Wurde auch langsam Zeit….

Zwölf lange Jahre hat „Meiner“ Tag für Tag um sechs Uhr früh das Haus verlassen, hat sich über Mittag mit Resten vom Vortag verköstigt und ist irgendwann, etwa zwölf Stunden nachdem er seine schlafende Familie verlassen hatte, nach Hause gekommen, wo ihn eine Ehefrau am Rande des Nervenzusammenbruchs erwartete. Nichts Besonderes, ich weiss. Die meisten Paare, bei denen der eine berufstätig ist, die andere sich zu Hause abrackert, erleben Tag für Tag das gleiche Lied: Zu Hause schmeisst einer alleine den Laden, auswärts verdient einer alleine das Geld für die Brötchen und beide wünschen sich, sie könnten sich hin und wieder ein Stück vom Kuchen des anderen abschneiden. „Meinem“ und mir hat diese Situation so langsam zugesetzt, denn warum soll ein Primarlehrer lange Arbeitswege auf sich nehmen, wo doch in jedem Kaff eine Schule steht?

Seit heute ist Schluss mit dem langen Arbeitsweg. „Meiner“ muss nicht mehr im Morgengrauen aus dem Haus gehen, er kann, wenn er will, über Mittag nach Hause kommen und wenn er nach Schulschluss noch eine oder zwei Stunden Arbeitszeit anhängt, ist der dennoch früher zu Hause als bis anhin. Auch nicht Besonderes, ich weiss. Aber für mich ein entscheidender Zugewinn an Lebensqualität: Am Morgen sind zwei da, die Kakao und Toast zubereiten, zwei, die dafür sorgen, dass alle rechtzeitig aus dem Haus kommen. Ich kann über Mittag kurz klönen, wie mühsam der Vormittag wieder war. Ich muss beim Mittagessen nur noch jede zweite Kinderfrage beantworten, weil „Meiner“ die andere übernimmt und habe so mehr Zeit, mir zu überlegen, was ich denn überhaupt antworten will. Und manchmal, wenn es der Alltag ganz besonders gut mit uns meint, liegen vielleicht gar fünf Minuten Entspannung drin, eine Tasse Kaffee oder ein kurzer Schwatz auf dem Balkon, bevor es zurück an die Arbeit geht.

Schon verrückt, wie wenig es braucht, um die langen Tage zu Hause erträglicher zu machen: Man teile den Tag in zwei Hälften und schon ist die Mama entspannter. Verrückt ist aber auch, dass „Meiner“ und ich so lange gebraucht haben, um zu erkennen, wie wenig es gebraucht hätte, um viel Frust zu vermeiden.

Wachstumsschmerzen

Da sitze ich und bemitleide mich selber, weil das Erste meiner fünf Kinder so langsam aber sicher gross wird. Sehnsüchtig denke ich zurück an die Zeiten, als er noch ganz winzig war. Ich lache über die Wutanfälle, mit denen er mich damals, als er etwa drei war, beinahe in den Wahnsinn getrieben hätte, ich grabe alte Anekdoten aus und starre minutenlang auf das erste Ultraschallbild, das mein erster Beweis war, dass aus einer ganz gewöhnlichen Frau schon bald eine jener Mütter werden würde, die im Nachhinein alles rosaroter sehen, als es je war. Und jetzt wird es wohl nur noch ein paar Jährchen dauern, bis ich zum ersten Mal im Brustton der Überzeugung behaupten werde, meine Kinder hätten sich nie gestritten, sie seien immer ganz brav gewesen. Und irgendwann werde ich wohl meinen eigenen Blogposts über das alltägliche Familienchaos nicht mehr glauben….

Aber eigentlich wollte ich ja von etwas ganz anderem reden, nämlich davon, dass ich vor lauter Sentimentalität beinahe übersehen hätte, dass auch für Karlsson die Veränderungen nicht immer einfach sind. Mal wünscht er sich, noch etwas länger klein bleiben zu dürfen, zum Beispiel dann, wenn die Kleinen noch ein Stofftier mitnehmen dürfen, er aber nicht mehr. Dann wieder brüstet er sich stolz damit, dass er als Einziger seiner Geschwister bereits hin und wieder zwei Stunden ganz alleine zu Hause bleiben darf. Mal beneidet er die Kleinen, weil sie noch keine Hausaufgaben erledigen müssen, dann wieder schüttelt er verständnislos den Kopf, wenn der Zoowärter nicht begreifen will, weshalb im Sommer kein Schnee fällt.

