit Jahren darauf hinfiebert, endlich auch ein Instrument zu lernen. Wunderbar würde das werden mit ihm bei der Instrumentenvorführung der Musikschule.

Dass es nicht ganz so wunderbar wie erwartet werden würde, zeichnete sich bereits Mitte Woche ab. Ein fieser Käfer streckte unseren Jüngsten nieder, weil er sich aber den Morgen mit den Musikinstrumenten auf gar keinen Fall entgehen lassen wollte, kam er gestern früh blass und mit zitternden Knien aus dem Bett gekrochen. In der Schule dann die grosse Enttäuschung: „Haben die nicht mehr Instrumente hier? Ich hab‘ gemeint, die hätten auch Alphorn, Tuba und Harfe“, meinte er traurig. (Später stellte sich dann heraus, dass er das mit Alphorn & Co. nur geträumt hatte, aber offenbar ausgesprochen lebhaft.) Gerade berauschend ist die Auswahl bei uns tatsächlich nicht, aber einem der Instrumente würde es bestimmt gelingen, Prinzchens Herz zu erobern, dachte ich. 

Aber der Junge war wahrlich nicht sonderlich in Stimmung, sich bezirzen und erobern zu lassen. Lustlos klimperte er am Klavier seine an Beethovens „Ode an die Freude“ angelehnte Eigenkreation, die er gewöhnlich mit viel Schwung in die Tasten haut, traurig entlockte er der Geige ein paar zittrige Töne, dann wollte er gar nichts mehr. Nur noch die Blockflöte hören, kurz bei der Klarinette vorbeischauen und dann trübselig hinter mir her trotten, weil ich unbedingt noch Zoowärters künftige Cellolehrerin kennen lernen wollte und noch schnell von der Klavierlehrerin in Erfahrung bringen musste, mit welcher Methode sie die Anfänger an die Musiknoten heranführt.

Peinlich war mir das, denn ich wusste genau, wie wir beiden aussahen, nämlich wie die übereifrige Mutter, die ihr unwilliges Kind zum Musikunterricht zwingen will, weil sie der festen Überzeugung ist, einem zukünftigen Weltstar das Leben geschenkt zu haben. Dass der Klarinettenlehrer glaubte, mir erklären zu müssen, nicht jedes Kind sei zum Musiker geboren, machte die Sache nicht besser. Im Gegenteil, ich liess mich dazu verleiten, ihm zu erklären, unser Jüngster liebe Musik über alles und bestätigte damit alles, was er schon gedacht hatte, als ich mit dem gelangweilten, hohlwangigen Prinzchen im Schlepptau ins Zimmer getreten war. 

Nun, irgendwann hatten wir alles gesehen, was unser Sohn an diesem Morgen zu sehen bereit war und um mich nicht länger dem Verdacht auszusetzen, ich wolle ihn zu etwas zwingen, was er nicht will, machten wir uns auf den Heimweg, ohne den magischen Moment, wenn Kind und Instrument sich finden, erlebt zu haben. „Was möchtest du denn nun lernen?“, fragte ich, als wir im Auto sassen. „Blockflöte“, antwortete das Prinzchen. „Und später vielleicht Klarinette.“

Blockflöte? Ausgerechnet das Prinzchen, der so liebend gerne mit viel Pedal und Getöse Klavier spielt? Jawohl, Blockflöte. Bei diesem Wunsch ist er bis heute geblieben, auch wenn er heute wieder fast ganz gesund und munter ist. Und weil er inzwischen erfahren hat, dass ich mich selber zehn Jahre lang mit dem Instrument abgemüht habe, liegt er mir jetzt bewundernd zu Füssen, wenn ich mit Mühe und Not ein fehlerfreies „Die Blümelein sie schlafen“ zustande bringe. 

Vielleicht sollten wir zusammen Unterricht nehmen. 

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Zoff mit der Glucke

„Wie geht es dir denn so?“, fragte mich neulich eine entfernte Bekannte und wie man eben sagt, wenn Menschen, die einem nicht besonders nahe stehen, antwortete ich: „Ganz gut, danke“ und obschon das sehr oberflächlich klingt, meinte ich es mehr oder weniger so, wie ich es sagte. Nach ein paar Minuten Smalltalk trennten sich unsere Wege, aber ich blieb nicht lange alleine, denn die Glucke gesellte sich zu mir.

