Vom Freitag, der lieber ein Sonntag gewesen wäre

„Ich glaube, ich will heute ein Sonntag sein“, sprach der Freitag, als er aus dem Fenster blickte und sah, dass es draussen kühl, grau und regnerisch war. „Kerzenschein, viel Tee und guten Lesestoff, das ist es, was die Menschheit heute braucht.“ „Vergiss es“, knurrte der Alltag. „Heute wird aufgeräumt, geputzt, chauffiert, gestritten, korrespondiert, eingekauft und im Wartezimmer gesessen. So ein gewöhnlicher, alter Freitag kann doch nicht einfach daherkommen und behaupten, er sei ein Sonntag, bloss weil es vom Wetter her gerade passen würde.“ Der Freitag fügte sich, seufzend zwar und mit einer gewissen Trägheit, aber er tat, was Freitage eben tun müssen und seufzte nur gelegentlich: „Ach, wäre ich doch bloss ein Sonntag.“

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Wieder mal ein paar Absurditäten

Neulich wieder so ein Facebookpost zum Thema Integration. Die Muslime sollten sich nicht so anstellen wegen dem Schweinefleisch, hiess es da sinngemäss, die sollten sich gefälligst an die Gebräuche unser jüdisch-christlich geprägten Kultur anpassen. Und ich hab doch tatsächlich geglaubt, es gehöre zum Allgemeinwissen, dass von den drei monotheistischen Weltreligionen nur eine hemmungslos zugreift, wenn Borstenvieh auf den Tisch kommt. 

Sitzt vor ein paar Tagen einer, der vermutlich aus dem Osten kommt, mit einem Akkordeon an der Ecke und spielt ganz leidlich. Nicht mein Stil zwar, aber doch so, dass man ihm zuhören mag, währenddem man auf den Bus wartet. Ein paar meiner Münzen hat er mehr als verdient. Eine ältere Dame schaut mir zu und ruft: „Ist er nicht süss? Und er macht das ja auch so toll!“ Gerade so, als sässe da ein putziger, kleiner Hund, der seine Kapriolen macht und nicht ein erwachsener Mensch, der seine Kunst vermutlich lieber vor anspruchsvollerem Publikum präsentieren möchte. 

Töchterchen soll einen Vortrag schreiben, hat aber bei ihrem ehemaligen Lehrer nicht viel darüber gelernt, wie man das anstellen muss. Der neue Lehrer an der neuen Schule kann das natürlich nicht wissen, geht davon aus, dass Töchterchen das kann und erklärt deshalb nur das Allernötigste. Wenn Töchterchen dann ihren Vortrag hält, wird er darum nicht wissen, dass er bloss einen Querschnitt aus Mamas verstaubtem Schulwissen und den Weisheiten von Google präsentiert bekommt. 

Da hat sich einer eingehend mit einer Materie befasst, ist in den Weiten des Internets zu einem wahren Experten geworden, den man auch gerne in Interviews zu Rate zieht, aber den Unterschied zwischen „das“ und „dass“ hat er dennoch nicht begriffen, weshalb er die Version mit den zwei s in sämtlichen Texten konsequent meidet. Was nicht weiter schlimm wäre, wenn er sich mit der Kohle, die er mit seinem Expertenwissen scheffelt, einen anständigen Lektor leistete. 

Zoowärter sagt zum Prinzchen, er solle sich gefälligst nicht so anstellen, weil Papa gesagt hat, er hätte heute keine Zeit, um mit seinem Jüngsten das letzte Geburtstagsgeld zu verjubeln, wegen einer solchen Kleinigkeit müsse man doch nicht gleich heulen. Und heult eine Stunde später selber Rotz und Wasser, weil ich gesagt habe, wir hätten heute keine Zeit, um das neue Buch zu kaufen, das sich der Zoowärter mit fleissigem Lesen verdient hat. 