Es hat lange gedauert, bis „Meinem“ und mir endlich gedämmert hat, dass dieses ständige Hin und Her zwischen der Sehnsucht nach der sich ihrem Ende zuneigenden Kindheit und der Vorfreude auf das Abenteuer des Grosswerdens unserem Ältesten ganz schön zusetzt. Wir, die wir das Grosswerden schon hinter uns haben, – was sich bei mir in der Vertikalen allerdings stark in Grenzen gehalten hat – haben vergessen, was es heisst, wenn die Leute plötzlich nicht mehr „ach, wie süüüüüssss!“ seufzen, wenn sie einen ansehen. Wir haben übersehen, dass die Veränderung, die vor allem mir nicht immer leicht fällt, für Karlsson noch viel einschneidender ist als für uns. Wir mussten uns erst wieder in Erinnerung rufen, wie schwierig es war, den Schritt vom Kleinkind zum Schulkind, vom Schulkind zum Teenager, vom Teenager zum Erwachsenen  zu machen, bevor uns bewusst wurde, dass unser Sohn nicht viel dafür kann, wenn er zurzeit launisch ist wie das Aprilwetter. Wenn er jede leise Ermahnung als Kritik an seiner Person empfindet, jeden Tadel als tiefe Beleidigung, wenn er ob all der Unsicherheiten so emotional wird, dass er inzwischen öfter die Tür knallt als seine Mama.

Nun denn, ich nehme an, ich werde meine Sentimentalitäten auf später aufschieben müssen, denn jetzt gilt es, unseren Grossen in einen neuen Lebensabschnitt zu begleiten.

Luxus

Durch die Porzellanabteilung gehen, ohne dabei fürchten zu müssen, dass fünf liebenswerte kleine Elefanten einen Scherbenhaufen anrichten.

Die Füsse in der Aare baden, ohne zittern zu müssen, dass eines der Kinder in den Fluss fällt.

Picknicken.

Sich ein Dessert genehmigen, obschon man noch nicht richtig zu Mittag gegessen hat.

Sich zehn Minuten nach dem Dessert im nächsten Café niederlassen und sich dort einen Cappuccino gönnen.

Sehnsüchtig jedes Neugeborene bestaunen, ohne damit eine endlose Diskussion darüber loszutreten, ob man tatsächlich die eigenen Babys noch viel mehr bestaunt hat, oder ob man das nur behauptet, damit die Eifersucht aufhört.

Bei jedem Kind, das man sieht, denken zu dürfen: „Wie schön, ich habe fünf von diesen wunderbaren Geschöpfen zu Hause“ und nicht denken zu müssen „Ach, wenn ich doch auch eins haben dürfte….“

Ungestört durch die Ikea schlendern und sich dabei so viel Zeit zu nehmen wie man will.

In der Ikea getrost weghören, wenn die Durchsage kommt: „Bitte Samira aus dem Kinderparadies abholen!“

Laut denken dürfen, weil keine kleinen Ohren mithören und keine kleinen Münder tadeln: „Aber Mama, so etwas darf man doch nicht sagen. Das ist nicht nett.“

Dann aufs WC gehen, wenn man wirklich muss und nicht dann, wenn die Kinder müssen und man eben auch noch schnell geht, weil man nachher wohl keine Zeit mehr dazu haben wird.

Den direkten Weg über die Treppe nehmen und nicht den lagen Umweg über die kinderwagentaugliche Rampe nehmen müssen.

Diejenige sein, die der gestressten jungen Mutter mit dem Kinderwagen hilft und nicht die gestresste junge Mutter sein, der mit dem Kinderwagen geholfen werden muss.

Eine Stunde lang über das gleiche Thema reden, es am nächsten Tag wieder aufgreifen und am übernächsten Tag noch einmal Bezug nehmen darauf.

Unvernünftig sein.

Sich am Ende des Tages auf das Wiedersehen mit den Kindern freuen.

Einen lieben Mann zu haben, mit dem man dies alles teilen darf.

Liebe Freunde zu haben, die all diesen Luxus erst möglich machen.

