Lieblingsmoment

Nicht immer endet Prinzchens Tag so, wie er es eigentlich gerne hätte. Mal verbiete ich ihm, abends um neun, wenn er eigentlich schon längst im Bett sein sollte, bei Grossmama anzuklopfen und zu fragen, ob er bei ihr übernachten darf, mal haben die grossen Geschwister sämtliche Zimtwecken weggefuttert, mal verbieten wir die letzte Runde mit dem Velo, weil es draussen bereits dunkel wird. Wenn der Tag mies endet, braucht Prinzchen Trost, um einschlafen zu können und Trost bekommt er in solchen Momenten am liebsten in Form der immer gleichen schwedischen Kinderlieder. Lieder, die er nun schon seit mehr als zwei Jahren zu hören bekommt und die er doch immer und immer wieder vorgesungen haben will. Früher jeden Abend, jetzt nur noch, wenn er findet, es habe sich mal wieder alles gegen ihn verschworen.

Die stets gleichen Melodien vertreiben seine Traurigkeit im Nu, so dass er bald wieder zufrieden in seinem Bett sitzt und Bilderbücher anschaut oder Kapla-Türme baut. Ganz selten nur noch gesellt sich dann die Müdigkeit zu ihm, sein Kopf wird schwer, sinkt auf den Bären, der noch immer Prinzchens liebstes Kopfkissen ist, die Augenlider beginnen zu flattern und bald schläft er selig lächelnd ein. Ein heiliger Moment, in dem ich so überaus dankbar bin, dass ich meinem grossen kleinen Jungen noch immer hin und wieder den Kummer von der Seele singen darf. 

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Teenieprogramm

Eigentlich müsste das ja so sein: Die Teenies müssten sich irgendwo hinter ihren Gadgets verschanzen, wir Eltern müssten motzen, dass das so nicht geht und uns den Kopf zerbrechen, wie wir die Brut dazu bringen, nicht gänzlich zu verfaulen. Irgendwann hätten wir die grandiose Idee, einen Abendspaziergang vorzuschlagen, was natürlich auf erbitterten Widerstand stiesse. Nach einigem „Wenn du nicht mitkommst, gibst du das Handy ab und zudem ist es eine wundervolle Fast-Vollmondnacht…“, würden wir schliesslich mit zwei übellaunigen Teenagers im Schlepptau eine kurze Runde im Quartier drehen.

Genau so stellt man sich das doch vor, wenn man noch keine Kinder in dem Alter hat.

Es könnte aber auch so kommen: Ein Abend in den Sommerferien, drei von fünf schlafen auswärts, „Meiner“ hat ein Rendez-vous mit Netflix, ich liege schlapp auf dem Sofa und klappere das www nach Bausteinen für mein aktuelles Hirngespinst ab, Karlsson räumt sein Zimmer auf und Luise fordert Action. Etwa so…

Luise: „Gehen wir in den Aarekanal?“

Ich: „Nein, keine Lust. Bin viel zu müde. Und überhaupt, mein Asthma…“

Luise: „Spielen wir Monopoly?“

Ich: „Nein, keine Lust. Bin viel zu müde. Und überhaupt, viel zu kapitalistisch….“

Luise: „Wir könnten Velo fahren…“

Ich: „Nein, keine Lust. Bin viel zu müde. Und überhaupt, mein Asthma…“

Luise: „Machen wir wenigstens einen Spaziergang? Das wäre doch so schön…“

Ich: „Äääääähm….“

Irgendwann sind sie halt einfach aufgebraucht, die faulen Ausreden und dann findest du dich auf einmal in Begleitung sämtlicher an diesem Abend verfügbaren Familienmitglieder auf einem ausgedehnten Abendspaziergang mit viel Gequatsche, ein wenig Gezicke, ein paar Geständnissen – und zwei Fackeln.

(Fackeln? Voll peinlich! Als Wiedergutmachung für diese Peinlichkeit fordere ich einen Freipass für mindestens fünf ganz und gar deplacierte Mama-Bemerkungen.)

