Ab in den Tischlerschuppen!

Als Kind konnte ich nie so recht begreifen, was meine Mutter gegen Michel aus Lönneberga hatte. Und gegen Pipi Langstrumpf. Und gegen Karlsson vom Dach. Sind doch wunderbare Geschichten, sagte ich mir, lachte mich bei der Lektüre fast krank und stopfte jedesmal, wenn die Kinder im Buch etwas assen, ein Butterbrot in mich hinein. Was man mir natürlich schon bald einmal ansehen konnte. Denn im Gegensatz zu den Kindern im Buch rannte ich ja zwischen den Mahlzeiten nicht über Wiesen, kletterte nicht auf Bäume und ging schon gar nicht zum See um Krebse zu fangen. Und natürlich wäre es mir nicht im Traum eingefallen, die Kinder nachzuahmen. Dazu war ich viel zu brav. Und viel zu faul.

Noch heute kann ich nicht begreifen, was man gegen Michel, Pipi & Co. haben könnte, doch zuweilen beschleichen mich Zweifel, ob es denn wirklich klug sei, den Kindern täglich mindestens einen von Michels Streichen in voller Länge zu erzählen. Und mit den Kindern mitzulachen. Heute Morgen zum Beispiel waren meine Zweifel mal wieder sehr gross, als der FeuerwehrRitterRömerPirat, kaum war das Treppenhaus fertig geputzt, einen Kessel voller Wasser über das Treppengeländer kippte und zwar mit voller Absicht und breitem Grinsen im Gesicht. Es dauerte nicht lange, bis ich herausbekam, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat zwar der Haupttäter, nicht aber der Alleinschuldige war. Karlsson und Luise hatten ihn bei der Planung tatkräftig unterstützt und nach weiterem Bohren beichteten sie mir, dass sie eigentlich etwas „viel Lustigeres“ im Schilde geführt hatten und dass der FeuerwehrRitterRömerPirat „den ganzen Spass vermasselt“ habe. Der „viel lustigere Streich“ wäre gewesen, dass die drei das Wasser über meinem Kopf ausschütten würden und dann vermutlich voller Genuss auf das berühmte „Blupp“ gewartet hätten. Ob das Wasser im Kessel warm oder kalt war, habe ich gar nicht erst gefragt.

Eigentlich ist es ja nicht verwunderlich, dass die drei auf solche Ideen kommen. Wissen sie doch ganz genau, dass wir keinen Tischlerschuppen haben, in den ich sie sperren könnte, damit sie über ihren Unfug nachdenken und Holzmännchen schnitzen könnten. Auf welche Ideen sie erst kommen würden, wenn sie zu dritt im Tischlerschuppen wären, male ich mir lieber gar nicht erst aus…

Und falls ihr wissen möchtet, wie die „(B)engel zurzeit aussehen, könnt ihr hier meine aktualisierte Bildergalerie anschauen.

Wieder mal die Hausarbeit

Ob ich die Situation nicht jeweils ein wenig überzeichnen würde, wenn ich über meinen Hausfrauenfrust berichte, wurde ich heute gefragt. Die Fragende meinte das nicht etwa kritisierend oder anklagend, es nahm sie einfach wunder, ob ich tatsächlich so empfinde, wie ich schreibe. Ich nehme ihr also die Frage nicht im Geringsten übel. Und darum hat mich das Thema wohl auch den ganzen Tag beschäftigt, schlich sich immer wieder in meine Gedanken ein. Zwischen „Tiernamen auf meiner Stirn erraten“ (ich war abwechslungsweise eine Schleiereule, ein Wanderfalke, ein Baumfalke und eine Legehenne), Fondue-Resten aufwärmen, der NZZ-Lektüre über die Wander-Ehen der Mosuo-Frauen und dem Wäschesortieren, immer wieder tauchte die Frage auf: Übertreibe ich, wenn ich darüber schreibe, wie sehr mir die Hausarbeit an die Nieren geht? Ist es wirklich so schlimm, oder bilde ich mir meine Abscheu bloss ein? Eigentlich gibt es keinen besseren Tag als heute, um über diese Fragen nachzusinnen. Denn morgen sind die Winterferien von „Meinem“ Geschichte und dann geht’s wieder zurück an den Herd. Vollzeit. Da muss ich mir nur die Gefühle genauer anschauen, die mich beim Gedanken an morgen beschleichen und ich weiss die Antwort: Ich übertreibe nicht, ich untertreibe.

