Einfach himmlisch, diese Brötchen!

Hier das Rezept, für alle, die auch mal schwelgen möchten.

Zutaten:

1 völlig ahnungslose Ehefrau, die nicht eine Sekunde daran denkt, dass man vier Tage vor ihrem 36. Geburtstag eine Überraschungsparty veranstalten und obendrein noch ihr erstes Buch feiern könnte
1 liebender Ehemann, der trotz turbulentem Alltagsleben noch schnell nebenbei eine Party organisiert
5 Kinder, die voller Begeisterung dabei sind und es auch noch schaffen, dicht zu halten
1 Au-Pair, das sich voller Elan in die Sache dreingibt und dann auch noch eine Bayley’s Torte bäckt
1 Mutter, die nicht mehr aufhören kann, eine wunderbare Torte nach der anderen aus dem Ofen zu zaubern

Diese fünf Zutaten gut vermischen und einige Tage lang ziehen lassen, dann die folgenden Zutaten untermengen und alles vier, fünf oder sechs Stunden lang backen:

1 Schwester, die am Samstagmorgen früh aufsteht, um bei den Vorbereitungen zu helfen
liebe Freunde, die Crêpes-Teig und andere Köstlichkeiten mitbringen
möglichst viele liebe Freunde und Verwandte, die einen mit lieben Worten überhäufen (und die einen rabenschwarz anlügen können, wenn sie einen fünf Minuten vor dem Fest in der Stadt über den Weg laufen 😉 )
eine Horde von fröhlichen Kindern, die sich zum Teil noch nie begegnet sind, die aber dennoch den ganzen Nachmittag vergnügt miteinander spielen
anregende Gespräche mit all den lieben Menschen, die einen durchs Leben begleiten

Eigentlich wären die Brötchen auch so schon der perfekte Genuss, noch besser werden sie aber, wenn man sie mit den folgenden Zutaten verfeinert:

ein Tisch voller liebevoll ausgesuchter Geschenke
und als Garnitur obendrauf ein iPad

Das also waren sie, meine Brötchen. Ich habe sie genossen bis zum letzten Krümel. Jetzt bin ich pappsatt und sehr sehr glücklich.

Eine einzige Frage aber quält mich: Wem aus meiner Familie und meinem Freundeskreis kann ich denn in Zukunft noch trauen? Wo diese wunderbaren Menschen mich doch über Wochen an der Nase herumgeführt haben, damit ich ihrer Überraschung nicht auf die Schliche komme.

Was wird hier eigentlich gespielt?

Irgend etwas führen die im Schilde, „Meiner“, die Kinder und das Au-Pair. Seit Tagen schon schwirren sie grinsend um mich herum, zwinkern sich verschwörerisch zu und machen vieldeutige Bemerkungen. Und wenn ich frage, was denn los sei, schauen sie mich nur erstaunt an und meinen: „Was soll denn schon los sein?“ Schon vor zwei Wochen habe ich geahnt, dass da etwas im Busch ist, aber als ich „Meinen“ fragte, ob er und das Au-Pair irgend etwas ausheckten, da lachte er mich nur aus und behauptete, ich würde ihm nicht vertrauen. Danach vergass ich die Sache wieder, bis Luise vor ein paar Tagen zu Tode betrübt war, dass ich abends nicht mehr zur Gemeindeversammlung gehen mochte, weil sich das Prinzchen nicht wohl fühlte. „Aber Mama, du musst jetzt einfach weggehen. Papa und ich müssen noch unbedingt….“ Was Papa und Luise unbedingt noch mussten, habe ich nicht herausbekommen, weil „Meiner“ unserer einzigen Tochter schnell den Mund zugehalten hat. Aber dass die mir etwas verheimlichen, liess sich jetzt nicht mehr leugnen.