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Brot-Snobs

Karlsson findet, im Restaurant, wo er neulich mit der Klasse zum Brunch war, hätten sie keine Ahnung, wie man anständige Baguettes und Croissants bäckt. Zoowärter beklagt sich, das Brot in der Migros sei auch nicht mehr, was es mal gewesen sei. Viel zu weich, fast schon wie Gummi sei es. Kommt ausnahmsweise mal wieder ein Brot aus der Bäckerei auf den Tisch, geht des Gemotze erst recht los. Das Zeug könne man nun wirklich nicht essen, ob ich es überhaupt noch verantworten könne, in einem Laden Geld auszugeben, der so wenig auf anständige Qualität gebe, wollen die Knöpfe unisono wissen. 

Nach aussen gebe ich natürlich die Moralistin. „Nun seid doch dankbar für das, was ihr habt. Andere Kinder müssen hungern“, sage ich, wenn sie jammern, weil gerade nichts Ofenfrisches zu haben ist. Insgeheim bewegt es mich aber sehr, dass sie inzwischen zu regelrechten Snobs in Sachen Brot geworden sind, denn damit sagen sie mir, dass ich auf meinem Weg, richtig gutes Brot zu backen ein ganzes Stück weiter gekommen bin. Und eigentlich bin ich kein bisschen besser als meine Brut, habe ich doch gestern, als „Meiner“ und ich endlich mal wieder ein paar Momente ohne Kinder in der Bar am Fluss sassen, das Brot kaltschnäuzig verschmäht, obschon es eines war, das ich vor noch nicht allzu langer Zeit als durchaus gut bezeichnet hätte. 

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Potential

Nach acht Wochen Provence und einer Woche Paris heute Abend die Ankunft in der dritten Behausung. Viel kann ich noch nicht sagen, aber der erste Eindruck ist schon mal nicht schlecht. Ruhige Lage, breite Treppe, die nicht bei jedem Tritt knarrt, grosse, helle Räume, anständiger Umschwung, für jedes Kind ein Zimmer… Die Nachbarn, die ich bis jetzt getroffen habe, sind äusserst nett, mir scheint, sie mögen sogar unsere Kinder. Und es gibt Katzen hier. Drei Stück, hat man mir gesagt, obschon wir erst zwei getroffen haben. Ganz ansprechend, würde ich sagen. 

Gut, das Badezimmer ist etwas in die Jahre gekommen und müsste dringend renoviert werden. Im Garten gäbe es auch das eine oder andere zu tun. Die Küchenschränke dürften sie auch mal ausmisten hier und ein neuer Anstrich in den Zimmern könnte nicht schaden. Perfekt ist es nicht, das Haus, aber es hat durchaus Potential. Das sehe ich auf den ersten Blick. Würde es mir gehören, ich hätte da so die eine oder andere Idee.

Fällt mir ein: Es gehört ja mir…

  

Ticken

Wie würden wir denn eigentlich ticken, wären wir nicht andauernd dem Ticken der Uhr unterworfen? Wenn wir dem Minutenzeiger nicht immer schon ein, zwei, drei Schritte hinterher wären? Wenn Sekunden keine Rolle spielten? Wenn die Stunden des Tages nicht angefüllt wären mit Dingen, die wir uns nicht selbst aufgetragen haben? 

Solche Fragen drehen manchmal in meinem Kopf, wenn wir einander zu Hause vor lauter Alltag nur noch auf die Nerven fallen. Wenn wir die Kinder und die Kinder uns anmotzen. Wenn freundliche Worte Mangelware werden. Wenn es so aussieht, als wären wir zu einer Familie geworden, die wir so nie hatten werden wollen.

„Sind wir wirklich so?“, fragen wir einander dann manchmal.

Auch hier tickt die Uhr. Nicht schneller und nicht langsamer als sonst, aber irgendwie freier. Wie, schon sechs Uhr abends? Was soll’s? Wir müssen ja heute nichts mehr. Kein Druck, kein Drängeln, kein „Mach jetzt endlich vorwärts, sonst…“ Viel Zeit, um zu sehen, wie wir ticken, wenn das Ticken der Uhr keine Rolle spielt. 

Ganz klar: Wir ticken anders. Nicht perfekt, beileibe nicht. Nicht ohne Streit, ungeduldige Worte und genervte Seufzer. Aber mit neuer Nähe. Besserem Verständnis. Mehr Liebe für Eigenarten. Einem geschärften Blick für Fähigkeiten. Mehr Musse zum Fragen, zum Antworten, zum Nachhaken.

