Schimpfnamen

Jedes unserer Kinder hat zwei Vornamen. Weil wir das einfach schön finden. Weil man so in der Schweiz ganz unkompliziert seinen Namen ändern kann, wenn einem der von den Eltern gewählte erste Vorname nicht passt. Nun ja, zumindest wenn man den zweiten Namen besser mag als den ersten. Weil es so viele schöne Namen gibt und so wenig Kinder, die man mit schönen Namen versehen kann. Okay, ich geb’s ja zu, beim dritten Jungen wurde es langsam aber sicher schwierig mit den schönen Namen, beim vierten Sohn erst recht. Zumal wir noch eine ganze Liste mit wunderbaren Mädchennamen hatten, die noch immer auf eine Besitzerin warten. Aber man kann ja nicht mittendrin mit den Doppelnamen aufhören und so strengten wir uns eben ganz gewaltig an, um auch unsere zwei jüngsten Söhne mit je zwei Namen zu versehen, die unsere Herzen höher schlagen liessen.

Hätte ich mir doch bloss nicht diese blöde amerikanische Sitte zu eigen gemacht, beim Schimpfen das Kind mit Vor-, Mittel- und Nachnamen anszusprechen. Dann würde wohl kaum je einer an die Mittelnamen denken. Aber weil ich mir aus meinem Austauschjahr in Amerika ausgerechnet eine blöde Angewohnheit mit nach Hause nehmen wollte, tönt es heute etwa so, wenn ich mit meinen Kindern schimpfe: „Karlsson Josef* Venditti, jetzt hörst du augenblicklich damit auf, deine Schwester in den Hintern zu treten.“ Oder „Zoowärter Johannes Venditti! Es reicht jetzt mit deinem Gebrüll!“ Oder „Luise Daisy Venditti! Diesen Ton will ich nie wieder hören!“ Ganz besonders oft tönt es so: „FeuerwehrRitterRömerPirat Jakob Venditti! Zieh dich augenblicklich an, putz dir die Zähne und dann ab in den Kindergarten!“ Das liegt nicht etwa daran, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat ungezogener wäre als seine Geschwister, sondern daran, dass er viel konsequenter weghört, wenn Mama mit ihm schimpft. Und so kommt es eben, dass der Name Jakob deutlich öfter fällt als alle anderen Mittelnamen.

Was zur Folge hat, dass das Prinzchen, der seinen Mittelnamen übrigens noch äusserst selten zu hören bekommt, das Wort „Jakob“ für ein Schimpfwort hält. Woran ich das gemerkt habe? Nun, zum Beispiel daran, dass das Kerlchen, wenn die Duplosteine nicht aufeinander passen wollen, leise vor sich hin schimpft: „Mist! Jaggob! Bouet nöd.“ Was etwa so viel heissen soll wie „Mist! Jakob! Ich kann das Zeug nicht zusammenbauen!“ Oder er brüllt seine Schwester an: „Nei, Luise Jaggob! Höööö uuffff!“ womit er sagen will, Luise solle „zum Jakob nochmal“ endlich damit aufhören, ihm auf die Nerven zu fallen.

So ganz wohl ist mir nicht bei der Sache. Klar, ich bin froh dass das Prinzchen noch nicht mit Fäkalien um sich wirft – also, ich meine jetzt natürlich im verbalen Sinn -, aber so langsam fürchte ich, dass es dem FeuerwehrRitterRömerPiraten etwas zu schaffen macht, dass sein schöner Mittelname zum Schimpfnamen verkommt. Ob ich dem Kleinen vielleicht doch ein paar wüste Schimpfwörter beibringen soll? Natürlich nur, damit sein grosser Bruder nicht später beim Psychiater darüber jammern muss, man hätte ihn nicht geliebt.

* Alle Mittelnamen geändert. Ihr glaubt doch nicht etwa, dass ich die hier preisgebe, oder?

Zehn Merkmale eines guten Au-Pairs

Du weisst, dass du das richtige Au-Pair eingestellt hast, wenn…..

… du beim Monsterwocheneinkauf die 18 Milchflaschen nicht mehr einzeln ins Auto stellen und zu Hause einzeln die Treppe hochschleppen musst, weil endlich jemand dafür sorgt, dass genügend Einkaufstaschen mitkommen.

