Büffeln

Am Montag:
Englisch: Present Continuous
Sorten umwandeln
Schönschreiben
Schriftliche Addition

Am Dienstag:
Französische Gedichte, Wortschatz
Englisch: Der Unterschied zwischen „much“ und „many“
Noch einmal Französisch: Prüfungsvorbereitung
Geschichte: Absolutismus
Dreisätze
Deutsche Rechtschreibung

Heute:
Völkerwanderung, Prüfungsvorbereitung
Urgeschichte, Prüfungsvorbereitung
Textaufgaben
Nachdenken: „Was schreibe ich in einem Brief?“
Deutsche Rechtschreibung
Rechnen mit Hohlmassen
Diktatvorbereitung

Parallel dazu: Lernapps aufstöbern, ausprobieren, den Lehrer fragen, ob es eine Lizenz zum Hausgebrauch gibt.

Ich glaube, „Meiner“ und ich haben noch nie zuvor in unserem Leben so viel gebüffelt wie gerade jetzt. Und dabei haben wir doch schon längst keine Prüfungen mehr zu schreiben. 

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Mein lieber, kleiner Magen-Darm-Käfer

Wie sehr habe ich dich doch vermisst. Wie tief verletzt war ich, als ich mitansehen musste, wie du einer Familie nach der anderen deine Aufwartung machtest, nur mich, eine deiner treuesten und ältesten Freundinnen, liessest du links liegen. Als du dich endlich doch zu einem Besuch bei uns aufraffen konntest, hast du dich erst einmal nur um die Kinder gekümmert. Stunden-, ja tagelang hast du dich mit ihnen vergnügt, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. Jetzt endlich findest du Zeit für mich, in meinem Magen breitet sich das altbekannte, wohlige Gefühl aus und im Spiegel blickt mir ein wunderbar blasses Antlitz entgegen.

Ach, mein lieber, kleiner Käfer, was bin ich doch glücklich, dass du mich nicht ganz vergessen hast. Unvorstellbar, wie meine Übelkeit ohne dich je ihr volles Potential entfalten könnte.

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Rezept für eine garantiert spannungsgeladene Adventszeit

Mir ist durchaus bewusst, dass jede Familie ihr ganz eigenes Rezept für genussvolles Zoffen in der Adventszeit hat, dennoch möchte ich meiner Leserschaft unsere ganz eigene Kreation nicht vorenthalten. Wer weiss, vielleicht inspiriere ich den einen oder anderen Leser dazu, seinem eigenen Gezänk noch ein wenig Würze zu verleihen. Hier also mein Rezept:

Man nehme

  • Eine dicke, nahezu undurchdringliche Hochnebeldecke
  • Ein Wohnzimmer voller verlockend aussehender Adventskalender
  • Diverse Anlässe, welche die übliche Schlafenszeit der Kinder in die späten Abendstunden verschieben
  • Eine sehr grosszügige Portion Hausaufgaben
  • Eine noch grössere Portion Prüfungen, die vor Weihnachten noch zu schreiben sind
  • Zwei oder drei Proben fürs Krippenspiel
  • Übermüdete Lehrkräfte, die sich mit übermüdeten Schülern herumplagen müssen und deshalb die eine oder andere Strafaufgabe verhängen
  • Eine grosse Portion Vorfreude auf den Samichlausbesuch
  • Eine noch grössere Portion Vorfreude auf Weihnachten
  • Einen Stapel Einladungszettel zu diversen Veranstaltungen, die sehr viel „Mama, Papa, können wir dorthin gehen?“ auslösen
  • Einen sich ankündigenden Vollmond

Diese Grundzutaten müssen gut vermengt werden, damit jede einzelne ihr volles Aroma entfalten kann. Eigentlich könnte man den Teig jetzt in den Ofen schieben, doch erst mit etwas zusätzlicher Würze wird er so richtig unverwechselbar. Wir nehmen dieses Jahr: 