Mama Venditti glaubt, eine Tasse Glögg aus dem schwedischen Einkaufshaus würde vielleicht helfen, die Schreibblockade zu vertreiben, damit sie alle ihre Abgabetermine einhalten kann. Schliesslich hätten die grossen Schriftsteller alle gesoffen wie die Löcher, da würden bei ihr, die keine grosse Schriftstellerin ist, ein paar Tropfen bestimmt reichen. Die paar Tropfen verfehlen ihre Wirkung nicht, Mama Venditti ist jetzt so hundemüde, dass sie sich unverrichteter Dinge aufs Ohr hauen muss. 

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Trend der Saison

Ein Samstagnachmittag Ende Oktober: Mama Venditti spaziert mit fünf jungen Vendittis ins Schuhgeschäft, sieht sich ein wenig um, kauft für ihre vier Söhne je ein Paar ziemlich anständige Schuhe, bekommt einen grosszügigen Rabatt, spaziert mit allen ins nächste Schuhgeschäft, wo sie für Luise ebenfalls ein ziemlich anständiges Paar Schuhe kauft. Mama Venditti ist stolz auf sich selbst, weil die Sache für einmal ziemlich glatt über die Bühne gegangen ist.

Zwei Tage später: Zoowärters Stiefel sehen aus, als hätte er sie ein halbes Jahr getragen, ausserdem löst sich die Sohle. Mama Venditti ist zutiefst verärgert.

Ein paar Tage später: Papa Venditti geht mit Zoowärters Schuhen ins Schuhgeschäft, beklagt sich über die schlechte Qualität, bekommt zu hören, noch nie hätte irgend ein Mensch auf diesem elenden Planeten mit diesem Spitzenmodell Probleme gehabt, aber weil man nicht unfreundlich sein wolle, erstatte man den Kaufpreis zurück. Zoowärter läuft seither wieder in Halbschuhen rum. 

Zwei Wochen später: Just als Prinzchens Schuhe lange genug getragen sind, dass sich die im Laden ganz bestimmt nicht mehr zu einer Rückerstattung überreden lassen, lösen sich auch bei ihm die Sohlen. 

Wieder ein paar Tage später: Der FeuerwehrRitterRömerPirat jammert, seine Schuhe seien kaputt. „Einen gerissenen Schnürsenkel kann man ersetzen“, raunzt Mama Venditti, denn sie möchte der Tatsache lieber nicht ins Auge sehen.

Noch ein Tag später: Der FeuerwehrRitterRömerPirat jammert schon wieder. Es war halt doch nicht nur der Schnürsenkel, auch bei ihm löst sich die Sohle. Natürlich wird man auch in seinem Fall keine Reklamation mehr akzeptieren. Nach einem vollen Monat hat ein Schuh heutzutage seine Lebenserwartung schon deutlich übertroffen.

Letzte Woche: Luises Schuhe sind jetzt auch dahin. 

Heute Mittag: Auch bei Karlsson löst sich  die Sohle. Er versucht es mit Leim, aber wir alle wissen, dass diese lebensverlängernde Massnahme das traurige Ende nur herauszögern, nicht aber verhindern kann.

Ebenfalls heute: Mama Venditti konstatiert, dass sich lösende Schuhsohlen der Trend der Saison sind. Zudem ist sie stinksauer. Nicht nur, weil sie in Sachen Schuhkauf wieder auf Feld eins zurückgeworfen wird, sondern auch, weil die Hersteller offenbar kein Problem haben, Müll zu produzieren und dafür auch noch Geld zu verlangen.

(Oh ja, ich weiss, die teuren, überaus haltbaren Öko-Schuhe, die ich mir mir selbst gönne, gäbe es auch für Kinder. Aber wer kann es sich schon leisten, solches Schuhwerk für Menschen zu kaufen, deren Füsse pro Monat um etwa drei Schuhgrössen wachsen?)