Richtig schlimm wurde es gestern. Da kam „Meiner“ so unglaublich spät von der Schule nach Hause, obschon er wusste, dass ich gleich zum Zahnarzt gehen musste. Als ich ihm an den Kopf warf, er sei doch einfach unmöglich, weil er jedes Mal, wenn ich einen Termin hätte, zu spät nach Hause kommt, grinste er nur und meinte: „Ich bin ja wegen dir zu spät gekommen. Ich musste noch etwas für dich erledigen.“ Was, bitte sehr, gibt es da für mich zu erledigen? Soweit mir bekannt ist, habe ich für einmal keine Befehle erteilt. Aber es wurde noch schlimmer. Schmierte ich Sandwiches, stand meine Familie grinsend daneben und machte dumme Bemerkungen. Stellte ich den Menüplan zusammen, ermahnten sie mich hundertmal für Samstag auf gar keinen Fall ein Mittagessen einzuplanen, weil dann „Karlsson und Luise so Brötchen backen wollen. Sie haben da ein interessantes Rezept gefunden.“ Und wenn ich sagte, hier sei etwas faul, brachen sie alle in lautes Gelächter aus und „Meiner“ versicherte mir, dass „wirklich gar nichts ist, oder zumindest nichts Grosses“.

Fast wäre ich so naiv gewesen, ihm zu glauben. Ja, die werden wohl irgend eine kleine Überraschung im engsten Familienkreis planen, dachte ich mir. Ich habe ja auch schon bald Geburtstag. Aber als ich heute Abend zur Kirche ging, um den neuen Pastor zu wählen, wünschte mir jemand einen wunderschönen Samstag und als ich wissen wollte, weshalb, schaute er mich nur vielsagend an. Als dann auch noch die daneben stehende Person bemerkte, ach ja, das von Samstag habe sie auch schon gehört, aber sie wisse nicht mehr, wer ihr das erzählt hätte, da wurde mir langsam mulmig. Was um Himmels willen läuft da bloss hinter meinem Rücken? Die werden doch nicht etwa die halbe Welt dazu verdonnern, irgend etwas zu tun, was mit mir zu tun hat.

So langsam kommt ein altbekanntes Gefühl in mir hoch: Ich fühle mich mal wieder wie Obelix, der nicht mitkriegt, was gespielt wird. Alle sind eingeweiht und lachen sich halb krank. Nur ich laufe nichts ahnend durch die Gegend und kann nicht begreifen, was die alle so lustig finden.

Nun ja, vielleicht bekomme ich ja am Samstag einen Haufen Römer, die ich vermöbeln darf….

Grosse Worte, II

Dass kleine Kinder gerne mit grossen Worten um sich werfen, weiss ich aus eigener Erfahrung. Ich war noch nicht im Kindergarten, als eines Tages ein älterer Herr im weissen Mercedes vor unserem Haus anhielt, um mich zu fragen, wo es denn nach Lenzburg gehe. Ich, die ich sonst eher schüchtern war, erkannte am Stern auf dem Auto einen Klassenfeind und meinte frech: „Das sag‘ ich dir nicht, du Kapitalist!“. Worauf der ältere Herr ziemlich verdutzt von dannen fuhr und vielleicht heute noch den Weg nach Lenzburg sucht.

Wie die Mutter, so die Kinder, könnte man denken, wenn man in diesen Tagen unseren Kindern zuhört. Da warteten wir zum Beispiel gestern etwas länger als gewöhnlich auf den Bus, den Kindern wurde langweilig und sie begannen, rund ums Wartehäuschen zu rennen. Irgendwann erweiterte der Zoowärter seinen Radius und rannte eine Treppe hoch, die zu einem Haus gehört, von dem in den vergangenen Wochen ruchbar geworden ist, dass hinter der harmlos wirkenden rosaroten Fassade nicht ganz so harmlose Dinge getrieben werden. Luise, die im Moment alles mitkriegt, was sie nicht mitkriegen sollte, zerrte ihren kleinen Bruder entsetzt von der Treppe und schrie: „Komm sofort weg von hier, Zoowärter! Das ist ein Puff! Da hast du nichts zu suchen.“