Daraus die beruhigende Gewissheit: Wir sind nicht zu der Familie geworden, die wir so nie hatten werden wollen. Wir sind einfach eine Familie. 

callistemon laevis; prettyvenditti.jetzt

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Lunch Break 

Eigentlich hätte es ja nur ein kurzes Mittagessen werden sollen, eine kleine Pause für Karlsson und mich, die wir den Samstag mit Arbeiten und Büffeln verbrachten, währenddem der Rest der Familie sich in Arles dem süssen Nichtstun hingab. Kurze Mittagessen aber gibt es in Frankreich nicht. Hast du dich mal am Tisch niedergelassen, verliert alles andere seine Wichtigkeit, einzig das Essen zählt noch, auch dann, wenn man sich die Vospeise teilt und beim Dessert kneift. So sassen wir dann, mein Ältester und ich, in lauter vernünftige Gespräche vertieft, die Küche des Südens geniessend. Fast fühlte es sich an, als wären wir zwei Erwachsene, die tun, was man in Frankreich eben so tut über Mittag. 

Gut, dass Karlsson wenig später, als die Geschwister zurück und alle im Pool waren, sich wieder aufführte, wie ein wahrer Teenager, sonst wäre ich glatt wehmütig geworden. 

  

Ganz schön (intensiv)

„Und, wie ist das jetzt so, wenn ihr so viel Zeit miteinander verbringt? Schön, nicht wahr?“, so lauten die Fragen von Freunden. Schön? Aber ja, natürlich. Wenn Teenager ganz offen mit Mama und Papa über die wichtigen Fragen des Lebens reden, weil hier keiner ist, vor dem sie cool sein müssen. Wenn bisher unbekannte Fähigkeiten als Licht kommen, die zu Hause, im Alltag, nicht gefragt sind. Wenn Geschwister einander Mut machen, gemeinsam etwas zu wagen. Wenn alte Spiele hervorgekramt und neue Ideen ausgeheckt werden. Wenn einer, der sonst heikel ist, plötzlich Neues kostet und merkt, dass er schmeckt. Wenn sie uns ohne jeglichen Vorwurf den Spiegel vorhalten, manchmal auch über unsere Macken lachen. Dann ist es tatsächlich schön. Wunderschön.

Und ganz schön intensiv. Denn wenn sie dich mal haben, so voll und ganz für sich, dann geniessen sie dich. Auch dann, wenn du mal einen Moment lang alleine sein möchtest. Auch dann, wenn es deiner Meinung nach längst Zeit für Feierabend wäre. Auch dann, wenn du mal ein wenig deinen eigenen Gedanken nachhängen möchtest.

Für einmal ist das ganz in Ordnung so, denn du weisst, dass diese kurzen Wochen eine einmalige Chance sind, ihnen nahe zu sein. Der Stundenplan und die Freunde werden rasch genug wieder die Macht an sich reissen, wenn das hier vorbei ist.  

Himmel und Hölle

Wollt ihr wissen, wie sich unsere drei jüngsten Kinder das Paradies vorstellen? Also, dann malt euch einen Ort aus, an dem man bereits an der Kasse ein Säcklein Süssigkeiten pro Person in die Hand gedrückt bekommt, dazu noch einen geheimnisvollen Jeton und einen Gutschein. Nachdem ihr ein paar Schritte gegangen seid, empfängt euch eine nette Dame in pinkfarbenem Tüll und fragt euch, ob ihr lieber zwei rosarote, zwei schlumpfförmige oder zwei mit Marmelade gefüllte Zuckerdinger haben möchtet. Diese Wegzehrung muss für zwei grellbunte, mit interessanten Dingen angefüllte Stockwerke reichen, bevor man euch gelbe, grüne und weisse Zuckerdinger – diesmal leicht säuerlich – in die Hand drückt. Nun geht es ein, zwei Treppen runter, zu drei geheimnisvollen Maschinen, die nur darauf warten, euren Jeton zu schlucken, um euch im Gegenzug vier weitere Portionen Süssigkeiten auszuspucken. (Bei manchen spuckt das Wunderding gar acht Portionen aus, zum Beispiel beim FeuerwehrRitterRömerPiraten.) Als ob das alles nicht schon wunderbar genug wäre, kommt ihr zum Schluss in einen Museumsshop voller süsser, klebriger Dinge und weil es in euren Portemonnaies noch einen Überrest Taschengeld hat, braucht ihr nicht mal eure Eltern zu belästigen, um etwas von dieser Herrlichkeit zu bekommen. Vor der Heimfahrt kommt noch der Gutschein vom Anfang zum Einsatz. Der erlaubt euch nämlich, all das zuckersüsse Zeugs, das ihr auf dem Rundgang in euch hineingestopft habt, auf einer Hüpfburg kräftig durcheinander zu schütteln. Paradiesisch, nicht wahr?