(Ich weiss übrigens auch, dass ich über dieses Thema schon mehr als genug geschrieben habe, aber es ärgert mich halt immer wieder aufs Neue. Und mich dünkt auch, es werde mit jeder Saison ein wenig schlimmer mit der nicht vorhandenen Qualität.) 

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Wer seid ihr und was habt ihr mit unseren Kindern gemacht?

Da kommen wir also von diesem unglaublich entspannenden Wochenende mit wunderbaren Menschen, köstlichem Essen und viel Sauna nach Hause, wagen kaum, das Haus zu betreten, weil wir fürchten, hinter der Tür das übliche Chaos anzutreffen, gehen dann aber trotzdem rein, weil es ja nichts hilft, die Augen vor der Realität zu verschliessen und was treffen wir an? Fünf junge Vendittis in friedlicher Eintracht beim Abendessen, das Karlsson zubereitet hat. Die Wohnung aufräumt, die Stimmung blendend. Nein, vermisst hätten sie uns eigentlich nicht besonders, meinen sie nach der Begrüssung. Wenn wir etwas länger weg gewesen wären, dann vielleicht schon, aber zwei, drei Tage ohne uns seien gar nicht so schlecht. Sie hätten da übrigens ein paar Verbesserungsvorschläge, meinen sie etwas später, nachdem sie uns erzählt haben, wie es so war mit den Babysittern. Also das mit dem vielen Geschirr in der Spüle, das müsse sich ändern, finden sie, das sei wirklich eine Saumode. Und sie fänden es eigentlich gut, wenn jeden Tag ein anderer Küchendienst hätte. Wenn immer alle helfen müssten, gäbe es jene, die sich vor der Arbeit drücken, während die anderen doppelt so viel leisten müssten, das sei unfair und mühsam. Ein Wochenplan, bei dem jeder wisse, wann er dran sei, wäre doch viel einfacher und man könne sich dabei ja auch ein wenig danach richten, wer nachmittags schulfrei habe. Ach, und wir sollten doch bitte dafür sorgen, dass morgen nichts mehr auf dem Klavier stehe, der Klavierstimmer komme am Nachmittag vorbei und das mache sich dann nicht so gut mit all dem Kram auf dem Deckel. 

Mich dünkt fast, wir hätten noch etwas länger wegbleiben sollen. Ein paar Tage mehr und die hätten unseren Haushalt komplett umorganisiert. 

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So ein Tag halt…

Okay, eigentlich müsste ich es inzwischen wissen: Ein Tag, der damit beginnt, dass der Zoowärter noch vor dem Frühstück seinen Mageninhalt von sich gibt, weil er dermassen herzzerreissend über seine unverschämten Eltern heulen muss, die allen Ernstes von ihm verlangen, an ein und demselben Morgen eine frische Hose und einen frischen Pullover anzuziehen, so einen Tag sollte man ganz einfach ignorieren. Die Decke über den Kopf ziehen, Augen zu und warten, bis der nächste Tag kommt, das sollte man eigentlich.

Aber natürlich macht man das nicht, man ist ja pflichtbewusst und so, also versucht man, den übellaunigen Stier – ich meine den Tag, nicht den Zoowärter – bei den Hörnern zu packen und ihn irgendwie zur Vernunft zu bringen. Doch dazu ist es bereits zu spät, denn inzwischen ist der FeuerwehrRitterRömerPirat auf die Idee gekommen, ein wenig Ohrenschmerzen wären heute ganz praktisch, man könnte so den endlosen Schultag deutlich verkürzen. Der Lehrer glaubt’s, die Eltern eher nicht so, also muss am Nachmittag trotz Krankheit das Zimmer aufgeräumt werden, was an einem Tag wie heute ganz besonders schön ist, denn „Meiner“ ist mal wieder von der grossen Aufräumwut gepackt worden und lässt keine Gnade walten, auch nicht bei den Dingen, die man ach so sorgsam unter das Bett gewurstelt hat. Also noch einmal lautes Geheul, diesmal einfach ohne Mageninhalt und dann später noch einmal, weil die bösen Eltern keine iPad-Zeit genehmigen und dann noch einmal, weil Luise und „Meiner“ sich ins Gehege geraten. Dazwischen ich, wie eine Furie durchs Haus rasend, lauthals schimpfend, weil die Aufräumenden in der Waschküche einen Wäscheberg von der Höhe des Matterhorns deponiert haben – unsortiert, versteht sich. Da ich mich aber bekanntlich dem Frieden verschrieben habe, herrsche ich meine Liebsten an, sie sollten sich doch endlich wieder einkriegen und gefälligst lieb sein miteinander, was aber irgendwie nicht so richtig wirken will, weshalb wir abends alle ziemlich grummlig auseinander gehen. Dies die Kurzversion eines Tages, der sich in Wirklichkeit noch viel unausstehlicher gebärdet hat.