Während dem Zoowärter nach dieser Episode die Worte fehlten, weiss er ganz genau, welches Wort passt, wenn „Meiner“ und ich uns mal wieder darüber zanken, wie viel Geld man ausgeben darf, wenn alle vier Monate mal der Vertreter für Bouillon, Eistee, Gewürze und dergleichen  kommt. „Meiner“ findet, man dürfe gar nichts ausgeben, ich hingegen bin der Meinung, dass ein kleines bisschen doch nicht schaden kann, zumal wir den Vertreter schon seit einer halben Ewigkeit kennen. Wobei sich das „kleine bisschen“ meist zu einem ordentlichen Sümmchen anhäuft. Weil wir eben den Vertreter seit einer halben Ewigkeit kennen und man doch nicht so sein kann, wo doch das Los der Vertreter so unglaublich hart ist. Wir erklären gerade unserem Au-Pair, dass diese Vertreterbesuche bei uns einer der wenigen Streitpunkte unserer Ehe seien – was das Au-Pair mit einem mir vollkommen unverständlichen Grinsen auf den Stockzähnen quittiert – als der Zoowärter trocken hinter dem Trip Trap hervor bemerkt: „Ehekrise!“

Nun frage ich mich natürlich, woher um alles in der Welt der kleine, noch nicht vierjährige Zoowärter dieses unverschämte Wort kennt….

Er liebt mich, er liebt mich nicht….

„Nein, du liebst mich nicht“, sagte der Zoowärter zu mir, nachdem ich ihm zehn Minuten lang vorgeschwärmt hatte, wie begeistert ich doch von ihm sei. Er sei ein wunderbares Geschenk, sagte ich ihm. Ich sei hin und weg gewesen, als ich ihn zum ersten Mal im Arm gehalten hätte. Seine Augen seien so wunderschön. Und seine Haare. Und sein Lachen. Er könne so wunderbar singen, schwärmte ich. Unglaublich witzig sei er auch und dazu noch ein sehr sehr mutiger kleiner Römer. Das alles beeindruckte ihn nicht im Geringsten. Er blieb bei seiner Meinung: „Nein, du findest mich doof. Du liebst mich nicht.“ Also fuhr ich fort mit meinen Liebesbezeugungen. Ich umarmte ihn, nahm ihn auf den Schoss, erzählte ihm von früher, als er noch ganz winzig klein war. Aber er wollte mir noch immer nicht glauben und so fragte ich schliesslich: „Warum glaubst du denn, dass ich dich nicht liebe?“ Die Antwort kam prompt: „Weil du immer fort bist.“

Bevor nun meine Leserschaft beginnt, auf mir rumzuhacken und zu zetern, ich sei eben eine dieser überambitionierten Mütter, die ihre Kinder vernachlässigt, muss ich betonen, dass ich zwar tatsächlich hin und wieder einen Termin ausser Hause wahrnehmen muss, dass diese Termine aber meist auf die Zeiten gelegt werden, wenn der Zoowärter ohnehin in der Spielgruppe ist, oder wenn er schon längst schläft oder wenn er gerade mit Papa unterwegs ist. Den grössten Teil meiner Zeit verbringe ich nach wie vor zu Hause bei meiner Familie.

Wäre ich keine Mama, ich hätte diese Fakten ins Feld geführt, um des Zoowärters Angriff auf mein mütterliches Zentrum für Schuldgefühle sogleich abzuschmettern. Aber ich bin eine Mama und deshalb genügen diese fünf Worte, um mich in die Knie zu zwingen. Sofort ging ich in mich, um herauszufinden, ob er vielleicht Recht hat, mein kleiner Sohn. Nach eingehender Gewissensprüfung hätte ich eigentlich zum Schluss kommen müssen, dass des Zoowärters Vorwurf jeglicher Berechtigung entbehrt. Klar, ich arbeite viel. Klar, ich bin oft in Gedanken irgendwo, nur nicht am Herd. Klar muss ich immer mal wieder sagen, ich hätte jetzt keine Zeit, mit ihm zu spielen, weil ich gerade Mittagessen kochen müsse. Aber es gibt keinen Tag, an dem ich nicht am Morgen für die Kinder da bin, kein Tag, an dem ich nicht mit ihnen zusammen esse und meist auch mit ihnen zusammen koche, kein Tag ohne Liedersingen, Sorgen anhören, Trösten, Streit schlichten und Geschichten erzählen. All das sagte ich zu mir selber, was aber natürlich nicht dazu führte, dass die Gewissensbisse aufhörten. Im Gegenteil: Sie wurden noch schlimmer, weil ich mir sogleich einredete, ich müsste eben mehr Lieder singen, mehr Geschichten erzählen, mehr Sorgen anhören….