Nun folgt mir bitte noch einmal in den Museumsshop. Kommt mit mir zwischen die engen Regale, die sich unter den Kisten von Schleckwaren beinahe biegen. Helft mir bitte dabei, alle meine Kinder im Auge zu behalten, damit keines verloren geht. Ach, und wo ihr schon dabei seid, könntet ihr bitte dem Zoowärter erklären, dass der gelbe Teddy mit der Schmusedecke zu teuer ist, dass sein Geld aber noch reichen würde für den grösseren der beiden Bären ohne Decke. Und Karlsson sollte noch zwei Euro bekommen, er steht gleich dort drüben, hinter dem Regal mit den Gummischlangen. Ihr müsst nur die zwei Senioren, die sich mit Vorräten für den Enkelbesuch eindecken, ein wenig zur Seite schieben. Bei dieser Gelegenheit könntet ihr auch dem FeuerwehrRitterRömerPiraten sagen, wo er sich an der Kasse anstellen muss. Mist, wo sind denn schon wieder das Prinzchen und Luise? Wie sollen wir die jetzt wieder finden, zwischen dieser Schulklasse von halbwüchsigen Italienern, die ihr ganzes Feriengeld, das sich ihre von der Krise gebeutelten Eltern vom Mund abgespart haben, verjubeln? Und richtet bitte „Meinem“, der schon ganz ungeduldig bei der Türe wartet, aus, ich würde gleich kommen, sobald ich hier alles unter Kontrolle habe. 

Seid ihr noch bei mir, meine lieben Leser, oder haben wir uns im Getümmel verloren? Nun, falls ihr noch hier seid, schaut euch einen Moment lang um, damit ihr wisst, wie ich die Vorhölle beschrieben hätte, wäre ich Dante gewesen. 

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Je (ne) regrette (rien)

Jetzt sollen wir Mütter also der Welt erzählen, warum wir es bereuen, Mütter geworden zu sein. Anfangs wollte ich mich der Debatte ja verweigern, weil es immer irgendwie schief rauskommt, wenn Blogger halb verdaute und vermutlich auch falsch verstandene Aussagen aus wissenschaftlichen Studien auf ihr eigenes Leben zu übertragen suchen. Doch dann erinnerte ich mich daran, wie ich vor gut sieben Jahren jeweils stundenlang mit leerem Blick am Fenster stand und mich fragte, wie ich auf dieses Karussell geraten war, das sich immer schneller drehte, pausenlos, ohne die Möglichkeit, einmal für ein paar Momente abzusteigen, um dem Schwindel Einhalt zu gebieten. Das Ticket war „non-refundable“, das wusste ich, aber könnte man mich vielleicht in eine etwas komfortablere Karussell-Kategorie wechseln lassen? Oder den Betreiber dazu bringen, das Ding etwas langsamer laufen lassen? Oder mal zwei, drei, vier, fünf Runden ohne mich zu drehen? Oder könnte man den Kerl dazu überreden, mich ans Schaltpult zu lassen, damit ich wenigstens selber bestimmen könnte, wann und wie schnell dieses Karussell drehte? Oder das Karussell auf eine andere Chilbi stellen, eine, auf der es etwas ruhiger und freundlicher zuginge? Oder könnte jemand anders für mich einen Teil der Fahrten übernehmen, damit ich mich anderswo austoben könnte? Und natürlich auch: Würde mir das Karussellfahren je wieder Spass machen?

Solche Fragen quälten mich damals und weil mich damals diese Fragen quälten, stand gestern Nachmittag, als ich mal wieder einen Artikel über die ganze Regrettinmotherhood-Debatte las, eine andere Frage vor mir: „Trifft doch genau auf dein Erleben zu, diese ganze Sache, nicht wahr?“ Dick und fett und aufdringlich stand sie da, diese Frage und sie weigerte sich, mir aus dem Weg zu gehen, so oft ich mich auch anderen Themen zuzuwenden versuchte.  Also versuchte ich, sie mit Scheinantworten zufrieden zu stellen. „Das kann ich nicht beurteilen, ohne die Studie gelesen zu haben“, war eine davon. „Da müsste ich mich erst mal eingehend mit der Sache befassen“, eine andere. „Es gibt schon Dinge, die ich bereue, aber doch nicht so“, eine dritte. Die Frage gab sich damit nicht zufrieden, im Gegenteil, sie wurde noch aufdringlicher: „Vielleicht muss ich deutlicher werden“, sagte sie mit herausforderndem Blick, „Bereust du es, Mutter geworden zu sein? Ja oder Nein?“ 