Anrufprotokoll, oder so ähnlich

Zuweilen kommt es vor, dass Mama Venditti und Projektleiterin Venditti gleichzeitig im Einsatz sind. Zum Beispiel heute Morgen, als alle fünf Kinder beim Frühstück sassen und das Telefon klingelte. Hier ein kleiner Gesprächsausschnitt:

Anrufer: „Wie gut stehen denn die Chancen, dass der Ständerat die Anstossfinanzierung für Kinderkrippen verlängert?“

Projektleiterin Venditti: „Nun, in Bern haben sie mir gesagt…“

Mama Venditti: „Ja, Zoowärter, du bekommst gleich deinen Kakao….“

PV: „… dass der Ständerat solchen Anliegen eher offener gegenübersteht als der Nationalrat. Aber du weisst ja, wie das in der Politik so sein kann.“

Karlsson: „Mama, ich will auch einen Kakao haben!“

MV: „Kommt gleich, Karlsson. Ich bin noch am Telefon.“

Anrufer: „Und was machen wir, wenn der Ständerat nein sagt?“

MV: „Mist, die Milch ist sauer! Komisch, die ist doch noch gar nicht abgelaufen…. Zoowärter, gib mir deine Tasse zurück. Ich mach‘ dir einen neuen Kakao.“

PV: „Tschuldigung, diese Kinder….. Ääääähm, wo waren wir? Ach ja, beim Ständerat. Nun, wenn der Ständerat nein sagt, dann brauchen wir eben…. äääähm, Moment schnell…“

MV: „Könnt ihr mal bitte ein wenig leiser sein! Ich bin am Telefon!“

PV: „Da bin ich wieder. Also, wenn der Ständerat nein sagt, dann brauchen wir eben eine Defizitgarantie…“

MV: „Jetzt hört ihr sofort auf zu streiten! Das ist ja nicht zum Aushalten.“

PV: „Sorry, was hast du gefragt?“

Anrufer: „Und wenn das Geschäft bachab geht?

PV: „Tut mir leid, kannst du das noch einmal wiederholen? Es ist ein wenig laut hier.“

Anrufer: „Und wenn das Geschäft bachab geht?“

MV: „Ja, Luise, ich komme gleich…“

PV: „Dann müssen wir eben Investoren suchen…“

MV: „Nein, FeuerwehrRitterRömerPirat, du musst dir deinen Strohhalm selber holen….“

PV: „Wann hast du gesagt? Am Sechzehnten um acht?“

Anrufer: „Nein, am Vierundzwanzigsten. Ich sage dir dann noch, wann.“

PV: Okay. Ich schreibe mir das sofort auf…“

MV: „Wo habt ihr jetzt schon wieder meine Stifte versteckt! Ach, da liegen sie ja….“

PV: „So, Termin notiert. Ich schicke dir dann die Unterlagen per Mail. Nächste Woche dann, wenn unser Au-Pair wieder kommt….“

Spielverderber oder nicht?

Wenn ich ehrlich bin, muss ich gestehen, dass mir der 1. August, der Schweizer Nationalfeiertag, herzlich wenig bedeutet. Zwar darf man dies in einer Zeit, in der man sich wieder auf Heimatgefühle besinnt, kaum laut sagen, aber ich kann meine Gefühle auch nicht ändern. Zwar bin ich von Herzen dankbar, dass ich in einem Land zur Welt kam, in dem es den Menschen mehr als gut geht, dass ich nicht die leiseste Ahnung davon habe, wie sich Krieg anfühlt, dass man uns alle paar Monate zur Abstimmungs-Urne ruft, auch wenn ich meistens nicht zu den Abstimmungsgewinnern gehöre. Ich finde es grossartig, dass ich mich nicht verschleiern muss, dass ich als Frau zumindest auf dem Papier gleiche Rechte habe wie ein Mann, auch wenn es mit der Umsetzung zuweilen noch hapert. Ich lebe gerne hier, schätze die Sprachenvielfalt, die verschiedenen Regionen, die unterschiedlichen Mentalitäten. Man sieht also, auch wenn ich nicht gerne in Hurra-Patriotismus mache und auch wenn ich an meiner Heimat durchaus den einen oder anderen Makel ausmachen kann, auf meine Art und Weise liebe ich das Land, in dem ich geboren wurde dennoch. Bloss das mit dem Nationalstolz kriege ich nicht hin, denn was habe ich schon dazu beigetragen, dass ich hier und nicht in Darfur oder in Afghanistan zur Welt gekommen bin? Und weil mir das mit dem Nationalstolz nicht so recht gelingen will, würde ich eigentlich auch nicht zu jenen Menschen gehören, die am 1. August mit Raketen und Knallfröschen um sich schiessen.