Als pflichtbewusste Mama beschloss ich, ab sofort mehr Zeit mit meinem Zweitjüngsten zu verbringen. „Wollen wir Lieder singen?“, fragte ich ihn. Er wollte, ich sang. Genau zwei Lieder, dann fand er, er möchte jetzt eigentlich, dass ich in die Küche gehe, weil ich ihn mit meinen Liedern beim Asterix-Studium störe. Etwas später, als er in der Küche auftauchte, um sich eine Stärkung zu holen, drückte ich den Zoowärter an mich, kitzelte ihn und wollte ihm einen Kuss auf die Stirn drücken. Was mir aber tüchtig misslang. „Hör auf, Mama. Das mag ich nicht.“ So ging es den ganzen Tag weiter. Ich suchte nach Wegen, dem Zoowärter meine Liebe zu zeigen, er suchte nach Wegen, meinen Liebesbezeugungen zu entrinnen.

Und jetzt frage ich mich natürlich, ob mein kleiner Junge mich überhaupt liebt….

Nachlese

– Zwei sehr grosse, sehr schwere und sehr stinkige Abfallsäcke die Treppe herunter geschleppt
– Ein sehr schmutziges und sehr trauriges Prinzchen getröstet, weil es nicht mitkommen durfte, um einen sehr sauberen und sehr fröhlichen Zoowärter in der Spielgruppe abzuliefern
– Gejubelt, weil der Ständerat die Einsicht hatte, dass Kinderkrippen auch in den kommenden Jahren vom Staat unterstützt werden sollen. Pläne geschmiedet, wie wir so rasch als möglich das Gesuch stellen können, damit unser Familienzentrum auch davon profitiert
– Dem Au-Pair einen Crash-Kurs im Risottokochen erteilt, obschon sie dies wahrscheinlich auch ohne Crash-Kurs geschafft hätte
– Ein sehr schmutziges und sehr trauriges Prinzchen getröstet, weil es nicht mitkommen durfte, um einen nicht mehr ganz so sauberen und sehr müden Zoowärter von der Spielgruppe abzuholen
– Den Auftrag erteilt, dass wir nächste Woche eine neue Heizung bekommen weil uns ja so langweilig ist und wir ganz dringend mal wieder ein wenig Action im Haus haben müssen
– Zur Kenntnis genommen, dass sowohl Karlsson als auch Luise der Meinung sind, dass das Menü bei Nachbars heute ansprechender ist als zu Hause, weshalb sie nicht mit uns essen werden
– Ein Mittagessen lang den FeuerwehrRitterRömerPiraten und den Zoowärter davon abgehalten, einander die Köpfe einzuschlagen, weil sie einfach nicht damit klar kamen, dass wir ausnahmsweise nur zu viert am Tisch waren und deswegen die Auswahl an Streitpartnern arg eingeschränkt war
– 53 Viertklässler mit einem Vortrag zum Thema „Wie entsteht ein Buch?“und einem kurzen Werbespot für „Leone & Belladonna“ beglückt  und darüber gestaunt, wie wissbegierig diese Kinder doch sind
– Nach zwei sehr spannenden, erfrischenden Schulstunden  ein weiteres Mal gestaunt, weil man danach so ausgelaugt ist, als hätte man den Frühlings- und den Herbstputz an einem Stück erledigt
– Mich seeeeehr tief vor „Meinem“ verneigt, weil er es nicht nur schafft, seit zwölf Jahren ein engagierter Lehrer zu sein, sondern danach auch noch fast immer die Nerven hat, sich auf seine eigenen fünf Kinder einzulassen
– Vor einem riesigen Berg unerledigter Arbeit kapituliert, weil an einem unterbrochenen Bürotag einfach nichts mehr zu schaffen ist und weil das Telefon ohnehin alle drei Minuten klingelte
– Ausmalbilder ausgedruckt, weil Computer & Drucker sonst beleidigt gewesen wären, dass man sie an einem Bürotag einfach so links liegen lässt. Und natürlich auch, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat schon so lange darauf gewartet hat
– Mich auf dem Weg zu Luises Ballettstunde im Dorf, in dem ich seit elf Jahren lebe, so heillos verfahren, dass Luise beinahe zu spät gekommen wäre. Und das alles nur, weil ich so sehr in Gedanken vertieft war, dass ich die falsche Abzweigung erwischt habe
– Auf dem Heimweg von der Ballettstunde noch schnell mit Luise Käse in einer runden Schachtel gekauft, weil sie die Schachtel für den Werkunterricht braucht. Den Laden mit drei Käseschachteln verlassen, weil Luise nicht mehr wusste, wie gross sie sein muss. Wer den Münsterkäse essen wird, weiss ich nicht. Aber wir mussten ihn nehmen, weil Luise darauf bestand, dass seine Schachtel die perfekte Grösse hat.
– Den Monsterwocheneinkauf vom Lieferanten in Empfang genommen und mir angehört, wie erschöpft der Chauffeur nach einem langen Arbeitstag ist
– Auf der Treppe beinahe hingefallen, weil „Meiner“ mir mit einem Bier in der Hand entgegengerannt kam, als ich Taschen hochschleppen wollte.  Das Bier war übrigens für den übermüdeten Lieferanten, nicht für mich. Ich trinke kein Bier
– Dem Zoowärter „Is Muerters Stübeli“ gesungen
– Karlsson dazu bewegt, sich wieder einzukriegen, nachdem „Meiner“ so unverschämt gewesen war, ihn darum zu bitten, die Farbstifte im Garten zu holen
– Mich nach den Abendessen noch einmal aufgerafft, um zur Kleinguppe zu fahren
– In der Kleingruppe intensiv über meinen grossen frommen Schaden geredet und danach noch intensiver über unser aller grosse Frustration mit der Volksschule geklönt
– „Meinem“ eine gute Nacht gewünscht
– Eine Nachlese des Tages geschrieben und dabei gedacht „Wen interessiert das denn schon?“
– Den Post aus lauter Gewohnheit dennoch veröffentlicht