  • Ein kleines, unscheinbares Käferchen, das sich sehr, sehr langsam an jeweils ein Familienmitglied heranschleicht, dieses mit aller Macht ins Bett zwingt und dort mehrere Tage festhält. (Erst wenn das erkrankte Familienmitglied wieder gesund und munter ist, pirscht sich dieses Käferchen langsam und vorsichtig ans nächste Familienmitglied heran, so dass immer einer krank im Bett liegt.)
  • Immer wieder aufflackernde Ohrenschmerzen bei diversen Familienmitgliedern
  • Eine Prise „Müssen wir wirklich zu Hause bleiben, wenn der Samichlaus kommt? Reicht es nicht, wenn er die Kleinen besucht?“
  • Eine Pubertierende, die wegen der bevorstehenden Übertrittsprüfungen unter Hochspannung steht
  • Eine Wohnung, die schon viel zu lange nur noch ein Minimum an Zuwendung erlebt hat
  • Eine Mama, die mit ihrem Home-Office-Pensum im Hintertreffen ist
  • Einen Kindergärtner, der den unbändigen Wunsch verspürt, das ganze Haus weihnächtlich zu dekorieren
  • Eine Mama, die es versäumt hat, diesem Kindergärtner bunt glänzendes Bastelmaterial zur Verfügung zu stellen
  • Einen Papa, der im Berufsleben zu den übermüdeten Lehrkräften gehört, die sich mit übermüdeten Schülern herumschlagen müssen und der nach Feierabend das zweifelhafte Vergnügen hat, mit seinen eigenen Kindern, die zugleich auch übermüdete Schüler sind, noch ein wenig Mathe zu büffeln
  • Eine Abfallmulde, die auf dem Parkplatz steht und darauf wartet, mit allem, was in Haus und Garten nicht mehr gebraucht wird, gefüllt zu werden
  • Zwei Teenager, die nicht wissen, was sie sich zu Weihnachten wünschen sollen
  • Drei Söhne, die sehr genau wissen, was sie sich zu Weihnachten wünschen, kombiniert mit einem Papa und einer Mama, die sehr genau wissen, dass sie alle diese Wünsche nie und nimmer zu erfüllen vermögen
  • Eine halbwüchsige Katze, die sich jedem ihrer Menschen todesmutig vor die Füsse wirft, wenn sie hungrig ist (was etwa alle fünf Minuten der Fall ist)
  • Kinderfinger, die an allem herumfingern, was irgendwie nach Dekoration aussehen sollte, bis es nicht mehr nach Dekoration, sondern nach „Himmel, wer hat diese Geschmacksverirrung verbrochen?“ aussieht
  • Eine Mama und einen Papa, die leicht abweichende Vorstellungen im Bezug auf die Gestaltung der Adventszeit haben, denen aber die Zeit fehlt, diese Differenzen zu bereinigen

Diese Zutaten werden kräftig in den Teig eingearbeitet. Nach dem Backen wird das Gebäck mit einer dicken Glasur von „Wir haben es so satt, den ganzen Tag im Haus zu sitzen, aber nach draussen gehen mag bei diesem Wetter ja auch keiner“ überzogen. Zu guter Letzt bestreue ich das Ganze gerne noch mit ein paar vertrockneten, kleingeschnittenen Mandarinenschalen, die ich aus Sofaritzen und verklemmten Schubladen herausklaube, aber das ist nicht jedermanns Sache. 

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Sechs Dinge, die mir zeigen, dass ich zum alten Eisen gehöre

  • Zweimal bis ein Uhr nachts Sachen für den Adventsmarkt fertigstellen, ein Tag am Marktstand, eine Gottesdienstmoderation und mein Körper spielt die beleidigte Leberwurst. Führt sich auf wie ein übellauniger Teenager, der den ganzen Tag nur noch schlafen, herumlümmeln und sich mit Koffein volllaufen lassen will. 
  • Ich muss mir von meinen Kindern erklären lassen, wie Android funktioniert. Apple ist ja sowas von altmodisch. Elternkram halt.
  • Die Hits, zu denen wir als Teenager getanzt haben, bekomme ich heute auf der Trompete vorgeblasen. 
  • Meine Ansichten kommen aus der Mode. Nein, sie haben sich nicht grundlegend geändert, sie sind einfach nicht mehr so gefragt. Wer in sein will, bekommt keine Gänsehaut, wenn er an den Fall des Eisernen Vorhangs denkt, sondern ärgert sich über die Herausforderungen, die das Ganze mit sich gebracht hat. Wer in sein will, sieht im Fremden auch keine Chance zur Horizonterweiterung, sondern einzig und allein eine Bedrohung. (Na ja, immerhin sind wir noch nicht so weit, dass Ecopop an der Abstimmungsurne eine Chance hatte…) 
  • Wenn mir junge Frauen erzählen, wie das heutzutage so läuft zwischen Männlein und Weiblein, überkommt mich ein unbändiger Drang, mich bei Alice Schwarzer auszuheulen. (Dabei bin ich nicht mal besonders feministisch, sondern vertrete noch immer die Ansicht, der Welt ginge es am besten, würden Frauen und Männer endlich zusammenspannen.)
  • Ich verstehe gewisse junge Mütter nicht mehr. (Laufgitter? Kinderleine? Anschnallen im Hochstuhl? Das kann doch nicht euer Ernst sein.)