Wenn ich denn keine Kinder hätte.

Aber ich habe Kinder, Gott sei Dank, und weil ich weiss, dass Kinder die leuchtenden Sterne am Nachthimmel lieben, gibt’s eben auch bei uns ein Mini-Feuerwerk. Das darf zwar nicht mehr als fünfzig Franken kosten – unser sauer verdientes Geld ist doch nicht zum Verbrennen da – und mein grünes Gewissen muss ich jeweils auch für ein paar Tage in die Ferien schicken, aber das alles kann  ich noch ganz knapp verantworten, ohne das Gefühl zu haben, ich würde Wasser predigen und Wein trinken. Und so zählten unsere Kinder seit Mitte Juli die Tage bis zum ersten August und seit heute Morgen die Stunden bis zum Eindunkeln. Doch dann, eine halbe Stunde vor dem Eindunkeln, zog ein Gewitter auf. Was „Meinen“ natürlich sofort hoffen liess, wir könnten das Zündeln bleiben lassen. Was aber auch die Kinder bangen liess, das Feuerwerk würde ins Wasser fallen, was ganz fürchterlich wäre, denn „morgen ist ja nicht mehr August“, wie Luise zu sagen pflegt, auch wenn wir ihr schon unzählige Male erklärt haben, dass der August mit dem Ersten erst anfängt.

Was also sollten wir tun? Die Kinder heulend ins Bett schicken? Abwarten und damit riskieren, dass wir die Kinder einfach eine Stunde später dennoch heulend ins Bett schicken? Schliesslich hatte Luise die zündende Idee: Wir könnten ja beten, dass der Liebe Gott den Regen abstellt. Was natürlich sogleich eine theologische Diskussion auslöste: „Meinst du wirklich, dass der Liebe Gott das macht, wo doch Feuerwerk die Umwelt zerstört?“, meinte Karlsson nachdenklich, worauf Luise auch vorübergehend an der theologischen Richtigkeit ihres Vorhabens zweifelte. Schliesslich einigten sich die zwei, man könnte es ja versuchen, man werde dann ja anhand des Resultats sehen, ob der Liebe Gott eher Spielverderber und Umweltschützer oder Kinderfreund und Patriot sei. Das haben die Kinder natürlich nicht so gesagt, aber ziemlich genau so gemeint.

Und siehe da: Der Regen hörte fast sofort auf und fing exakt fünf Minuten, nachdem unser letztes Kind in tiefen Schlaf gefallen war, wieder an. Was wohl die Frage nach dem Kinderfreund eindeutig mit Ja, die nach dem Spielverderber eindeutig mit Nein beantworten würde. Es sei denn, dem Lieben Gott wäre die ganze Angelegenheit mit unserem Nationalfeiertag ohnehin nicht so wichtig, weil er nämlich weitaus dringendere Fälle zu behandeln hat, woraus man den Schluss ziehen könnte, dass das mit dem Regen reiner Zufall war. Was uns zu einer Frage führt, die seit Jahrtausenden kontrovers diskutiert wird und ich masse mir nicht an, zu behaupten, Vendittis hätten heute, am 1. August 2010, eines der grössten theologischen Rätsel gelöst.

Wie dem auch sei, dankbar waren unsere Kinder heute Abend allemal. Und sei es nur, weil das Feuerwerk so wunderschön war.

Glucken-Test negativ!

Karlsson ist wieder da und ich bin erleichtert. Erleichtert, dass der Glucken-Test negativ ausgefallen ist. Nachdem ich nämlich letzten Sonntag beim Abschied ganz eindeutige Glucken-Symptome gezeigt hatte, beschloss ich, mich während Karlssons Abwesenheit genauer unter die Lupe zu nehmen. Bin ich tatsächlich eine Glucke, oder neige ich nur in Extremsituationen wie Abschied nehmen zu Gluckentum? Liege ich nachts stundenlang wach, weil ich mich um mein Kind sorge? Muss ich mich mit aller Macht davon abhalten, zum Telefon zu greifen? Gehe ich in der Gegend des Ferienhauses einkaufen, nur  damit ich, weil ich gerade „zufällig in der Gegend bin“ meinem Sohn einen ganz kurzen Kontrollbesuch abstatten kann? Nein, nichts dergleichen. Alles völlig normal, wie an anderen Tagen auch.