Tischgespräche

Wer mein gestriges Gejammer über Spielverderber-Kinder gelesen hat, könnte nur allzu leicht glauben, ich würde mit der Autorin einig gehen, die heute im Mamablog die Meinung äussert, der Familientisch sei eine ganz und gar überbewertete Sache. Sie beschreibt das mir nur zu gut bekannte Familienchaos, das jeweils herrscht, wenn sich alle zur gemeinsamen Mahlzeit hinsetzen. Sie berichtet von aussichtslosen Bemühungen, den Kindern gesundes Essen schmackhaft zu machen, von verschmierten Babys und  von Tischgesprächen, die nicht in Gang kommen wollen und kommt am Ende zum Schluss, das Konfliktpotenzial des Familientisches sei bedeutend grösser als das Harmoniepotenzial. Als entspannende Alternative empfiehlt sie ein TV-Dinner.

Nun, was soll ich dazu bloss sagen? Klar bin ich auch der Meinung, dass viele der  in den Erziehungsratgebern beschriebenen Alltagssituationen auf dem Papier deutlich harmonischer aussehen, als sie sich in der Realität dann abspielen. Klar haue auch ich immer wieder mit der Faust auf den Tisch, weil es mir einfach zu laut, zu chaotisch, zu ungemütlich wird. Klar kämpfen auch wir immer wieder dagegen an, dass die ungesunden Würstchen zwar gegessen, die nahrhafte Suppe aber links liegen gelassen wird.

Dennoch kann ich nach bald zehn Jahren Familienleben nicht ohne Genugtuung verkünden, dass sich der alltägliche Kampf um einigermassen gesittete Mahlzeiten auch gelohnt hat. Zum Beispiel, wenn Karlsson bei jedem zweiten Essen laut schmatzend verkündet, dieses Essen komme auch auf seine Liste der Lieblingsessen und Luise ihm strahlend beipflichtet. Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat plötzlich einen ganzen Teller Randensalat hinunterschlingt, weil er bei seinem obligatorischen Bissen, den er jeweils probieren muss, gemerkt hat, dass das tiefrote Gemüse nicht nur schön aussieht, sondern auch wunderbar schmeckt. Wenn der Zoowärter noch einen Nachschlag Krautsiele verlangt, obschon er schon fast die ganze Schüssel alleine leer gegessen hat. Wenn der Bruder von Karlssons bestem Freund plötzlich auch bei uns zu Mittag essen will.