Denke ich an morgen, dann fühle ich mich ähnlich wie früher, wenn mir eine Mathematikprüfung bevorstand. Ich weiss, dass ich die Sache irgendwie hinter mich bringen muss, ich weiss, dass ich mein Bestes geben werde, dass aber am Ende wieder nicht mehr dabei herausschauen wird als eine ungenügende Leistung. Nun kann man natürlich die Messlatte für genügende Leistungen im Haushalt unterschiedlich anlegen und deswegen wurde ich heute auch gefragt, ob ich denn zu hohe Erwartungen hätte an mich selber. Aber genauso, wie ich von mir in der Mathematik keine Bestnote erwartete, sondern einfach hoffte, dass ich mal ein „Genügend“ erreiche, so versuche ich im Haushalt lediglich das Ganze einigermassen ordentlich und sauber zu halten und dafür zu sorgen, dass wir uns ausgewogen ernähren. Mehr will ich nicht. Höchstleistungen erwarte ich von mir in anderen Bereichen, zum Beispiel in der Kindererziehung oder beim Schreiben einer Kolumne.

Doch während es für mich keine Kunst ist, unseren vier grösseren Kindern eine geschlagene Stunde lang „Immer dieser Michel“ zu erzählen, ohne dass sich auch nur einer von ihnen zu langweilen beginnt, packt mich das nackte Grauen schon beim Gedanken daran, dass der Küchenboden klebrig ist und noch heute geputzt werden muss. Das Ganze wird vielleicht fünf Minuten meiner kostbaren Zeit in Anspruch nehmen und doch lähmt mich der Gedanke daran. Während ich bis tief in die Nacht an einem Text feilen kann, bis ich endlich zufrieden bin mit jedem Wort, kostet es mich unglaublich viel Überwindung, die Vorratskammer aufzuräumen. Es ist nicht etwa so, dass ich einfach nur tun will, was mir Spass macht. Ich mache mich auch ohne mit der Wimper zu zucken daran, schnell mal nebenbei die Steuererklärung auszufüllen, Rechnungen zu bezahlen, Ikea-Möbel zusammenzubauen oder Sitzungsprotokolle zu schreiben. Aber wenn es darum geht, die Wäsche im Schrank zu verstauen, dann schiebe ich die Sache so lange vor mir her wie andere den Besuch beim Zahnarzt. So lange, bis „Meiner“ sich der armen Wäsche annimmt.

Wenn ich ehrlich bin, dann muss ich gestehen, dass ich Hausarbeit noch schlimmer finde als Mathematik. Bei der Mathematik ahne ich zumindest, dass sie im Grunde eine wunderbare Sache ist, die sich mir  leider trotz all meiner Bemühungen nicht erschliessen wollte. Bei der Hausarbeit aber weiss ich inzwischen, dass sie zu den Dingen in meinem Leben gehört, auf die ich voll und ganz verzichten könnte und zwar ohne, dass ich dabei das Gefühl hätte, etwas, was im Grunde schön sein könnte, zu verpassen.

In den See, mit einem Gewicht an den Füssen

„Machen wir uns doch wieder mal einen gemütlichen Fondue-Abend“, sagte ich heute zu meiner Familie. Man weiss ja nie, wie lange der Winter noch dauert und plötzlich ist es zu warm für geschmolzenen Käse. Ausserdem hatte ich heute keine Lust auf eine komplizierte Kocherei. Also schnell Schwarztee gekocht, „Meinen“ zum Brotschneiden abkommandiert, den Käse bereitgestellt – und festgestellt, dass sowohl der Weisswein als auch die Maisstärke fast leer waren. Macht ja nichts, dachte ich mir und machte mich ans Käseschmelzen. Man kann ja so ein Fondue auch mit Apfelsaft zubereiten. Habe ich als Kind beim „Blauen Kreuz“ gelernt.