… du auf einmal ein Nuggi-Depot in der Küche hast, so dass du diese elenden Schnuller nicht immer suchen musst.

… dir bei der Menüplanung nicht vorgeschlagen wird: „Mach doch mal Hamburger mit Pommes. Oder Chicken Nuggets. Oder wie wär’s mit Hot Dogs?“

… dir bei der Menüplanung vorgeschlagen wird: „Wollen wir mal diese gebratenen Nudeln mit viiiiieeeeel Gemüse kochen? Die sehen lecker aus…“

… du mit Luise, Prinzchen und Au-Pair einen völlig entspannten Ausflug nach Bern machst und dabei nicht ein einziges Mal bei einem dieser absolut billigen, doofen Tussi-Kleiderläden stehen bleiben musst.

… das Au-Pair bei genau den Shops ins Schwärmen gerät, wo du auch selber kaum mehr den Ausgang findest.

… du nur kurz die Augen verdrehen musst und das Au-Pair weiss, über wen du gerade lachen möchtest, es aber nicht tun darfst, weil sonst Luise lauthals ruft: „Schau mal Mama, die hat aber doofe Schuhe an!“

… du dir nicht anhören musst, dass „meine Mama das aber viel besser im Griff hat“ als du.

… es dem Zoowärter egal ist, ob Mama oder das Au-Pair ihm den Hintern sauber macht.

… du herausfindest, dass du dir bei La Redoute soeben die gleichen Schuhe bestellt hast, wie das Au-Pair sich vor einiger Zeit gekauft hat. Bloss dass deine pink sind und ihre hellbraun.

Gedankenkarussell

Gab es ein Leben davor? Und gibt es ein Leben danach? Also, ich meine vor dem Windeleimer. Und nach dem Windeleimer.

Warum sind dem FeuerwehrRitterRömerPiraten die Regeln der Kindergärtnerin heilig, die Regeln der Eltern aber ein zu ignorierendes Ärgernis?

Warum erfahre ich am Elternabend im Kindergarten nur, was mein Kind nicht tun darf, was wir Eltern bleiben lassen sollen und was der Lehrerin nicht passt? Wo sind sie bloss geblieben, die Zeiten als man zum Einstieg stimmungsvolle Bilder aus dem Kindergartenalltag anschauen durfte? Bilde ich es mir bloss ein, oder gab es da mal eine Zeit, als die Augen einer Kindergärtnerin noch leuchteten, wenn sie von ihren kleinen Schützlingen erzählte?

Geht es als Pause durch, wenn man während der Arbeitszeit zwanzig Minuten lang mit einer Freundin am Telefon Geschäftliches und Privates vermischt? Oder muss man sich danach trotzdem noch eine Pause gönnen?

Ist man durchgeknallt, wenn man sich fragt, ob man sich eine Pause gönnen muss?

Warum lassen sich kleine Jungs die Zähne erst dann widerstandslos putzen, wenn man ihnen diese doofe Geschichte von den Bakterienräubern erzählt hat?

Hat der FeuerwehrRitterRömerPirat tatsächlich seinen ersten Wackelzahn, oder bildet er sich dies bloss ein, weil er heute beim Schulzahnarzt war?

Gibt es eine Vereinbarkeit von Lesen und Schreiben? Oder muss man sich für das eine entscheiden und das andere lassen?

Warum schwirren die Wespen ausgerechnet dann herum, wenn das Jahr am schönsten ist? Können die nicht warten, bis ich mich wieder freiwillig in meine Höhle zurückziehe?

Und schliesslich noch meine Frage aller Fragen: Wäre ich auch ich, wenn ich nicht ich, sondern jemand anders wäre?