Nein, so wie im Erziehungsratgeber laufen auch bei uns die Mahlzeiten nicht ab. Wie könnten sie denn, wo bei uns nicht höchstens vier sondern mindestens sieben Personen am Tisch sitzen? Ausserdem streiten wir uns viel zu oft. Hin und wieder muss auch einer auf sein Zimmer gehen, weil er sich so saumässig aufgeführt hat. Und zuweilen kommt es gar vor, dass „Meiner“ und ich erst dann essen, wenn die alltägliche Schlacht geschlagen ist und wir endlich in Ruhe eine Mahlzeit geniessen können. Dennoch liebe ich unsere gemeinsamen Mahlzeiten als die Zeiten am Tag, wo wir wirklich alle an einem Haufen zusammen sitzen und uns selber sein dürfen. Dass dazu nicht nur Genuss und Harmonie, sondern auch die nicht immer tadellosen Tischmanieren, die kleinen Sticheleien und das Gemotze gehören, damit habe ich mich inzwischen abgefunden.

Schlaf, Philipp, schlaf!

„Filit au flaffe?“, will das Prinzchen seit einigen Tagen wissen, wenn ich ihn ins Bett lege. Egal, ob Vormittag, Nachmittag, Abend oder späte Nacht, stets muss sich das Prinzchen vergewissern, dass Philipp auch tief und fest schläft, sonst legt er sich nicht hin. Warum ausgerechnet Philipp? Keine Ahnung. Er hat wohl gerade an einen der vielen Philipps aus unserem Bekanntenkreis gedacht, als ich ihm sagte, dass jetzt alle schlafen würden und deshalb ist es ihm nun ein grosses Anliegen, nur dann zu schlafen, wenn auch Philipp schläft.

Nun kann ich natürlich unmöglich jedes Mal, wenn das Prinzchen müde ist, nachfragen, ob Philipp  jetzt auch schläft. Zumal ich gar nicht weiss, welchen Philipp das Prinzchen meint. Wir kennen nämlich ziemlich viele davon. Aber meinem Kind einen Bären aufbinden möchte ich auch nicht. Sein „Bä!“ ist schon riesig genug. Also bitte ich eben sämtliche Philipps, mit denen das Prinzchen je in seinem Leben zu tun hatte und haben wird, sie möchten etwas häufiger schlafen. Vorzugsweise abends von sieben bis morgens um sieben, von elf bis halb eins und hin und wieder vielleicht auch kurz von drei bis vier Uhr nachmittags. Es würde mein Gewissen sehr entlasten, wenn ich mein Prinzchen nicht so oft anlügen müsste.

Eigentlich schade, dass ich nicht Philipp heisse. Ein bisschen mehr Schlaf könnte nicht schaden.

Mustermütter

„Als meine Kinder kleiner waren, da lief das bei uns immer so: Ich spielte den ganzen Tag mit den Kindern, verbrachte Stunden draussen in der freien Natur, ganz egal, ob es regnete, schneite oder hagelte, dann gingen wir nach Hause, kuschelten auf dem Sofa, erzählten Geschichten und dann, pünktlich um acht war Feierabend. Und mit Feierabend meine ich wirklich Feierabend. Da kam keiner aus dem Bett geschlichen, um noch etwas zu trinken oder um zu sagen, er hätte Angst, oder um nochmals schnell aufs WC zu gehen. Nein, dann herrschte absolute Ruhe bis morgens um acht.“

„Genau so läuft das bei uns auch“, pflichtet eine jüngere Mutter bei. „Meine Kinder sind zwar noch sehr klein, aber wir machen das alles genau so. So viel wie möglich draussen sein, eine vollwertige Zwischenmahlzeit, dann Geschichten erzählen, vielleicht noch ein wenig basteln, Abendessen, kuscheln und ab ins Bett. Und dann absolute Ruhe. Weil meine Kinder ganz genau wissen, dass ich absolut konsequent bin und sie nach acht nichts mehr von mir bekommen.“

Nebendran steht noch eine junge Mutter, die zwar nichts sagt, die aber immer wieder zustimmend nickt, weil sie all das, was gesagt wird, voll und ganz unterschreiben kann. Denn auch bei ihr läuft immer alles wie im Erziehungsratgeber, ja, vielleicht sogar noch besser.