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Unausstehlich

Heute war mal wieder so ein richtiger „mies gelaunte Mama“-Tag. So einer mit „Nun hört mal endlich auf, mir auf den Nerven rumzutanzen! Seht ihr denn nicht, dass mir heute alles krumm läuft?“, herumbrüllen und kurz angebundenen Antworten. Erst ein kurzer Schwatz mit einem lieben Menschen vermochte mich ein wenig aufzuheitern. „Mama, du hast ja plötzlich wieder gelacht“, bemerkte Luise erstaunt, als wir wieder alleine waren. „Ich weiss, ich bin heute unausstehlich“, sagte ich seufzend und schämte mich für meine miserable Mama-Performance an diesem miesen Tag. „Ach, mach dir nichts draus“, schaltete sich Karlsson ins Gespräch ein. „Ich bin manchmal auch mies drauf und ziehe mich in mein Zimmer zurück. Du kannst dich ja nie zurückziehen, wir nehmen dich immer in Beschlag.“

An einem gewöhnlichen Tag würde ich mich über meinen sozialkompetenten Sohn freuen, an einem „mies gelaunte Mama“-Tag aber denke ich nur: „Oh je, der Arme. Hat sich so lange mit einer aufbrausenden Mama herumschlagen müssen, dass er schon ganz genau weiss, was er sagen muss, um sie wieder auf den Boden zu holen.“

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Mein lieber Herr Hamchiti

Seit bald drei Jahren begleite ich Sie nun schon durch Ihr nicht immer einfaches Leben. Bei mir fragen die Leute nach, wenn Sie mal wieder nicht zum vereinbarten Arzttermin erschienen sind, ich bin die Erste, die es erfährt, wenn Ihre Frau die Ratenzahlungen für irgend ein unverzichtbares Haushaltgerät nicht rechtzeitig überwiesen hat, ich weiss auch Bescheid, wenn die Ärztekasse wieder mal vergeblich auf Ihre Einzahlung gewartet hat. Seitdem Sie vor fast drei Jahren so lieb waren, mir Ihre Telefonnummer zu überlassen, hatte ich auch schon das eine oder andere Mal Gelegenheit, Ihre Freunde und Verwandten aus dem Kosovo ein wenig kennen zu lernen. Wirklich nette Leute, mal abgesehen von der schwerhörigen Alten, die mir nicht glauben wollte, dass ich nicht weiss, wo Sie gerade stecken. Ihre Oma? Zu gerne möchte ich wissen, was Sie ausgefressen haben, um die Frau derart auf die Palme zu treiben.

Es war nicht immer einfach, mit Ihnen unterwegs zu sein, das gebe ich zu. Einem Menschen beizustehen, der überall, wo er durchgeht, einen Haufen unzufriedene Menschen hinter sich lässt, geht an die Substanz, das können Sie mir glauben. Manchmal empfand ich Wut, manchmal schämte ich mich für Sie, manchmal hatte ich auch Mitleid, denn wie ich inzwischen herausgefunden habe, trägt Ihre Frau nicht wenig zu Ihrer angespannten finanziellen Lage bei und es muss schwer sein, einer solchen Frau begreiflich zu machen, dass der neue Wischmopp nun einfach nicht drinliegt diesen Monat.

Wie gesagt, mein lieber Herr Hamchiti, Sie fallen mir zwar auf die Nerven, aber inzwischen sind Sie mir so vertraut, dass Sie irgendwie zu meinem Leben gehören. So etwas wie heute früh müssen Sie mir trotzdem nie mehr bieten. Wissen Sie eigentlich, wie ich mich fühle, wenn fünf Minuten nachdem meine Lieben das Haus verlassen haben, die Kantonspolizei anruft? Wissen Sie eigentlich, wie ähnlich die Namen „Herr Hamchiti“ und „Herr Venditti“ bei schlechtem Empfang klingen? Und wissen Sie eigentlich, wie lange es dauert, bis ich mein Herz wieder aus der Hose gefischt habe, nachdem ich vor meinem inneren Auge schon mindestens eines meiner zahlreichen Familienmitglieder als Opfer eines Unfalls gesehen habe?