Auf die Schliche gekommen

Kinder scheinen sich ja in  den schillerndsten Farben auszumalen, was ihre Eltern so treiben, kaum sind die Knöpfe im Bett. Anders kann ich es mir nicht erklären, weshalb die kleinen Menschen sich standhaft dem Schlaf widersetzen. Die wollen doch nur wach bleiben, damit sie alle zehn Minuten ins Wohnzimmer schleichen können, in der Hoffnung, dort würde gerade eine ausgelassene Party gefeiert. Und vor allem in der Hoffnung, sie dürften bei dieser Party mitmachen. Ich kenne ein einziges Kind – und ich verwende hier das Wort „kennen“ in einem sehr weit gefassten Sinn -, das begriffen hat, was die Eltern tun, wenn die Kinder schlafen. Das Kind heisst Calvin und er ist stolzer Besitzer eines beinahe echten Tigers namens Hobbes. Dieser Calvin also erklärt irgendwann im Laufe seiner absurden Abenteuer, unter einer wilden Nacht verstünden seine Eltern, dass sie einen Löffel mit echtem Kaffee in ihr koffeinfreies Gebräu mischen würden. Wie wir erfahrenen Eltern wissen, hat Calvin damit den Nagel auf den Kopf getroffen und eigentlich könnten sich die Kinder jetzt getrost jeden Abend schön brav um acht schlafen legen. Gut, ein bisschen übertrieben hat er ja schon, der gute Calvin. Meistens fehlt uns nämlich der Mut, unseren  geschundenen Nerven nach acht Uhr noch Koffein zuzumuten. Man kann ja nicht jeden Tag mit einer wilden Nacht beenden. Meist bleibt es also bei koffeinfreiem Kaffee, einem kurzen Schwatz, „Zehn vor Zehn“ und ein paar Minuten lesen.

Und genau bei einem solchen Abendritual hat Luise uns neulich erwischt. Sie konnte nicht einschlafen, angeblich, weil sie sich vor der bösen Nixe Mantora fürchtete, in Wirklichkeit aber wahrscheinlich, weil sie für diesen Abend von ihren Brüdern als Spionin in elterliche Gefilde entsandt worden war. Anders kann ich mir nicht erklären, weshalb das Kind auch gegen Mitternacht noch hellwach beim schlafenden Prinzchen im Gitterbett lag und vorgab, zu lesen. Und zwar genau in einem der Bücher, in denen die böse Nixe Mantora, die ihr eben noch so grosse Angst eingejagt hatte, ihr Unwesen treibt. Ist doch suspekt, nicht wahr? „Meiner“ und ich nutzten die Gunst der Stunde und lasen auch noch ein wenig, doch nach zehn Minuten war Schluss: Uns fielen die Augen zu.

Was zur Folge hatte, dass wir am nächsten Morgen Luises beissendem Spott ausgesetzt waren: „Ihr seid ja so unglaublich langweilig! Ihr geht ins Bett, lest noch ein wenig“- sie mimt einen gelangweilten Lesenden – „und dann löscht ihr auch schon das Licht und schlaft. Einfach so, tief und fest, bis am Morgen.“

Ja, was hast du denn gedacht, was wir tun würden, meine liebe Luise? Hast du wirklich geglaubt, wir würden eine wilde Party feiern, solange du noch wach bist? Aber nein, das Lichee-Bier, – drei Deziliter nur für uns beide – die romantische Komödie und das Extra-Dessert, von dem ihr Kinder nie etwas erfahren dürft, holen wir erst hervor, wenn ihr alle tief und fest schlaft. Ich kann dir versichern, meine liebe Tochter, dann geht die Post ab. Dann kann es tatsächlich vorkommen dass,… aber halt, das geht dich alles gar nichts an.

Aber rächen werden wir uns ohnehin für deine unverschämte Spionage.  Dann, wenn du selber Kinder hast und dir spätestens nach drei Sätzen die Augen zufallen. Dann schicken wir dir eine Postkarte von irgend einer Seniorenkreuzfahrt, wo wir so richtig auf den Putz hauen. Und dann werden wir ja sehen, ob du bis zum Ende der Postkarte wach bleibst, oder ob du schon vorher zu schnarchen anfängst.

Lange Leitung

13110 Tage musste ich auf diesem Erdboden verbringen, bis ich endlich begriffen habe, was der gute alte Pythagoras mit seiner sonderbaren Verwurstung von a und b und c und dann noch alles im Quadrat gemeint hat. Gut, während der ersten 5000 Tage meines Lebens machte ich mir noch keine grossen Gedanken darüber, was der alte Grieche wohl meinte damit, aber danach bereitete er mir mehrere schlaflose Nächte. Nun ja, eigentlich habe ich mir meine schlaflosen Nächte als Teenager selten mit der Berechnung von rechtwinkligen Dreiecken um die Ohren geschlagen, dafür aber mit der Berechnung, welche Note ich bei der nächsten Algebra-Prüfung schreiben musste, um nicht die Klasse repetieren zu müssen. Und das hat dann ja eigentlich wieder sehr viel mit Pythagoras zu tun. Denn wer Pythagoras nicht versteht, schreibt auch keine guten Algebra-Prüfungen.