Klar, hin und wieder habe ich schon an meinen Ältesten gedacht, habe mich gefragt, ob es ihm wohl gut gehe. Aber als ich gestern Abend erfuhr, dass mein armer kleiner Karlsson im Lager krank geworden war, rief ich nicht wutentbrannt den Leiter an und entriss meinen Sohn augenblicklich den Klauen der Lagerleitung. Nein, ich war mir sicher, dass es nichts allzu Schlimmes sein konnte, denn sonst hätte man uns bestimmt angerufen. Mit dieser doch ziemlich abgeklärten Reaktion bin ich in den Augen gewisser Mütter wohl schon eher den Rabenmüttern zuzuordnen und ganz bestimmt nicht den Glucken. Aber ich kann alle beruhigen, die sich darum sorgen, ob meine Kinder auch genügend Liebe bekommen: Gegen Ende der Woche begann ich mich riesig auf das Wiedersehen mit Karlsson zu freuen und als er heute auf der Bühne stand, da konnte ich den Moment, in dem ich meinen Sohn in die Arme schliessen konnte, kaum mehr erwarten. Also keine Rabenmutter.

Aber auch ganz eindeutig keine Glucke. Denn wäre ich eine, dann wäre ich nach Karlssons ersten Sätzen bei der Begrüssung in Tränen ausgebrochen: „Ich will nicht nach Hause kommen“, meinte mein Ältester, kaum konnte er wieder reden, nachdem ich ihn an mich gedrückt hatte. „Und ich will mich sofort wieder für das Lager im nächsten Sommer anmelden.“ Eine Glucke wäre jetzt wohl am Boden zerstört, weil ihr Kind auch ohne sie zurecht kommt. Ich aber freue mich, dass mein Sohn die Zeit ohne uns genossen hat, dass er zwar einmal eine kurze Heimwehattacke hatte, sonst aber so glücklich war, dass er kaum mehr aufhören kann mit Erzählen.

Nachdem nun also der Glucken-Test ganz eindeutig negativ ausgefallen ist, gehe ich davon aus, dass ich einfach eine ganz normale Mutter bin.

Das sehen wir doch gleich, oder?

Wer heutzutage in den Zoo geht, geht nicht in erster Linie, um Tiere zu beobachten. Die sind nämlich inzwischen derart artgerecht gehalten, dass man sie nur noch mit ganz viel Glück zu Gesicht bekommt. Wenn sie denn überhaupt im Zoo logieren und nicht vorübergehend ausquartiert sind, weil sie gerade ein noch artgerechteres Gehege gebaut bekommen. Da ich ein tierliebender Mensch bin, begrüsse ich diese Entwicklung und ich kann endlich ungehindert das tun, was ich im Zoo schon immer am liebsten getan habe: Die Menschen beobachten. Was in Zeiten eines kleineren Babybooms bedeutet, hochschwangeren Frauen dabei zuzusehen, wie sie sich mühselig durch den Zoo schleppen, an der einen Hand einen Dreikäsehoch, an der anderen Hand ein Kindergartenkind, das in Richtung Giraffengehege drängt, während Mama mit letzter Kraft versucht, einen Sitzplatz auf der letzten freien Parkbank am Schatten zu ergattern.

Sehe ich solche Szenen, wird mir ganz warm ums Herz. Vor sechs Jahren, als „Meiner“ und ich eben geraden den Schritt von der Kleinfamilie zur Grossfamilie wagten – in der Schweiz ging man damals mit drei Kindern bereits als Grossfamilie durch -, tuschelte man hinter unserem Rücken: „Schau mal, das Zweite kann noch kaum laufen und schon ist das Dritte unterwegs!“. Heute entspricht das Bild, das damals noch exotisch war, der Norm. Und so schaue ich mit leiser Wehmut dabei zu, wie Mama den Kampf gegen das Kindergartenkind verliert und sich zum Giraffengehege schleppt, wo sie es trotz ihrer Erschöpfung fertigbringt, die Begeisterungsstürme ihrer Kinder zu teilen. Und wie ich so meine eigene Kinderschar mustere, – Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat schon so gross, dass der Zoobesuch sie schon fast langweilt, der Zoowärter und das Prinzchen auch schon so selbständig und Karlsson gar nicht erst dabei, weil er schon eigene Wege zu gehen beginnt – da kommt sie in mir hoch, die leise Sehnsucht nach einem weiteren Kind. „Ach, wäre das schön! Nur noch einmal so ein klitzekleines Baby zu haben….“, seufzt die Urmutter in mir und schon will ich mich mit schmachtendem Blick „Meinem“ zuwenden und ihn daran erinnern, wie schön es doch war, als wir noch schwanger sein konnten. Vielleicht können wir ja zusammen ein wenig in alten Erinnerungen schwelgen.