„Nein“, antwortete ich ohne nur einen Augenblick lang zu zögern. „Und ich habe es auch damals, als sich alles nur noch drehte und ich den Boden unter den Füssen zu verlieren drohte, nie bereut. Ich bereue in diesem Zusammenhang viel, aber nicht, dass ich Mutter geworden bin.“ Um meiner Leserschaft das ganze „antwortete ich“, „fragte sie mit herausforderndem Blick“, „insistierte ich“ Beigemüse zu ersparen, höre ich jetzt auf, dieses Selbstgespräch wiederzugeben und schreibe klipp und klar, was ich bereue:

  • Ich bereue, meine Kinder in einer Gesellschaft geboren zu haben, die keine Kinder mag, die sie als Privatsache ansieht, die man irgendwie selber managen soll, aber bitte schön so, dass man andere dabei nicht stört. (Man könnte auch sagen „Ich bereue, in der Schweiz geblieben zu sein“, aber darf man das sagen, wenn man in einem Land lebt, in dem alles so reibungslos funktioniert? Und weiss man denn, ob es einem anderswo besser ergangen wäre?)
  • Ich bereue, schwanger geworden zu sein, bevor ich beruflich genügend etabliert war, um zu wissen, was ich will und wie ich es will. (Also, eigentlich bereue ich nicht das mit der Schwangerschaft, sondern die ihr vorangehende Naivität, dass es sich irgendwie schon so ergeben würde, wie es uns zusagt.) 
  • Ich bereue, dass „Meiner“ und ich bis heute in einer Rollenteilung festgefahren sind, die unseren Fähigkeiten nicht entspricht und weil das Karussell noch immer unaufhaltsam dreht, ist es gar nicht so einfach, diese Rollenteilung zu durchbrechen, vor allem in finanzieller Hinsicht nicht. 
  • Ich bereue, die Weichen auf „Mutter = Hausfrau“ gestellt zu haben, obschon das nie mein Ding war. 
  • Ich bereue, mich selber nicht besser gekannt zu haben, bevor ich Mutter geworden bin, aber manchmal frage ich mich, ob ich mich selber überhaupt je so intensiv kennen gelernt hätte, wenn ich nicht Mutter geworden wäre.
  • Ich bereue, dass ich jahrelang unbewusst eine „Das macht man halt so“-Haltung an den Tag gelegt habe, anstatt so lange nach unserem Weg zu suchen, bis wir ihn gefunden haben.
  • Ich bereue, auf Menschen gehört zu haben, die in meinem Leben nichts zu melden haben.
  • Ich bereue, mich an Müttern orientiert zu haben, die nicht im geringsten so ticken wie ich.
  • Ich bereue, zu sehr auf das geschaut zu haben, was die Gesellschaft über Mütter denkt, anstatt mich damit zu befassen, wie ich mit dem, was mir in die Wiege gelegt worden ist, authentisch Mutter sein kann. (Okay, ich habe keine Ahnung, ob man das versteht, aber es war mir halt doch wichtig, das noch anzufügen.)

Und ich bereue übrigens auch, nach Kind Nummer fünf zu einem eindeutigen Schlussstrich in Sachen Kinderkriegen eingewilligt zu haben, obschon ich in der Schwangerschaft mit Kind Nummer fünf gewahr wurde, dass das Karussell für meinen Geschmack etwas zu heftig dreht. (Darum habe ich ja auch eingewilligt.) 

Kurz und knapp zusammengefasst: Ich bereue nicht, dass ich Mutter geworden bin, ich bereue, wie ich es geworden bin. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer. Und wer kann denn schon mit Sicherheit sagen, dass es andersrum nicht nur anders, sondern auch besser gewesen wäre?