Mein lieber Herr Hamchiti, es ist mir eigentlich egal, wie wenig Sie Ihr Leben im Griff haben, aber wenn die Polizei ruft, dann halten Sie beim nächsten Mal gefälligst Ihren Termin ein. Und seien Sie bitte pünktlich, denn sonst rufen die wieder mich an. Auch wenn ich den netten Polizisten darum gebeten habe, diese Nummer umgehend zu löschen.

So langsam fange ich nämlich an zu begreifen, dass Sie weiterhin fröhlich diese Nummer angeben, wenn Sie nach einem Festnetzanschluss gefragt werden. Auch wenn diese Nummer schon längst nicht mehr Ihnen gehört, sondern mir. 

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Ist die Katze aus dem Haus…

…dann schauen sie Rosamunde Pilcher am Fernsehen,…
…lassen sich Pizza ins Haus liefern,…
…verpassen die Krippenspielprobe,…
…schmeissen am Sonntag Abfall in die Mulde,…
…essen Pommes Frites zum Mittagessen,…
…vergessen, WC-Papier zu kaufen…
und schieben eine ziemlich ruhige Kugel.

Aber was soll’s? Das Haus steht noch, sie scheinen alle gesund und glücklich zu sein und sie haben sogar die Wäsche weggeräumt. Es geht also auch ohne mich. Ein paar Tage lang.

Länger lieber nicht. Ich würde sie zu sehr vermissen. (Und sie mich hoffentlich auch.)

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Notiz an „Meinen“

Morgen fahre ich für vier Tage weg und lasse „Meinen“ mit den Kindern alleine. Was grundsätzlich kein Problem ist, denn er hat das im Griff. Zwei oder drei Dinge muss ich ihm aber trotzdem aufschreiben, damit sie nicht vergessen gehen:

  • Der Zoowärter hat morgen Nachmittag Schule, auch wenn der Stundenplan etwas anderes behauptet. Aber der behauptet das nur, weil ich ihn im Sommer falsch abgeschrieben habe und danach zu faul war, ihn noch einmal neu zu schreiben und zu laminieren. 
  • Wenn du mit dem Prinzchen und dem Zoowärter in den Schwimmkurs gehst, vergiss nicht, dem Schwimmlehrer zu sagen, dass deine chaotische Frau es letzte und vorletzte Woche mal wieder verschlampt hat, die Kinder in den Kurs zu bringen. Sag ihnen, dass es deiner Frau furchtbar leid tut, aber dass sie unglaublich froh ist, dass du derjenige bist, der sich erklären muss, weil sie es allmählich Leid ist, überall mit hochrotem Kopf und tausend Entschuldigungen aufzukreuzen. 
  • Nein, am Sonntag dürft ihr nicht liegen bleiben. Krippenspielprobe! Keine Versäumnisse erlaubt! (Ich hingegen werde sonntags so lange liegen bleiben, bis das Bett mich rauswirft.)
  • Der Laptop kommt mit mir. Netflix nur auf dem iPad. 
  • Bitte, bitte, bitte, bitte streich Karlssons Zimmer nicht an diesem Wochenende! Du weisst, wie es kommt, wenn fünf Kinder und ein paar Farbroller sich miteinander vergnügen. 
  • Finger weg von der Wäsche! Es sei denn, ihr wollt sie wegräumen. 
  • Versucht, ohne mich Spass zu haben. (Als ob das möglich wäre…)

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Ich sollte empört sein, aber…

Ich weiss, ich sollte empört sein, sollte ihm sagen, dass das so nicht geht. Ich sollte mit der Schule an einem Strick ziehen und ihm klar machen, dass mich sein Verhalten enttäuscht. Ich sollte ihm ins Gewissen reden, weil es nicht okay ist, der Musiklehrerin so lange gekonnt auf den Nerven herumzutanzen, bis sie ihn versetzt und schliesslich keinen anderen Ausweg mehr sieht, als ihn zum Arrest zu verdonnern, weil er mit seinen Kapriolen einfach weitermacht. Ich sollte ihm wirklich deutlich machen, dass ich so etwas nicht tolerieren kann. Vielleicht sollte auch ich noch eine Sanktion verhängen, damit er die Sache wirklich ernst nimmt. Wehret den Anfängen und so…