Und dann bin da ich und höre zu. Aufs Mitreden verzichte ich lieber, seit Jahren schon. Zuerst, weil ich mich schämte, denn bei mir lief es nie wie im Erziehungsratgeber. Waldspaziergänge endeten meistens in einer kleineren Katastrophe, weil einer sich das Knie aufschlug, der andere nicht mehr laufen mochte. Geschichten erzählten wir zwar stundenlang, aber immer erst dann, wenn auch Papa zu Hause war, der verhindern konnte, dass die Kleinsten das Buch zerfetzten. Wenn nach Feierabend sogleich Ruhe herrschte, dann wussten wir, dass etwas nicht stimmte, denn dann waren die Kinder wohl wieder dabei, das Bett heimlich, still und leise zu demolieren (ist tatsächlich einmal vorgekommen, ich schwör’s) oder sonst irgend eine Untat auszuhecken. Weil ich damals, als ich noch jung und naiv war, glaubte, dass wir tatsächlich die einzige Familie seien, in der die Dinge hin und wieder nicht wie im Erziehungsratgeber liefen, schwieg ich lieber, als mich als inkompetente Mutter zu outen.

Dann kam eine Phase, in der ich versuchte, auf die weniger friedlichen Seiten des Familienlebens hinzuweisen, was aber bei den Mustermüttern schlecht ankam, worauf ich bald wieder schwieg. Mit Mustermüttern legt man sich besser nicht an, die können nämlich ziemlich bösartig werden, wenn man ihre heile Welt in Frage stellt.

Auch heute schwieg ich wieder einmal, als die Mustermütter von ihrem konfliktlosen, perfekten Familienleben schwärmten. Nicht aus Scham, nicht aus Angst, nicht aus Gleichgültigkeit. Sondern weil ich, hätte ich den Mund geöffnet, nur einen einzigen Satz hätte sagen können: „Und jetzt noch die ungeschminkte Version, bittschön.“

So läuft das von nun an

Nach meinem Gejammer von letzter Woche, es sei bei uns arbeitstechnisch alles aus dem Lot geraten, habe ich die Konsequenzen gezogen und erkläre hiermit den Dienstagmorgen zwischen 9:15 und 10:30 zu meiner Freizeit. Denn ich bin in genau die Falle getappt, in die sie fast alle tappen, die Mütter, die nach Jahren der Aufopferung endlich mal wieder ein klein wenig Freizeit haben könnten, sie aber nicht haben, weil sie jede freie Sekunde sofort mit Arbeit füllen. Damit ist ab heute Schluss bei mir: Ab sofort, wenn nichts Wichtigeres dazwischenkommt, werde ich am Dienstagmorgen nur noch tun, was ich will. Ich werde Schwarztee trinken anstelle von diesem unglaublich langweiligen Kaffee, auch wenn mich das Zeug furchtbar nervös macht. Ich werde Zeitung lesen, vielleicht gar ein Buch, falls ich Lust habe, werde ich bloggen, falls nicht, verschiebe ich es eben auf später, sollte die Sehnsucht nach Arbeit übermächtig werden, werde ich arbeiten, ich werde mich mit Freundinnen verabreden und vielleicht, so Prinzchen will, werde ich mich hin und wieder für ein paar Momente hinlegen und den Dienstag geniessen. Also natürlich keine Sekunde länger als von 9:15  bis 10:30 Uhr.

Das alles werde ich tun, sobald ich die Druckerpatrone ausgewechselt, die Dokumente ausgedruckt, die paar Briefe zum Versand bereit gemacht, das Papier gebündelt und an die Strasse gestellt, die Küche aufgeräumt und das Prinzchen gewickelt habe. Bin ich nicht ein unglaublich mutiger Mensch, der auch vor grossen Veränderungen nicht zurückschreckt?