Okay, vielleicht habe ich Pythagoras ja auch zu verdanken, dass ich bereits in jungen Jahren die Liebe meines Lebens gefunden habe. Denn hätte mir „Meiner“ vor vielen Jahren jeweils samstags nach der Schule – Ja, ihr lieben Kinderlein, damals hatte man am Samstagvormittag noch Schule. Eure Eltern waren noch nicht so verweichlicht, dass sie jeden Samstag ausschlafen durften – nicht den ganzen Algebra-Stoff erklärt, wir hätten uns vielleicht nie näher kennen gelernt. Nun, wie man sieht waren die Nachhilfestunden nur teilweise erfolgreich: „Meiner“ und ich kamen uns zwar immer näher, Pythagoras und ich blieben uns hingegen weiterhin fremd. Ein alter Grieche sieht neben einem jungen Italiener doch eher blass aus.

Aber jede lange Leitung hat einmal ein Ende und so hatte ich heute endlich mein Pythagoras-Aha-Erlebnis, als „Meiner“ und ich unsere Horde – von Multiplikation verstehen wir ziemlich viel – im Technorama in die faszinierende Welt der Physik und der Mathematik einführten. Während der FeuerwehrRitterRömerPirat sich vor lauter Forscherfreude fast verirrte, Luise mit Spiegelbildern experimentierte, Karlsson erforschte, wie aus Physik Kunst wird, der Zoowärter jammerte, er sei müde, das Prinzchen im Wagen schlief und „Meiner“ versuchte, in all dem Chaos etwas Ruhe zu finden, machte ich mich dazu auf, meinen alten Unbekannten endlich zu ergründen. Es gab da nämlich dieses Dreieck mit diesen Quadraten an den Seiten, ähm, ich meine natürlich an den Katheten und an der Hypotenuse und diese Quadrate waren mit wunderbar türkisfarbenem Wasser gefüllt und wenn man das Dreieck auf den Kopf stellte, dann verteilte sich das Wasser aus dem grossen Quadrat auf die beiden kleinen Quadrate und wenn man das Ganze wieder umdrehte, floss das Wasser aus den beiden kleinen Quadraten zurück in das Grosse. Zu meinem grossen Erstaunen passte das Wasser immer genau ins grosse Quadrat. Und wie ich die Sache da so drehte und wendete und wieder drehte, da fiel er endlich, der berühmte Zwanziger – oder auch der Groschen, wenn euch das besser passt – und Mama Venditti verstand endlich, was der Pythagoras mit seinem komischen Geschwätz gemeint hat.

Also ehrlich, so schwer ist das gar nicht. Aber warum hat der Kerl die Sache nicht so formulieren können, dass man sie auch versteht? Und hätte er nicht nur von verständlicher Ausdrucksweise, sondern auch von Marketing etwas verstanden, so hätte er ein Heidengeld machen können, indem er zu seinem Theorem einen netten Bausatz mit türkisfarbenem Wasser mitgeliefert hätte. Und dann hätte ich wiederum vielleicht schon am Tag 5001 meines Lebens den alten Griechen besser verstanden und nicht erst an Tag 13110. Aber dann hätte ich vielleicht „Meinen“ nie geheiratet und dann…. Ach, hören wir besser auf, sonst versteht bald keiner mehr, wovon hier überhaupt die Rede ist.

Warum nicht gleich so?

Theorie

„Die einen – auch als Frührhythmiker bezeichnet – können besonders gut am Morgen arbeiten, sind dafür aber am Nachmittag umso eher müde. Die anderen (Spätrhythmiker) kommen erst am späten Vormittag in Schwung, arbeiten dann aber am liebsten bis in den Abend oder gar bis tief in die Nacht hinein.“

„Wenn Sie das herausgefunden haben, versuchen Sie nicht, gegen Ihren natürlichen Tagesrhythmus zu arbeiten, sondern nutzen Sie diese Gesetzmässigkeiten für Ihre Tagesgestaltung. Legen Sie insbesondere die wichtigen Aufgaben mit höchstem Anspruch an die Konzentrationsfähigkeit, die Qualität und die Leitung in das Hoch Ihrer Leistungskurve.“