Doch bevor ich etwas sagen kann, wendet sich „Meiner“ mir zu und meint: „Weisst du, was ich so unglaublich toll finde? Dass ich weiss, dass du nie mehr schwanger sein wirst. Dass du dich nie mehr so durch den Zoo schleppen musst, an der einen Hand ein Dreikäsehoch, an der anderen ein Kindergartenkind, das dich mit sich zerrt.“

Okay, dann sehen wir die Vergangenheit eben nicht ganz gleich  verklärt, „Meiner“ und ich.

Zum Glück können „Meiner“ und ich uns wenig später den Mund zerreissen über eine Hochschwangere, die sich am Eingang zum Aquarium eine Zigarette anzündet. Man sieht, in gewissen Dingen bleiben wir uns einig, selbst wenn es um Schwangerschaft geht….

Alle Jahre wieder…..

…. das gleiche Lied: Am ersten verregneten Sommerferientag versammeln sich die kleinen Vendittis in seltener Eintracht auf dem Sofa, um sich auf Weihnachten einzustimmen. Aus vollen Kehlen singen sie mit, wenn Andrew Bond seine Lieder von verschneiten Bergen, Geschenken unter dem Tannenbaum, Grittibänzen-Bäckerei und dem Samichlaus singt.

Da wäre sie also wieder, die alljährliche pränatale Euphorie im Hause Venditti. Eine Euphorie, die einfach so kommt, wie ein Virus, das sich breit macht, ohne dass man es eingeladen hätte. Allerdings frage ich mich langsam, ob die Sache vielleicht genetisch ist. Einen derart voraussehbaren Terminplan bringt kein Virus zustande.

So macht man das also….

Also, es ist so: Der (sic!) Angst ist eine Frau mit so Krallen und der kommt auf einen zu und wenn man will, dass der Angst weggeht, muss man kämpfen und zwar mit einem Legostein und wenn der Angst immer noch nicht weggeht, dann muss man beten und wenn der Angst immer noch nicht weggeht, muss man mit einem Römerschwert gegen ihn kämpfen so zack! und wusch! und wenn der Angst immer noch da ist, dann muss man sagen: „Angst, geh weg, du blöde Frau!“ und dann hat man endlich Ruhe.

Warum bloss erfahre ich solche Sachen erst jetzt, im reifen Alter von fünfunddreissig Jahren? Vor dreissig Jahren, als mein Bett noch Nacht für Nacht von Krokodilen umzingelt war, als am Fussende des Bettes riesige schwarze Schlangen lagen und vor dem Fenster böse Riesen mit Säbeln lauerten, da hätte ich diese Strategie besser gebrauchen können. Aber damals hatte ich eben noch keinen Zoowärter, der mich über die wichtigen Dinge im Leben aufklärt….

Schöne Ferien, Karlsson!

Karlsson ist heute verreist. Alleine, ohne Mama, Papa und Geschwister, ohne David, den Stoffeisbären, oder zumindest fast ohne David, aber das ist eine andere Geschichte, eine ganz private, die unter Vendittis bleibt. Zum ersten Mal in den fast zehn Jahren seines Lebens ist Karlsson ohne uns, sind wir ohne Karlsson. Zum ersten Mal muss die Glucke in mir darauf verzichten, stets zu wissen, wo ihr Küken ist, was es gerade tut und ob es ihm gut geht. Zum ersten Mal darf die Freiheitsliebende in mir ein wenig aufatmen, sich ausmalen, wie die Sommer werden, wenn alle Kinder gross genug sind, ins Ferienlager zu fahren. Ich kann euch versichern: Diese zwei können sich ganz schön in die Haare geraten, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, wie eben zum Beispiel heute. Das sieht dann etwa folgendermassen aus:

Glucke: „Karlsson, hast du auch ganz bestimmt alles eingepackt? Und bist du sicher, dass du alleine zurechtkommen wirst? Du wirst sehen, sechs Tage sind schnell vorbei und dann darfst du auch schon wieder nach Hause kommen….“