Bald schon sass die hungrige Horde am Tisch, doch das Fondue wollte nicht binden. Also schnell Karlsson nach unten zur Grossmama geschickt, um Maisstärke-Nachschub zu holen. Der perfekte Moment für den Zoowärter, um seinen Schwarztee über den ganzen Tisch zu giessen. Zugleich auch der perfekte Moment für das Prinzchen, um aus dem Trip Trap zu stürzen. Und natürlich auch der perfekte Moment für Karlsson, um den Maisstärke-Nachschub auf dem Fussboden zu verschütten. Schon mal Maisstärke aufgeputzt? Ist ein wahres Erlebnis. Muss man unbedingt mal ausprobiert haben. Besonders dann, wenn zwei Elternteile verzweifelt versuchen, ein Prinzchen zu trösten, Schwarztee aufzuwischen, eine heulende Luise, einen heulenden FeuerwehrRitterRömerPiraten und einen heulenden Karlsson zu beruhigen und dazu noch zu verhindern, dass das Fondue anbrennt. Wahrlich gemütlich, dieser Fondue-Abend! So gemütlich, dass mir eine ganz böse Beleidigung über die Lippen rutschte, für die ich mich danach etwa zehnmal entschuldigte. Bis Karlsson mich fragte: „Mama, findest du es schlimm, wenn ich dir sage, dass es gar nicht so schlimm war, was du gesagt hast?“ Hä?

Nun, irgendwie schaffte ich es in all dem Chaos das Fondue mit dem Rest Maisstärke zu binden. Und zwar so sehr, dass es bei uns am Tisch schon bald aussah wie bei „Asterix bei den Schweizern“. Endlose Käsefäden überall. Und natürlich verlangte Luise alsbald nach Stockhieben, weil sie ihr Brot in der zähen Käsesuppe steckengeblieben war. Und bald schon wollte sie die Peitsche. Und dann in den See, mit einem Gewicht an den Füssen. Was wir ihr natürlich alles verweigerten. Wir sind doch keine Barbaren, … ähm, pardon, wollte sagen: Wir sind doch keine Römer. Auch wenn man es zuweilen meinen könnte.

Schlechte Aussichten

Wer glaubt, seine Ehe habe gute Aussichten, nicht vor dem Scheidungsrichter zu enden, hängt einem Wunschdenken nach. Diesen Eindruck bekommt man zumindest, wenn man die Schlussfolgerungen einer Studie der Genfer Fachhochschule für Wirtschaft betrachtet. Wenn ich die Ehe von „Meinem“ und mir im Lichte dieser Studie, oder zumindest im Lichte dessen, was die Zeitung über diese Studie geschrieben hat, anschaue, so sieht es ziemlich düster aus für uns.

Nehmen wir nur schon mal das erste Kriterium: „Beide sind Schweizer“. Da kann schon mal der grösste Teil der Weltbevölkerung den Scheidungsantrag ausfüllen. Und auch ein nicht unerheblicher Anteil der in der Schweiz wohnhaften Personen, zumindest, wenn man den Begriff „Schweizer“ so eng definiert wie dies gewisse rechtsgerichtete Kreise tun. In deren Augen zum Beispiel ist und bleibt „Meiner“ ein Ausländer, auch wenn er hier geboren und aufgewachsen ist, hier das Lehrerdiplom erworben hat, hier fünf Schweizer Bürger gezeugt hat und seit ein paar Jahren den Schweizer Pass besitzt. Und deshalb weiss ich nicht, ob unsere Ehe in den Augen der  Verfasser der Studie gute oder schlechte Chancen hat. Denn ob „Meiner“ ein Schweizer ist oder nicht, liegt hierzulande im Auge des Betrachters.

Aber schauen wir uns das nächste Kriterium für eine glückliche Ehe an: Die Eheleute „haben keine früheren Scheidungen hinter sich“. Nun, zumindest hier sind wir auf der sicheren Seite, da wir noch immer in erster Ehe leben und auch weiterhin vorhaben, dies zu tun. Ob wir das jedoch schaffen werden, ist fragwürdig, da ja die Frage, ob „Meiner“ nun Schweizer ist oder nicht, nicht abschliessend geklärt werden kann. Und auch bei Punkt drei sieht es für uns nicht gerade rosig aus.

„Er ist mindestens fünf Jahre älter als sie“. Okay, ich denke mal, ich muss doch die Scheidungspapiere bestellen. Allein der Altersunterschied von „Meinem“ und mir von 36 Stunden scheint ein schlimmes Handicap zu sein. Dass aber ich diejenige mit den 36 Stunden Vorsprung bin, vergrössert das Risiko einer Scheidung bestimmt ungemein. Ich meine, man stelle sich bloss all die Spannungen vor, die „Meiner“ und ich wegen meiner viel grösseren Lebenserfahrung durchzustehen haben…

Einen kleinen Hoffnungsschimmer bietet das letzte Kriterium: „Sie ist gebildeter als er“. Ich finde zwar, „Meiner“ und ich stünden hier etwa auf gleichem Niveau, aber vielleicht hilft es ja unserer Ehe doch, dass ich die Uni von innen gesehen habe, während „Meiner“ auf den akademischen Werdegang ganz verzichtet hat.