Praxis, August 2005 – Juni 2010 (Eigentlich schon seit November 2000, aber in leicht abgeschwächter Form)

Ein quietschfideler „Meiner“ hüpft morgens um Viertel vor sechs aus dem Bett, gönnt sich ein kleines Frühstück, rennt zum Bahnhof, fährt mit dem Zug nach Windisch und beglückt dort eine Horde von Kindern mit einer guten Laune, die jeden Morgenmuffel das Fürchten lehrt. Irgendwann, zwischen halb sieben und halb acht quäle ich mich aus den Federn, versuche verzweifelt, mir mit Hilfe von Gesichtsgymnastik ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern, um danach die Kinder aus dem Bett zu jagen. Sind alle mehr oder weniger wach, geht es so richtig los mit dem Gemotze, jeder hat etwas auszusetzen: Der Kakao nicht süss genug, die Kleider nicht geeignet für das Wetter, die Hausaufgaben nicht gemacht, die Kinder zu laut, die Mama zu mies gelaunt, die Milch zu heiss, etc. Ein fröhlicher Start in den Alltag sieht im Erziehungsratgeber irgendwie anders aus.

Abends dann ein anderes Bild: Ich sitze umringt von fröhlichen Kindern auf dem Sofa, jedes hält sein Lieblingsbuch in der Hand. „Mein Buch zuerst!“, jubelt der eine. „Jaaaaa und meines zuletzt!“, freut sich die andere. „Und dann noch für jeden ein Lied!“, fordert der Dritte. Und ich mache bei allem fröhlich mit, tauche mit den Kindern in die Geschichten ein, schmücke noch ein wenig aus, beantworte Fragen. Alle sind selig. Alle, ausser „Meiner“ ,der völlig abgekämpft alle fünf Minuten ins Wohnzimmer geschlichen kommt, beim ersten Mal mit vorwurfsvollem Blick auf die Uhr, beim zweiten Mal mit einem tiefen Seufzer im Sinne von „Seid ihr immer noch dran….“, beim dritten Mal laut schimpfend: „Wann seid ihr denn endlich fertig? Ich will endlich Feierabend machen!“

Praxis August 2010

Ein quietschfideler „Meiner“ hüpft morgens um Viertel vor sieben aus dem Bett und bereitet singend und quatschend das Frühstück für die Familie vor. Zur gleichen Zeit mache ich mich grummelnd mit dem schmutzigen Geschirr von der vorabendlichen Feierabendfete zu schaffen. Und dann, nachdem die Kinder von im gewohnten Stil geweckt worden sind, geht die Party los: Die Frühstücksgäste werden mit einem Stück Banane und Kerzen auf dem Tisch begrüsst, bekommen zu jedem Löffel Corn Flakes einen Witz mitgeliefert und dürfen dann, zum Abschluss des Frühstücks zusehen, wie „Meiner“ eine Banane verspeist. Ach, was erzähle ich da? Es war gar keine Banane, es war eine Bundesrätin, die sich „Meiner“ mit Haut, Haar, Mageninhalt und  „Oh, sie hat gefurzt! Riecht ihr, wie das stinkt?“ zum Start in den Tag gegönnt hat. Nach dieser Show sind Waschen, Anziehen, Zähneputzen und Znüni einpacken eine Kleinigkeit und bevor ich so richtig wach geworden bin, machen sich „Meiner“ und unsere Grossen Kinder fröhlich singend auf, um die Welt zu erobern.

Nun muss eigentlich nur noch ein Weg gefunden werden, wie „Meiner“ und ich die Schichtarbeit für den ganzen Tag einführen können, so dass ich abends auch wirklich für die Kinder da sein kann, anstatt an Sitzungen zu sitzen und dann wären wir auf bestem Wege, Theorie und Praxis in Einklang zu bringen. Bleibt zu hoffen, dass wir für die nächste Etappe nicht wieder zehn Jahre brauchen.

Hab‘ ich’s doch geahnt….

…. dass ich mein Potential nicht ausgeschöpft habe. Laut diesem Quiz bei Facebook hätte ich eine unbegrenzte Anzahl Kinder haben können. Gut, mehr als zwölf sollte man nicht haben, werde ich noch ermahnt, weil sonst die „individuelle Erziehung“ nicht gewährleistet werden könne. Nun ja, wenn man meinen Post von heute Morgen gelesen hat, weiss man, dass das mit der individuellen Erziehung auch bei fünf Kindern schon hin und wieder hapert…..