Ein Tag halt, an dem ich mich abends frage, was die anderen Mamas, die immer so selbstzufrieden sanftmütig lächelnd ihren Nachwuchs durchs Leben geleiten, eigentlich heimlich schlucken.

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pane e fagioli; prettyvenditti.jetzt

 

 

Wieder so ein Abend…

Wieder mal einer dieser Abende: Der Zoowärter liegt mit Halsschmerzen und fiebernd auf dem Sofa, „Meiner“ hat Einsatz an der Erzählnacht seiner Schule und ich stehe bei uns auf dem Pausenplatz rum, versuche das Prinzchen und den FeuerwehrRitterRömerPiraten zwischen Laternenumzug und Erzählnacht im Auge zu behalten, was gar nicht so einfach ist, da der FeuerwehrRitterRömerPirat keine Ahnung hat, wo er seine Klasse treffen soll und ich keinen Schimmer habe, was auf all den Programmzetteln, die mir die Kinder in den letzten Tagen in die Hände gedrückt haben, draufstand. Luise taucht auf, will wissen, wie sie in die Stadt zu ihrem Teenie-Anlass kommen soll, wo ihr Papa doch immer nur die Arbeit im Kopf hat und die Mama die kleinen Geschwister. Karlsson kocht sich derweilen zu Hause Spaghetti, was man später, als ich endlich wieder alle mehr oder weniger beisammen habe, der Küche ansehen wird. Wieder so ein Abend halt, an dem ich grummle und motze und lästere, weil ich einfach nicht begreifen kann, warum man uns Müttern solche Sachen zumutet.

Tja, und dann kommt man nach so einen Abend nach Hause, startet den Computer auf, liest von Paris, ist zutiefst erschüttert und plötzlich wieder von Herzen dankbar, in dieser herrlich kleinkarierten, nervtötenden Welt leben zu dürfen. 

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Rattenschwanz

Der Kühlschrank steigt aus, ein Neuer muss her und wo man schon einen Neuen braucht, schafft man am besten einen an, der genügend Platz bietet, der passt aber nicht in die Einbauküche, also muss ein Möbel weichen und dahinter kommt eine hässliche Wand zum Vorschein, damit die gemacht werden kann, muss die ganze Schrankwand weichen, denn die gibt ohnehin allmählich den Geist auf, das Geschirr muss also zwischengelagert werden, darum holt man ein Regal aus dem Büro, dessen Inhalt nun eben im Keller zwischengelagert werden muss, wobei auffällt, dass die Kellertreppe auch mal einen neuen Anstrich bekommen sollte, was aber erst erledigt werden kann, wenn die Zimmerdecke in der Küche erneuert ist, denn beim Herausreissen der Schrankwand hat sich gezeigt, dass da eine Lücke klafft und wo wir schon bei der Lücke sind, schauen wir uns doch mal an, wie denn der Fussboden aussieht, was man aber eigentlich lieber nicht so genau wissen möchte, weil der nämlich auch lückenhaft ist, dort, wo vorher die Möbel standen und da muss man sich natürlich überlegen, ob man einfach ein neues Möbel drüber stellt, oder ob man sich auch noch um den Fussboden kümmert und während du noch am überlegen bist, sendet der Geschirrspüler schon wieder eine Fehlermeldung, die hundertfünfzigste oder so in den vergangenen drei Tagen und du ahnst, dass auch seine Tage gezählt sind, oder dass du dich zumindest mal wieder mit einem Monteur wirst zanken müssen und ehe du den Gedanken noch fertig gedacht hast, piepst der Herd Alarm und sagt dir damit, dass er es allmählich satt hat, in deinen Diensten zu stehen, also flüchtest du aus der Küche, was aber auch nicht viel hilft, denn im Flur siehst du, dass die Wand dringend einen neuen Anstrich bräuchte und im Esszimmer fällt dein Blick zuerst auf die hässliche Lampe, die schief von der Decke hängt, im Bad weigert sich die Klospülung zu tun, was sie eigentlich tun müsste und du wünschtest, du könntest vor all dem davonrennen, aber im Treppenhaus fällt dir auf, dass ein Kind ein Loch in die Tapete gerissen hat….