Wie man sieht, räumt die Studie unserem Eheglück keine grossen Chancen ein. Einfach erstaunlich, dass ich in den fast zwölf Jahren, die wir nun verheiratet sind, noch nichts von all den Problemen gemerkt habe. Vielleicht ist „Meiner“ eben doch ein „richtiger“ Schweizer…

Der Prediger

Es kommt nicht so sehr darauf an, wie alt die Mädchen sind, die bei uns zu Besuch kommen. Ob sie nun sieben sind und Jungs so ziemlich das Letzte finden auf diesem Planeten, zwölf und den Kopf voller „Stars“ haben, oder siebzehn und schon drei gescheiterte „Beziehungen“ hinter sich haben, sie bekommen alle die gleiche Predigt zu hören von „Meinem“: „Heirate auf keinen Fall einen Macho. Verstanden? Keiner, der sich von dir bedienen lässt. Keiner, der dich die ganze Hausarbeit alleine machen lässt und nur vor der Glotze hockt. Du musst dir unbedingt einen guten Mann aussuchen, klar?“ Was „Meiner“ damit eigentlich sagen will: „Wenn du heiratest, achte darauf, dass du einen Mann findest wie ich einer bin.“

Ob ich dem guten Mann etwas gar zu oft sage, wie glücklich ich mich schätze, dass ich mir ausgerechnet ihn geangelt habe?

Spielplatz

Seit etwas mehr als achtzehn Jahren tummeln wir uns jetzt auf diesem Spielplatz, „Meiner“ und ich. Eine traumhafte Anlage, schön gelegen, mit unzähligen Spielmöglichkeiten, gemütlichen Sitzbänken und Picknick-Gelegenheiten, lauschigen Plätzen. Einfach alles, was das Herz begehren könnte. Anfangs konnten wir nicht genug davon bekommen, all die verschiedenen Spielgeräte zu erkunden: Wir kletterten wagemutig auf dem Kletterturm, drehten auf dem Karussell bis uns schwindlig war, wühlten uns genüsslich durch den Sandkasten und schauten, wer die schönere Sandburg bauen kann. Nach einer Weile hatten wir genug gespielt und wir genossen das süsse Nichtstun. Wo ist es gemütlicher? Im Weidenhaus oder beim Fussbad im klaren Bach? Wo lässt es sich besser quatschen? Auf der Parkbank oder am Picknicktisch mit einem randvoll mit Leckerbissen gefüllten Korb? Die Möglichkeiten waren grenzenlos. Wir liebten diesen Spielplatz.

Wir lieben ihn noch immer. Aber der Spielplatz gehört nicht mehr uns alleine. Das Karussell wird von anderen in Beschlag genommen, der Kletterturm auch. Und „Meiner“ und ich haben immer mehr die Aufgabe übernommen, dafür zu sorgen, dass die anderen glücklich sind auf unserem Spielplatz. Wir passen auf, dass sich niemand weh tut, wir sorgen dafür, dass der Picknickkorb nie leer wird, wir stehen am unteren Ende der Rutschbahn und fangen die Rutschenden auf, wenn sie zu schnell unterwegs sind. Wir achten darauf, dass der Spielplatz sauber bleibt, dass er so einladend ist, wie wir ihn angetroffen haben. Wir sind fast rund um die Uhr damit beschäftigt, dafür zu sorgen, dass dieser Spielplatz ein Ort bleibt, an dem man sich gerne aufhält, dass er ein Ort bleibt, an dem Viele glücklich sein können und nicht bloss wir zwei. Wir lieben diese Aufgabe.