P.S. Eigentlich sollten hier in diesem Text ein paar Passagen durchgestrichen sein, aber Word Press scheint nicht damit einverstanden zu sein. Weil ich nach zehn Versuchen jetzt aber keine Lust mehr habe, mich mit Word Press herumzuplagen, müsst ihr euch eben selber denken, was hier durchgestrichen sein könnte und was nicht. Immerhin ist Dienstagmorgen und ich habe Wichtigeres zu tun…

Nichts anzuziehen

Es hat lange gedauert, aber jetzt endlich habe ich eine Ähnlichkeit zwischen dem Zoowärter und mir entdeckt. Der Junge ist nämlich seinem Papa wie aus dem Gesicht geschnitten und auch in seiner Art scheint er wenig von mir mitbekommen zu haben. Hin und wieder habe ich mir schon Sorgen gemacht, ob ich meinem Zweitjüngsten je etwas werde abschlagen können, wenn er erst mal gross ist. Wo ich doch schon dem Charme seines Vaters nicht habe widerstehen können. Ich habe mich auch schon gefragt, ob es eine Art Mutterschaftstest gibt, damit ich mir auch ganz sicher sein kann, dass er von mir ist. Seit diesem Sommer aber gibt es gar keinen Zweifel mehr: Ich bin des Zoowärters Mutter, genauso sicher wie „Meiner“ des Zoowärters Vater ist.

Der Beweis meiner Mutterschaft liegt im Kleiderschrank. Genauer gesagt würde er im Kleiderschrank liegen, wenn denn nicht der Zoowärter meine blöde Angewohnheit geerbt hätte, stets in den gleichen Klamotten rumzulaufen. Kaum ist das Zeug trocken, hat er sie schon wieder am Leib. Wenn er denn überhaupt warten mag, bis die Dinger trocken sind. Zuweilen zieht er sie auch nass an, Hauptsache, er kann seine Lieblingskleider tragen. Genau wie ich also. Einzig im Stil unterscheiden wir uns geringfügig. Während ich abwechsle zwischen bodenlangem Hippie-Rock, Schlabberjeans mit geblümter Bluse, wild gemustertem Sommerkleid und pinkfarbener Hose, die schon bessere Tage gesehen hat, sind es beim Zoowärter die Fussballtrikots, die er seit der Fussball-WM abwechselnd trägt. Heute Italien, morgen Schweiz, übermorgen Brasilien, dann wieder zwei Tage Italien, Schweiz, etc. Meist begrüsst er mich morgens noch bevor er richtig wach ist mit der Frage „Ist mein Italien T-Shirt schon trocken?“ Ich glaube, ich habe ihn seit drei Monaten nie mehr ohne Fussball-Shirt gesehen. Und ich glaube, mich hat man seit ebenfalls drei Monaten nie mehr ohne eine der oben genannten Kombinationen gesehen.

Zwei Unterschiede gibt es allerdings auch in Sachen Kleidung. Während es wohl kaum ein stilloseres Kleidungsstück gibt als ein Fussball-Trikot, lege ich viel Wert auf Stil. Gut, „Meiner“ findet dennoch, er könne das Zeug langsam nicht mehr sehen, wann ich mir denn endlich neue Kleider zulegen würde. Aber trotzdem: Rosa geblümt ist doch eindeutig schöner als rot mit Schweizerkreuz, nicht wahr? Der andere Unterschied liegt in der Auswahl. Während nämlich der Zoowärter auf eine Unmenge wunderschöner T-Shirts zurückgreifen könnte – mit Walen, mit Tigern, mit bunten Streifen, mit Giraffen und sogar eins oder zwei mit Bob the Builder – trage ich stets die gleichen Fetzen, weil ich eben nicht anderes habe. Denn trotz aller Ähnlichkeit in Sachen Kleidern, in den Chromosomen unterscheiden wir uns eben ganz grundlegend, der Zoowärter und ich. Und da bin ich als Frau nun mal dazu verdammt, nichts zum Anziehen zu haben. Während der Zoowärter eigentlich anders könnte, wenn er denn wollte