Und plötzlich kommt dir dieser Satz über die Lippen, den du nie hattest sagen wollen: „Ach, so ein altes Haus gibt halt immer irgend etwas zu tun, da wird man nie fertig.“

uccello morto; prettyvenditti.jetzt

uccello morto; prettyvenditti.jetzt

Unsere Abendkarte

Geschätzte Gäste

Wie immer an Wochentagen verwöhnen wir Sie auch heute wieder mit einem abwechslungsreichen, währschaften Menü aus der Küche unseres Familienbetriebes. Wir arbeiten ausschliesslich mit besten Zutaten aus streng kontrolliertem pädagogischem Anbau, produziert in den lokalen Schulbetrieben. Mit viel Einfallsreichtum und Witz zaubert unser junges, topmotiviertes Küchenteam damit jeden Tag einzigartige Kreationen. Das heutige Menu:

Eine luftige Kreation aus „Cello Time Starters“
verfeinert mit zarten „Ich will keine Hausaufgaben machen“-Schluchzern aus dem Nebenzimmer
und einem Hauch von Prinzlicher Allwissenheit

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Ein reichhaltiger Blattsalat aus
Elternbriefen, Znünikiosk-Anmeldungen, Infobroschüren und Absenzenmeldungen,
angerichtet mit einer süsslich-säuerlichen Vinaigrette von Glanzleistungen und schlechten Noten 

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Eine herzhafte Pastete, gefüllt mit gut abgehangenen vergessenen Hausaufgaben, Frustration und Versagensängsten, 
apart gewürzt mit rezenten Rückmeldungen aus dem Lehrerzimmer und leicht salzigen Tränen,
garniert mit fein gehackten Kopfschmerzen

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Ein leichtes Süppchen von Englischen Adverbien,
Französischen Konjugationen und gelungenen Zeichnungen
fein bestäubt mit brillant erkannten physikalischen Formeln

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Eine ausgefallene Dessertkreation mit Anekdoten aus dem Schulalltag,
Schnitzern von Mitschülern,
dem neuesten Social Media-Hit 
und ganz viel Teenagerhumor

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Wir wünschen Ihnen Guten Appetit!

Liebe Miteltern

Können wir bitte endlich wieder ehrlich sein miteinander? Einfach damit aufhören, so zu tun, als hätten wir fehlerlosen Wesen das Leben geschenkt? Ja, sie sind toll unsere Kinder, sie versetzen uns immer wieder in Staunen mit ihren einzigartigen Fähigkeiten. Immer mal wieder geben sie uns guten Grund, stolz auf sie zu sein. Unser Herz möchte zerspringen vor lauter Liebe, wenn wir sie anschauen. Es ist ein unbezahlbares Privileg, sie beim Aufwachsen begleiten zu dürfen. 