Glucke: „Bist du von Sinnen? Du behauptest, dir gehe es gut, dabei sind doch da die Kinder…“

Ich (ungeduldig, denn ich hatte gerade absolut keine Lust auf die Glucke): „Die Bekannte hat nach meinem Befinden gefragt, nicht nach dem Befinden der Kinder.“

Glucke (verständnislos): „Und wo ist da der Unterschied? Geht es den Kindern gut, geht es dir auch gut, geht es den Kindern schlecht, geht es dir auch schlecht. Ist doch ganz einfach.“

Ich: „Na ja, oberflächlich betrachtet, hast du bestimmt recht. Die Sorge um die Kinder kann einen tatsächlich ganz schön in Beschlag nehmen. Bei genauerem Hinsehen, kann ich aber sagen, dass mein Leben momentan viel näher an dem dran ist, was ich schon immer angestrebt habe. Ich bin also ganz zufrie…“

Glucke (unterbricht mich empört, schreit beinahe): „Zufrieden? Wolltest du wirklich zufrieden sagen? Ist dir Zoowärters Bauchweh denn egal? Und Luises Kopfweh? Karlssons Prüfung? Die Sorgen des FeuerwehrRitterRömerPiraten? Prinzchens Grippe? Geht dir das alles am A… vorbei?“

Ich: „Himmel, nein, natürlich ist mir das alles nicht egal und es beschert mir auch mehr als genug schlaflose Nächte, aber die Frage lautete nicht, wie es den Kindern geht, es ging ausnahmsweise mal um mein Befinden und das ist momentan eigentlich ganz gut. Mal abgesehen davon, dass mein Schreiben unter den aktuellen Umständen leidet und ich manchmal ziemlich gestresst bin wegen der vielen Arzttermine…“

Glucke: „Mir wird gleich schlecht vor so viel Egoismus. Die jammert doch tatsächlich über Arzttermine und mangelnde Zeit, um sich selbst zu hätscheln. Und dann klagt sie auch noch, die Leute würden zu wenig nach ihr fragen.“

Ich: „Wann, bitte sehr, habe ich mich beklagt, die Leute würden zu wenig nach mir fragen?“

Glucke: „Na, gerade eben. Dieses ‚ausnahmsweise‘, das du da eingeschoben hast, hat Bände gesprochen. Du möchtest also lieber gefragt werden, wie denn das Befinden der verwöhnten Prinzessin sei, die wegen ihrer Brut vom Schreiben abgehalten wird?“

Ich: „Nun hör schon auf, mir Dinge in den Mund zu legen, die ich so nicht gesagt habe. Dieses ‚ausnahmsweise‘ sollte nur darauf hinweisen, dass ich derzeit sehr viel Zeit damit verbringe, mit anderen Leuten über die Sorgen meiner Kinder zu sprechen. Manchmal muss ich da einfach wieder etwas Abstand gewinnen, um dankbar sagen zu können, dass das Leben trotz aller Schwierigkeiten, die wir derzeit zu meistern haben, eigentlich ganz gut ist. Man wird ja wohl noch differenzieren dürfen, ohne gleich als Rabenmutter abgestempelt zu werden.“

Glucke (mit Tränen in den Augen): „Differenzieren? Wenn dein eigen Fleisch und Blut schwierige Zeiten durchmacht, wird nicht differenziert, dann wird gefälligst mitgelitten und zwar so, dass du, wenn du nach deinem Befinden gefragt wirst, nur noch in Tränen ausbrechen kannst. So macht man das, wenn man ein Herz in seiner Brust hat.“

An diesem Punkt wurde mir einmal mehr bewusst, wie unmöglich es ist, mit der Glucke ein halbwegs vernünftiges Gespräch zu führen. Ich liess sie links liegen, wandte mich dem Zoowärter zu und fragte: „Wie geht es dir denn heute?“ „Meinem Bauch überhaupt nicht gut“, antwortete er, „aber ich könnte platzen vor Freude, wenn ich daran denke, dass mich morgen mein bester Freund besuchen kommt.“

Da siehst du mal, meine liebe Glucke, wie gut das geht mit dem Differenzieren…

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