Die Freiheitsliebende unterbricht die Glucke: „Jetzt hab‘ dich doch nicht so! Der Junge kommt schon ein paar Tage ohne dich zurecht. Stell dir vor wie schön das wird: Einer weniger, der streitet, einer weniger, der den ganzen Tag für Radau sorgt. Und es dauert gar nicht mehr so lange, bis alle Kinder im Sommer ins Lager gehen können….“

Die Glucke, ziemlich schrill:Alle Kinder? Bist du wahnsinnig geworden. Es ist schlimm genug, dass Karlsson jetzt schon ohne uns verreist! Du weisst ja, was in einem solchen Ferienlager alles passieren kann.“

Die Freiheitsliebende, träumerisch: „Oh ja, ich erinnere mich…. Ganze Nächte durchquatschen, den Leitern Streiche spielen, vielleicht zum ersten Mal verliebt sein, … nun ja, dafür ist Karlsson vielleicht noch etwas zu jung, aber vielleicht eine Brieffreundschaft mit einem netten Mädchen, das gerne mit stillen, nachdenklichen Jungs befreundet ist,…. ach, war das schön, als man noch so jung und unbeschwert war!“

Die Glucke, zurechtweisend: „Wenn ich an Ferienlager denke, kommen mir eher andere Dinge in den Sinn. Bienenstiche zum Beispiel, oder verstauchte Fussgelenke, Heimweh, Tränen, weil man ausgeschlossen wird, schlechtes Essen, oder, schlimmer noch, zu wenig essen…. Ach ja, ich muss unbedingt gleich heute Abend noch ein Fresspaket für Karlsson zurechtmachen, damit ich es morgen früh auf die Post bringen kann…“

Die Freiheitsliebende: „Du mit deiner Schwarzmalerei! Du hast doch den Menuplan gesehen. Karlsson wird das Essen dort lieben. Und das Haus ist auch perfekt, so sauber, er wird nicht mal Asthma kriegen dort, weil es eines der einzigen Lagerhäuser ist, die nicht völlig verstaubt sind. Und dann liegt das Haus ja auch so schön abseits….“

Die Glucke: „Ha, von wegen abgelegenes Haus! Hast du denn vergessen, dass Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat genau dort, vor diesem Lagerhaus einmal beinahe von einem Lastwagen überfahren worden wären? Was, wenn mit Karlsson das Gleiche passiert?“

Die Freiheitsliebende: „Natürlich habe ich das nicht vergessen. Aber du weisst auch, dass die Beiden damals noch winzig waren und keine Ahnung davon hatten, wie gefährlich so ein Lastwagen ist. Karlsson ist gross und vernünftig…“

Die Glucke: „Karlsson meint, er sei gross und vernünftig. Aber er ist doch noch so klein. So alleine und verloren in einem Lager. Der arme Junge….“
Die Glucke ist den Tränen nahe.

Die Freiheitsliebende: „Nun, so alleine ist er nun auch wieder nicht. Immerhin hat er seinen besten Freund dabei. Und die Schwester des besten Freundes ist auch dort. Und dann sonst noch ein paar Kinder, die er kennt. Und sein Gruppenleiter macht einen ganz guten Eindruck.“

Die Glucke: „Ja, aber der Gruppenleiter ist erst siebzehn. Wie soll der für meinen armen kleinen Jungen sorgen können? Der ist ja selber noch fast ein Kind. Was soll bloss aus meinem Kind werden? Ich glaube, ich hole ihn gleich wieder nach Hause. Der arme, arme Junge….“
Die Glucke bricht in Tränen aus.

Die Freiheitsliebende: „Du scheinst vergessen zu haben, dass der ‚arme arme Junge‘ sich freiwillig ins Lager angemeldet hat, dass er sich monatelang auf diese Woche gefreut hat, dass er die Zeit ohne dich geniessen wird….“

Die Glucke, heftig schluchzend: „Das…. i-i-i-h-h-h-st ja…. das Schli-h-i-h-i-mmste an der Sa-ha-ha-che, dass Karlsson …. ga-ha-ha-nz gu-hu-hu-hu-t ohne mi-hi-hi-ch zurechtkommen…. wird….“

Während die Glucke heulend auf dem Sofa liegenbleibt, geht die Freiheitsliebende frohgemut in die Küche, holt sich etwas zu Trinken und murmelt vor sich hin: „Das ist ja das Schöne, dass Karlsson ganz gut ohne mich zurechtkommen wird.“