Doch manchmal möchten wir auch ein wenig spielen. Aber das einzige Spielgerät, dass uns bleibt, ist die „Gigampfi“, in Deutschland besser bekannt unter dem Namen Wippe. Fast täglich stehlen wir uns mal kurz zwischendurch für ein paar Minuten weg, um zu wippen und das seit Jahren schon. Am Anfang machte das durchaus Spass: Auf und ab, auf und ab, auf und ab. Irgendwann aber wurde es schwierig. Ich blieb unten, „Meiner“ versuchte mit aller Kraft, mich nach oben zu bringen und schaffte es nicht mehr. Zumindest nicht mehr alleine. Die Leute eilten ihm zu Hilfe, damit ich wieder hochkommen konnte. Und es gelang, es geht wieder weiter wie zuvor: Auf und ab, auf und ab, auf und ab.

So langsam aber haben „Meiner“ und ich genug gewippt. Wir möchten ganz gern mal wieder rutschen, oder klettern, oder am allerliebsten schaukeln. So richtig hoch hinaus, mit viel Schwung und diesem unglaublichen Gefühl im Bauch, dass es keine Grenzen gibt. Mal schauen, ob bald mal eine Schaukel für uns zwei frei wird…

Heute nichts Neues

Und zwar nicht, weil ich einen langweiligen Tag erlebt hätte. Auch nicht, weil es nicht unzählige schöne Momente gegeben hätte. Und erst recht nicht, weil mir ausnahmsweise nicht zig Ideen und Sätze durch den Kopf schwirren würden. Sondern einfach, weil ich viel zu müde bin. Weshalb ich zu müde bin? Da fragt ihr am besten das Prinzchen…

Rosarote Brille

Nun also zu den neugeborenen Müttern. Darüber wollte ich ja schreiben, bevor unser Internetverbindung sich gestern ganz eigenmächtig eine Pause verordnet hatte. Diese Internetverbindungen glauben, sich alles erlauben zu können, aber das ist ein anderes Thema.

Also, diese neugeborenen Mütter erkenne ich auf den ersten Blick und das ohne, dass ich das Baby an ihrer Seite gesehen haben muss. Ich meine die Mamas, die erst ein paar Tage alt sind. Die mit den viel zu grossen, in der Bauchregion ausgebeulten Kleidern. Die mit dieser unglaublich blassen, fast durchscheinenden Haut, mit diesem leicht schwankenden Gang, mit diesem weggetretenen Blick, der sagt: „Eigentlich sollte ich glücklich sein und ich bin es wohl auch, aber ich habe eben erst vor ein paar Tagen das unglaublichste Erlebnis meines Lebens hinter mich gebracht und ich weiss noch nicht, was auf mich zukommt und überhaupt bin ich erst vor ein paar Stunden aus dem Spital entlassen worden und das alles überfordert mich unglaublich.“ Meistens sehe ich diese neugeborenen Mütter im Einkaufszentrum, an ihrer Seite ein neugeborener Vater, den ich daran erkenne, dass er ganze Zehn Minuten darauf verwendet, sich dafür zu entscheiden, ob die blaue oder die weisse Babybadewanne besser zum Stubenwagen passt. Und daran, dass er morgens um halb elf Zeit hat, sich in der Babyabteilung über die perfekte Farbe einer Babybadewanne den Kopf zu zerbrechen.

Wenn mein Auge das alles registriert hat, dann sollte ich eigentlich schleunigst Kehrt machen, denn als Nächstes kommt das Baby in mein Blickfeld und dann ist es um mich geschehen. Dann muss ich mich mit aller Kraft zurücknehmen, um nicht einen laaaaaaangen, sehnsüchtigen Blick in den Maxi Cosi – neugeborene Eltern transportieren ihre Babys beim ersten Einkauf fast immer im Maxi Cosi – zu werfen. Und die Mama zu fragen, wie denn die Geburt verlaufen sei. Und wie schwer das Baby sei. Wie gross. Wie es heisse. Ob es mit dem Stillen gut laufe. Wo sie geboren habe. Ob sie jemanden habe, der ihr zu Hause helfe. Und dann würde ich mich vielleicht sogar dazu erdreisten, das arme Kindchen zu berühren und ich weiss ja, wie neugeborene Eltern das hassen. Und dann würde ich vielleicht mit Tränen in den Augen davon erzählen, wie wundervoll doch diese ersten Tage mit dem Baby immer gewesen seien. Bei meinen fünf Kindern, die ich übrigens alle ohne Kaiserschnitt geboren hätte, die alle immer ganz brav gewesen seien und mich nie, aber auch gar nie, ermüdet und gestresst hätten…

Und dann würde ich dastehen als die erste Mama auf diesem Planeten, die einen nahtlosen Übergang von der Mama am Rande des Nervenzusammenbruchs zur sentimentalen, besserwisserischen Oma geschafft hat. Und das, bevor sie nur annähernd alt genug ist, Oma zu werden.