Natürlich wünschte sich die Schule, ich würde Karlsson so richtig die Leviten lesen, denn die Schule ist angewiesen auf Eltern, die sie ernst nehmen. Es ist ja nicht so, dass ich die Schule grundsätzlich nicht ernst nehmen würde, aber in diesem Fall werde ich es trotzdem nicht hinkriegen, die empörte Mama zu geben, die ihren Sprössling in die Schranken weist. 

Warum nicht? Weil Schwatzen und Kapriolen im Schulunterricht auf meiner Skala der Jugendsünden noch nicht zu den Vergehen gehören, die auch noch von elterlicher Seite sanktioniert werden müssen. Ja, Karlsson hat sich daneben benommen und die Lehrerin darf ihm durchaus in die Schranken weisen – obschon die Sache mit dem Arrest in meinen Augen etwas übertrieben ist. Was macht sie, wenn einer mal wirklich Mist baut? 

Meiner Meinung nach hätte ich aber nicht mal unbedingt ins Bild gesetzt werden müssen über diese Angelegenheit, denn ich sehe darin noch kein alarmierendes Verhalten, mit dem die Schule nicht alleine fertig werden könnte. Ich meine mich sogar zu erinnern, dass solche Episoden in einem gewissen Alter vollkommen normal sind und vermutlich ist nicht mal Karlssons Musiklehrerin ganz ohne sie durch ihre Schulzeit gekommen. 

Auf die Standpauke, als ich von Karlssons Arrest erfahren habe, habe ich deshalb verzichtet. Erstens, weil mein Sohn sehr wohl weiss, dass er sich daneben benommen hat und zweitens, weil er sofort durchschaut hätte, dass meine Empörung nur gespielt ist. Stattdessen habe ich ihm dargelegt, welche Vergehen auf meiner Skala der Jugendsünden mich zu sofortigen harten Sanktionen bewegen könnten.

Nur damit er nicht vergisst, dass ich nicht jeden Mist mit einem „Na ja, deine Strafe hast du ja bereits bekommen“ durchwinke. 

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Sie sind alle so irr und ich bin ihr Chef

Schuld an allem ist dieser Asthmaanfall. Keiner von diesen gewöhnlichen, die mit ein paar Hüben aus dem Inhalator abgewendet sind, sondern ein richtig heftiger. Einer, der dich tagelang ins Bett zwingt, der dich dazu veranlasst, mit schwacher Stimme bei der medizinischen Hotline ein Rezept für Notfallmedikamente zu erbetteln und der deine medizinisch ausgebildete Schwester zur Drohung verleitet, sie würde dich auf die Notfallstation bringen, wenn du nicht brav dein Kortison schlucken würdest. Ein Asthmaanfall, der dafür sorgt, dass du in deinem eigenen Familienleben nicht mehr der (meistens nicht wirklich) ruhende Pol bist, sondern lediglich ein Statist, der zwar hin und wieder mit heiserer Stimme einen kurzatmigen Befehl bellen darf, ansonsten aber nur dabei zuschauen kann, was diese Irren, die du deine Liebsten nennst, den ganzen Tag so treiben.

In diesem Haus kann es dir zum Beispiel passieren, dass du morgens um zwanzig nach fünf von Edith Piaf, die im Wohnzimmer ein äusserst melancholisches Konzert gibt, geweckt wirst. Gut, so etwas passiert dir nur, wenn du am Vorabend entschieden hast, auf dem Sofa zu schlafen, weil du „Deinem“ mit deinem andauernden Gebell nicht den Schlaf rauben willst. Netflix reinziehen kannst du dir ja auch nicht, wenn er neben dir schlafen sollte und Netflix brauchst du, weil das Kortison der Meinung ist, Schlaf sei eine vollkommen überbewertete Sache, die nur für Kinder und Memmen erschaffen worden ist. (Was zu Netflix noch zu sagen wäre: Dass ich nach den letzen Überbleibseln von „House of Cards“, zwei äusserst deprimierenden Independent-Filmen und einer mittelmässigen Literaturverfilmung inzwischen bei „Gossip Girl“ gelandet bin, sagt rein gar nichts über meinen Filmgeschmack aus, dafür aber sehr viel über die Auswirkungen von mangelhafter Sauerstoffzufuhr.)