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Was mir an Frankreich gefällt

Nach einer pubertären Schwärmerei für die Französische Revolution (und einer Begeisterung für Napoleon, die wohl in krankhaftem Zusammenhang mit meiner mangelhaften Körpergrösse stand) sowie einem Ferienflirt mit einem hundeäugigen Franzosen (der sich später in seinen Liebesbriefen als psychisch schwer angeschlagen herausstellte), wandte sich meine Leidenschaft mit zunehmendem Alter den Angelsachsen zu. In der Folge kühlte meine Begeisterung für Frankreich merklich ab, denn ein Herz kann wohl nicht zugleich für England und Frankreich schlagen. Es kostete mich also einige Überwindung, mich auf unseren Aufenthalt in der Provence zu freuen. Inzwischen aber habe ich einige Dinge gefunden, die mir an Frankreich ganz gut gefallen:

  • Die Mayonnaise scheint einen deutlich höheren Essiganteil zu haben als unsere. Dadurch lösen sich die Nissen wie von selbst vom Haar, nachdem man die Läuse mit Mayonnaise erstickt hat. Folglich ist das Geschrei beim Auskämmen bedeutend leiser, worüber sich unsere Nachbarin eigentlich freuen sollte, aber sie weiss ja nicht, wie unsere Kinder schreien, wenn sie Essig in die Augen kriegen. (Ja, irgend jemand hat uns offenbar kurz vor der Abreise eine Portion Läuse mit auf den Weg gegeben. Soviel zu der Behauptung unserer Schule, es sei vollkommen ausreichend, wenn man den Eltern bei Lausbefall einen Brief nach Hause gebe, Lauskontrollen seien ganz und gar unnötig.)
  • Der „Café au Lait“ (Obschon ich ja eigentlich keine Kaffeetrinkerin bin.)
  • Alles hier fühlt sich sehr südländisch an und doch sind die Museen offen, wenn sie laut Angaben auf der Website offen sein sollten. (Ich will ja hier keine Klischees pflegen, aber in diesem Bereich habe ich in Italien ganz andere Erfahrungen gemacht. Nicht nur auf Sardinien und im Molise, auch im Piemont.)
  • Die Blumeninseln mitten im schlimmsten Strassenverkehr. Aktuell in „unserer“ Stadt gerade Mohn in leuchtendem Orange. Eine Augenweide. 
  • Öko-Putzmittel sind deutlich billiger als das ganze giftige Zeugs in grellen Verpackungen.
  • Der „Café au Lait“ (Ich bin wirklich keine Kaffeetrinkerin.)
  • Zum gleichen Preis, zu dem es zu Hause Tee mit Croissant für zwei gibt, frühstückt hier die ganze Familie. (Jawohl, die siebenköpfige. Orangensaft inklusive.)
  • Sehenswürdigkeiten, die so sehenswert sind, wie sie angepriesen werden. (Okay, die Schweden sind in diesem Bereich noch besser: Die preisen ihre Sachen überhaupt nicht an und dann kriegst du die Klappe nicht mehr zu vor lauter Staunen.)
  • Familieneintrittspreise, die diesen Namen auch wirklich verdienen. (An einem Ort waren doch tatsächlich „Kinder“ bis 18 gratis.) 
  • Der „Café au Lait“ (Echt jetzt, der ist himmlisch.)
  • Der frühe Beginn der Spargel-, Erdbeer- und Tomatensaison. (Lange hätte ich es mit diesem ewigen Wintergemüse nicht mehr ausgehalten, obschon ich durchaus wintergemüsefreundlich eingestellt bin.)
  • Die Blumenwiesen. (Bei uns hat man für sowas ja keinen Platz mehr, wirft kein Geld ab.)
  • Die Alleen (Ja, ich weiss, Bäume würden von sich aus nie so wachsen, aber sie gefallen mir halt doch. Vielleicht ein Nachklang meiner pubertären Napoleon-Schwärmerei. Laut Wikipedia soll der ja die Finger im Spiel gehabt haben.)
  • Der Zwang, die Sauce Hollandaise im Wasserbad zuzubereiten, weil es auf dem Gasherd schlicht nicht anders geht und Gasherd hat man hier eben noch. Noch nie war sie besser, meine Hollandaise. 
  • Die Salzbutter
  • Die Artischocken
  • Die vielen blühenden Bäume (Obschon: Habe ich da eben ein Niesen vernommen?)
  • Das Gesumme der Bienen (Eine Folge der vielen blühenden Bäume, natürlich)

Ach ja, habe ich den „Café au Lait“ bereits erwähnt?

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