Wie ich überhaupt dazu gekommen bin, bei diesem unsinnigen Quiz mitzumachen? Nun, meine von Natur aus begabte Babysitter-Nichte hat bei dem Quiz bestätigt bekommen, dass sie dazu geeignet wäre, vier Kinder zu haben und da wollte ich herausfinden, ob ich ihr vier meiner Kinder überlassen muss, weil das Quiz mir nur eines zutraut. Aber ich kann aufatmen: Nach Beantwortung der fünf Fragen wurde mir bescheinigt, dass ich „sehr geeignet“ sei, viele Kinder zu haben. Ich darf also meine Kinder behalten und meine Nichte kann ihre Ausbildung fortsetzen.

Gut, wenn ich ehrlich bin, muss ich gestehen, dass ich ein klein wenig geschummelt habe. Zum Beispiel bei der Frage, ob ich meinem Kind eine zweite Softgun kaufen würde, wenn es darum bettelt. Weil die Antwort „Mein Kind bekommt nicht mal eine Softgun und wenn es mich auf Knien anfleht“ nicht zur Verfügung stand, habe ich eben das kleinste Übel gewählt und meinem imaginären Kind erlaubt, mit seinem eignen Geld so ein elendes Ding zu kaufen. Meine sehr realen Kindern würde ich das mit einem kurzen Exkurs über die moralische Verwerflichkeit von Waffen ausreden, so dass sie am Ende ihr sauer verdientes Taschengeld zugunsten von Landminen-Opfern spenden würden.

Auch die Frage, wie ich reagiere, wenn mein Kind mit einem Regenwurm in der Hand daherkommt, habe ich nicht ganz wahrheitsgetreu beantwortet. Ich habe behauptet, ich würde die Begeisterung meines imaginären Kindes teilen und ihm danach erklären, wie sich Regenwürmer fortbewegen. Wenn meine realen Kinder mit Regenwürmern auftauchen – was Luise mit Vorliebe tut – kreische ich zuerst mal, sie sollten das Ding so schnell als möglich verschwinden lassen und dann erkläre ich ihnen nicht nur, wie sich die ekligen aber sehr nützlichen Viecher fortbewegen, nein, ich erzähle auch, wovon sie sich ernähren, was passiert, wenn sie versehentlich halbiert werden, wie die Verdauung funktioniert, dass der Körper behaart ist und wie die Dinger aussehen, wenn man sie seziert. Man sieht also, ich bin zwar eine Memme, die aber auch in den schlimmsten Momenten noch daran denkt, den Horizont ihrer Kinder zu erweitern. Und das ist doch viel besser, als bloss die Begeisterung der Kinder zu teilen, nicht wahr?

Alles in allem bin ich ja sehr beruhigt über das Resultat dieses Tests. Wenn ich mich das nächste Mal als Versagermama des Jahres fühle, kann ich mich jetzt auf eine anerkanntes Assessment berufen, welches mir bescheinigt, dass ich gar nicht so unfähig bin, wie ich hin und wieder meine.

Du bist soooooooo unfair, Mama!

Wenn ein Mensch innerhalb von fünfundvierzig Minuten drei so gravierende Fehler begeht, dann kann es sich nur um eine Mutter handeln. Angefangen hat es damit, dass ich morgens um zwanzig nach sieben zuerst Luise das Wort erteilt habe, obschon Karlsson gleichzeitig mit ihr einen Satz angefangen hatte. Ein klares Zeichen, dass ich Luise viiiiiiieeeeeeel lieber habe als Karlsson, nicht wahr? Ich meine, wie kann eine Mama bloss so unfair sein und ein Kind zuerst reden lassen, wo sie doch ebenso gut auf dem linken Ohr Karlsson, auf dem rechten Luise zuhören könnte? Und dann mit dem linken Mundwinkel Karlsson, mit dem rechten Luise eine Antwort geben könnte. Ist doch wirklich keine Sache für eine erfahrene Mama.