Ein Klacks

Vielleicht hatte ich einfach keine Lust, einen weiteren verregneten Sonntagnachmittag mit der „NZZ am Sonntag“ auf dem Sofa zu verbringen? Vielleicht hatte ich auch das Gefühl, unsere Kinder könnten mal wieder etwas Kultur vertragen? Vielleicht war mir auch einfach langweilig? Vielleicht fand ich, „Meiner“ hätte auch ein wenig Ruhe verdient, nachdem er mich vier Tage alleine hatte ziehen lassen? Oder vielleicht wollte ich mir einfach etwas beweisen? Ich weiss nicht so recht, was es war, aber irgend etwas trieb mich dazu, heute Mittag den wahnwitzigen Entschluss zu fassen, alleine mit Karlsson, Luise, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten und dem Zoowärter nach Basel ins Puppenhausmuseum zu fahren. Mit dem Zug. Ist ja ein Klacks, mit vier Kindern alleine unterwegs zu sein, das sind ja nicht so viele, wie ich theoretisch mit mir mitschleppen könnte. „Meiner“ hat solche Ausflüge ja zig Mal unternommen, als es mir nicht gut ging. Damit die Sache nicht allzu langweilig würde, erlaubte ich jedem Kind, einem Teil seines Taschengeldes mitzunehmen, weil ich weiss, dass sie an keinem Museums-Shop vorbeikommen, ohne Geld zu verschleudern. Aber wenn sie schon Geld verschleudern wollen, dann sollen sie das mit ihrem eigenen tun. Ich verschleudere ja auch mein eigenes, oder zumindest dasjenige, das mir „Meiner“ grosszügigerweise zur Verfügung stellt.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Wir hatten Spass. Die Kinder sehr viel und ich ein bisschen. Nachdem ich auf dem Weg zum Bahnhof etwa fünfmal den Tarif durchgegeben hatte, verhielten sich die Kinder auch mustergültig: Sassen artig im Zug, stiegen brav an meiner Hand ins Tram, staunten sich im Museum fast die Augen aus dem Kopf und Luise fiel beinahe in Ohnmacht ob all der wunderschönen Puppen. Die Kinder stellten tausend Fragen, ich bemühte mich, sie alle wahrheitsgetreu und möglichst fundiert zu beantworten und wir alle zusammen freuten uns an den unzähligen Teddybären, den zierlichen Puppenmöbeln und den witzigen Sujets. Es was einfach traumhaft, genau so, wie ich mir das Muttersein einst vorgestellt hatte.

Und dann kam der Museumshop. Der FeuerwehrRitterRömerPirat und Luise erledigten ihren Einkauf in Rekordzeit, der Zoowärter am Anfang auch: Er riss kurzerhand das Preisschild von einem Plüschdelfin und damit war das gute Stück gekauft, da kennt man im Puppenhausmuseum kein Pardon. Und dann lag der Zoowärter plötzlich schreiend und mit feuerrotem Kopf auf dem Fussboden, weil er gar keinen Delfin haben wollte sondern einen Löwen. Im Puppenhausmuseum scheint man derartiges noch nie gesehen zu haben. Dies zumindest schliesse ich daraus, dass die Verkäuferinnen sich zwar angestrengt darum bemühten, sich nicht aufzuregen, es dann aber nicht lassen konnten, vor den Augen unserer anderen Kinder entnervt den Kopf zu schütteln. Während ich versuchte, den Zoowärter zu beruhigen und gleichzeitig darauf achtete, dass kein Kunde im Getümmel versehentlich auf meinen lieben kleinen Jungen trat, konnte Karlsson sich einfach nicht entscheiden, was von all den tausend Sachen er denn jetzt kaufen wollte. Irgendwann entschied er sich für eine winzige „St. Edward’s Crown“, echt vergoldet, zu einem Wucherpreis erhältlich. Das ganze Puppenhausmuseum atmete erleichtert auf, als Venditts endlich draussen waren.