Nun aber zurück zu Edith Piaf, die dich zu vollkommen unchristlicher Stunde aus dem doch noch gefundenen Schlaf reisst. Eingeladen hat sie dein fleissiger Ältester, der zu eben dieser unchristlichen Stunde die Zeit gekommen sieht, am Wohnzimmertisch an seinem Vortrag zu arbeiten und sich von Edith Mut zusingen zu lassen. Und Mut braucht er, denn er schreibt seinen Vortragstext gerade von Hand auf sehr viele Seiten Papier. Nicht etwa, weil er dich im Morgengrauen vor der Bitte um das Passwort für deinen Laptop hat verschonen wollen, sondern weil „man sich die Dinge viel besser merken kann, wenn man sie von Hand geschrieben hat“. Ich sag’s doch, dieses „Kind“ ist eindeutig im falschen Jahrhundert zur Welt gekommen…

Noch so eine Episode aus diesem Irrenhaus: Das Prinzchen bringt Guetzli aus dem Kindergarten nach Hause. Selber gebacken und nahezu rabenschwarz. Nein, nicht Oreo-Schwarz, sondern „Wir waren etwas zu lange im Ofen, vielleicht sieben oder acht Minuten“-Schwarz. Augenblicke später vernimmst du heftige Kampfgeräusche aus dem Prinzchenzimmer, bald darauf sind drei am heulen. Was ist geschehen? Das Prinzchen hat nicht auf Anhieb erkannt, dass die Tatsache, dass ihm der FeuerwehrRitterRömerPirat neulich einen Franken und ein Disney-Figürchen geschenkt hat, ihn automatisch dazu verpflichtet, ungefragt ein paar angebrannte Guetzli abzutreten. Es fliegen Fäuste und Gegenstände, der Zoowärter als eigentlich unbeteiligter Dritter wird irgendwie auch noch in die Sache hereingezogen, lautes Geheul und keiner ist Schuld. Höchste Zeit für die Statistin, mal wieder ein wenig zu bellen. Momente später ist alles wieder friedlich, der FeuerwehrRitterRömerPirat kommt mit einem rabenschwarzen Guetzli aus dem Prinzchenzimmer. „Es ist angebrannt“, sagt er. „Mir egal, nach dem Theater, das du veranstaltet hast, um eines zu bekommen, wird das Ding gegessen“, antwortet die Statistin vollkommen ungerührt. 

Dann noch diese Szene hier, die schon fast rührend ist: Du liegst im Bett und versuchst zu stricken, damit du zumindest ein wenig produktiv bist. Die Katze, die partout nicht begreifen will, dass du es nicht magst, wenn sie sich auf deinen Beinen niederlässt, stellt sich so ungeschickt an, dass du die Zopfstricknadel fallen lässt. Unter Jammern und Stöhnen begibst du dich unters Bett, um die Nadel zu suchen. In dem Moment betritt einer deiner Söhne das Zimmer, er sieht dich am Boden, fragt was los sei und meint dann: „Leg dich wieder hin, Mama. Ich such dir die Nadel. Du bist jetzt viel zu schwach für solche Sachen.“ 

Ach ja, dann war da noch die Sache mit der Katze, die Karlssons Sportschuhe mit dem Katzenklo verwechselt hat, oder Luise, die beweisen wollte, dass sie in der Cello-Hülle schlafen könnte, wenn sie wollte, oder der Moment, als der Zoowärter vollkommen frei von Ironie erzählte, die Lehrerin hätte vergessen, dass sie nicht angeschriebene aber richtig gelöste Blätter der Schüler nicht mehr zerreissen dürfe und habe es deshalb trotzdem getan, aber sie habe sich danach entschuldigt, darum sei es nicht weiter schlimm.

Nachdem du ein paar Tage lang dieses Geschehens von der Seitenlinie aus betrachtet hast, bleibt dir nichts anderes übrig, als in Anlehnung an Römer Strategus aus „Asterix und die Goten“ zu seufzen: „Sie sind alle so irr und ich bin ihr Chef.“ 

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