Luises Triumph war nicht von Dauer. Keine zehn Minuten später war nämlich sie diejenige, die sich krass benachteiligt sah und deshalb daran zweifelte, dass Mama sie ebenso liebt wie ihre Brüder. Was war geschehen? Der FeuerwehrRitterRömerPirat, der sich gestern noch ohne irgendwelche Verzögerungen für den Kindergarten bereit gemacht hatte, zeigte heute erste Anzeichen eines Rückfalls in alte Verhaltensmuster. Anstatt sich die Zähne zu putzen und in die Kleider zu schlüpfen, räkelte er sich auf dem Sofa, als hätte er alle Zeit der Welt. Was Mama dazu veranlasste, ein kurzes, aber ernstes Gespräch mit ihm zu führen. Ein Gespräch, bei dem sie keine anderen Kinder dabei haben wollte, weil nicht immer alle alles wissen müssen. Was Luise ganz entsetzlich fand, denn „mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten redest du immer viel mehr alleine als mit mir.“ Was durchaus daran liegen könnte, dass bei Luise weniger Bedarf an kurzen, ernsten Gesprächen zu zweit besteht,- ihre Ausbrüche sind jeweils so laut, dass sie sich ohnehin nicht vor dem Rest der Familie verbergen lassen – was für Luise aber ein untrügliches Zeichen ist, dass ich „die Buben viiiiiiiiieeeeeel viiiiiiiiiieeeeeeeel lieber“ habe als sie.

Man könnte jetzt meinen, ich hätte aus diesen zwei Fehlern gelernt und wäre an diesem Morgen in kein weiteres Fettnäpfchen getreten. Aber eben, ich bin eine Mama und so kam es, dass ich es kurz vor acht, auf dem letzten Drücker sozusagen, noch fertig brachte, dass Karlsson ein weiteres Mal von tiefen Zweifeln an meiner Liebe zu ihm ergriffen wurde. In meiner Unbedachtheit hatte ich nämlich Luise gegenüber bemerkt, dass sie demnächst einmal zum ersten Mal zum Coiffeur gehen dürfe. Luise strahlte, Karlsson brüllte: „Du bist sooooooooo gemein Mama. Ich durfte erst mit acht zum Coiffeur gehen und Luise wird erst im März acht. Du liebst mich überhaupt nicht!“ Nun versuche man mal, kurz vor acht, wenn drei grosse Kinder aus dem Haus gehen sollten und zwei kleine Kinder sich in den Haaren liegen, einem angeblich ungeliebten Kind zu erklären, dass a) ein Besuch beim Coiffeur nicht unbedingt ein Zeichen von tiefer Liebe und Zuneigung ist, dass b) Karlsson auch ein Zweitklässler war, als er zum ersten Mal zum Coiffeur gehen „durfte“, dass c) Luise nun wirklich nichts dafür kann, dass sie erst gegen Ende der zweiten Klasse acht wird und dass d) „Meiner“ und ich keine bösen Absichten hegten, als wir unser erstes Kind im November, unser zweites im März bekamen.

Ich weiss nicht, ob Karlsson mich verstanden hat, aber am Ende brachte ich es doch fertig, meine drei Grossen mit einer Umarmung und einem „Ich hab‘ dich lieb“ in den Tag zu entlassen. Ob sie mir das glaubten, oder ob sie sich auf dem Schulweg die Köpfe einschlugen, weil jeder glaubte, der andere werde mehr geliebt, entzieht sich meiner Kenntnis. Dafür aber weiss ich einmal mehr, dass der Ausdruck „sich den Mund fusselig reden“ ganz bestimmt von einer Mutter geprägt wurde. Vermutlich von einer Mehrfachmutter, deren Kinder daran zweifelten, dass sie jedes Einzelne von ihnen aus tiefstem Herzen liebt.

Berufswunsch: Hausmann

Dass zweijährige Kinder noch mit Leidenschaft Hausarbeit verrichten, ist mir eigentlich nichts Neues. Aber dass man sich mit so viel Leidenschaft in die Sache stürzen kann wie das Prinzchen, das habe ich noch nie erlebt. Und ich bin ja eigentlich kein Neuling mehr auf dem Gebiet „Zusammenleben mit (fast) Zweijährigen“. Klar hat jedes unserer Kinder hin und wieder versucht, das eine oder andere Wäschestück aufzuhängen oder einen Teller vom Tisch zu räumen. Aber das Prinzchen will nicht alleine den Geschirrspüler ausräumen, nein, er will auch gleich alles Geschirr am richtigen Ort versorgen. Er gibt sich nicht alleine damit zufrieden, Wäsche aufzuhängen, er versucht auch gleich, die Kiste mit der gefalteten Wäsche die Treppe hochzuschleppen. Hat er sich mal wieder heimlich einen Stock tiefer zur Grossmama geschlichen, kommt er nicht eher wieder mit mir hoch, als er sämtliche Autos in die Kiste zurückgelegt hat und danach die Kiste am richtigen Ort versorgt hat. Wie der Junge mit dem Besen hantiert ist schon nahezu beängstigend und sein Verhalten zeigt mir ganz klar: Der Prinz hegt Ambitionen, der Beste Hausmann des Jahres 2035 zu werden.