Schön für die anderen. Bei mir ging der Stress erst los: Der Zoowärter brüllte weiter, ganz Basel starrte uns entsetzt an. „Das Kind hat Hunger“, schoss es mir durch den Kopf. Ich hatte die Wahl zwischen Sushi-Bar, Asiatischen Nudeln und Mc Donald’s. Ratet mal, wo wir landeten… Und nicht nur wir landeten, sondern auch der halbe Liter Cola Light, den ich mir gegönnt hatte, landete. Auf der Treppe. Aber immerhin hatte der Zoowärter sich inzwischen beruhigt. Irgendwie schaffte ich es, die Raubtiere zu füttern, mich durch die Menschenmassen zu kämpfen, ohne ein Kind zu verlieren – es war inzwischen dunkel geworden – und den Zug nach Hause zu erwischen. Wo eine Horde biertrinkender junger Erwachsener die „Familienzone“ besetzt hatten und sich darüber ärgerten, dass der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat etwas aufgedreht waren. Ich hätte sie ja darauf hinweisen können, dass sie gefälligst unsere Plätze freigeben sollten, doch nachdem ich mich bei Mc Donald’s schon mit zwei Teenagern angelegt hatte, verspürte ich keine Lust mehr auf weitere Kämpfe. Zumal ich nicht wusste, wie viel Bier die jungen Männer bereits intus hatten.

Der Rest der Heimfahrt verlief ereignislos. Bis auf die Episode am Bahnhof Olten, wo Luise aus lauter Langeweile um die Sitzbank zu rennen begann und ihre jüngeren Brüder dazu verleitete, es ihr nachzutun und den Geleisen gefährlich nahe zu kommen. Ach ja, und dann verschwand auch noch der Zoowärter in der Dunkelheit und wir hätten beinahe den Delfin verloren, den der Zoowärter inzwischen sehr lieb gewonnen hatte. Aber sonst war da wirklich nichts mehr.

Ist doch wirklich  ein Klacks, so ein Sonntagnachmittags-Ausflug.

Weichgeklopft

Wer mich kennt, weiss, wie sehr ich Besuche beim Coiffeur liebe. So sehr nämlich, dass seit meinem letzten Haarschnitt bald ein Jahr verstrichen ist. Und das sieht man irgendwann. Wenn an den Haarwurzeln braun, dunkelblond und grau wirr durcheinander spriessen, der untere Teil aber noch immer so etwas wie blond ist und alle Haare zusammen so lang sind, dass des Prinzchens Speisereste drin kleben bleiben, dann sehe ich irgendwann aus wie eine langhaarige Vogelscheuche. Eine alternde, langhaarige Vogelscheuche. Und dann findet „Meiner“, es müsse etwas geschehen. Aber ich weiss zu verhindern, dass etwas geschieht: Ich gebe alles Geld, das man für Coiffeurbesuche gebrauchen könnte, so schnell als möglich aus. Weg damit, bevor „Meiner“ auf die Idee kommt, er könnte für mich einen Termin bei Jolanda, Monika oder Manuela vereinbaren. So kann ich dann jedesmal, wenn er auf das leidige Thema zu sprechen kommt, darauf hinweisen, dass wir einfach kein Geld haben für derlei unnützen Kram. Alles schon ausgegeben für eine dringend nötige Schwarzteelieferung, einen Stapel Bücher, Kursmaterial, etc.

So langsam hat „Meiner“ aber genug. Woran ich das merke? Nun, er schöpfte den Kindern, den Gästen und sich selber den Teller voller Essen und liess mich leer ausgehen. Und das nicht nur einmal, nein, sogar zweimal. Oder er „vergass“ mir ein Glas hinzustellen. Subtile Nadelstiche, um mir zu zeigen, dass er mich einfach ignorieren würde, wenn ich weiterhin wie eine langhaarige Vogelscheuche daherkäme. Und da ich keine Lust habe, zu verhungern oder zu verdursten, habe ich ihm schliesslich erlaubt, meine Haare zu schneiden. Da es wie erwähnt in unserem monatlichen Budget gerade keinen Spielraum für einen Besuch bei Jolanda, Monika oder Manuela gibt. Und so hat eben „Meiner“ Hand angelegt. Jetzt sehe ich nicht mehr aus wie eine langhaarige Vogelscheuche, sondern wie eine schulterlanghaarige. Mal sehen, ob ich jetzt wieder etwas zu Essen bekomme, oder ob „Meiner“ auch noch drauf besteht, dass ich mir die verbliebenen Haare töne, bevor er mich wieder füttert.