Aber Himmel, es gibt doch auch eine andere Seite. Die Momente, in denen wir im Boden versinken könnten vor lauter Scham. Die Tage, an denen sie uns so lange reizen, bis wir platzen möchten vor lauter Wut. Die Lebensphase, in der sie so leise wie nur immer möglich sind, um das riesige, wunderbare Potential, das in ihnen schlummert, nicht aufzuwecken. 

Liebe Miteltern, mich dünkt, wir hätten offener miteinander reden können, als sie noch klein waren. Damals hinderte uns die abgrundtiefe Übermüdung daran, einander ein Theater vorzuspielen. Wir konnten gar nicht anders, als hin und wieder laut und tief zu seufzen. Heute aber, wo wir alle wieder besser schlafen, achten wir sorgsam darauf, dass nur noch das Lobenswerte nach aussen dringt. Die tiefen Seufzer aber… na ja, ich weiss gar nicht so recht, ob die bei euch noch vorkommen. Bei mir gehören sie weiterhin zum Alltag, genauso wie die Momente des puren Glücks, aber wenn ich euch so zuhöre, komme ich mir manchmal vor, als sei ich die Einzige, die unvollkommenen – und trotzdem wunderbaren – Menschen das Leben geschenkt hat.

un; prettyvenditti.jetzt

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Ich könnte brüllen vor Lachen, wenn…

…ich dran denke, wie ich kurz vor der Matura glaubte, ich würde in meinem ganzen Leben nie mehr Hausaufgaben machen.

…ich mich erinnere, wie ich jeweils grossspurig erklärte, wenn wir mal Kinder hätten, würden „Meiner“ und ich abends, wenn einer von uns von der Arbeit nach Hause käme, erst einmal ein Viertelstündchen miteinander ein Tässchen Tee trinken und über den Tag plaudern, ehe wir uns ins familiäre Feierabendgetümmel stürzen.

…ich mir vor Augen führe, wie ich jeden Abend Karlssons Playmobil-Zoo in Ordnung brachte, damit auch ja jedes der kleinen Tierchen die Nacht in seinem Gehege verbringen würde. 

…man mir erzählt, wie ich in Vorkinderzeiten jeweils sofort zum Lappen griff, weil sich einer an meinem blitzblank geputzten Küchentrog die Hände gewaschen hatte. (Von meiner Überzeugung, ich würde diese Marotte durch die Familienjahre hindurch retten und bis ans Ende meiner Tage beibehalten, wollen wir erst gar nicht reden.)

…ich mir in Erinnerung rufe, wie ich Tag für Tag darauf wartete, endlich ruhig und ausgeglichen zu werden, bloss weil meine ruhigen und ausgeglichenen Verwandten beteuert hatten, ich würde dann schon auch ruhig und ausgeglichen werden, wenn ich erst mal Mutter sei.  

…mir in den Sinn kommt, dass ich nach meinem Austauschjahr in den USA überzeugt war, ich würde meiner Familie mal jeden Tag ein warmes Frühstück servieren, um einen gemütlichen Start in den Tag zu zelebrieren. 

…man mich dran erinnert, dass ich früher laut herausposaunte, ich würde mir meine Privatsphäre von niemandem rauben lassen, auch nicht von meinen Kindern. 

…ich an den Tag zurückdenke, an dem ich heulend, schniefend und stillend mit Karlsson auf dem Sofa sass und glaubte, ich hätte mich in eine Milchkuh verwandelt und mein Leben würde für die nächsten zwanzig Jahre so bleiben. 

…ich mich erinnere, wie „Meiner“ und ich jeweils sagten, wir würden nie, aber auch wirklich gar nie in Gegenwart unserer Kinder das Verhalten einer Lehrperson kritisieren. 

…ich mir überlege, wie lange ich felsenfest davon überzeugt war, unsere Kinder würden ohne Mama-Taxi über die Runden kommen müssen. (Na ja, wenn ich mir’s recht überlege, bin ich davon noch immer überzeugt, aber unsere Kinder sehen das leider anders.)

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