Meinen potentiellen Schwiegertöchtern rate ich, ihre Bewerbungsunterlagen schon frühzeitig einzureichen. Bei der aktuellen Diskussion um die Frage, ob die Schweiz fünf Bundesrätinnen verkraften würde, oder ob dies nicht etwas zu viel der Weiblichkeit sei, kommen mir so langsam die Zweifel, ob die Emanzipation tatsächlich stattgefunden hat. Wenn mir die Statistik belegt, dass noch immer in acht von zehn Haushalten der Schweiz die Frau die Hauptverantwortung für den Haushalt trägt, dann sehe ich, dass der Mann mit Küchenschürze noch immer ein Exot ist. Und trotz meines grenzenlosen Optimismus beginne ich zu fürchten, dass die Welt in ferner Zukunft, wenn das Prinzchen seinen eigenen Haushalt haben wird, – so ich ihn denn jemals ziehen lasse – noch nicht viel anders aussehen wird.

Also mein Prinzchen, fleissig weiter haushalten, damit deine Chancen auf dem Heiratsmarkt nicht schwinden.

Here we go again

Es ist nicht alleine die Blogstatistik, die mich darauf aufmerksam macht, dass die Leute wieder im Land sind und dass der Alltag auch wieder aus den Ferien zurückgekommen ist. Es gibt da noch ein paar weitere untrügliche Zeichen:

– Die Mails, die ich vor den Ferien geschrieben hatte, werden nun eines nach dem anderen endlich beantwortet. Oder man könnte es auch anders ausdrücken: Die Mailbox quillt wieder über.

– Die überquellende Mailbox führt dazu, dass auch der Terminkalender sich im Halbstundentakt mit neuen Terminen füllt.

– Nach Feierabend, also wenn die Kinder im Bett sind, wird nicht mehr faul auf dem Sofa herumgefläzt, sondern gearbeitet.

– Das Telefon klingelt wieder.

– Wenn das Telefon klingelt, ist nicht jemand aus dem Freundeskreis dran, der fragt, ob wir abends Lust zum Grillieren haben, sondern jemand, der wissen will, ob der Businessplan schon fertig ist oder ob die Traktandenliste für die Sitzung schon steht.

– Wenn Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat sich auf eine Distanz von einem halben Meter nähern, dann sprühen nicht mehr die Funken, weil sie sich so sehr freuen, dass sie endlich mal wieder Zeit zum Spielen haben. Nein, es fliegen die Fetzen, weil sie das Spielen inzwischen so satt haben, dass sie die Tage bis zum Schulbeginn zählen.

– Ich muss nicht mehr aufpassen, dass ich nicht zu viele Kalorien zu mir nehme, ich muss aufpassen, dass ich genug zu mir nehme, weil die Zeit zum Essen von Tag zu Tag knapper wird.

– Der Schädel brummt wieder, weil die Tage zwar noch immer spät enden, aber bereits wieder früh beginnen.

– Wenn etwas schief geht, gerät wieder der ganze minutiös geplante Tagesablauf aus den Fugen.

– Das Prinzchen muss seinen Bedarf an Schlafliedern massiv zurückschrauben. Wer hat denn schon mitten im Alltag Zeit, stundenlang neben ihm zu liegen und sich heiser zu singen?

– Der Koffeinkonsum steigt rapide an.

– Mama Venditti brüllt wieder herum.

– Mama Venditti entschuldigt sich wieder bei ihren Kindern.

– Das Handy ist wieder in Betrieb.

– Das Zeiterfassungssystem ebenfalls.

– In der Handtasche hat es wieder Stifte und Notizpapier, dafür aber keine Windeln und Schmusetücher mehr.

– Ich schmiede wieder Ferienpläne.